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Von Ceylon zum Himalaja

Erwin Drinneberg: Von Ceylon zum Himalaja - Kapitel 17
Quellenangabe
authorErwin Drinneberg
titleVon Ceylon zum Himalaja
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180907
projectid2278022b
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Die Todas

Viele Gebiete in Indien haben der Eroberung durch die abendländische Kultur zähen Widerstand entgegengesetzt, denn sie waren von der Natur durch die fast uneinnehmbaren Wälle eines wilden Urgestrüpps und die weiten Gebiete unwegsamen Landes geschützt. Oft dauerte es Jahrzehnte, bis diese Hindernisse überwunden waren und den Waffen menschlicher Kraft und menschlichen Geistes erlegen sind. Langsam, und mit dem Aufwand an großen Mühen und Opfern, unter Überwindung von Schwierigkeiten und Gefahren, wurden große Teile des Urwaldes bezwungen und damit der Weg in die dunklen Gebiete Indiens geöffnet. Zu diesen Urgebieten, die von den Geschehnissen der Welt seit Jahrtausenden unberührt geblieben sind, gehören auch die »Blauen Berge« im südlichen Indien. Von der Ebene aus sieht man die Häupter dieses Berglandes über ein weißes Meer von Nebeln emporragen. Wie Phantome schimmern die dunsthaften Massen im bläulichen Hauche des Äthers, und es scheint, als ob sie von der dunklen Basis der Erde losgelöst, zu der strahlenden Helle des Firmamentes emporschwebten. Am Fuße dieser Bergwelt breitet sich der Wall der dumpfen, fieberatmenden Dschungeln aus, in deren dämmerhaftem Dickicht der Tiger seiner Beute auflauert und die ziehenden Herden wilder Elefanten die Spuren einer chaotischen Verwüstung hinterlassen. Durch diese Wildnis führen heute die Wege moderner Zivilisation hinauf in diese Berge, die aus der Ferne den Anschein traumhafter Gebilde erwecken.

Als im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts die ersten Vorboten einer neuen Zeit auf diese Höhen kamen, fanden sie dort die Urheimat einer eigenartigen und bisher unbekannten Menschenrasse, die man Todas nennt. In jahrtausendelanger Abgeschlossenheit hat dieses Bergvolk der Hirten in unbeschränkter Freiheit seiner eigenen Welt gelebt, bis der Friede ihres uralten Idylls von den rastlosen Eroberern der weißen Rasse gestört wurde, und auch für die Todas jene fühlbare Abhängigkeit begann, welche die Brüder ihres Stammes ins Joch einer neuen Zeit zwang.

Will man die Todas näher kennenlernen, so muß man zu ihnen hinauf auf dieses Hügelland der Berge. Eine mattschimmernde öde Graswüste bedeckt dort ein weites Hochland, in dessen flachen Senkungen die Reste wilder Urwaldvegetation unter dem Einfluß des Höhenklimas fast völlig verkümmert sind. Am Saume dieser sterbenden Wälder und in den geschützten Tälern liegen, weit zerstreut, die kleinen Siedelungen dieser Todas, die »Clans«. Schmale Pfade führen uns in die Einsamkeit dieses Hochlandes. Bald liegen die herrlichen Eukalyptuswaldungen, welche das breite Tal der Bergstation Ootacamund mit würzigem Duft erfüllen, hinter uns, und wir schreiten hinaus in diese hemmungslose Freiheit der »Downs«, deren sanft bewegten Linien das Auge in die unendliche Ferne folgt. Nur einzelne vereinsamte Bäume und niedrige Sträucher wachsen über diesen wallenden Hügeln, die sich unter dem mattgrünen Kleid eines schmiegsamen Rasens wölben. Friedliche Stille liegt über der Ödheit dieser reizvollen Landschaft, und ein warmer leiser Wind flirrt in den spärlichen Halmen, die aus dem trockenen Boden sprießen. Über uns trillert eine aufsteigende Lerche ihr zwitscherndes Lied der Freiheit. Es ist das einzige Leben, dem wir auf der Wanderung über das einsame Hügelland begegnen.

Plötzlich stoßen wir auf eine dieser gefährlichen Todabüffelherden, die, hirtenlos am Ausgang einer Talmulde äsend, einen flachen Hang hinaufziehen. Jetzt müssen wir uns auch in der Nähe eines Clans befinden. In weitem Bogen umkreisen wir diese schwarzen, düsteren Gesellen, deren Geschlecht dem Urwald entstammt, weil wir wissen, daß in den Tieren der Instinkt ihrer Wildheit schlummert, und wir uns auch in diesem Gelände gegen einen Angriff der Herde nicht zu schützen vermögen. Doch, wo die Büffel sind, müssen auch ihre Hirten wohnen. Wir entdecken auch bald den ersten Todaclan, der, verödet in einer Talsohle, hinter kleinen Urwaldsholas verborgen ist. Zuerst stoßen wir auf den morastigen Büffelkral, der mit einer niedrigen Umwallung aus Steinen und Dornhecken umgeben ist. Über schwarzem, stinkendem Schlammboden steigen graue Wolken von Mücken auf und nieder. Nicht weit davon erhebt sich das Todaheiligtum, der Milchtempel oder »Poh«, eine kleine kegelförmige Hütte, in der die von den Büffelkühen gewonnene Milch aufbewahrt und verarbeitet wird. Auf der anderen Seite des Tales liegt die aus fünf Hütten bestehende Siedlung. Es sind spitzbogenförmige, niedrige Bauten aus Zweigen- und Weidengeflecht, an deren Vorderseite sich ein kleines Schlupfloch befindet. Kläffende Hunde stürzen auf uns los, und rasch belebt sich der Rasen, der vor den Hütten liegt, mit einer bunten Gruppe prachtvoll gewachsener, schöner Männer- und Frauengestalten, deren Anblick unsere Freude und Bewunderung erweckt. Aus den Türöffnungen der Hütten schieben sich Knäuel nackter, neugieriger Kinder, die den Reigen dieser malerischen Szene vervollständigen. Doch ich war nicht wenig erstaunt über die Vertrautheit und das friedliche Wesen, das diese urtümlichen Menschen zur Schau tragen. Zwar erwecken die von wilden Bärten und schwarzem wallenden Haupthaar umgebenen Gesichtszüge der Männer den Eindruck ungezügelter, wilder Naturinstinkte. Doch das Auge, das aus diesen wetterharten, herben Zügen blickt, ist väterlich und sanft, und nur der Anblick dieser natürlichen Kraft und Wildheit, welche auch in der Primitivität der Lebensweise zum Ausdruck kommt, gibt den Todas das Gepräge ursprünglicher Rasseneigenart.

Die Frauen sind auffallend hübsch und anmutig. Ein dunkles, leuchtendes Augenpaar blickt uns aus dem von pechschwarzen, lang herabfallenden Locken umrahmten Gesicht entgegen. Die Todas sind drawidische Abkömmlinge. Beide Geschlechter sind von hohem stattlichen Wuchs, haben jedoch merkwürdigerweise fast nichts mit dem ursprünglichen Typus der übrigen Ureinwohnerstämme Indiens gemein. Auch die ebenmäßigen Gesichter mit hoher Stirn und Hakennase, sowie der längliche, an den Typ des Indogermanen erinnernde Schädel unterscheiden sich stark von demjenigen des breiten und gedrungenen Drawiden. Zudem ist die Färbung der Haut, besonders auch bei den Frauen, hell, wie bei den arischen Völkern des nördlichen Reiches. Zweifellos handelt es sich um eine der ältesten Rassen Indiens, die die Berge zu ihrer engeren Heimat erwählt haben und infolge ihrer naturbedingten Abgeschlossenheit wohl zu den reinsten Rassentypen der Drawiden im südlichen Indien zählen. Eine mangelnde Regeneration des Blutes und die als Volkssitte unter den Todas herrschende Polyandrie ist jedoch von verhängnisvoller Wirkung auf die Fortentwicklung des Stammes gewesen, und nur einige Hundert sind es noch, die heute ihre romantische Heimat, die Blauen Berge, bewohnen. Es sind die Letzten ihres Geschlechts, dessen Rest leider unter der zersetzenden Wirkung dieser vernichtenden Erscheinungen langsam aussterben wird. Die Toda-Ehe vollzieht sich im Kreise ihrer engen Rassengemeinschaft, wobei eine Frau mehrere, oft bis zu acht und zehn Männer besitzt.

Das Leben dieses eigentümlichen Urvolkes, welches in Indien zu den merkwürdigsten seiner Art zählt, ist von einer dunklen Mystik erfüllt. Vieles davon wird unserem Wesen ewig fremd bleiben, und nur schwer vermag man dem von urhaften Instinkten und großem Aberglauben und Dämonenfurcht gepeinigten Seelenleben dieser Menschen zu folgen.

Die weit auf diesem Gebirge zerstreuten Stammesmitglieder der Todas sind unter sich durch das feste Band eines durch die natürlichen Verhältnisse ihres Lebens bedingten Gemeinschaftsgeistes eng miteinander verbunden. Jede Siedlung gleicht einer Gemeinde, die jeweils von den Ältesten der Männer verwaltet wird. Der Mittelpunkt ihres Lebens ist die in primitivem Maße betriebene Milchwirtschaft, welche ihrem eigenen Lebensunterhalt dient. Die Aufzucht der Büffelherden gilt ihnen als Mittel zum Zweck, denn sie ernähren sich ausschließlich von Produkten, die aus der Milch erzeugt werden. Fleisch wird von ihnen niemals genossen und gilt als unrein und verabscheuungswürdig. Tiere töten die Todas nur aus abergläubischer Furcht, und um sie als Opfer ihren Verstorbenen darzubringen. Die Seele, die in der Hülle ihres robusten, wilden Körpers lebt, ist friedlich und duldsam. Ihrer animistischen Religion entspringt ein gewisser Fatalismus, der zum Träger eines Menschheitsideals bei ihnen geworden ist. Sie kennen keine Fehde und keinen Krieg, keine Habsucht und Geldgier. Weder unter den Menschen ihres eigenen Stammes noch unter den Tieren der Wildnis, die sie umgibt, erkennen sie bösartige Feinde. So haben sie noch nie den Gebrauch und das verderbliche Wesen einer Waffe kennengelernt. Was diese Kinder der Natur für ihr bescheidenes Dasein brauchen, gibt ihnen ihre fürsorgliche Heimat mit vollen, verschwenderischen Händen. Sie leben in der Freiheit der Berge, deren wundervolles Klima kein Fieber und keine Seuchen erzeugt.

Allmählich hat auch auf ihre Ursprünglichkeit der Geist kolonisierender Kultur eingewirkt. Das kindliche Vertrauen, welches sie besitzen, brachte sie in enge Fühlung mit dem erwachenden Leben einer ihnen fremden Welt, die ihre Einflüsse im Reiche der Todas zur Geltung brachte. Sie begannen den Tauschhandel und lernten die Produkte fremder Menschen, ihre Eigenschaften und Sitten, die Vorteile und Erfolge, doch auch die negativen Seiten der ihnen unbekannten Kultur kennen. Und heute ist es keine Seltenheit, daß man dieses weltabgeschiedene Urvolk der Berge in den Basaren der Bergstationen sieht, wo sie ihre Produkte für Geld, wertlose Waren und betäubende Gifte eintauschen. So äußern sich besonders auch heute bereits bei den Todas die negativen Auswirkungen moderner Kultur, die allmählich das eigenste Wesen dieser urwüchsigsten Völker und Menschen zerstört, ohne ihnen für den Verlust ihrer ethischen Werte irgendwelche andern seelischen Vorteile und Nutzen zu bringen.

Noch fühlen sich die Todas frei und unbeherrscht, denn sie bevölkern wie ehedem die weiten Höhen und Täler dieses Hochlandes, auf denen nur sie allein und ihre halbwilden Büffelherden eine uneingeschränkte Freiheit ihr eigen nennen. Einen tieferen Einblick in das Leben und die Seele dieses Volkes gewinnt man bei der Betrachtung ihres religiösen Kults, der eines der interessantesten Merkmale dieser Rasse bildet. Es zeigt vor allem das Urhafte und Primitive ihres Seelenlebens, das unter dem Einfluß mystischer Glaubensbegriffe so gänzlich mit dem Wesen anderer ähnlicher animistischer Urvölker übereinstimmt. Die einzige Parallele, die man mit dem Glauben der übrigen hinduistischen Welt Indiens ziehen kann, ist der Hang zur Mystik und zum Übersinnlichen. Er prägt sich besonders in der Religion der Todas, welche an Seelenwanderung und an die Dämonie übernatürlicher Kräfte glauben, aus. Zwar besitzen sie eine eigene Götterwelt, welche in den Erscheinungen der Natur und im Kosmos zu suchen ist. Sonne, Mond und Sternenwelt, sowie alle elementaren Kräfte in der Natur leben in einer gewissen geistigen Symbolik im Herzen dieser Menschen. Irgendwelche bildlichen Darstellungen ihrer Idole kennen wir nicht. Doch findet man in ihrem Kult den Begriff der Erlösung nach dem Tode, sowie einer Verdammnis der Seele im Reich »Amnoder«, das von dem Gott der Finsternis beherrscht wird.

Ganz und gar erfüllt ist das religiöse Leben der Todas von dem Aberglauben an eine unsichtbare Welt der Geister und Dämonen, welche auf die Seele des Menschen einen bestimmenden Einfluß auszuüben vermögen. Dieser Aberglaube, den wir besonders bei den primitiven Urvölkern in oft übertrieben phantastischer Form finden, ist wohl in den Einwirkungen des geheimnisvollen Zaubers zu suchen, welche die Ursprünglichkeit der Wildnis in der Phantasie des primitiven Menschen weckt. Vor allem ist es der Wald mit seinen alten, geheimnisvollen Bäumen, seiner bezwingenden Finsternis und den raunenden Stimmen seines Blättermeeres, in welchem sich das Dämonenhafte ihrer Gedankenwelt verkörpert. Es ist jedoch merkwürdig, daß bei den Todas jener bildnerische Drang fehlt, der ihnen den Willen zur Erschaffung von Götterbildern gibt, wie wir sie so häufig auch bei anderen, ähnlichen Urstämmen beobachten können. Denn der religiöse Kult der Todas kennt weder Götzen noch Fetische. Nur in ihren Milchtempeln finden wir gewisse Sinnbilder in Form von Geräten, deren Bedeutung mit den eigenartigen Riten ihres Kults verknüpft sind. Man wäre geneigt anzunehmen, daß dieses Fehlen körperhafter Ausdrucksmittel ein Mangel intellektueller Art bedeutet, da selbst die primitivsten Urvölker für das religiöse Empfinden ihrer Seele wenn auch noch so einfache Formgestaltungen zu erfinden imstande sind. Doch es handelt sich hier um eine bewußte Hinweglassung dieser äußeren Glaubensmerkmale, die nur in rein geistiger Beziehung die Gedankenwelt der Todas erfüllen. Man kann dies besonders in dem als heilig geltenden Vorgang der Zubereitung milchwirtschaftlicher Erzeugnisse beobachten. Hier steht der kreisrunde, kleine Milchtempel, welcher der Aufbewahrung von Kuhmilch und verschiedenen Geräten, wie Melkgefäße, Butterquirl usw., dient, im Vordergrund eines traditionellen Ritus, der deutlich die Heiligkeit einer bestimmten religiösen Handlung zeigt. Diese rituell-wirtschaftliche Tätigkeit im Tempel obliegt dem »Wursol«, der als Priester die Kühe melkt und die Milch in den geweihten Gefäßen zubereitet. Diese sowie alle anderen zubereitenden Handlungen werden stets nur von dem Priester unter Ausübung eines gewissen mystischen Zeremoniells vollzogen. Man findet demnach bei den Todas die lebenswichtige Materie ihres Wirtschaftslebens im Mittelpunkte ihres religiösen Empfindens.

Auch die Leichenfeiern der Todas, die wohl das Merkwürdigste an ihrem eigenartigen Kult sind, stehen im Zeichen dieser zum Mystischen neigenden Geisteseinstellung dieses Volkes. Durch den landschaftlich so herrlichen Hintergrund erhält diese Bestattungsszene, die sich in der Einsamkeit der Berge abspielt, eine besonders feierliche Stimmung. In kurzer Zeit hatte ich Gelegenheit, bei einigen dieser seltenen und eindrucksvollen Feiern zugegen zu sein. Der Anblick dieses Vorganges war, trotz der Eigenart mancher merkwürdig-grotesker Handlungen, überwältigend.

Wundersame Ruhe liegt über dem Hügelland, über dessen atmosphärisch-blauer Ferne die rote Glut der Sonne hinabsinkt. Nur das Zittern der Grillen schwingt leise über dem warmen Erdboden. Plötzlich beleben sich die stillen Hügel mit der in weiße Tücher gehüllten Schar der Todagestalten. Ein Toter des Dotabetthaclans beginnt heute seine Seelenwanderung, die draußen auf den Hügeln, abseits der Siedlung, mit großem Palaver vorbereitet wird. Viele Stammesgenossen, Frauen und Männer der übrigen umliegenden Clans, sind zu dieser Bestattungsfeier weit über die Berge gewandert, und nun sitzen sie in malerischen Gruppen auf den Hügeln, um die Zeremonie des Trauerns und Betens mit rhythmischem Gegeneinanderstoßen des Kopfes einzuleiten. Während die Frauen mit monotonem Singsang die Feier begleiten, sind die Männer damit beschäftigt, die Vorbereitungen zum Bestattungsakt in die Wege zu leiten. Der in Tücher gehüllte Tote wird in einer kleinen Hütte untergebracht, und alle möglichen Gegenstände, die ihn auf seiner Reise ins Jenseits begleiten sollen, werden in seiner Nähe niedergelegt. Nahe bei der Hütte ist man damit beschäftigt, einen Scheiterhaufen aufzuschichten. Es sind weit über siebzig Todamänner und -frauen anwesend, und selbst die in den weiter entfernten Clans beheimateten Todas sind herbeigekommen, um an der Feier teilzunehmen. Nun beginnt die Ehrung des Verstorbenen, der aus der Hütte herbeigeholt wird, und dessen Körper man mit Erde und Asche bestreut.

Plötzlich wird die feierliche Ruhe durch ein wildes Schauspiel unterbrochen. Man schleppt einen dieser halbwilden Büffel herbei. Es ist einer der stärksten Bullen der Herde, der unter großer Mühe draußen von den Weideplätzen auf den Hügeln eingefangen wurde und nun dem Toten geopfert werden soll. Zwischen den athletischen Eingeborenen und dem wütenden Tier erhebt sich jetzt ein wilder Kampf. Einige der stärksten Männer versuchen den sich heftig wehrenden Büffel bei den Hörnern zu fassen, um ihn niederzuringen und ihm den tödlichen Schlag zu versetzen. Gelingt es dem Tier, sich zu befreien, so wird aus dem feierlichen Bestattungsakt eine wilde Szene, die einem Stierkampf gleicht. Ich habe früher einem Totenopfer beigewohnt, in dessen Verlauf das durch den Axthieb verwundete Tier wütend seine Peiniger annahm und einen von ihnen mit fürchterlicher Wucht in die Luft schleuderte.

Wenn der Büffel getötet ist, bringt man den Leichnam mit seinem Körper in Berührung, denn erst durch diese Handlung wird die Seele aus dem Körper des Toten befreit. Und nun beginnt die unruhevolle Wanderung dieses Geistes in das Reich jener phantastischen Welt der Götter und Dämonen, deren Gnade durch die Gebete der Trauernden erfleht wird. Nach Sonnenuntergang übergeben die Männer unter dem Klagegesang der Frauen den Leib des Verstorbenen der schwelenden Glut des Scheiterhaufens. So feiern die Todas den Tod des Körpers und das Weiterleben seiner Seele, die nun dazu bestimmt ist, im Leibe irgendeines andern sichtbaren oder unsichtbaren Wesens, eines Dämonen, eines Tieres oder eines göttlichen Wesens, weiterzuleben. Bald wird die Zeit nicht mehr fern sein, in der auch der Letzte seines Stammes die Wanderung der Seele antritt und nur noch der Geist dieser erstorbenen Menschenwelt über den einsamen Höhen der Blauen Berge weiterlebt.

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