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Von Alltag und Sonne

Cäsar Flaischlen: Von Alltag und Sonne - Kapitel 6
Quellenangabe
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typepoem
authorCäsar Flaischlen
titleVon Alltag und Sonne
publisherEgon Fleischel Co. Berlin
printrunVierzigste Auflage
year1917
firstpub1897
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130107
projectid3a068b2e
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Morgenwanderung
Ein Sonnenaufgangslied

Aus Januar 1894

 

Und sie zogen aus, als zu einem
Mörder, mit Stangen und Schwertern,
ihn zu fahen; Hohepriester, Schriftgelehrte
und Pharisäer ...

(Und er saß täglich im Tempel bei ihnen und lehrte sie!)

nach Matthäi 26, 45.

 

Mich aber dünkt: es war immer so
zu Zeiten Sokrates' wie zu Zeiten Jesu!
zu Zeiten Galilei's wie zu Zeiten Luthers!

Jost Seyfried

 

Dämmerige Nacht lag über dem Land. Es war  mild, fast warm. Anfang Mai. Ein mächtiger  Tausturm hatte sich erhoben und wogte seine  Frühlingssehnsucht von den Bergen. Wie ein  großer Osterchoral donnerte er über die Gräber  und rief zur Auferstehung.

Die Wälder bogen sich und reckten sich und  krachten unter seinem Rütteln; jahrhundert-alte  Eichen brachen zu Boden, und wie Rohr zerknickte,  was dürr und morsch war und zu schwach und  kraftlos, aufzuleben. Nur was gesund und stark  und triebfähig, hielt stand. In der Tiefe des  Himmels zuckten wie verlöschenwollende Lichter  die Sterne zwischen den zerrissenen und zerreißenden   Wolken, die er, lachend, wie Flaum über uns  dahinfegte, als freue er sich, einmal aufräumen  zu können mit allem, was nicht niet- und nagelfest  war. Selbst der Mond schien Sorge zu haben,  über den Haufen geblasen zu werden, und verkroch  sich hinter zusammenstiebende Wolkenfetzen. Die   Erde bebte unter seinem Donner ... aber es war  nicht das Beben der Furcht ... es war das Beben  der Freude, denn er brachte die Erfüllung ihrer  Sehnsucht.

Von den Hängen schwollen die Quellen mit  lautem Geriesel und die fahle, jeden Augenblick  wechselnde Beleuchtung überrann alles mit phantastisch-gespenstigem  Leben.

 

Vor den Gehöften und Häusern, an denen  unser Weg vorüberführte, standen dann und wann  die Leute. Der Sturm hatte sie vom Schlaf aufgejagt,  denn das leichte Balkenwerk ihrer Behausungen  erzitterte in allen Fugen unter seinen  Stößen. Die Wetterhähne schrieen von den Giebeln.  Es pfiff und heulte. Türen und Fenster sprangen  auf und schlugen. Vom Dorf herüber klangen die   Glocken, angstvoll, dumpf, drohend, wie wenn ...

Die Leute sagten: der Küster sei es nicht, der  so läute! und blickten bleich und verstört, furchtsam  und feig zum Himmel, und die Weiber beteten:  Der jüngste Tag kommt! Die Welt geht unter!  Herr Gott behüt uns! ...

Nein, Mütterchen! Die Welt geht nicht unter  Noch lang nicht! es wird nur endlich Frühling!

Frühling! und wenns noch so tobt!

Frühling: ja! ...

Und lachend zogen wir weiter und sangen und   ließen uns den Tausturm in die Brust wogen ...  wir waren ja gewohnt im Sturm zu stehn: ... und  sangen und jauchzten ... Frühlingwärts! Morgenzu!   Sonn'entgegen!

Sonn'entgegen! Frühlingssonn'entgegen!

Das war es ja auch!

Wir wollten die Sonne einmal aufgehen sehen,   und das Frühlingsdrängen in uns trieb uns ihr  entgegen ... mit der ganzen Lust unseres Hoffens,  mit dem ganzen Glauben unserer Jugend,  mit der ganzen Jugend unseres Glaubens!

Ein paar, die Furcht überkam und denen   unheimlich wurde von all den lebendig werdenden  Baumstümpfen und Hohlwegschatten, drehten um,  da sie ... ›sich nicht erkälten wollten in dem  sinnlosen Wetter‹, und verloren sich zurück in  ihren trübseligen Alltag.

Wir andern aber zogen weiter durch die   prächtige Nacht und ihren jauchzenden Frühlingsturm  und ließen uns, aufschauernd, sein Evangelium  in die Seele donnern. Das Evangelium  des Morgenwerdens.

Weit hinter uns in qualmigem Nebelbrüten  lag die Stadt und alles Mauerumgebene, Enge,  Beschränkte und Beschränkende, die ganze dumpfe  leere und Schwere hungriger Alltagspflicht und  würgender Werktagsangst, und vor uns, um  uns, frei und freudig, mauerlos, weit und offen,  voll Lebensdrang und Sonntagsglauben die sternüberflackerte,  sturmlodernde Erfüllung unserer  Sehnsucht.

Und wir sangen ihr Lied, das Lied des   Morgens, das Lied der Sonne in den donnernden  Sturm und er trug es weiter über die Berge  und von den Bergen in die Täler und jauchzend   rief das Echo es zurück.

Wir kamen durch Ortschaften und Höfe. Die  Nachtwächter fuhren aus ihrem Schlummer,  stolperten uns nach mit ihren Laternen: still zu  sein und die Ruhe der Dörfer nicht zu stören  mit unserem törichten Gesänge. Der Morgen  käme von selber, ohne unser Geschrei. Vorderhand  aber sei es noch Nacht und wir sollten  die Leute schlafen lassen. Schlaf sei etwas Heiliges.

Ja: die Leute!! Sie lagen und schliefen!   Anstatt auf zu sein in Glauben und Freude, anstatt  der Sonne entgegenzuwachen, mit der der  Frühling kommt, von dem sie doch träumen und  nach dem sie sich sehnen!

 

Es war immer heller geworden.

Wir hatten die gerade Richtung verlassen und   erklommen einen Hügelzug, der ins Tal auslief  und von dem sich eine freiere Aussicht bot. Der  Sturm hatte sich allmählich auch gelegt, als ob er  sich genug damit getan, die Nacht gebrochen zu  haben. Die Sterne verglommen. Der Mond  verschwamm in der Tiefe, wie das weiße Segel  eines am Horizont hinabtauchenden Bootes. Es  war fast etwas frostig geworden. Kühle Schauer  rannen durch die Luft. In den Talbreiten zu  unseren Füßen lag alles in schmutzigem Nebel,  wie tot, und an den Abhängen krochen und  kletterten scheue Dunstflüge herum.

Vor uns ... jenseits, überm Tal, stand das  Gebirge. Sein Gipfelgrat zeichnete sich in harter,  scharfer Linie von dem silbergrauen, sich nach  und nach mit leisem Rot überhauchenden Grund  des Himmels hinter ihm ab.

 

Da bemerkte ich auf einem der Berghäupter  drüben etwas herumkrabbeln ... schwarze Gestalten,  Menschen, richtige Menschen, nur infolge  der Entfernung kaum viel großer als Gullivers  Liliputer, zwerghaft, wunderlich. Es sah närrisch  aus. So närrisch, wie einem all dergleichen vorkommen  muß, wenn man etwas nur sieht und  nicht auch hört. So närrisch, wie einem Tauben  vielleicht das ganze Leben, das ganze Treiben der  Welt erscheinen mag.

Als ob wir in einem Puppenspieltheater säßen  und einer niedlichen Pantomime zusähen. Der  helle Himmel hinter dem Gebirg bildete den  weißen Vorhang und wie in einem Schattenspiel  hoben sich die kleinen schwarzen Kerlchen, zierlich  und putzig, mit allen Bewegungen scharf gegen  den lichten Hintergrund ab.

Der kleinen Kerlchen aber wurden immer mehr   und mehr, und als unter einem Windstoß   der Nebel etwas verzog, erkannten wir, daß es  in seinem Schutze den ganzen Berg hinauf in  hellen Haufen stand. Sie zappelten und fuchtelten  mit den Armen in der Luft herum und rannten  in seltsamer Hast und Unruhe hin und her.

 

Dann schien plötzlich etwas los zu sein. Sie  kamen mit langen Stangen und Haken, mit  mächtigen Winden, Haspeln und Kettenrollen.  Wieder andere schleppten sich mit Leitern, die  für ihr Größe ungeheuer sein mußten, und es  begann an allen Punkten eine fast fieberhafte  Geschäftigkeit. Die Erde wurde aufgegraben,  der Felsgrund gesprengt und riesige Pflöcke darin  verankert. Dann schmiedeten sie lange eiserne  Ketten durch die Ringe, und Drahtseile und Taue,  und verklammerten mit diesen wieder die großen   Leitern, die sie hinaufgeschleppt hatten.

Hinter dem Gebirgsstock aber wurde es immer   heller und heller, wie brodelnder Gischt dampfte  es ab und zu empor. Doch je heller es wurde,  um so unruhiger und eiliger, um so aufgeregter  wurde das Getrippel und Gearbeite der kleinen  Schattenkerlchen.

Ich unterschied nun eine ganze Armee von   Lanzknechten mit Piken und Hellebarden, mit   Morgensternen und Donnerbüchsen. Sie hielten  am Berg hinauf, in verschiedene Fähnlein geteilt.  Auf einer etwas tiefer gelegenen Kulm war eine  ganze Batterie von Mörsern und Kanonen aufgefahren,  als gelte es ... Gott weiß was für  eine Völkerschlacht.

Die Leitern wurden aufgestellt und ragten   senkrecht in die Luft und die ganze Gratlinie  stand voll von Leuten mit Stangen und Haken,  so lang und schwer, daß es ihrer immer ein  ganz Häuflein zugleich bedurfte, sie zu regieren.

 

Allmählich aber ahnte mir, was das alles  bedeuten möchte.

 

Ich lachte.

 

Nein, Mütterchen! Die Welt geht noch lange nicht   unter! Keine Sorge! Es wird nur endlich   ... Frühling!

Gott sei Dank!

Es wird nur endlich Tag!

Nach so langer, dumpfer Nacht!

Und wir stimmten das Lied der Erfüllung   an, das Lied des Morgens, das Lied der Sonne   und ihres Aufgangs ... und es brauste wie   Orgelklang durch die Stille, siegverheißend, jubelnd  und jauchzend!

Kühle Schauer zitterten durch die Luft,   während der Himmel drüben sich mit roten  Feuern überglutete, und unsere Schattenmännchen,  gleich tagscheuen dunklen Nachtgeisterchen,  immer unruhiger, erregter und fieberhafter hin  und her rannten.

 

Da:

Ein blendender Blitz ...

und mit purpurgoldener Flamme taucht der   Sonnenball über die graue Kammlinie und   strahlt ein loderndes Hallelujah über die Welt.

Tag! Tag! Tag!

Und Frühling! Frühling!

 

Im selben Augenblick aber schlugen die Kerlchen  drüben die Widerhaken ihrer Stangen in  den emporstrebenden Ball, um ihn festzulegen.  Andere warfen die Leitern über ihn und kletterten  mit flinkster Geschicklichkeit darauf hinüber. Sie  rollten lange Seile und Taue hinter sich ab,  rammten Pflöcke ein und verhakten ihre Ketten  daran, während die ganze Soldateska auf dem  Berg in Bewegung kam und anpackte, die Sonne  wieder in ihre Tiefe zu zwingen.

Wir lachten.

Aber immer neue Haufen rückten an, mit   immer längeren Stangen und Leitern und Ketten.

Sie zerrten von den Berghängen große Wände  herauf, Nebel, Segelleinen oder was es war.

Wie blauer Rauch jedoch zerrannen sie vor   ihrem Licht ...

und die Sonne kam höher und höher über  den Gebirgsgrat, ruhig, unbeirrt und unbekümmert  und blendete immer lichter in die Welt.

Was wollten ihr diese Fliegen!

Da griff die Feuerwehr in den Kampf ein;   zwanzig, fünfzig Schläuche zugleich ergossen ihre  Wasserstrahlen, von uns aus gesehen so dünn  freilich wie Spinnwebfaden ... sie auszulöschen  und über den Horizont hinunterzuspritzen.

Es zischte ein wenig, das war alles.

Schon flammte die halbe Scheibe über den Kamm.

Da plötzlich begann ein feines, zirpendes Geknatter,  wie wenn Kinderpistölchen abgeschossen  würden. Die Lanzknechte hatten mit ihren  Donnerbüchsen losgelegt und von der seitwärts  gelegenen Kulm krachte Kanonensalve um Salve  durch die majestätische Bergruhe.

Doch es zischte nicht einmal. Ruhig und   unbekümmert hob sich die Sonne aufwärts, höher  und höher.

Immer neue Kettentaue aber wurden hinübergeschleudert  und von den Waghälsen drüben angepflockt.  Immer neue Schübe kletterten hinüber  mit Hämmern und Klammern. Und an die diesseitigen  Enden hängten sich ganze Knäuel, ihre  Kraft und Stärke zu messen.

 

Da ... mit einem Male ... war es doch, als   ob sie siegten.

Die Sonne stand eine Spanne hoch über   dem Grat und hing wie ein Fesselballon in dem  eisernen Netz, mit dem die Kerlchen sie in den  wenigen Minuten übersponnen hatten.

Sie war gefangen.

Ihr Aufatmen und Höherdrängen spulte nur  ein paar zu kurze Ketten ab, die in die Luft schnellten,  die anderen zogen sich straff und straffer, hielten  aber ... und es gab einen sekundenlangen Stillstand.

Die schwarzen Männlein hatten gewonnen.

Und schon zerrten sie wieder dicke Nebelwände  von den Berghängen herauf und schon  fuhren sie allerlei sonderbare, mächtige Maschinen  herbei, die Gekettete zurückzuwinden, als es plötzlich  einen kaum merkbaren, leisen, zitternden  Ruck tat, der goldene Lichtwellen über das Tal  warf.

Sie war wieder frei

und alles, was noch gehalten hatte an Ketten,  Klammern, Tauen, Seilen, Stricken, Leitern,  Stangen und Haken, riß durch wie Baumwollfaden,  schnellte hoch und die ganze Soldateska purzelte  jählings über den Haufen und kollerte in die  Abgründe oder flog mitsamt ihren Ketten und  Leitern, mitsamt der ganzen schönen Verankerung  kopfüber lustig in die Luft. Gleich einem Aschenregen   quirlte und rieselte es über den Berg und  putzte ihn sauber ...

Wir lachten. Es war grausam ... aber wir   lachten: wie diese Sonnenstürmer in ganzen  Klümpchen an ihren Stricken und Ketten zwischen  Himmel und Erde zappelten und gleich tollgewordenen  Ameisen in Todesangst an ihren  Leitern auf und ab wuselten.

Ein Teil suchte sich noch durch Abspringen zu  retten. Es sah aus wie schwarze, in rote Feuer  hüpfende Teufelchen.

Die andern aber trug es höher und höher,  bis in der steigenden Glut Kette um Kette schmolz  und eine um die andere in den Abgrund klirrte  und hinter dem Gebirg zu Stücken und Staub zersplitterte ...

 

Arme Schattenmännlein! doch warum wagtet  ihr euch an die Sonne!

 

Und frei und makellos glomm sie in die Höhe,  in schweigender Glorie, groß und feierlich, heilig  und herrlich und loderte den Tag ins Tal und  über die Welt und mit dem Tag den Frühling  und mit dem Frühling die Erfüllung.

Die Menschen drunten schliefen noch. Gleich   scheuen Verbrechern aber flüchteten die letzten  Nebel und Schatten sich in ihre Schluchten und  Schlüfte. Lerchen stiegen aus den Gründen und  jauchzten zum Himmel ...

und wir standen und jubelten ihnen zu und   sangen das Lied des Morgens, das Lied der   Sonne und ihres Aufgangs und es war ein Lied   der Freude und ein Lied des Siegs!

 

Leis aber frug ich mich: ob es jedesmal so   sei, wenn die Sonne aufgehe!?

.

Von der ersten Auflage 1897 wurde eine Ausgabe von fünfzig Exemplaren auf Yeddo-Japan-Papier hergestellt mit besonderen Kunstbeilagen auf altem weißem Bütten-Japan: Philipp Franck, Strand (Originalradierung), Düne (Lichtdruck), Segelboote (Strichätzung). – Felix Hollenberg, Heide (Netzätzung). – Emil Orlik, Mühle (Originalsteindruck), Middelhagen (Strichätzung), Landschaft (Strichätzung), Morgenwanderung (Lichtdruck) ........ Vergriffen.

Neue Luxusausgabe 1916 (ohne Bilder): auf handgeschöpftem Bütten, vom Verfasser beschriftet und numeriert, gebunden M. 12.

Gedruckt in der Offizin W. Drugulin zu Leipzig, Oktober und Novemb. 1897 Zweite Auflage Feb. 1902 Plattendruck der Buchdruckerei Roitzsch, A. Schulze. Dritte Auflage Januar 1904 Vierte Oktober 1905 5: April 1907. 6: November 1907. 7: November 1908. 8: November 1909. 9: April 1910. 10: November 1910. 11: Mai 1911. 12: Oktober 1911. 13: Juni 1912. 14: November 1912. 15: Februar 1913. 16: Juli 1913. 17. 18: Oktober 1913. 19. 20: März 1914. 21. 22: Januar 1915. 23. bis 26: März 1915 bis Januar 1916. Neusatz: W. Drugulin, Leipzig: 27. bis 38. Aufl: 1916. 1917: 39. Auflage uff: Plattendruck: Augustin & Co., Berlin-Charlottenburg.

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