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Vom Wesen der Nation

Guido Zernatto: Vom Wesen der Nation - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorGuido Zernatto
titleVom Wesen der Nation
publisherAdolf Holzhausens Nachfolger
editorWolf in der Maur
year1966
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141120
projectid35f7bdd3
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Der gemeinsame Charakter

Die Deutschen galten lange als das Volk der Dichter und Denker. Später kamen sie dann in den Ruf, wilde Militaristen, Hunnen und Barbaren zu sein. Wenn man einen Deutschen fragt, was er für die hervorstechendste Charaktereigenschaft eines Volkes hält, so wird er wahrscheinlich antworten: »Die Treue!« Es ist nicht ausgesagt, wem oder warum das deutsche Volk treu ist – aber die »deutsche Treue« ist eben ein Begriff, der in ungezählten Äußerungen deutscher Dichter, Denker und Politiker wiederkehrt.

Was ist demnach der deutsche Charakter?

Für Bodin waren die Engländer »insulari infidi«, treulose Insulaner. Montesquieu bewunderte demhingegen an ihnen den »Freiheitsdrang der Inselvölker«. Andere Generationen hielten die Perfidie für die hervorstechendste englische Charaktereigenschaft, jedermann kennt das Wort vom perfiden Albion. Die Engländer selbst haben sicherlich all die Zeit hindurch nichts anderes geglaubt, als daß sie gottesfürchtig und geschäftstüchtig seien.

Wie steht es demnach um den englischen Charakter?

Die Spanier sind der allgemeinen Meinung nach eine stolze Nation; die Ungarn eine ritterliche. Die Italiener hält man gerne für harmlose Faulenzer und für feige. Von den Franzosen heißt es, sie seien frivol.

Es dürfte nicht schwer sein, an einer Unzahl von Einzelbeispielen darzutun, daß die Spanier nicht stolz sind, die Ungarn alles eher als ritterlich. Die Italiener sind in Wahrheit nicht weniger fleißig als irgendeine andere Nation und ihre Geschichte weiß unzählige Beispiele von Verwegenheit und Mut zu berichten – nicht nur aus der Zeit der Condottieri. Wer Frankreich kennt, weiß, daß einer Mehrzahl von Franzosen Frivolität ein Greuel ist.

Wie steht es bei so verschiedenen Meinungen um den Charakter dieser Völker?

Das Vorhandensein eines nationalen Gruppencharakters ist manchmal bezweifelt worden. Schon Jean Jaques Rousseau schrieb einmal in seiner Abhandlung über die Verfassung Polens, es gäbe keine wesensverschiedenen Engländer, Franzosen, Spanier oder Italiener mehr, sondern nur noch Europäer. Sogar Herder, der große Prophet der romantischen Nation, gab einmal der Meinung Ausdruck, daß der »Volkscharakter« in Europa im Verlöschen begriffen sei.

Seither hat die Geschichte des XIX. und XX. Jahrhunderts bewiesen, daß es sehr ausgeprägte nationale Charaktertypen gibt, nicht nur im Krieg, sondern auch im friedlichen Austausch von geistigen und materiellen Gütern.

Die Ungleichmäßigkeit und der oft widersprechende Sinn der allgemeinen Urteile kommt daher, daß man verschiedene Urteilskategorien kritiklos durcheinanderwirft, anstatt sie miteinander in Einklang zu bringen.

Selbsturteile, Zustandsurteile und Aktionsurteile, das sind die drei Arten der Beurteilung eines Nationalcharakters, die deutlich unterschieden werden müssen, wenn man auf ein relativ klares Ergebnis Wert legt.

So wie jeder Mensch erstens eine bestimmte Meinung über sich selbst hat, wie er zweitens einen bestimmten Leumund unter denjenigen, die ihn in seinem Alltagsleben kennen, besitzt, und drittens einen Ruf, der aussagt, zu welchen extremen Leistungen und Handlungen er in außergewöhnlichen Situationen fähig ist – so auch eine Nation: Sie hat ein eigenes Urteil, einen Leumund und Ruf; anders gesagt: Selbsturteil, Zustandscharakter und Aktionscharakter.

Die erste Kategorie schöpft ihr Beobachtungsmaterial aus den Selbsterkenntnissen, den Selbsteinschätzungen. Jede Nation produziert aus ihrer Mitte heraus von Zeit zu Zeit Selbstporträts, ja die Angehörigen jeder Nation haben geradezu das Bedürfnis, immer wieder zu sagen, was sie von ihrer eigenen Nation halten. Der Wert solcher Selbsturteile hängt naturgemäß ganz von dem Geist ab, aus dem heraus sie geboren werden.

Wenn es sich um Urteile handelt, die lediglich das nationale Selbstbewußtsein heben sollen, um Produkte der Selbstgefälligkeit oder gar der nationalen Überheblichkeit, dann besitzen sie nur einen sehr beschränkten Wert. Sie sind nicht als Urteile einzuschätzen, die etwas über den Charakter einer Nation direkt aussagen, sondern als Äußerungen, die durch Rückschlüsse auf den Geist, der sie hervorgebracht hat, interessant sind. Es wäre falsch, zu glauben, daß die Angehörigen einer Nation über ihre Gemeinschaft nur Urteile dieser Art produzieren. So wie ein Einzelmensch Dunkelheiten und verborgene Wesenszüge seines Charakters aufzudecken vermag, die der fremde Beobachter nie entdeckt, so kann auch gerade ein Conationaler über die Eigenheiten seines Volkes Dinge aussagen, die dem Andersnationalen sonst unbekannt bleiben würden.

Die zweite Kategorie der Urteile bezieht ihr Material aus der Beobachtung der Charaktereigenschaften eines Volkes durch Fremde. Alle Menschen, die mit einer größeren Zahl von Angehörigen eines anderen Volkes in Berührung kommen, sei es in der Heimat oder in der Fremde, stellen an diesen bald gemeinsame Eigenschaften fest. Durch die Übereinstimmung sehr vieler Einzelurteile, die immer wieder durch neue Beobachtungen bestätigt oder revidiert werden, entsteht dann die Vorstellung eines bestimmten Charakterbildes, das man auf die betreffende Nation anwendet.

Wir haben hier nicht zu untersuchen, wie es dazu kommt, daß relativ viele Angehörige einer Nation ganz bestimmte Eigenschaften besitzen, die andere Völker nicht haben. Diese Eigenschaften sind nur zu erklären, wenn man u. a. die Geschichte eines Volkes genau kennt. Ein Volk, dessen Hauptmasse durch Jahrhunderte unterdrückt worden ist, hat andere Eigenschaften als ein Volk, dessen Hauptmasse lange Zeit auf der Sonnenseite der Weltgeschichte gewohnt hat.

Die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, ihre Religion, ihre Sprache, ihre Kulturlage, die Bodengestalt und das Klima ihres hauptsächlichen Siedlungsgebietes, das alles sind Elemente, deren intime Kenntnis notwendig ist, um die Einzelzüge eines nationalen Gruppencharakters zu erklären.

Die Urteile, von denen wir hier reden, kommen in der Regel nicht durch systematische Untersuchungen zustande. Sie sind das Ergebnis tausendfacher alltäglicher Beobachtungen; sie spiegeln den durchschnittlichen Charakter eines durchschnittlichen Angehörigen einer Nation in normalen Zeiten. Sie schildern sozusagen den charakteristischen Normalzustand der Mehrheit eines Volkes. Wir nennen diese Urteile deshalb Zustandsurteile, und das, was sie beschreiben, nennen wir Zustandscharakter.

Der Zustandscharakter zeigt die Eigenschaften eines Volkes, wie es in normalen Zeiten ist. In außergewöhnlichen Zeiten, insbesondere während der Kriege, aber auch während großer Umwälzungen im Inneren einer Nation, entsteht durch die außergewöhnlichen Aktionen, die in solchen Zeiten geschehen, ein neues Charakterbild der Nation. Wir nennen dieses Charakterbild »Aktionscharakter«, weil es die extremen Eigenschaften beschreibt, zu denen ein Volk in außergewöhnlichen Lagen fähig ist.

Der Aktionscharakter der Deutschen, der vielleicht zu ihrer Einschätzung als Hunnen und Barbaren geführt hat, der Aktionscharakter der Engländer, der vielleicht dazu geführt hat, daß man sie als perfid bezeichnete, ist deshalb nicht so einfach abzuschätzen, weil in ihm der normale Zustandscharakter und der Träger desselben, der »Durchschnittliche«, der »Normale« in den Hintergrund tritt und diejenigen in den Vordergrund treten, die in außergewöhnlichen Situationen die Aktion der Nation als Kollektivwesen bestimmen. Das führt uns zu einer Untersuchung der Akteure der Nation – der Eliten.

Wenn eine Nation als Kollektivum handelt, so tut sie das im Rahmen einer bestimmten Ordnung. Die außergewöhnliche Situation, von der sich alle irgendwie betroffen fühlen, zwingt die Vielheit, im Rahmen einer einheitlichen Organisation zu handeln. Die einzelnen sind gezwungen, gewissen einheitlichen Plänen, Befehlen, Verboten und gewissen Vorbildern zu folgen. Dieses Kollektivhandeln einer Nation geschieht nicht mehr auf der Grundlage der Charakterzüge, die man in normalen Zeiten an ihr beobachtet hat, sondern auf der Grundlage des Charakters derjenigen, die (in außergewöhnlichen Situationen) die Pläne machen, die Befehle erteilen, die Verbote aufstellen und als Vorbilder gelten.

Der Charakter von Menschen, die solche Tätigkeiten ausüben, unterscheidet sich ohne Zweifel von dem derjenigen, die lediglich ausführen, gehorchen, befolgen und einem Vorbild nacheifern. (Wenn das nicht so wäre, so könnte der leitend-tätige Teil der Nation die Leitung nie erfolgreich innehaben oder nicht behalten.) Wir haben es demnach in außergewöhnlichen Zeiten bei diesen Schaffern, Befehlern, Verbietern, Vorbildern mit Menschen zu tun, die neben dem, was alle anderen gemeinsam haben, noch etwas Zusätzliches besitzen oder überhaupt anders sind, als die Massen der Vielen. Die Handlungen der Nation als Kollektivum tragen deshalb den Charakterstempel dieser Minderheit. (Wir möchten nicht behaupten, daß sie die Eliten im strengen Sinn des Wortes sind – aber sie müssen dazugerechnet werden.) Der vom durchschnittlichen Massencharakter differente Charakter dieser Minderheit bestimmt das Charakterbild der Nation als handelndes Kollektivum, so wie die Einzelcharaktere der »Durchschnittlichen« das Charakterbild der Nation als »Zustand« bestimmen.

Die Verschiedenartigkeit des Aktionscharakters vom Zustandscharakter ist unter anderem auch darin begründet, daß die Eliteschicht, von der die Leitung ausgeht, durchaus nicht immer aus der Mitte der Nation heraus entsteht. Die Geschichte der Nationen berichtet über eine große Zahl von Beispielen, in denen einzelne Völker in den entscheidenden Stunden ihrer Geschichte von fremden Eliten zu einer bestimmten Form des Handelns, das gar nicht im Sinne des nationalen Zustandscharakters gelegen war, gezwungen oder verführt worden sind.

Der Adel, die Macht-Elite so vieler Jahrhunderte, besaß in seiner internationalen Verwandtschaftsverflechtung nur in den seltensten Fällen ein mit dem Allgemeincharakter übereinstimmendes Charakterbild. Große militärische Führer, wie Prinz Eugen von Savoyen, Laudon und viele andere, befehligten Armeen von Ländern fremder nationaler Zusammensetzung. Von den Herrschern, die mit ihrem Volk verwandt sind (ja, man möchte sagen, wenn sie es sind, so verlieren sie einen Großteil ihrer Majestät – mit dem König darf man nicht verwandt sein), nicht zu reden. Eliten des religiösen Lebens, die auch auf den Allgemeincharakter der Nation die tiefgreifendsten Einflüsse ausgeübt haben, waren vielfach andersnationaler Herkunft. Nicht anders lag es bei den großen Gelehrten, Künstlern, Erfindern, Wirtschaftsgrößen, die im Rahmen von Nationen, die ihnen fremd waren, mächtige Wirkungen übten und die Massen dazu brachten, im Sinne eines fremden Charakters tätig zu sein.

Paul de Lagarde, ein deutscher Nationalist französischer Herkunft (er stammte wohl aus den Hugenottenkreisen), meinte einmal: »Das Deutschtum liegt nicht im Geblüte, sondern im Gemüte. Von unseren großen Männern sind Leibniz und Lessing sicher Slawen. Händel, als Sohn eines Halloren, ist ein Kelte, Kants Vater war ein Schotte – und doch, wer wird diese undeutsch schelten?«

»J'ignore«, stellt N. Colejanni fest, »si les ancêtres de Kleber, Gambetta, Denger-Rochereau avaient dans le sang d'au moins deux Françaises.« Zola war ein in Italien gebürtiger Italiener. Pamel, der Führer der Iren, war nicht Kelte, sondern Anglosachse. De Valera hat spanische Vorfahren, Metternich war nicht Österreicher, sondern Rheinländer, Rákoczi, der ungarische Freiheitsheld, war kroatischer Herkunft, Kossuth stammte von Deutschen und Kroaten. Der große nationale König der Ungarn, Matthias Corvinus, war walachischer, d. h. rumänischer Herkunft; der große Erwecker der rumänischen Nation, Micu, war deutscher Herkunft, ebenso wie Bischof Straßmayer, der nationale Heros der Kroaten. Disraeli war Jude, die tschechischen Nationalisten Jungmann, Kregel, Messner, Rieger, Krofta waren deutscher Herkunft, und die österreichischen Deutschnationalen Cech, Smeykal u. v. a. waren ihrer Herkunft nach Tschechen. Der fanatischeste Verfechter der kroatischen Interessen gegen die Italiener im alten österreichischen Reichstag hieß Bianchini und stammte von Italienern; Oberdank, der wegen seiner italienisch-nationalen irredentistischen Tätigkeit gehenkt wurde, war deutscher Herkunft. Codreanu, der rumänische Supernationalist, stammte von Polen und Deutschen, Houston-Steward Chamberlain, einer der Begründer des modernen deutschen Nationalismus, war ein Engländer. Lord Mileran, aus der Zeit der Burenkriege bekannt, stammte von einer deutschen Mutter, L. C. M. S. A. Amery, der zur gleichen Zeit Staatssekretär für die Kolonien war, hatte eine Ungarin zur Mutter. Eduard VII., der »Einkreiser Deutschlands«, war seiner Abstammung nach Volldeutscher, während sein Neffe, der deutsche Kaiser Wilhelm II., Halb-Engländer war. Wilhelm v. Humboldt, der große deutsche Gelehrte, stammte aus dem Kreise der französischen Hugenotten, während Clemens v. Brentano italienischer Herkunft war. Der ungarische Unterrichtsminister Balint Homan erzählte mir einmal, daß er nach der Unterzeichnung eines Kulturabkommens mit Finnland erfahren habe, daß die beiden Unterzeichner, Homan wie der finnische Unterrichtsminister, deutscher und nicht finnisch-ungarischer Herkunft seien. (Die Finnen und Ungarn sind der ethnischen Tradition nach gleicher Herkunft, ihre Vorfahren gehörten beide dem finnisch-ungarischen Sprachstamm an.)

Wenn man den Zustandscharakter einer Nation als die Grundlage des Nationalcharakters gelten lassen will, so hat man ein Mittel in der Hand, die Angehörigen einer Nation für sie selbst, wie sie sind, zu erkennen. Der, wie es in der Natur der Sache liegt, viel veränderlichere Aktionscharakter zeigt, wie diese einzelnen, wenn sie zu einer Einheit des Handelns gebracht werden, sein können.

Der Zustandscharakter ist das Bild eines Flusses, der einem Bett, das er sich seit undenklichen Zeiten gewählt hat, folgt. Der Aktionscharakter zeigt denselben Fluß im Zustand des Hochwassers, wenn er sein Bett verläßt, die Ebenen überschwemmt und das, was ihm in den Weg kommt, niederreißt. So wie man dem Charakter eines Flusses Rechnung trägt und wohl überlegt, wo die Gefahr einer Überschwemmung besteht und wo nicht, wo man Brücken bauen oder seine Kraft ausnutzen kann, so müßte auch dem Charakter einer Nation – im Rahmen einer weisen Weltordnung – Rechnung getragen werden. Man muß wissen, was eine Nation ist, um ihren positiven Werten Rechnung tragen zu können, und man muß wissen, was eine Nation sein kann, um den Gefahren, die sie für die Allgemeinheit der anderen Nationen in sich trägt, vorbeugen zu können.

Zur Erkenntnis des Aktionscharakters ist eine intime Kenntnis der vorhandenen Eliten einer Nation notwendig, und außerdem eine genaue Prüfung derjenigen, die nach dem Sturz dieser Eliten nachfolgen können.

Was sind nun – im weitesten Sinn des Wortes – Eliten?

Generell gesehen, hat man zur Elite einer Nation alle diejenigen zu zählen, die im Gegensatz zu den Nichtskönnern etwas können, im Gegensatz zu den Nichtswissern etwas wissen, im Gegensatz zu den Nichtstuern etwas leisten, im Gegensatz zu den Unbedeutenden etwas bedeuten.

Die Elite verhält sich zur Nation wie die Bemannung zum Schiff, die Nation verhält sich zur Elite wie die Nullwerte zu den davorstehenden Positivwerten, aber auch wie ein Publikum zum Redner.

So besehen, reicht die Elite vom gelernten Handarbeiter, der sich durch sein Mehrkönnen vom ungelernten Arbeiter, dem Handlanger, unterscheidet, bis zu denjenigen, die innerhalb der Nation und gleichgültig auf welchem Gebiet, Spitzenleistungen vollbringen und sich von allen anderen dadurch, daß sie Außergewöhnliches vollbringen, deutlich unterscheiden.

Es wäre falsch, zu glauben, daß die Gesamtheit der Elite einer Nation allein von dieser Leistungselite gestellt wird. Neben diesem zweifellos bedeutungsvollsten Teil gibt es noch zwei andere Arten von Eliten, deren Zugehörige der Leistungselite wohl angehören können, aber durchaus nicht müssen: die Machtelite und die Vorbildelite.

Zu einer Machtelite gehören alle jene, die Macht besitzen und ausüben oder zur Ausübung von Macht delegiert werden. Es liegt auf der Hand, daß sich diese Machtträger von allen anderen Teilen der Bevölkerung durch ihre bevorzugte Stellung innerhalb der Gemeinschaft und durch größere Wirkungsmöglichkeiten deutlich abheben. Es liegt ebenso auf der Hand, daß die Angehörigen der Machtelite wohl der Leistungselite angehören können, daß es aber durchaus keine Voraussetzung für jemanden ist, etwas besonderes zu leisten, um in den Kreis der Machtelite aufgenommen zu werden. Ein Überblick über die Machtträger aller Zeiten zeigt, daß Macht nicht nur durch Leistungen (positiver Art) erworben werden kann, sondern auch auf dem Wege des Verbrechens (was der häufigste Fall sein dürfte), auf dem Wege des Nepotismus, der Erbschaft und des Einschleichens. Wer aber wird diese traurigen Figuren der politischen Gewalttäter – um der Gewalt willen –, diese Scharlatane und Falschmünzer, diese Protektionskinder, diese Verwandtschaftskarrieren, diese hauptberuflichen Söhne und Schwiegersöhne, die entweder in der Wiege oder im Ehebett auf die Bühne der Macht getragen werden, der Leistungselite zurechnen? Da sie aber alle, woher sie immer kommen und auf welche Weise sie kamen, durch Besitz von Macht von der Masse deutlich abgeschieden sind, gehören sie der nationalen Elite an. Der Machtelite. Der Nur-Machtelite.

Nach diesen beiden Kategorien haben wir von einer dritten gesprochen, einer Klasse, der wir den Namen Vorbildelite gegeben haben.

Vorbild zu werden, kann besondere Leistung, besondere Lebensführung, besonderen Gebrauch von Macht oder aber auch nur besonderen Ruf zur Voraussetzung haben. Der Angehörige einer Vorbildelite kann daher sowohl der Leistungselite wie der Machtelite oder beiden Gruppen angehören. Aber diese Vereinigung ist nicht absolute Bedingung. Es gibt nämlich nicht nur positive, sondern auch negative Vorbilder, denen sich eine weitere Gattung zugesellt, der man weder einen positiven noch einen negativen Wert zuschreiben kann und die doch vorhanden sind. Man kann Vorbild ohne Leistung und Macht sein. Gesellschaftliches Vorbild wie die Nachkommen früherer Eliten, die dekadenten Vertreter des Namensadels, die bloßen Erben des Geld- und Industrieadels, die »Sammler und Kenner«, die Scheinkünstler und – wie sehr das auch von vielen Seiten bestritten werden mag – Sportgrößen, deren Leistung beim besten Willen nicht als solche bewertet werden kann, die in irgendeinem ethnischen oder materiellen Interesse der Gemeinschaft sein könnten – und die doch wegen ihrer starken Wirkung auf die Massen ohne Zweifel der Vorbildelite angehören.

Der Begriff des »melior et sanior pars« ist mit dem Begriff der Elite nicht identisch. Dem melior et sanior pars gehört man an, weil man an eine solche Zugehörigkeit glaubt. Genau besehen gibt es niemanden, der ihr nicht anzugehören glaubt. Die Existenz des melior et sanior pars ist ein Stimulans und ist im Selbstbewußtsein des einzelnen begründet. Der Begriff der Elite liegt nicht auf der Ebene des Sich-dafür-Haltens. Er liegt auf der Ebene der realen feststellbaren Tatsachen, des Leistens, Rechthabens, Vorbild-Seins. Angehöriger des »melior et sanior pars« wird man durch subjektive Meinung. Angehöriger einer Elite ist man auf Grund objektiver Tatbestände.

Mit der Erkenntnis der drei verschiedenen Arten der Entstehung eines nationalen Charakterbildes, das einigen praktischen Wert beanspruchen kann: Selbsturteil, Zustandsurteil und Aktionsurteil, sowie der daraus folgenden Erkenntnis, daß ein Nationalcharakter durch keine dieser drei Urteilsformen allein erkannt werden kann, sondern nur durch die richtige Erfassung der Spannweite zwischen Zustand und Aktion, haben wir erst einen Teil des Dunkels der Fragen, die sich hier auftun, ausgeleuchtet.

Auf uns wartet der Einwand, daß die horizontale, internationale Charakterähnlichkeit einzelner Schichten (des internationalen Proletariats, des internationalen Bauerntums, des internationalen Kapitals, der internationalen Gelehrtenwelt u. a.m.) größer und weitaus bedeutsamer sei als die nationale Charakterähnlichkeit, die vertikal alle Schichten ein und derselben Nation verbindet.

Dieser Einwand könnte durch Äußerungen gestützt werden, die die Existenz eines nationalen Charakters überhaupt leugnen, und das schon zu einer Zeit, in der der moderne Nationalismus seine ersten Schritte in die Weltgeschichte tat.

Voltaire sagte in der Vorrede zu seinem Gedicht über die Schlacht bei Fontenay, die Gebildeten des ganzen Erdkreises entstammten sozusagen ein und demselben Haus. Noch weiter ging Montesquieu, wenn er behauptete, ganz Europa sei eine einzige Nation. Dem reiht sich die Meinung Karl Marx und seiner Schüler an, daß die internationale Interessengleichheit der Arbeiterklasse oder, wenn man will, der internationale Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit der entscheidende Punkt sei, von dem aus die Probleme der Welt zu lösen seien. »Proletarier aller Länder«, heißt es im kommunistischen Manifest, »vereinigt euch!« Und es heißt dort nicht: Proletarier aller Völker oder Proletarier aller Nationen vereinigt euch. Die vertikale Ähnlichkeit und Gemeinschaft innerhalb der Nationen wird demnach so gering eingeschätzt, daß man darauf verzichten zu können glaubte, ihrer überhaupt Erwähnung zu tun: Der Arbeiter gehört zum Arbeiter, der Kapitalist zum Kapitalisten, der Bürger zum Bürger, und jeder von ihnen erst in zweiter oder dritter Linie zu einer Nation.

Man kommt der Wahrheit nicht näher, wenn man die Existenz der einen oder anderen Ähnlichkeitskategorie leugnet. Beide sind vorhanden, unausrottbar vorhanden: nationale Charakterähnlichkeit wie internationale Schichtenähnlichkeit (die sich ohne Zweifel auch in einer Ähnlichkeit gewisser Charakterzüge ausdrückt), vertikale wie horizontale Charakterverwandtschaft innerhalb der menschlichen Gesellschaft.

Die Existenz der internationalen schichtenmäßigen Bindungen und Ähnlichkeiten heben die nationalen Charakteristika nicht auf, ebensowenig wie die nationalen Gemeinsamkeiten die internationale Verbindungslinie auszulöschen vermögen.

Der »Proletarier aller Länder« wie der »internationale Gelehrte« oder der »internationale Kapitalist« sind nur einem Teil ihres Wesens nach »international«. Dem anderen Teil nach sind und bleiben sie national. Auch die Hebung der Bildung innerhalb aller Sprachgemeinschaften und Nationen auf ein sehr hohes Allgemeinniveau würde an dieser Tatsache nichts ändern. Auch eine Gleichschaltung der Welt auf ein einheitliches geistiges und wirtschaftliches System könnte daran nichts ändern.

Wir haben und behalten alle einen nationalen Charakter, weil wir den Spiegel einer gewissen Tradition in uns tragen, weil wir in einem gewissen Milieu eigenartiger Färbung leben, weil wir eine und nur eine Muttersprache haben, nur ein Land als Heimat empfinden und uns den tiefen Wirkungen dieses Landes, seiner Bodenformation, seines Klimas, seiner Höhenlage nicht entziehen können. Und wir haben und behalten alle einen internationalen Charakter, weil wir einem übernationalen Kulturkreis angehören, der vielen Nationen gemeinsam ist. Unser Charakter in direkter Bezogenheit auf die Kultur ist immer international. Wir haben einen internationalen Charakter, weil es nach den Grundbegriffen unserer Kultur eine Freiheit und Gleichheit der menschlichen Existenz gibt und weil die atavistischen Gesetze des Urwalds und der Sümpfe nur für kürzere Zeitperioden, wie grausame Gewitter, den Horizont der Menschlichkeit zu trüben vermögen.

Die Meinung, man könne sich aus den Wirrnissen der nationalen Charaktergemeinschaft und der internationalen Schichtenähnlichkeit in kosmopolitische Sphären flüchten, ist falsch. Man kann es nicht. G. K. Chesterton sagte in einem Essay (»French and English«): »All good men are international. Nearly all bad men are cosmopolitan. If we are to be international we must be national ...«

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