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Von Alltag und Sonne

Cäsar Flaischlen: Von Alltag und Sonne - Kapitel 3
Quellenangabe
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typepoem
authorCäsar Flaischlen
titleVon Alltag und Sonne
publisherEgon Fleischel Co. Berlin
printrunVierzigste Auflage
year1917
firstpub1897
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130107
projectid3a068b2e
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Lieder und Tagebuchblätter

Aus den Jahren 1891, 1893, 1897

.

Es war so schön ...

Es war so schön, und nun umzieht sichs wieder,  mit grauen bleiernen Regenwolken, eh du  noch Zeit gefunden, dich zu freuen

und das bißchen Sonne ist wieder weg

und mit ihm gleich der ganze frohe Trug der Dinge ...

 

Und dann und wann ... ein bißchen Sonne, ein  goldener Tag mit blauem Himmel und weißen  Wiesenblumen und einem Liedchen, tief im grünen  Grund

ist alles,

was du am Ende hast von deinem Leben!

*

Da aber kommt sie doch wieder aus ihren   Wolken ... ein halb Stündchen vorm Nachtwerden  ... als ob sie doch den Tag nicht gehen lassen  wolle, ohne einen Kuß auf seine sehnsuchtstillen   Augen ...

ein halbes Stündchen vielleicht ... und dennoch  lang genug und schön genug: des ganzen grauen  Tags Unfreude und all die Torheit seines Mißmuts  wieder vergessen zu machen!

 

Wie hab ich dich lieb, Sonne!

*

Der Strauß.

Wir wollen uns nicht mehr sorgen, komm!   wir wollen lieber die Hecken hingehn und   die goldenen Felder draußen und all die Unrast  einmal hinter uns lassen, mit der wir uns so  müd und unfroh machen müssen.

Komm! nimm deinen Hut! Ich hab so Sehnsucht   aus all den Mauern und aus all dem   Lärm hinaus! ... nach Frieden, Rast und Ruhe!

und du sollst mitkommen! ganz still!

und dann ... wollen wir uns freuen draußen  über den blauen Himmel, die goldenen Felder und  die grünen Wiesen

und einen Strauß Blumen mitnehmen und   ihn zu Hause auf den Tisch stellen,

so daß wir immer denken müssen, wie schön es  sein kann, und immer wieder froh und mutig werden!

*

Regentage.

Regen, Regen und Regen!

tagelang!

und dumpf und bleiern lastet der Himmel auf   die Erde, wie schleichender Tod.

 

Ich will ihm trotzen ... aber immer stiller   wird mein Lachen und immer lähmender fällt es  in meine Brust und immer lauter draußen rinnt  der Regen und ich muß immer wieder hinaussehen  und zuhören

und immer lauter wird die Stille um mich   her und ich fange an, mit mir selbst zu sprechen,

wie ein Kind, das sich im Dunkeln fürchtet ...

 

Und an einem solchen Abend tratest du in meine  Türe, ein paar Rosen in der Hand, und lachtest:

Du, in vier, fünf Wochen ist es wieder Frühling!  ... ist das nicht schön!?

*

Glück.

Nun ward es Sommer und die Rosen blühn   und blaue Sterne blitzen durch die Nacht ...

und durch die Nacht und ihre blühenden   Rosen und ihre glück-tieffrohe Stille hingehen wir  ... zwei selige Kinder ...

und endlos vor uns breitet sich ... in wunderbarer  Helle, von reifendem Korn durchrauscht, die  schöne Welt.

*

Und die Sonne kommt!

Und die Sonne kommt! und die Sonne kommt!   und es wird doch ein schöner Tag!

Immer weiter reißen die Risse in den Wolken  und immer blauer leuchtet der Himmel dahinter  und über dem Forsthof steigen die Tauben und  auf den Wiesen funkelt der Tau ...

bunte Schmetterlinge fliegen und die Blumen   nicken und lachen und vom Birkenhang über den  Bach her

klingt ein fröhliges Erntelied.

 

Die Sonne kommt! die Sonne kommt! Und   es wird doch ein schöner Tag!

*

Sommermittag.

Liebe?  Nein! es war nicht Liebe! es war ein  kurzer Sinnentaumel nur, der dir das Blut aufstürmte ...

 

Wie heißer Juliwind mit durstigem Kusse die  Wellen aufreißt in den stillen Havelseen, sich satt  zu trinken für seinen Weiterflug über den brennenden  Marksand

brachs plötzlich über dich, in deine Stille, durstig,  lechzend ... und drängte deine Hand in mein Haar  und meinen Kopf auf deinen Schooß und empor  an deine Brust und empor, bis ich deinen Atem  auf die Stirne glühen fühlte ... wie der Wind  die Wellen emporküßt ... bis wir Lippe an Lippe   hingen ... mit geschlossenen Augen.

Und dennoch liebtest du mich nicht und deine   Seele war weit weg in der Ferne ...

nur dein Mund war mein!

 

O daß ich sie zu mir schmeicheln könnte! Daß  deine Seele mein würde! deine weiße ferne Seele  mit all der Wonne ihrer Sonnensehnsucht ...

einen Tag nur,

eine Stunde nur!

daß mein Glück nicht bloß ein Taumel deiner  Sinne ...

daß dich das mir gäbe, was mich selbst zu  deinen Knieen niederwirft in stummer Seligkeit!

*

Mitten in der schönsten Rosenzeit ...

Mitten in der schönsten Rosenzeit ...   Glühwürmchen leuchteten in den Büschen  und durch die Tannen flimmerte der Mond und  leicht und fein wie Spinnweb nebelte sein leises  Licht im Uferschilf des Sees.

 

Es war der Weg, den wir so oft gegangen,   lachend und singend ...

früher ...

diesmal aber ...

ich weiß nicht mehr, was uns so schweigsam  machte ...

Ich weiß nur noch, daß du auf einmal ... an  der kleinen Brücke war es ... stehen bliebst  und über den See hinsahst, und dann, als wär dir  kühl, den Umhang fester zogst ...

»Wie schön! und doch: ist das nicht alles  schon, als ob es ... Herbst ... wäre?!«

 

Mitten in der schönsten Rosenzeit!?

... als ob es Herbst wäre!

und ich? ...

warum ... warum ... war mir auf einmal   auch ... als ob es Herbst wäre ... mitten in der  schönsten Rosenzeit?!

*

Ein Sonntag.

So geht ein Sonntag still zu Ende, auf den   du lange dich gefreut ...

ein müder Bettler steht am Weg,

am heimatlosen,

und spielt ein Leierkastenlied ...

ein leises Abendrot verweint am Himmel ...

und aus den Gärten her, sommermüd,

kommt's wie ein Duft von heimlich verwelkenden  Rosen.

*

Aus der Ferne.

Es ist, als suche Etwas nach mir ...   irgend woher ... aus der Ferne ...

ich fühl's ...

und über einem See drüben sucht es ... weit  weg ... zwischen jungen wehenden Birken, die vor  einer Rotdornhecke stehen,

und in schneeblumenweißem Kleide geht es

über grüne Wiesen mit nickenden Blumen

und immer hastiger und hastiger

hang- und hügelauf durch rotes Heidekraut  und über Steingeröll, immer höher, über Klippen  und Grate, und steht und ruft meinen Namen  ins Tal und in die Wolken ...

Wer bist du? was willst du?!

 

Und plötzlich tritt es in mein Zimmer, immer  in schneeblumenweißem Kleide, und starrt nach dem   Platz, auf dem ich sitze ...

mit weitoffenen Augen ... doch wie ins Leere!  oder ... als ob ein anderer da säße, den es nicht  kenne ...

und geht durchs Nebenzimmer und setzt sich   auf die Treppe draußen und weint und schluchzt ...

Was willst du? wer bist du?

*

Und plötzlich wird es wieder totenstill und  ich höre nur ein fernes Wehen, als brauten Nebel  über einer Wiese.

*

Ende.

Verträumt und müde wie ein Schmetterling  im September taumelt der Sommer das   Gelände entlang. Altweiberfäden wirren sich um  seine zerrissenen Flügel und die Blumen, die noch  blühen, haben keinen Honig mehr.

 

Am Hochwald drüben, hinter dem die Sonne  glutet, lauert die Nacht, gleich einer großen  Spinne, und wie ein engmaschiges Netz hängt sie  die Dämmerung vor das verflackernde Abendrot,  nach dem der Schmetterling seinen Flug nimmt.

*

So still und ruhig ...

So still und ruhig, so erfüllten Wunsches froh  gingen auch wir einst durch die lauten  Straßen, langsam, Arm in Arm, und plaudernd,  wie man so plaudert, wenn man Sommerabends  durch die Straßen schlendert ... ein bißchen aus  den Häusern rauszukommen und die Sonne untergehn  zu sehen,

draußen, über der Heide, braun und rot ...

es ist so schön, die Sonne untergehn zu sehn  und Hand in Hand so, eines stillen Glückes ruhig,  im schattenlosen, weichen Licht der Dämmerung  zu stehen.

 

Und nun ist alles, wie vor jenem Sommer:

in Hast und Unruh hetz ich durch den Tag   und suche mich in Arbeit zu vergessen und nenne  das: Sieg! und nenn es Knabentorheit: seine   Zeit an solche Stimmungen und Liebesträume zu  vertrödeln!

 

Und dennoch, wenn ich auf den Straßen dann  und wann Zwei gehen sehe, unbekümmert um den  Lärm rings plaudernd und so still und ruhig, wie  auch wir einst gingen ...

da packt es mich und wie ein Bettler folg   ich ihnen, irgend ein paar Worte zu erhorchen,  und wie ein Dieb, von ihrem stillen Glück mir  was zu stehlen.

*

Das sind so Tage ...

Das sind so Tage ...  wie ein fremder Zwang liegt es auf deiner  Seele und nimmt ihr die Kraft und nimmt ihr  die Ruhe und läßt nicht los ...

und läßt nicht los.

 

Es ist wie Totensonntag über dir und wie  das Rauschen schwerer, schwarzer Flügel und  dann ganz leise wieder wie die Seufzer einer  Herbstnacht ...

als gräme irgendwo ein Mensch sich, den du  kennst, in namenloser Angst und Qual und riefe  dir ... du weißt nicht wer? du weißt nicht, wo? ...  es ist nur wie ein ungeheurer Jammer um dich  her ...

und du springst auf,  als könntest du suchen ...

doch überall sieht es wie graue Dämmerung  dir entgegen

und immer, immer siehst du nur: ein frierend   Kind an deinem Weg und ... rotgeweinte   Augen und seine blasse Hände flehen zu dir auf:  Hilf mir! komm! ich bin die Sonne, bin die  Freude! ich bin das Beste, das du hast! hilf mir!  ich bin ... ich bin ...

 

und dann erstickt es wieder ... im Rauschen   schwerer, schwarzer Flügel und dumpf wie Totensonntag  bleibt es über dir.

*

Die Jugend.

Das hat den Bann gelöst endlich, dies helle  Lachen ...

den Bann,

der wie ein grauer Regentag ob meinem   Sommer hing, der wie ein Hilferuf aus fernen   Tälern in das Lied klang, das ich singen wollte,  und meiner Freude ihre Kraft nahm, sich zu Frucht  zu reifen ...

noch hör ichs durch den stillen Eichwald  klingen ...

so hell und silbern,

wie wenn Neck-Elfen einen Wanderer abgelockt   durch Tann und Unterholz auf ihre Wiese   und im Gesträuch verrinnend ihn verlachen, wie  er dasteht und mit verdutzten Händen in die leere  Luft greift ...

Noch hör ich so dein Lachen, hell und silbern,  den stillen Weg entlang, und seh dein Rosakleid  hinleuchten durch die Bäume ...

Ich will dir nach ... und will dich halten ...  bleib doch! bleib! ... und steh vor einem Busch  glutroter Rosen ...

und plötzlich fällt's wie dunkle Träume von  mir ab ... und

über meine Lippen klingt mit hellem Jubel  das Lied, nach dem ich suchte ...

das selige Lied der Freude!

*

Errungenschaft.

Nun trank ich alle Schalen der Freude, mit   denen das Leben erquicken kann; doch jede   leerte sich mit einem bittern Rest und keine einzige  möcht ich noch einmal trinken ...

nicht die der Jugend mehr, nicht die der Liebe,  ja selbst die goldene des Ruhms nicht mehr.

 

Das aber möcht ich wohl:

so frei und aufrecht und so froh und heiter   hingehen können durch die lauten Straßen und  durch das bunte Marktgedräng des Lebens,

daß weder Groll noch Neid mich mehr beirrt,  wenn andern ... lachend ... kampflos in den Schoß  fällt, um was ich Jahre lang die beste Kraft verblutet! ...

 

Noch kann ich's nicht ... so, wie ich möchte!  ich werd es aber können!

*

Sonnentage.

Einzig schöne Tage,  Sonnentage der Seele ...

da sie stille liegt in wunschlosem Traum, wie  der Märchensee hoch oben in stiller Schwarzwaldberge  grüner Einsamkeit!

 

Keine Welle kräuselt seinen klaren Spiegel ...

nur wenn eine weiße Wasserrose in froher  Sonnensehnsucht sich aus seiner Tiefe hebt

oder wenn ein kleiner Vogel, ein Liedchen   zwitschernd, über ihn streift, mit leichtem Flügel

oder wenn

ein braunes Reh wo aus den Tannen tritt, an   ihm zu trinken.

*

Der stille Garten.

Dort, an der Mauer um den stillen Garten ...   ich möchte stundenlang da stehen und die  langen Baumgänge hinuntersehen.

Welkes Laub liegt auf dem Boden und welkes   Laub hängt an den Bäumen, im Schimmer einer  fernen, stillen Sonne ...

ich hab es immer nur so gesehn ... in sturmlos  hellem klarem Herbst ... und könnte mir auch  kaum recht denken, wie es hier anders werden  sollte oder was ein Frühling hier wollte.

 

Ganz unten nur, wie durch offene Tore sieht   man in ferne mittaghelle Weiten mit sonnbeschienenen  Hügeln und Tälern, Flüssen und Seen  und kleinen Dörfern ...

und wenn da Menschen wohnen,

dann müssen sie diese offenen Tore für große  stille Augen halten ... und wenn sie sind, wie  Menschen sind, dann mein ich, müßten sie froh  und ruhig werden, wenn sie heraufsehen.

*

Der Künstler.

Oben auf dem breiten Gesims eines Bodenfensters  saß er ... mit langen braunen Locken.

Sein feines Gesicht war krankhaft blaß, seine  Brust atmete schwer und langsam, aber seine  Augen flammten in blitzendem Feuer, als strahlten  sie die Abendlichter zurück, die durch die stillen  Wipfelkronen der Eichen flimmerten, die das Haus  umstanden.

 

Er hatte einen Strohhalm in der Hand und   tauchte ihn dann und wann in ein kleines Kristallglas  voll purpurroten Schaumes, das auf dem  Gesims neben ihm stand, und blies prächtige  Seifenblasen in die Luft. Immer größer und  schöner. Und wie Gold und Purpur leuchtend  trieben sie die Gärten hinab, zwischen die ärmlichen,  niedrigen Dorfhütten hinein.

Unter dem roten Schaum in seinem Glas   jedoch pulsierte, langsam und immer langsamer,  ein leise zuckendes Herz.

 

Drüben über dem Gartenzaun stand ein Haufe  Kinder, der sich nach und nach zusammengefunden  hatte, ihm zuzusehen, und schrie und lärmte zu  dem stillen, einsamen Knaben empor und klatschte  in die Hände über das schöne Seifenblasenspiel,  das er ihnen vormachte:

»Noch mehr! noch mehr!«

 

Wenn eine davon jedoch zu schwer geraten   war und niedersank, so kletterten sie auf den Zaun  und schlugen nach ihr und freuten sich, wie sie  zerplatzte.

 

Die Sonne aber sank tiefer und tiefer und   die blitzenden Augen des Knaben oben erloschen  in gleicher Weise mit der Sonne. Zuletzt blieb nur  noch ein einziger Strahl an seinem Glase haften.  Wie Golddampf leuchtete es daraus auf und ein  zitterndes Purpurwölkchen zerkräuselte sich in der  Luft, während die Kinder über dem Straßenzaun  drüben johlend in die Hände klatschten ...

 

nur durch die Kronen der alten Eichen schauerte  ein heimlicher Windstoß.

 

»Seife hätt's auch getan!« meinte der Totengräber  am anderen Tag, »und er wäre dann noch  am Leben!«

»Seife ... hätt's auch getan!«

*

Tagebuchblätter

Jauchze mein Herz und trinke dich satt an dieser  Tage goldener Sonne, an dieser Farben   köstlicher Freude, an dieser Ruhe voll schaffender  Kraft ...

jauchze, mein Herz,

und trinke dich satt!

 

Es wird gar bald ein Winter wieder kommen,   müdemachend und arm und alt, mit spätem Tag  und langem Abend ...

ein Winter, da du froh sein wirst, ein bißchen  Sonne von früher zu haben.

*

II

Ich sitze am Fenster und blicke auf die Dächer

und über dem Dächergewirr in der Tiefe des  herbsthellen Himmels kreist ein Flug von weißen  Tauben, langsam in die Ferne versinkend ...

 

und wo sie niederfliegen, da denk ich mir in   weiten Frühlingsgärten ein weißes stilles Haus,  mit Säulen und Giebeln,

und in der Halle auf dem Hochaltar zwischen   roten blühenden Rosen

ein schartiges, narbiges Schwert.

*

III

Lege das Ohr an die Erde

und höre ...

und du wirst Hufgestampf hören, in weiter  Ferne nur, aber näher und näher kommend.

 

Es ist die Zukunft

auf lichtweißen Pferden ...

eine goldene Krone im blauen Banner ...

die Krone des Menschen und seines Siegs   und seines Königtums!

 

Raffe dich auf aus deinem Alltag und gürte  das Schwert um deine Lenden und kämpfe ihr  entgegen ...

denn

noch ist ... Kampfeszeit.

*

IV

Nicht bei Seite sehen,

nicht drum rum gehen und ausweichen, nicht   darüber hinwegträumen ...

Stand halten,

Aug in Auge seine Kraft erproben und Herr   drüber werden!

V

Und plötzlich fällt es wie graue Nebel von  deinem Tag und nackt und nüchtern starrt es dir  entgegen:

Es war nur Täuschung! es war nur Selbstbetrug,  wenn du dir vorgeredet, das sei, was du  wollest und was in deine Tiefen dich erfülle:

dieses Der-bloßen-Pflicht-Genügen,

dieses Spiel:

dich selber unter's Joch zu zwingen ... wie   lange du so stark wärst, es zu tragen?!

Es war nur Täuschung ... keine Tat!

*

VI

Laß sterben, was sterben will, und schleppe  dich mit ihm nicht müde! Du zwingst es doch  nicht mehr zum Leben und zu der frohen Freude  eines Sommers! Es hat die Kraft nicht mehr,  dein Mitleid, deine Liebe dir zu danken und zerrt  dich selber nur in seinen Herbst!

Laß sterben drum, was sterben will ... und  ohne Klage!

VII

Neu anfangen zu können

ein einziges Mal wenigstens!

Nicht aufzuräumen haben, weglegen und lassen  dürfen, was nicht fertig wurde ...

einen Abschnitt machen können ... bis auf den  Grund ... ein Meer zwischen gestern und heute  bringen ...

ein einziges Mal wenigstens ... ein Neuer sein  dürfen ... das ist's ... was einen hinübertreibt über die  Wasser!

dieser große stille Morgenwunsch jedes neuen  Tages, jedes neuen Jahres ... mit seinem schönen  Mutigwerden!

 

Mit dünnen spinnigen Armen aber greift es  herüber

schattenhaft, schadenfroh

und kettet jedes Heute mit hundert kleinen   Zetteleien an Gestern und saugt sich herzblutgierig  an ihm fest und lähmt ihm gleich das Beste  wieder, das es hat: den frohen Mut, neu anzufangen ...

ein einziges Mal, neu anzufangen!

*

VIII

Die Dichter, das sind die großen Träumer  ihres Volkes ...

die Träumer seiner Sehnsucht!

IX

Schon dämmert der Morgen über die stillen  Häuser herauf, mit blauem Schimmer sie umspinnend ...

beinahe feindselig blendet meine Lampe mit   rotgelbgrellem Licht ihm entgegen.

 

Ich sitze noch und schreibe ...

doch immer langsamer und schwerer und   stockender wird meine Hand ...

und es ist, als rücke alles immer weiter von  mir ab ... Tisch und Schreibereien ... und als   sänke ich selber nach, immer tiefer und tiefer ...

 

Da löst ein Schatten sich aus den Gardinen  und beugt sich über mich:

Es ist genug! komm, du bist müde! Es ist  Zeit, müde zu sein: Geh zur Ruh! komm! Und  laß auch der Nacht ihr Recht und mir!

Und die Bilder an den Wanden nicken mir   zu und lächeln und aus einem Strauß verwelkten  Heidekrautes klingt es leise:

Geh! geh! ... und träume ... von einem   Wald im Abendrot, am rauschenden See, draußen,  in weiter Sommereinsamkeit, und von einem Kinde,  mit dem du mich pflücktest ...

Geh! geh!

schlafe ... träume!

und laß auch der Nacht ihr Recht!

*

X

Wie das erfrischt und Roß und Reiter fröhlich  und gelenkig hält: der eigenen Behaglichkeit zum  Trotz sich einmal etwas zuzumuten ...

eine Nacht durch ... ob nun Mondschein oder   Regen ...

und nur:

zu sehen, ob man seinen Willen kann, sich   und dem Pferde gegenüber, und ob es nicht versagte,  käm's drauf an ...

und mit der Sonne dann querein durch Wald   und Heide, und von der Höhe aus: Rundschau zu  halten über seine Welt!

*

XI

Ihr blickt so müde, so abgesorgt und freudlos! ...

Seid jung ... und froh!

wir müssen jung sein, wenn wir siegen wollen

und froh

und stark! und der Tag darf uns nicht müde  machen!

Jugend tut not! und Freude!

der ganzen Zeit, der ganzen Welt!

Ach! ... und nur Jugend

und nur Freude

siegt!

XII

Unter blühenden Rosen ruhe das Schwert ...

Frohe Menschen gilt's zu sein! und wer's   nicht ist, der eile, eile, es zu werden ...

Freude allein ist Erlösung!

XIII

Und wenn ihr logt und ... ›nur so sagtet‹ ... dann  logt ihr eben! meinetwegen! ... Ich halte mich an  eure Worte, ob sie von Herzen kamen oder nicht!

Im übrigen

wird es wohl sein, wie immer: ein bißchen  Wahrheit und ein bißchen Lüge, in liebenswürdig  buntem Durcheinander, ganz ehrlich beides und  ganz gut gemeint ...

und meist wohl nur, weil wir nun einmal   nie daran gewöhnt, uns wirklich klar zu werden ...

vielleicht auch weil wir nicht gern kränken  wollen ...

im allgemeinen aber, weils uns ... Hand aufs   Herz! im letzten Grund doch herzlich Wurst ist, ob  einer sich nach links ausfindet, ob nach rechts,  wenn wir nur höflich waren gegen ihn!

Oder ... sollte es am Ende ... doch so was wie  weiße Raben geben!

*

XIV

Ich war so glücklich! ... und nun ist alles  wieder verschüttet unter trübseligem Nebel

das ganze bißchen Sonnenschein,

das ganze bißchen Frühlingsfroheit, das sich  herausgewagt hat nach so langem Frost ...

weg! erstickt! erwürgt!

 

Sieh, solche Macht hast du über meine Seele ...

mit einem einzigen Wort sie zurückzustürzen in  Verzagtheit ... mit einem einzigen Wort ihr ganzes  frohes Keimenwollen auf lange Tage wieder zu  binden!

 

Ich weiß, es schmerzt dich selbst nun und du  würdest's gerne ungeschehen machen ...

Aber gräme dich jetzt nicht noch darum!

Es war ja nur, daß ich mich drauf gefreut,  dir ein paar ... Blumen zu bringen

und nun ... nun ... hab ich eben keine!

*

XV

Hab Dank, du mein liebes Rad du!  Du hast mir geholfen, mich hinaus zu  finden wieder aus der Enge der Häuser und  der Straßen ...

du hast mir geholfen, von all der Frack- und   Zylinder-Feierlichkeit los zu kommen ...

du hast mir geholfen, mich an mir selbst zu   freuen und wieder froh zu werden!

 

Und nicht bloß mir!

der ganzen Zeit!

hab Dank!

Du hast ihr eine neue Freude gegeben ...

und ein Stückchen Freiheit wieder, zu sich und  zur Natur zurück ...

und hast ihr damit ein Stückchen Jugend   wiedergebracht und Frohmut und Harmlosigkeit ...

hab Dank!

*

XVI

Das war nun wieder so ein toter Tag ...

Kopfweh vom frühen Morgen an, verstimmt   und müde ...

mit jeder Post verdrießliche Briefe ...

Alles schal und abgestanden,

dumm und taub!

und draußen stickiger Dunst und dumpfer  schwüler Regen ...

kein Blitz! keine Kraft! Alles schlaffe müde  bleierne Gleichgültigkeit und Nörgelei!

*

XVII

Fest auf der Erde steh mit beiden Füßen und  laß dich nicht verwirren von der Sehnsucht, die  dich hinüberlocken will in ihrer Dämmerung ewig  leere Weiten ... fest auf der Erde steh, die dich  geboren: sie allein ist deine Heimat, aus ihr allein  quillt Kraft und Wille dir und Tat

und was du bist, bist du aus ihr!

 

Was willst du in den blauen Fernen drüben,  in die dein Traum sich Paradiese baut und goldener  Seligkeiten schimmernde Paläste?! ... wenn du  den dunkeln Weg dazu erfüllt, du stündest doch  nur vor der Antwort wieder, der du geglaubt  entfliehen zu können!

 

Drum bleib und steh und wohne dich zurecht   auf deiner Erde und in ihre Grenzen, du hast   in langem hartem Kampf sie dir erworben ... und   träume nicht das Beste, das du ihr verdankst,  hinaus ins Leere!

Hier auf der festen Erde ist dein Platz

und hier sei auch dein Sieg!

XVIII

Ganz in der Ferne dröhnt ein Bahnzug, hohl  und hart ...

 

Nun ist er vorüber ... und es ist wieder nur  das leise Surren der Nacht umher ...

graue Wolken stehen um den Mond ... schwer   und massig ...

und wieder schnauft ein Bahnzug in die Weite

 

und ich denke an die Menschen, die so in die   Nacht hinausfahren.

*

XIX

Das ist nicht Sommer mehr, das ist September   ... Herbst:

diese großen weichen Wolken am Himmel,   diese feinen weißen Spinnwebschleier in der Ferne  und hinter den Gärten mit den Sonnenblumen  der ringelnde Rauch aufglimmender Krautfeuer ...

und diese süße weiche Müdigkeit und diese  frohe ruhige Stille überall und trotzdem wieder   diese frische, satte, erntefreudige, herbe Kraft ...

das ist nicht Sommer ... das ist Herbst!

*

XX

Ich möchte einmal ein Buch schreiben, ein  kleines, frohes Buch ...

das ich aber nur denen geben möchte, die es  lieb haben würden und die mit ihm froh sein  könnten ...

ein kleines, kleines Buch, in dem nur stünde:  wie schön der Sonnenschein über dem Garten  draußen am See, mit den blühenden Rosen ... und  wie schön das Lied der Vögel in den schattigen  Baumwipfeln und wie schön der blaue Himmel  über dem allem und seine weißen Wolken ...

denn ich bin ja selber nur ein Stückchen  Garten, Wald und See ... über dem die Sonne  flimmert, über dem die Vögel singen, über dem  die Wolken ziehn ...

 

Sie müßten es dann aber um sich haben  wollen, wie man Kinder um sich hat ... die  ganz still in einer Ecke sitzen und sich kaum   rühren ...

Man kann nicht immer mit ihnen spielen ...

aber man weiß, daß sie aus ihrem Ofenwinkel  herüber horchen, mit leuchtenden Augen, und mitdenken  und mitfühlen bei allem, was man tut, voll  neugieriger Heimlichkeit ... still und lieb und traulich ...

*

So müßten sie es um sich haben wollen!

*

.
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