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Von Alltag und Sonne

Cäsar Flaischlen: Von Alltag und Sonne - Kapitel 4
Quellenangabe
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typepoem
authorCäsar Flaischlen
titleVon Alltag und Sonne
publisherEgon Fleischel Co. Berlin
printrunVierzigste Auflage
year1917
firstpub1897
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Mönchguter Skizzenbuch

Aus den Jahren 1894 und 1897

Am Fenster.

Oben, unterm Dach, bei den Schwalben, klein   und niedrig ... ein Tisch, ein Stuhl, ein   Bett ...

aber den ganzen Tag voll Sonnenschein und   blauem Himmel und Schwalbenzwitschern ...

und draußen das Meer mit dem leisen Rauschen  seiner Wellen den wunderbaren Bogen des  Lobber Strands entlang ... weiß ... grün ... blau  und immer blauer sich zum Horizont aufwölbend ...

und das Land mit seinen Höften und Buchten  bis in die heimlichste Falte seines Herzens hinein  sonnenoffen ...

 

Und ich träume hinaus in den goldenen Tag  und auf weißen Mövenflügeln wiegt sich meine  Seele durch die schimmernde Luft ... über Wasser,  Berg und Wald und Wiese

und keine Uhr mahnt an die verrinnende   Stunde ... keine Sorge ... kein Wunsch ... kein Verlangen ...

 

Alles ist Sonnenschein, blauer Himmel, Schwalbenlied  und Wellenrauschen.

*

Im Kahn.

Schaukelt weiter mich, ihr Wellen ... schaukelt  weiter mich, ihr Winde ... durch die wunderbare  Ruhe dieser lichten Einsamkeit ... leise, leise  wiegt mich weiter

in die Ferne

zu den stillen, weißen Wolken, die den Horizont  umklimmen ...

 

Tragt mich fort, wohin ihr wollt!

 

Immer mehr versinkt die Küste mit dem   Strand und mit den Bergen ... alles wird zu   blauem Glanz ...

 

Selig lieg ich auf dem Rücken, horche auf die  Ammenlieder, die mir Wind und Wellen singen ...  falte langsam meine Hände ... schließe lächelnd  meine Augen und verträume in den Himmel,  wie ein Kind in stiller Wiege ...

 

Meine Mutter ist die Sonne ...

*

meine Mutter ist die Sonne  und ich weiß, sie hat mich lieb!

*

Die Mühle.

Steigende Abendwolken ... blei-grau-blau-schwer  ... wie ferne Alpen sich auftürmend ...

die sinkende Sonne dahinter, die Ränder mit  blendendem Gold umkantend ...

 

Auf der Hügelhöhe mitten im glühenden Feuer  des Abendrots eine Mühle,

langsam die Flügel drehend,

 

als schaufle sie der Sonne rinnend Gold in   ihre Tenne.

*

Sonne, Wind und Welle.

Im warmen Sande lieg ich  nackt ... und brenne in der Sonne ...

und wie mit sammetweichen Tüchern flaggt  der Wind mir über die gelösten Glieder.

 

Ich höre auf das Lied der Wellen nebenan  und langsam fallen mir die Augen zu und gold-  und purpurfarbene Wolken sinken auf mich  nieder ...

Ich bin nicht Mensch mehr ... will nicht   Mensch mehr sein ...

ich bin nur Sonne, Wind und Welle ...

ein flüchtiger Zusammenklang von Tönen ...

und wenn der Tag verrinnt am weißen Strande,  verklinge ich zu neuem Lied, wie Sonne, Wind  und Welle,

leidlos, wunschlos in die blaue Nacht.

*

Briefblatt.

Es lohnt sich nicht, die Welt erlösen zu wollen!  ... weiß Gott! es lohnt sich nicht ... und  dann ... dann ... mag ich auch die Narrenkappe  nicht, die dazu nötig und auch das Schellenklappern  paßt mir nicht ...

Still im grünen Walde will ich gehen, still  am weißen Strande will ich sitzen und auf Sonne,  Wind und Welle lauschen und den Wolken zusehn,  die am Himmel spielen ...

und die Märchen, die sie mir erzählen, will  ich nur den Kindern bringen, die da drüben in  den Dünen und im weißen Sand sich tummeln

und vielleicht noch ein paar Großen, die gleich  ihnen und gleich mir

still am Strande spielen können und auf Wind  und Welle lauschen

kinderselig, sonnenfroh?

*

Eines Abends ...

In weiter wellenloser Stille liegt das Meer ...  Der Leuchtturm der Oie nur flimmert mit  rotem Licht durch die blaue Dämmerung ...

Wie Kinderspielzeug stehen die Fischerhütten  mit ihren Moosdächern in der Hügelmulde ...

Ein Windstoß rauscht durch die Nordverd-Eichen,  tief wie das Aufatmen des einschlafenden  Tages ...

Holzschuhe klappen die Dorfstraße hinab. Ich  seh es nicht, ich hör es nur ...

Am Südstrand unten flackern ein paar Laternen  auf ...

Nun weint irgendwo ein kleines Kind, wie   kleine Kinder weinen, weh, wimmernd, ins Herz  schneidend ...

und plötzlich schlägt ein Klavier an, ganz in  der Nähe, und eine weiche Mädchenstimme fällt  ein ... »sturmgeprüfter, müder Wandersmann ...  behüt dich Gott, es wär so schön gewesen!«

Ein halbwüchsiger Junge am Zaun pfeift mit ...  grell und falsch ...

 

Und doch:

ich bleibe einen Augenblick stehen und blicke  zurück:

Wie ein Wetterleuchten zuckt es in der Ferne   und ich sehe die Straße, die ich herkam, bis sie  sich in Walder und Berge verliert ...

Dort war es, ja, dort hinten, wo es aufleuchtet.  Aber es ist zu weit, als daß man noch etwas  erkennen könnte. Man müßte sonst ein Schloß  aufragen sehen und eine Wallfahrtkirche auf dem  Berge und die Mühlenweiher vorm Schwedentor  und das kleine Haus überm Graben und  einen Garten mit hochblühendem Flieder und  Rosen ...

und einen Jungen und ein Mädel ... einen  Jungen, der Verse machte und ein Mädel, das  schwarzbraune Augen hatte ...  und in der Haustüre das kleine Schwesterchen ...   »die Mutter kommt! die Mutter kommt!   rasch!«

 

Im Hof drüben bellt ein Hund ...

und über den Berg herauf wie damals kommt  der Mond, langsam, feierlich und ... guckt und ...  lächelt.

*

Die Malerin.

So seh ich dich sitzen: im hellen Kleid, die   grüne Jacke lose offen, die weiße Mütze  auf dem braunen Haar ...

nicht mehr zu jung ...

hochrot im sonnverbrannten Gesichtchen ...   mitten zwischen Strandkörben und lärmenden  Kindern am Brückensteg.

 

Ich stehe hinter dir, mit fremden Andern und   sehe zu, wie du mit flinker Hand die feinen Pinsel  führst und leicht und launig ein ganz allerliebstes  Bildchen auf die Leinewand bringst ...

Du merkst es nicht ...

vielleicht, daß du es fühlst, da deine Hand  mitunter leise zuckt, als wolltest Pinsel und Palette  du bei Seite werfen ...

dann aber geh ich, denn am Ende könntest  du dich plötzlich umdrehn: was ich wolle?! ...

 

und ... ich verstehe wirklich nichts von ...   Malerei!

*

Heddy.

 

»Das ist die Sehnsucht
der großen Einsamkeit des Meeres!«

 

Und doch ...  man müßte hier zu zweit sein, nicht allein!  ... man müßte jemand haben, dem man sagen   könnte: wie wunderbar das alles ... das waldige  Höft, das buchtige Land, das blaue Meer rundum  und diese großen einfachen Linien, diese ruhigen  freien Formen und dieser wunschlos tiefe heitere  Frieden überall ...

und wie prächtig es ist, wenn die Wellen so  angerauscht kommen, mit langen weißen Kämmen  und sich über den Sand werfen und zerschäumen,  mit immer neuer Lust, sich zu zersprudeln ...

jemand, mit dem man den Strand hinginge,   Muscheln suchen, und die stillen Wege durch den  Wald ...

jemand, dem man die Hand drücken könnte:  Ist das nicht ... schön? ist das nicht den Menschen   selber groß machend, befreiend und erlösend ...  ist das nicht etwas, das ihm alle eigene Weisheit  niemals geben wird! ...

jemand, mit dem man dann auch schweigen   könnte, schweigend sitzen und hinausträumen ...  auf dem schaukelnden Nachen aufwallender Sehnsucht! ...

 

Und wenn es Abend wird und all die Boote   draußen heimwärts in den Hafen suchen und  wenn der rote Schein erlischt und aus dem Wald  drüben die Schatten kommen und alles sich fester  hüllt in seine Mäntel ...

dann sollte man jemand haben, den man lieb   hätte und sollte nicht so allein heimgehen müssen!

*

Phantasie.

Nimm dich in acht: du kannst nicht schlafen,   wenn du Nachts am Strande warst ...

es lockt und lauert um dich her mit seltsam   irren Rufen und lacht und schluchzt und schleicht  und stürzt dir in die Brust und reißt die Dämme  nieder, hinter die der Tag die heiße Sehnsucht  deiner Seele bannt.

 

Und schwarze Wellen tosen dann durch deinen   Traum, mit dumpfem Rütteln an den Brückenstegen  ... erloschene Sterne hängen am Himmel,  wie Totenlarven, bleich, gespenstisch, und glühende  Wolken flammen durch die Luft ...

und durch die schwarzen Wogen treibt ein   Boot, hochauf und nieder ... weiß wie Schnee,  mit weißen Segeln ... und an dem Steuer in  weißem wallendem Gewande lehnt eine Frau

und singt ein Kinderliedchen in die Nacht, als  könne sie dem Sturm damit gebieten.

 

Und immer hohler geht die See und immer   höher tost die Brandung ...

du aber stehst, in sinnlos wirrer Angst, und   rufst und flehst und schreist, doch deine Stimme  hat keinen Ton ...

du ringst dich los und rennst und stößt ein  Boot ins Wasser ... und plötzlich ...

reckt es sich empor ... wie hundert Hände

und wildauflachend schlagen die Wogen über dir  zusammen.

*

Die Fischerhütten.

Fest wie aus Eisen stehn die Fischerhütten in  der dunkeln Nacht, die Hügelhöhen entlang ...

und machtlos prallt der Sturm an ihnen ab ...

Gleich großen, mächtigen Fittichen breiten sie  die strohgedeckten übermoosten Dächer schützend  über den stillen Herd ...

traulich, treu und trotzig ...

und froh und freundlich leuchten ihre Giebelfenster  in die Straßen: Seid unbesorgt, wir  halten gute Wacht!

Nur auf den Städter, der des Weges kommt,  sehn sie voll Mißtraun und voll Argwohn ...  feindselig drohend fast, als schliche sich was Fremdes  mit ihm ein, das ... den Frieden des stillen  Herdes stören könne, den sie schirmen ...

und sich zu einem Sturm aufheben, dem auch   sie nicht mehr gewachsen.

*

Der Scheinwerfer.

Sei auf der Hut, bei Nacht, ... wenn du im   Dunkeln tappst, am Brückensteg, und arglos  deinen Arm legst um die Liebste und sie mit heißem  Kusse an dich ziehst ...

sei auf der Hut: die dunkeln Nächte am   dunkeln Strandsteg haben tausend Augen und   gönnen euer Glück nicht ihr noch dir!

Und wähnt ihr noch so sicher euch ... ganz  in der Ferne, draußen auf den Wassern lauert  was ... von Menschen her ... mit kaltem weißem  Licht ... taghell aufleuchtend plötzlich

und trifft es euch mit seinem jähen Schein,  wenn ihr in kinderseliger Wonne aneinanderhängt ...

dann ists vorbei:

mit tausend Fingern zeigt es aus dem Dunkel

und kichert hämisch eure Liebe tot.

*

Auf der Wiese.

Neben den Weiden, mitten auf der weiten   grünen Wiese liegen wir ... in leise wehendem  Gras ... Hand in Hand ...

du und ich

und träumen in die mittagstille flimmerige Luft.

 

Schwalben zwitschern über uns hin ... ganz  tief und zutraulich ... wir könnten sie greifen ...  wit, wit ... wit! und wir freuen uns, wie flink  und beweglich sie durcheinander schießen und hoch  oben wieder sekundenlang ganz still liegen mit breit   ausgespannten Flügelchen und sich vom Winde  tragen lassen ...

wie sie das nur so können!

 

Und wir möchten Schwalben sein ... so klein  und leicht und zierlich!

Angstvolles Schreien plötzlich und alle sind  spurlos verschwunden ...

ein Wiesenweih stößt durch die Luft.

 

Wir sehen ihm nach und träumen ... weiter  ... zu den weißen Wolken hinauf und gucken  zu, wie sie sich ineinander verspinnen und verrinnen  und lösen und verfließen ... und wie andere,  noch höher, über sie dahintreiben ... ganz rund  und ballig ...

und wundern uns, daß auch nicht einmal eine  davon herunterfällt ...

*

»Auf morgen!«

Nun dämmert langsam sich der Tag zu Nacht  und aus der Tiefe flimmern die ersten Sterne  und über die stillen Wasser klingt ein Traum ...

 

Wir haben zusammen Rosen gepflückt, wir   haben gelacht und haben gesungen, und als es   regnete, saßen wir ganz eng in einer Waldhüterhütte ...

wir haben uns unser Leben erzählt, Frohes  und Trübes, und haben im Sand dann zusammen  gespielt, eine Burg uns gebaut mit Wall und  Graben

und alles, alles zusammen gehabt, den ganzen   Tag ... den ganzen Tag!

 

Und nun, da's dämmert und die Nacht heraufkommt ...

nun gehen wir noch bis zum Garten oben   und geben leise uns die Hand:

»Auf morgen!«

und

du biegst nach rechts, ich biege nach links ...  du träumst von mir ... ich träume von dir ...  und nach ein paar Schritten bleiben wir stehn,  als müßten wir uns noch etwas sagen ...

etwas

schöner,

als alle Rosen und als der ganze schöne Tag ...

und wissen doch nichts anderes dann, als noch  einmal ... ganz laut: ›Auf morgen!‹

*

Tandaradei.

 

und ein kleinez vogellin,
tandaradei!
daz mac wol getriuwe sin!

Walter.

 

Komm, komm!  wir wollen den Kuckuck fragen im Wald,  der weiß es ...

und mit dem goldenen Ringeln spielen im   Farnkraut. Aus den großen machen wir uns  Kronen und die kleinen, die steck ich dir alle an  die kleinen süßen Finger ...

und dann wollen wir dem Sonnenscheinchen   nachgehen, das dort mit den Rosen kichert ... es  soll uns den Weg zeigen ...

und hinter den Föhren im roten Heidekraut  huscheln wir uns zusammen, ganz eng und still ...

und lachen die alte Waldfrau aus, die uns   suchen will ...

und die blauen Glockenblumen läuten uns zur  Hochzeit ...

 

Niemand weiß es ... nur der Kuckuck und die  blauen Glockenblumen

und die sagens niemand!

*

Nachtklänge.

Tieftiefste Ruhe rings ...  nur das gleichtönige, einsamstille Zirren  und Zirpen der Grillen, die ganze Nacht in süßes,  sehnsüchtiges Zittern und Singen auflösend ...

und plötzlich, vom Dorf herüber, die gellen  Klänge eines Sonntagstanzes, hell und heiser,  nur den Takt gebend, und zwischenhindurch das  Schlurren und Schleifen der Tanzenden ...

 

Ich hatte ein Lied im Sinn von waldnachtstillen,  träumerischen Mädchenaugen, von erster  Liebe scheu-sehnsüchtigem Zagen ...

und plötzlich schmiegen weiche weiße Arme sich  mir um den Hals und brennende Lippen drängen  mir entgegen und alles wogt mit laut aufrauschenden  Fanfaren über mir zusammen.

und in blaugoldenen Blitzen verzuckt die Nacht  sich zu den stillen Sternen.

*

Die Spinne.

Halb gedankenlos überstreue ich eine Spinne  mit Sand und sehe zu, wie sie sich herausarbeitet

und wie sie immer wieder zurück fällt, weil  der leichte Sand unter ihr abrollt ...

 

Armes Tierchen! ...

›Schicksal?!‹

*

Das alte Fräulein.

Einen braunwollenen Umhang über dem zerknitterten,  großmustrigen Kattunkleid kauert  sie am Fenster und blickt auf die Waldwipfel und  auf das Meer in der Ferne ... fast unbeweglich ...

Ein scharfes, mageres, versorgtes Gesicht mit  harten, siechenden Augen, wie Menschen haben,  die sie nicht schließen dürfen, wenn sie müde sind ...  und doch wieder so voll Glück, so kindlich dankbar  froh und freudestrahlend, als ob es die Erfüllung   langer Jahre, die endliche Verwirklichung eines  Lebenswunsches, daß sie hier sitze: die grünen  Wipfel vor dem Fenster und das blaue Meer ...

den altmodischen Strohhut mit Bindebändern  über das windzerzauste, angegraute Haar herabgekrämpt  und in der verarbeiteten trockenen Hand  ein lächerliches Zwitterding von Arbeitsbeutel und  Reisetasche, wie aus Großmutters Zeiten ...

Nach einer Weile zieht sie langsam die Uhr ...  eine kleine silberne Uhr an geflochtenem Seidenschnürchen ...

und plötzlich werden ihre Augen tieftraurig ...  als ob mit einem Male alles, was hinter das  Meer versunken lag, mit der kleinen Uhr vor sie  träte; alles, was sie so gemacht, wie sie ist,   hart und grau ...

Kopfschüttelnd kapselt sie das Gehäuse auf,  sieht in das Werk, zieht die Hutnadel und tippt  in den Räderchen herum ...

*

Immer wieder steht die Viertelstunde vor mir:

Die große Freude ... diese kleine Uhr ... die  Hutnadel mit dem schwarzen Glasknopf ... und  dieses tiefe, stille Leid plötzlich ... mitten in der  Erfüllung eines Lebens.

*

Postkarte.

Vormittag.

Ein paar weiße Wolken leuchten am   Himmel, langsam weiterziehend ...

Von den Sandburgen am Strand flattern   die bunten Fahnen und zwischen Sitzkörben und  ans Land gezogenen Booten spielen Kinder ...

Auf dem Badesteg stehen ein paar Männer,  die weißen Laken um ...

Vom Dorf oben überm Wald kräht ein Hahn ...

und dann und wann sirrt ein Windstoß durch  das Dünengras ...

Ich sitze am Hang und sehe einem Marienkäferchen  zu, das an mir herauf klettert ... Marienkäferchen  sollen Glück bringen ...

und freue mich ... über das schöne Wetter und  über die schöne Welt ringsum ... und freue mich,  daß ich mich an all dem noch so freuen kann.

und auf einmal fällt mir ein, daß im Literaturkalender  gegen zehntausend lebende deutsche  Dichter stehen oder solche, die es werden wollten,  und ich rechne, wie viel es ungefähr gäbe,  wenn jeder täglich ein Gedicht machte ...

 

Gott segne unsere braven Verleger!

*

Das Meer.

So hab ich das Meer gern:  weit offen, wie ein Spiegel und zum Horizont  in hängende Wolken sich verrinnend ...

die Sonne hinter seinen leisen Schleiern und Luft  und See in blaßblau-lichtem Schein und Schiller ...

schwermütig ernst und lachend heiter,

zutraulich lieb und unnahbar,

in unbekümmert freier Größe und nie entweihter  Ewigkeit ... lautlos ... in unlotbaren Tiefen  die Wunder hütend seiner Gotteskraft ...

und Strand entlang mit frohen Wellen spielend

schwermütig ernst und lachend heiter,

den Menschenkindern, die da stehen, das kleine  Herz voll großer Sehnsucht, bunte Köstlichkeiten  vor die Füße tragend ...

So ... sei! ... So ... schaffe!

*

Im Sand.

Und wieder lieg ich  nackt

im Sande ...

die Sonne glüht mir durch die Adern und   ich freue mich der stillen Kraft, die mir die Glieder  dehnt ...

und sehe den Quallen zu, die von den Wellen   an den Strand getrieben werden ... hilflose   Dingerchen! und jede doch ein Kunstwerk, wie es  noch kein Künstler nachgeschaffen! ... so klein und  fein und so geheimnislos durchsichtig und in jeder  Faser doch ein ungelöstes Wunder! ...

und ... träume

und gucke in den Himmel

und recke mich

und riesle mir Sand über die Brust

und lache laut, wie schön, wie köstlich es ist:  zu leben!

 

und dann

sitz ich auf einem Felssturz nebenan, die Kniee  hochgezogen und sehe mir zu, mir selber, wie ich  da liege und mich sonne ... neugierig, wie man  irgend etwas Fremdem ... Unbekanntem zusieht,

einer Pflanze,

einem Tier, das man so fände.

 

Wie wunderbar doch eigentlich: dieses glatte,  weiche, weiße Fleisch ... eine Handvoll Sand und  Erde!

und wie wunderbar, wie sich das bildet und   zu Leben wird und formt und wächst und reift ...  immer aus der großen Erde heraus ... und immer  dem Licht entgegen ... wie das kleinste Hälmchen,  wie der riesigste Baum!

und wie es sich bewegen kann und schreien   und lachen, mit tausenderlei Sehnsucht, mit tausenderlei  Willen, und daliegen wieder, lautlos still  wie etwas Totes ...

und wie stolz es dann, wenn es die Augen   aufmacht, sich auf seine Füße stellt und die Arme  reckt ...

und wie klug es sich hat, dieses bißchen Leben,  wie geschickt und sinnreich es sich überall anzupassen  und alles sich zu Nutz zu machen weiß ...

über die Meere kann es schwimmen, über die  Länder kann es laufen, zu den Sternen kann es  reichen ...

wie ein kleiner Gott ... allmächtig, allwissend,  allsehend ...

 

und wie es dann doch wieder dasteht: furchtsam,  hilflos, blind, in zwergenhafter Winzigkeit  und Ohnmacht ... nichts, als eine Handvoll Sand,  die ein leichter Wind im nächsten Augenblick schon  spurlos in den großen Sand verweht.

*

Sünde.

Wir hatten uns lieb und wir wußten es beide  und der Strand lag still und abendeinsam  ... ein alter Fischer nur war um den Weg und  flickte Netze ...

und wir sahen den Schwalben zu, wie sie hoch   am Hang ihre Nester umflogen ...

und saßen am Feldrand und sahn in die   Dämmrung und keines fand mehr, was zu   sagen ...

 

Und immer wundersamer wurden deine Augen   und immer ungeduldiger zerrte der Wind dein   blondes Haar auf und immer sehnsüchtiger ward  unser Schweigen ...

und wir hatten uns lieb und wußten alles  und wußten, daß es der letzte Tag für Monate   war und vielleicht für immer und ... daß wir  niemand etwas nähmen

und ... wir haben uns ... nicht geküßt!

 

War das nicht Sünde?

war das nicht ... dumm?

*

Altes Lied.

Das war der Wald und das der Weg und   hier der Bach und da der Steg und dort   die Bank und in den Eichenkronen träumt golden  immer noch die Sonne und über die Dünen wie  vor Jahren rauscht das Meer ... rauscht das Meer  das alte stille Menschenleid von Lieb und Lassen ...

Und ich gehe und ich stehe und mir ist: ich sähe  draußen, drüben, wo die Straße führt, einen  Burschen ziehn des Weges, hügelab durch Stoppelfelder,   hügelauf durch stille Wälder ... immer  ferner, immer weiter in die abendrote Welt, und  mir ist: ich hör es klingen, und mir ist, ich hör  ihn singen ... und ich singe leise mit:

Ein Röslein blüht im Garten,
liebkost vom wandernden Wind ...
ich bin nur ein armer Geselle
und du bist ein Königskind!

*

Mittagstille.

Alles blau und mittagstill und einsam.   Ich liege in der Düne unter einer Fichte  und sehe so ins Weite ...

Keine Seele rings! ... nur am Brückenkopf in  einem Kahn drei Mädchen ... alle drei in hellen  Kleidern und mit weißen Mützchen.

Sie klettern herum und lachen, wie Mädchen  lachen ... dann stoßen sie ab und rudern hinaus ...  die in der Mitte immer stehend.

 

Ich schließe die Augen und höre auf das  Klappen der Ruder ... man hört ja so weit  an der See ...

 

Nun singen sie ... und ...

eine seltsame Sehnsucht überrinnt mich ...  eine Sehnsucht wie nach Heimat, Kindertagen  und Kinderlachen ... ein Gewirr von bunten flatternden  Fahnen ist um mich her ...

Mädchen, Knaben, Maien tragend ...

und plötzlich seh ich meine Mutter ... auf dem  kleinen Balkon nach der Straße ... hinter ihren  Blumentöpfen ... so wie sie immer stand ... nach  mir aussehend und mir zuwinkend, wenn ich wieder  einmal in die Heimat kam ... mit dem weißen  Haar, mit den großen guten Augen und mit den  vielen, vielen Furchen im Gesicht ...

Ja, ja! das weiße Haar und die vielen, vielen  Furchen! ... und ich gäbe sonst was darum, die  alte Frau einmal hier haben zu können und ihr  das Meer zu zeigen, das sie nie gesehen und  immer doch so lieb hatte ... so, so blau aber  und so still und frei und heiter ...

Das Meer, denk ich mir, müßte den Menschen  gut machen, sagte sie immer ...

O! ... ich gäbe sonst was darum ...

 

und plötzlich ... bricht das Singen auf dem  Wasser drüben ab ...

*

Der Klügere.

Da bist auch du ja wieder, alter Mond ...   und lachst

wie damals,

da du uns im Boot ertapptest, draußen auf  den stillen Wassern, und da wir uns ins Abendrot  verirrt hatten ... wenn du nicht plötzlich hinter  uns gewesen ...

alter mißgünstiger Gesell du!

ewig allein und einsam!

 

Freilich ... so allein und einsam bin ich ja nun auch!

und wenn ichs recht bedenke,

möchte ich eigentlich nur: es könnte mir alles  auch so ... wurst sein, was auf dieser Welt vorgeht,  wie dir ...

alter lieber, kluger Mond!

*

Segelfahrt.

Hei! wie sich die Segel blähn ... und wie schön  es in die Sonne hineingeht!

und wie der Wind sich in die Wellen wühlt!

und wie es aufschäumt und wogt und wirft  und packt und zerrt und ringt und stöhnt!

das ist doch noch Kraft ... und Freude!

Und man möchte mittun, hei! ... und Wind  sein oder Welle ...

und immer so mitten in die Sonne hinein!

*

Spätsommer-stimmung.

In regungslosem Brüten schleiern Meer und  Himmel, eintönig grau, wie blindgewordene  Spiegel, und regungslos dazwischen steht das  Land.

Eine Menge Licht ist in der Luft; ein Licht   jedoch, das keine Schatten hat, gleichmäßig und  zerteilt, so daß man kaum erkennt, obs Mittag  oder Abend und wo die Sonne steht.

Die Oie hängt wie ein rötlich Wolkenbild im  Dunst und ein paar Boote mit kupfergelben Segeln  kriechen an ihm hin, gleich großen Motten, die an  einer Fensterscheibe aufwärts wollen.

Nun taucht ein Dampfer aus der Tiefe und   langhin ballt sein Rauch in runden dunkeln Wolken  sich aufs Wasser.

Kein Laut, kein Ton! Mit dumpfem Schlafe   liegt der Sommer im Gelände und alles halbbeklommen   halt den Atem an, als müsse jeden   Augenblick ein ... Klang, ein ... Ruf, ein ... Schrei  dies Schweigen brechen.

 

Und plötzlich fallen große schwere Tropften.

*

So regnet es sich langsam ein ...

So regnet es sich langsam ein  und immer kürzer wird der Tag und immer  seltener der Sonnenschein ...

 

Ich sah am Waldrand gestern ein paar Rosen   stehn ...

gib mir die Hand und komm ... wir wollen   sie uns pflücken gehn ...

 

Es werden wohl die letzten sein!

*

Abendschatten.

Hell und freudig blitzt die Sonne in den schönen  Abend ... ganz langsam aber und unmerklich  immer tiefer in die Dünen sinkend ...

und wie sie sinkt, sinkt aus dem Eichwald   auch der Schatten ... immer tiefer den Hang herab  und drängt sich Spur um Spur über den weißen  Strand ihr nach.

 

Den Hut im Schoße sitzt ein Mädchen zwischen  dem Gestein, um das die Wellen sich wie flüssiger  Smaragd zerrieseln, und träumt aufs Meer ...

vielleicht

dem weißen Dampfer nach, der draußen den  Horizont hinuntersinkt, langsam und unmerklich,  wie hinter ihr vom Eichwald her der Schatten  immer näher rückt und näher.

Noch liegt die Sonne hell und leuchtend über  ihr ...

schon aber grenzt sich eine graue Linie den   Stein hinauf und greift ihr Kleid und faßt ihren  Gürtel und kriecht sich in die Falten ihrer weißen  Bluse ... leise, heimlich, immer höher, immer  grauer ...

Sie doch sitzt und träumt ...

 

Sekundenlang noch zittert ein Sonnenflimmer   um ihr braunes Haar, daß es wie Gold aufglänzt ...

ein leis wehmütiges Erlöschen dann

und sie ist ganz im Schatten, wie der ganze   Strand ...

nur auf den Wellen draußen glastet noch ein  roter Schein.

*

Nordoststurm.

Nordoststurm tobt ums Haus. Es kracht in   allen Fugen und das Meer drüben brandet,  daß wir es bis in unser kleines Stübchen hereinhören.

Wir sitzen im Sofawinkel vor einem Strauß  Heidekraut, den wir in Wind und Regen gestern  dem sterbenwollenden Sommer draußen stahlen,  und zitternd und frierend birgst du dich an meine  Brust, wie ein furchtsam sturmverflogenes Vögelchen,  das nicht mehr mitfand über das weite  Meer ...

 

»O! und es ist noch nicht einmal recht Herbst!  mein Gott! ... und bis es wieder Frühling wird ...«

muß ich nun eben deine Heimat sein! ...

*

Wenn ... du willst? ... o ja! o ... ja!!

aber ... weißt du:

du mußt dann viel, viel Sonne haben und  Gärten und Wiesen mit Rosen und mit Schmetterlingen  und einen großen grünen Wald, wo  niemand sonst drin spielen darf, nur ich und du  und die braunen Rehe und die Glockenblumenelfen ...

und immer, immer muß die Sonne scheinen,  weißt du ... denn ich bin ja so ein ganz klein  Ding und so kleine Dinger wie ich, brauchen viel,  viel Sonne ... sonst sterben sie ... und ... ich  möchte noch nicht sterben! ... es ist ja so schön  auf der Welt! ...

*

Und der Sturm heult ums Haus und die   Wellen branden, daß wir es bis in das kleine  Stübchen hereinhören und wir sitzen im Sofawinkel  und lachen, wie gut wir uns vor dem  Herbst draußen versteckt haben.

*

Regen.

Nun fängt es wieder an zu regnen und wie  zwei Kinder hatten wir uns auf diesen letzten  Tag gefreut: noch einmal all die lieben Wege zu  gehen: im Wald, am Strand, zum Nordverd  und den roten Klee entlang nach Middelhagen  ... unsere schönen, lieben, grünen Wiesen hin ...

das Herz noch einmal satt zu trinken an all   der seligfrohen Ruhe, an all dem süßen sonnigen  Sonnenschein ...

und nun liegt alles grau in grau und immer   neue Wolken schleifen über die Wiek und immer  tiefer senken die Sonnenblumen ihre Kronen.

*

Abschiedsmorgen.

Die ganze Nacht über Südweststurm, der alle  Wellen auf die hohe See hinaustrieb, und  nun so still, wie es nur am Meer still sein kann  und nur nach Sturm ...

 

Mit breiten Silberbändern liegt die Morgensonne  auf dem Wasser ...

Aus der Prorer Wiek vor Saßnitz tauchen ein  paar Boote mit kupferbraunen Segeln und hinter  ihnen in der Ferne raucht der Dampfer auf ...

 

Langsam arbeitet sich der Gepäckwagen durch die  Dünen ... und mit schweren Wasserstiefeln kommen  die Fischer den Bretterweg herabgeklappert.

Koffer, Kisten, Körbe werden über den Steg  geschleift und in die Kähne getürmt.

Allmählich sammeln sich auch die Abfahrenden  ... drollig bepackt und beladen mit Mänteln,   Schirmen, Schachteln ... und Kistchen und Kästchen ...  mit Sand und Steinen ... Jedes will etwas mitnehmen ...

 

Es wird eingebootet ...

Küsse, Grüße, Tücherwinken ...  Auf dem Dampfer spielt Musik ...

Muß i denn, muß i denn zum Städtele naus
und du mein Schatz bleibst hier! ...

Wie wehmütig, und wie lustig zugleich es über  die weiten stillen Wasser klingt! ...

Wann i komm, wann i komm,
wann i wiederum komm,
kehr i ein, mein Schatz, bei dir!

Das letzte Boot hackt ab und fährt zurück.

Glockenzeichen ...

Kommandoruf ...

Maschinenstampfen ...

ein leiser Ruck ... und ... es ist vorbei!

*

Die Stadt.

Und nun liegt alles wieder im Schatten ...   Wetterwolken stehen am Himmel ... grau in   grau ...

und hinter Werften, Kohlenspeichern und   Eisenbahnschuppen taucht die Stadt auf, im Dunst  des Qualms von hundert Schlöten ... schwarz,  rußig, schmutzig ...

die Stadt ... die stolze Zwingfeste des Menschen

und der Mensch der Stadt ... mit seinem   müden, verfurchten Gesicht ... müd geworden in  der gehässigen Angst um Heute und Morgen und  verfurcht von seinem Kampf um ein bißchen  Ruhe und Freude und Luft und Licht ...

 

und die stille, sonnüberlachte Insel mit ihren  weiten freien Höhn, mit ihrem frohen weißen  Strande liegt versunken wieder in die Ferne

unauffindbar

wie die frühverlorene Jugend dieses Menschen.

*

Und doch:

er läutert Gold in seinen Essen und holt mit  stolzen Schiffen Demant und Perlen über die  Meere und schmiedet eine Krone in seinen Werkstätten ...

und diese Krone auf dem Haupte wird er   lächelnd das Schwert abgürten einmal  und als König  umjauchzt von Jubelliedern  wiederfinden die verlorne Spur.

*

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