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Von Alltag und Sonne

Cäsar Flaischlen: Von Alltag und Sonne - Kapitel 2
Quellenangabe
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typepoem
authorCäsar Flaischlen
titleVon Alltag und Sonne
publisherEgon Fleischel Co. Berlin
printrunVierzigste Auflage
year1917
firstpub1897
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130107
projectid3a068b2e
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Rondos

Aus den Jahren 1891 bis 1897

»Trag Rosen! komm, trag Rosen!«

 

»– Und was du tust, ist es nicht
das Gleiche?! zu einem Andern aber
sagst du: er sei ein Tor!«

 

»Trag Rosen! komm trag Rosen!« bat er innig  und schmeichelnd, voll zitternder Sehnsucht  und Angst, voll zehrender Ungeduld in den blitzenden  Augen ... ein Kind, ein Knabe ... mit langen  braunen Locken«.

»Trag Rosen! komm, trag Rosen!«

und seine Stimme klang wie das Locken verhaltener  Liebe, die das Herz sprengen möchte und  jauchzen und hinausjubeln in den Sonnenschein  über Hag und Gärten:

»Trag Rosen! komm, trag Rosen!«

Aber es war ein Dornbusch, von dem er das bat ... und die Leute, die vorbeigingen, lachten über das törichte Kerlchen: es sei eben ein Kind!

Er aber trotzte: »Lacht! ich weiß es besser!  er kann Rosen tragen, wenn ich nur das rechte  Wort finde, wenn ich nur ... Geduld habe und  warte!« und ließ sich nicht irre machen:

»Trag Rosen! komm, trag Rosen!«

 

Und er kam am Morgen, kam am Mittag  und kam am Abend und wurde nicht müde, zu   warten, und küßte die Dornen mit brennenden  Lippen und drückte sie an sein hämmerndes Herz,  bis es blutete, und bat ... und bat und noch im  Traum selbst bei Nacht voll zitternder Sehnsucht  und Angst:

»Trag Rosen! komm, trag Rosen!« ...

Das gute kleine Närrchen ... zu einem Dornbusch!

*

Und doch ... und doch ... ja: »

»Trag Rosen! komm, trag Rosen! Trag Rosen! komm, trag Rosen!«

*

Zwischen Sommer und Herbst

 

... Wenn Sichel und Sense durch das
Korn rauscht ... jenes leise Dengeln am
Abend ... scharf, hart, und doch, ich weiß
nicht: müde, wie Reue, wie heimliches
Weinen! ... und ein paar Schnitterinnen,
auf dem Heimweg, über die Felder hin,
ein Lied singend ...

. . . . . .

»Du bist der scheidende Sommer,
ich bin der sterbende Wald!«

Nach Heine.

 

Vielleicht kommt doch einmal die Zeit, auch für   dich, da die Garten im Schatten liegen,   Marie-Anne, und die Rosen in heimlicher Sehnsucht  dem Sonnenstrahl nachflattern, der da mit  müder Hast sich durch das Laubgehänge zum Park  hinaussucht, als flüchte er vor dem Spott des  Satyrs Herbst, der grinsend am Torgitter lehnt  ... die Zeit, da das Lied des Vogels stille geworden  in den Wipfeln und die Wälder schweigsam und reglos stehen in nebelspinnender Dämmerung.

 

Noch zwar leuchtet der Sommer in üppiger  Jugendpracht, mit glühender Wange, mit bebender  Lippe und schwellender Brust, berückend, liebeverlangend,  verführerisch, schön ... schön ... wie  du mir entgegentratst, Marie-Anne: morgens, wie  das Frührot den Tag weckt: frische Blumen in   der Hand, vorm Fenster gepflückt, verzehrende  Glut im dunkeln Auge, verhaltene Leidenschaft in  der Stimme, mit wogender Brust, traumglühend  sehnsuchterregt, liebeverlangend, verführerisch, schön   ... schön ... wie du ... wenn du vom Mondlicht  überflutet, im verschwiegenen Zimmer, die  weißen Arme um mich schmiegtest und der Duft  deines Körpers wie sengende Lohe in mein Blut  zischte ... noch leuchtet der Sommer in üppiger  Jugendpracht ... vielleicht aber kommt doch einmal  die Zeit, auch für dich, da die Gärten im  Schatten liegen und die Rosen der Sonne nachflattern,   Marie-Anne!

Denkst du noch jener ersten frühen Zeit ...  ehe jene Stunden kamen am See ... wie glücklich  wir zusammen! fröhlich und selig wie Kinder, über  nichts jubelnd und jauchzend?!

Denkst du noch jener Abende dann, da wir,   die Arme umeinander, die Gartenhalde entlang   gingen, beim Aveläuten vom Tal her ... und das  Märchenweben der Sommernacht mit seiner stummen  Sehnsucht uns überglühte, daß Lippe sich  auf Lippe verlor und kaum satt zu werden vermochte  in seligem Durst?!

Denkst du noch, wie glücklich wir da waren,  damals ... und dann ... nachher ... bis jene Stunden  kamen am See?!

 

Und es könnte noch so sein, es könnte noch  sein, wie es war! denn noch leuchtet der Sommer  in üppiger Jugendpracht ... wenn du nicht müde  wärest und verdrossen und ...

lächeltest ... jenes feine, schmerzende Lächeln  verglühter Leidenschaft ... wenn ich, wie sonst, deine  Hand einmal nehme und an die Lippen drücke  oder ... allzu stürmisch vielleicht ... meinen Arm  um deinen Hals schlingen möchte ...

ich täte dir weh! sagst du, und ... und ... »es  ist so schwül und schwer und ich bin müde!«

 

Ja ... ich tue dir weh! und es ist so schwül  und schwer und du bist müde!

sommermüde! ...

Sichel und Sense rauscht durchs Korn und   wie windvertragenes Dengeln klingt es herüber,  scharf und hart, halb Reue, halb Sehnsucht, wie  heimliches Weinen ... und die Glockenlaute vom  Tal her ... wie ein Aveläuten unserer Liebe! ...  Was ich auch tue, ich tue dir nichts mehr zu  Freude, ich tue dir nichts mehr zu Dank! ...  Vielleicht aber kommt doch einmal die Zeit, auch  für dich, da die Gärten im Schatten liegen,  Marie-Anne, und du zurückdenkst an deinen Weggenossen   von einst, dem nichts zu viel war für   dich und der da sorgte für dich, wie ein Vater  für sein Kind und der an dir hing, wie ein  Kind an seiner Mutter, ... den du aber ... laufen  ließest, wie man einen ... laufen läßt, dessen man  eben müde geworden ...

vielleicht kommt doch einmal die Zeit, da du   siehst, was du verloren, da es dir leid tut, nicht  froher gewesen zu sein, da dich ein Heimweh  überschleicht nach jenen Tagen unseres Kinderglücks  und du wie die Rosen mit heimlicher Sehnsucht  dem Sonnenstrahl nachflattern möchtest, der  mit müder Hast durchs Laubgehänge sich zum  Park hinaussucht, als flüchte er vor dem Satyr   am Torgitter ...

die Zeit, da das Lied des Vogels stille geworden  ist in den Wipfeln und die Garten im   Schatten liegen, Marie-Anne!

*

Ich muß an das Meer denken ...

Ich muß an das Meer denken, wenn ich deine  Augen sehe ... an das Meer ... Sonntag  Morgens!

 

Durchsichtig bis zum Sandgrund wiegt es sich   zum Strand, mit glasklarhellen Wellen, und wie  leises Glockenklingen singt es über seine blaue  sonnenfrohe Stille und weiße Schiffe ziehn am  Horizont, gleich lichten Träumen in die Ferne  suchend ...

wunschloser Frieden überall ...

und dennoch lauert was in seinen Wellen und   auf dem Grund, in den es blicken läßt,

und in den blauen Tiefen seiner Ferne ...

lockend und drängend ...

etwas, das eine stumme Sehnsucht dir ins   Herz wirft ... du weißt nicht, wie ... daß du aufjubeln  möchtest und dich hineintrinken in seine  kühle Frische und die Brust dir baden, stark und  frei ... und plötzlich dann aufweinen wieder in  unbegreiflich unsagbarem Weh und niederknieen  und den Strand küssen, den es umspielt ... wie  ein Kind ...

 

Ich muß an das Meer denken, wenn ich   deine Augen sehe ... an das Meer ... Sonntag   Morgens!

*

Nicht allzu lustig!

Ein Freund, der es ehrlich und gut meint,   wie ich mit dir, Lise-Lotte, ist etwas wert   heute, selbst das kleine Opfer einmal einer Laune  ... in einer Zeit, die längst keine Zeit mehr hat für  Freundschaft und für die auch Liebe weiter nichts,  als ein kurzes taumelndes Vergessen ihrer Unliebe  und Nüchternheit ... glaub mir: ein Freund,  der es ehrlich und gut meint, der es so gut meint,  wie ich mit dir, ist da etwas wert, Lise-Lotte!

 

Du weißt es ja auch und nickst entzückend  kokett mit deinem Schelmenköpfchen unter dem  breitrandigen Veilchenhut dazu ... o ja, du weißt  es wohl und weißt wohl, daß keiner wieder,  wenn ich weg sein werde ... daß keiner wieder  so treu für dich sorgen wird! daß keiner deinem   lieblichen Leichtsinn so alles Arg nehmen wird und  deine fröhlichen Unvorsichtigkeiten gut zu machen  suchen, wie ich! ... o ja, du weißt wohl, wenn  du ernst bist, daß ein Freund, der es ehrlich und  gut meint, etwas wert ist heute, Lise-Lotte!

 

Drum aber laß nicht die Laune eines Augenblicks  Herr werden über dich und sei nicht gleich  unwillig, wenn er dich bittet: Nicht allzu lustig,  Lise-Lotte! nicht allzu lustig! ...

Es würde keiner so zu dir sprechen! O nein,  sie würden alle dich nur immer lustiger haben  wollen. Und du? ... du wärst es! du wärst es! ...  und wärst dann nur, was jede sein könnte: ein  Scherz, ob dem man sich freut, dessen man sich  aber kaum erinnert mehr, wenn man ihn durchgelacht  ... ein Glas, das man stehen läßt, wenn   man es leer getrunken ... ein Blumenstrauß, den  man in einem Winkel wo verwelken läßt oder  wegwirft, wenn anderes lockt ... es gibt ja immer  neue Blumen! ... Drum laß ihn und sei ihm  lieber dankbar, anstatt die Stirn zu runzeln und  mißmutig zu werden, wenn er dich bittet: nicht  allzu lustig! ... denn ein Freund, der es ehrlich  und gut meint, der es so gut meint, wie ich mit  dir, ist etwas wert heute, Lise-Lotte!

*

Einem Freunde

Du möchtest fort aus diesem grauen Norden  mit seinem wolkenschweren Himmel und mit  den müden Tagen seiner langen Herbste ... du  möchtest fort aus all dem herben Ernst und steten  Kampf ...

du sehnst nach Farbe dich, nach Sonne und nach  Freude, nach stillen Träumen blauer Meere zu Füßen  vermooster Götterbilder und zerfallener Tempel ...

das Herz dir wieder zu gesunden und Mut zu   holen, Kraft, zu Tat und Arbeit, wie du sagst ...

 

Ich aber glaube fast, ich weiß es besser: das  frohe Land, von dem du träumst, mit immer  blauem Himmel, mit lachenden Märchen, süßem  Liebeslied ... ich glaube, es ist nicht Italien, wie  du meinst ...

ich brauche dir nur ins Gesicht zu sehen, wenn  du sagst, der Bann des Tages ließe dich nicht  los ... ich brauch nur zuzuhören, wenn du dann   und wann von deinem Leben sprichst ... ich brauche  nur dir einmal zu begegnen, am Hügelkreuzweg  droben, wenn du stehst und übers Tal hinsuchst  zur Ferne ...

ich weiß es besser dann, Freund, als du selbst:  das frohe Land von dem du träumst ... und alle,  die sich so gleich dir fortsehnen aus den langen  Herbsten unseres Nordens ... das frohe Land mit  immer heiterem Himmel, mit farbenfreudigerem  Leben und leisen Wiegenliedern blauer Meere zu  Füßen vermooster Götterbilder und zerfallener   Tempel ...

 

Nein, es ist nicht Italien, wie du's nennst und  wie du wohl auch meinst ...

ich seh ins Auge dir und weiß es besser:

es liegt nicht vor dir ...

es liegt ... hinter dir!

*

Der Hof

Im Schatten schweigend liegt der Hof mit   seinen hohen taubenüberflogenen Giebeln und  rings ums Haus hin laufender Veranda, in alter  knorriger Eichen treuer Hut ...

vor wenig Stunden noch im Sonnenschein   und nun in matter Dämmerung ...

 

Die Sonne bog gegen Mittag um den waldigen   Berg und mit ihr flog der Schmetterling jenseit  des Bachs, der durch die Wiese schlängelt, die  zwischen Hoftor sich und Kirchhof breitet, und  mit dem Schmetterling der lustige Fink, der in  dem Apfelbaum sein Lied getrillert.

 

Und so von Stund zu Stunde rückt sie weiter  und ebenso unmerklich leise, aber unaufhaltsam  wird auch der Schatten immer breiter vor dem  Hof ...

wie die Erinnerung an Jugendtage, an erster   Liebe morgenleuchtend Glück, von Jahr zu Jahr  unmerklich ferner wird und breit und immer  breiter auch der Schatten, der uns von dem, was  war einst, scheidet ... denn wenn die erste Jugend  einmal schwand, bleibt alles doch ein Wandeln  nur im Schatten und alle Lust mischt sich mit  Sehnsucht nach der Morgensonne, die so früh  schon ging und unaufhaltsam ferner rückt und  ferner ...

schied mit ihr doch der sorglos heitere Sinn,  der traulichen Spiels um Blüt und Blumen  gaukelt, die frohe Zuversicht, die Ernst und Leid  in Klang und Lied sich löst.

 

Ich steh am Tor und sehe der Sonne nach ...

Daß ich sie halten könnte! halten! einen Tag  nur, eine Stunde! ...

Doch umsonst

ein kurzes Weilchen noch und auch die Wiese   liegt schon im Schatten, schweigend wie der   Hof ...

und nachzuwandern? ... ach, es nützte nicht! ...  ich holte ihren goldenen Schimmer doch erst an  der Mauer ein, mit der der Kirchhof drüben auf  dem Hügel ragt, und träfe sie nur zwischen Gräbern  und Zypressen ... von Schmetterlingen und  von Schwalben überschwirrt.

 

Im Schatten schweigend liegt der Hof ...

noch einmal blitzen hellauf seine Fenster ...  im Wiederglanz der Totenkreuze drüben, auf die  die Sonne fällt ...

wenig Sekunden ... und auch er verglimmt ...

und es ist Abend ... und wird Nacht!

*

Auch wir werden alt werden ...

Auch wir werden alt werden, Hannie, und   Furchen und Falten werden sich in unser   Gesicht graben und das Herz wird müde werden  des frohen Glaubens seiner Jugend und müde  der bunten Hoffnungen, mit denen es sich freute  und über alle Enttäuschungen hinweglachte.

Und es gab Zeiten, da wir wünschten, älter  zu sein!

 

Erinnerst du dich ihrer?! dumme, süße Zeiten!

da wir mit trunkener Sehnsucht in die Ferne   drängten und alles Schöne stets nur in der Zukunft  suchten?!

Erinnerst du dich dieser Zeiten noch?!

da wir in Freuden schwelgten, die wir haben   würden, und verschwenderisch in unserem Jubel  wie törichte Kinder das stille Glück der Gegenwart   kaum achteten, denn jeder nächste Frühling  brachte ja viel schönere Sonne und viel rotere  Rosen!

und da wir nur gelacht, wenn eins gewarnt   hätte: auch wir würden alt werden, und Furchen  und Falten würden sich in unser Gesicht graben!

 

Und heute? sieh: heut sind wir zweifelnder   geworden schon und zager und geiziger mit den  frohen Stunden unseres Tages ...

wir träumen immer noch: ein jeder nächste  Frühling müsse uns viel schönere Sonne noch,  viel rotere Rosen bringen, und gäben doch nicht  mehr so leichten Herzens den schönen Augenblick  dafür!

 

So flattert unsere Sehnsucht einer weißen  Taube gleich durch unsere Jahre ... weit voraus  erst in die blaue Ferne und dann, allmählich  rückwärtssuchend, über uns zurück ... bis plötzlich   alles, was wir einst gewünscht und vor uns  wähnten, hinter uns liegt ...

erfüllt, erlebt

und ohne daß wir wüßten, wie es kam und  wie es ging ...

und so ... werden auch wir alt werden, Hannie,  und Furchen und Falten werden sich in unser  Gesicht graben und das Herz wird müde werden  des frohen Glaubens seiner Jugend und alles,  was wir in die Zukunft träumten, wird auf einmal  hinter uns liegen

erfüllt, erlebt

und ohne daß wir wüßten, wie es kam und  wie es ging.

*

Ich hab es gerne ...

Ich hab es gerne ... wenn Nebel liegt ... jener  schwere dicke Herbst- und Winternebel, durch  den die Sonne nicht mehr durchkommt, so daß  es wie weiße Nacht in den Straßen sieht.

Es ist so schön still dann überall ...

das laute Rasseln und Rollen des Alltags   dämpft sich zu leisem heimlichem Summen, das  ganze Leben rinnt zu Traum hinüber und es ist  immer nur ein kleines Stückchen, das du übersiehst ...

 

Ich hab es gerne drum, wenn Nebel liegt: es   ist so traulich und so heimisch dann auf Erden:

die grellen Lichter verfließen, die stürzenden  Wogen verrauschen und all die Unruhe in der  Brust verstummt und das quälende Hinausdrängen  ins Weite ...

lächelnd kehrt die Sehnsucht aus der Ferne  und ein selig Froh-sein schmeichelt sich ins Herz  und küßt mit Kinderlippen alle seine Wunden  zu, und inniger schmiegt der Wunsch sich an die  Nähe ...

 

Es ist wie ein still Zu-Hause-sein, wie ein Besinnen  auf sich selbst und Kräfte-sammeln ...

es ist, wie wenn du aus dem Lärm der Fremde  für ein paar Stunden einmal in die Heimat kämst  und durch die alten lieben engen Gassen gingest ...

du weißt, man kennt dich hier ... man hat dich  lieb ... du wirst dir selber wieder lieb ... und  fühlst als Ganzes dich ... und fester tritt dein  Fuß auf, ruhiger und sicherer

und freudiger siehst du nachher die bunte Ferne  sich enthüllen wieder ...

 

Ich hab es gerne drum, wenn Nebel liegt ...   es ist so traulich und so heimisch dann auf Erden.

*

Ecce poeta!

Frag nicht, ob mich Dornen verwundet! ...   Nein, nein! ...

wozu auch das Herz dir müd machen mit   unnützer Qual und Sorge! nein, vergiß dein Leid,  vergiß deine Tränen und freue dich der Rosen,  die ich dir bringe ... und wär's auch nur für ein  paar Stunden! ...

freue, freue dich ihrer und komm und laß sie  mich ins Haar dir flechten, weiß und rot und rot  und weiß, und laß mich deine Jugend überglühn  mit ihrer Lust, wie der Sommer draußen das  Gelände überwogt mit seiner Wonne, daß es aller   Wintertraurigkeit vergißt ... und laß sie mich auf  den Weg streun, den du schreitest ... meine Rosen,  weiß und rot und rot und weiß ... und frag nicht,  ob mich Dornen verwundet, als ich sie brach!

Freue dich ihrer und freue dich des Lieds,  das ich dir jauchze ... ich habe nichts als diese   Rosen und als dieses Lied ... und frage nicht,  was ich dafür geopfert und womit ich sie erkauft!  ... wozu dir das Herz müd machen! Nein, nein frag  nicht, verlange nicht, mir in die Brust zu sehn!

 

Verlange nicht, mir in die Brust zu sehn! ...  was du sähest, würde dich erschrecken, wie du  erschräkst, wenn ein Traum dich vor ein Grab  führte und du auf dem Marmorstein darüber  den eigenen Namen läsest ... mit eisiger Hand  griffe es dir ins Herz und dein Lachen würde  verstummen, wie es verstummt, wenn man einen  Menschen mit dem Tode ringen sieht und dasteht  und keine Macht hat, ihm zu helfen.

 

Du sähest einen langen Zug Söldner und  Knechte und neugierige Weiber und Kinder, die  Anhöhe vor der Stadt hinauf, lärmend und johlend,  und in ihrer Mitte einen bleichen Mann, mit  denkmüdem Antlitz, zusammenbrechend fast unter  der Last eines Kreuzes, einen Dornkranz auf der  blutenden Stirn ... und wie sie ihn weiter zerrten  unter Schimpf und Schande, lärmend und johlend:  er habe König sein wollen und den Menschen  Trost bringen in ihrer Mühsal und Glauben und  Freude und ...

könne sich selbst nicht helfen!!

 

Und du sähest, wie sie ihn preis gäben und  höhnten, wie sie mit rohem Gelächter ihm Nagel  um Nagel schlügen durch Hände und Füße und  wie sie das Kreuz aufrichteten im Blutschein der  sinkenden Sonne und wie er dahinge, in der Qual  seiner Seele und im Schmerz seines Leibes und  wie er zu Gott schriee, dessen Bote er sein wollte,  und wie sie nach ihm stächen und seiner Zuckungen   sich freuten ... und lärmend und johlend wieder  zur Stadt zurückzögen, als ob nichts geschehen  weiter ...

 

Und du sähest, wie die Nacht hereinbräche  über die einsame Stätte. Schwarz und düster  ragt das Kreuz in den schweigenden Himmel.   Gleichgültig flackern die Sterne in ihrer Ewigkeit,  gleichgültig hebt sich der Mond über den  blauen Saum der Wüste. Alles ist einsam, tot  und leer. Nur am Fuße des Kreuzes liegt eine  alte Frau mit weißem Haar und blind geweinten  Augen ... nein, nein, Kind, verlange nicht, mir  in die Brust zu sehn!

 

Nein, nein! verlange nicht, mir in die Brust   zu sehn ... du hättest doch keine Macht mir zu  helfen, auch wenn du wolltest! Mit eisiger Hand  nur griffe es dir ins Herz und du würdest weinen  müssen und weinen und nicht mehr froh werden  können ...

und ... ich habe die Menschen erlösen wollen  von ihren Tränen!! ...

es würde dir Falten ins Gesicht furchen, wie  jener alten Frau am Fuße des Kreuzes, und dein  Haar bleichen und kein Gebet vermöchte mich zu  retten:

 

Denn ich müßte es doch leiden, denn ich könnte  doch nicht widerrufen, denn ich bin doch, was  ich bin: ich bin doch ein Bote meines Vaters und  ein König und gekommen in die Welt, den Menschen  Trost zu bringen in ihrer Trübsal und  Glauben und Freude ... und ob sie mich auch  ans Kreuz schlagen dafür ...

 

Nein, nein! verlange nicht, mir in die Brust   zu sehn! und forsche nicht, was hinter dem Lied,  das ich dir jauchze, und frag nicht, ob mich  Dornen verwundet bei den Rosen, die ich dir  breche ...

nein, nein!

freu dich, freu dich ihrer und komm und laß  sie mich ins Haar dir flechten, weiß und rot und  rot und weiß, und laß mich deine Jugend überglühn  mit ihrer Lust, wie der Sommer draußen  das Gelände überwogt mit seiner Wonne, und  laß sie mich auf den Weg streun, den du schreitest,   meine Rosen, weiß und rot und rot und weiß,  und frag nicht, ob mich Dornen verwundet!

*

Ganz still einmal ...

Ganz still einmal im Grünen liegen dürfen ...  zu einem sommerblauen Himmel sehn, mit  weißen Wolken ... und auf das Zwitschern in  den Wipfeln hören ... auf das Geriesel heimlicher  Quellen ... den Duft der Luft einschlürfen und  des blühenden Laubes, die selige Ruhe rings des  vollen, reifen Lebens ... ganz still, und nicht zu   denken haben an all die hundert nichtigen Notwendigkeiten,  die so und so viel Sorglichkeit und  Müh erfordern, und nur: damit das Pendelwerk  des Tags nicht stehen bleibt ... ganz still einmal  im Grünen liegen können

und alles

vergessen dürfen, was man soll und muß ...  und will! für andere und für sich! und will und  soll und muß!

und seine Träume

gleich Schmetterlingen gaukeln lassen,

sonnenselig,

von Rosenstrauch zu Rosenstrauch, mit schimmernden  Flügeln, das flimmernde Tal hin, über  goldene Felder und wallende Flüsse zu duftverlorenen  fernen Höhn und weiter, tief und immer  tiefer, ins uferlose Blau des Himmels ...  sonnenselig ...

ganz still einmal so liegen können

und ohne daß

auch diesem Tag dann wieder vom Kirchturm   drüben eine Glocke klingt

und ohne daß

auch dieser Tag dann wieder im Grau der   Abenddämmerung untersinkt!

*

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