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Von Ceylon zum Himalaja

Erwin Drinneberg: Von Ceylon zum Himalaja - Kapitel 10
Quellenangabe
authorErwin Drinneberg
titleVon Ceylon zum Himalaja
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180907
projectid2278022b
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Die Tempelinsel Rameswaram

Rameswaram gehört zu den ersten Eindrücken, die ich empfing, kurz nachdem ich den Boden Indiens betreten hatte. Ich muß bekennen, daß meine Erwartungen, die von der starken Phantasie meiner Gedanken aufs höchste gesteigert waren, durch die Großartigkeit dieser fabelhaften Bilder, die hier meine Augen sahen, noch weit übertroffen wurden. Rameswaram liegt auf einer kleinen Insel, die ein letztes Glied dieser merkwürdigen Riffstraße bildet, welche die Insel Ceylon mit dem indischen Festlande verbindet. Was mich zu diesem Weg nach Rameswaram trieb, war sein Tempel, der unter den Kultstätten des religiösen Lebens in Südindien und im Herzen des gläubigen Hindus eine große Rolle spielt. Der heilige Ort, der in der Nähe der kleinen Inselstadt liegt, ist einer der bedeutendsten Wallfahrtsstätten des hinduistischen Siwakultes. Er ist das letzte südliche Bollwerk des mächtigen Gottes, dessen Anhänger sich hier jährlich in großen Mengen zu einem religiösen Fest versammeln. Der Eindruck, den ich von meinem Besuch auf Rameswaram empfing, gehört wohl zu den gewaltigsten und einprägsamsten Erlebnissen meiner Reise im Süden. War es doch gleichsam das erste dieser Wunder Indiens, welches mit seinem mystischen Zauber meine ganze Seele umfangen hielt.

Die Insel, ein Felseneiland, ist wenig fruchtbar. Das einzig reizvolle Bild, welches sie bietet, sind die Haine wundervoller Palmenwälder, die den feuchten Strand der Insel wie ein immergrüner Kranz umgeben. Eine breite Straße, die von Pilgern belebt ist, führt zu dem Tempel, der im Innern der Insel verborgen liegt. Schon von weitem sehe ich die riesigen Türme, die dunkel und drohend hinter den Palmen emporragen. Wolken schwarzer Krähen umkreisen den heiligen Ort, als ob es eine Richtstätte wäre. Immer lebhafter wird der Trubel der bunten Menschenscharen, die wie ein Ameisenschwarm zwischen dem Tempel und der Stadt hin und her wallen. Plötzlich stehe ich vor der hohen Mauer dieses gewaltigen Bauwerkes. Vor den Toren des Tempels wogt das malerische Treiben einer unendlich reichen Farbigkeit. Die blendende Sonne beleuchtet dieses lebhafte Schauspiel und gibt ihm jenen prickelnden Reiz sprühenden Lebens, dessen malerische Eigenart aus den Kontrasten blendenden Lichts und tiefen farbigen Schattens geboren wird. Ich blicke an der hohen Gopuram, die den Eingang zum Tempel krönt, empor. Bei der oberflächlichen Betrachtung dieses enormen Formen – und Figurenreichtums einer in horizontalen Lagen übereinandergeschichteten Turmfassade, die steil über meinem Kopfe aufsteigt, werden meine Sinne von einem betäubenden Gefühl erfaßt, und es ist mir, als ob der steinerne, mit Tausenden von figürlichen und ornamentalen Grotesken geschmückte Turm, ins Wanken geriete und auf mich herabzustürzen drohe. Rasch trete ich durch das Gewölbe des in tiefem Schatten liegenden Torbogens in das Innere des Tempelhofes. Kaum ist es möglich, sich durch die bedrückende Enge des Menschen- und Tiergewimmels, das die Hallen und Gänge beherrscht, einen Weg zu bahnen. Ich trete hinaus in den Hof, über welchem sich die wohltuende Freiheit des Himmels wölbt, und meine Blicke hängen wie gebannt an diesen beiden herrlichen Kolonnaden, welche die östliche und westliche Seite des Tempelhofes begrenzen. War es in Wirklichkeit menschlicher Geist, der diese berauschende Fülle von ineinandergleitenden phantastischen Linien und Formen ersann, und waren es Menschenhände, die eine solche Flut ornamentalen und figürlichen Schmuckes erschaffen konnten? Der belebende Rhythmus, der allen diesen Gestalten, die sich aus Stein an die Säulen der Hallen anlehnen, einen menschlich lebendigen Zug verleiht, ist von zwingender Kraft. Dieser aus einer überirdischen Phantasie geborene Reichtum ist mit Worten kaum zu beschreiben. Es ist der Klang aus einer fernen, sagenhaften Welt, deren zauberische Mystik geradezu sinnverwirrend auf die Monotonie unserer nüchternen, nordischen Empfindsamkeit einwirkt und uns die Rätsel dieses geheimnisvollen Lebens wie einen weltenfernen Traum erscheinen läßt.

Von welcher monumentalen Ruhe war doch das Wesen jener buddhistischen, von den Urwäldern Ceylons bedeckten Denkmäler, die aus dem Geiste Gautamas geboren wurden. Deutlich sehe ich hier, daß es nicht nur die geistigen Gegensätze sind, die solche extremen Glaubensbegriffe voneinander unterscheiden. Im Reiche Brahmas ist alles von den Wogen einer flutenden Übersinnlichkeit getragen, die das Geheimnisvolle und das Dämonische, welches in dem Wesen dieses Glaubens verborgen ist, verkörpert. Doch diese hinduistische Geisteswelt, der wir in Indien begegnen, ist von einer geradezu ergreifenden Religiosität getragen, denn wie wäre es sonst möglich, daß diese Völker, welche das Erhabenste aller menschlichen Gefühle in sich bergen, ihren Göttern solche Stätten der Verehrung errichten. Was dieses Volk im Laufe vieler Jahrhunderte in unermüdlichem Glauben und Bauen an sichtbaren Zeichen seines innersten Erlebens geschaffen hat, erscheint als das Spiegelbild seiner Seele und seines Glaubens. In raschen Gedanken ziehen diese Betrachtungen, die all diese fremden Erscheinungen in mir wecken, an mir vorüber. Ich kehre zurück in die Vorhalle des Tempels, in welche die langen Kolonnaden einmünden. Diese an Kreuzgänge erinnernden Hallen sind trotz ihrer lebhaften Darstellungen von einer monumentalen Ruhe. Jede Formgestaltung, die Kapitelle, diese eigenartigen Körper grotesker, karyatidenähnlichen Figuren sind alle in der Art voneinander unterschieden, und doch liegt der Zug der Einheitlichkeit über diesem Reigen von steinernen Gebilden. Alle diese Säulen, welche die ungeheuern Lasten der Steindächer tragen, zeigen höchste organische Lebendigkeit, zumal das Licht der zwischen den Öffnungen hereinflutenden Sonne die plastische Wirkung dieser Formen in wunderbarem Maße steigert. Die Fülle dieser tausendfältig variierenden Details ist überwältigend, und das ermüdete Auge findet kaum einen Ort der Ruhe. Nur der Fußboden ist ungeschmückt und besteht aus glatten Steinfliesen, die durch die Berührung unzähliger Fußsohlen, die täglich unaufhaltsam über ihn hingleiten, den Glanz feinster Bronze erhalten hat. Täglich drängt sich die Menge Tausender von Gläubigen und Wallfahrern durch diese Hallen, um von dort aus in die Vorhöfe und ins Innere der Heiligtümer zu gelangen. Auch die geschmückten Wände und Sockel, Gesimse und Estraden, die von den Händen und Körpern der Menge berührt werden, haben einen dunklen, ehernen Schein, der die Rauheit des Gesteins mit dem Glanze einer jahrhundertalten Patina von Schmutz und menschlichem Schweiß bedeckt und ihm das Aussehen geschmeidiger Bronze verleiht. Zwar trägt dieses bunte Leben, das sich in die vom Lichte umfluteten Hallen ergießt, nur wenig Spuren von Feierlichkeit und Religiosität, und es gleicht mehr dem profanen Treiben, das die Straßen außerhalb des Tempels bevölkert. Ja, selbst die mit dem religiösen Leben des Hindu verknüpften Tiere, die heiligen Kühe, welche die verkörperten Symbole einer dieser Hauptgottheiten sind, finden ihre Heimat im Tempel, wo sie sich in träger Vertraulichkeit zwischen den Menschen und steinernen Götterbildern niedergelassen haben. Mit den Zeichen der Ehrfurcht sammelt man den heiligen Kuhdung, der eine glaubenfördernde und heilsame Wirkung besitzen soll. Auch einige Elefanten, deren mächtige Stirnen mit dem Abzeichen Siwas bemalt sind, treiben sich im Innern der Höfe herum. Sie sind von großer Friedfertigkeit und empfangen den Lohn für ihr süßes Nichtstun aus der Hand der Gläubigen, die sie mit Zuckerrohr und anderen Leckerbissen, die man ihnen zum Tempel bringt, füttern.

Unbehindert trete ich in einen der Vorhöfe, die den rückwärtigen Teil des Tempels ausfüllen. Dort befinden sich mehrere, auf bunten Steinsockeln ruhende Reliquienschreine, in deren Innern ich durch enge Fensterchen die starren Steinbilder kleiner, thronender Gottheiten erblicke. Der größte Teil des Haupthofes wird von dem heiligen Teich des Tempels erfüllt. Breite Treppen führen von den offenen Hallen, die das quadratische Becken aus Stein umsäumen, in dasselbe hinab zu dem grünlich schimmernden Wasserspiegel, auf dessen Oberfläche die leise zitternden Reflexe der strengen Architekturen wiederkehren. In der Mitte des Bassins erhebt sich ein kleines Tempelchen. Seine Basis ist mit blühenden Lotos überwuchert. In stiller Ruhe liegt der Teich, und nur einzelne braune Gestalten sind hinabgestiegen, um im sündentilgenden Wasser zu baden. Der wolkenlose, türkisblaue Himmel wölbt sich über dieser beschaulichen Szene, und meine müden Augen ruhen unbeweglich auf diesem anmutsvollen Bild des Friedens. Über den Hallen brütet die flimmernde Hitze der indischen Sonne; doch in den Tempelgängen und unter den riesigen Steinplatten der Dächer, wohin sich auch die Vögel geflüchtet haben, weht ein kühler Hauch, der die erschlafften Kräfte des Körpers erneuert. Nun kehre ich zu den belebten Vorhallen zurück und versuche mein Glück, einen Blick in das geheimnisvolle Innere des Tempels zu werfen. Doch ich werde nicht die Möglichkeit haben, durch diese hohen, mit Eisenplatten beschlagenen Türen, die jene im Dunkel liegenden Heiligtümer absperren, zu gelangen. Man ist hier im Süden strenggläubig und sieht die Fremden, die man höchstens um Almosen oder Opfergaben angeht, nicht gern. Nur jene, in den dunklen Nischen der Gänge hockenden armseligen, verhungerten Menschen, die lebendigen Leichnamen gleichen, geraten beim Anblick eines Fremden in fieberhafte Erregung. Ihre vom Elend verzerrten Gesichter sind der Ausdruck des tiefsten Jammers. Bald bin ich umringt von diesen Hungergespenstern, deren verdorrte Glieder sich wie die dürren Beine riesiger Spinnen bewegen. Doch auch die Priester dieser Tempel lassen sich herab, die Ungläubigen um eine Gabe zu bitten. Ein hellhäutiger Brahmane mit den weißen Schminkezeichen seiner Kaste auf Stirn und Brust tritt mit seiner Bettelschale an mich heran, in die ich ihm eine Silberrupie lege. Er erklärt sich bereit, mich einen Blick in die Schatzkammer des Tempels werfen zu lassen, und ich folge ihm durch den dunklen Gang, aus dem uns ein feuchter, moderiger Hauch entgegenweht. Ehrfürchtig weichen die Gläubigen vor ihm zur Seite. Durch eine seitliche Nische, die mit einer Gittertür verschlossen ist, treten wir in einen kellerartigen Raum ein. Mein Begleiter, der eine Lunte anzündet, führt mich weiter durch ein Labyrinth von Gängen und Treppen, die von Feuchtigkeit und Schweißwasser triefen. Eine große, eisenbeschlagene Holzpforte, die mit heiligen Zeichen bemalt ist, wird geöffnet. Das seufzende Geräusch der Türangeln läßt in den katakombenartigen Verliesen ein schauerliches Echo zurück. Der Raum, in den wir eintreten, ist dunkel und gleicht einem Kellergewölbe, und hoch oben in der Mauer ist eine vergitterte, kleine Öffnung sichtbar, die einen schwachen Schimmer des Tageslichtes hereindringen läßt. Wir befinden uns nun unter der Oberfläche der Erde, hart an der Mauer des Tempels.

Langsam schreitet der Brahmane mit hoch erhobener, flackernder Fackel voraus, und jetzt entdecke ich in dem Halbdunkel dieses Kerkers die furchtbaren Gestalten fratzenhafter Tiere und Götter, die mit buntem Flitter umgeben, auf wagenartigen, plumpen Rädergestellen ruhen. Das zitternde Licht läßt diese Tiere wie lebendige Ausgeburten der Hölle erscheinen. Im Hintergrund stehen Tragsänften mit baldachinartigen Dächern, die mit golddurchwirkten Überhängen bedeckt sind. Der Priester erzählt mir, daß es sich hier um die Tempelrequisiten handle, die jährlich bei den großen Prozessionen der Tempelfeste in den Straßen außerhalb des Tempels umhergeführt werden. Ich habe diesen Keller ursprünglich für die eigentliche Schatzkammer des Tempels gehalten, und kaum traue ich meinen Augen, als man mich in ein anderes, kellerartiges Gemach führt, das mit märchenhaften Gold- und Silbergegenständen erfüllt ist. Hier strahlt mir aus der Dunkelheit eines elenden, feuchten Loches, gleich dem versunkenen Nibelungenhort, der gleißende Reichtum eines ungeheuren Schatzes entgegen. Es erfaßt mich ein Entsetzen, als ich die unwürdige Umgebung, in welcher diese kunstvollen Kleinodien aufbewahrt sind, in Augenschein nehme. An den feuchten Decken und Wänden klebt der Schmutz der Jahrhunderte, und inmitten dieses Unrats befinden sich diese herrlichen Kunstwerke aus edelster Beschaffenheit. Wie kostbare Spielzeuge, die der Laune dieser Götter dienen sollen, stehen hier die edelsteinbesäten, goldenen und silbernen Symbole der Götter und Göttinnen in wirrem Durcheinander. Tierfiguren, Löwen, deren Augen aus leuchtenden Rubinen bestehen, zierliche Pfauen mit edelsteinglänzendem Gefieder, stilisierte Tier- und Menschengestalten aus purem Gold, kleine, zwergenhafte Götter, mit blitzenden Tiaren gekrönt, kunstvolle, reich verzierte Gefäße und Platten, die allein das Vermögen eines Volkes darstellen, bedecken den Boden der Schatzkammer. Und alle diese starren Körper und glotzäugigen Gottheiten sind in pietätvoller Weise mit weißen, duftenden Jasminkränzchen geziert, die in den Gewölben einen sinnbetörenden Duft verbreiten. Riesige golddurchwirkte Schirme, die über baldachinartigen Gestellen schweben, wölben sich über den jahrhundertalten, kostbaren Idolen dieses Tempels. Von der feuchten Decke herab hängen die wertvollen Schabracken der heiligen Elefanten und Rosse, die man den Tieren während der Prozessionen umhängt. In Schatullen sind die Geschmeide aufbewahrt, mit denen man bei den Tempelfesten die miniaturenhaften Statuen schmückt. Der Priester zeigt sie mir mit der stummen Gebärde des Vertrauens, indem er mir die Kleinodien in die Hände gibt, und auch an dem Gewicht dieser Preziosen ermesse ich den ungeheuren Wert, den sie darstellen. Es sind meist königliche Geschenke, die sich schon seit dem 17. Jahrhundert im Besitze des Tempels befinden. Fast jeder größere Tempel in Indien besitzt solche Schätze, die jedoch heute keinen Zuwachs mehr erhalten. Ich wundere mich darüber, daß man diese märchenhaften Werte in so lässiger Weise in fast unverschlossenen Gewölben aufbewahrt; doch die Ehrfurcht und Scheu, die das Volk vor dem Tempel und den darin bewahrten goldenen Götzenbildern hat, läßt in den Menschen nie den Gedanken an Raub oder Diebstahl wach werden. Denn der Hort gehört der leblosen und phantastischen Welt der Götter, während draußen vor den Hallen des Tempels die gespensthaften Körper der vom Aussatz und Hunger zernagten Menschen in Elend und Hilflosigkeit verharren und den Molochen ihrer göttlichen Idole den letzten Hauch ihres armseligen Lebens opfern.

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