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Von Ceylon zum Himalaja

Erwin Drinneberg: Von Ceylon zum Himalaja - Kapitel 18
Quellenangabe
authorErwin Drinneberg
titleVon Ceylon zum Himalaja
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180907
projectid2278022b
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Der Süden Indiens

Wenn man, von dem Süden Indiens kommend, in das nördliche Reich gelangt, so ist der Wechsel der Szenen und Betrachtungen ein so wesentlicher, daß man sich in eine fremde Welt versetzt fühlt. Während sich die klimatischen Verhältnisse trotz der veränderten geographischen Lage in vieler Beziehung sehr ähnlich sind, so ist doch das Bild der äußeren Erscheinungen im Süden und Norden in sich so sehr verschieden, daß man unwillkürlich an die starken geistigen Unterschiede erinnert wird, welche infolge der anthropologischen Veränderungen zwischen Nord und Süd im Laufe der Zeit eingetreten sind. Nicht nur, daß sich diese Unterschiede auf die äußeren Merkmale dieser Länder beziehen, vielmehr ist es die im Grunde veränderte geistige Einstellung seiner Menschen, welche den nördlichen und südlichen Gebietsteilen Indiens ihr besonderes Gepräge verleiht. So wie die geistige Verfassung der gesamten indischen Rassen unüberbrückbare Gegensätze in sich birgt, so sind es die beiden Länder des Nordens und Südens, die sich in rein geistigen und körperhaften Kontrasten stark voneinander trennen und im Beschauer den Eindruck der Fremdheit hervorbringen. Doch auch die Natur, in welcher sich der Gegensatz zum Norden nach unseren Begriffen in der »Südlichkeit«, der Sonnenwärme, der Veränderung des Blutes und einer erhöhten Triebkraft des gesamten Lebens äußert, ist von dem gesteigerten Willen und der Kraft dieser elementaren Erscheinungen erfüllt.

Während uns der Norden mit dem Geiste und Wesen einer kühlen Strenge entgegentritt, umfaßt uns der Süden mit der ganzen Kraft und der wechselvollen Lebendigkeit seines urwüchsigen Lebens, das uns überall, wo wir hinblicken, in der Überfülle eines natürlichen und geistigen Wachstums begegnet. Heiß und leidenschaftlich ist das Leben der Natur und ihrer Menschen im Süden Indiens. Ewig triebhaft ist die Gewalt der wärmeatmenden rötlichen Erde, die überall, wo sie die Feuchtigkeit des Wassers trifft, ein hemmungsloses Wachstum und eine üppige Fruchtbarkeit hervorbringt, und leidenschaftlich ist das Wesen dieser südlichen Völker, deren Instinkt und Intellekt von der bewegten Wildheit ihres Blutes zeugt. Deutliche Beweise hierfür sind uns die von temperamentvoller Kraft erzeugten Denkmäler der Geisteskultur im Süden. Hier zeigt sich glühende Phantasie und das mit Eifer gepaarte Empfindungsleben der Volksseele, welche sich den Zielen ihrer religiösen Ideale durch die Entfaltung sinnverwirrender, geistiger und körperhafter Ausdrucksform zu nähern glaubt. Wie gleichen doch diese, in dem Überschwang ekstatischer Gefühle geschaffenen Tempelbauten, mit ihren geradezu krankhaft-phantastisch gesteigerten Formen des Ausdrucks, der Seele dieser Menschen, die, von einem naturgegebenen Triebe geleitet, ihr ganzes Leben vom Drange ihres leidenschaftlichen, religiösen Empfindens leiten lassen. Licht und Schatten, Hell und Dunkel bewegen das Leben des südlichen Menschen. Farbig und bunt ist seine Welt, und in schreienden Kontrasten äußert sich der Wille dieses Daseins, welches von Glut und Wärme erfüllt ist. Was könnte unserem Auge mehr die Eigenschaften dieses Landes und seiner Menschen verraten, als die Äußerungen ihres tiefsten Gefühlslebens, das in den Denkmälern, die sie ihren Göttern errichteten, zum formvollendeten Ausdruck gebracht wird. Diese gewaltigen, aufstrebenden Gopurams der Tempel mit ihrem Wirrsal von phantastischen Formen und Linien. Diese von wildbewegtem Vorstellungsvermögen erschaffenen, bildhaften Zeichen, welche die nimmerruhenden, schöpfenden Hände der Menschen in die körperhafte Symbolik ihrer Seele verwandelt haben. Auch in jener geheimnisvollen Mystik der von gespenstischem Zauber erfüllten Heiligtümer und in der Welt der Übersinnlichkeit, welche aus der religiösen Empfindung und dem Leben dieses Volkes spricht, erblicken wir die Zeichen eines außerordentlich gesteigerten Temperaments, dessen Spontanität menschlichen Kalkül zugunsten eines reichen, hemmungslosen Empfindungslebens in den Hintergrund treten läßt.

Wer im Süden das Leben des Hindu beobachtet, ist sich über das von den starken Impulsen elementarsten Trieblebens getragene Dasein nicht im Zweifel. Überall, wo man im Lande dem pulsierenden Leben dieses Volkes begegnet, zeigt sich dasselbe Bild bewegter und leidenschaftlicher Schwingungen. Lebhafte Buntheit herrscht in den Straßen der Städte und in den kleinen Dörfern, welche diese Menschen beherbergen. Die bewegliche Geste des Südinders, die Lautheit seines Wesens, das geräuschvolle und beharrliche Treiben der weltlichen und religiösen Umtriebe ist es auch besonders, was uns die Hemmungslosigkeit seiner Seelenregung zeigt. Oft sah ich während religiöser Feste und Prozessionen, bei welchen sich die Massen durch die staubigen Straßen der südindischen Tempelstädte wälzen, diese zu flammendem Feuer entzündete Leidenschaft in unglaublich gesteigertem Maße. Hier war es die oft bis zum Wahnsinn getriebene Begeisterung, welche die brodelnden Haufen des Volkes der vom Winde genährten Lohe eines ungeheuren Flammenmeeres ähnlich machte. Und wehe, wenn einst die Dämme, die diesen schwelenden Feuerbrand einschließen, zerbrechen und die glühende Woge über das Land eilt, um die heimlichen Funken zur verzehrenden Glut einer ungeheuern, entfesselten Gewalt zu entfachen!

Während der Tempelfeste im Süden Indiens befand ich mich oft inmitten der Massen dieser hin und her wogenden Menschenfluten eingeschlossen. Ringsumher begegnete ich den bis zur Unkenntlichkeit bemalten und von fanatischer Begeisterung entstellten Gesichtern religiöser Eiferer. Tausende von dem Feuer religiösen Taumels entfachte Glutaugenpaare schienen mich zu verzehren, und oft empfand ich, daß man mir mit Flüchen und Verwünschungen drohte. Doch, wie seltsam, inmitten dieser Menschenwalzen, dort, wo man den Ungläubigen hätte zu Atomen zerstampfen können, fühlte ich mich in sicherer Geborgenheit, und nie begegnete mir während eines Aufenthaltes an diesen Orten des religiösen Eifers, wo ich als einziger Europäer in die von Leidenschaft gepeitschten Massen geriet, ein Unheil. Ungestört ließ man mich passieren, ja man war mir oft sogar beim Aufrichten meiner photographischen Kamera behilflich und trug Sorge, daß ich in dem Tumult der Menschenwogen keinen Schaden erleiden sollte. Unglücklichem Zufall war es wohl zuzuschreiben, daß ich einst am Rande eines Tempelteiches in Kumbakonam während eines religiösen Festes von der Flutwelle vorbeirasender, fanatischer Menschenhaufen erfaßt, die neun Meter hohe Mauer ins Wasser des Tempelteiches hinabzustürzen drohte, wäre ich nicht von einigen in meiner Nähe befindlichen Brahmanen, die mir mit den herkulischen Kräften ihres Körpers freie Bahn schufen, in Sicherheit gebracht worden.

Wie ganz anders ist doch der Geist des nördlichen Indiens, wo die fremde Welt des Moslems mit den wundervollen Formen ihrer klassizistisch anmutenden Kunst die Verkörperung erhabenster Ruhe und durchgeistigter Größe bedeutet. Nirgends tritt dieser Wesensunterschied zwischen Nord und Süd stärker in Erscheinung, als wenn man den Zauber, der von den steinernen Wundern Indiens ausgeht, in stiller Betrachtung auf sich einwirken und die Welt der Vergangenheit dieses kulturell so hochbedeutenden Landes in Stunden beschaulicher Ruhe an seinem geistigen Auge vorüberziehen läßt.

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