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Vom Wesen der Nation

Guido Zernatto: Vom Wesen der Nation - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
authorGuido Zernatto
titleVom Wesen der Nation
publisherAdolf Holzhausens Nachfolger
editorWolf in der Maur
year1966
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141120
projectid35f7bdd3
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Gemeinsame Kultur

»Die Kulturgemeinschaft einer Nation ist in der gemeinsamen Erzeugung und im gemeinsamen Besitz von Kulturgütern begründet, die eine Besonderheit besitzen und in der gleicher Art nur im Rahmen dieser Nation vorhanden sind.«

So oder ähnlich könnte der Versuch zu einer Klarstellung des Phänomens der nationalen Kulturgemeinschaft beginnen, wenn es für jedermann klar wäre, was der Gesamtbegriff »Kultur« exakt bedeutet. Darüber gehen die Meinungen auseinander. Es bedarf daher zuerst einer generellen Untersuchung, bevor man die nationale Seite der Kulturgemeinschaft besprechen kann.

In seinen »Principes fondamentaux de la vie internationale« (Paris 1936) sagt Edmund A. Walsh S. J., indem er die Frage nach dem Wesen der Kultur aufrollt: »II semble que les termes fondamentaux tels que civilisation, progrès, culture, malgré leur précision, soient voués à être constamment inconnus. Il s'échappent des lèvres des hommes à l'heure actuelle avec une telle facilité, qu'ils ne font que contribuer à la confusion née de l'emploi inexact des mots. La facilité de vocabulaire et la multiplicité des renseignements statistiques ont rélégué à l'écart la discipline de l'exactitude en même temps que s'emoussait la lame de la précision.«

Es gibt, wie bei so vielen Begriffen unserer modernen Welt, fast niemanden, der nicht die Frage nach dem Wesen der Kultur richtig beantworten zu können glaubt. Wenn man aber viele Menschen fragt, wird man in der Regel viele verschiedene Auskünfte erhalten.

Weite Kreise glauben, der Begriff Kultur sei gleichbedeutend mit dem Begriff Bildung. Oder Bildung sei wenigstens der goldene Schlüssel zu dem einzigen Tor, durch das man das Reich der Kultur betreten könnte. Wenn die Anhänger dieser Meinung von Kulturgütern sprechen, so meinen sie exklusiv geistige Güter. Kultur ist bei ihnen die Wissenschaft und das Reich der Kunst. Aus diesen beiden Bereichen fließt nach ihrer Auffassung alles andere. Man bezeichnet demnach alle Tätigkeiten und alle Güter, die dem Menschen außerhalb der geistigen Sphäre zu dienen vermögen, insbesondere die Mittel des technischen Fortschritts, mit dem Wort »Zivilisation«. Kultur ist für diese Kreise das Höhere und Zivilisation das Niedrigere.

Die Anhänger einer anderen Richtung sehen den Begriff weiträumiger. Sie sagen, Bildung sei nicht der Inbegriff der Kultur, sondern nur ein Bestandteil derselben, Kultur sei das Vorhandensein einer ganzen Summe von Gütern und Einrichtungen, durch die der Mensch in die Lage versetzt wird, sein Leben besser, leichter, angenehmer, schöner und sicherer zu gestalten.

Eine dritte Meinungsrichtung, die diese Grundauffassung teilt, legt Wert auf die zusätzliche Feststellung, daß das bloße Vorhandensein von Kulturgütern aller Art noch nicht genüge, um Kultur zu haben. Es käme hauptsächlich darauf an, daß die Menschen die vorhandenen Kulturgüter auch richtig verwenden. Wenn man einem Negerstamm im dunkelsten Afrika mit Bibliotheken, Radioapparaten, Flugzeugen, Automobilen und anderen »Kulturgütern« versehe, so sei damit innerhalb dieses Negerstammes noch nicht Kultur geschaffen. Erst der richtige Gebrauch aller dieser Einrichtungen bringe das Wesen der Kultur zu lebendiger Existenz. Kultur sei demnach noch nicht das bloße Vorhandensein, sondern erst der richtige Gebrauch von Kulturgütern.

Die Anhänger einer vierten Meinung betrachten die Sache von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus. Sie meinen, daß weder das Vorhandensein geistiger und materieller Kulturgüter noch die Fähigkeit, sie richtig zu verwenden, die letzten Kriterien zur Beurteilung der Kultur seien. Das Wesentliche sei der Zuteilungsschlüssel, nach dem die Kulturgüter unter den Massen verteilt seien. Das Vorhandensein von Kultur innerhalb einer dünnen Schicht von Bevorzugten bedeute noch nicht viel. Richtige Kultur sei erst dann vorhanden, wenn große Massen zum Gebrauch und zum Genuß aller Kulturgüter zugelassen werden. Das letzte Kriterium für das Vorhandensein von Kultur sei der Verteilungsschlüssel der Kulturgüter unter den Massen.

Eine fünfte Meinung erklärt, Vorhandensein von Kulturbesitz und die richtige Verwendung und Verteilung desselben vermögen noch nichts über die lebendige Existenz von Kultur auszusagen. Das Wesentliche sei einzig und allein, die Potenz Kulturgüter zu schaffen und zu verbessern. Die Verfechter dieser Meinung glauben, daß eine Gemeinschaft von Menschen, die nur durch Import in den Besitz von Kultureinrichtungen gelangt sind, nicht als im Besitz von Kultur zu betrachten sei, auch dann nicht, wenn sie dieselben richtig verwendet. Sie sei der Konsument fremder Kultur, der Affe anderer Kulturgemeinschaften, aber sie habe keine Kultur, solange sie nicht selbst Kultur zu erzeugen vermag.

Die leicht parfümierte Auffassung, daß der Seifenverbrauch ein Thermometer der Kultur sei, ist hier nur anzumerken, um zu zeigen, wie tiefschürfend das Denken des XX. Jahrhunderts manchmal zu sein vermag.

Ein Großteil der Auffassungen, die wir hier zitiert haben, rückt die Kultur- Güter in den Vordergrund. Im Zeitalter des Materialismus ist man offenbar leicht verleitet, die Kultur für eine andere Art von Kapital zu halten. Nach den zitierten Meinungen liegt das Wesentliche der Kultur im Besitz von »Kultur-Kapital«. Die Besitzrechte werden lediglich eingeschränkt und durch gewisse Bedingungen, nach denen dieses Kapital richtig zu verwenden oder richtig zu verteilen sei. Kultur wäre nach solchen Auffassungen eine Art von »arbeitslosem Einkommen« im übertragenen Sinn.

Einzig die Forderung nach dem Vorhandensein der Fähigkeit zur Erzeugung von Kulturgütern deutet darauf hin, daß sich das Wesen der Kultur nicht auf eine bloße »Güterverwaltung« zu beschränken hat.

Wenn man das Wesen der Kultur richtig erfassen will, darf man die Kulturgüter nicht von der Tätigkeit trennen, durch die sie entstehen.

Kultur ist eine planvolle menschliche Tätigkeit, untrennbar verbunden mit dem daraus entstehenden Erfolg.

Die Kulturtätigkeit ist darauf gerichtet, Bestehendes zu vervollkommnen und umzuschaffen.

Das Bestehende, an das die Tätigkeit gewendet wird, ist einerseits der Mensch selbst, andererseits die ganze außermenschliche Natur.

Die Vervollkommnung des Menschen geschieht in der Hauptsache auf geistigem Gebiet. Die Vervollkommnung und Umschaffung der außermenschlichen Natur geschieht in der Hauptsache auf materiellem Gebiet.

Es gibt spirituelle und materielle Kulturtätigkeit; eine in die andere verwoben, eine aus der anderen hervorgehend.

Die Kulturtätigkeit allein, ohne den Erfolg, der aus ihr erwächst, ist noch nicht Kultur. Ebensowenig wie das bloße Vorhandensein von Kulturerfolgen, von »Kultur-Kapital« ohne ein beständiges schöpferisches Bemühen schon Kultur ist.

Erst Kulturtätigkeit und Vorhandensein von Kulturerfolg zusammengenommen ergeben die Gesamtheit des Wesens Kultur.

Da das Charakteristikum der Kulturtätigkeit in einem steten Vervollkommnen, Verbessern und Umschaffen liegt, ist die bloße Wiederholung einer Arbeitsmethode oder die bloße Vervielfältigung nicht Kulturtätigkeit im eigentlichen Sinn. Die industrielle Erzeugung eines konstruierten Modells, einer Maschine, eines Gebrauchsgegenstandes, die Errichtung von zahlreichen Häusern nach dem Plan eines schon gebauten Hauses – das alles ist nicht Kulturtätigkeit. Kulturtätigkeit ist die Erfindung des zu vervielfältigenden Gebrauchsgegenstandes oder der betreffenden Maschine und die Schaffung der Vorbedingungen zur Vervielfältigung, Verbesserung und Vervollkommnung der Arbeitsmethoden.

Kulturtätigkeit ist Plan und erster Bau. Der Bau von Straßen nach erprobten Arbeitsmethoden ist nicht Kulturtätigkeit. Das Planen dieser Straßen und die Ermöglichung ihres Baues ist Kulturtätigkeit. Das Schreiben eines Buches ist Kulturtätigkeit, ebenso künstlerische Leistung auf dem Gebiet der bildenden Künste oder auf musikalischem Gebiet. Die Leistung des Verlegers oder dessen, der die Verbreitung vorbereitet und ermöglicht, ist noch Kulturtätigkeit. Die Vervielfältigung selbst nicht mehr. Das spricht Max Verworn einmal aus: »Ein Fortschritt in der Kulturentwicklung ist immer nur in der Produktion qualitativ neuer Kulturwerte gelegen. Die bloße quantitative Mehrproduktion immer gleicher Kulturwerte an sich bedeutet noch keine fortschreitende Entwicklung. Sie bezeichnet vielmehr einen Stillstand, und Stillstand bei der Entwicklung ist relativer Rückschritt« (Max Verworn, Bonn: »Die biologischen Grundlagen der Kulturpolitik«, Jena 1915).

Kulturtätigkeit ist das, was mehr als physische Leistung erfordert und etwas Neues gebiert. Kultur ist Fortschritt – aber nicht losgelöst von den Kulturerfolgen der Vergangenheit.

Zur Kultur gehören die Wolkenkratzer des XX. Jahrhunderts, unsere Straßen, Verkehrsmittel, Verständigungsmittel, Gebrauchsgegenstände, alle Errungenschaften des Geistes, der Wissenschaft, der Kunst und die Regeln des menschlichen Zusammenlebens, mit all den Gütern, die uns aus früheren Perioden kultureller Tätigkeit überliefert worden sind. Kant ging noch weiter, wenn er sagt: »Wir sind in einem hohen Maß durch Wissenschaft und Kunst kultiviert. Wir sind zivilisiert bis zum Überlästigen zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns schon für moralisiert zu halten, daran fehlt noch sehr viel – denn die Idee der Moralität gehört noch zur Kultur.«

Wenn man Kultur exklusiv von der materiellen Seite her sieht, so sind die Kulturgüter Zeugnisse des menschlichen Ringens mit der Natur. »Ein Stück Natur, das durch die Veredelungsmaschine Mensch gegangen ist.« Durch eine derartige Feststellung erfaßt man Kultur aber nur in einem sehr oberflächlichen Sinn.

Die Kulturgüter, die der Mensch erzeugt, sind nicht nur Zeugnisse seines ewigen Ringens mit der Natur. Pascal sagt einmal sehr schön: »Der Mensch geht immer wieder über den Menschen hinaus.« Jede Kulturtätigkeit ist ein beständiges »Über-den-Menschen-Hinausgehen«. Die Kulturgüter sind vor allem Zeugnisse des ewigen Kampfes zwischen dem Menschen, der stumpf in der Zeit und auf der Erde lebt, und dem Übermenschen, der das Leben um des bloßen Lebens willen nicht erträgt, der in ewigem Ringen sein geheimnisvolles Wesen als »Ebenbild Gottes« zu erproben, seine »Gottähnlichkeit« zu erweisen versucht.

Die Kultur schafft und ist ein Zwischenreich. Kultur ist eine »Welt über der Welt und doch kein Jenseits, sondern aus der Welt gewonnen und auf sie bezogen« (Jodl: »Der Monismus und die Kulturprobleme der Gegenwart«, Leipzig 1911).

Um es klar zu sagen, die Kulturen sind Versuche der Menschheit, sieh mit irdischen Mitteln zu erlösen.

Die Ausführung eines Verbesserungsplanes, der auf die Veredelung und Befreiung des Menschen selbst wie seiner Umgebung gerichtet ist, und mit irdischen Mitteln verwirklicht werden kann; Arbeit und Erfolg – das ist eine Kultur.

Wir sagen eine Kultur, denn die Geschichte der Menschheit weiß von vielen Plänen dieser Art zu berichten.

Der Hinweis auf den untrennbaren Zusammenhang von Tätigkeit und Erfolg, wie die Feststellung, daß die Kultur der Durchführung eines Planes gleichzuhalten sei, deutet darauf hin, daß sie innerhalb der Geschichte der Menschheit je einen Anfang und ein Ende hat: Einen Anfang, an dem eine Rettungsidee auftaucht und ein Ziel an fernen Horizonten erscheint, eine Periode des Sturms und Drangs, in der in knabenhaftem Ungestüm die ersten Materialien aus dem Steinbruch der Natur gesprengt werden, eine Reifezeit, in der alles klar, einfach und dem Plan entsprechend gebaut ist, die Epoche, in der die Fesseln der irdischen Hemmnisse gesprengt, die Gesetze der Natur überwunden und die Gottähnlichkeit des Menschen gesichert zu sein scheint, und schließlich – ein Ende, wenn alles, was man geglaubt, gewonnen und erobert hatte, von der Säure des Zweifels zersetzt, brüchig wird und schließlich wieder in die Abgründe der Verzweiflung stürzt. Andere Menschen holen vielleicht später die Trümmer wieder aus der Tiefe hervor, um einen neuen Plan damit auszuführen, aber es ist nicht mehr der alte, es ist ein neuer Plan. Die alte Kultur ist tot.

Zwei Komponenten der Kultur haben es in sich, weiter zu leben, wenn eine Kultur auslöscht: Die Religion, auf der sie aufgebaut war, und der technische Fortschritt. Religion wie technischer Fortschritt haben »interkulturellen« Charakter. Religionen vermögen Kulturen zu begründen – die Kulturen spalten sich in einer gewissen Epoche von der Religion ab, wie wir an anderer Stelle auszuführen versuchen. Jakob Burckhardt sagte: »Hohe Ansprüche haben die Religionen auf die Mutterschaft über die Kulturen, ja die Religion ist die Vorbedingung jeder Kultur, die diesen Namen verdient, und kann geradezu mit der einzig vorhandenen Kultur zusammenfallen« (Jakob Burckhardt: »Weltgeschichtliche Betrachtungen«, herausg. von Rudolf Max, Stuttgart 1935).

Die Religionen sterben nicht mit der Kultur, die sie geboren haben. Wir kennen kein Beispiel in der Weltgeschichte, das dartun könnte, daß eine Religion mit der Kultur, die durch sie befruchtet worden ist, zugrunde gegangen wäre. Wer den Unterschied zwischen einer Menschheitserlösung mit irdischen Mitteln und der anderen durch göttlichen Willen zu unterscheiden weiß, erkennt klar die Grenzen, die zwischen Kultur und Religion gezogen sind.

Der technische Fortschritt ist in seiner Entwicklung nur partiell an die Lebensdauer der Kultur, die sich über ihn erhebt und ihn fördert, gebunden. Die gleichen Produkte des technischen Fortschritts gehen, auch wenn eine Kultur ihr Ende erreicht hat, fast nie verloren. Freilich bleibt das eine oder andere Fortschrittsgut technischer Art am Ende einer Kulturperiode in der nachfolgenden oft unbeachtet. Alles, was außerhalb des Bedarfskreises der Träger einer neuen Kultur liegt, muß zwangsmäßig verschwinden. Was sagt die Zentralheizung einem Volk von Nomaden? Was sagen Verkehrsmittel der Ebene einem Gebirgsvolk? Was sagen Börsenorganisationen einer Gemeinschaft, die zum Eigentumsbegriff ein völlig neues Verhältnis hat?

Von der religiösen Seite her haben die Kulturen einen Charakter der Unbedingtheit übernommen. Jede Kultur hält sich für die beste oder sogar einzige Methode zur Verbesserung der Welt. Deshalb ist es verständlich, daß die Angehörigen eines Kulturkreises auf die Angehörigen eines anderen mit nachsichtigem Lächeln herabschauen. Die Verschiedenheiten, die dem Beobachter auffallen, sind indes niemals Qualitätsdifferenzen, sondern Altersdifferenzen.

Die Neger Afrikas berufen sich mit Stolz darauf, daß in ihren Krals Kultur herrsche. Ihre Musik, die Leistungen ihres Kunsthandwerks u. a.m. sind für sie die Zeugnisse, die auch außerhalb der afrikanischen Welt anerkannt und nachgeahmt werden.

Dem Bewohner der Großstädte des Westens erscheint diese Kultur, an der die Schwarze Welt mit Stolz und Liebe hängt, kaum als Kultur. Sie übt auf ihn höchstens den Reiz des Exotischen aus. Die Kulturwelt des Negers ist von der wirklichen – oder vermeintlichen Höhe des westlichen Kulturniveaus aus nicht mehr wahrnehmbar. Alle Vergleiche scheitern. Man lebt in verschiedenen Lebensaltern.

Für den Inder, den Chinesen ist die westliche Kultur kaum in Rufweite. Die Inder meinen, daß sie auf dem Wege zur Vervollkommnung des Menschen schon vor sehr vielen Jahrhunderten weiter vorgeschritten seien als die Europäer. Ihnen geht auch der Geist der praktischen Wissenschaft und Forschung des westlichen Kulturkreises nicht so nahe, als wir annehmen. Sie verweisen darauf, daß sie es waren, die die Grundlagen geschaffen haben, auf denen sich unsere Mathematik und unsere Chemie aufbauen. Sie wußten zu einer Zeit, in der man in Europa rohes Eisenzeug für den letzten Schrei des technischen Fortschritts hielt, schon sehr lange, wie man Stahl erzeugt.

Die Chinesen unterhalten sich wahrscheinlich köstlich darüber, wenn sie von unseren überheblichen Forderungen nach »richtiger Verwendung« der Kulturgüter hören. Sie kannten das Schießpulver viele Jahrhunderte vor uns und verwendeten es hauptsächlich zur Veranstaltung strahlender Feuerwerke. Sollte unsere Verwendungsart, Leute damit zu töten, richtiger sein als die ihre?

»The end of life and the meaning of life alone count.« So faßt ein moderner Chinese die geistigen Grundlagen seines Kulturkreises zusammen: »If civilisation is civilisation at all, it must add something to man's moral worth, justice and happiness. For us the understanding and the taming of natural forces are only secondary« (Ch-Fung-Tu, in »What is Civilisation?« by Maurice Maeterlinck, Dhan Gopal Mukerje and others; introduction by Hendrik Willem Van Loon; New York 1926).

Von welchem Gesichtspunkt aus will man eine fremde Kultur vergleichend beurteilen? In seiner »Geschichte der byzantinischen Literatur« erzählt Prof. Krumbacher, daß ihm einer seiner Freunde dringend davon abgeraten habe, dieses Buch zu schreiben. Er meinte, in einer Periode, in der die griechische Präposition »apo« den Akkusativ anstatt des Genetivs regiert habe, könne nicht Interessantes stecken!

Zwischen den verschiedenen am Leben befindlichen Kulturen gibt es keine Vergleiche. Man kann ein sechsjähriges Kind nicht mit einem achtzigjährigen Greis vergleichen, kaum zwanzigjährige Jünglinge mit fünfzigjährigen Männern. Oder versuchen wir noch einmal, ein Negerkind mit einem in wissenschaftlichen Ehren ergrauten Professor an einer westlichen Universität zu vergleichen. Oder den Frühling in Alaska mit der »primavera siciliana«!

Die einzige Feststellung, die von Wert wäre, könnte die Bestimmung jenes Punktes sein, an dem Kultur beginnt; die Feststellung der Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit, gleichgültig zu welcher Zeit und an welchem Ort, Kultur enstehen kann. Die Kulturideen sind verschiedener Art, keine Kultur steht in der gleichen Entwicklungsphase, in der gleichen »Jahreszeit« wie irgendeine andere. Aber die Grundvoraussetzungen, die zur Entfaltung einer Kultur führen, müssen ähnlicher Art sein.

Jeder Kultur geht eine Zeit vor, die dem keimenden Leben gleicht, das der Geburt vorangeht. Diese Periode des Ahnungsvollen, noch nicht Erkenntnishaften, in der nur Voraussetzungen erfüllt werden, damit das individuelle Eigenleben eines Kulturplanes Gestalt gewinnen kann, muß bei allen Kulturen, wenn auch nicht völlig gleich, so doch sehr ähnlich sein.

Welche Voraussetzungen, so lautet unsere Frage, müssen erfüllt, welche Handwerkzeuge vorhanden sein, damit man an die Ausführung eines Kulturplanes schreiten kann.

Die Antwort kann ziemlich präzise gegeben werden. Damit Kultur entstehen und sich selbständig entwickeln kann, muß

1. eine Religion vorhanden sein, eine Offenbarung, eine Weltidee, die der menschlichen Existenz einen höheren Sinn verleiht und sie hinaushebt über die animalische Bestimmung der bloßen Erhaltung des nackten Lebens und der materiellen Erleichterung desselben;

2. eine Form der Gemeinschaft unter den Menschen entstanden sein, die die Sicherheit des Lebens und des Eigentums nach gewissen Regeln zu garantieren vermag. Dazu gehört eine anerkannte Herrschaftsform;

3. müssen gewisse Mindestkenntnisse der Arbeitsmethoden des Ackerbaues (des Fischfangs), des Handwerks, des Bergbaus, des Hochbaues und der Verkehrstechnik vorhanden sein. Dazu gehört bereits die Existenz einer gewissen Zahl von Fachleuten;

4. müssen Siedlungen vorhanden sein, in denen größere Zahlen von Menschen in engem Kontakt zusammenleben;

5. müssen eine Schriftsprache, historisches Wissen, das mehr ist als bloße Legende, und Kenntnis der einfachsten Naturgesetze vorhanden sein; das alles verbunden mit der Fähigkeit, dieses Wissen zu erhalten und zu verbreiten, und

6. muß die Fähigkeit vorhanden ein, Fühlen und Denken in Werken der Kunst auszudrücken. Dazu gehört die Existenz und die Übung der schönen Literatur, der Musik und bildenden Künste.

Man kann mit ziemlicher Sicherheit behaupten, daß vor der Erfüllung der Bestimmungen dieser Art zu keiner Zeit und an keinem Ort Kultur herrschen kann. Alles, was vor der Erfüllung dieser Voraussetzungen liegt, ist kulturelle Prähistorie, prähistorische Anthropologie, prähistorische Ethnologie, nicht Geschichte, nicht Kultur. Die Entwicklung dieser pränatalen Zeit strebt in die Richtung der Erfüllung der Kulturvoraussetzungen. Bis zu diesem Punkt der Erfüllung der Kulturvoraussetzungen haben alle Kulturen die gleiche Chance und (wenn es auch auf verschiedenen Wegen angestrebt werden mag) – das gleiche Ziel. Erst nach Überwindung dieses Punktes entstehen die Differenzen bedeutsamer Art. Mit der ersten Formulierung des besonderen Kulturplans der weltlichen Erlösungsidee beginnt die besondere Art der Kulturtätigkeit, entstehen besondere, eigenartige und einmalige Kulturprodukte: die Kultur lebt.

Es wäre nun falsch, zu glauben, daß Kultur etwas sei, was sich innerhalb einer Nation zu entwickeln vermöchte. So wie die Nation größer ist als der Staat, ist die Kultur größer als die Nation. (Die Kultur ist auch größer als die Sprache, die ihrerseits weiträumiger ist als die Nation.)

An der Ausführung einer und derselben Kulturidee arbeiten viele Nationen. Die Nationen sind im Rahmen einer Kultur wie die Arbeitsgemeinschaft von Spezialisten zu betrachten, die jeder für sich, auf einem besonderen Gebiet mit besonderer Begabung und besonderen Kenntnissen an einem und demselben Werk arbeiten. Da die Ausführung dieses Werkes ungeheuer lange Zeiträume in Anspruch nimmt, wechselt die Zusammensetzung der Arbeitsgemeinschaft der Nationen. Alte Nationen mögen ausscheiden, neue an ihren Platz treten. Eine und dieselbe Nation kann im Verlaufe der Zeit ihr spezielles Arbeitsgebiet gegen ein anderes vertauschen. Nationen wechseln im Verlaufe ihrer Entwicklung oft, dem Charakter ihrer Eliten entsprechend, ihre Neigung und Begabung. Der Plan aber, an dem sie wirken, verändert sich nicht.

Die Nationalkultur ist immer nur Teil einer größeren Einheit.

Die Nationalkultur ist die Sonderleistung einer Nation (Tätigkeit und Erfolg) im Rahmen eines großen übernationalen Kulturwerks, an dem eine wechselnde Zahl verschiedener Nationen wirkt. Aus dieser Feststellung folgt ganz klar, daß der »Eigenart« und »Besonderheit« einer Nationalkultur Grenzen auferlegt sind. Nationalkulturen besitzen keine absolute Eigenart. Ihre Besonderheit ist lediglich eine Besonderheit im Rahmen einer größeren Einheit.

Die Nationalisten der letzten hundert Jahre haben es oft versucht, die Kultur in den Rahmen der Nation einzubeziehen. Die Produkte solcher Versuche, denen man auch heute noch in der Literatur, in der Geschichte, ja leider sehr häufig in Lehrbüchern begegnet, tragen international den Stempel parvenuhafter Überheblichkeit, der Lächerlichkeit und derjenigen Sorte von Dummheit, die die böseste ist: einer richtigen Rechnung mit falschem Ansatz.

Es gibt keine deutsche Kultur. Es gibt keine englische Kultur, es gibt keine französische Kultur; aber es gibt einen deutschen Anteil an der abendländischen Kultur; wie es einen englischen, einen französischen und viele andere Anteile gibt. Erst wenn wir dem Begriff der Nationalkultur diese an sich selbstverständliche – aber durchaus nicht allgemein bewußte – Beschränkung auferlegt haben, können wir das Phänomen der Kulturgemeinschaft einer Nation näher untersuchen.

Das Bewußtsein nationalen Kulturbesitzes fließt vor allem aus der Sprache. Die Sprache ist die große Schöpferin nationaler Besonderheiten innerhalb jedes Kulturkreises. Aus der verschiedenen Art des Ausdrucks und der Darstellung, wie sie sich aus der Verschiedenheit der Sprache ergibt, kommt den Massen an erster Stelle der Eindruck der großen Eigenart und Besonderheit. Die Scheidungslinie, die die Sprache aufrichtet, darf nicht überschätzt und auch nicht unterschätzt werden. Sie wird überschätzt, wenn man annimmt, daß der Unterschied zwischen einer deutschen und einer russischen Kulturleistung auf demselben Gebiet so groß sei wie der Unterschied zwischen der deutschen und der russischen Sprache in Klang und Ausdruck. Sie wird unterschätzt, wenn man annimmt, daß die beiden Leistungen nicht mehr voneinander verschieden seien als ein einfacher deutscher Text und seine wörtliche russische Übersetzung.

Im ersten Fall, dem der Übertreibung, wären in den Unterschied alle nationalen Differenzen einbezogen, die sich aus verschiedenartiger Geschichte, verschiedenen Abstammungslegenden, aus der Verschiedenheit des Nationalcharakters in seinen wechselnden Spannungen zwischen Zustands- und Elitencharakter ergeben, weiters die Differenzen verschiedenartiger Religion, verschiedener Sitten und Gebräuche, verschiedener Staatszugehörigkeit, verschiedenen Siedlungsterritoriums mit allen Auswirkungen der Bodengestalt, des Klimas usw. und vielleicht sogar die Differenzen des Wirtschaftslebens.

Im zweiten Fall, dem der Unterschätzung, wären alle Nebeneinflüsse einfach weggelassen.

Beides ist falsch. Rußland ist keine wörtliche Übersetzung von Deutschland, ebensowenig wie Amerika keine wörtliche Übersetzung von England ist.

Die Wahrheit liegt in der Mitte.

Die Besonderheit der Nationalkultur ist durch die Sprache nur nach außenhin manifestiert. Sie umfaßt neben der Sprache auch einen Teil der Sonderschwingungen, die sich aus den übrigen Gemeinsamkeiten einer nationalen Gemeinschaft ergeben. Niemals alle, weil sich diese besonderen Gemeinsamkeiten, die die Nation schaffen, in der nationalen Kulturgemeinschaft nur bis zu einer gewissen Grenze auswirken können. Diese Grenze ist durch die übernationale Kulturidee, den »gemeinsamen Arbeitsplan«, gegeben, den eine einzige Nation niemals allein zu bestimmen vermag.

Neben diesen Differenzen der Qualität gibt es noch eine zweite Kategorie von Verschiedenheiten, die wichtiger und bedeutsamer ist. Sie ist begründet in der Altersverschiedenheit der einzelnen Nationen, im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft eines Kulturkreises.

Keine Nation ist gleich alt wie irgendeine zweite. Keine Nation tritt zu gleicher Zeit mit irgendeiner anderen in die Arbeitsgemeinschaft eines Kulturkreises ein. Das Kulturwerk selbst in seiner Gesamtheit wird demnach von jeder einzelnen Nation von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachtet. Wenn auch die fortschreitende Sozialisierung und Technisierung die Spezialbegabungen und Eigenwilligkeiten zwischen den einzelnen Nationen weitgehend (niemals ganz) zu vermindern vermögen: Die Altersdifferenz, von der wir hier sprechen, ist niemals aufzuheben. Die Generationsunterschiede des Wirkens des Zeitgeistes werden niemals und nirgends aufzuheben oder zu beseitigen sein. Wer will den Sturm und Drang einer jungen Generation mit der abgeklärten Weisheit des Alters gleichschalten?

Die Besonderheit der nationalen Kultur ist demnach sehr wesentlich eine Folge der Dauer der Zugehörigkeit einer Nation zu einem Kulturkreis. Der Geist der nationalen Kulturgemeinschaft strömt so vorzüglich aus einer einmaligen und unwiederholbaren Generationsgemeinschaft und Altersgemeinschaft, die alle Zugehörigen einer Nation – ohne Rücksicht auf ihr individuelles Alter – im Rahmen des Kulturkreises, dem sie angehören, verbindet.

Mit dieser Feststellung haben wir die unveränderliche Besonderheit der Nationalkulturen im Rahmen eines Kulturkreises umgrenzt und zugleich angedeutet, daß eine allgemeine und gleiche Menschheitskultur ohne Nationalkulturen ebenso unmöglich ist wie die Internationale ohne Nationen.

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