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Von Alltag und Sonne

Cäsar Flaischlen: Von Alltag und Sonne - Kapitel 5
Quellenangabe
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typepoem
authorCäsar Flaischlen
titleVon Alltag und Sonne
publisherEgon Fleischel Co. Berlin
printrunVierzigste Auflage
year1917
firstpub1897
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130107
projectid3a068b2e
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Lotte
Eine Lebensidylle

Aus den Jahren 1893 und 1894

 

.

»Es ist ein stetes Wunder-Erleben!
es ist ein stetes Rätsel-lösenwollen!«

 

Ein Jahr ...  ein ganzes Jahr nun ist es schon, daß  du da herumkrabbelst und uns anlachst aus  deinen dunkeln Augen, wie eine große Frage,  verwundert und rätselhaft, als sollten wir dir  Antwort geben, und ohne daß du selber doch  etwas erzählen könntest oder von dir wüßtest  oder daß wir mehr wüßten, als am ersten  Tag ...

und wenn wir noch so gerne etwas herauslocken  möchten aus dem Geheimnis deiner kleinen  Seele und wenn wir noch so gern die Traumschleier  lüften möchten, aus denen uns dein  Leben zulächelt und noch so oft Guck-guck! Und  Gib's-Händchen! mit dir spielen ...

eine Frage ... das ganze Geschöpfchen!

Niemand aber wird sie lösen,

bis du sie selber lösest, wenn der Sonnenschein  dich so weit gebracht hat, daß es in dir  auseinandergeht und sich auffaltet, leis und  heimlich, Blättchen um Blättchen, wie bei einer  Knospe, wenn Mai und Juni sie umschmeichelt.

bis du aufwachst eines Morgens und dich in   deinen Kissen aufsetzt und über dich selbst erstaunt  neugierig in die Welt lachst: Ja, da bin ich!  die Lotte! und nun ... los!

 

Statt einer Frage aber sind es dann hundert   und tausend ... und jedes Wort und jeder Blick  ist wieder eine neue!

und ... nur ein paar Monate noch vielleicht,   frühling- und mai-wärts! ...

Aber du brauchst nicht zu eilen! und wenn   Vater und Mutter noch so gern dich früher  wachküssen möchten, ihre Namen von dir zu  hören und Menschenfreude an dir zu haben ...

schlaf ruhig weiter noch ein Weilchen! Schlaf  ruhig weiter noch in deinen Geheimnissen und  Fragen! träume ruhig weiter noch in deinen   Rätseln und laß dich nicht wecken!

es ist Torheit, zu frühe zu sein! ... es erfüllt  sich alles ganz von selbst zu seiner Zeit!

Ein Jahr ist es ja schon und das Leben vor  dir ist noch lang genug, weiß Gott! ... obschon  es dir verränne, wie ein kurzer Mai, wenn alles  käme, wie man dir wünschte! wenn alles würde  wie man dir gönnte!

*

Zehn Jahre später ...

und du bist ein großes Mädchen, gesund, rotwangig,  mit blitzenden Augen im Kopf, mit langfliegenden  Zöpfen und wie deine Mutter heute  dir Wiegenlieder vorsingt, so singst du sie deinen  Puppen ...

und du gehst in die Schule, kannst längst schon  lesen, schreiben und rechnen, und bist fleißig und  lustig und voll Schelmerei und Ausgelassenheit ...

doch

auf einmal auch befangen wieder und verlegen ...   schämig, scheu und schüchtern, als erschreckest du  vor all dem Wunderbaren, das sich um dich breitet  und aus der eigenen Seele sich vor dir enthüllt ...

Leis und heimlich, wie das Frührot über die  Berge dämmert und die Sterne erblassen macht,  drängt sich das Leben draußen in deine stille  Traulichkeit

und voll Furcht und doch voll Neugier wieder   stehst du in dem Tagwerdenwollen um dich her   und mit immer süßerem Bangen zittert dir das  Wachwerden der Lieder durch das horchende Herz.

 

Von uns allen freilich, denen du jetzt die   Aermchen entgegenreckst, wird wohl keines mehr  um dich sein. In alle Weltgegenden wird es uns auseinander getrieben haben ... wie gerade der Sturm kam ... südhin und nordhin.

 

Dein Vater aber erzählt dir dann und wann  wie es gewesen, damals, als du auf die Welt  kamst ...

wie wir beieinander waren ...

Sonntags ...

in der kleinen Balkonstube der Großmutter,  und Schach spielten ... und Patiencen legten ...  und Lieder sangen ... oder das Heil der Zeit erwogen  und große Reden redeten ... oder ... von  Manuskripten sprachen, die wir wieder einmal  zurückbekommen hatten ...

immer lustig und vergnügt ... trotz allen Sorgen  und Enttäuschungen ...

und wie wir zusammen lebten ... gehetzt und   verfemt, aber froher Hoffnung in der Zukunft,  wie die ersten Christen in Rom, und miteinander  teilten, was wir hatten und uns Trost zusprachen  und Glauben und uns in unseren Idealen wieder  bestärkten, wenn wir mutlos geworden waren:  uns durchzukriegen durch den Alltag lumpigen   Lebenmüssens!

*

Und noch einmal zehn Jahre  und es sind tausend Wochen und du bist  zwanzig.

Du gehst nicht mehr in die Schule, spielst nicht  mehr mit Puppen, läßt nicht mehr die Zöpfe  fliegen ...

du bist ein Fräulein

und trägst lange Kleider ...

längst schon!

und hast einen kleinen Ring am Finger und   nähst ... an deiner Aussteuer ...

 

Es ist Tag geworden ... In blendendem Goldglanz  klomm die Sonne über den Horizont und mit  lauter Lerchenliedern jubelt es aus deiner Brust  ihr zu. In flimmernder Taupracht blitzt der  Morgen über das erwartungsstille Tal ... die  letzten Schleier der Nacht lösen sich von den Hängen  und in bebendem Verlangen treibt und drängt  und quillt und schwillt es ihm entgegen, mit  tausend Knospen und Blüten ... voll Furcht und   doch voll Sehnsucht, geküßt zu werden und aufblühen  zu dürfen ...

 

Am Garten vorbei ziehn singende Burschen   ihres Weges in die Weite ... und bei deinen Weißdornhecken  bleibt einer stehn und scherzt zu dir   herüber und schwingt sich über den Zaun und  lacht und tollt dir nach und faßt dich und küßt  dich und du ... du küßt ihn wieder ... selig, überselig.

 

Und ihr sitzt vielleicht wiederum in einer   Balkonstube und kichert miteinander, oder ihr singt  euch was am Klavier ... oder ... zankt euch auch,  wie Brautleute sich zanken: ob Kinder mit Strenge  oder mit Gute zu erziehen ... oder ihr beratet,  wie dies und jenes einzurichten wäre und wie dies  und jenes gemacht werden könne ... am besten und  am billigsten ...

und wenn die Mutter einmal meint: das   sei unpraktisch! dann heißt es, gerade wie sie  zwanzig Jahre vorher selber sagte ...

»Nun ja, zu deiner Zeit, Mutterchen! Aber  seitdem, weißt du ... seitdem ist die Welt ganz  anders geworden! zu deiner Zeit war man noch  nicht so weit und Eisenbahnfahren und Dampfschiff  war noch was Merkwürdiges!«

Oder ...

der Vater kommt heim ... aus der Stadt ...   er hat längst schon weißes Haar ... und hat  einen Jugendfreund getroffen, einen von uns vielleicht  ... und er kommt ins Erzählen: von damals  ... als du noch klein warst ...

und du holst ein vergilbtes Photographiealbum  und ihr zeigt euch die Bilder, die wir von dir   gemacht ... und du lachst: wie man so klein sein  könne und so dumm aussehen! und heut seiest  du doch viel hübscher! und wie du nie still gehalten  hättest und was du für ein Wildfang gewesen,  dem kein Zaun zu hoch und keine Mauer  zu steil ...

und dein Liebster drückt dir heimlich die Hand  unterm Tisch und legt den Arm um dich: aber  er ... habe dich doch eingeholt! und ein paar Monate  noch und ...

und die Welt liegt vor euch in der goldenen   Sonnenfreude eures Glücks, mit wogenden Feldern  und duftenden Wiesen und rauschenden  Strömen und blauen Seen ... endlos offen ...  wie ein großer Gottessonntag ... von seligen Liedern  durchjauchzt.

*

Und wiederum zehn Jahre später ...

hast du längst selber so ein kleines Ding um  dich herum, oder zwei oder drei, wie du jetzt selbst  noch bist ... das dich anlacht, aus seinen dunkeln  Augen, wie eine große Frage, aus lauter Geheimnissen  und Rätseln und Wundern heraus,  und du stehst, wie wir heute vor dir, und möchtest  sie lösen.

 

Die Welt ist anders geworden ... es sind   andere Dinge und andere Menschen und doch ist  alles, wie heut und immer!

 

Wie deine Mutter einst mit dir, spielst du   nun mit deinen Kindern, und kommen sie in der  Dämmerstunde und wollen Geschichten erzählt  haben ... kramst du ein altes, zerrissenes Märchenbuch  hervor, das einer von Großvaters Freunden  damals gedichtet.

Wie lang das nun her ist! Herrgott! ... damals  ... ja! als der Großvater die Großmutter  nahm ...

Und besucht dich eines von uns einmal, so   hinkt ein altes Männchen in die Türe, wie dein  Vater ... mit schneeigen Haaren, wackelig und  zitterig ... oder ein altes Frauchen, gebückt und  mit Schrumpeln im Gesicht, wie deine Mutter ...  müde von dem weiten Weg, den es nachgerade  gemacht hat, fünf und sechzig Jahre weit vielleicht ...

und du schickst deine Jungens, die Großeltern  zu rufen: es sei Besuch gekommen ... Tante  Emmy!

O! und es gibt eine Freude bei den alten   Leutchen, kaum zu sagen ... Sie umarmen einander  und küssen sich und weinen ... wie Kinder  oder als ob ... jemand gestorben sei!

Gestorben freilich sind viele! es ist ja auch  lang genug her! ›Dreißig, vierzig, fünfzig Jahre  wird's ja wohl sein, Emmy? ... hätten wir auch  nicht gedacht, damals ... und als die Lotte kam!  Ja, ja! ... ja, ja! ... zur Feier des Tages aber wollen  wir heute noch einmal jung sein und ... und ...‹

Und dein Mann, Lotte, macht eine Bowle und   sie stoßen zusammen an und trinken, ›auf damals!‹  ... und fragen und reden und erzählen ...

›und wie dumm man eigentlich war, mitunter!  und wie unnütz man sich das Leben verärgerte!  ... und wie hoch wir alle hinausgewollt! ... und  was aus dem und dem geworden!? ... ja, und  wie es aber doch schon war, alles! trotz allen  Sorgen!‹

Doch es klingt immer leiser und zuletzt nur:   »Weißt du noch?« wenn du mit deinem Jüngsten  auf dem Arm ins Zimmer trittst, ihn zu zeigen,  und Guck-Guck! und Gibs-Händchen! mit ihm machst ...

und der Großvater geht vielleicht ans Klavier,  was er schon ewig lange nicht mehr getan ... und  spielt ein Liedchen. Aber es klappt nicht recht  und gefällt auch niemand mehr ... es ist viel zu  altmodisch! nur Tante Emmy kann sich noch  etwas dabei denken ... ihr andern langweilt euch.

Und wenn sie dann aufbrechen, bringt ihr sie   ein Stückchen ... heimlich aber sagst du zu deinem  Mann: »ich bin doch froh, daß wir noch jung  sind ... es ist nichts mit so alten Leutchen!« ...

 

Die alten Leutchen freilich sind wir gewesen,  Lotte, die dich aus der Taufe hoben,

und ...

*

Und abermals zehn Jahre ...

und du hast auch schon wieder eine, die nicht  mehr mit Puppen spielt und nicht mehr in die  Schule geht und die Zöpfe fliegen läßt ... die  lange Kleider trägt und ein Ringlein am Finger  und an ihrer Aussteuer näht ... und abends  kommt ihr Liebster und ihr sitzt in einer Balkonstube  und die zwei kichern miteinander und beraten,  wie das und das wohl einzurichten wäre  ... es könne auch mehr kosten, wenn's nur schön   würde ... Papa habe ja gespart!

und das Leben liegt vor ihnen, licht und frühlingsherrlich,  mit wogenden Feldern und duftenden   Wiesen und rauschenden Strömen und blauen  Seen ... endlos offen ... wie ein großer Gottessonntag  ... von seligen Liedern durchjauchzt.

 

Es ist alles anders als damals und doch   wieder: wie heut und immer.

 

Von uns natürlich ist niemand mehr da.   Wir sind zu müde geworden allmählich und sind  ausruhen gegangen ...

Du aber bist noch jung, im schönsten Sommer.  In roten Rosen glüht die Welt. Aus tiefblauem  Grunde tropft die Sonne ihr Gold über das  reifende Land. Aehrenschwer rauscht das Korn  durch die weite stille Mittagsruhe, wenn ein heimlicher  Wind aufwallt und mit durstigen Lippen  sich an ihm satt trinken will, und leise in den  Hecken lockt ein Vogelruf ...

Und wenn dir auch zuweilen ist, als klinge es  wie Sichelklang in der Ferne und als röte sich  das Laub schon an den Bergabhängen ...

noch ist es Sommer! ...

Und klingt der Klang der Sicheln dann auch   immer näher und klingt der Ruf des Vogels immer  ferner und schleiern sich allmählich auch Nebel über  die Wiesen und zittert jene Wehmut des erfüllten  Wunsches, jene Wehmut des Glücklichseins dir  immer lauter durch die Brust, mit ihrer Sehnsucht:   dich wieder sehnen zu dürfen, wieder säen  zu dürfen, nicht nur ernten ...

dann lachen deine Kinder jubelnd ihren jungen  Frühling dir entgegen.

*

Und bist du sechzig ...

machst du vielleicht wiederum Guck-guck zu   solch einem Geschöpfchen. wie du heute selber  noch bist ... das dich anlacht aus seinen dunkeln  Augen, wie eine große Frage ...

aber: als Großmutter ... zu einem Enkelchen!

 

Es ist Oktober geworden, still und kühl und  kahl und kalt draußen, und Blumen gibts nur  noch beim Gärtner, und der Himmel ist grau und  droht mit Schnee, und es friert dich und fröstelt  dich ...

und die Welt und die Menschen sind so anders   als früher ... du kannst dich kaum mehr zurecht  finden ...

es lohnt sich auch nicht mehr! und du läßt den  Dingen ihren Lauf!

 

Zu dem einen Enkelchen aber sind mehr gekommen,  Buben und Mädchen ...

und du flüchtest dich vor ihrem Lärm auf  dein Zimmer ... eingerichtet, wie es dir behagt  und wie mans früher hatte, gemütlicher als jetzt  mit all den tausend neuen Erfindungen und ›Verbesserungen‹:   ein paar Stücke aus deiner Brautzeit,   ein Schrank, ein Lehnstuhl, von deiner eigenen  Großmutter noch, und alte Bilder ...

und du liest etwas, oder stickst, oder strickst,  oder flickst ...

bis die kleinen Wildfänge plötzlich an die Türe  kommen: ob sie herein dürften? sie würden mäuschenstille  sein, wenn du ihnen was erzählen wollest!

Und sie betteln und schmeicheln so lang und   so schön und machen so liebe Augen durch den  Spalt ... bis du Ja sagst und das Jüngste auf  den Schooß nimmst und zu erzählen anfängst:

vom Rotkäppchen und vom Schneewittchen   und vom kleinen Muck ... alles, was man dir   auch erzählt hat, damals ... und du seiest auch  einmal so klein gewesen, wie sie, und habest auch  eine Großmutter gehabt, lhre Ur-ur-großmutter ...  ja! ja!

und die habe alles mit erlebt und die habe auch  Bismarck noch gesehen und den alten Kaiser und ...  wie es Krieg gegeben hätte mit den Franzosen  und wie man die Wacht am Rhein gesungen und  wie es ins Elsaß gegangen sei ... ein Eisenbahnzug  immer nach dem andern ... ganze Tage lang ...  und bloß Soldaten und Pferde und Kanonen ...  über den Rhein, der damals noch den Franzosen   gehört habe ... und wie man Spichern gestürmt  und Sedan belagert und wie der Napoleon habe  kapitulieren müssen ... und wie bei Paris dann  alle Könige und Fürsten von Deutschland  zusammengekommen und Bismarck den König Wilhelm zum  Kaiser ausgerufen.

Länger als achtzig Jahre sei das jetzt ... aber  ihre Ur-ur-großmutter habe das alles erlebt ...

wie die Leute geweint hätten vor Freude, auf  der Straße ... und der alte Kaiser Wilhelm sei fast  hundert Jahre alt geworden und zuletzt habe nur  noch Bismarck gelebt, aber weit weg in einem  einsamen Schloß in einem großen, großen Wald! ...

Ja, ja!

*

Noch einmal zehn Jahre dann

und du bist siebzig, und es ist November und   geht Weihnachten zu.

Deine Enkel sind in die Welt hinaus ... die   Jungen, was Ordentliches zu werden, die Mädchen  mit einem braven Mann.

Dann und wann kommt eines von ihnen zu Besuch  und das sind immer ein paar schöne Wochen!

Und zu Ostern soll es eine Taufe geben ...   ein Urenkelchen!

Ob du es noch erlebst?

Oder eine Jugendfreundin, eine Tante Emmy   kommt einmal ... es werden ihrer freilich immer  weniger!

 

Du bleibst immer länger in deinem Zimmerchen,  immer lieber auch für dich allein ... und liest etwas ...  obgleich es nicht mehr so recht gehen will ... und ...  sie schreiben auch nichts Rechtes mehr!

Vorm Fenster, über dem Platz drüben, liegt  ein Kirchhof ... Alles weiß und zugeschneit, nur  ein paar schwarze Kreuze und Steine ragen aus  dem Schnee, und der Wind pfeift und heult ums  Haus ...

und du denkst, wie lang es wohl noch daure,   bis es wieder schön werde ... Frühling ... und zu  blühen anfange?!

wenn man einmal siebzig, denkt man das mitunter! ...

oder du kramst in deinen Schubladen herum:   alte Briefe, ganze Päckchen, aus deiner Brautzeit ...  und, von deinem Vater noch, vergilbte Zeitungen  mit Aufsätzen und ein paar alte Photographien,  die du dir gerettet, als die Jungens das Album  zerrissen! eine junge Frau auf einem Balkon ...  ein Kind auf dem Arm ... und du wunderst dich,  daß du das gewesen!

 

Auf einmal aber kommt es wieder ... und du   rechnest: wie lange es noch bis Ostern sei und  bis es Frühjahr werde ... und du setzt dich an  deinen Tisch und schreibst ... deinem Enkelkind:

 

Es solle sich nur keine Sorge machen, und   wenn auch nicht alles würde, wie man möchte ...  wenn man sich Mühe gäbe, könne man alles und  bleibe der Lohn nicht aus! und so wie es gehe,  sei es immer am besten. Du habest das fünfzig  Jahre lang erfahren ... so wie es gehe, sei es  immer am besten!

Und wenn es auch über deine Sprüche lache,  in solchen Großmutterweisheiten lägen so ewig  neue und tiefe Wahrheiten, daß man sie recht  eben erst als Großmutter verstünde.

Vor allem aber dürfe man nur nicht meinen,  als müsse alles immer glatt gehen, als müsse tagaus  und ein die Sonne scheinen und als gehöre  Aerger und Verdruß und Unheil nicht ganz ebenso  zum Leben, wie Freude und Glück! im Wechsel  läge das Schöne! ... und als dürften Eheleute   sich nicht auch einmal rechtschaffen zanken! Das  täte gar nichts! du habest dich auch gezankt und  oft genug ... und seiest doch vergnügt gewesen!

Die Hauptsache freilich sei: sich nicht auseinanderzuzanken,  sondern sich zusammenzuzanken

und das gelte dem ganzen Leben gegenüber:

man müsse verstehen, sich mit ihm zusammenzuzanken!

Es sähe alles weit verwirrter aus, als es in  Wirklichkeit wäre ... in der Jugend sei man eben nur  viel zu unruhig und stehe viel zu nahe bei den  Dingen ...

erst im Alter, wenn man mehr über das Ganze  blicke, erkenne man, wie viel einfacher alles wäre,  wenn man es selbst nur einfach nehme ...

und wie auch der größte Kummer immer nur   daraus entstehe, daß man Menschen und Dinge  immer nur wolle, wie man sie haben möchte ...   anstatt wie sie wirklich wären ...

 

und daß man sie immer nur für sich, anstatt  in ihrem ganzen Zusammenhang nehme ...

dann erst stehe man drüber!

 

Das aber sei deiner Großmutterweisheiten  weiseste!

*

.
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