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Von Bagdad nach Stambul

Karl May: Von Bagdad nach Stambul - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorKarl May
titleVon Bagdad nach Stambul
publisherKarl-May-Gesellschaft
noteKapitel nach Stgt. Ausgabe, Seitenzahlen als A HREF, Fussnoten neu
senderkarlheinz.Everts@t-online.de
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In Damaskus

Diese Kuppe Es Salehiëh bietet unbestreitbar einen der herrlichsten Aussichtspunkte der Erde. Im Rücken liegen die malerischen Berge des Antilibanon, deren Mauern sich hoch gen Himmel erheben, und vor dem Blicke breitet sich die von der Natur zum Paradies geschaffene und von dem Moslem hochgepriesene Ebene von Damaskus aus. Zunächst dem Gebirge liegt El Ghuta, die meilenweite, mit Fruchtbäumen und den herrlichsten Blumen dicht besetzte Ebene, bewässert und erquickt durch acht Flüßchen und Bäche, von denen sieben Zweige des Flusses Barrada sind. Und hinter diesem Gartenringe erglänzt die Stadt, von den Arabern ›Schamm‹ genannt, wie eine Wahrheit gewordene Fata Morgana des sich nach Labung und Erquickung sehnenden Wüstenpilgers.

Hier steht der Wanderer auf einem geschichtlich hochwichtigen Boden, auf welchem auch die Sage ihre silberschimmernden Blüthen getrieben hat. Gegen Norden liegt der Dschebel Kassium, auf welchem nach der morgenländischen Erzählung einst Kaïn seinen Bruder Abel erschlug. In El Ghuta stand nach der arabischen Legende der Baum des Erkenntnisses, unter welchem die erste Sünde geschah, und in Damask selbst erhebt sich die berühmte Moschee der Ommijaden, auf deren Minareh sich Christus am Tage des Gerichtes niederlassen wird, um zu richten die Lebendigen und die Todten. So also wird die Geschichte von Damaskus wie die keiner andern Stadt vom Anfange der Erde bis zu dem Ende derselben reichen, wie der stolze und fanatische Bewohner der ›Stadt am Barrada‹ behauptet.

Allerdings ist Damaskus eine der ältesten Städte der Erde, aber die Zeit ihrer Gründung ist nicht genau zu bestimmen, da die moslemitische Geschichtsschreibung die Fäden der Tradition eher verwirrt als entwickelt hat. Die heilige Schrift erwähnt Damask zum Öfteren. Zu jener Zeit wurde es auch Aram Damasek genannt. David eroberte es und zählte es zu den glänzendsten Perlen seiner Krone. Nachher herrschten hier Assyrer, Babylonier, Perser, die Seleuciden, Römer und Araber. Als Saulus zum Paulus wurde, stand sie unter dem Zepter der Araber. »Stehe auf, und gehe in die Gasse, welche die gerade heißt, und frage in dem Hause des Judas nach einem mit Namen Saulus aus Tarsus; denn siehe, er betet!« So sprach der Herr im Gesichte zu AnaniasApostelgeschichte 9, 11. Und noch heut stehet jene Gasse. Sie geht vom Bab esch Scherki im Osten nach dem Bab el Yahya im Westen, bildet die große Verkehrsader der Stadt und wird noch immer Suk ed Dschamak, die gerade Straße, genannt.

Eine Viertelstunde von der Stadt entfernt sieht man in der Nähe des christlichen Friedhofes eine Felsenplatte an der Stelle, wo Saul von der Klarheit des Himmels umleuchtet wurde und eine Stimme ihm zurief: »Ich bin Jesus, den du verfolgest; hart wird es dir, wider den Stachel zu leckenApostelgeschichte 9, 5

An der Porta orientalis, einem schönen, altrömischen Thore mit drei Eingängen, steht das Haus des Ananias, durch den Paulus wieder sehend ward. Auch zeigt man neben einem vermauerten Thore das Fenster, aus welchem der Apostel in einem KorbeEben daselbst cap.9, 25 hinunter gelassen wurde.

Oft, sehr oft wurde Damaskus erobert und in Trümmer gelegt, aber immer erhob es sich wieder mit neuer Lebensfähigkeit. Am meisten litt es unter Tamarlan, welcher im Jahre 1400 seine wilden Schaaren zehn Tage lang in den Straßen morden ließ; als darauf die Stille des Todes herrschte, hielt der Brand die Nachlese. Unter osmanischer Herrschaft hat die Stadt nach und nach immer mehr ihre Bedeutung verloren. Aus der ehemaligen Weltstadt wurde eine Provinzialstadt, der Sitz eines Gouverneur-Pascha, und Jedermann weiß ja, daß diese Art von Administratoren nur geeignet ist, das reichste Land der Erde arm und durch endlosen Steuerdruck den ergiebigsten Volkswohlstand bankerott zu machen.

Heute spricht man von 200,000 Einwohnern, welche Damaskus besitzen soll; die Zahl 150,000 wird aber der Wahrheit näher liegen. Darunter sind etwas über 30,000 Christen und 3000 bis 5000 Juden. Kein Moslem, selbst der Mekkaner nicht, ist so fanatisch wie der Damaskese. Die Zeit ist noch nicht lange vorüber, in welcher ein Christ kein Kameel und kein Pferd besteigen durfte; er mußte zu Fuß gehen, wenn er nicht auf einem Esel reiten wollte. Dieser Fanatismus, welcher so leicht zu blutigen Ausschreitungen führt, ist selbst heut noch ganz derselbe wie im Jahre 1860, in welchem Tausende von Christen niedergemetzelt wurden.

Die fürchterlichen Vorspiele dazu begannen zu Hasbeya, am Westabhange des Hermon, zu Deïr el Kamr, südlich von Beirut, und in der Küstenstadt Saïda. In Damaskus hatte am 9. Juli des genannten Jahres der Mueddin um die Mittagsstunde eben zum Gebete gerufen, als sich der bewaffnete Pöbel, von Baschi-Bozuks angeführt, auf das Christenviertel stürzte. Jeder Mann und Knabe wurde erschlagen; mit den Frauen und Mädchen geschah theils Schlimmeres, theils wurden sie nach dem Sklavenmarkte geführt. Der Gouverneur Achmet Pascha sah ruhig zu; aber ein Anderer nahm sich der Christen an, Einer, welcher sein Leben lang gegen dieselben gekämpft hatte. Es war Abd el Kader, der algierische Beduinenheld, welcher sein Vaterland verlassen hatte, um in Damaskus Vergessenheit zu suchen. Er öffnete den Christen, welche bei ihm Schutz suchten, sein Haus und streifte mit seinen Algierern durch die Stadt, um die Flüchtenden in der alten Citadelle unterzubringen. Als er ungefähr zehntausend Christen dorthin gerettet hatte, wollten die Mordbanden mit Gewalt eindringen; er aber sprengte in Helm und Küraß mitten unter sie hinein und gebot den Seinen, beim geringsten Zeichen eines Angriffes auf die Citadelle ganz Damaskus an allen Ecken anzubrennen. Das half. Diesen Edelmuth zeigte ein Mann, welcher nach dem Frieden von Kerbens volle fünf Jahre lang von den Franzosen widerrechtlicher Weise gefangen gehalten worden war.

Von Damaskus aus geht die große Karavanenstraße nach Mekka, welches man in 45 Tagen erreicht. Nach Bagdad gelangen Karavanen in 30 bis 40 Tagen, der Postkurier aber reitet per Dromedar nur 12 Tage. Doch ist die Benützung dieser Verbindung etwas theuer, denn man hat von Bagdad per Kurier nach Stambul für einen Brief 28 Mark, für ein recommandirtes Schreiben aber sogar 50 Mark bezahlen müssen.

Auch ich war von Bagdad nach Damaskus gekommen, hatte aber nicht die Straße eingeschlagen, auf welcher der Kurier reitet. Und das hatte seine guten Gründe.

Nach den zuletzt erzählten Ereignissen hatten wir noch sechs Tage an dem Bache liegen müssen, bis Halef so weit gekräftigt war, daß wir nach Bagdad zurückkehren konnten. Vorher aber hatten wir nochmals mit allem Fleiße und der größten Sorgfalt am Kanale Anana nach Lindsay oder Spuren von ihm gesucht, ohne das Mindeste gefunden zu haben. Nach Bagdad gekommen, erfuhren wir von unserm Wirthe, daß er weder den Engländer gesehen noch etwas von ihm gehört habe, und so sah ich mich veranlaßt, bei der Vertretung England's Anzeige zu erstatten. Es wurden mir die schleunigsten Recherchen versprochen, welche aber ohne alles Resultat zu bleiben schienen, so daß ich endlich aufzubrechen beschloß.

Pekuniäre Schwierigkeiten stellten sich diesem Entschlusse nicht entgegen, denn ich hatte in den Ruinen des Belusthurmes – – ein sehr reichliches Reisegeld gefunden, allerdings nicht etwa durch Nachgrabungen in dem Trümmerschutte, sondern auf eine andere Weise und an einem Orte, wo ich mir nichts weniger als den bösen und doch so nothwendigen Mammon anwesend gedacht hatte.

Als nämlich eines Tages mein Halef am Bache im tiefen Schlafe der Entkräftung lag und ich mir die Schwierigkeit unserer Lage recht eingehend überdachte, fielen mir die Worte Marah Durimeh's ein, welche sie gesprochen hatte, als sie mir beim Abschiede das Amulet übergab: »Es hilft nichts, so lange es geschlossen ist; aber wenn du einmal eines Retters bedarfst, so öffne es; der Ruh 'i Kulyan wird dir dann beistehen, auch wenn er nicht an deiner Seite ist.« Ich dachte natürlich gar nicht daran, von dem Amulete etwas Hülfespendendes zu erwarten; es hatte so lange Zeit an meinem Halse gehangen, ohne daß es weiter von mir beachtet worden war; jetzt aber verspürte ich aus Langeweile einige Neugierde, seinen Inhalt kennen zu lernen. Ich knüpfte es ab, zerschnitt seine äußere Hülle und kam nun an ein zusammengelegtes Pergament, welches – – zwei Noten der englischen Bank enthielt. Ich gestehe gern, daß mein Gesicht in diesem Augenblick einigermaßen einen fremdartigen, keineswegs aber unangenehmen Ausdruck angenommen haben mag. Bei einem solchen Inhalte hatte die alte Marah Durimeh allerdings Recht gehabt: »Es hilft nicht, so lange es geschlossen ist.« Wie aber war sie, die reiche Königstochter, zu englischem Gelde gekommen? Na, darüber wollte ich mir den Kopf nicht unnöthig anstrengen; Pfundnoten jeder Höhe sind an allen Orten der Erde zu haben. Aber entweder war die Spenderin wirklich sehr reich, oder sie hatte eine ganz ungewöhnliche Theilnahme für mich empfunden. Ich hätte nach Lizan zurückreiten mögen, um ihr zu danken. Mit dem Verluste des Engländers hatte ich auch einen in Kassenbeziehungen hoch anständigen Gefährten eingebüßt; sein öfteres: »Zahle gut, well!« hatte viel für mich armen Teufel zu bedeuten gehabt; jetzt nun war dieser Ausfall für einige Zeit gedeckt, ein Umstand, welcher mich von einer nicht ganz geringen Sorge befreite.

Auch Halef war sehr erfreut, als ich ihn von der Bedeutung meines Fundes benachrichtigte, und ich beschloß, diese Freude durch die Mittheilung zu erhöhen, daß ich mit ihm zu den Haddedihn reiten werde, einmal um seiner selbst willen und dann auch wegen der beiden Diener des Engländers, die sich vielleicht noch immer dort befanden. Ich fühlte mich moralisch verpflichtet, dieses Erbtheil des Engländers anzutreten.

Nachdem wir uns in Bagdad gehörig erholt und mit dem Nöthigen versehen hatten, reisten wir ab und ließen nur für etwaige Anfragen die Nachricht zurück, wo wir zu finden seien. Wir ritten über Samara nach Tekrit und bogen dann nach West zum Thathar ab, um den Stämmen zu entgehen, mit denen wir früher im Thale der Stufen feindlich zusammengekommen waren, und trafen eine Tagreise vor den berühmten Ruinen von El Hather zwei Männer, welche uns sagten, daß die Schammar sich von ihren gewöhnlichen Weideplätzen nach Südwest gegen El Deïr am Euphrat gezogen hätten, um den fortgesetzten Feindseligkeiten des Gouverneur von Mossul auszuweichen. Dort langten wir, ohne irgend eine Unterbrechung unserer Reise erlitten zu haben, glücklich an.

Unsere Ankunft erregte Trauer und Freude zugleich. Amad el Ghandur war nicht angekommen. Der ganze Stamm hatte sich in außerordentlicher Sorge um unser Schicksal befunden, aber noch stets hatte man gehofft, uns wohl behalten zurückkehren zu sehen. Jetzt nun wurde diese Hoffnung zu Schanden. Der Tod Mohammed Emin's versetzte den ganzen Stamm in die tiefste Trauer, und es wurde eine große Feier veranstaltet, um sein Gedächtniß zu ehren.

Ganz anders aber war es bei Hanneh, welche sich bei unserm Erscheinen jubelnd in die Arme ihres Halef warf. Er war ganz entzückt von ihrem Anblick, und sein Entzücken verdoppelte sich, als sie ihn und mich in das Zelt führte, um ihm einen kleinen Hadschi zu zeigen, welcher während unserer Abwesenheit sich zur irdischen Pilgerreise eingefunden hatte.

»Und weißt Du, Sihdi, welchen Namen ich ihm gegeben habe?« frug sie mich.

»Nun?«

»Er heißt – nach Dir und seinem Vater – Kara Ben Halef.«

»Du hast wohl daran gethan, Du Krone der Weiber und Du Blume der Frauen. Mein Sohn wird ein Held werden, wie sein Vater ist, denn sein Name ist länger als der Speer eines Feindes. Alle Männer werden ihn ehren, alle Mädchen ihn lieben, und alle Feinde werden fliehen, wenn in dem Kampfe ertönt der Name Kara Ben Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah!«

Natürlich war auch Scheik Malek erfreut, uns wieder zu sehen. Er hatte einen bedeutenden Einfluß auf die Haddedihn gewonnen, und es war voraus zu sehen, daß er, wie die Verhältnisse jetzt lagen, recht bald den Rang eines Anführers einnehmen werde. In diesem Falle konnte mein kleiner, treuer Hadschi darauf rechnen, einst zu den Scheiks der Schammar zu gehören.

Wir besuchten in zahlreicher Begleitung alle die Orte, welche wir bei unserem ersten Aufenthalte gesehen hatten, und des Abends saßen wir im Zelte oder vor demselben, um den neugierigen Arabern unsere Erlebnisse zu erzählen, wobei Halef niemals vergaß, ganz besonders seinen Schutz zu betonen, unter welchem ich mich während der langen Fahrt befunden hatte.

Die beiden Irländer waren noch vorhanden. Sie waren während unserer Abwesenheit halb wild geworden und hatten sich vom Arabischen so viel angeeignet, als nöthig war, sich mit ihren Gastfreunden zu verständigen. Dennoch aber sehnten sie sich fort von hier, und als sie hörten, daß sie auf ihren verschollenen Herrn nicht rechnen könnten, baten sie mich, von jetzt an mich ihrer anzunehmen. Ich sagte zu, denn in dieser Absicht war ich ja hergekommen.

Mein Entschluß war, nach Palästina zu gehen, und von da zur See nach Constantinopel. Doch wollte ich vorher erst Damaskus sehen, die Stadt der Ommijaden, und um allen für mich vielleicht unliebsamen Begegnungen von Mossul her aus dem Wege zu gehen, entschloß ich mich, südlich von El Deïr über den Euphrat zu setzen und eine so weit nach Mittag gelegene Richtung einzuschlagen, daß ich über das Haurangebirge nach Damaskus kam.

Aber die Haddedihn wollten mich sobald nicht von sich lassen. Halef bestand mit allem Nachdrucke darauf, mich nach Damaskus zu begleiten; ich durfte ihm diesen Wunsch nicht abschlagen, und da ich ihm doch Zeit geben mußte, seinen glücklichen Familienverhältnissen gerecht zu werden, so dauerte mein Aufenthalt weit, weit länger, als ich vorher beabsichtigt hatte. Woche um Woche verging; die kurze rauhe Jahreszeit war hereingebrochen und neigte sich bereits wieder zu Ende; nun aber ließ ich mich nicht länger halten. Wir reisten ab.

Ein großer Theil der Stammesangehörigen begleitete uns bis an den Euphrat, an dessen linkem Ufer wir Abschied nahmen: Halef auf kurze Zeit, ich aber für lebenslang. Mit allem Nöthigen reichlich versehen, setzten wir über den Fluß und hatten ihn dann bald aus den Augen verloren. Eine Woche später erblickten wir die Höhen des Hauran vor uns, hatten aber zwei Tage vorher eine Begegnung, welche von einigem Einflusse für spätere Begebenheiten war.

Wir sahen nämlich des Morgens vier Kameelreiter weit vor uns, welche die gleiche Richtung mit uns einzuhalten schienen. Da den Beduinen des Hauran nicht recht zu trauen ist, so wäre es uns lieb gewesen, Begleiter zu bekommen, und darum ritten wir schneller, um jene Reiter einzuholen. Als sie uns bemerkten, trieben auch sie ihre Thiere zu einem rascheren Gang an, doch kamen wir ihnen trotzdem immer näher. Als sie dies erkannten, hielten sie an und wichen seitwärts, um uns vorüber zu lassen. Es war ein älterer Mann mit drei jüngeren, rüstigen Begleitern; sie sahen nicht sehr kriegerisch aus, hatten aber die Hände an den Waffen, um uns Respekt einzuflößen.

»Sallam!« grüßte ich, mein Pferd anhaltend. »Laßt die Waffen in Ruhe; wir sind keine Räuber.«

»Wer seid Ihr?« frug der Ältere.

»Wir sind drei Franken aus dem Abendlande, und dieser mein Diener ist ein friedlicher Araber.«

Da erheiterte sich das Gesicht des Mannes, und er frug in gebrochenem Französisch, jedenfalls um sich von der Wahrheit meiner Behauptung zu überzeugen:

»Aus welchem Lande sind Sie, mein Herr?«

»Aus Deutschland.«

»Ah,« meinte er naiv, »das ist ein sehr friedliches Land, in welchem die Bewohner nichts thun, als Bücher lesen und viel Kaffee trinken. Woher kommen Sie? Sind Sie vielleicht auch ein Kaufmann wie ich?«

»Nein. Ich reise, um über die Länder, welche ich sehe, Bücher zu schreiben, welche dann zum Kaffee gelesen werden. Ich komme von Bagdad und will nach Damaskus.«

»Aber Sie tragen ja anstatt des Schreibzeuges so viele Waffen bei sich!«

»Weil ich mich mit dem Schreibzeuge wohl schwerlich gegen die Beduinen vertheidigen könnte, welche den von mir eingeschlagenen Weg unsicher machen.«

»Das ist wahr,« nickte der Mann, der sich einen Schriftsteller nicht anders vorgestellt zu haben schien, als mit einer gigantischen Feder hinter dem Ohre, ein Sattelpult vor sich und zu jeder Seite des Pferdes ein riesiges Tintenfaß. »Jetzt haben sich die Anazeh nach dem Hauran gezogen, und gegen diese muß man vorsichtig sein. Wollen wir zusammenhalten?«

»Gern. Sie gehen auch nach Damaskus?«

»Ja. Ich wohne dort; ich bin Kaufmann und mache jährlich mit einer kleinen Karavane eine Handelsreise zu den Arabern des Südens. Von einer solchen kehre ich jetzt zurück.«

»Gehen wir über den östlichen Hauran, oder halten wir uns links nach der Mekkastraße hinüber?«

»Welches wird das Beste sein?«

»Das Letztere jedenfalls.«

»Ich stimme bei. Waren Sie schon einmal hier?«

»Nein.«

»Dann werde ich Sie führen. Vorwärts!«

Das vorherige Mißtrauen des Kaufmanns war vollständig verschwunden. Er zeigte sich als ein offener, redseliger Charakter, und bald erfuhr ich, daß er eine nicht unbedeutende Summe bei sich trage, die er aus seinen Waaren gelöst habe. Zwar war er von den Arabern meist mit Naturalien bezahlt worden, hatte diese aber vortheilhaft verkaufen können.

»Auch mit Stambul stehe ich in lebhafter Verbindung,« meinte er. »Gehen Sie auch dorthin?«

»Ja.«

»O, dann können Sie mir einen Brief an meinen dortigen Bruder besorgen, wofür ich Ihnen sehr dankbar sein würde!«

»Mit Vergnügen. Erlauben Sie also, daß ich Sie in Damaskus besuche, um den Brief abzuholen?«

»Kommen Sie! Mein Bruder Maflei ist gleichfalls Kaufmann und hat weitreichende Verbindungen. Vielleicht kann er Ihnen nützlich sein.«

»Maflei? Hm! Diesen Namen habe ich bereits irgendwo gehört!«

»Wo?«

»Hm, lassen Sie mich nachsinnen – – – ja, jetzt habe ich es! Ich traf in Ägypten den Sohn eines Stambuler Kaufmannes; er hieß Isla Ben Maflei.«

»Wirklich? O, das ist außerordentlich! Isla ist nämlich mein Neffe, der Sohn meines Bruders.«

»Wenn es wirklich derselbe Isla gewesen ist!«

»Beschreiben Sie ihn mir!«

»Besser als eine jede Beschreibung wird wohl die Bemerkung sein, daß er dort am Nile ein Mädchen wiederfand, welches seinen Eltern geraubt worden war.«

»Das stimmt; das stimmt! Wie hieß das Mädchen?«

»Senitza.«

»Es ist Alles richtig. Wo haben Sie ihn getroffen? Wo hat er es Ihnen erzählt? In Kairo vielleicht?«

»Nein, sondern an Ort und Stelle selbst. Kennen Sie diese interessante Begebenheit?«

»Ja. Er kam später in geschäftlicher Angelegenheit zu mir nach Damaskus und erzählte es mir. Er hätte seine Braut nie wieder gefunden, wenn er nicht mit einem gewissen Kara Ben Nemsi zusammengetroffen wäre, einem Effendi aus – – ah, Allah il Allah, dieser Effendi schrieb auch Sachen, welche gelesen werden! Wie ist Ihr Name, Herr?«

»In Ägypten und dann auch weiter nannte man mich allerdings Kara Ben Nemsi.«

»Hamdulillah, quel miracle! Sie sind es, Sie selbst?«

»Fragen Sie hier meinen Diener Hadschi Halef, welcher geholfen hat, Senitza zu befreien!«

»Dann, Herr, haben Sie noch einmal meine Hand! Ich muß sie Ihnen drücken. Es geht nicht anders, Sie müssen in Damaskus bei mir wohnen, Sie und Ihre Leute. Mein Haus gehört Ihnen, nebst Allem, was ich besitze!«

Vor herzlicher Freude schüttelte er auch Halef und den beiden Irländern die Hände. Die beiden Letzteren wurden ganz verdutzt über die lebhafte Freundschaftsäußerung, deren Grund sie nicht begreifen konnten; meinem Halef aber mußte ich unsere französische Unterhaltung deutlich machen.

»Kannst Du Dich noch auf Isla Ben Maflei besinnen, Hadschi Halef Omar?«

»Ja,« antwortete er. »Es war der Jüngling, dessen Braut wir aus dem Hause des Abrahim-Mamur holten.«

»Dieser Mann hier ist der Oheim Isla's.«

»Allah sei Dank! Jetzt habe ich Jemand, dem ich Alles erzählen kann, was damals geschehen ist. Eine gute That darf nicht sterben; sie muß erzählt werden, um lebendig zu bleiben.«

»Ja, erzähle es!« bat der Damaskese.

Jetzt legte sich der kleine Hadschi in's Zeug, indem er die Begebenheit in den duftendsten Redeblumen des Orientes berichtete. Natürlich war ich damals der berühmteste Hekim-Baschi der Erde, Halef selbst der tapferste Held der ganzen Welt, Isla der beste Jüngling Stambul's und Senitza die herrlichste Houri des Paradieses gewesen. Abrahim-Mamur aber wurde als ein wahrer Teufel geschildert, und in Summa hatten wir eine That verrichtet, welche bereits jetzt in dem Munde des ganzen Orientes lebte. Und als ich es versuchte, seine Überschwänglichkeiten auf das richtige Maß zurückzuführen, da meinte er sehr entschieden:

»Sihdi, das verstehst Du nicht! Ich muß es besser wissen, denn ich war ja damals Dein Agha mit der Nilpeitsche und habe Alles für Dich zu besorgen gehabt.«

Der Morgenländer ist in solchen Dingen unverbesserlich, und so mußte ich mich in das Unvermeidliche fügen. Dem Damaskesen aber schien grad diese Erzählungsweise recht sehr zu gefallen; Halef stieg in seiner Achtung außerordentlich, und die Folge zeigte, daß er ihn in sein Herz geschlossen hatte.

Wir erreichten unbelästigt die Karavanenstraße und zogen durch das ›Himmelsthor‹ in die Meidan-Vorstadt ein, in welcher sich zur Zeit der Hadsch die große, nach Mekka bestimmte Pilgerkaravane versammelt. Damaskus gewährt im Innern keineswegs den Anblick, welchen man von außen erwartet. Zwar fehlt es der Stadt nicht an ehrwürdigen Bauten, aber die Straßen selbst sind entsetzlich gepflastert, krumm und eng, und die meist fensterlosen, äußeren Lehmwände der Häuser sehen häßlich aus. Auch hier wird die Straßen- und Wohlfahrtspolizei, wie in den meisten orientalischen Städten, von Aasgeiern und räudigen, verkommenen Hunden besorgt. Die Wasserfülle der Stadtumgebung begünstigt die Entstehung schädlicher Miasmen, welche die Stadt der Ommijaden in einen bösen Ruf gebracht haben.

Das Quartier der Christen liegt im Osten der Stadt und beginnt beim Thomasthore am Ausgangspunkte des Palmyraner Karavanenweges. Es ist ebenso wenig schön wie die übrigen Stadttheile und enthält eine Menge von Ruinen, welche aufzuräumen der Moslem gar nicht für nöthig hält. Hier steht in der Nähe des Lazaristenklosters das Gebäude, in welchem später im Jahre 1869 der Kronprinz von Preußen sein Quartier aufschlug.

Südlich davon, jenseits der ›geraden Straße‹ befindet sich das Quartier der Juden, während die Westhälfte der Stadt den Moslemin gehört. Hier sieht man die schönsten Bauwerke der Stadt: die Citadelle, die prächtigen Bazarhallen, den großen Han Assad Pascha und vor allen Dingen die Moschee der Ommijaden, in welche leider kein Christ den Fuß setzen darf.

Sie ist 550 Fuß lang und 150 Fuß breit und steht an der Stelle eines heidnischen Tempels, welchen Kaiser Theodosius zerstörte. Arkadius erbaute an demselben Orte eine christliche, dem heiligen Johannes geweihte Kirche. In ihr befand sich der Schrein, in welchem das abgeschlagene Haupt Johannes des Täufers aufbewahrt wurde und das von Chalid, dem Eroberer von Damaskus, noch vorgefunden worden sein soll.

Dieser Chalid, welchen die Moslemin ›das Schwert Gottes‹ nennen, machte die Hälfte der Johanneskirche zur Moschee, eine Seltsamkeit, welche ihren besonderen Grund hatte. Die Belagerungsarmee bildete nämlich zwei Heerhaufen; der eine lag unter Chalid selbst vor dem Ostthore und der andere unter dem milden Abu Obeïda vor dem Westthore. Über die Länge der Belagerung von Zorn entbrannt, schwur Chalid, keinen einzigen Einwohner zu schonen. Er drang endlich siegreich durch das Ostthor ein und ließ das Würgen beginnen. Da beeilte sich der westliche Stadttheil, einen Vertrag mit Abu Obeïda abzuschließen und ihm das Thor unter der Bedingung freiwillig zu öffnen, daß er die Menschen schonen werde. Er ging darauf ein. Beide Heerhaufen bewegten sich nun auf der ›geraden Straße‹ von entgegengesetzten Richtungen auf einander zu und stießen bei und in der Johanneskirche zusammen. Auf Abu Obeïda's Vorstellung hielt Chalid mit Morden ein und bewilligte, daß den Christen die eine Hälfte der Kirche verbleiben solle.

So beteten ungefähr 150 Jahre lang Christen und Muhammedaner in demselben Tempel, bis es Welid dem Ersten einfiel, das Bauwerk ganz für seine Glaubensgenossen in Anspruch zu nehmen. Er bot zwar anderweitigen Ersatz für den Verlust, welchen die Christen dadurch erlitten, aber diese trauten seinem Versprechen nicht und traten seinem Vorschlage entgegen. Es gab eine Weissagung, daß derjenige, welcher an diesen Tempel Gottes die Hand legen werde, unrettbar dem Wahnsinne verfallen sei, und man glaubte, daß der Khalif sich durch diese Prophezeiung abschrecken lassen würde. Dies geschah aber nicht; vielmehr war er der Erste, welcher den Hammer ergriff, um das herrliche Altarbild zu zertrümmern. Dann wurde der Eingang der Christen vermauert. Die Kirche – nun völlig Moschee – erhielt geschlossene Hallen aus korinthischen Säulen und ward mit Mosaik und sechshundert massiv goldenen Ampeln ausgeschmückt. Zu ihrer Neugestaltung wurden gegen zwölfhundert griechische Baumeister und Künstler herbeigerufen; man schleppte die schönsten Säulen Syrien's nach Damaskus, und die Überlieferung berichtet, daß achtzehn Lastthiere an den Rechnungen zu tragen hatten, als der Khalif dieselben berichtigen wollte. Welid bezahlte und ließ dann die Rechnungen verbrennen, um den Betrag der riesigen Kosten zu einem ewigen Geheimnisse zu machen.

Mokaddy, ein arabischer Schriftsteller, erzählt, daß die Wände der Moschee bis zu einer Höhe von zwölf Fuß mit Marmor bekleidet und dann bis zur Decke mit Mosaiken von Glas in Gold und Farben geschmückt seien. Auch die Deckengewölbe der Seitenhallen, welche von schwarzen Säulen mit goldenen Kapitälen getragen wurden, und die Zinnen nach außen und über dem Hofe, die auf weißen Marmorsäulen ruhten, waren mit reicher Mosaik ausgestattet. Auf dem Kubbet en Nisr ruhte eine goldene Citrone und auf ihr eine eben solche Granate. Die drei Minarehs der Moschee stammen aus verschiedenen Zeiten. Das ›Brautminareh‹ im Norden wurde als einfacher Thurm mit kegelartigem Aufsatze von Welid erbaut; El Gharbije aber zeigt egyptisch-arabischen Styl, nämlich ein zierliches Achteck, welches von Galerie zu Galerie sich verjüngt und in einem Kugelknopfe endet. Das dritte oder Isa-Minareh hat neben seinem viereckigen Thurme noch einen schlanken Thurm im türkischen Style mit Spitzdach und zwei Rundbalkonen für den Mueddin. Auf dem höheren dieser Balkone wird Christus stehen, wenn er am Ende der Tage die Guten und die Bösen von einander scheidet.

Ganz in der Nähe dieser Moschee, auf der ›geraden Straße‹, lag die Wohnung meines Reisegefährten. Der Eingang zu derselben befand sich in einem engen Seitengäßchen, in welches ich mit ihm einbog, da es mir unmöglich war, seine Gastfreundlichkeit zurückzuweisen. Wir hielten vor einer hohen Backsteinmauer, in welcher sich außer dem nicht sehr hohen und breiten Thore keine einzige Öffnung befand. Der Kaufmann stieg ab, hob einen Stein vom Boden auf und klopfte damit kräftig an die Thür. In kurzer Zeit wurde dieselbe von innen geöffnet, und ein wie Ebenholz glänzendes Mohrengesicht erschien in der Öffnung.

»Allaha, der Herr!« rief der Neger und riß das Thor so weit wie möglich auf.

Der Kaufmann antwortete ihm gar nicht und winkte uns nur, ihm zu folgen. Ich that es mit Halef, nachdem ich den Irländern bedeutet hatte, die Thiere hereinzuziehen und bei ihnen zu bleiben.

Wir befanden uns in einem langen, schmalen Hofraume und vor einer zweiten Mauer, deren Thür bereits offen stand. Als wir dieselbe hinter uns hatten, sah ich vor mir einen großen, quadratischen Platz, welcher durchgehends mit Marmor gepflastert war. Von drei Seiten öffneten sich auf ihn laubenartige Arkaden, deren Öffnungen von den in Kübeln gezogenen Citronen, Orangen, Granaten und Feigen maskirt wurden. Die vierte Seite, von der Mauer gebildet, durch welche wir soeben getreten waren, war ganz von Jasmin, Damascenerrosen und roth-weiß geflammten syrischen Hibisch überzogen. Die Mitte des Platzes nahm ein granitenes Bassin ein, in dessen Wasser sich gold- und silberglänzende Fische tummelten, und an jeder Ecke befand sich ein fließender Brunnen, um dieses Bassin zu speisen. Über den Arkaden zog sich ein bunt bemaltes Stockwerk hin, zu welchem eine breite, mit duftenden Blumen reich geschmückte Treppe emporführte; es enthielt viele Gemächer und andere Räume, deren Fensteröffnungen theils mit seidenen Vorhängen, theils durch ein kunstvolles, hölzernes Gitterwerk verschlossen waren.

Eine Gruppe von Frauen ruhte auf weichen Polstern am Bassin. Bei unserm Anblick erhoben sie ein angstvolles Gekreisch und eilten schleunigst der Treppe zu, um in den Gemächern zu verschwinden. Nur eine einzige Gestalt war nicht entflohen. Auch sie hatte sich erhoben, kam aber auf den Kaufmann zu und küßte ihm mit Ehrerbietung die Hand.

»Allah altunlama senin gelme, baba – Allah vergolde Dein Kommen, mein Vater!« grüßte sie.

Er drückte sie herzlich an sich und sagte:

»Geh zur Mutter und sage ihr, daß Gott mein Haus mit theuren Gästen segnet. Ich werde sie in das Selamlik führen und dann zu Euch kommen.«

Auch er sprach, wie seine Tochter, türkisch. Vielleicht war Stambul sein früherer Aufenthalt gewesen.

Die Tochter entfernte sich, und wir folgten ihr langsam die Treppe empor, wo wir in einen Gang kamen, welcher eine lange Reihe von Thüren zeigte. Der Hausherr öffnete eine derselben, und wir traten in ein großes Zimmer, welches durch ein durchbrochenes Kuppeldach, dessen Öffnungen mit vielfarbigem Glase bedeckt waren, ein köstliches Licht empfing. Hohe, breite Sammetpolster zogen sich an den Wänden hin; in einer Nische tickte eine französische Pendule ihre monotonen Schläge; von der Kuppel hing ein vielarmiger, vergoldeter Leuchter herab, und zwischen den seidenen Draperien, welche die Wände verdeckten, blickten aus kostbaren Rahmen zahlreiche Bilder auf uns nieder. Es waren – man denke sich mein Erstaunen – die rohesten Farbenklexereien, mit denen leider noch heute eine schmutzige Kolportage-Spekulation die Welt beglückt: Napoleon im Kaiserornate, aber mit dicken, zinnoberroth gemalten Posaunenengelbacken; Friedrich der Große mit einem dünnen Henri-quatre; Washington in einer ungeheuren Allongeperücke; Lady Stanhope mit Schönpflästerchen; die Seeschlacht bei Tschesme mit holländischen Torfkähnen; ein Riesenbouquet mit rothen Helianthus, gelben Kornblumen und blauen Schneeglöckchen; ein Herkules Korynephoros, mit dem Lindwurm des heiligen Georg zwischen den Beinen, und endlich gar die Erstürmung von Sagunt, aus dessen Schießscharten Kanonenläufe schauten und über dessen eingeschossenen Mauern sich ein dichter, violetter Pulverdampf lagerte. Solche Kunstungeheuerlichkeiten können eben nur für den – – Orient bestimmt sein.

Vor den Polstern standen kleine niedere Tischchen mit Metallplatte, bereits mit gestopften Pfeifen und kleinen Kaffeetäßchen versehen; in der Mitte des Raumes aber stand – ich wagte es kaum zu glauben, aber meine Augen konnten mich doch unmöglich täuschen – ein Pianoforte, wirklich und wahrhaftig ein Pianoforte, mit vielfach abgesprungener Fournirung zwar, aber sonst in einem noch ganz leidlichen Zustande, wie es schien. Ich hätte es am liebsten sofort öffnen mögen, mußte jedoch die Würde bewahren, welche ich dem Emir Kara Ben Nemsi schuldete.

Wir waren kaum eingetreten und hatten uns gesetzt, so erschien ein hübscher Knabe mit einem Becken voll glühender Holzkohlen, um die Pfeifen in Brand zu stecken, und nur wenige Minuten darauf ein zweiter mit einem silbernen Kahwetest, aus welchem er uns die Tassen füllte. Bei dem ersten Zuge, welchen der Hausherr aus seiner Pfeife that, hieß er uns von Neuem willkommen, und als er den sehr kleinen Kopf nach wenigen Augenblicken ausgeraucht hatte, bat er uns um die Erlaubniß, sich für kurze Zeit entfernen zu dürfen, um die Seinen zu begrüßen.

Wir rauchten und tranken schweigend fort, bis er zurückkehrte und uns aufforderte, ihm zu folgen. Er führte uns in ein nach morgenländischen Begriffen sehr reich ausgestattetes Zimmer, welches ich bewohnen sollte, während unmittelbar daneben dasjenige lag, welches für Halef bestimmt war. Auch für die Irländer versprach er, zu sorgen. Darauf mußten wir ihm die Treppe hinab in das Parterre folgen. Dort war uns bereits mit unbegreiflicher Schnelligkeit ein Bad bereitet worden, und da fanden wir auch zwei Anzüge liegen, vom rothen Fez bis zum leichten Pabutsch herab, welche wir gegen unsere jetzigen vertauschen sollten. Zwei Diener erwarteten uns, um uns zu bedienen.

Das war eine wirklich morgenländische Gastfreundlichkeit, deren Werth ich dankbar erkennen mußte. Als wir dem Bade entstiegen waren und uns umgekleidet hatten, kehrten wir als vollständig neue Menschen nach dem Selamlik zurück. Der aufmerksame Wirth hatte unsere Rückkehr jedenfalls beobachten lassen, denn kaum daß wir eingetreten waren, so stellte auch er sich wieder bei uns ein.

»Herr, Du hast große Freude gebracht über die Meinen,« sagte er, mich, da er arabisch sprach, wieder Du nennend. »Als ich ihnen sagte, wer Du bist, haben sie begehrt, heute vor Dir erscheinen zu dürfen. Wirst Du es ihnen erlauben?«

»Gern, denn es wird mich sehr beglücken, mit ihnen sprechen zu können.«

»Sie werden erst am Nachmittag kommen, denn jetzt sind sie beschäftigt, das Mahl zu bereiten, dessen Zurichtung sie heut keiner Dienerin überlassen wollen. Hast Du bereits solche Bilder gesehen?« frug er dann, als er sah, daß mein Auge zufällig den Herkules musterte.

»Sie sind sehr selten,« antwortete ich zweideutig.

»Ja. Ich habe sie in Stambul gekauft und einen sehr hohen Preis bezahlt. Kein Mann in Damaskus hat solche kostbare Gemälde. Weißt Du auch, was sie vorstellen?«

»Ich möchte es beinahe bezweifeln!«

»Ich habe es mir erklären lassen. Das erste ist der Sultan el Kebir und das zweite der kluge Emir der Nemsi; dann kommt die Königin von England mit dem Schah der Amerikaner; neben den Blumen ist ein Held aus Diarbekir, der einen Seehund tödtet, daneben die Schlacht bei Tschesme und dann die Erstürmung von Jerusalem durch die Christen. Ist das nicht schön?«

»Außerordentlich! Aber was steht hier in der Mitte dieses Zimmers?«

»O, das ist das Kostbarste, was ich besitze. Es ist ein Tschalghy, welches ich von einem Engländer kaufte, der hier wohnte und dann weiter zog. Darf ich es Dir zeigen?«

»Ich bitte Dich darum!«

Wir traten hinzu und öffneten. Über den Tasten stand ›Edward Southey, Leadenhallstreet, London‹ zu lesen, und ein Blick in das Innere des Instrumentes zeigte mir, daß zwar einige Saiten gesprungen seien, sonst aber Alles sich noch in leidlichem Zustande befinde.

»Ich werde Dir zeigen, wie man es macht.«

Mit diesen Worten begann der Mann ein Faust-Attentat auf die Tasten, welches mir die Haare zu Berge trieb; ich aber zwang mich zu einer bewundernden Miene und erkundigte mich dann, ob sonst weiter nichts zu dem ›Tschalghy‹ vorhanden sei.

»Der Engländer gab mir auch Demir iplik mit und einen Hammer zum Musikmachen, damit die Hände nicht schmerzen. Ich werde Dir ihn zeigen.«

Er ging und brachte bald ein Kästchen, welches Saitendraht verschiedener Stärke und einen Stimmschlüssel enthielt. Er nahm den letzteren und hämmerte damit auf den Tasten herum, daß es heulte und krachte. Der liebenswürdige Engländer hatte sich jedenfalls den Spaß gemacht, ihm den Gebrauch des Schlüssels in dieser Weise zu erklären. Übrigens war das Piano schrecklich verstimmt und voller Staub und Schmutz.

»Willst Du auch einmal Musik machen?« fragte er mich. »Es darf mir kein Mensch das Tschalghy öffnen, Du aber bist mein Gast und sollst einmal klopfen dürfen!«

Er reichte mir den Stimmhammer mit einer wichtigen Gönnermiene entgegen.

»Du hast mir gezeigt, wie man in Damaskus Musik macht,« meinte ich; »nun will ich Dir auch zeigen, wie man auf diesem Instrumente im Abendlande spielt. Vorher aber erlaube mir, es auszubessern, da es sich nicht mehr in dem richtigen Zustande befindet!«

»Herr, Du wirst es mir doch nicht ruiniren!«

»Nein; Du kannst es mir ruhig anvertrauen.«

Ich suchte mir den geeigneten Draht hervor und zog die Saiten auf; dann baute ich mir aus mehreren Polstern einen hohen Sitz und begann zu stimmen. Als der Wirth die Quinten und Oktaven hörte, rief er mit einer Gebärde des Entzückens:

»O, Du kannst es ja noch viel besser als ich!«

»Das ist noch keine Musik; jetzt gebe ich dem Drahte nur erst den rechten Ton. Hat Dir der Engländer denn nicht gezeigt, wie dieses Instrument gespielt werden muß?«

»Sein Weib hatte Musik gemacht, war aber gestorben. Er schlug es mit den Fäusten und das gefiel ihm sehr, denn er lachte dazu.«

»So sollst Du baldigst sehen, wie es richtig gemacht wird.«

Ich hatte früher als armer Schüler oft Pianos gestimmt, um ein kleines Taschengeld zu erwerben; es fiel mir also nicht sehr schwer, das Klavier in einen spielbaren Zustand zu versetzen.

Während dieser Beschäftigung wurde die Thür geöffnet, und vor derselben erschienen alle die Frauengestalten, welche ich vorher im Hofe gesehen hatte. Ich vernahm ein Flüstern der Bewunderung, und zuweilen entschlüpfte sogar einem Munde ein lauter Ausruf des Entzückens. Wie anspruchslos waren diese Leute!

Endlich war ich fertig und schloß das Instrument, worauf die Lauschenden sofort verschwanden.

»Willst Du nicht länger spielen?« frug mich der Wirth. »Du bist ein großer Sanatdar, und die Frauen sind so erfreut über diese Musik, daß sie uns das Mahl verderben lassen werden.«

»Ich muß dem Tschalghy jetzt Ruhe gönnen; aber nach dem Mahle, wenn die Glieder Deiner Familie kommen, werde ich ihnen eine Musik zeigen, wie sie noch keine gehört haben.«

»Es sind einige Frauen in meinem Harem zu Besuch. Dürfen diese die Musik auch hören?«

»Allerdings.«

Ich war sehr begierig, zu sehen, welche Wirkung ein flotter Walzer auf diese Damen machen werde, durfte sie aber um meines guten Appetites willen jetzt während ihrer culinarischen Beschäftigung nicht zerstreuen. Diese Vorsicht trug sehr bald gute Früchte. Man hatte sich, wohl in Rücksicht auf den erwarteten Musikgenuß, jedenfalls etwas mehr als gewöhnlich gesputet, und es wurde uns ein reichhaltiges Mahl aufgetragen, welches dem Hause alle Ehre machte. Kaum aber war es vorüber, so erkundigte sich der Wirth, ob die Frauen nun erscheinen dürften. Ich gab meine Zustimmung, und der kleine Kaffeeeinschänker eilte fort, um sie zu holen.

Nun kam die Frau nebst zwei Töchtern und einem Sohne im Alter von vielleicht zwölf Jahren. Die Damen waren verschleiert und wurden mir nur mit dem Namen bezeichnet. Andere vier Frauen waren Freundinnen unserer Wirthin. Sie nahmen still und in bescheidener Stellung auf den Polstern Platz, gaben aber auch hier und da ein Wörtchen zu dem Gespräche, welches sich entwickelte. Da ich nun bemerkte, wie oft sich die verhüllten Köpfe, aus denen nur die Augen und die Nasenspitzen blickten, nach dem Instrumente richteten, so erhob ich mich, um ihre Ungeduld zu befriedigen.

Es war interessant, den Eindruck des ersten, vollgriffigen Accordes, dem ich einen kräftigen Läufer folgen ließ, zu beobachten.

»Maschallah!« rief Halef ganz erschrocken.

»Bana bak – hört, hört!« schrie der Wirth, indem er emporsprang und vor Verwunderung die Arme ausstreckte.

Die Frauen zuckten vor Überraschung zusammen, schrien vor Erstaunen laut auf und streckten unbedachter Weise die Hände aus, so daß sich die Schleier öffneten und ich für einen Augenblick sämmtliche Gesichter zu sehen bekam.

Nach einem kurzen Präludiren ließ ich meinen ›feschesten‹ Walzer los. Mein Publikum saß zunächst ganz starr; bald aber begann der Rhythmus seine unwiderstehliche Wirkung zu äußern. Es kam Bewegung in die steifen Gestalten: die Hände zuckten, die Beine empörten sich gegen ihre orientalisch eingebogene Lage, und die Körper begannen, sich nach dem Takte hin und her zu wiegen. Der Wirth aber erhob sich und trat hinter mich, um mit aufgerissenen Augen meine Finger zu beobachten.

Als ich geendet hatte, faßte er meine Hände und betrachtete sie.

»O Herr, was hast Du für Finger! Das ging ja wie in einem Karingdschalyk! So Etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen!«

»Sihdi,« meinte Halef, »solche Musik gibt es nur noch in El Dschennet, wo die Geister der Seligen wohnen. Allah il Allah!«

Die Frauen wagten es nicht, ihre Gefühle in Worten laut werden zu lassen; doch ihre lebhafte Bewegung und der anerkennende Ton ihres Geflüsters überzeugten mich, daß sie sich nichts weniger als gelangweilt hatten.

Ich spielte weiter, ein ganzes, stundenlanges Programm herunter, und mein Publikum wurde nicht müde, den noch nie gehörten Klängen zu lauschen.

»Herr, ich habe nie gewußt, daß in diesem Tschalghy solche Stücke stecken,« meinte der Hausherr, als ich ausruhte.

»O, es stecken noch viel herrlichere darinnen,« antwortete ich; »man muß es nur verstehen, sie hervor zu locken. Bei uns im Abendlande gibt es Tausende von Männern und Frauen, welche dies noch zehnmal besser können, als ich.«

»Auch Frauen?« frug er verwundert.

»Ja.«

»So soll auch mein Weib lernen, auf dem Tschalghy Musik zu machen, und sie muß es dann den Töchtern zeigen.«

Der gute Mann hatte keine Ahnung von den Schwierigkeiten, die sich diesem so rasch gefaßten Entschlusse hier in Damaskus entgegen stellten; ich hielt es nicht nothwendig, ihn aufzuklären, und fragte:

»Man kann zu dieser Musik auch tanzen; hast Du einmal einen abendländischen Tanz gesehen?«

»Niemals.«

»So schicke einmal nach unsern beiden Begleitern. Sie sollen sofort kommen.«

»Diese! Sollen etwa sie tanzen?«

»Ja.«

»Sie? Als Männer!«

»Die Sitte des Abendlandes erlaubt es, daß auch Männer tanzen, und Du wirst sehen, wie hübsch das ist.«

Ein allgemeines »Peh peh!« der Erwartung tönte durch das Zimmer, als einer der Knaben den Raum verließ, um die Irländer zu holen.

»Könnt Ihr tanzen?« frug ich sie, als sie eintraten.

Auch sie hatten bequeme Hauskleidung angelegt und sahen so neugewaschen aus, daß sie sicher auch im Bade gewesen waren. Sie stießen sich freundschaftlich mit den Ellbogen und machten die Augen weit auf, als sie das Instrument erblickten.

»Heigh-day, a music-chest – heisa, ein Musikkasten!« lachte Bill mit breitem Gesichte. »Tanzen? Natürlich können wir tanzen! Sollen wir?«

»Ja.«

»In diesen Kleidern?«

»Warum nicht?«

»Well, so ziehen wir die Pantoffel aus und tanzen barfuß.«

»Welche Tänze könnt Ihr?«

»Alle! Reel, Hornpipe, Hochländer, Stamp-man, Polka, Galopp, Walzer, kurz Alles, was verlangt wird. Man hat das ganz gut gelernt!«

»Na, so schiebt die Teppiche zusammen und legt einmal los; einen Hochländer!«

Die beiden kräftigen Söhne Irland's zeigten sich unermüdlich, und das beifällige Lachen der Frauen ermunterte sie zu immer neuen Leistungen. Ich glaube, diese Damaskeserinnen hätten am liebsten sich mitbetheiligt. Aber endlich glaubte ich, daß des Guten jetzt genug geschehen sei. Die Damen entfernten sich mit herzlichem Dank, und auch der Wirth erklärte, daß er nach so langer Abwesenheit sich nun in seinem Geschäfte umsehen müsse. Ich sagte ihm, daß ich unterdessen mit Halef ausgehen werde, um die Stadt einmal in Augenschein zu nehmen, und sofort befahl er, daß man zwei Esel für uns sattele und daß ein Diener uns begleiten solle. Zugleich bat er uns, nicht spät heimzukehren, weil uns am Abend einige seiner Freunde erwarten würden.

Im Hofe fanden wir zwei weiße Bagdader Esel für uns und einen grauen für den Diener, welcher sich mit Tabak und Pfeifen reichlich versehen hatte. Wir brannten an, stiegen auf, verließen das Haus und lenkten durch die Seitengasse nach der ›geraden Straße‹ ein. Mit bloßen Füßen in Pantoffeln, mit herabhängenden Turbantüchern und dampfenden Tschibuks ritten wir gravitätisch wie türkische Paschas die reich belebte Straße entlang, um in das Christenviertel zu gelangen. Wir durchschlenderten dieses Quartier gemächlich und bemerkten dabei, daß die meisten Passanten ihr Ziel gegen das Thomasthor genommen zu haben schienen.

»Dort muß etwas zu sehen sein,« wandte ich mich an den Diener.

»Ja, Effendi, sehr viel,« antwortete er. »Es ist heut das Fest Er-Rimal, wo man mit den Bogen schießt. Wer sich vergnügen will, geht vor die Stadt in die Zelte und Gärten, um zu sehen, welche Freude Allah ihm bereitet hat.«

»Das können wir auch thun, denn es ist noch nicht spät am Tage. Kennst Du den Ort?«

»Ja, Effendi.«

»So führe uns!«

Wir ließen unsere Thiere schärfer traben und gelangten bald durch das Thor hinaus in die Ghuta, wo auf allen Wegen und Plätzen reges Leben herrschte. Ich sah bald, daß Er-Rimal ein Fest sei, an welchem sich die Anhänger aller Religionen betheiligen durften, ein Fest, unserem deutschen Vogelschießen ähnlich; doch konnte ich von unserm Begleiter nicht erfahren, welchen Ursprung es habe.

Auf freien Plätzen waren Zelte errichtet, in denen Blumen, Früchte und allerlei Eßwaren verkauft wurden. Seiltänzer, indische Gaukler, Feuerfresser, Schlangenbeschwörer trieben überall ihr Wesen; bettelnde Derwische machten die Passage unsicher; Kinder lärmten, Lastträger zankten, Kameele schrien, Pferde wieherten, Hunde bellten, und dazu in den Musikzelten ein Blasen, Kratzen, Schlagen und Zerren auf allen möglichen und unmöglichen Instrumenten – es war das wirkliche Vogelschießtreiben, nur auf anderem Schauplatz und mit anderen Gestalten. Von einem regelrechten Pfeilschießen nach dem Ziele sah ich nichts. Ich sah allerdings hier oder da einen Mann oder Knaben einen bunt befiederten Stab vom Bogen schnellen, aber das geschah nur so beliebig, so nebenbei, und wen oder was dieser Pfeil traf, das war sehr gleichgültig.

So ritten wir an einer langen Reihe von Scherbet- und Frucht-Verkäufern hinab, als ich plötzlich meinen Esel anhielt und lauschte. Was war denn das? Hatte ich recht gehört? Vor einem großen Zelte waren sehr viele Leute versammelt; aus demselben ertönten Violinen- und Harfenklänge, und jetzt, richtig, fiel nach beendetem Zwischenspiele eine abgejagte Sopranstimme in der reinsten erzgebirgischen Mundart ein:

»Zum heil'gen Ab'nd um Mitternacht
Da fließt statt Wasser Wein,
Und wenn 'ch mich nur net färchten thät
Da holt 'ch mir 'n Topp voll 'rein.«

»Sihdi, was ist das!« rief Halef. »Hier singt ein Weib. Ist das möglich?«

Ich nickte bejahend und hörte noch die nächste Strophe:

»Mer hab'n aach neunerlei Gericht,
Aach Wurscht und Sauerkraut;
Das hat mei' Alte vorgericht't,
Die alte, gute Haut.«

Hier konnte ich unmöglich vorüberreiten; hier mußte ich einmal einkehren, um zu sehen, ob ich recht vermuthe. Ich stieg ab und winkte Halef, mir zu folgen, während der Diener bei den Thieren blieb. Wir drängten uns durch die Menge und traten ein. Vor der Thür saß ein grimmiger, schwarzbärtiger Türke und schnauzte uns entgegen:

»Her kischi bir Gurusch – pro Person einen Piaster!«

Ich zahlte das Entrée und blickte mich dann im Zelte um. In die Erde geschlagene Pfähle und darauf genagelte Latten bildeten Bänke und Tische, ganz nach schöner, deutscher Vogelwiesensitte; auf diesen Bänken und an diesen Tischen hockten, eng an einander gedrückt, weit mehr als hundert Araber, Türken, Armenier, Kurden, Juden, Christen, Drusen, Maroniten, Baschi-Bozuks, Arnauten und so weiter; sie tranken Scherbet oder Kaffee, rauchten oder kauten Gebäck und Früchte; im Hintergrunde war das ›Büfett‹, und daneben saßen auf einem ächten Podium zwei Violinisten, zwei Harfenistinnen und eine Guitarrespielerin, alle zusammen in Tyroler Tracht.

Ich schritt bis ganz nahe an sie heran, schob ganz einfach, ohne erst zu fragen, die elf Köpfe zählenden Inhaber einer Bank noch enger zusammen und setzte mich mit Halef nieder. Dieses summarische Verfahren mochte uns die Achtung des ›Kellners‹ erworben haben, denn er eilte sofort herbei und forcirte eine tiefe Reverenz.

»Scherbet für Zwei!« bestellte ich und hatte für die zwei Gläser fünf Piaster zu bezahlen. Das waren ja wirkliche Hôtelpreise!

Unterdessen war das Lied, von welchem keiner der Anwesenden ein Wort verstand, von der Guitarristin zu Ende gesungen worden, und als sich trotzdem reicher Beifall vernehmen ließ, gab sie noch einen Dacapovers zum Besten und ging dann mit dem bekannten Notenblatte einkassiren. Ich wurde dabei rücksichtsvoll übersehen, da wir eben erst gekommen waren.

Das nächste Musikstück war ein ›Lied ohne Worte‹, nach welchem der eine Violinist hinter einem Vorhange verschwand. Nach kurzer Zeit begann ein Präludium, und der Violinist kehrte zurück als – deutscher Handwerksbursche mit Ziegenhainer, zerrissenen Stiefeln, eingetriebenem Hute und dem unvermeidlichen ›Berliner‹ auf dem Rücken. Im rauhesten Bierbasse intonirte er:

»Wenn ich mich nach der Heimat sehn',
Wenn mir im Aug' die Thränen stehn,
Wenn's Herz mich drückt halt gar so sehr,
Dann fühl ich's Alter um so mehr.
Und's wird nur leichter mir um's Herz,
Fühl' weniger den stillen Schmerz,
Wenn ich so off der Straße steh
Und mir mein kleenes Geld beseh.«

Das war der ›Stoffel in der Fremde‹ wie er leibte und lebte. Und obgleich das Publikum weder einen Begriff von einem deutschen Handwerksburschen hatte, noch ein Wort des Vortrages verstand, wurde der Komiker doch mit einem sehr dankbaren Applaus belohnt.

Das waren jedenfalls Presnitzer Leute, und um die Universalität dieser Leute auf die Probe zu stellen, frug ich die Sängerin:

»Türkü tschaghyr-sen ne schekel- in welcher Sprache singest Du?«

»Türkü tschaghyr-im nemtschedsche – ich singe deutsch,« antwortete sie.

»You are consequently a german Lady – Sie sind folglich eine deutsche Dame?«

»My native country is german Austria – meine Heimat ist Deutsch-Österreich.«

»Et comme s'appelle votre ville natale – und wie heißt Ihre Vaterstadt?«

»Elle est nommée Presnitz, situé au nord de la Bohème – sie heißt Presnitz, welches in Nord-Böhmen liegt.«

»Ah, nicht weit von der sächsischen Grenze, nahe von Jöhstadt und Annaberg?«

»Richtig!« rief sie. »Hurrjeh, Sie reden auch deutsch?«

»Wie Sie hören!«

»Hier in Damaskus?«

»Überall!«

Da nahmen auch ihre Collegen theil; die Freude, hier einen Deutschen zu treffen, war allgemein, und die Folge davon waren einerseits von mir einige Gläser Scherbet und anderseits von ihnen die Bitte, mein Lieblingslied zu nennen; sie wollten es singen. Ich bezeichnete es ihnen, und sofort begannen sie:

»Wenn sich zwei Herzen scheiden,
Die sich dereinst geliebt,
Das ist ein großes Leiden,
Wie's größer keines gibt.«

Ich freute mich, wieder einmal dem Orgelklange dieser prächtigen Melodie lauschen zu können; da gab mir Halef einen Stoß und winkte nach dem Eingange hin. Mein Auge folgte der angegebenen Richtung und erblickte einen Mann, von dem wir während der letzten Tage so oft gesprochen hatten, und den ich hier wohl nicht zu finden geglaubt hätte. Diese schönen, feinen, aber in ihrer Disharmonie so unangenehmen Züge, dieses forschend scharfe, stechende Auge mit dem kalten, durchbohrenden Blick, diese dunklen Schatten, welche Haß, Liebe, Rache und unbefriedigter Ehrgeiz über das Gesicht geworfen hatten, sie waren mir zu bekannt, als daß mich der dichte Vollbart, welchen der Mann jetzt trug, hätte täuschen können. Es war Dawuhd Arafim, welcher sich in seinem Hause am Nile Abrahim Mamur hatte nennen lassen!

Er musterte die Anwesenden, und ich konnte es nicht verhindern, daß sein Blick auch auf mich fiel. Ich sah ihn zusammenzucken, dann drehte er sich schnell um und verließ mit einigen hastigen Schritten das Zelt.

»Halef, ihm nach! Wir müssen wissen, wo er hier wohnt.«

Ich sprang auf, und Halef folgte mir. Vor dem Zelte angekommen, sah ich ihn auf einem Esel fortgaloppiren, während der Treiber, sich am Schwanze des Thieres haltend, hinter ihm drein sprang; unser Diener aber war nirgends zu sehen, und als wir ihn nach hastigem Suchen bei einem Märchenerzähler fanden, war es zu spät, den Flüchtigen zu erreichen. Die Ghuta bot ihm mehr als genug Weg und Deckung, uns zu entgehen.

Das machte mich so mißmuthig, daß ich heimzukehren beschloß. Ich hatte beim Erscheinen dieses Menschen sofort das Gefühl gehabt, daß ich auf irgend eine Weise wieder mit ihm zusammengerathen müsse, und nun war mir die Gelegenheit entgangen, etwas Näheres über seinen hiesigen Aufenthalt zu erfahren. Auch Halef murmelte verschiedene Kraftworte in seinen dünnen Bart hinein und meinte dann, daß es am besten sei, nach Hause zu gehen und noch ein wenig Musik zu machen.

Wir ritten denselben Weg zurück, welchen wir gekommen waren. Auf der ›geraden Straße‹ wurden wir angerufen. Es war unser Wirth, welcher mit einem hübschen, jungen Manne am Eingange eines Schmuck- und Geschmeideladens stand. Auch er hatte einen Diener mit einem Reitesel bei sich.

»Willst Du nicht hier eintreten, Herr?« frug er. »Wir kehren dann mit einander nach Hause zurück.«

Wir stiegen ab, traten in das Gewölbe und wurden von dem jungen Manne mit größter Herzlichkeit begrüßt.

»Dies ist mein Sohn Schafei Ibn Jacub Afarah.«

Also erst jetzt erfuhr ich den Namen unsers Wirthes, Jacub Afarah. Es ist das im Oriente keine Seltenheit. Er nannte dem Sohne auch unsere Namen und fuhr dann fort:

»Dies ist mein Juwelenladen, welchen Schafei mit einem Gehülfen verwaltet. Verzeihe, daß er uns jetzt nicht begleiten kann! Er muß bleiben, weil der Gehülfe gegangen ist, um sich das Fest Er Rimal anzusehen.«

Er blickte im Laden umher. Er war klein und ziemlich finster, barg aber eine solche Menge von Kostbarkeiten, daß mir armen Teufel angst und bange wurde. Ich ließ einige darauf bezügliche Worte fallen und bekam zu hören, daß Jacub auf anderen Bazars noch mehrere Gewölbe für Spezereisachen, Teppiche und kostbare Rauchutensilien besitze.

Nachdem wir auch hier eine Tasse Kaffee getrunken hatten, brachen wir auf. Die Zeit der Dämmerung nahte, und wir waren nicht lange zu Hause angekommen, so brach der Abend herein.

Man hatte mir während meiner Abwesenheit die Stube geschmückt. Von der Decke hingen Ampeln voll duftender Blumen herab, und auch in jeder Ecke stand eine hohe Vase, mit liebenswürdigen Kindern Flora's angefüllt. Schade, daß ich mich so gar nicht auf Blumensprache verstand, sonst hätte ich vielleicht eine rührende Dankadresse für das Piano-Concert herauslesen können!

Ich legte mich lang auf das Polster, um ein wenig nichts zu thun, aber ich that doch etwas, nämlich ich dachte an diesen Abrahim Mamur, der mir gar nicht wieder aus dem Sinne kommen wollte. Was wollte er hier in Damaskus? Hatte er wieder eine seiner Schändlichkeiten vor? Warum floh er vor mir, da ich doch eigentlich gar nichts mehr mit ihm zu thun hatte? Auf welche Weise war es wohl möglich, seine Wohnung kennen zu lernen?

So sann und grübelte ich, doch dabei immer auf das rege Leben horchend, welches draußen auf dem Corridore zu herrschen begann. Da, nach langer Zeit, wurde an meine Thüre geklopft, und Jacub trat ein.

»Herr, bist Du fertig zum Abendmahle?«

»Wie Du befiehlst.«

»So komm! Halef, Dein Begleiter, ist bereits fort.«

Er führte mich nicht nach dem Selamlik, wie ich erwartet hatte, sondern durch zwei Corridore nach der vorderen Seite des Hauses und öffnete daselbst eine Thür. Es war ein großes, fast saalähnliches Zimmer, welches ich betrat. Von hundert Kerzen hell bestrahlt, glänzten ringsum schwarz eingestickte Kuransprüche von den seidenen Wänden. Ein Drittel des Raumes wurde durch einen eisernen Stab abgeschnitten, von dem quer über das Zimmer ein schwerer Sammtvorhang niederhing. In ihm befanden sich drei Fuß über dem Boden zahlreiche Gucklöcher, was mich zu der Annahme veranlaßte, daß sich hinter ihm die Frauen niederlassen würden.

Es waren gegen zwanzig Herren anwesend, die sich bei unserem Eintritte erhoben, um mich mit der Hand zu begrüßen, während Jacub mir ihre Namen nannte. Zwei Söhne und drei Gehilfen von ihm waren dabei, auch Halef war bereits zugegen; er schien sich überhaupt mit würdiger Gewandtheit in seine gegenwärtige Lage zu finden.

Während der Anfangs nicht recht fließenden Unterhaltung wurden wohlriechende Liqueurs getrunken, wobei die unvermeidliche Pfeife dampfte; dann aber ward ein Mahl aufgetragen, bei dessen Anblick sich mein guter Halef nicht ganz beherrschen konnte, sondern sich die sechzehn Haare seines Schnurrbartes mit beiden Händen unwillkürlich aus dem Munde strich. Es gab da außer den mir bereits bekannten Gerichten auch noch ein Mus von Tobba und Habb el Aas, Salat von Sübbh el Belad, einer rothen Wurzel, welche unserer Möhre ähnlich ist, gebratene Schürrsch el Mahrut, eine scharf gebratene große Eidechsenart, welche mein Wirth Dobb nannte und deren Fleisch mir recht gut mundete. Auf weiten Reisen lernt man am leichtesten alte Vorurtheile ablegen.

Nach dem Essen wurden die Platten und Gefäße entfernt, und dann – ward das Piano hereingetragen. Ein bittender Blick Jacub's sagte mir, was von mir gewünscht werde, und ich kam meiner Pflicht auch ohne Zögern nach. Nur eine Bedingung machte ich, auf deren Erfüllung ich aber auch streng bestand. Ich bat nämlich, den Vorhang zu entfernen. Jacub sah mich erschrocken an.

»Warum, Herr?« frug er.

»Weil dieser Sammet den Schall meiner Töne so einsaugen wird, daß Ihr nicht sehr viel Schönes hören werdet.«

»Aber es sitzen Frauen dahinter!«

»Sie haben ihre Schleier!«

Erst nach einer längeren Unterredung mit seinen Gästen wagte er, den Vorhang zu beiden Seiten zurückzuschieben, und nun erblickte ich etliche dreißig weibliche Gestalten, welche auf weichen Matten am Boden hockten. Ich that mein Möglichstes, sie zu unterhalten, und sang ihnen auch eine Anzahl Lieder vor, deren Text ich während des Gesanges, so gut ich es vermochte, in das Arabische extemporirte.

Als ich aufhörte, führte mich Jacub an das kleine Gitterfenster, welches hinaus auf die ›gerade Straße‹ ging. Da unten stand, so breit die Gasse war, eine Kopf an Kopf gedrängte Zuschauerschaar. Was werden diese Moslemin gedacht haben, als sie mich singen hörten! Die Gäste meines Wirthes aber hielten mich keineswegs für verrückt, daß ich ihnen den ›Ton meiner Kehle preis gab‹, was kein Altgläubiger thut; sie waren bereits aufgeklärt genug, um sich den Genuß mit zelotischen Skrupeln nicht zu verderben, und verließen gegen Mitternacht das Haus mit dem Vorsatze, es bald wieder zu besuchen. Was die Damen betrifft, so hatte ich etliche dreißig Nasenspitzen und einige sechzig Augen gesehen, sonst aber nichts – nicht einmal einen Fuß, der im Taktschlagen den Pantoffel verloren hätte, da Beides, Füße und Pantoffel, bei der Art und Weise des orientalischen Sitzens von mir abgewendet war.

Jacub führte mich mit großer Höflichkeit auf mein Zimmer zurück und freute sich, als ich seinem Sohne erlaubte, mitzukommen. Dieser bedauerte, daß sein Gehülfe nicht auch da gewesen sei.

»Du hättest ihm eine große Freude bereitet,« bemerkte er mir. »Er liebt die Musik und ist ein sehr kluger Mann. Er kann in der Sprache der Italiener, Franzosen und Engländer mit Dir sprechen.«

»Ist er aus Damaskus?« fragte ich, um den hingeworfenen Gesprächsgegenstand höflich aufzunehmen.

»Nein,« antwortete Jacub. »Er ist aus Adrianopel und der Enkel meines Oheims. Sein Name ist Afrak Ben Hulam. Wir hatten ihn noch nie gesehen; er kam mit einem Briefe seines Vaters und mit einem Schreiben meines Bruders Maflei in Stambul bei mir an, um sein Geschäft noch weiter kennen zu lernen.«

»Warum war er heut Abend nicht zugegen?«

»Er war müd und fühlte sich nicht wohl,« antwortete Schafei. »Als er von dem Feste zurückkehrte, sagte ich ihm, daß Kara Ben Nemsi Effendi angekommen sei und heut Abend Musik machen werde; er wollte gern kommen, aber er war krank und sah blaß aus wie der Tod. Aber dennoch hat er die Musik gehört, denn er schläft nahe bei dem Zimmer, in welchem wir uns befanden.«

Nach kurzem Aufenthalte bei mir verließen mich die Beiden, und ich legte mich zur Ruhe. Wie anders schlief es sich auf diesen Polstern als da draußen im harten Sande oder auf feuchter, gifthauchender Erde!

Als ich am Morgen erwachte, hörte ich den Bulbul locken, der draußen vor meiner Fensteröffnung auf dem Zweige saß. Auch Halef war bereits munter, als ich in sein Gemach trat, trank Kaffee und aß Zuckergebäck dazu. Ich leistete ihm Gesellschaft, und dann gingen wir hinunter in den Hof, um an dem Bassin eine Pfeife zu rauchen. Vorher aber sah ich nach den Pferden. Sie standen auf Marmor und Weizenstroh und schmausten prächtige Datteln; ich sah, daß sie ebensowenig Veranlassung zur Beschwerde hatten, wie wir selbst.

Am Brunnen trat der junge Schafei zu uns, um sich zu verabschieden und zu einem Besuche im Bazar einzuladen. Er mußte den ganzen Tag dort zubringen, denn das Unwohlsein seines Vetters und Gehilfen hatte sich gesteigert, so daß dieser das Zimmer hüten mußte.

»Herr, ich weiß, daß Du ein Hekim bist – –« sagte er.

»Wer sagte das?« unterbrach ich ihn.

»Du hast damals am Nile vielen Kranken geholfen; Isla hat es uns erzählt. Daher bat ich vorhin den Gehülfen, mit Dir zu sprechen, aber er will es nicht thun; er sagte, daß diese Krankheit öfters erscheine, aber stets nach zwei Tagen wieder vorübergehe. Willst Du nicht einmal nach ihm sehen?«

»Nein. Er wünscht es nicht, und ich bin auch kein wirklicher Hekim.«

Als der junge Mann sich entfernt hatte, hörte ich einzelne Töne des Klaviers erklingen; es war eine leise forschende Hand, welche die Tasten niederdrückte, und bald darauf kam der Tschibuktschi und bat mich, hinauf zu kommen. Droben stand eine der beiden Töchter; sie kam mir mit bittender Geberde entgegen:

»Effendi, verzeihe mir! Ich sehne mich, das Lied noch einmal zu hören, welches Du gestern zuletzt gespielt hast.«

»Du sollst es hören.«

Sie setzte sich in einem Winkel nieder und lehnte den Kopf an die Wand. Ich aber spielte. Es war das herrliche Kirchenlied: ›Hier liegt vor Deiner Majestät im Staub die Christenschar.‹ Ich spielte diese Melodie einige Male und sang dann auch mehrere Strophen des Liedes. Das Mädchen hielt die Augen geschlossen und die Lippen leise geöffnet, wie um die frommen, feierlichen Töne leichter in ihr Inneres dringen zu lassen.

»Soll ich noch etwas spielen?« fragte ich am Schlusse.

Sie erhob sich wieder und trat herbei.

»Nein, Effendi, denn diese Musik soll durch keine andere beeinträchtigt werden. Wer ist es bei Euch, der solche Worte und Töne singen darf?«

»Sie werden von Männern, Frauen und Kindern in jedem Gotteshause der Christen gesungen. Und wer ein frommer Vater ist, singt mit den Seinen auch daheim solche Lieder.«

»Herr, es muß schön bei Euch sein! Ihr gewährt Freiheit Eueren Lieben. Euere Priester, welche Euch erlauben, solche Lieder mit den Euerigen zu singen, müssen besser sein und freundlicher als die unserigen, welche behaupten, daß Allah dem Weibe keine Seele gegeben habe. Allah strafe sie und den Propheten für diese Lüge! Dir aber, Effendi, danke ich!«

Sie ging hinaus, und ich blickte ihr schweigend nach. Ja, der Orient schmachtet nach Erlösung aus schweren, tausendjährigen Banden. Wann wird sie ihm werden? –

Ich schloß das Instrument; ich konnte nicht spielen, denn ein jeder Ton, welcher zu ihr drang, mußte den Eindruck des frommen Liedes verwischen, den sie sich bewahren wollte. Ich ging hinunter und ließ satteln, um mit Halef einige kleine Einkäufe zu machen.

Da wir nichts zu versäumen hatten, so beeilten wir uns nicht, machten einen Ritt der Wißbegierde durch die Gassen und drangen sogar in das enge, schmutzige Judenviertel ein. Da gab es genug Trümmer und Elend. Zwischen den Resten ehemaliger Prachtbauten klebten halbverfallene Butiken; die Männer gingen in abgeschabten, aus den Nähten reißenden Kaftanen, und die Kinder in Fetzen und Lumpen; die Frauen aber trugen über ihren verschossenen Prachtgewändern all ihren ächten oder unächten Schmuck zur Schau. Ich glaube, grad so müssen sich die Frauen und Töchter der Juden auch damals getragen haben, als der ProphetJesaiais 3, 17-23 ihnen verkündigte: »Der Herr wird den Scheitel der Töchter Zion's kahl machen und ihnen ihr Geschmeide wegnehmen. In dieser Zeit wird der Herr den Schmuck an den kostbaren Schuhen fortnehmen, die Heftel und die Spangen, die Ketten und Armbänder, den Flitter, die Hauben, das Gebräme, die Schnuren, Bisamäpfel und Ohrenspangen, die Ringe und Haarbänder, die Feierkleider, die Mäntel, die Schleier, die Beutel, die Spiegel, die Koller, die Borten und die Kittel.«

Als wir auf dem Rückwege an dem Bazar der Juwelenhändler und Goldarbeiter vorbeiritten, wollte ich bei Schafei absteigen, fand aber zu meinem Erstaunen das Gewölbe verschlossen. Zwei Khawassen hielten Wache dabei. Ich erkundigte mich bei ihnen nach dem Grunde, erhielt aber eine so grobe Antwort, daß ich schleunigst fortritt. Zu Hause angekommen, fand ich sämmtliche Bewohner in der höchsten Aufregung. Schon unter dem Thore kam mir Schafei entgegen. Er wollte das Haus in größter Eile verlassen, hielt aber an, als er mich erblickte.

»Effendi, weißt Du es schon?« rief er mich an.

»Was?«

»Daß wir bestohlen sind, entsetzlich bestohlen und betrogen!«

»Kein Wort!«

»So laß es Dir von dem Vater erzählen! Ich muß fort.«

»Wohin?«

»Allah 'l Allah, ich weiß es noch nicht.«

Er wollte an mir vorüber, ich aber streckte die Hand nach ihm aus und hielt ihn fest. Das Ereigniß hatte ihm die grad jetzt so nöthige Ruhe des Urtheils genommen, wie mir schien; einem unvorsichtigen Handeln mußte vorgebeugt werden.

»Bleib jetzt noch,« bat ich.

»Laß mich! Ich muß ihm nach!«

»Wem? Dem Diebe? Wer ist es?«

»Frage den Vater!«

Er wollte sich mir entwinden, ich aber rutschte von meinem Esel herunter, nahm den Arm des Widerstrebenden kräftig unter den meinigen und so zwang ich ihn, mit mir zu gehen.

Er fügte sich meinem gewaltsamen Einschreiten und führte mich die Treppe empor in die Wohnung seines Vaters. Dieser stand, zum Ausgehen gerüstet, mitten in dem Raume und war beschäftigt, sich ein paar riesige Pistolen zu laden. Als er seinen Sohn erblickte, fuhr er zornig auf:

»Was willst Du noch? Man darf keine Zeit verlieren, keine Minute! Gehe, eile! Auch ich werde gehen und diesen Menschen erschießen, wo ich ihn nur immer finde!«

Um ihn standen die anderen Glieder seiner Familie, mit ihren Thränen und Klagen die Situation nur noch verschlimmernd. Ich hatte Mühe, sie zu beruhigen und Jacub dazu zu bringen, mir die Sache zu erklären. Afrak Ben Hulam, der kranke Gehülfe und Vetter aus Adrianopel, hatte, nachdem wir fortgeritten waren, das Haus verlassen und war zu Schafei in den Laden getreten mit der Botschaft, daß dieser augenblicklich eines großen Kaufes wegen zu seinem Vater kommen solle, der sich in dem großen Han Assad Pascha befinde. Schafei war auch wirklich gegangen, hatte aber nach langem Suchen und nach längerem Warten seinen Vater nicht getroffen. Darauf war er doch endlich nach Hause geeilt und hatte dort zu seinem Erstaunen den Gesuchten unter den Arkaden ruhen gefunden. Jacub hatte erklärt, dem Gehülfen die erwähnte Botschaft gar nicht aufgetragen zu haben. In Folge dessen kehrte Schafei zum Bazar zurück und fand ihn verschlossen. Er öffnete mit dem zweiten Schlüssel, welchen er stets bei sich trug, und sah beim ersten Blick, daß eine ganze Menge und unter ihnen just die größten der Kostbarkeiten verschwunden seien, mit ihnen natürlich Afrak Ben Hulam, der Gehülfe. Er eilte, den Vater zu benachrichtigen, hatte aber trotz seines Schreckens noch so viel Besonnenheit, die Thür wieder zu verschließen und zwei Khawassen als Wächter davor zu postiren. Seine Nachricht hatte natürlich das ganze Haus alarmirt, und als ich mit Halef kam, war er im Begriffe gewesen, wieder fort zu eilen; aber wohin zunächst, das wußte er selbst noch nicht. Auch Jacub wollte fort, um den Dieb vor allen Dingen zu erschießen; aber wo er ihn finden werde, das hatte er sich allerdings noch nicht gefragt.

»Ihr werdet Euch mit Euerer unbesonnenen Eile mehr schaden als nützen,« meinte ich beschwichtigend. »Setzt Euch nieder, und laßt uns ruhig berathen! Ein hastiger Renner ist nicht immer das schnellste Pferd.«

Ich hatte einige Mühe, diese Ansicht durchzubringen, doch gelang es mir endlich.

»Wie groß ist der Werth, welcher entwendet wurde?« erkundigte ich mich.

»Das weiß ich noch nicht genau,« antwortete Schafei, »aber es werden viele, viele Beutel sein.«

»Und Du glaubst, daß wirklich nur Afrak der Dieb sein kann?«

»Nur er allein. Die Botschaft, welche er mir brachte, war erlogen, und nur er allein hatte die Schlüssel und wußte, wo das Werthvollste zu finden war.«

»Gut, so haben wir es nur mit ihm allein zu thun! War er wirklich ein Verwandter von Euch?«

»Ja. Wir hatten ihn zwar niemals gesehen, aber wir wußten, daß er kommen werde, und die Briefe, welche er brachte, waren ächt.«

»War er ein Juwelier, ein Goldarbeiter?«

»Ein sehr geschickter sogar.«

»Kennt er Euere Familien und alle ihre Verhältnisse?«

»Ja, obgleich er sich öfters irrte.«

»Er war gestern auf dem Feste, und Du sagtest, daß er sehr bleich gewesen sei. War er bereits bleich, als er kam, oder wurde er es erst, als er hörte, daß Kara Ben Nemsi Euer Gast sei?«

Schafei blickte überrascht empor.

»Bei Allah, was willst Du damit sagen, Effendi? Ich glaube, er ist erst bleich geworden, als ich ihm von Dir erzählte.«

»Das bringt mich vielleicht auf seine Spur.«

»Effendi, wenn dies wäre!«

»Er erschrack, als er von mir hörte; er kam nicht, als ich das Piano spielte; er schützte eine Krankheit vor, denn er konnte nicht fort, weil ich im Hofe saß und ihn gesehen hätte, und als ich mich dann entfernt hatte, ging auch er. Halef, weißt Du, wer dieser Afrak Ben Hulam ist?«

»Wie kann ich das wissen!« antwortete der Hadschi, welcher uns bis hierher gefolgt war.

»Es ist kein anderer als Dawuhd Arafim, der sich auch Abrahim Mamur genannt hat. Schon gestern Abend kam mir dieser Gedanke, aber er war so sehr unwahrscheinlich, daß ich es nicht glauben mochte. Jetzt aber bin ich beinahe davon überzeugt, daß es kein Anderer gewesen ist.«

Meine Zuhörer waren stumm vor Schreck, und erst nach einer längeren Pause sagte Jacub mit energischem Kopfschütteln:

»Das ist ganz unmöglich, Effendi. Mein Verwandter hat sich niemals Dawuhd Arafim oder Abrahim Mamur genannt und ist auch niemals in Ägypten gewesen. Du hast gestern diesen Mamur hier wiedergesehen?«

»Ja. Ich vergaß, es zu erzählen, weil ich zu viel an die Musik denken mußte. Beschreibe mir Deinen Verwandten und die Kleider, welche er getragen hat, als er gestern zum Feste ritt!«

Dieser Aufforderung wurde mit der größten Genauigkeit nachgekommen; es stimmte, es war Abrahim Mamur und kein Anderer. Aber die beiden Kaufleute wollten dies nicht begreifen.

»Afrak Ben Hulam ist niemals in Ägypten gewesen,« behaupteten sie wiederholt, »und wie käme ein Fremder zu den Briefen, welche er brachte!«

»Dies sind die beiden einzigen unklaren Punkte; aber wie nun, wenn dieser Abrahim dem wirklichen Afrak die Briefe abgenommen hätte?«

»Allah kerihm, dann hätte er ihn ja tödten müssen, um sicher zu sein!«

»Das wird vielleicht noch aufzuklären sein: ich traue diesem Menschen Alles zu. Wir müssen ihn finden; wir müssen ihn wieder haben! Aber nun seht Ihr, daß die ruhige Überlegung doch besser ist, als eine unbesonnene Hast. Der Dieb hält sich entweder noch in Damaskus versteckt, oder er hat schleunigst die Stadt verlassen. Ihr müßt für den zweiten Fall gerüstet sein. Was würdest Du thun, Jacub Afarah, wenn er bereits entwichen wäre?«

»Wüßte ich die Richtung, so würde ich ihn verfolgen, bis ich ihn fände, und wenn ich bis an das Ende der Welt gehen müßte!«

»So sende nun schnell Schafei zur Polizei. Er mag Anzeige erstatten, damit sofort die Thore besetzt und außerdem Streifwachen durch die Ghuta gesendet werden. Er mag ferner für Dich einen Paß besorgen, welcher durch das ganze Reich des Großherrn Geltung hat, und eine Begleitung berittener Khawassen, auf deren Hülfe Du Dich verlassen kannst.«

»Effendi, Deine Rede ist besser als vorhin mein Zorn. Dein Auge ist schärfer als das meinige; willst Du mir auch ferner beistehen?«

»Ja. Führe mich jetzt in die Stube, welche der Dieb bewohnt hat!«

Schafei eilte fort, und wir Andern suchten die Wohnung des falschen Afrak auf. Da zeigte es sich, daß er mit dem Vorsatze fortgegangen war, nicht wieder zurückzukehren; aber es ließ sich sonst nicht das Geringste entdecken, was irgend einen Fingerzeig geben konnte.

»Das war umsonst. Wir müssen versuchen, andere Spuren zu entdecken. Wir Drei wollen uns theilen, um zu sehen, ob wir an den Thoren der Stadt und bei den Führern und Thierverleihern eine Nachricht erhalten können.«

Dieser Vorschlag wurde von Jacub und Halef mit Freude angenommen, und schon zwei Minuten später ritt ich auf dem Esel nach dem Gottesthore. Mein Pferd hatte ich nicht nehmen wollen, da ich nicht wußte, ob seine Kräfte mir später nöthiger sein würden. Meine Bemühungen waren übrigens ohne Erfolg. Ich fragte und forschte an allen Orten, wo ich eine Auskunft vermuthen konnte; ich durchstreifte die Ghuta und traf da auch auf die bereits ausgesandten Patrouillen, fand aber nicht die mindeste Spur und kehrte drei Stunden nach Mittag schweißtriefend wieder heim. Jacub war bereits einige Male dagewesen, aber wieder fortgeritten; auch Halef hatte nichts Sicheres erfahren, doch brachte er mir wenigstens eine Hoffnung mit. Er hatte die nördliche Seite der Stadt übernommen gehabt und war da an dem Zelte vorüber gekommen, in welchem wir gestern gesessen hatten. Am Eingange des Zeltes stand die Sängerin, die ihn wieder erkannte und ihn zu sich winkte. Sie hatte gestern bemerkt, daß wir Mamur's wegen so plötzlich aufgebrochen waren, und sagte nun Halef, daß ich zu ihr kommen möge, wenn ich etwas über diesen Mann wissen wolle.

»Aber warum hat sie es nicht gleich Dir gesagt, Halef?« fragte ich.

»Sihdi, sie kann nicht arabisch und ich ganz wenig das Türkische, welches sie redet; sie spricht es so, daß ich es nicht verstehe. Selbst das, was sie mir heute sagte, habe ich mehr errathen müssen.«

»So reiten wir sofort hinaus zu ihr und nehmen unsere Pferde, weil die Esel müde sind.«

Es war der letzte Tag des Festes, das fünf Tage dauerte.

Als wir nach einem schnellen Ritt das Zelt der Presnitzer erreichten, zeigte es sich nicht so sehr überfüllt, wie am Tage vorher. Die Musik machte grad eine Pause, und so kam es, daß ich sogleich mit dem Mädchen sprechen konnte. Vor Zuhörern brauchte ich keine Sorge zu haben, da unsere kurze Unterhaltung in deutscher Sprache geführt wurde.

»Warum rissen Sie gestern so schnell aus?« fragte mich die Sängerin.

»Weil ich dem Manne folgen wollte, welcher gleich nach seinem Eintritte das Zelt wieder verließ. Ich wollte wissen, wo er wohnt.«

»Das sagt er Niemand.«

»Ah, das wissen Sie?«

»Ja. Er kam gestern bereits zum dritten Male in das Zelt. Dort, dicht neben uns, saß er neben einem Engländer, dem er auch nicht sagte, wo seine Wohnung sei.«

»Sprach er englisch, oder redete der Engländer arabisch?«

»Sie sprachen englisch, und ich verstand jedes Wort. Der Gentleman hat ihn als Dolmetscher engagirt.«

»Nicht möglich! Für hier oder für die Reise?«

»Für die Reise.«

»Wohin?«

»Das weiß ich nicht; ich hörte nur, daß die erste Ortschaft Salehiëh heiße.«

»Und wann wollten sie aufbrechen?«

»Sobald der Dolmetscher mit einem Handel fertig ist, wegen dessen er nach Damaskus kam. Ich glaube, er sprach von einem Olivenölgeschäft für Beirut.«

Sonst wußte sie nichts. Ich dankte und gab ihr ein Geschenk.

Damit Jacub nicht ohne Nachricht bliebe, sandte ich Halef zu ihm; ich aber umritt die Stadt, um an das Gottesthor zu gelangen, von wo aus der Weg nach Salehiëh führt, welches am westlichsten Rande der Ghuta liegt und eigentlich als eine Vorstadt von Damaskus betrachtet werden muß. Durch diesen Ort führt die Handelsstraße nach Beirut am mittelländischen Meere, nebst allen anderen Wegen, auf denen man die Ortschaften Palästina's erreicht.

Als ich dort anlangte, war bereits der Abend nahe. Es schien mir ungewiß, ob ich eine befriedigende Auskunft erlangen werde, da bei dem nach innen gerichteten Bau der orientalischen Häuser die Straßen nicht so unter Beobachtung stehen, wie bei uns im Abendlande. Da aber erblickte ich einige jener Unglücklichen, welche, von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, doch nur von dem Mitleide derselben leben können: Aussätzige. Sie lagen, in Lumpen gehüllt, unweit der Straße und riefen mich schon von Weitem an, ihnen eine Gabe zu reichen.

Ich ritt auf sie zu, sofort aber entflohen sie, da es ihnen verboten ist, einen gesunden Menschen in ihre Nähe zu lassen. Nur auf meine wiederholte Versicherung, daß ich ein Abendländer sei und mich vor ihrer Krankheit nicht fürchte, blieben sie endlich stehen; dennoch aber ließen sie mich nur bis zu einem Abstand von höchstens zwanzig Schritten heran.

»Was willst Du von uns, Herr?« fragte der Eine. »Lege Deine Gabe auf den Boden nieder und entferne Dich schnell!«

»Was für eine Gabe ist Euch die liebste? Wünscht Ihr Geld?«

»Nein. Wir können uns doch nichts kaufen, denn Niemand würde das Geld von uns annehmen. Gib uns Anderes: ein wenig Tabak, Brod, Fleisch oder sonst etwas zu essen.«

»Warum seid Ihr hier im Freien? Es gibt ja Hospitäler für Aussätzige in Damask.«

»Sie sind gefüllt. Wir müssen warten, bis der Tod Platz für uns macht.«

»Ich will mich bei Euch nach etwas erkundigen. Könnt Ihr mir Auskunft geben, so sollt Ihr morgen früh Tabak für mehrere Wochen und auch noch Anderes haben, was Ihr brauchen könnt. Jetzt habe ich nichts bei mir.«

»Was sollen wir Dir sagen?«

»Wie lange befindet Ihr Euch hier an diesem Orte?«

»Seit mehreren Tagen.«

»So habt Ihr wohl alle Leute gesehen, welche hier vorübergekommen sind. Waren es Viele?«

»Nein. Nach der Stadt kamen Viele, des Festes wegen, dessen letzter Tag heut ist; aus der Stadt aber kam nur ein Maulthierzug nach Ras Heya und Gazein, mehrere Leute, welche nach Hasbeya wollten, einige Arbeiter aus Zebedeni und gleich vor Mittag ein Inglis mit zwei Männern, die ihn begleiteten. «

»Woher wißt Ihr, daß es ein Inglis war?«

»O, einen Inglis erkennt man sofort. Er war ganz grau gekleidet, hatte einen sehr hohen Hut auf, eine große Nase und zwei blaue Gläser auf derselben. Einer seiner Begleiter mußte ihm erklären, was wir von ihm wollten, und dann gab er uns ein wenig Tabak, einige kleine Brode und auch noch viele kleine Hölzchen, mit denen man Feuer machen kann.«

»Beschreibt mir den Mann, der ihm als Dolmetscher diente!«

Es geschah, und die Beschreibung stimmte ganz genau auf den Gesuchten.

»Wohin ritten sie?«

»Wir wissen es nicht. Sie ritten auf der Beiruter Straße; aber die Kinder des alten Abu Medschach werden Dir Auskunft geben können, denn dieser war ihr Führer. Er wohnt in dem Hause neben der großen Palme, welche Du dort siehst.«

»Ich danke Euch! Ich werde morgen in aller Frühe vorüberkommen und Euch mitbringen, was ich Euch versprochen habe.«

»O Herr, Deine Barmherzigkeit wird Gnade finden vor den Augen Allah's. Könntest Du uns nicht einige Pfeifen mitbringen, wie sie für wenige Para zu kaufen sind?«

»Ihr sollt sie haben; ich verspreche es Euch.«

Nun ritt ich in Salehiëh ein und erfuhr im Hause des Führers, daß der Inglis nach dem Thale von Sebdani gewollt habe. Der alte Abu Medschach war nur bis dahin gemiethet worden. Dies war jedenfalls eine vorsichtige Manipulation des Dolmetschers, welcher dadurch eine etwaige Nachforschung erschweren wollte. Doch wußte ich nun genug und kehrte nach Damaskus zurück.

Ich fand den Gastfreund in höchster Spannung meiner warten. Zwar waren seine Nachforschungen ohne Resultat geblieben, aber Halef's Bericht hatte ihm Hoffnung gebracht. Er besaß bereits einen Paß nebst einem Schreiben an sämtliche Polizeibehörden des ganzen Ejalet Damaskus, und überdies warteten zehn berittene und wohl bewaffnete Khawassen nur des Wortes, mit ihm aufbrechen zu sollen.

Ich berichtete Alles, was ich in Erfahrung gebracht hatte. Da der Abend bereits hereingebrochen war, hielt ich es für besser, den Morgen abzuwarten; aber dies gab seine Ungeduld nicht zu. Er schickte nach einem Führer, welcher im Stande war, auch während der Nacht den Weg zu finden. In seiner fieberhaften Unruhe konnte ihm nichts schnell genug gethan werden, und ich hatte kaum meines Versprechens an die Aussätzigen gedacht, als er auch schnell selbst für die Erfüllung desselben sorgte.

So vergingen doch seit meiner Rückkehr einige Stunden, ehe wir reisefertig waren. Jacub hatte vorgezogen, Miethpferde zu nehmen, zwei derselben für sich und einen Diener und ein drittes für das nothwendige Gepäck. Da er nicht sagen konnte, wohin der Ritt uns führen und wie lange Zeit er dauern werde, so hatte er sich auch mit einer größeren Summe Geldes versehen.

Unser Abschied nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Der Vollmond hatte sich erhoben, als wir die ›gerade Straße‹ hinabritten, dem ›Gottesthore‹ zu: voran der Führer neben dem Besitzer der Miethpferde, dann wir, nämlich Jacub und dessen Diener, Halef, ich und die Irländer, und hinter uns die Khawassen.

Die Thorwache wurde gar nicht beachtet, rasch ritten wir an ihr vorüber. Draußen vor Salehiëh bog ich zur Seite, wo ich die Aussätzigen liegen sah. Unser Kommen weckte sie vom Schlafe, und sie waren höchlichst erfreut über das umfangreiche Packet, welches ich für sie auf den Boden niedergleiten ließ. Dann ging es weiter. Salehiëh lag hinter uns, und nun trabten wir an dem Gehänge empor, welches hinauf zum Kubbet en Nassr führt, jenem herrlichen Aussichtspunkt, den ich bereits erwähnt habe.

Dort oben, am Grabe des mohammedanischen Heiligen, wandte ich mich um und warf einen Blick hinab auf Damaskus, den letzten im Leben. Da lag die Stadt, im Monde glänzend wie eine Wohnung von Geistern und Dschinnen, umgeben von dem dunklen Ringe der Ghuta. Rechts kam die Straße von Hauran, die mich herbeigeführt hatte, und ganz draußen führte der Karavanenweg nach Palmyra, welches mir verschlossen blieb. Ich hatte nicht geahnt, daß mein Aufenthalt in Damaskus ein so kurzer sein werde.

Hinter Kubbet en Nassr wendeten wir uns rechts gegen das Gehänge des Dschebel Rebach hin und erreichten den Engpaß Rabuh, von welchem aus es an den Wassern des Barrada nach Dümar ging, einem großen Dorfe, wo wir zum ersten Male Halt machten.

Mit Hülfe der Khawassen wurde der Vorsteher des Ortes geweckt, um Erkundigungen einzuziehen, und seinen Nachforschungen verdankten wir die Nachricht, daß am späten Nachmittag vier Reiter im Galoppe durch das Dorf geritten seien; unter ihnen ein grau gekleideter Inglis mit blauen Gläsern vor den Augen. Sie hatten den Weg nach Es Suk eingeschlagen, den auch wir ohne Verzug verfolgten.

Der Tag brach an, als wir über die Hochebene von El Dschedide ritten; dann kamen wir links von der Stelle vorüber, wo einst die Hauptstadt des alten Abilene lag; auf der anderen Seite erblickten wir den Berg, welcher Abel's Grabstätte trägt. Nun folgten mehrere kleine Dörfer, deren Namen ich vergessen habe, und in einem derselben mußten wir anhalten, um unseren angegriffenen Pferden Ruhe zu gönnen.

Wir hatten jetzt eine Strecke zurückgelegt, welche eigentlich einen vollen Tagmarsch in Anspruch nahm. Wenn wir auch fernerhin den Thieren eine solche Anstrengung zumutheten, so war es sicher, daß sie uns nicht sehr weit tragen würden. Übrigens erfuhren wir von den Leuten, welche herbei kamen, um uns freundschaftlich mit Früchten zu beschenken, daß sie die von uns gesuchten Reiter zwar nicht gesehen hätten, aber am späten Abend habe man hören können, daß ein kleiner Trupp den Ort passirte.

Nachdem die Pferde sich leidlich erholt hatten, brachen wir nach Es Suk auf, welches nicht sehr ferne lag, konnten hier aber nichts Gewisses erfahren. Hinter dem Orte kam uns ein einzelner Reiter entgegen. Es war ein alter, weißbärtiger Araber, den unser Führer freudig begrüßte und uns dann mit den Worten vorstellte:

»Das ist Abu Medschach, der Chabir, welcher den Inglis geleitet hat.«

»Das bist Du?« rief Jacub. »Wo hast Du ihn gelassen?«

»In Sebdani, Herr.«

»Wie viele Männer waren bei ihm?«

»Zwei, ein Dragoman und ein Diener.«

»Wer ist der Dragoman?«

»Er sagt, daß er ein Mann aus Koniëh sei, aber das ist nicht wahr. Seine Sprache ist nicht die Sprache der Leute von Koniëh. Er ist ein Lügner und Betrüger.«

»Woraus erkennst Du dies?«

»Er betrügt den Engländer; ich habe das wohl gemerkt, obgleich ich mit dem Inglis nicht reden konnte.«

»Hat er viel Gepäck bei sich?«

»Das Gepäck und die Packpferde gehören dem Engländer; der Dragoman hat nur einige große Schachteln dabei, die ihm sehr werth sein mögen.«

»In welchem Hause sind sie geblieben?«

»In keinem. Ich wurde in Sebdani bezahlt und konnte umkehren; sie aber ritten weiter, obgleich ihre Pferde fast zusammenbrachen. Ich blieb bei einem Bekannten, um auszuruhen, und reite nun wieder nach Damaskus.«

Es war mir darum zu thun, das Äußere des Engländers kennen zu lernen, und da ich in dem Gesangszelte vor Damaskus eine darauf bezügliche Frage unbegreiflicher Weise vergessen hatte, so holte ich sie jetzt nach:

»Hast Du nicht den Namen des Engländers gehört?«

»Der Dragoman sagte immer das Wort ›Sörr‹ zu ihm.«

»Das ist kein Name, sondern das heißt ›Herr‹. Besinne Dich!«

»Er sagte zuweilen zu diesem Sörr noch ein Wort, aber ich weiß nicht genau, wie es lautet, Liseh oder Linseh.«

Ich horchte auf. Sollte es möglich sein! Nein, das war ja ganz und gar undenkbar, dennoch aber frug ich:

»Lindsay vielleicht?«

»Ja, ja, so lautete das Wort, grad so.«

»Beschreibe mir den Mann!«

»Er hatte ganz graue Kleider, welche neu waren, und sein Hut war auch grau und so hoch wie bis herauf zu meinem Knie. Er hatte blaue Gläser vor den Augen und eine Hacke immer in der Hand, auch wenn er zu Pferde saß.«

»Ah! Und seine Nase?«

»Die war sehr groß und roth. Er hatte die Aleppo-Beule daran. Auch sein Mund war groß und breit.«

»Hast Du nichts an seinen Händen bemerkt?«

»Ja. An seiner linken Hand fehlten zwei Finger.«

»Er ist's; Halef, hast Du es gehört? Der Engländer lebt noch!«

»Hamdulillah!« rief der kleine Hadschi. »Allah ist groß und stark und ihm ist Alles möglich. Er macht todt und lebendig, wie es ihm gefällt.«

Jacub konnte sich unsere Freude nicht erklären; darum erzählte ich ihm das Nöthige und bat dann, unsern Weg rasch fortzusetzen. Es war mir nicht beruhigend, den so unverhofft von dem Tode Erstandenen in der Gewalt eines Schurken zu wissen.

Der alte Führer ritt weiter, und wir passirten nun einige Dörfer, welche einen sehr freundlichen Anblick boten. Bald jedoch hörte das liebliche Grün der Gartenterrassen auf. Wir ritten über eine Brücke über den Barrada, auf das linke Ufer desselben, und gelangten in einen Engpaß, dessen Sohle nur Raum für unsern Weg und das Bett des Flusses hatte. Die Wände der engen, dunklen Schlucht stiegen steil auf, und besonders in die nördliche Wand derselben waren zahlreiche Felsengräber eingehauen, zu denen wohl früher Stiegen geführt hatten, die jetzt aber eingestürzt waren. Dieser Paß heißt Suk el Barrada und führt zur Ebene von Sebdani, auf welcher die gleichnamige Stadt liegt.

Nachdem wir den Paß hinter uns liegen und damit den südöstlichen Theil der genannten Ebene vor uns hatten, passirten wir noch einige Dörfer und erreichten nach einem beschwerlichen Ritte Sebdani in einem Zustande, welcher uns die Fortsetzung des Rittes unmöglich machte. Mein Rappe und auch Halef's Pferd waren ermüdet, aber die anderen Thiere brachen fast zusammen. Das war es, was ich mir vorher gedacht hatte.

Sebdani ist ein schön gebautes Dorf mit stattlichen Häusern und fruchtbaren Gärten, trotzdem es in einer bedeutenden Höhe liegt. Seine Bewohner sind meist Maroniten. Die Khawassen hatten für sich und uns sehr schnell Quartier gemacht, und wir befanden uns wohl.

Hier erfuhren wir nur, daß der Führer da übernachtet hatte; aber der Vorsteher des Ortes sandte einen Boten nach dem nächsten Dorfe, Namens Schijit, um Erkundigung einzuziehen, und als dieser am Abend zurückkehrte, berichtete er, daß der Inglis in Schijit übernachtet habe und dann mit einem Manne von dort und mit dem Diener und Dolmetscher nach Sorheïr aufgebrochen sei. Ob er dann weiterreiten werde, das wußte Niemand zu sagen.

Kaum graute der Morgen des nächsten Tages, so saßen wir wieder auf. Wir ließen die Weinstöcke und Maulbeerbäume Sebdani's hinter uns, um Schijit zu erreichen. Der Dolmetscher hatte, wie mir die Sängerin berichtete, von einem Olivenölgeschäfte nach Beirut gesprochen. Das Olivenölgeschäft war natürlich nur eine Lüge, aber Beirut mußte doch sein Ziel gewesen sein, da er ja in Beziehung auf das Letztere dem Briten die Wahrheit sagen mußte. Warum er aber diesen Weg hier eingeschlagen und die eigentliche Straße von Damaskus nach Beirut vermieden hatte, das ließ sich leicht erklären. Seine Sicherheit erforderte es.

Mit dem Dorfe Schijit erreichten wir die Quellen des Barrada, welche sehr hoch liegen. In dem Orte fanden wir die Aussage des Sebdanianer Boten bestätigt und ritten Sorheïr entgegen. Der Weg führte abwärts, und dabei zeigte es sich, daß unsere Khawassen schlecht beritten waren. Ihre Pferde hatten zwar die Anstrengung des gestrigen Tages ausgehalten, wären aber zu einem zweiten solchen Ritt durchaus unfähig gewesen. Auch die Miethpferde Jacub's taugten nichts, und so wurde unser Ritt von Viertelstunde zu Viertelstunde langsamer. Das war keine Art und Weise, Leute einzuholen, welche acht bis neun Stunden Vorsprung hatten.

Ich machte Jacub den Vorschlag, mit Halef vorauszureiten, aber er gab dies nicht zu; er behauptete, uns ganz nothwendig zu brauchen, da er sich trotz der Khawassen ohne uns verlassen fühle. Ich mußte also diesen jedenfalls vortheilhaften Gedanken aufgeben und tröstete mich schließlich mit der Überzeugung, daß Lindsay bei seiner Leidenschaft für Ausgrabungen sich nicht sehr schnell aus der Gegend Baalbeck's fortlocken lassen werde.

Wie aber war der Engländer eigentlich nach Damaskus gekommen? Wie war es ihm geglückt, da unten am Euphrat dem Tode zu entgehen? Ich war wirklich begierig, dies zu erfahren, und darum ärgerte mich unser jetziges schneckenartiges Fortkommen doppelt.

Sorheïr liegt an einem Bergstrome, welcher sich in den Barrada ergießt, sehr hübsch unter Gruppen von Silber- und italienischen Pappeln und ist trotz seines Namens, welcher ›die Kleine‹ bedeutet, ein ganz ansehnliches Dorf. Wir hielten Rast, und die Khawassen vertheilten sich, um Erkundigungen einzuziehen. Wir hörten bald, daß die Gesuchten vorübergekommen seien und den Weg nach dem Übergangspasse des Antilibanon eingehalten hätten. Nach nur kurzer Erholung folgten wir ihnen.

Es war zunächst eine weite Ebene zurückzulegen, und dann gelangten wir in ein Thal, in welchem wir über eine Stunde lang zu dem erwähnten Passe emporzuklimmen hatten, links steile Felsen und rechts einen tiefen Abgrund, in welchem die Wasser eines Bergstromes brausten. Oben auf dem Passe angekommen, sahen wir, daß der westliche Abhang des Antilibanon, auf welchem wir uns befanden, weit steiler abfiel, als der östliche. Unser Führer theilte uns mit, daß Baalbeck in gerader Linie fünf Stunden von hier liege, daß wir aber bei den Krümmungen des Weges und bei dem schlechten Zustande der Pferde bedeutend längere Zeit brauchen würden.

Er hatte recht. Wir mußten zahlreiche Quer- und Seitenthäler durchreiten, und als wir endlich die gewaltigen Ruinen der Sonnenstadt zu uns emporschauen sahen, lag immer noch eine mehrere Stunden lange Strecke zwischen uns und ihnen. Einer der Khawassen erklärte sogar, daß sein Pferd nicht weiter könne, und ihr Anführer befahl, in Folge dessen Halt zu machen. Keine Bitte und keine Versprechung half, und da Jacub erklärte, daß die Khawassen ihm anvertraut seien und er sich also nicht von ihnen trennen könne, so blieb uns nichts Anderes übrig, als uns zu fügen.

Glücklicher Weise gelang es mir, den Anführer zu bewegen, nach kurzer Rast wenigstens eines der kleinen, malerisch unter uns liegenden Dörfchen noch zu erreichen, wozu ihn aber auch nur ein Bakschisch bewegen konnte. Als wir dort anlangten, erfuhren wir, daß ein grauer Engländer durchgekommen sei, der sich mit dem Dragoman gezankt habe, und kurze Zeit später ritt ein Mann durch das Dorf, den ich sofort ansprach. Es war der Führer Lindsay's; er kehrte nach Schijit zurück und erzählte, daß er gar nicht mit nach Baalbeck gekommen, sondern im letzten Dorfe verabschiedet und abgelohnt worden sei.

Seiner Meinung nach sei eine Art von Zwiespalt zwischen dem Inglis und seinem Dragoman eingetreten, und der Inglis sei ein sehr vorsichtiger Mann, welcher die Hände immer an seinen kleinen Pistolen liegen habe, die zwar nur einen Lauf besäßen, aus denen man aber öfters schießen könne, ohne zu laden.

Die Besorgniß um meinen alten Master Lindsay drängte sich mir immer mehr auf während der Nacht.

Ich hatte keine Ruhe, mich floh der Schlaf. Und als sich das erste Licht des Morgens zeigte, weckte ich die Begleiter und mahnte zum Aufbruche, eine Weisung, welcher sie sich nur nach einem abermaligen Bakschisch fügten. Überhaupt schien es mir, als ob die Khawassen die Absicht hegten, Jacub nur nach dem Maßstabe seiner Freigebigkeit behülflich zu sein; ich machte ihn darauf aufmerksam und bat ihn, diesen Leuten zu zeigen, daß sie wohl ihn zu unterstützen, nicht aber seine Kasse auszubeuten hätten.

Wir passirten zunächst abermals einige kleine Dörfchen, und als sich die Vorhöhen des Antilibanon, hinter denen wir ritten und welche uns immer wieder die Aussicht verdeckten, endlich öffneten, sahen wir das berühmte Thal von Baalbeck vor uns liegen. Die großartigen Massen dieser Ruinen nahmen einen weiten Flächenraum ein, und es gibt wohl kaum eine zweite Ruinenstadt, deren Überreste einen so gewaltigen Eindruck machen, wie diese Mauer- und Gebäudereste.

Gleich beim Eintritte in das Trümmerfeld erblickten wir seitwärts einen Steinbruch, in welchem ein Kalksteinblock von riesenhafter Größe lag. Er hatte gegen dreißig Ellen Länge, sieben Ellen Breite und eine gleiche Dicke. Solche Blöcke bildeten das Material zu den Riesenbauten von Baalbeck. Ein einziger von ihnen hat ein Gewicht von sicher dreißigtausend Centnern. Wie konnten bei der Art der damaligen mechanischen und technischen Hülfsmittel solche Massen dirigirt und bewältigt werden? Das ist ein Räthsel.

Die hiesigen Tempelbauten waren einst dem Baal oder Moloch geweiht; diejenigen, deren Überreste heut noch vorhanden sind, haben ohne allen Zweifel einen römischen Ursprung. Man weiß ja, daß Antonius Pius dem Sonnengotte Zeus hier einen Tempel errichtet habe, der ein Weltwunder gewesen sei. Es scheint, als seien in dem größeren der beiden Tempel die syrischen Götter, in dem kleineren aber nur Baal-Jupiter verehrt worden.

Um diesen Tempel zu errichten, baute man zunächst ein Fundament, welches um fünfzehn Ellen die Erde überragte; darauf kamen drei Schichten jener Riesenblöcke, deren Gewicht soeben angegeben wurde, und dann erst auf ihnen ruhten die kolossalen Säulen, welche die mächtigen Architrave trugen. Die sechs übrig gebliebenen Säulen des einstigen Sonnentempels haben eine Höhe von siebenzig Fuß und am Piedestal einen Durchmesser von sechs Fuß. Der kleine Tempel war 800 Fuß lang und 400 Fuß breit und zählte vierzig Säulen.

Auch die Stadt Baalbeck an und für sich war im Alterthum bedeutend, da sie auf dem Wege von Palmyra nach Sidon lag. Abu Abeïda, der gegen die Christen von Damaskus so menschlich gesinnte Mitkämpe Chalid's, eroberte auch Baalbeck. Man machte aus der Akropolis eine Citadelle, und aus dem Materiale der zerstörten Tempel errichtete man Befestigungsmauern. Später kamen die Mongolen, dann die Tataren, und was diese übrig ließen, wurde im Jahre 1170 durch ein Erdbeben verwüstet. Was noch vorhanden ist, gewährt eine sehr schwache Idee von der einstigen Pracht und Herrlichkeit.

Jetzt liegt auf der Stätte der alten Sonnenstadt ein elendes Dorf, welches von fanatischen und diebischen Mutawileh-Arabern bewohnt wird, und die Soldaten der Garnison, die hier liegt, tragen bestenfalls nur dazu bei, die Gegend noch unsicherer zu machen.

Ich setzte das Fernrohr an das Auge und überblickte die weite Stätte. Kein Mensch war zu sehen. Wie ich später hörte, waren die Soldaten der Garnison aus eigener Machtvollkommenheit auf beliebige Zeit auf Urlaub gegangen, und die Mutawileh hatten keine Zeit und Lust, uns en masse zu empfangen. Der einzelne Mensch verschwand in diesen kolossalen Trümmern wie eine Ameise, und um den Engländer leichter entdecken zu können, bat ich den Anführer der Khawassen, der den Rang eines Tschausch bekleidete, die Ruinenstätte von seinen Leuten umreiten und nöthigenfalls dann durchsuchen zu lassen, wobei wir ihm helfen wollten. Er weigerte sich indessen, das zu thun, da Menschen und Thiere erst ausruhen und essen müßten.

Dies geschah, aber noch immer machten dann die Herren keine Anstalt, an das Werk zu gehen. Jacub bat und wurde grob; auch ich bat und wurde grob, aber ohne Erfolg. Endlich erklärte der Tschausch ganz offen, daß er nur dann bereit sei, seine Leute auszusenden, wenn er ein angemessenes Bakschisch erhalte. Schon wollte Jacub abermals in die Tasche greifen, aber ich hielt seine Hand zurück.

»Nicht wahr, Du hast diese Männer erhalten, daß sie Dir helfen sollen?« fragte ich ihn.

»Ja,« antwortete er.

»Was hast Du ihnen dafür zu zahlen?«

»Proviant und Fourage und Jedem drei, dem Tschausch aber fünf Piaster täglich.«

»Schön. Das bekommen sie, weil sie Dir dienen; thun sie das nicht, so erhalten sie nichts. Dabei bleibt es, sonst lasse ich Dich sitzen und gehe meine Wege. Du aber wirst nach Deiner Rückkehr in Damaskus dem Pascha erzählen, welche Faullenzer er Dir mitgegeben hat!«

»Was geht denn Dich diese Sache an?« fuhr der Tschausch auf.

»Rede manierlicher mit mir! Ich bin kein Nefer oder Khawaß,« entgegnete ich ihm. »Willst Du jetzt aufbrechen lassen oder nicht? Dort im Westen an der großen Mauer werden wir uns zusammen finden.«

Er erhob sich mürrisch und bestieg sein Pferd; die Andern thaten das Gleiche, und als er mit leiser Stimme seine Befehle ertheilt hatte, ritten sie in Streuung aus einander.

Ein Bach schlängelte sich durch das weite Feld. Ich sagte mir, daß ein Fremder, welcher Pferde bei sich hat, jedenfalls die Nähe des Wassers suchen werde. Darum theilten wir uns, um den Bach abzusuchen. Halef war bei Jacub, und ich nahm die beiden Irländer mit mir.

Wir ritten, nachdem wir ausgemacht hatten, uns durch Schüsse zu benachrichtigen, langsam am Ufer hinauf. Wir hatten Glück. Um einen abgebrochenen Säulenschaft biegend, gewahrte ich eine Mauer, in welcher sich ein Loch befand. Vor demselben lag ein Mann, der eine Flinte in der Hand hielt. Weiter aufwärts, vielleicht fünfhundert Schritte weit entfernt, erblickte ich einen hohen, grauen Cylinderhut, welcher, im Takte auf- und niedernickend, sich über einer aufgeworfenen Grube bewegte.

Ich kehrte schnell hinter die Säule zurück, übergab den beiden Irländern mein Pferd und wies sie an, hier verborgen zu bleiben, bis ich rufen werde. Dann trat ich wieder vor und schritt auf den Liegenden zu. Er lag so, daß er mich nicht sehen konnte; sobald er aber meine Schritte hörte, sprang er auf und hielt mir seine Flinte entgegen. Er hatte Hose und Jacke an und einen Fez auf dem Kopfe, rief mich aber doch in englischer Sprache an:

»Stop! Hierher darf Niemand!«

»Warum?« antwortete ich ihm englisch.

»Ah, Sie reden englisch! Sind Sie ein Dolmetscher?«

»Nein. Aber thun Sie die Flinte weg; ich bin Ihr Freund. Ist der Mann, welcher sich dort in der Grube befindet, Sir David Lindsay?«

»Yes!«

»Sie sind sein Diener?«

»Yes!«

»Gut! Ich bin ein Bekannter von ihm und möchte ihn gern überraschen.«

»Welch ein Glück! Gehen Sie zu ihm! Zwar soll ich wachen und ihm das Nahen jedes Menschen melden, aber Ihnen will ich nicht hinderlich sein, ihn zu überraschen; denn ich denke, daß Sie die Wahrheit reden.«

Ich ging, und je näher ich dem grauen Hute kam, desto leiser trat ich auf. Es gelang mir, bis an den Rand des Loches zu gelangen, ohne bemerkt zu werden, und eben, als der Engländer sich wieder einmal aufrichtete, langte ich zu und nahm ihm den Hut vom Kopfe.

»'s death! Wer ist – – –«

Er wandte sich um, brachte aber nichts Weiteres aus dem sperrangelweit sich aufsperrenden Munde, nichts, keine einzige Silbe. Ja, das war die alte, gute Nase mit dem bekannten Karfunkel, welcher sich jetzt sträubte, die herabgleitende Brille vollends zur Erde fallen zu lassen.

»Nun, Sir,« frug ich, »warum habt Ihr nicht am Kanale Anana auf mich gewartet?«

»Alle guten Geister!« rief er jetzt. »Wer ist denn das? Ihr seid ja todt!«

»Ja, aber ich erscheine Euch als Gespenst. Ihr fürchtet Euch doch nicht vor dem Geiste eines alten Bekannten?«

»Nein, nein!«

Mit diesen Worten sprang er aus der Grube. Er hatte sich gefaßt und warf die beiden Arme um mich.

»Ihr lebt, Master, Ihr lebt? Und Halef?«

»Ist auch hier. Und noch zwei andere Bekannte.«

»Wer?«

»Bill und Fred, welche ich bei den Haddedihn geholt habe.«

»Ah! Ah! Nicht möglich! Ihr wart bei den Haddedihn?«

»Über zwei Monate.«

»Und ich – well, ich habe sie nicht gefunden!«

»Wer ist der Mann dort an der Mauer?«

»Mein Diener. Habe ihn in Damaskus engagirt. Kommt, Master; wir müssen erzählen!«

Er führte mich zurück zur Maueröffnung, trat hinein und kehrte mit einer Flasche und einem Glase zurück. Es war Sherry, ächter, guter Sherry.

»Halt, da müssen die Beiden auch mit trinken!«

Ich rief die Irländer und hatte nun eine Szene vor mir, die sich nicht beschreiben läßt. Die beiden Burschen weinten vor Entzücken, und Lindsay schnitt die unglaublichsten Pantomimen, um seine Freude und Rührung männlich zu verbergen.

»Und wo ist Euer Dolmetscher?« fragte ich endlich.

»Dolmetscher? Ah, Ihr wißt, daß ich einen habe?«

»Ja. Ihr habt ihn auf dem Feste Er Rimal in einer Sängerbude engagirt.«

»Wunderbar! Unbegreiflich! Ihr seid allwissend! Trefft Ihr mich aus Zufall oder aus Absicht hier?«

»Aus Absicht. Wir sind Euch aus Damaskus auf dem Fuße gefolgt. Also Euer Dolmetscher?«

»Fort!«

»O weh! Mit seinen Sachen?«

»No! Die sind hier.«

Er deutete dabei mit der Hand nach der Maueröffnung.

»Wirklich? O, das ist prächtig, das ist gut! Erzählt einmal!« »Was, wovon? Alles?«

»Nur von Eurem Dolmetscher, den wir verfolgen. Zu allem Anderen ist später Zeit.«

»Verfolgen? Ah! Warum?«

»Er ist ein Dieb und außerdem ein alter Feind von mir.«

»Dieb? Hm! Wohl Juwelendieb?«

»Allerdings. Habt Ihr sie gesehen?«

»Yes! Werde es Euch sagen. Traf den Kerl in dem Zelte. Er hatte gesehen, daß ich Englishman bin, und sprach mich englisch an. Hatte einen Handel mit Olivenöl vor und wollte dann nach Beirut. Ich wollte nach Jerusalem und engagirte ihn. Er versprach mir, mit nach Jerusalem zu gehen und dann von Jaffa aus zur See nach Beirut zu fahren. Den Führer wollte er auch besorgen. Ich war fertig in Damaskus und wartete. Da kam er und holte mich ab. Einen Führer nahm er in Salehiëh – – –«

»Ich weiß es; ich habe mit ihm gesprochen.«

»Well! Er muß Euch begegnet sein. Also wir ritten den Antilibanon empor; bereits am Abend wurde ich aufmerksam, und am Morgen bemerkte ich, daß wir nicht auf der Straße nach Jerusalem waren. Ich merkte weiter auf und zankte. Er leugnete erst und gab endlich zu, daß er zunächst nach Baalbeck wolle, um mir Fowling-bulls zu zeigen. Das war mir recht, aber ich hatte einmal Mißtrauen gefaßt. Er hatte solche Eile gehabt, Damaskus zu verlassen, und ritt so unsinnig, als sei er auf der Flucht. Hier schien er bekannt zu sein, denn wir ritten grad auf diese Mauer zu, und er sagte mir, daß das Loch ein sehr gutes Nachtquartier gebe. Wir schliefen; draußen standen die Pferde. Da hörte ich wie im Traume ein Pferd schnauben, und dann griff mir Jemand in die Tasche. Ich wachte auf; es war Morgen, und mein Portefeuille fehlte. Rasch sprang ich auf und ergriff die Büchse. Draußen ritt der Dolmetscher davon. Ich legte an und schoß. Das Pferd stürzte. Der Mann wollte den Sattelpack fortnehmen, aber er war zu fest angebunden, und als ich dann kam, entfloh er. Den Pack nahm ich, und als ich ihn aufmachte, fand ich goldenes Geschmeide und Juwelen.«

»Was war in Eurem Portefeuille?«

»Ah! Oh! Lauter Kostbarkeiten: Heftpflaster, Zwirn, Nähnadeln und solches Zeug. Mein Geld habe ich wo anders. Well!«

»Hört, Sir, das ist eine ebenso ungewöhnliche wie glückliche Fügung. Der Mann, dem diese Juwelen gestohlen sind, ist bei mir.«

»Ruft ihn! Soll sie wieder haben!«

»Wo sind sie?«

»Da, hier.«

Er ging in das Loch und kehrte mit einem Packet zurück, welches er öffnete. Es enthielt außer einem Hemd und einem Turbantuche nur Cartons und Etuis. Ich deckte die Sachen zu und drückte die Büchse zweimal ab. Gleich darauf antwortete ein Schuß, der aus nicht allzu großer Entfernung kam. Jetzt schob ich Lindsay und die drei Andern in das Loch zurück, um mir die Überraschung nicht zu verderben. Bald kam Halef mit Jacub Afarah herbei. Beide erblickten nur mich mit dem Packet an der Erde.

»Hast Du geschossen, Sihdi?« fragte Halef.

»Ja.«

»So hast Du Etwas gefunden?«

»Allerdings. Jacub Afarah, willst Du nicht das Turbantuch einmal von diesen Sachen wegnehmen?«

Er bückte sich, that es und fuhr mit einem Schrei des freudigsten Schreckens empor.

»Allah ïa Allah, meine Sachen!«

»Ja, sie sind es. Zähle nach, ob vielleicht Etwas fehlt!«

»O Herr, sage schnell, wo Du sie gefunden hast!«

»Nicht mir hast Du sie zu verdanken, sondern dem Manne, welcher sich hier in der Höhle befindet. Hole ihn heraus, Halef!«

Der kleine Hadschi trat hinein und stieß einen Ruf der Freude aus.

»Allah akbar, der Engländer!«

Jetzt gab es zunächst das Allernothwendigste zu erklären, und dann ging ich in das Loch, um mir dessen Inneres anzusehen. Ich bemerkte einen mächtigen Bogengang, der nach innen zu verschüttet und dessen eine Seite auch so eingefallen war, daß man nach Forträumung der Trümmer einen ziemlich großen, zimmerartigen Raum erhalten hatte. Da standen die vier Pferde Lindsay's, und da lagen auch seine Habseligkeiten. Das erschossene Pferd draußen war mit Schutt bedeckt worden, damit es nicht die ekelhaften Aasgeier in seine Nähe lockte; darum hatte ich es nicht gesehen.

Jacub war ganz glücklich, seine Sachen wieder zu haben; aber es ärgerte ihn gewaltig, daß der Dieb entkommen war.

»Ich gäbe viel darum, wenn ich ihn fangen könnte. Ist das nicht möglich, Herr?« fragte er mich.

»Ich an Deiner Stelle würde sehr froh sein, die gestohlenen Gegenstände wieder zu besitzen.«

»Aber ebenso froh wäre ich, wenn ich den Dieb hätte!«

»Hm! Möglich wäre es, seiner habhaft zu werden.«

»Wie?«

»Glaubst Du, daß er einen so reichen Raub im Stiche lassen wird, ohne wenigstens den Versuch zu machen, ihn wieder zu holen?«

»Er wird sich hüten, zu uns zu kommen!«

»Weiß er, daß wir anwesend sind? Er hat jedenfalls Baalbeck sofort verlassen und also nicht gesehen, daß wir uns hier befinden. Er wird wahrscheinlich zurückkehren, weil er glaubt, mit Sir David und dem Diener leicht fertig zu werden, falls er sie überraschen kann. Dabei nun könnte er festgehalten werden.«

»Das wollen wir thun. Wir bleiben hier, bis wir ihn haben!«

»So dürfen wir uns und unsere Pferde nicht sehen lassen. Auch die Khawassen müssen verschwinden. Am besten ist es, sie gehen nach dem Dorfe in die Kaserne; es wird sie freuen, nichts zu thun zu brauchen. Auch unsere Pferde, welche uns hier im Wege sind, könnten wir in die Stadt geben und Jemand dazu, der sie bewacht.«

»Ich werde das besorgen. Ich gehe zum Vorsteher oder vielmehr zum Kodscha Pascha, denn Baalbeck ist kein Dorf, sondern eine Stadt, und werde das Nöthige mit ihm verabreden.«

Er stieg auf und ritt davon. Ich hätte das lieber selbst besorgt, aber Jacub befand sich ja im Besitze von Papieren, welche jeder Beamte respektiren mußte.

Als ich jetzt vor das Loch trat und nach der Mauer blickte, welche ich als Stelldichein bezeichnet hatte, war noch kein einziger der Khawassen dort zu sehen. Ich vermuthete sehr richtig, wie sich später zeigte, daß sie gar nicht an das Suchen gedacht hatten, sondern in die Stadt geritten waren, um sich's im Kaffeehause bequem zu machen und dabei zu prahlen, daß sie ausgezogen seien, einen großen Spitzbuben zu fangen.

Jetzt erst war es möglich, über Früheres zu sprechen, und ich begann damit, Lindsay unsere Schicksale zu erzählen.

»Ich hielt Euch für todt,« sagte er, als ich geendet hatte.

»Die Kerls sagten es, welche mich fingen.«

»Also gefangen seid Ihr gewesen, Sir?«

»Sehr, ganz sehr, well!«

»Von wem denn?«

»Ah! Ich ging mit den Arbeitern fort, um zu graben; den Einen von ihnen konnte ich als Dragoman so leidlich benutzen. Wir fanden nichts, aber Euer Blatt fand ich, als wir zurückkehrten. Wir folgten Euch und suchten den Kanal Anana auf; eine Dummheit, eine sehr große, war das!«

»Weil Ihr gefangen wurdet?«

»Yes! Wir lagen dort und schliefen – – –«

»Ah, es war am Abend?«

»Nein, es war noch am Tage, sonst hätte Einer gewacht, und es wäre uns nicht passirt. Also, wir lagen da und schliefen; da fielen sie über uns her, ehe wir es dachten, ehe wir es wußten. Yes! Und ehe wir uns wehren konnten, waren wir gebunden und unsere Taschen leer.«

»Hattet Ihr viel Geld bei Euch?«

»Nicht sehr, denn wir wollten ja nach Bagdad zurück.«

»Wer waren die Kerls?«

»Araber. Sie sagten, daß sie zum Stamme der Schat gehörten.«

»So waren es wohl dieselben, welche dann später vor unserer Krankheit flohen.«

»Wird wohl so sein. Wir blieben einige Tage in den Ruinen versteckt und mußten hungern; dann schleppten sie uns fort.«

»Wohin?«

»Weiß nicht. Es war lauter Sumpf und Schilf. Sie wollten uns nichts thun, sie wollten nur Geld, und dann sollte ich frei sein. Ich mußte einen Brief schreiben, den wollten sie nach Bagdad tragen und das Geld holen, zwanzigtausend Piaster. Ich schrieb an John Logman, aber so, daß die Kerls nichts bekamen. Er sagte, sie sollten in drei Wochen wieder kommen, denn er hätte nicht so viel Geld da.«

»Aber das konnte Euch ja gefährlich werden!«

»Nein, es wurde gut, denn ich entfloh. Man schaffte uns näher an Bagdad, wo sie einem andern, feindlichen Stamm an die Grenze kamen. Ein Trupp derselben gerieth in unsere Nähe, und es entspann sich ein Gefecht. Sie siegten zwar, wie ich denke, denn sie hatten die Übermacht; aber unterdessen gelang es uns, fortzukommen und Bagdad zu erreichen. Werde Euch das einmal ausführlicher erzählen, wenn wir Zeit haben.«

»Suchtet Ihr unser Logis auf?«

»Yes. Da hörte ich, daß Ihr zu den Haddedihn gegangen wart. Was konnte ich thun? Ich mußte zu Euch und zu den Irländern. Nun war es mit der Seefahrt nichts mehr; darum verkaufte ich die Jacht, die so lange unthätig vor Anker gelegen hatte. Mit dem Hadramauter hatte ich nichts zu schaffen, da Ihr ihn bereits abgelohnt hattet. Ich nahm also einen Mann, der das Englische verstand, und schloß mich dem Kurier an. Das war ein schneller Ritt! Bei Selamija setzten wir über den Tigris, um Euch aufzusuchen; aber wir fanden keine Haddedihn. Sie waren fortgezogen, und Ihr waret todt.«

»Wer sagte das?«

»Es waren von den Abu Salman fremde Reisende geplündert und getödtet worden, und das paßte ganz auf Euch. Ich wollte mich nicht auch todtschlagen lassen und ging nach Damaskus. Da schickte ich den Dolmetscher wieder zurück und blieb drei volle Wochen. Bin von Früh bis Abend auf den Straßen gewesen. Hättet Ihr im Christenviertel gewohnt bei Europäern, so hätten wir uns getroffen. Das Andere habt Ihr bereits gehört. Wollt Ihr es ausführlicher, Master?«

»Ich danke, es genügt. Es war sehr gewagt von Euch, in dieser Weise den Ritt von Bagdad nach Damaskus zu unternehmen – – –«

»Pshaw! Habt Ihr es anders gethan?«

In diesem Augenblick sahen wir durch den Eingang des Loches einen Trupp Männer weit drüben vorüberreiten. Sie hielten nach dem Wege zu, auf welchem wir gekommen waren, und als ich schärfer hinschaute, erkannte ich, daß es – die Khawassen waren.

Was hatten sie vor? Warum kamen sie nicht zu der Cyklopenmauer, an welche ich sie bestellt hatte? Diese Frage sollte mir in kurzer Zeit beantwortet werden, denn der Juwelier kehrte aus der Stadt zurück und brachte den Kodscha Pascha mit. Dieser war ein ehrwürdiger Mann, dessen Äußeres Vertrauen erweckte.

»Sallam!« grüßte er, als er eintrat.

»Aaleïkum!« antworteten wir.

»Ich bin der Kodscha Pascha von Baalbek und komme, um Euch zu sehen und eine Pfeife mit Euch zu rauchen.«

Er griff unter sein Gewand und zog den Tschibuk hervor. Lindsay schob ihm augenblicklich Tabak hin und gab ihm dann auch Feuer.

»Du bist uns willkommen, Effendi!« sagte ich. »Wirst Du uns erlauben, eine kurze Zeit auf dem Gebiete zu verweilen, welches Du regierst?«

»Bleibt hier, so lange es Euch beliebt, und erlaubt, daß ich mich jetzt bei Euch niederlasse! Ich habe gehört, daß Ihr Franken seid; ich habe auch das Schreiben meines Vorgesetzten gelesen, und deßhalb komme ich selbst, um Euch mitzutheilen, daß ich Alles thun werde, um Eure Wünsche zu erfüllen. Ist es Euch recht, daß ich die Khawassen nach Damaskus zurückgeschickt habe?«

»Du hast sie zurückgesandt?«

»Ja. Ich hörte, daß sie im Kaffeehause saßen und Eure Angelegenheiten ausplauderten. Könnt Ihr den Dieb fangen, wenn es so bekannt wird, daß Ihr ihn fangen wollt? Und dann hat mir auch dieser Jacub Afarah aus Damask gesagt, daß sie ihm und Euch ungehorsam gewesen sind und Euch Bakschisch abverlangten bei Allem, was sie thun sollten. Darum habe ich sie fortgejagt und dem Tschausch einen Brief mitgegeben an seinen Kaimakam, damit sie bestraft werden. Der Großherr, den Allah segne, will, daß Ordnung sei in seinem Reiche, und auch wir sollen das wollen.«

Das war denn einmal ein ehrlicher Beamter, eine Seltenheit im Reiche des Großherrn. Im weiteren Verlaufe der Unterhaltung that es ihm förmlich leid, daß er uns nicht einen direkten Nutzen bringen könne, da wir ihn baten, für Verschwiegenheit zu sorgen und uns dann im Übrigen gewähren zu lassen.

»Seid froh, daß Ihr zu keinem andern Kodscha Pascha gekommen seid!« sagte er. »Wißt Ihr, was ein anderer thäte?«

»Wir bitten Dich, es uns zu sagen!«

»Er würde Euch das Gold und die Steine abverlangen, um zu entscheiden, wem es gehören solle. Es muß doch bewiesen werden, daß wirklich ein Diebstahl vorliegt, daß die Sachen wirklich die gestohlenen seien und daß die beiden Parteien in Wahrheit der Dieb und der Bestohlene sind. Darüber vergeht eine lange Zeit, und während so langer Zeit kann sich Vieles verändern, auch Gold und Steine.«

Er hatte Recht. Jacub konnte sich gratuliren, an einen so ehrlichen Mann gekommen zu sein. Der Kodscha bat uns, ihm unsere Pferde anzuvertrauen, sie aber einzeln zu bringen, damit alles Auffällige vermieden werde, und dann entfernte er sich, nachdem er uns noch vorher vor den unterirdischen Gängen und Gewölben gewarnt hatte, in welchen man leicht verunglücken könne.

Diese Gänge hatten zur Zeit der ägyptischen Invasion verschiedenem Gesindel zum Schlupfwinkel gedient, und wohl heute noch kam es vor, daß sich Einer dort verbarg, welcher Ursache hatte, sich nicht sehen zu lassen.

Jacub hatte sein Pferd bereits bei dem Kodscha Pascha zurückgelassen. Wir sattelten nun auch unsere Pferde ab und schafften sie nach und nach zur Stadt. Die Stadt ist klein und hat ein um so verkommeneres Aussehen, als die Ruinen, bei welchen sie steht, imponiren müssen. Die Bewohner treiben ein wenig Seidenzucht und sind außerdem durch ihre schönen Pferde und Maulesel bekannt.

Das Haus des Bürgermeisters war eines der besten Gebäude, und der Stall, in welchen er die Pferde führen ließ, befriedigte unsere Ansprüche vollständig. Wir saßen einige Zeit beisammen, und dann kehrte ich zurück, aber nicht auf dem Wege, welchen ich gekommen war. Ein einzelner Mann konnte dem entflohenen Diebe, falls er ja Spähe hielt, nicht auffällig sein, und darum wanderte ich langsam durch die Ruinen, mich ganz dem Eindrucke überlassend, den sie auf mich machten.

Welch ein Unterschied zwischen dem Geschlechte, das solche Massen zu überwältigen verstand, und demjenigen, dessen Hütten da hinter mir an den Trümmern lehnten!

Jetzt sah ich Schlangen zwischen den Säulen dahinhuschen; ein Chamäleon blickte mich neugierig an, und hoch droben in den Lüften schwebte ein Thurmfalke, der sich in einer Schneckenlinie auf einer der aufrechtstehenden Säulen niederließ. Er horstete da.

Halt, war da drüben nicht eine Gestalt vorübergehuscht, schnell und geschmeidig, wie der Schatten einer Wolke? Es war jedenfalls Täuschung, aber ich schritt langsam der Stelle zu, an welcher ich den Schatten erblickt hatte.

Hinter der Doppelsäule öffnete sich da eine tunnelartige Aushöhlung, welche eine gewisse Neugierde in mir erweckte. Wie mochte es in einem dieser Gänge beschaffen sein, in denen beim Glanze düsterer Fackeln die Opfer Baal's dahingeschlachtet wurden? Es konnte nicht schaden, einige Schritte in den Gang zu thun. Wenn ich nur so weit ging, als das Licht des Tages reichte, so konnte mir ja unmöglich ein Unglück geschehen.

Ich trat in die Öffnung und that einige Schritte weiter. Der Gang war so breit, daß vier Personen neben einander Platz hatten; die Decke wurde von mächtigen Bogen getragen, und die Luft war rein und vollständig trocken. Ich schaute und horchte in die mächtige Finsterniß hinein, und meine Phantasie malte sich den Schreck aus, welchen ich empfinden müsse, wenn da hinten plötzlich Lichter auftauchten und Sonnendiener hervorbrächen, um mich zu packen und zu den Opfern Moloch's zu gesellen.

Ich kehrte mich wieder dem Eingange zu. Wie anders da draußen das helle, warme Tageslicht! Im Glanze der Sonne muß – – – halt, knisterte es nicht hinter mir? Ich wollte mich umwenden, erhielt aber in diesem Momente einen fürchterlichen Schlag gegen den Kopf. Ich weiß noch, daß ich taumelte und die Arme nach dem Manne ausstreckte, welcher den Hieb geführt hatte; dann aber wurde es schwarz um mich.

Wie lange ich ohne Besinnung gewesen bin, weiß ich nicht. Sie kehrte zurück, nur langsam und allmälich, denn es bedurfte einiger Zeit, ehe ich mich dessen erinnerte, was mit mir geschehen sei. Ich lag an der Erde; meine Füße waren zusammengebunden und meine Hände auch. Wo befand ich mich? Es herrschte das tiefste Dunkel und Schweigen um mich her; aber da, grad vor mir, erblickte ich zwei kleine, runde Stellen, welche einen eigenthümlichen Schimmer hatten, der von Augenblick zu Augenblick verschwand und wieder erschien. Das waren zwei Augen, zwei scharf auf mich gerichtete Augen, über welchen sich die Lider öffneten und schlossen. Sie gehörten keinem Thiere, sondern einem Menschen an; das merkte ich.

Wer war der Mann? Jedenfalls doch der, welcher mir den Schlag versetzt hatte. Warum hatte er mich so feindlich behandelt? Eben wollte ich eine Frage aussprechen, als ich daran verhindert wurde; der Mann redete selbst.

»Ah, endlich bist Du wieder wach! Nun kann ich mit Dir sprechen.«

Himmel! Diese Stimme kannte ich! Wer sie einmal gehört hatte, der vergaß den kalten, scharfen, spitzen Ton derselben sicher nicht wieder. Der Mensch, welcher mir hier gegenüber saß, war kein Anderer als Abrahim Mamur, den wir fangen wollten. Sollte ich ihm antworten? Warum nicht? Hier im Finstern war es ja gar nicht möglich, ihm durch die Miene zu zeigen, daß ich nicht aus Furcht, sondern aus Verachtung schweige. Daß mich nichts Gutes erwarte, das wußte ich; aber ich verzagte dennoch nicht und beschloß, ihm nicht ein einziges bittendes Wort zu sagen. »Nun kann ich mit Dir sprechen!« hatte er gesagt, und ich ahnte, daß er jetzt Alles aufbieten werde, um mich innerliche Qualen leiden zu lassen. Er sollte sich täuschen.

»Sprich!« sagte ich kurz.

»Kennst Du mich?«

»Ja.«

»Das glaube ich nicht. Woher solltest Du wissen, wer ich bin?«

»Meine Ohren sagen es mir, Abrahim Mamur.«

»Ah, wirklich, Du kennst mich; aber Du sollst mich noch besser kennen lernen! Denkst Du an Ägypten?«

»Ja.«

»An Güzela, die Du mir geraubt hast?«

»Ja.«

»Der Schellal hat mich damals nicht verschlungen, als ich in seine tosenden Fluten stürzte; Allah will also, daß ich mich rächen soll.«

»Ich war es selbst, der Dir das Leben rettete. Allah will also, daß ich Deine Rache nicht fürchte.«

»Meinst Du?« zischte er. »Warum hätte er Dich da in meine Hand gegeben? Ich habe damals in Kahira nach Dir geforscht und habe Dich nicht entdeckt; hier aber in Bagdad, wo ich nicht an Dich dachte, sah ich Dich – – –«

»Und bist vor mir geflohen. Abrahim Mamur, oder vielmehr Dawuhd Arafim, Du bist ein Feigling!«

»Stich nur, Skorpion; ich bin der Löwe, welcher Dich fressen wird! Ich wußte, daß Du mich verrathen würdest; daher ging ich; denn ich wollte mir mein schweres Werk nicht von Dir vernichten lassen. Ihr habt mich verfolgt und mir Alles wieder abgenommen; aber ich werde mir die Steine wieder holen; darauf kannst Du Dich verlassen!«

»Thue es!«

»Ja, ich thue es. Ich werde sie Dir bringen und zeigen; darum habe ich Dich nicht getödtet. Aber sterben wirst Du doch, denn Du bist schuld an tausend Qualen, welche ich erlitten habe. Du nahmst mir Güzela, durch welche ich ein besserer Mann geworden wäre. Du hast mich wieder zurückgeschleudert in die Tiefe, aus welcher ich mich erheben wollte; nun sollst Du Deine Strafe haben. Sterben sollst Du, aber nicht schnell durch das Messer oder die Kugel; nein, langsam und mit Millionen Schmerzen. Der Hunger soll Deine Eingeweide zerreißen, und der Durst Deine Seele auflecken, daß sie vor Qualen zischt wie der Wassertropfen, an dem das Feuer frißt!«

»Das traue ich Dir zu!«

»Spotte nicht und glaube ja nicht, daß Du mir entkommen kannst! Wüßtest Du, wer ich bin, so würdest Du versteinern vor Schreck.«

»Ich brauche es nicht zu wissen!«

»Nicht? Oh, Du sollst es doch erfahren, damit Du eine jede Hoffnung aufgibst und damit die Hand der Verzweiflung Dein Herz erfaßt. Ja, Du sollst Alles wissen, damit Du hilflos Deine Zähne zusammenknirschest. Weißt Du, was ein Tschuwaldar ist?«

»Ich weiß es,« antwortete ich, denn ich hatte mir viel von den Tschuwaldar erzählen lassen, welche vor gar nicht langer Zeit Constantinopel so fürchterlich unsicher gemacht hatten.

»Weißt Du auch, daß die Tschuwaldar eine Familie bilden, welche von einem Oberhaupte regiert wird?«

»Nein.«

»Nun so wisse, daß ich dieses Oberhaupt gewesen bin und daß ich es auch noch jetzt bin.«

»Prahler!«

»Zweifle nicht! Hast Du nicht in Ägypten gesehen, wie reich ich bin? Woher sollte ich den Reichthum haben, ich, der ausgepeitschte Beamte? Auch Afrak Ben Hulam aus Adrianopel wurde gesäckt, denn einer meiner Leute hatte viel Geld bei ihm gesehen. Man brachte mir die Briefe, welche er bei sich trug; ich öffnete sie vorsichtig, und als ich den Inhalt sah, beschloß ich, an seiner Stelle nach Damask zu gehen und den Laden auszuplündern, sobald die Zeit dazu gekommen sei. Da aber kamst Du, Giaur, und ich mußte mich mit Wenigem begnügen. Der Scheïtan öffne Dir dafür den heißesten Pfuhl der Dschehennah!«

»Du hast selbst das Wenige wieder verloren!«

»Ich bekomme es wieder; Du wirst es sehen. Aber das soll auch das Letzte sein, was Du auf Erden erblickst. Ich werde Dich dann hier an einen Ort schaffen, von welchem keine Wiederkehr ist. Ich kenne diesen Ort, denn wisse, daß ich in Sorheïr geboren wurde. Mein Vater lebte in diesen Gängen, als der Pascha von Ägypten nach Syrien kam und Männer und Söhne in die Reihen seiner Krieger steckte. Ich war ein Knabe; ich war bei ihm; wir durchschlichen die Finsterniß und durchforschten das Dunkel; wir lernten jeden Winkel dieser Tiefe kennen, und ich kenne den Ort, wo Deine Leiche faulen wird, wenn Du nach langer Qual verschmachtet bist.«

»Allah kennt ihn ebenso!«

»Aber Allah wird Dir nicht helfen, Giaur! So fest, wie Dich jetzt die Fesseln halten, so fest wird Dich das Verderben fassen, dem ich Dich bestimmt habe. Dein Tod ist besiegelt.«

»So sage mir zu dem Allen noch, wo sich jener Barud el Amasat befindet, welcher Senitza als Sklavin an Dich verkaufte!«

»Das wirst Du nicht erfahren!«

»Siehst Du, Feigling! Wüßtest Du gewiß, daß ich hier sterben würde, so könntest Du mir dies ruhig sagen!«

»Nicht deßhalb schweige ich; Du sollst keinen Wunsch mehr haben, welcher Erfüllung findet. Jetzt schweige! Ich werde schlafen, weil die Nacht neue Kräfte von mir fordern wird.«

»Du wirst nicht schlafen können, denn Dein Gewissen läßt Dich niemals ruhen.«

»Ein Giaur mag ein Gewissen haben; ein Gläubiger verachtet es!«

Ich hörte an dem Rascheln seiner Kleider, daß er sich zum Liegen ausstreckte. Wollte er wirklich schlafen? Unmöglich! Oder sollte dies eine neue Qual für mich bedeuten? Wollte er mit mir spielen, wie der Knabe mit dem Käfer an der Schnur?

Ich beobachtete ihn scharf. Nein, er wollte nicht schlafen. Er schloß zwar die Augen, aber wenn er sie öffnete, um nach mir zu sehen, so geschah dies nicht müd und schläfrig, sondern ich sah die runden Stellen mit Anstrengung auf mich gerichtet. Er hätte ja nicht schlafen können, sobald er nur an die Art und Weise dachte, wie er mich gefesselt hatte. Er hatte mir Etwas um die beiden Fußknöchel und Etwas um die Handgelenke gebunden, und da ich die Arme vorn hatte, so konnte ich mit Bequemlichkeit bis zu den Füßen langen.

Hätte ich nur ein Messer gehabt! Aber er hatte mir ja die Taschen ausgeleert. Welch ein Glück übrigens, daß ich nur das Messer und die zwei Revolver bei mir getragen hatte! Mußte ich wirklich hier elend umkommen, so erbte doch wenigstens Halef die Waffen, anstatt daß sie diesem Menschen in die Hände fielen.

Aber umkommen! War es denn wirklich so weit? Vermochte ich mich nicht zu wehren? Da ich die Arme ein wenig rühren konnte, war es ja nicht unmöglich, ihm ein Messer zu entreißen. Wenn ich das fertig brachte und es mir dann gelang, nur fünf Sekunden lang mich von ihm frei zu machen, so war ich gerettet. Und das mußte bald geschehen. Es war seit meinem Eintritte in den Gang gewiß eine sehr lange Zeit vergangen, und wie leicht konnte es ihm einfallen, mich doch noch zu erschießen, um meines Todes gewiß zu sein, was aber nicht der Fall war, wenn er mich, obgleich gebunden, hier zurücklassen mußte.

Ich überlegte. Konnte ich mich sachte zu ihm beugen und mit den Spitzen meiner Finger möglichst leise in seinem Gürtel nach dem Griffe seines Messers suchen? Das war unmöglich. Oder mich auf ihn werfen und ihn mit den Händen erwürgen? Ich konnte ja meine Hände nicht so weit aus einander bringen, als nöthig ist, einen starken Männerhals zu umfassen. Oder sollte ich meine Füße als Angriffswaffe benützen? Vielleicht mit ihnen seine Schläfe zu treffen suchen? Auch das ging nicht, denn wenn ich die rechte Stelle nicht traf, so war Alles verloren. Gleich der erste Griff mußte mich zu einem Messer bringen, sonst war jede Mühe und jedes Wagen umsonst.

Darum versuchte ich es, mich leise, ganz leise zunächst in sitzende Stellung zu erheben. Kein Fältchen meines Gewandes durfte knittern oder rauschen, und ich mußte meine Augen schließen, damit er aus der Stellung derselben nicht auch die Stellung meines Körpers errathen konnte. Denn grad so, wie ich seine Augen sehen konnte, vermochte er ja auch die meinigen zu erkennen. –

Es gelang, und nach langer, langer Anstrengung kam ich auch auf die Füße zu kauern. Ich schloß die Augen jetzt nur halb, um einen seiner Blicke zu erhaschen. Jetzt sah er nach mir herüber – und kaum hatte er die Lider geschlossen, so stieß er einen Schrei aus: mein rechtes Knie lag auf seiner Kehle, und mein linkes auf seiner Brust. Er fuhr in augenblicklicher Angst mit den beiden Händen nach dem Halse, um diesen frei zu machen, und das gab mir Raum und Gelegenheit, mit den zusammengebundenen Händen an seinen Gürtel zu kommen. Ich tastete den Griff eines Messers und zog es heraus. Er fühlte das und erkannte die Gefahr, in der er sich befand. Mit einem gewaltigen Rucke warf er mich ab und sprang auf.

Unter dem Rufe: »Hund, Du entkommst mir nicht!« griff er nach mir.

Aber nur sein äußerster Finger streifte mich. Ich wußte jetzt, daß er einen Augenblick später genau dahin greifen werde, wo sein Finger mich gefühlt hatte; ich bückte mich, schnellte mich zur Seite und dann hinter ihm hinum.

»Ah, fort! Giaur, wo bist Du? Mir entkommst Du nicht!«

Jetzt nun, da er mich nach der andern Seite hin vermuthete, konnte ich den Schnitt thun, welcher meine Füße frei machte; sodann schlich ich mich mehrere Schritte weiter fort. Es war gelungen, und ich holte tief, tief Athem. Aber was nun? Zunächst nur aus seiner Nähe, um zu überlegen!

Ich huschte eine ganze Strecke weiter fort und lehnte mich dann an die Mauer. Was sollte ich jetzt thun? Immer tiefer in den Gang hineinlaufen? Der Kodscha Pascha hatte ja von der großen Gefährlichkeit dieser Gänge gesprochen! Oder kurzweg mit dem Menschen ringen, um ihn zu überwältigen und zu zwingen, mir den richtigen Weg zu zeigen? Nein. Er hatte Schußwaffen; ich hätte ihn nicht überwältigen können, ohne ihn zu tödten; und seine Leiche konnte mir ja nicht als Wegweiser dienen.

Es waren höchst unheimliche Minuten. Auch er beobachtete die größte Geräuschlosigkeit. Blieb er stehen? Kam er auf mich zu oder von mir ab? Er konnte jeden Augenblick auf mich stoßen. Ah pah, diese unterirdischen Gänge konnten ja nicht von einer gar so großen Ausdehnung sein! Ich tastete mich also in der bisher eingehaltenen Richtung weiter fort, den Boden stets erst mit dem Zehentheile der Schuhe sondirend, ehe ich den ganzen Fuß aufsetzte. So mochte ich fast gegen zweihundert kleine Schritte vorwärts gekommen sein, als die Luft feuchter und kühler zu werden schien. Jetzt galt es doppelte Vorsicht! Und wirklich, kaum fünf Schritte weiter hörte der Fußboden auf. Ich ließ mich nieder und tastete umher. Der Rand des Bodens bildete ein großes rundes Loch, welches die ganze Breite des Ganges einnahm. Das war jedenfalls ein Brunnen gewesen. Noch zur Stunde befand sich Wasser darinnen, wie die Feuchtigkeit der Luft bewies. Wer weiß, welche Tiefe er besaß! Wer da hinunterstürzte, kam nimmer wieder empor.

Dem Kreisausschnitte nach mußte die Brunnenöffnung einen Durchmesser von etwa drei Ellen haben. Ich hätte sie also wohl überspringen können, aber ich kannte die Beschaffenheit des gegenüber liegenden Randes nicht. Vielleicht befand sich der Brunnen hart am Ende des Ganges, und drüben war Mauer. Dann mußte der Sprung mein letzter werden.

Nach dieser Seite gab es also keine Rettung für mich; ich mußte umkehren. Das war nun freilich ein schlimmer Umstand! Der Feind schwieg. Lag er noch dort, wo ich ihn verlassen hatte, auf der Lauer, weil er wußte, daß ich gezwungen sei, zurückzugehen? Oder glaubte er noch immer, ich sei nach der andern Richtung entflohen? Oder war er einfach, um ganz sicher zu gehen, nach dem Ausgange geeilt, um diesen zu besetzen? Wie dem auch sein mochte, stehen bleiben konnte ich nicht. Ich nahm also das Messer zwischen die Zähne, legte mich nieder und kroch auf den Knieen und Handballen wieder zurück.

Gehen durfte ich nicht, aber beim Kriechen konnte ich mit den langsam und leise vorantastenden Fingerspitzen den Raum vor mir erst vorsichtig abfühlen, ehe ich den Körper folgen ließ.

So schob ich mich weiter, langsam, sehr langsam zwar, aber doch immer weiter und weiter. Ich hatte nun bereits über zweihundertmal gezählt, daß ich die Kniee fortgesetzt hatte, und mußte also schon über die Stelle hinaus sein, auf welcher ich gelegen hatte. Aber zu diesen zweihundert Schritten hatte ich sicher weit über eine Stunde gebraucht. Noch eine halbe Stunde verging, da hörte die Mauer auf, sowohl an der rechten wie auch an der linken Seite von mir; der Fußboden jedoch lief fort.

Was war das? Rechts und links gab es eine Ecke; folglich stieß der Gang, in welchem ich bisher gewesen war, auf einen andern Gang, und zwar in einem rechten Winkel. Setzte er sich drüben wieder fort? In diesem Falle bildeten die beiden Gänge hier einen Kreuzungspunkt, auf welchem sich Abrahim Mamur befand. Ich lauschte mit angestrengtestem Ohre, konnte aber nicht das leiseste Geräusch vernehmen. Zunächst mußte ich wissen, ob mein bisheriger Gang sich drüben fortsetzte; ich schob mich also in dieser Richtung weiter. Mein Athem ging ruhig, und mein Puls klopfte nicht anders als gewöhnlich; hier war die kälteste Ruhe und Besonnenheit nöthig.

Ich gelangte drüben an und überzeugte mich, daß eine Fortsetzung des Ganges vorhanden sei. Welche Richtung sollte ich nun einschlagen? Gerade aus oder nach links? Die Luft war nach allen drei Richtungen hin unbeweglich und von gleicher Temperatur und Feuchtigkeit; auch die Finsterniß war gleich dicht und undurchdringlich. Ich überlegte. Befand sich Abrahim hier, so stand er gewiß an derjenigen Seite, welche in das Freie führte; stand er aber nicht hier, so hatte er den Ausgang besetzt.

Vor dem neu aufgefundenen Gange war er nicht, denn dort hatte ich die Ecken der Seitenwände in den Händen gehabt. Es blieben also nur noch die beiden Seiten übrig. Ich wandte mich zunächst nach links. Nicht Zoll um Zoll, sondern Linie um Linie rückte ich vor; nach zehn Minuten wußte ich, daß er auch hier nicht war. Nun gab es nur noch die letzte Richtung, rechts, und ich schob mich dort hinüber.

Wohl bis an den Mittelpunkt der Kreuzung mochte ich gekommen sein, als es mir war, als ob ich ein leises, ganz leises, anhaltendes Geräusch vernehme. Ich strengte mein Gehör an und rückte noch einige Zolle weiter. Richtig! Das war das Ticken einer Taschenuhr, jedenfalls der meinigen, die er mir abgenommen hatte. Hier also endlich fand ich ihn, und hier war folglich die Richtung in das Freie. Wie aber hinaus gelangen? Konnte ich an ihm vorüber?

Um dies zu wissen, mußte ich zu erfahren suchen, welche Stellung er eingenommen hatte: ob er lag, saß oder stand. Ich wagte jetzt das Äußerste und näherte mich immer mehr. Ihn packen, um mit ihm zu ringen, konnte ich nicht wagen, denn es verstand sich ganz von selbst, daß er jetzt das Messer nicht für zureichend halten konnte und sich mit einer Schießwaffe versehen hatte. Er hatte wohl gar in jeder Hand einen meiner Revolver, mit denen er ja sicher umzugehen verstand.

Meine Hände schoben sich so vorsichtig und leise vor, wie die Fühlhörner einer Schnecke. Das Ticken wurde vernehmlicher, und jetzt – pst! – jetzt war ich mit der Spitze des Mittelfingers an ein Stück Zeug gestoßen. Er befand sich also unmittelbar vor mir; er durfte nur die Hand ausstrecken, so hatte er mich. Und in dieser gefährlichen Nähe vergingen wohl abermals zehn Minuten, ehe ich wußte, daß er lag, und zwar quer über den Gang herüber.

Sollte ich über ihn hinwegsteigen? Sollte ich ihn durch eine List fortlocken? Ich wählte das Erstere. Es war zwar das Gefährlichere, aber dafür auch das Sichere. Ein sorgfältiges Ausfühlen mit den Fingerspitzen brachte mir das Ergebniß, daß er die Füße über einander geschlagen hatte. Das war mir lieber, als wenn er sie weit aus einander gespreizt gehabt hätte. Ich erhob mich langsam, trat ganz an ihn hinan und hob das eine Bein in die Höhe. Wenn er jetzt seine Stellung veränderte! Es war ein höchst kritischer Augenblick. Aber ich brachte das Bein glücklich hinüber und zog das andere nach.

Nun war das Schwierigste überwunden. Ich brauchte mich nicht mehr nieder zu legen, sondern konnte mich aufrecht fortbewegen. Je mehr ich mich von ihm entfernte, desto sicherer konnte ich auftreten und desto schneller kam ich weiter. Nach kurzer Zeit tappte ich mich bereits im gewöhnlichen Gehschritt vorwärts und merkte auch, daß die Luft sich veränderte. Nach weiterer Zeit fühlte ich Stufen unter den Füßen. Ich stieg empor; es wurde heller und heller; ich kam an eine kleine Öffnung, über welcher ein dichtes Wacholdergesträuch seinen aromatischen Duft verbreitete, und zwängte mich hinaus.

Gott sei Dank! Ich war befreit! Aber ich stand auf einer ganz anderen Seite des Sonnentempels. Jetzt war Eile nothwendig, wenn wir den Mann fassen wollten, denn die Sonne stand bereits am Horizonte. Ich eilte also um den Tempel herum dem Orte zu, an welchem sich die Freunde befanden.

Als ich dort anlangte, wurde ich mit stürmischen Fragen begrüßt. Man hatte mich vermißt und gesucht, aber nicht gefunden. Jetzt war sogar der Kodscha Pascha gekommen, um seinen Beistand anzubieten, wenn man mich suchen wolle.

Ich erzählte mein seltsames Erlebniß und erregte dadurch ebenso große Bestürzung wie Freude.

»Allah sei Dank! Wir haben ihn!« rief Jacub. »Auf, laßt uns in den Gang gehen, ihn zu fangen!«

Die Anwesenden griffen alle zu ihren Waffen.

»Halt!« meinte der Kodscha Pascha. »Wartet, bis ich in die Stadt gegangen bin, um mehr Männer zu holen.«

»Wir sind Männer genug!« rief Halef.

»Nein,« antwortete der Kodscha. »Diese tiefen Gänge haben ihre Geheimnisse. Da gibt es Aus- und Eingänge, welche Ihr nicht kennt. Wir brauchen wenigstens fünfzig Mann, um die Ruinen zu umstellen.«

»Wir sind neun Männer; das ist genug!« behauptete Jacub. »Was sagest Du dazu?«

Diese Frage war an mich gerichtet. Auch ich hielt es für das Beste, schnell zu handeln; ebenso auch Lindsay, als ich ihm die Lage der Dinge erklärte. Und so wurde denn beschlossen, sofort an das Werk zu gehen.

»Aber wie steht es mit der Beleuchtung?« fragte ich.

»Ich hole Licht,« sagte der Kodscha Pascha.

»In der Stadt? Das währt zu lange!«

»Nein, ganz in der Nähe. Da drüben in den Ruinen wohnt ein Panbukdschi, der mehrere Lampen hat.«

Er eilte fort, während wir den Feldzugsplan verabredeten.

Sowohl der Eingang, durch welchen ich getreten war, als auch der Ausgang, durch welchen ich den Gang verlassen hatte, mußte besetzt werden. Bei den Sachen mußte auch Jemand bleiben; das erforderte wenigstens drei Personen. Am Ausgange genügte eine Person, da wir dort ja in die Tiefe stiegen und dem Gesuchten nach dieser Richtung die Flucht fast unmöglich machten; aber an der Doppelsäule, bei der ich eingetreten war, hielten wir zwei Personen für nöthig. Dies waren mit dem Einen, der, wo nicht gar Zwei, bei unseren Effecten zu bleiben hatte, vier Personen. Es waren also die übrigen Vier oder Fünf, welche hinabsteigen und den Dieb bewältigen sollten.

Wie nun diese Rollen vertheilen? Ich mußte jedenfalls mit hinab; da Halef ein guter Anschleicher war, so wählte ich diesen zum Begleiter, dazu den Kodscha Pascha, seiner amtlichen Eigenschaft wegen. Als Vierter bot sich Lindsay an. Ich wies ihn ab, da ich wünschte, daß er bei den Sachen bleiben möge. Es galt ja, die Kostbarkeiten zu bewachen, um deren willen wir das Alles unternommen hatten; aber er gab nicht nach, und die Andern redeten mir zu, so daß ich einwilligen mußte.

Zurückbleiben mußte Jacub, weil die Pretiosen ihm gehörten, nebst Lindsay's Diener. An die Doppelsäule sollten sich die beiden Irländer und an den Ausgang der Diener Jacub's stellen. Den Besitzer von Jacub's Miethpferden konnten wir nicht verwenden, weil er sich in der Stadt bei den Thieren befand.

So war denn die Eintheilung getroffen. Ich steckte meine Pistolen zu mir, als einzige Waffen, welche ich nebst dem Messer mit mir nahm; Bill erhielt den Henrystutzen, und Fred meine Büchse; dann wurde einem Jeden sein Posten übergeben. Es war seit meiner Rückkehr immerhin eine halbe Stunde vergangen, als ich wieder vor dem Wacholdergebüsche stand. Der Kodscha Pascha und Lindsay trugen die Lampen, allerdings noch unangezündet, und ich stieg mit Halef voran. Unten an den Stufen ließen wir Alle unsere Fußbekleidungen zurück; dann schlichen wir vorwärts.

Ich führte Halef an der Hand. Er streifte drüben mit seiner ausgestreckten Rechten, und ich hüben mit meiner Linken die Wand, so daß uns nichts entgehen konnte. Unangenehm war es, daß bei dem Kodscha Pascha hinter uns sich zuweilen ein leises Knacken seiner Zehenknöchel hören ließ.

Wir erreichten die Kreuzung der zwei Gänge. Dort gab ich den zwei uns Nachfolgenden durch einen leisen Stoß das Zeichen, daß sie stehen bleiben sollten, und legte mich dann mit Halef auf den Boden, um zur Stelle zu kriechen, an welcher ich den Gesuchten gelassen hatte. Wir hatten es so ausgemacht, daß ein Jeder von uns eine seiner jedenfalls bewaffneten Hände ergreifen solle, worauf die andern Beiden herbei eilen müßten, um ihn zu binden.

Unter langsamen Bewegungen gelangten wir hin, aber – er war nicht mehr da. Was nun? Hatte er sich vor einen der andern drei Gänge gelegt? Wir untersuchten auch das und fanden, daß er nicht da sei. Er mußte in einem der drei Gänge sein, aber weiter hinten. Wir gingen zu den zwei Begleitern zurück, welche mit Spannung unsern Hilferuf erwartet hatten.

»Er ist nicht mehr hier,« flüsterte ich halblaut. »Gehet eine Strecke zurück und brennt die Lampen an. Stellt Euch aber davor, daß ihr Schein ja nicht in die andern Gänge leuchtet.«

»Was thut Ihr nun, Master?« fragte Lindsay.

»Wir durchsuchen die drei Gänge.«

»Ohne Lampe?«

»Ja. Das Licht würde uns gefährlich sein, da er dann ein sehr leichtes Zielen auf uns bekäme, gar nicht gerechnet, daß er uns schon von Weitem bemerken müßte.«

»Aber wenn Ihr ihn trefft, und wir sind nicht da?«

»So werden wir uns behelfen müssen.«

Nun ging es vorwärts, zunächst in den Gang hinein, in welchem ich den Brunnen gefunden hatte. Die ganze Breite des Ganges einnehmend, thaten wir etwas über zweihundert Schritte, ohne zuvor zu probiren; dann aber mußten wir vorsichtig sein. Wir erreichten das Loch, ohne Abrahim angetroffen zu haben, und kehrten wieder um.

Nun ging es in den zweiten Gang. Hier mußten wir uns in Acht nehmen, um nicht in Gefahr zu gerathen. Wir schlichen also nur ganz langsam vorwärts, und es verging über eine Viertelstunde, ehe wir das Ende des Ganges erreichten. Wir standen vor der Grundmauer des Tempels und mußten abermals unverrichteter Sache umkehren.

Im letzten Gange, der uns übrig blieb, war dieselbe Vorsicht geboten. Er war viel länger als der vorige und endete in einem tiefen Loche, dessen Breite diejenige des Ganges war. Zum dritten Male kehrten wir um.

Die Gefährten vernahmen unsern Bericht mit Verwunderung.

»Er war da, folglich ist er noch da!« sagte Lindsay. »Yes!«

»Er kann auch den Gang während der Zeit, daß ich nicht da war, verlassen haben. Nehmt die Lampen. Wir wollen zunächst einmal in den Brunnen sehen!«

Wir schritten links hinüber und kamen an das Ende des Ganges. Der Brunnen war sehr tief; in seinem dunklen Schlunde war nichts als Finsterniß zu sehen. Hier hinab konnte Abrahim nicht entwichen sein. Darum suchten wir nun den zuletzt durchforschten Gang auf. Als wir an das Loch kamen, sahen wir, daß es eine Treppenöffnung sei, deren erste Stufe aber so tief war, daß man sie von oben mit der Hand nicht erfassen konnte.

»Wollen wir hinab?« frug der Kodscha mit einigem Grauen.

»Natürlich. Es ist der einzige Weg, auf welchem er entkommen sein kann.«

»Aber wenn er von unten her auf uns schießt!«

»Du wirst hinter uns gehen. Gib mir Dein Licht!«

Wir stiegen hinab; wohl zwanzig Stufen zählte ich. Dort gab es einen einzigen langen Gang, welcher sehr weit unter der Erde hinführte und dann mit einer ähnlichen Treppe endete, auf welcher wir emporstiegen. Droben standen wir wieder in einem Gange. Wir theilten uns jetzt nicht, sondern blieben beisammen und verfolgten den Gang.

Er führte zu einem eben solchen Kreuzungspunkt, wie die vier vorher durchforschten Bogengewölbe, und nun war guter Rath theuer. Sollten wir uns theilen oder beisammen bleiben? Wir entschieden uns für das Erstere.

Lindsay und der Kodscha bewachten mit dem einen Lichte den Kreuzungspunkt, während ich nebst Halef mit der zweiten Lampe den nächsten Gang hinunter schritt. Auch er war sehr lang und wurde je länger desto breiter, zuletzt auch heller. Wir eilten vorwärts und erreichten das Tageslicht bei den beiden Doppelsäulen, hinter denen ich eingetreten war.

Aber wo waren die beiden Irländer, welche ich hierher postirt hatte?

»Sihdi, er ist hier durchgekommen, und sie haben ihn,« sagte Halef.

»So wären sie nach dem andern Ausgange geeilt, um es uns zu melden. Komm, wir wollen nachsehen!«

Wir schritten schnell dem angegebenen Orte zu; auch er war unbewacht; der Diener Jacub's hatte seinen Posten ebenfalls verlassen.

»Sie haben ihn nach dem Loche gebracht, in welchem wir lagern, Sihdi,« meinte Halef. »Komm, laß auch uns hingehen!«

»Zuvor holen wir den Engländer und den Kodscha Pascha.«

Wir rannten zurück, wo wir hinter der Doppelsäule unsere brennende Lampe gelassen hatten, und eilten wieder in den Gang hinein, um die Zurückgebliebenen zu holen. Mit ihnen draußen angekommen, löschten wir die Lampen aus und gingen dem Lagerplatze zu. Vor dem Loche sahen wir bereits von Weitem den englischen Diener unter lebhaften Geberden mit den beiden Irländern sprechen. Der arabische Diener Jacub's aber stand dabei und verstand sie nicht. Als sie uns bemerkten, kamen sie auf uns zugesprungen.

»Sir, er ist fort!« rief Bill schon von Weitem.

»Wer?«

»Master Jacub.«

»Wohin denn?«

»Wo der Andere hin ist.«

»Welcher Andere?«

»Den wir fangen wollten.«

»Ich verstehe Dich nicht. Ich denke, Ihr habt ihn!«

»Wir? Nein. Zu uns ist er nicht gekommen. Aber wir dachten, Master Jacub hätte ihn, weil wir ihn schießen hörten, und darum eilten wir ihm zu Hilfe.«

»Warum hat er denn geschossen?«

»Fragt Den da!«

Er deutete auf Lindsay's Diener, welcher bei Jacub Afarah zurückgeblieben war, und dieser berichtete uns ein ganz wunderbares und ebenso sehr ärgerliches Ereigniß. Er hatte mit Jacub am Eingange des Loches gesessen und daran gedacht, daß wir diesen Abrahim Mamur nun bald bringen würden. Da hatte es plötzlich hinter ihnen zu prasseln angefangen, und als sie hinter sich blickten, hatten sie gesehen, daß der ganze zugeschüttete Hintergrund des Raumes im Zusammenstürzen sei. Sie hatten nichts Anderes geglaubt, als daß die ganze riesige Ruine einbrechen werde, und waren schleunigst davongelaufen. Da aber der gefürchtete Zusammensturz nicht erfolgte, so kehrten sie langsam zurück und wollten eben eintreten, um den Schaden anzusehen, als aus dem Loche heraus ihnen ein – – Reiter entgegen kam; es war Abrahim Mamur. Sie wichen entsetzt zurück, und das benutzte er; er sprengte im Galoppe davon. Jacub aber hatte sich rasch wieder gesammelt, raffte die erste beste Flinte auf, zog ein zweites Pferd Lindsay's aus dem Loche und ritt dem Flüchtlinge nach, als er ihm zwei Kugeln ohne Erfolg nachgeschickt hatte.

Das war ja ganz erstaunlich anzuhören! Fast fiel es mir zu schwer, es zu glauben; aber als wir in das Loch traten, ward uns der Beweis, daß der Erzähler die Wahrheit gesprochen hatte. Mein erster Blick fiel auf die Stelle, an welcher das Packet mit den Etuis sich befunden hatte; es war verschwunden. Zwei Pferde Lindsay's fehlten, und zwar war sein eigenes gutes Reitpferd dabei.

»Ah! Oh! Weg!« rief Lindsay. »Ihm nach! Schnell! Yes!«

Er griff nach dem dritten Pferde, ich faßte seinen Arm.

»Aber wohin, Sir David?«

»Dem Kerl nach!«

»Wißt Ihr denn, wohin er ist?«

»No!«

»So seid so gut und bleibt hier, bis Jacub zurückkehrt. Von ihm werden wir das Nähere erfahren.«

»Sihdi, was ist das?« sagte da Halef, indem er mir ein kleines, viereckiges Papierblatt entgegenhielt.

»Wo lag es?«

»Es klebte an dem Pferde.«

Wirklich, das Papier war noch naß. Es war mit Speichel dem Pferde auf die Stirn geklebt worden und enthielt die türkischen Worte: »Dinle-dim, hop ischit-dim.« Das war stark! Hier in dem Loche selbst hatte Abrahim sicher keine Zeit gefunden, diese Worte zu schreiben; er mußte es bereits früher gethan haben.

Und nun traten wir zur Hinterwand, wo uns denn sofort Alles klar wurde. Dieser Gang war nämlich nicht von selbst eingebrochen gewesen, sondern mit Absicht verschüttet worden. Man hatte über seine ganze Breite Bretter empor gerichtet und an denselben den Schutt so natürlich wie möglich aufgetürmt. Unten am Boden war diese Masse wohl zehn Fuß, oben in der Nähe der Decke aber kaum einen Fuß dick gewesen, und dort mochten sich denn gar wohl einige Lücken befunden haben, durch welche man das ganze Loch überblicken und die darin Befindlichen belauschen konnte.

Von dieser Vorrichtung hatte Abrahim Mamur Kenntniß gehabt, vielleicht von seinem Vater her. Er hatte wohl bald bemerkt, daß ich ihm entkommen sei, und war dann in diesen Gang geeilt, um uns zuzuhören. Sobald sich nun die beiden Wächter der Schätze allein befanden, hatte er die obere dünne Schicht der Verschüttung durchbrochen, und die unüberlegte Flucht der zwei Männer hatte es ihm möglich gemacht, ohne Kampf mit den Kostbarkeiten und dem Pferde zu entkommen. Dieser Mensch war wirklich ein ganz gefährliches Subjekt!

Der Engländer stand bei seinen Pferden und sattelte.

»Diese Arbeit ist überflüssig,« bemerkte ich ihm.

»O no, sehr nothwendig sogar!«

»Ihr könnt ihm heut ja gar nicht folgen!«

»Werde ihm aber folgen!«

»Bei Nacht? Seht Ihr denn nicht, daß es dunkel wird?«

»Ah! Hm! Yes! Aber er wird entkommen!«

»Das wollen wir abwarten.«

Da trat der Kodscha Pascha näher.

»Effendi, erlaubst Du mir, Euch einen Vorschlag zu machen?«

»Sprich!«

»Dieser Mensch ist sicher in das Gebirge entwischt, wohin Ihr ihm nun nicht folgen könnt. Ich aber habe Leute, welche jeden Pfad kennen zwischen hier und dem Meere. Soll ich Boten senden?«

»Ja, Effendi, thue das; es wird Dir reichlich belohnt werden.«

»Wohin soll ich schicken?«

»In die Hafenstädte, wo er zu Schiffe entfliehen könnte.«

»Also nach Tripoli, Beirut, Saïda, Zor und Akka?«

»Ja, nach diesen fünf Orten, denn der Dieb wird nicht im Lande bleiben. Mußt Du diesen Boten Briefe mitgeben?«

»Ja.«

»So eile, sie zu schreiben, und sende dann die Leute her, damit sie Reisegeld erhalten.«

»Sie werden von mir bekommen, was sie bedürfen; Ihr mögt es mir dann wieder erstatten. Sie würden von Euch zu viel verlangen.«

Der ehrliche Mann ging schleunigst in die Stadt. Wir blieben zurück und konnten nichts Besseres thun, als den Gang besichtigen, durch welchen Abrahim ausgebrochen war. Darum brannten wir die Lampen abermals an, ließen die Diener bei den Sachen zurück und kletterten über das Geröll.

Dieser Gang hatte dieselbe Länge wie derjenige, welchen wir vorhin zuletzt durchforscht hatten, und führte auf dieselbe Kreuzung, von welcher aus ich dann mit Halef nach der Doppelsäule gekommen war. Die Sache war höchst einfach, für uns aber nicht vortheilhaft gewesen.

Nach kaum einer Stunde erschien der Kodscha Pascha wieder und brachte vier Reiter mit. Er hatte sie bereits mit Proviant und Geld versehen; doch erhielt Jeder von Lindsay noch ein Bakschisch, mit dem sie zufrieden sein konnten. Dann ritten sie ab.

Erst am späten Abend hörten wir draußen den Schritt eines müden Pferdes, und als wir vor den Eingang traten, erkannten wir den zurückkehrenden Jacub Afarah. Er stieg vom Pferde, ließ dasselbe laufen, trat ein und ließ sich stumm auf den Boden nieder. Wir richteten keine Frage an ihn, bis er selbst begann:

»Allah hat mich verlassen! Er hat meinen Verstand verwirrt!«

»Allah verläßt keinen braven Mann,« tröstete ich ihn. »Wir werden den Dieb wieder fangen. Wir haben bereits Boten nach Tripoli, Beirut, Saïda, Zor und Akka geschickt.«

»Ich danke Euch! Aber das wäre nicht nothwendig gewesen, wenn Allah mich nicht verlassen hätte. Ich hatte ihn ja bereits.«

»Wo?«

»Droben, jenseits des Dorfes Dschead. Er hatte hier in der Hast ein schlechtes Pferd genommen; ich aber bestieg dasjenige des englischen Effendi. Das war besser als das seinige, und so kam ich ihm immer näher, obgleich er einen großen Vorsprung hatte. Wir jagten im Galopp nach Norden zu und brausten durch Dschead. Ich war ihm schon so nahe, daß ich ihn fast mit der Hand erreichen konnte – –«

»Hast Du nicht geschossen?«

»Ich konnte nicht, weil ich die beiden Läufe bereits abgeschossen hatte. Ich fühlte mich doppelt stark in meinem Zorne; ich wollte ihn im Galopp ergreifen und vom Pferde reißen. Da kamen wir an viele Nußbäume, die am Wege standen. Er glitt vom Pferde, warf sich das Packet auf die Schulter und floh unter die Bäume. Zu Pferde konnte ich nicht folgen, darum sprang auch ich ab. Ich jagte ihn weit; aber er war ein schnellerer Läufer als ich. Er lief einen Bogen, und kehrte zu der Stelle zurück, an welcher die Pferde standen. Er erreichte sie eher als ich und stieg auf des Engländers Pferd, mir aber ließ er das schlechte.«

»Das ist fatal! Nun konntest Du ihn nicht einholen?«

»Ich versuchte es, aber es gelang nicht mehr, und es wurde Nacht. Ich kehrte also um, fragte im Dorfe nach dem Namen desselben und bin nun hier. Allah lasse einen jeden Stein, den er mir gestohlen hat, zu einem Stein der Trübsal für ihn werden!«

Der brave Mann war wirklich zu beklagen; sein Eigenthum zum zweiten Male zu verlieren, welches er bereits in den Händen gehabt hatte! Ich hielt es für ziemlich sicher, daß Abrahim Mamur nach Tripoli reiten werde, weil er die Richtung über Dschead eingeschlagen hatte. Da wir ihm erst in der Frühe folgen konnten, so war es unmöglich, ihn zu erreichen, ehe er dort anlangte.

Zorniger vielleicht noch als Jacub war Lindsay. Daß dieser Spitzbube just sein bestes Pferd genommen hatte, erboste ihn im höchsten Grade.

»Ich lasse ihn hängen, well!« sagte er.

»Den, der Euer Pferd genommen hat?« fragte ich.

»Yes! Wen sonst?«

»So müßt Ihr unsern guten Jacub Afarah hängen lassen.«

»Afarah? Den? Warum?«

»Er hat es genommen gehabt, aber dieser Spitzbube war so klug, es ihm abzujagen.«

»Ah! Oh! Wie so? Erzählt!«

Ich berichtete ihm den eigentlichen Sachverhalt. Anstatt aber ihn zu besänftigen, hatte ich Öl in das Feuer gegossen. Er schnitt ein Gesicht, wie ich es noch niemals bei ihm gesehen hatte, und rief im höchsten Zorne:

»So ist es gewesen? Schrecklich! Entsetzlich! Hat das gute Pferd und kriegt ihn nicht! Läßt sich um dieses Pferd betrügen! Yes! Well!«

Jacub bemerkte an Lindsay's Blicken, daß von ihm die Rede sei, und konnte sich denken, wovon wir sprachen.

»Ich werde ihm ein anderes kaufen,« erklärte er.

»Was will er?« fragte der Engländer.

»Er will Euch ein anderes Pferd kaufen.«

»Er! Mir! David Lindsay? Ein Pferd? Ah, immer besser! Erst ärgerte ich mich, daß der Spitzbube grad das beste hatte; nachher ärgerte ich mich, daß er's nicht gehabt hat, und nun ärgert es mich, daß man David Lindsay ein Pferd schenken will. Armseliges Land! Gehe fort; fahre nach Altengland! Hier gibt es keinen klugen Menschen mehr!«

Das schien mir auch so. Wir konnten nichts Klügeres thun, als uns niederlegen, um morgen in der Frühe zum Aufbruche gerüstet zu sein.

Lindsay bat den Kodscha Pascha, ihm einen Mann mit zwei Miethspferden zu besorgen, was dieser auch zusagte; dann suchten wir die Ruhe.

Es war ganz kurz nach Mitternacht, als wir durch einen Ruf geweckt wurden. Draußen stand der Kodscha mit dem bestellten Manne und mit den Thieren. Wir erhoben uns. Jacub belohnte den braven Beamten für seine Auslagen und Mühen, und dann brachen wir auf, nicht das freundlichste Andenken an Baalbeck mitnehmend.

Es war während unserer kurzen Vorbereitungen doch schon ziemlich licht geworden, so daß wir bereits sehen konnten. Sobald wir die grüne Ebene Baalbeck's hinter uns hatten, mußten wir durch eine weite, unfruchtbare Ebene, in welcher es aber einige hübsche Weinberge gab. Von der Einfriedung dieser Weinberge blickten uns weiße Heckenrosen und Blutstropfen Christi entgegen. Dann erreichten wir das Dorf Dschead.

Hier erkundigten wir uns und hörten, daß gestern kein Fremder übernachtet habe, daß aber ein von Aïn Ata kommender Bewohner des Dorfes einem einsamen Reiter begegnet sei, welcher jedenfalls nach diesem Orte gewollt habe. In Aïn Ata erfuhren wir dann, daß dieser Reiter wirklich dort durchgeritten sei und sich einen Mann gemiethet habe, der genau den kürzesten Weg nach Tripoli wisse.

Wir nahmen uns auch einen solchen Führer und folgten sofort. So ritten wir unter steten Erkundigungen nach dem Verfolgten den Ostabhang des Libanon hinan und den Westabhang wieder hinab, ohne Ruh und Rast, nur des Nachts uns ein wenig erholend. Ich hatte mir diese Reise über das berühmteste Gebirge der christlichen Erde ganz anders gedacht. Nicht einmal den berühmten Cedernwald konnte ich besuchen.

Endlich sahen wir das Mittelmeer in herrlicher Bläue uns entgegenschimmern, und unten am Fuße des Gebirges und am Gestade des Meeres lag Tripoli, welches die Araber Tarablus nennen. Die Stadt liegt etwas in das Land zurück, und nur die Vor- oder Hafenstadt El Mina hat sich an das Meer gelegt; zwischen beiden aber duften die herrlichsten Gärten und befestigen den Eindruck, welchen auch das Innere der Stadt auf den Beschauer macht.

Wir sahen, als wir der Stadt näher kamen, eine zierliche Goëlette den Hafen verlassen. Sollte es schon zu spät sein? Sollte sich Abrahim Mamur dort an Bord befinden? Wir strengten unsere Thiere an und brausten hinab, hinaus nach El Mina. Dort nahm ich mein Fernrohr und richtete es auf das Schiff. Es war noch nahe genug, um die Gesichtszüge der Männer zu erkennen, welche zurück nach dem Lande schauten. Ja, dort stand er an der Reiling; ich sah seine Züge genau und stampfte zornig den Boden mit den Füßen. Neben mir stand ein schmutziger türkischer Matrose.

»Was ist das für ein Schiff?« fragte ich.

»Maschallah! Ein Segelschiff!« antwortete er, mir mit seemännischer Verachtung den Rücken zukehrend.

Etwas abseits stand der alte Limandar, den ich an seinem Abzeichen erkannte. Ihm legte ich dieselbe Frage vor und erfuhr, daß es die ›Bouteuse‹ aus Marseille sei.

»Wohin?«

»Nach Stambul.«

»Geht ein anderes Schiff bald dorthin?«

»Es ist keines da.«

Da hatten wir es! Nun hielten wir am Strande! Was machen? Der Engländer schimpfte englisch, und die Irländer halfen; Jacub schimpfte kurdisch, und ich hätte ihm helfen mögen. Aber das konnte keinen Nutzen bringen.

»Wir müssen nach Beirut. Dort finden wir sicher ein Fahrzeug nach Stambul,« schlug ich vor.

»Glaubst Du wirklich, Herr?« frug Jacub Afarah.

»Ich bin überzeugt davon.«

»Aber Du wolltest doch nach Jerusalem!«

»Dazu ist auch später Zeit. Ich habe nicht eher Ruhe, als bis ich weiß, ob die Juwelen für Dich verloren sind, oder nicht.«

Halef, mein kleiner Hadschi, fragte, ob ich ihn mitnehmen wolle. Das verstand sich ganz von selbst. Und daß Lindsay uns nicht allein reisen lassen werde, war ebenso gewiß. Jacub lohnte seinen Führer und den Pferdeverleiher ab; dasselbe that auch der Engländer. Es wurden andere Führer und Thiere genommen, und am andern Morgen setzte sich der Zug in Bewegung.

In der Hafenstadt angekommen, erfuhren wir, daß ein amerikanischer Schooner daliege, welcher nach Stambul fahren wolle. Wir sahen ihn uns an. Er war scharf auf dem Kiele gebaut und hatte Klippertakelage, war also ein guter Segler, dem man sich anvertrauen konnte, wenn man keine Scheu vor ein wenig Sturzsee hatte. Wir sprachen mit dem Capt'n und wurden mit ihm einig. Ade, ade, Du stolzer Libanon! Dieses Mal bin ich achtlos an Dir vorübergegangen. Ade also für ein anderes Mal! – – –

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