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Von Ceylon zum Himalaja

Erwin Drinneberg: Von Ceylon zum Himalaja - Kapitel 20
Quellenangabe
authorErwin Drinneberg
titleVon Ceylon zum Himalaja
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180907
projectid2278022b
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Madura

Sie ist die erste, größte und bedeutendste der südlichen Tempelstädte, die ich besuche. Ihre Tempel sind dem großen Gotte Shiva und der Göttin Parvati geweiht, Heiligtümer, deren Grundrisse und aufgetürmte Gesteinsmassen ungeheure Ausmaße aufzuweisen haben und zu dem Verblüffendsten gehören, was hinduistische Tempelbaukunst der späteren Perioden uns zeigen kann. Mein Besuch in Madura fällt in die Zeit des Monats Chitrai, in dem das Fest der Vermählung des Gottes Shiva mit der Göttin Minakschi mit riesigem und pomphaftem Aufwand gefeiert wird. Die Mauern der Stadt beherbergen Hunderttausende von Gläubigen und fremden Pilgern, die aus allen Gebietsteilen Indiens zu dem mehrere Tage dauernden Fest herbeigekommen sind. Das Gedränge der Menschenmassen in den Straßen und Tempeln der Stadt ist geradezu lebensgefährlich. Nie sah ich solche ungeheure Volkshaufen, die auf einem so kleinen Fleckchen Erde zusammengeströmt sind, um ihren Göttern zu huldigen und an ihren Umzügen in den Straßen der Stadt teilzunehmen.

Über Madura, das von zwanzig mächtigen Tempeltürmen überragt ist, schwebt seit Tagen der rötlich-dunsthafte Nebel einer, von der brodelnden Masse aufgewühlten, staubgeschwängerten Atmosphäre. Wie eine ferne Brandung des sturmgepeitschten Ozeans schwingt der Lärm über dem Häusermeer. Schwärme von aufgestörten Krähen und Falken, die in dem barocken Rankenwerk der Göttertürme nisten, ziehen, von dem lärmhaften Treiben gescheucht, weite Kreise über ihren Nistplätzen. In der Stadt befinden sich die Menschen in einer überschäumenden Feststimmung, die wie eine Psychose die lärmende Masse des Volkes erfaßt hat. Für den Fremden, den Europäer, ist es von unheimlichen Gefühlen begleitet, sich dem ewig wogenden Strudel der von religiösem Taumel erfüllten Menschen zu nähern. Schmale Gassen, deren rötliche Erde mit weißen und bunten Blütenornamenten bestreut ist, öffnen uns den Weg zum Tempel. Die Basarstraßen sind mit dichten Menschenhaufen angefüllt und erscheinen für uns unpassierbar, denn man würde in diesem ewig auf und nieder flutenden Menschenhaufen erdrückt und in dem Meer von Staub und Dunst erstickt werden.

Überall, wohin wir blicken, begegnen wir den äußeren Zeichen des Glaubens und der Religiosität. Auf der rötlichen Erde, an den Stämmen der Bäume, an Häusern, Mauern und Giebeln, auf den Gesichtern der Menschen und den Körpern der Tiere prangt das heilige Merkmal des Shivakultes, der Dreizack. Ja, sogar die Elefanten, die wie schwerfällige Boote langsam durch das Gewühl der Menschen schaukeln, tragen auf ihren breiten Stirnen dieses Zeichen, welches, mit kunstvollen Ornamenten verziert, eine wandelnde, dekorative Malerei darstellt. Von einem Brahmanen geführt, sind wir endlich nach vielen Mühen in die Nähe des großen Minakschitempels gekommen. Eine ungeheure Menge staut sich vor den Toren, die von den Strömen des Volkes durchflutet werden. Es ist unmöglich, dort hineinzugelangen, und wir suchen unter Führung eines herbeigerufenen brahmanistischen Priesters den kleinen, versteckten Eingang an der hinteren Seite des Tempels zu erreichen. Dort wird uns bereitwillig geöffnet, und wir treten unbehindert in das Innere eines der vielen Tempelhöfe. Der Tempel selbst gleicht einer mauerumgürteten, befestigten Stadt, die von Straßenzügen, Kolonnaden, Hallen, kleinen schreinartigen und großen monumentalen Gebäuden in drawidischem Stil erfüllt ist. Man ist in Madura Fremden gegenüber tolerant genug und gestattet auch dem Ungläubigen, im Gegensatz zu manchen anderen Heiligtümern in Indien, sich im Innern frei und unbehindert zu bewegen.

Auch der Tempel steht im Zeichen des weihevollen Ereignisses und ist mit dem Kleid des Festes geschmückt. Auf den Steinfliesen sehen wir kunstvolle Ornamente aus weißem Pulver und farbigen Blumen aufgestreut. Und überall erscheint wieder dieses heilige Zeichen des großen Gottes mit dem Dreizack, dessen Insignien man nicht oft genug abbilden kann. Pilaster, Deckengewölbe, Altäre und Schreine sind mit Girlanden aus duftenden Blüten und grünen Palmblättergewinden verziert. Kunstvoll aufgebaute Triumphbogen aus buntem Flitter, in denen Glasbehänge glitzern, bekrönen die Eingänge zu den Heiligtümern, vor denen das Volk ehrfurchtsvoll auf das Erscheinen der Priester und der von ihnen gezeigten göttlichen Symbole wartet. Wir steigen im Innern einer dieser Gopurams, die sich trotzig wie der Wartturm einer Festung über der Mauer erhebt, empor und befinden uns nun in etwa dreißig Meter Höhe über den Köpfen dieser wogenden Menschenmassen, die auf den Straßen unermüdlich von und zu den Tempeln wallen.

Jetzt ist man in nächster Nähe dieser Götter- und Dämonenheere, die in chaotischem Wirrwarr, wie das Rankenwerk eines wilden, ungezügelten Laubwerkes, bis zu den höchsten Spitzen dieser Gopurams emporsteigen. Es sind lebensgroße fratzenhafte Ton- und Steinfiguren mit den verblaßten Spuren jahrhundertealter Bemalung, Menschen, Götter und Tiere in grotesken Verrenkungen und phantastischen Darstellungen, die hier in buntem, regellosem Neben- und Übereinander die Etagen der Türme bevölkern. In diesem überwältigenden Figurenreichtum äußert sich die hemmungsloseste Phantasie, die den Geist dieses Volkes bewegt und sein ganzes Leben mit den Gedanken mystischer Vorstellungen begleitet. Kaum vermag es das Auge und der Geist, diesen wimmelnden Darstellungen zu folgen. Es ist, als ob an diesen Türmen die überschwengliche Gedankenwelt eines krankhaft gesteigerten Ideenreichtums die größten Triumphe feierte, um damit die höchsten Grade ihres phantasievollen bildnerischen Triebes auszudrücken. Götter und Göttinnen, sagenhafte Tier- und Menschenfiguren, phantastische Gebilde mannigfaltigster Art, die aus dem unerschöpflichen Schoße des indischen Mythos geboren wurden, treten uns hier mit wildbewegtem, verzerrtem Mienen- und Gebärdenspiel gegenüber.

Völker und ihre Generationen müssen sich mit der Vollendung dieser unzähligen plastischen Bildwerke befaßt haben. Und auch hier an diesen mühevollen Werken erkennen wir wieder diese tiefe Religiosität und den unzerstörbaren Glauben, von dem die schaffenden Menschen dieser Geschlechter durchdrungen waren; denn wie wäre es sonst möglich gewesen, eine solche unerhörte Fülle von Kunstwerken hervorzubringen! Fast vergessen wir über dem gewaltigen Eindruck, den diese starre und doch so belebte Welt der Götter in uns erweckt, das unheimliche Treiben dieser lebendigen Massen, die tief unter uns wie ein aufgestörter Ameisenstaat hin und her fluten. In weitem Umkreis übersehen wir die Stadt, die an ihren Peripherien in einem Dunstwall von Staub und flimmernder Hitze versinkt. Die Zahl von Maduras eingeborenen Gästen, die sich mit Frauen, Kindern und oft einem gesamten Hausrat für mehrere Tage in der Stadt niedergelassen haben, wird während des Festes auf über 300 000 geschätzt. Für viele ist in den Mauern der Stadt kein Raum geblieben. Sie nächtigen draußen in den Hainen der Palmen- und Banianenbäume, aus deren Wipfeln blaue Rauchfahnen in den wolkenlosen, märchenhaft gefärbten Himmel aufsteigen. Wenn erst morgen die Prozession mit den Götter- und Tempelwagen die Straßen der Stadt durchzieht, wird sich die Dichtigkeit dieser beängstigenden Übervölkerung innerhalb der Stadtmauern verzehnfachen. Denn gilt es, den Göttern bei solchen Anlässen zu opfern, so fürchtet man, daß das Fernbleiben des Gläubigen ihren Groll erweckt und den Säumigen mit Unheil und Krankheit schlägt. Zudem liebt der Hindu die prunkenden Feste, die inner- und außerhalb der Heiligtümer einen oft mehr weltlichen als religiösen Charakter haben.

Auch die Hallen und Vorhöfe des Tempels sind mit Tausenden von Menschen belebt, und nur die innerste Umwallung, in der sich die Priester befinden, ist dem begeisterten Volk verschlossen. Wir steigen zur untersten Plattform der Gopuram herab. Zwischen den tausendfältigen Gliedern der Götterfiguren, auf ihren Menschen- und Tierköpfen, hinter Mauer- und Figurenreihen, nistet eine vertraute Welt von Tieren. Unzählige Vögel, Krähen, Turmfalken, Eichhörnchen und große Fledermäuse, deren Exkremente die Plastiken mit einem jahrhundertealten Bewurf bedecken, haben ihre Heimat auf den Galerien dieser Göttertürme. Wenn man an dieser fast senkrechten Wand der übereinandergetürmten Figurenheere emporblickt, fangen die Sinne an, sich zu verwirren, und das chaotische Bild verschwimmt vor den ermüdeten Augen zu einer flimmernden phantomhaften Erscheinung. Die Glieder und Fratzen dieser starren Götterwelt werden lebendig, der Turm scheint sich zu neigen und mit seinen wuchtigen Steinmassen auf uns herabzustürzen. Ich schließe die Augen, um dem boshaften Spuk einer verwirrenden und beängstigenden Phantasie zu entgehen. Wir steigen vom Turme herab und treten nun in eine Art Vorhof, in dem einige brahmanistische Priester damit beschäftigt sind, die Sänften und Tempelgeräte, welche man in der Prozession mitführt, zu schmücken. Mit flitterhaftem Tand, Glas- und Perlengehängen, Blütengewinden und golddurchwirkten Stoffen sucht man die alten, verblichenen Requisiten zu verbrämen. Es sind riesige Schirme, Tierpalankine, groteske Fabeltiere mit weitgeöffneten Rachen und hocherhobenen Tatzen auf Rädergestellen, Papierattrappen, die göttliche Symbole und karikierte Dämonen darstellen. Sie alle stehen zwischen einem Berg von duftenden Blütenranken und grünem Blättergewirr, mit welchem man die Wagen zu ihrer Fahrt schmücken wird. Die Männer mit den schauerlichen Bemalungen ihrer Sekten und Kasten auf Stirne und Brust sind mit heiligem Eifer in ihre Arbeit vertieft, so daß sie unser Kommen und Gehen fast nicht bemerken.

Ein dunkler Gang führt hinüber in die anderen Heiligtümer. Aus ihrem Innern hören wir dumpfe Gongschläge und das monotone Singen meditierender Priester. Gewaltige Steinplastiken, die sagenhafte Ungeheuer in aufgerichteter, sprunghafter Stellung verkörpern, säumen die dämmrige Galerie, die wir durchschreiten. Friese verwitterter Fresken in matter, linearer Bemalung, endlose Reihen miniaturenhaft-grotesker Götter und Menschen darstellend, bedecken wie farbig gewebte Wandbehänge die Mauern dieser klosterartigen Gänge. Unter schweren Steinbaldachinen thronen Götter und Göttinnen. Shiva in seiner Inkarnation als Weltenmutter und Nataradjha, der Herr der Tänzer, Götterfrauen und Muttergöttinnen. Im Vordergrund hockt aufdringlich der dickbäuchige, segenspendende Ganescha. Dann begegnen wir dem Gotte Wischnu in seiner zwiespältigen Verkörperung als Krischna, der Göttin Durga, einen fürchterlichen Dämon der Urwelt tötend, der Göttin der Liebe Lakschmi und Minakschi, der Braut, die der große Gott Shiva morgen als Gattin heimführen wird. Nirgends findet das ewig irrende Auge in diesem sinnbetörenden Figurenreichtum einen Ruhepunkt, denn alles, was aus der leblosen Materie des Steins geschaffen wurde, ist unter den Händen dieser phantasievollen Künstler zum formvollendeten Ausdruck ihrer Religiosität geworden.

Durch eine schwere Pforte treten wir hinaus in den vom blendenden Sonnenlicht umfluteten Vorhof des gläubigen Volkes. Hier ist es, als ob uns eine Sturmflut wildwogender Wasser umgibt. Von Tausenden und aber Tausenden buntbekleideten und nackten Menschen werden wir vorwärts geschoben. Tosender Lärm brandet an den hohen Mauern, und eine stickige Atmosphäre menschlicher Ausdünstungen, atemraubende Gerüche von geschmolzenem Fett, Öl und scharf duftenden Essenzen, Gewürzen und Räucherwaren erfüllen die schwer auf uns lastende Schwüle des Tages. Die weiten Höfe und Hallen des Tempels gleichen heute einem Jahrmarkt, in dem die Volksmenge ihre Belustigungen sucht. Nichts erinnert an fromme Feierlichkeit und gläubige Strenge. Alles ist im Taumel weltlichen Getriebes und festlicher Lust aufgelöst. Scharen von fliegenden Händlern, die Räucherwerk, glitzerndes Flitterzeug, Schminke zum Färben heiliger Zeichen, Blumen und kleine Götterfiguren feilbieten, sitzen auf den Estraden zwischen hohen bildgeschmückten Säulen, welche die ungeheuren Lasten der flachen Steinbedachungen tragen. Sie schreien, gestikulieren und führen anzügliche Redensarten mit den Frauen, die heute im festlichen Schmuck farbiger und golddurchwirkter Sarongs, die blauschwarzen Haarknoten mit Blüten und funkelndem Schmuck geziert, prangen. Jammervolle Bettlergestalten, aschenbeschmierte Heilige mit asketischen, verzerrten Gesichtszügen hocken an den Mauern und Wänden der Hallen. Kaum schenkt man ihnen Beachtung, denn es gibt ihrer Tausende, Erbarmungswürdige, doch auch manche Nichtstuer, denen das Mitleiderregen zum Handwerk geworden ist.

Ich versuche einen erhöhten Punkt, eine vorspringende Estrade, die wie eine Kanzel in das Gewühl hinausragt, zu erklimmen, wo ich meine photographische Kamera aufbauen kann. Tausende von Augenpaaren, die von fanatischer Glut erfüllt sind, blicken zu mir herüber. Manche winken drohend mit den nackten, emporgereckten Armen zu mir herauf. Wir drängen uns durch das Gewühl hinüber zum Teich der goldenen Lotos, in dessen Hintergrund sich fünf gewaltige düstere Gopurams erheben. Wie silhouettenhafte Kulissen ragen sie in den leuchtend blauen Himmel. In dem Wasser des heiligen Teiches erscheint das Spiegelbild dieses bewegten Schauspiels in flimmernden und farbig leuchtenden Umrissen. Es ist, als ob unter den Reflexen des Sees noch viele dieser Tempelkleinodien verborgen wären und mit ihrem schimmernden Glänze zur Oberfläche des Teiches heraufleuchteten. Alles drängt zu den Treppen, die in das Becken hinabführen, teils um sich im Wasser zu säubern und zu erfrischen, rituelle Waschungen vorzunehmen oder die bestaubten Tücher zu reinigen. Am Rande des Wassers stehen Männer und Frauen mit triefenden Haaren und Kleidern, bis zu den Hüften im Teich badend, Gebete murmelnd, plaudernd und lachend und im grünlich-schlammigen Wasser planschend. Hier ist alles zum Schema und zur Gewohnheit geworden. Es gibt nichts Außergewöhnliches oder Absonderliches, was den abgestumpften Sinn der berauschten Menge im besonderen Maße interessieren oder ablenken könnte, und woran er mit dem Herzen und seiner Seele einen regen Anteil nimmt. Auch die Götter und Heiligenfiguren, die Pracht der Tempelkunstwerke, die Reize des bunten und malerischen Treibens ziehen, ohne irgendwelche besonderen Regungen in diesen Menschen zu erwecken, unbeachtet an diesem schwärmenden Volkshaufen vorüber.

Der Tempelkomplex von Madura ist von gewaltigen Abmessungen. Seine Mauern bilden ein fast quadratisches Rechteck von etwa 300 m Seitenlänge. Schon viele Wochen vor dem Feste war ich zum ersten Male dort und sah alle die Herrlichkeiten, welche die Heiligtümer bergen, das Innere seiner geheimnisvollen Götterschreine, die dumpfen Kammern und Gänge, in denen die Schätze und die kunstvollen, kostbaren Kleinodien seiner Götzen aufbewahrt sind. Zu jener Zeit konnte ich die Reize der tausendfältigen, menschlichen und göttlichen Wunder, welche der Tempel in sich schließt, mit Muße betrachten. Heute kam ich, wie so viele Hunderttausende von Gläubigen und Schaulustigen, des Festes wegen, das Madura, die von Shiva patronisierte Stadt, seinem Schutzgott zu Ehren veranstalten will.

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