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Von Ceylon zum Himalaja

Erwin Drinneberg: Von Ceylon zum Himalaja - Kapitel 19
Quellenangabe
authorErwin Drinneberg
titleVon Ceylon zum Himalaja
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180907
projectid2278022b
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Hinduistische Tempel und religiöse Feste

In nichts vermögen wir die Schwingungen im geistigen und seelischen Leben eines Volkes mehr zu beurteilen als in den bildnerischen Werken der künstlerischen Ausdrucksformen, wie sie uns in der Architektur, Plastik und Malerei verschiedener Länder und ihrer geschichtlichen Zeitperioden gegenübertreten. Es sind unerschütterliche Merkmale der Kultur, deren körperhafte Erscheinungen uns einen tiefen Einblick in das Leben eines Volkes und seine geistige Bedeutung gewähren.

Das ganze Leben des Inders ist von seiner Religion erfüllt. Sie ist es, die dem Volke die in seiner Seele erweckte Kraft zu gewaltigen Schöpfungen verliehen hat. Wir sehen diese äußeren Zeichen einer tiefen Gläubigkeit besonders in Vorder- und Hinterindien in ungeheurer Anzahl und größtem Umfang. Kein anderes Land der Erde bietet eine solche Fülle von formvollendeten Kunstschöpfungen, die aus dem religiösen Gefühlsleben des Volkes geboren wurden, wie Indien. Überall, wohin wir dort unseren Fuß setzen und wohin das Auge blickt, begegnen wir den Äußerungen dieser von hohem gläubigen Empfinden erschaffenen Werke, mit denen das Volk Indiens seinen Göttern und sich selbst die großen und unvergänglichen Denkmäler einer bedeutsamen Kultur errichtet hat.

Unter den brahmanistisch-hinduistischen Kunstwerken nehmen die Tempel des südlichen Indiens einen besonderen Platz in der Geschichte der indischen Kultur ein. Sie zeichnen sich durch die Monumentalität ihres Aufbaues und eines überreichen Formenreichtums an figürlichem und ornamentalem Schmuck vor allen übrigen Tempelbauwerken Indiens aus. Dadurch erwecken sie mit ihrer merkwürdig bizarren und phantastischen Eigenart der Gestaltung die besondere Bewunderung des fremden Beschauers. Der Plastik- und Skulpturenschmuck ihrer Türme (Gopurams) ist in horizontaler Gliederung übereinandergetürmt. Die einzelnen Etagen dieser Gopurams enthalten meist ein wirres Rankenwerk von figuraler Plastik, Menschen- und Tiergestalten, Götter, Dämonen und andere phantastische Wesen, die aus dem reichen und unerschöpflichen Mythos entnommen sind. Die südindischen Tempel haben eine eigene Grundrißanlage, die in sich jedoch wieder verschieden sein kann.

Im allgemeinen ist der Tempel von einer hohen Mauer umschlossen, deren Pforten durch die mächtigen Gopurams gekrönt sind. Im Innern liegen die Höfe, Hallen und Mandapams, die klosterartigen Gänge, Heiligtümer in Gestalt von Schreinen, Denkmälern, Götterfiguren und anderen symbolischen Wahrzeichen des Glaubens. Gewöhnlich befindet sich innerhalb der Mauern auch der Tempelteich, der zu rituellen Waschungen dient und einen wichtigen Bestandteil der Tempelanlagen darstellt. Tempel und Heiligtümer sind oft verschiedenen Gottheiten geweiht, unter denen besonders der Gott Shiva eine bedeutende Rolle spielt. Er ist der ewig hervorbringende und zugleich alles zerstörende Gott, der uns überall in den mannigfaltigsten Inkarnationen gegenübertritt. Wir finden Shiva in den Tempeln als zweigeschlechtiges Wesen Ardhanarisha, das Symbol der Zeugung darstellend, in enger Verbundenheit mit seiner Gattin Durga, als Beiravah, den Vernichter und Zerstörer, Mahakala, den Tod, und Shankara, den Heilenden. Als vierarmige Gestalt sehen wir Shiva in wilder, dämonischer Verzückung, den Tanz des Weltenuntergangs, Tandava tanzend, in seinen vielfachen Händen die Attribute der Vernichtung und Erhaltung schwingend. Auch in dem Symbol des Phallus, welches die Darstellung des göttlichen Zeugungsgliedes versinnbildlicht, einer hohen, oft aus unbehauenem Stein bestehenden Säule, wird der Gott Shiva verehrt. Diesen Lingam findet man häufig im Zusammenhang mit der Yoni, welche als Sinnbild der Fruchtbarkeit die geschlechtliche Verbindung zwischen dem Gott Shiva und seiner göttlichen Gemahlin darstellt. Auch an den übrigen Bildwerken, die wir in der Malerei und Plastik der südindischen Tempel finden, treten die Merkmale, welche die Fruchtbarkeit symbolisieren, in oft recht obszönen Darstellungen hervor. (Siehe Bild der Details des Tempelturmes von Cokanada.)

Außer den drei Hauptgottheiten Brahma, Shiva und Wischnu werden in dem weiten Bereiche der hinduistischen Religion noch eine große Anzahl anderer Götter, Göttinnen, Geister und Dämonen verehrt, die entweder mit dem Geschlechte dieser Gottheiten zusammenhängen, aus ihnen hervorgingen, oder aber in der Phantasie des Volkes entstanden sind. Von ihnen sehen wir in den Tempeln und Kultstätten am häufigsten die Bilder der Göttergemahlinnen Durga oder Parvati, Lakschmi und Minakschi, die Göttin mit den Fischaugen, während unter der männlichen Götterwelt des Brahmanismus besonders Krischna, Wischnu, der dickbauchige Elefantengott Ganescha und der Gott des Krieges Karthikaya hervortreten. Eine besonders charakteristische Symbolisierung Shivas ist der göttliche Stier Nandin, das Reittier Shivas, dessen riesenhafte Plastik den Hof des großen Tempels in Tanjore schmückt.

Vielfach sind es auch andere tierhafte Verkörperungen von Gottheiten: Pfauen, Elefanten, Krokodile, Schildkröten, Schlangen, Eber, Rosse und viele andere Tiere, welche in legendenhaftem Zusammenhang das Wesen der Götter verkörpern sollen, und infolgedessen auch im Leben des Volkes Verehrung und Anbetung genießen. Alle diese Bilder von Göttern, Geistern, Dämonen und anderen Inkarnationen beleben in einer seltsam-grotesken Darstellungsform den Tempel des Hindu in Indien. In den Tempeln offenbart sich uns am ehesten die aus jener ins Phantastische gesteigerten Geisteswelt erschaffene Seele eines Volkes, dessen menschliche Erfüllung in der Erschaffung dieser Denkmäler seines Glaubens gipfelt.

Jahrtausendealt sind diese Orte religiösen Götterkults. Allmählich haben sie sich in ihrer Gestaltung aus den einfachsten und primitivsten Formen entwickelt. Doch stets sind diese Bauwerke mit ihrem Reichtum an bildnerischem Schmuck von dem hohen geistigen und künstlerischen Können ihrer Schöpfer beseelt, und soweit man die Kultur Indiens verfolgen kann, sehen wir schon in der vorbuddhistischen Zeit, etwa 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung, die hervorragenden Schöpfungen altindischer Tempelbaukunst. Die Wandlungen, welche sie im Laufe der Jahrtausende aufzuweisen hat, ist ein Spiegelbild der unruhevollen, geistigen Strömungen, die durch die Religionskämpfe im Altertum und Mittelalter Indiens hervorgerufen wurden. Bald spricht der Einfluß dieser, bald jener auferstandenen Glaubensrichtungen aus diesen steinernen Merkmalen einer wildbewegten Zeit, in der die Völker des indischen Kontinents von den Fluten geschichtlicher und religiöser Bewegung erschüttert worden sind.

Das Reich Buddhas, das in Ceylon, Nord- und Hinterindien schon einige Jahrhunderte vor Christi Geburt zu mächtiger Entfaltung gekommen ist, hinterläßt besonders in den östlichen Ländern Indiens einen großen Reichtum an Kunstwerken der mannigfaltigsten Art. Während es in Süd- und Nordindien durch die wiedererstarkende Kraft des Brahmanismus fast völlig der Vernichtung anheimfiel, leisteten Hinterindien und Ceylon dem Vordringen brahmanistischen Despotentums erfolgreichen Widerstand. So trifft man in Vorderindien die charakteristischen Merkmale des Buddhismus, die stupenartigen Bauten nur in spärlicher Zahl, und auch von den älteren Formen der Guptadynastie sind nur noch Trümmer vorzufinden, während die Kultorte Buddhas in Birma, Siam und den malaiischen Staaten Indiens in erstaunlich großem Umfange vorhanden sind. Doch auch die brahmanistisch-hinduistische Kunst in Vorderindien unterlag von jeher dem Wechsel starker religiöser und geschichtlicher Evolutionen.

Wir beobachten die Verschmelzungen geistiger Einflüsse, buddhistischer und brahmanistischer Stile, besonders in den frühesten Zeiten indischer Kultur. Die Höhlentempel im Süden, in Mittel- und Nordindien geben einen interessanten Beweis dieser Wandlungen und Übergänge, die das gesamte geistige Leben des indischen Volkes getroffen hat. In den Höhlentempeln von Mamallapuram, Elefanta, Ellora, Adjanta und Karla findet man die Varianten der älteren buddhistischen und brahmanistischen Stilperioden. In den antiken Tempeln des Nordens in Orissa, Puri und Bhubaneswar verkörpert sich das Suchen nach neuen Formen und architektonischen Gliederungen unter Anlehnung an die Gestaltung der buddhistischen Stupen. Der Turm des Tempels ist zum Unterschied zu den späteren hinduistischen Bauwerken voll wuchtiger Massigkeit, die durch die vertikale Profilierung gemildert wird. Ohne jeden figürlich plastischen Schmuck erheben sich die Gopurams unmittelbar über dem Heiligtum wie gewaltige Steinsäulen mit aufstrebenden, senkrechten Wülsten oder Profilen. Die Turmendigungen bestehen aus plattenförmigen, horizontal-profilierten Bekrönungen, so daß die Gopuram einer riesigen Deckelvase gleicht. Ähnliche Eindrücke rufen die massiven Formen der Tempel in Bellure und Hallebid in Südindien hervor. Sie sind zwar niedrig und besitzen keine Turmaufbauten. Ihr ungemein reicher, reliefhafter und plastischer Schmuck, der in seiner Art für die vollendetste Steinbildhauerei des Südens gilt, verwandelt jedoch die breithingelagerte Wucht dieser lebhaft verzierten Aufbauten in wohlgefällige Formen. Auch sehen wir in der horizontalen und figurenreichen Aufteilung bereits die ersten Anfänge der späteren hinduistischen Baustile, die wir in den Heiligtümern des Südens in Madura, Tanjore, Trichinopoli, Srirangam und anderen Kultorten des südlichen Indiens in unendlicher Reichhaltigkeit vorfinden. Die unmittelbaren Eindrücke, die ich während meines Besuches in diesen Städten altindischer Götterverehrung empfing, will ich in den nachfolgenden Abschnitten wiederzugeben versuchen.

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