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Vom Wesen der Nation

Guido Zernatto: Vom Wesen der Nation - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
authorGuido Zernatto
titleVom Wesen der Nation
publisherAdolf Holzhausens Nachfolger
editorWolf in der Maur
year1966
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Irrgarten der Definitionen

Auf dem weiten Weg von den römischen Gottheiten über die antiken Fremdenkolonien zu den Universitätsnationen, von den Nationen der Konzilien und weiter über die Eliten der Sprachkulturen und die Versammlungen der Vornehmen hat das Wort Nation nie eine Masse und nie eine Gesamtheit bedeutet. Die Fremdenkolonien waren Einzelgruppen von Fremden in der Fremde, die Universitätsnationen waren Gruppen innerhalb der Universitäten, die Konzilsnationen waren vergängliche Teile von Veranstaltungen, die weder ständige noch regelmäßige Einrichtungen der Kirche sind. Dazu waren die Konzilsnationen ihrerseits aus Delegaten zusammengesetzt, aus Personen, die ihrem ganzen Charakter nach Teile eines Ganzen waren. Die »Nation« genannten Eliten innerhalb der Sprachkulturen waren wie alle Eliten Teile eines Ganzen, ebenso wie die politischen Eliten der Ständeversammlungen.

Der Name Nation bezeichnete nie eine Gesamtheit.

Erst in dem Augenblick, in dem man die Nation als Vereinigung großer Massen zu sehen begann, geschah es, daß man sie für ein Ganzes hielt. Und mit dieser Wandlung vom Teil zum Ganzen beginnt die Schwierigkeit, zu sagen, was eine Nation ist. Was ist dieses neue Ganze, was diese neue weltgeschichtliche Person?

Nicht alle Geister der vergangenen Jahrhunderte haben an die Nation als »welthistorische Person« geglaubt. Johannes Scherr sah in ihr nichts als ein »großes Wortspiel der Weltgeschichte«. Machiavelli nannte sie »un agnello minore nella catena umana«. Friedrich Nietzsche sprach von einer »Herzenskrätze und Blutvergiftung, um derentwillen sich jetzt Volk gegen Volk wie mit Quarantäne absperrt«. Selbst Herder (Briefe zur Beförderung der Humanität, 4. Sammlg., n. 42) glaubte, daß es notwendig sei, den »ungejäteten Garten der Nation von Unkraut zu säubern und dabei auch die Torheit der nationalen Selbstüberhebung auszujäten«. Berlioz schrieb einmal: »Die engen Ideen des Nationalismus scheinen allen geraden Geistern von einer unendlichen Lächerlichkeit zu sein.«

Andere hielten die Nationen für keine Realitäten, sondern für geistige Prinzipien, »des principes spirituels«, wie Fouillée. M. Lazarus »Was heißt national?«, Berlin 1880, sieht in ihnen gar nur »ein geistiges Erzeugnis Einzelner«.

Solche Auffassungen stehen am Rande des Problems. Sie führen uns nicht weiter. Auch nicht die magere Feststellung, daß die Nation etwas sei, was man nicht weiter definieren könne.

Um die Unklarheit zu beheben, versuchte man es schließlich mit der Behauptung, das Wort Nation habe zwei verschiedene Bedeutungen, es bezeichne sowohl die Summe der Bürger eines Staates als auch eine Gruppe von Menschen, die aus verschiedenen anderen Gründen eine Gemeinschaft bilden. Webster definiert das wie folgt:

1. »A part or division of the people of the earth, distinguished from the rest by common descent, language or institutions: a race, a stock«; und

2. »the body of inhabitants of a country united under an independent government of their own«.

Demnach hätten wir unter einer Nation entweder eine ethnologisch-kulturelle oder eine staatlich-demokratische Gemeinschaft zu verstehen. Der ethnologisch-kulturelle Begriff, der bei Webster an erster Stelle steht, ist ohne einen Staat denkbar, er steht über dem Staat. Diese Art von Nation, die die Deutschen mit dem Wort »Volk« oder »Volkstum« bezeichnen, wäre es, von der Wilhelm Heinrich Riehl schon sagte, sie sei »der Urgrund, der das wandelbare Staatsleben der Völker weit überdauert«.

Die zweite Gemeinschaft, die auch mit dem Namen Nation bezeichnet wird, wird durch das Vorhandensein eines Staates sichtbar. Das ist die Nation, von der Hamilton spricht, wenn er sagt: »A nation without a national government is an awful spectacle« (»Warning« in »The Federalist«).

Man kann die erste, die ethnologisch-kulturelle Interpretation des Wortes Nation, die sich auf das Vorhandensein gemeinsamer Sprache, gemeinsamer Abstammung u. a. beruft, die »romantische Interpretation« nennen, weil ihr Wesen vor allem durch die deutsche Schule der Romantik beschrieben worden ist.

Die zweite Interpretation, die einen Staat als Grundlage des Gemeinschaftslebens verlangt, nennen wir am besten die »demokratische Interpretation«, weil diese Nation ihre Existenz nicht nur dem Vorhandensein eines Staates, sondern auch dem Vorhandensein demokratischer Einrichtungen verdankt. Eine »Staatsnation« ist ohne Demokratie undenkbar. Wenn es keine demokratischen Rechte gibt, ist die Summe der Bewohner eines Staates nichts als eine Masse von Untergebenen, die keine Möglichkeiten haben, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen.

Solange es absolute Herrscher gab, waren die Massen der Bevölkerung nicht viel mehr als ein Bestandteil des Grund und Bodens, der dem König gehörte. Es gab vom Staat her gesehen keine »Nation«.

Die Bevölkerungen der Feudalstaaten waren Arbeiter im Betrieb eines Großunternehmers. Erst in dem Augenblick, in dem sich breitere Bevölkerungsschichten innerhalb des Staatswesens das Recht der Mitbestimmung erobert hatten, als das Wort Nation ein Ganzes zu bedeuten begann, konnte die Staatsnation entstehen. Die Arbeiter des Großunternehmens erhielten die Rolle von Aktionären.

Vor den Einrichtungen demokratischer Institutionen gab es keine auf den Staat bezogene Nation. Der »Patriotismus« der vornationalen Zeit war demnach auch kein Gruppenbewußtsein, sondern der Ausdruck der Anhänglichkeit an den Herrscher. Der Text zur Gefühlsmelodie des Patriotismus war ohne Zweifel auch das »wess' Brot ich ess', dess' Lied ich sing'«.

Die Sehnsucht der modernen Welt, die Geschichte der Nation und des Nationalismus nach rückwärts zu verlängern, verkennt die Entwicklungslinie, die zur Begründung von Staatsnationen geführt hat.

In der alten Herrschaftsform der Feudalzeit beriefen sich die Herrscher auf eine überirdische, göttliche Legitimation zur Ausübung ihrer Macht. Sie brauchten kein Volk, keine Nation als Ausgangspunkt für ihr Amt. Nach den im frühen Mittelalter vorherrschenden Meinungen, die in einem Zusammenhang mit der Augustinischen Idee vom Staat Gottes auf Erden stehen, haben die beiden Zweige der Herrschaft: die geistlich-priesterliche und die weltlich-königliche ihren Ursprung in Christus; Priester und König. Die Kirche spielte durch ihre Spitze, den Papst, dem Stellvertreter Christi auf Erden, die vermittelnde Rolle. Die Kronen des Mittelalters kamen vom Papst, und das Herrscherrecht kam auf dem gleichen Weg von Christus. Es war göttlichen Ursprungs. Die Könige der feudalen Welt waren Exekutivorgane Gottes für den weltlichen Bereich.

Thomas von Aquin lehrte freilich, daß Herrschaft und Autorität Institutionen menschlichen Rechts seien (Summa II – II, 42, 2 inc.). Diese Auffassung, die auch die Lehrmeinung der Kirche selbst ist, setzte sich aber in der Zeit der Feudalherrschaft niemals ganz durch. Solange es in unserem Kulturkreis Könige gab, fußte ihr Recht immer wieder auf der Vorstellung einer göttlichen Legitimation. Die große Kaiserin Maria Theresia meinte: »Dieu a préparé dans son conseil éternel les premières familles qui sont la source des nations, les qualités dominantes qui devaient en faire la fortune. Il a aussi ordonné dans les nations les familles particulières dont elles sont composées mais principalement celles qui devaient gouverner ces nations et en particulier dans ces familles tous les hommes par lesquelles elles devaient ou s'éléver ou se soutenir ou s'abattre.«

Und Karl Ludwig von Haller lehrte noch zu Beginn des XIX. Jahrhunderts: Die Könige und Fürsten seien nicht Diener des Staates, sondern unabhängige Herren. Der Staat sei ihr Eigentum, so wie das Hauswesen dem Familienvater gehöre. Das Volk war nach solchen Auffassungen nicht viel mehr als das lebende Inventar dieses Hauswesens.

Mit dem Sturz der feudalen Welt fiel auch die ins Überirdische reichende Legitimitätsvorstellung. Die Vorstellung, daß nach dem Willen Gottes im König oder im Fürsten die Quelle der Legitimität liege, ging verloren. »Die Führung eines Schiffes«, sagte schon Pascal, »überträgt man nicht dem unter den Reisenden, der aus dem besten Hause ist.« Die Institution der Nation wurde bedeutsamer als die des Königs. Das hört man deutlich aus einem Satz J. J. Rousseaus (»Contract social«, I. Cap. 5): »Avant donc que d'examiner l'acte par lequel un peuple élit un roi, il serait bon d'examiner l'acte par lequel peuple est un peuple.«

Der neue König – auch im Sinne Ludwig XIV. »l'état c'est moi« – wurde die demokratische Nation. Diese Nation sieht den einzelnen Menschen im Vordergrund. Sie besteht aus freien (im Besitz von Menschenrechten befindlichen) Individuen, die, indem sie zueinander in ein Vertragsverhältnis treten, die Nation bilden und als Kollektivperson auch alle Legitimität für die Ausübung von Macht und Herrschaft in sich tragen.

Es wäre falsch, zu glauben, daß die Ideen, die zum Zustandekommen dieser »demokratischen Nation« geführt haben, Kinder der Französischen Revolution gewesen seien. Die schönen allgemeinen Ideen und Lehren vom »natürlichen Recht«, von Volksherrschaft, Volksvertretung, Verantwortlichkeit der Volksbeauftragten und konstitutionellen Grundsätzen, die durch die Französische Revolution eine so große Bedeutung auf dem Kontinent erhielten, sind nicht, wie es Taine so bestechend dargestellt hat, Schlußfolgerungen aus der Philosophie des französischen XVII. Jahrhunderts, des Werkes der Enzyklopädisten, eine praktische Anwendung der Methoden des Descartes. Alle Grundsätze dieser Art sind im XVII. Jahrhundert von den Engländern und in den Kolonien in Amerika nach alten christlichen Traditionen formuliert und angewandt worden. Die Rechte, die man 1698 dem König von England abgezwungen hatte, übten auf die Franzosen während der sogenannten Fronde, einer Aufstandsbewegung, die sich gegen Mazarins Politik wendete, einen gewissen Zauber aus. Ein englischer Oberst, Sexby, kam damals nach Bordeaux, um den Meuternden eine Verfassung vorzuschlagen, die der Konstitution, welche das Heer dem englischen Parlament 1648 aufgezwungen hatte, nachgebildet war. In einer sehr ausführlichen Einleitung zu diesem Verfassungsentwurf waren auch die natürlichen Menschenrechte dargelegt.

»Das erste Bekenntnis der Menschenrechte in französischer Sprache«, sagt Seignobos in seiner »Histoire sincère de la Nation française« (23. Aufl., Paris 1933), »ist das Werk eines Engländers.« Die Grundideen, auf die sich die demokratische Nation aufbaut, sind christlichen Ursprungs.

Die romantische Interpretation des Begriffs der Nation geht auf die romantische Schule und den »deutschen Idealismus« zurück, eine geistige Bewegung, deren Hauptvertreter Hegel, Fichte und Schelling waren. Der erste und vielleicht wirksamste Vertreter der romantischen Interpretation war Johann Gottfried Herder, der in seinen »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« die Nationen völlig anders darstellte, als sie der Westen mit seiner demokratischen und politischen Interpretation bisher gesehen hatte.

Nach Herder ist die Nation ein lebendiger Organismus, »wie eine Pflanze der Natur«. Jedes Volk ist nach seiner Auffassung ein eigenberechtigter und eigengesetzlicher, lebendiger, aus sich heraus schaffender Organismus, in den der einzelne hineingeboren wird. Hegel nennt eine Nation einen »organischen Körper eines gemeinsamen Lebens«.

Nach dieser »romantischen Interpretation« steht der einzelne im Hintergrund. Er spielt in der organischen Gesamtheit keine andere Rolle als die, die eine Zelle innerhalb eines pflanzlichen oder tierischen Organismus spielt. Der einzelne ist unwesentlich, wesentlich ist nur das Ganze.

Die romantische Nation ist kollektiv-patriarchalisch, während die demokratische individualistisch ist. In der demokratischen Nation spielen sich die Schicksale einzelner ab, in der romantischen aber ist nur das Schicksal der Gesamtheit wesentlich. Die demokratische Nation ist auf die Rechte der einzelnen aufgebaut. Die romantische Nation kennt in der Hauptsache nur die Pflichten der einzelnen im Interesse der Gesamtheit. Und ganz wesentlich: Der demokratischen Nation gehört man freiwillig an, ihre Existenz ist, wie Renan sehr schön sagt: »Un plebiscite de tous les jours« (Ernest Renan: »Qu'est-ce qu'une nation?«, Paris 1882), der einzelne entscheidet selbst über seine Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu dieser Art von Nation. Es handelt sich um eine rechtliche Mitgliedschaft.

Der romantischen Nation gehört man nicht an, man gehört ihr. Man kann ihr nicht entfliehen, man wird in sie hineingeboren.

Die demokratische Nation ist eine erzeugte, die romantische eine vorgefundene Gemeinschaft. Die demokratische Nation ist eine Willensgemeinschaft, die romantische eine Wesensgemeinschaft.

Und noch etwas: Die Zugehörigkeit zur demokratischen Nation hebt die Zugehörigkeit zu einer romantischen Nation nicht auf. Wer einer romantischen Nation angehört, bleibt immer irgendwie ein Teil ihres Körpers: Er ist Familienmitglied. Man kann seine Familie nicht wechseln.

Die romantische Nation ist eine ethnogene, die demokratische eine demogene Assoziation.

Innerhalb eines demokratischen Staates fällt der Nation neben der Bestellung einer Regierung »of the people, by the people, for the people« auch noch die Rolle eines obersten Symbols, einer letzten Rechtsquelle zu. Es liegt ein ungeheurer Unterschied darin, ob eine »demokratische Nation«, also eine Summe von Staatsbürgern, eine freie Willensgemeinschaft, die durch ein »plebiscite de tous les jours« immer neu begründet wird, den Staat besitzt, regiert und symbolisiert, oder eine »romantische Nation«, die zugleich eine Gemeinschaft der Sprache, der Abstammung und anderer Kennzeichen ist, deren Wahl dem einzelnen nicht freisteht, sondern mit denen er geboren wird. Ein vom Geiste der »demokratischen Nation« getragener Staat dürfte immer und überall ein anderes Verhältnis zwischen dem einzelnen und der Gesamtheit schaffen als ein Staat, der im Zusammenhang mit der Idee einer romantischen Nation aufgebaut wäre.

Der ideale demokratische Staat dürfte seinen Angehörigen in kulturellen Angelegenheiten geringe Fesseln auferlegen. Anders der romantische Staat: da die Angehörigen seiner »Nation« auch Angehörige einer Abstammungsgemeinschaft, einer Sprachgemeinschaft und anderer Gemeinschaften sind, deren Bedeutung über das Politische weit hinausreicht, müßte er in Wirkungsgebiete und Gemeinschaftskreise hineingreifen, die mit Staat und Politik ihrem Wesen nach nichts zu tun haben. Der Angehörige einer romantischen Nation steht zu seiner Nation in einem Vater-Sohn-Verhältnis. Dem Angehörigen der demokratischen Nation ist die Nation ein Verein, vielleicht ein heiliger und mit den Goldwolken des Patriotismus umgeben – aber doch nur ein Zweckverband, zu dem man im Verhältnis rechtlicher Mitgliedschaft steht.

Die Meinung, man könnte die Frage nach dem Wesen der Nation dadurch beantworten, daß man sagt, es gibt zwei verschiedene Bedeutungen für dieses Wort: Staatsnation und romantische Nation, ist nicht haltbar. Es wäre falsch, zu glauben, daß es irgendwo in der Welt den reinen Typus einer »romantischen« oder einer »demokratischen« Nation gibt. Es gibt nirgends einen »Teil der Menschheit«, der sich von allen übrigen Menschen durch gemeinsame Abstammung, gemeinsame Sprache oder gemeinsame Institutionen unterscheidet, eine »race«, einen »stock«, der nicht auch irgendwie die Tendenz in sich trüge, alle seine Angehörigen in einen Staat zu vereinigen. Und es gibt nirgends in der Welt einen »body of inhabitants of a country united under an independent government of their own«, der sich nicht auch auf Gemeinsamkeiten berufen würde, die mit dem Staatsleben nichts zu tun haben: auf Sprachgemeinschaften, Traditionsgemeinschaften, geglaubte oder partiell wirkliche Abstammungsgemeinschaften usw. In jeder als Nation bezeichneten Gemeinschaft sind beide Ideen vorhanden, wirken nebeneinander und gegeneinander.

Die englische Nation ist ohne Zweifel eine Gemeinschaft, in der ein reiches Maß von demokratischen Elementen vorhanden ist. War sie deshalb jemals frei von romantischen Auffassungen? Der englische Nationalismus ist reich an romantischen Stimmungen. In der Tradition liegt immer romantischer Geist. Die deutsche Nation, die im Verlaufe ihrer immer in gebrochenen Linien verlaufenden Geschichte eine besondere Vorliebe für romantische Gedankengänge gezeigt hat, kennt zahlreiche demokratische Züge. Als ein klassisches Beispiel einer Nation, die zwischen den beiden Idealen hin- und herschwankt, mag die französische gelten. Durch die Jahrhunderte haben die Franzosen zeitweilig für das eine und zeitweilig für das andere Ideal gefochten. Das liberale Italien des Risorgimento war auf romantische Ideale aufgebaut, nicht auf demokratische. Je weiter wir nach Osten gehen, desto tiefer geraten wir in die romantische Welt. Die slawischen Völker des Ostens und Südostens haben mit der demokratischen Auffassung der Nation kaum mehr als oberflächliche Bekanntschaft gemacht. Aber niemals und nirgends hat es eine Nation gegeben, die exklusiv das eine oder das andere – romantisch oder demokratisch – gewesen wäre. Die Nation der modernen Zeit ist leider ein viel zu kompliziertes Gebilde, als daß man ihr Wesen durch eine einfache Spaltung des Begriffes klären könnte.

Es wäre übrigens auch falsch, zu glauben, daß die demokratische Idee einfach die fortschrittlichere, die romantische die reaktionärere Form der Nation sei. Große Kontinentalnationen romantischer Färbung sind bisher nicht weniger und nicht langsamer auf der Straße des Fortschritts marschiert als etwa die englische.

Die beiden Typen »romantische« und »demokratische« Nation bedeuten nicht schlechthin: »Demokratie oder Totalitarismus«, Diktatur oder Volksherrschaft. Die Typen, von denen wir hier reden, deuten naturgemäß nur Grundauffassungen des Gemeinschaftslebens an. Es gibt in der Politik, wenn man das Beispiel anwenden will, ebenso »romantische Demokratien«, wie es »demokratische« Nationen gibt, die unter einer Diktatur leben. Jede plebiszitäre Diktatur ist in diesem Sinn irgendwo demokratisch, ebenso wie jede Demokratie, die sich durch die gemeinsame Sprache, Herkunft, gemeinsame Sitten und Gebräuche ihrer Glieder legitimiert, in ihrem Grundton romantisch ist. Jede Nation, z. B. die weiß, was Irredenta ist – hat romantische Ideale.

Wir müssen nochmals betonen: Die Zerlegung des Begriffes Nation in zwei Grundtypen und die daraus folgende Annahme, jede Nation sei entweder eine demokratische oder eine romantische Nation, ist nicht mehr als ein Versuch zur Vereinfachung des Problems. Weder die romantische Nation noch die demokratische existieren irgendwo in der Welt in Reinkultur. In einer Schrift, die seinerzeit großes Aufsehen erregt hat, hat Otto Weininger (»Geschlecht und Charakter«, Wien 1903) angenommen, der reine Typus eines Mannes existiere in Wirklichkeit ebensowenig wie der vollendete Typus der Frau. Nach der Weiningerschen Theorie trägt jeder Mann einen gewissen Prozentsatz typisch weiblicher Veranlagungen in sich und jede Frau einen gewissen Teil männlicher Eigenschaften. Der vollendete Mann ebenso wie die vollendete Frau seien – als polare Seelenformen – lediglich ideale Grenzfälle. In der Regel repräsentieren die Angehörigen der beiden Geschlechter Mischungen in zahllosen Abstufungen und Variationen.

Wir haben die romantische und die demokratische Nation nicht anders zu betrachten, wie Weininger die »idealen Grenzfälle« Mann und Weib sieht. Jede Gemeinschaft, genannt Nation, trägt einen gewissen Prozentsatz romantischer wie auch demokratischer Charakteristiken in sich. Romantische wie demokratische Nationen sind »ideale Grenzfälle« – Hilfsmittel zur Vereinfachung des Gemeinschaftsphänomens Nation.

In unserer Zeit ist die Auffassung, nach der es zwei verschieden geartete Gemeinschaften gibt, die man trotz ihrer Verschiedenart mit demselben Namen »Nation« belegt, nicht mehr brauchbar.

Bereits im XIX. Jahrhundert machte sich die Tendenz bemerkbar, eine neue Formel zu finden, mit der man die Nation zu definieren hoffte. Die Heimat dieser Versuche war Italien.

Schon in den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts faszinierte die Idee von der Souveränität der Nation, wie sie die französische Revolution propagiert hatte, weite Schichten der italienischen Gesellschaft. Mit der Nation als der » Summe gleichberechtigter Staatsbürger« konnten die Italiener aber nichts anfangen. Innerhalb von Italien gab es damals viele Staaten, und wichtige Teile des geographisch klar gegliederten einsprachigen Landes standen unter fremder Herrschaft, deren Regierungszentren außerhalb des italienischen Sprachgebietes lagen.

Wenn die Franzosen ein halbes Jahrhundert vorher in der glücklichen Lage gewesen waren, ihre Revolution in einem relativ einheitlichen großen Staatsraum verwirklichen zu können, so trennte die Italiener von dem gleichen Idealbild die sehr schwierige Aufgabe, vorher mehrere Staaten, die sich innerhalb des Siedlungsraumes ihres geographischen und sprachlichen Einheitsgebietes befanden, zu verschmelzen oder zu beseitigen und andere Teile fremden Mächten im Kampf zu entreißen.

Für eine solche Aufgabe genügte der französische Begriff der Nation nicht. Man mußte diesen Begriff, der nur von gleichberechtigten Staatsbürgern aussagte und Nation und Staat eins sein ließ, so ausweiten, daß er alle Angehörigen der italienischen »Sprachnation« ohne Rücksicht auf bestehende Staatsgrenzen erfaßte.

Im Jahre 1851 hielt an der Universität zu Turin der Professor Pasquale Stanislao Mancini eine Vorlesung, mit der er die Grundmauern zu einer neuen Lehre legte. (»Della nazionalità come fondamento del diritto dei genti.«) Nach seiner Auffassung besteht die »nazionalità« aus einer Reihe von Elementen: Gemeinsamkeit der Abstammung (razza), der Sprache, der Sitten, der Geschichte, des Siedlungsgebietes, der Gesetzgebung und der Religion. Zu diesen Elementen gehört noch ein weiteres, das er »coscienza della nazionalità« nennt, was man sinngemäß mit »Bewußtheit zur Zugehörigkeit zur Nation« übersetzen kann. Der Staat ist nach Mancini »eine natürliche Vereinigung von Menschen, wurzelnd in einer Einheit des Gebietes, des Ursprungs, der Sitten und der Sprache, zusammengefaßt zu einer Gemeinschaft des Lebens und des sozialen Bewußtseins«.

Man sieht: Mancini sah die Italiener vor sich. Nur die Italiener. Er, wie die ganze Schule, die er begründet hat, Vico, Romagnosi, Lioy, waren von der glühenden Sehnsucht erfüllt, die geistigen Grundlagen für die staatliche Einigung Italiens zu schaffen. Mit dem Lehrsatz: »Jede Nation soll einen Staat bilden und alle Angehörigen einer Nation nur einen Staat«, lieferten sie viel konkreter, als es Mancini getan hatte, die Parole zum Kampf und schufen zugleich den moralischen Unterbau für diesen Kampf Siehe hiezu Castellani: »Les maîtres de l'école italienne du droit international au XIX siècle«, Recuil des Cours, Académie de Droit International, La Haye, tome 46..

Die Geschichte der zweiten Hälfte des XIX. und der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts wäre wahrscheinlich einfacher verlaufen, wenn die geistigen Führer des »rinascimento« und ihre Schüler bei der Sache geblieben wären und von Italien, seinen Bedürfnissen, seinen Rechten und seinen Träumen gesprochen hätten. Sie hätten zu sagen gehabt: Die Italiener müssen als Sprachgemeinschaft, Abstammungsgemeinschaft, moralische, historische, territoriale, religiöse Gemeinschaft einen Staat und nur einen Staat, nämlich das geeinte Italien, besitzen. Aber diese geistigen Führer waren Gelehrte. Gelehrte haben sehr häufig – in direktem Gegensatz zu den Künstlern – den seltsamen Ehrgeiz, jeden Gedanken, den sie gefaßt haben, zu verallgemeinern und aus jeder Einzelerkenntnis ein allgemein gültiges System zu machen. Im Gegensatz zu den Künstlern, die allgemeine Dinge zu einem Einzelgedanken, einem einzelnen Bild, einer einzelnen Figur, einem einzelnen Kunstwerk ver»dichten«.

Mancini und seine Schüler sprachen nicht von Italien und den Italienern allein. Sie sprachen von jeder Nation. Nicht nur die Italiener sollten einen Staat bilden und alle Italiener nur einen Staat, was ganz in Ordnung war. Nein: Jede Nation sollte das tun, was man in Italien brauchte.

Außerhalb von Italien, wo es sehr selten ebenso klare geographische und sprachliche Verhältnisse gibt, mußte eine derartige Lehre verheerend wirken. Die geistigen Führer des »Risorgimento« haben denn auch nicht nur die Ideologie, oder besser gesagt, die rechtliche Ideologie für die Einigung ihres Vaterlandes geschaffen, sie sind zugleich die Begründer der Ideologie des nationalen Einheitsstaates geworden.

In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sagte Albert Sorel, der damals an der »École des Sciences Politiques« in Paris lehrte, einmal: »Wenn die türkische Frage gelöst sein wird, wird sich für Europa ein neues Problem stellen: das Schicksal der österreichisch-ungarischen Monarchie. Die Auflösung dieses Staates aber könnte leicht das Präludium zu einer gründlichen Umgestaltung des britischen Empires sein.«

Man lebte damals in der Zeit, in der die Welt Zeuge der Auflösung des europäischen Teiles des Osmanischen Reiches war. Seit 1830 Griechenland seine Unabhängigkeit gewonnen hatte, war der morsche Türkenstaat nicht mehr imstande gewesen, die europäischen Provinzen unter seiner Oberhoheit zu erhalten. 1856 erlangten die Moldaufürstentümer (Rumänien) ihre Autonomie, 1878 waren Serbien, Montenegro und Bulgarien zu selbständigen Staaten erwachsen. Der Prozeß der Auflösung ging vor den erstaunten Augen der Welt seinem Ende zu, und aus Österreich kamen allerlei alarmierende Nachrichten. Die verschiedenen Völkerschaften der Monarchie der Habsburger begannen ihre Freiheit in der Zerschlagung der übernationalen Staatseinheit zu suchen. Wenn diese Idee, daß die Freiheit der Völker nur in eigenen Staaten mit unbeschränkter Souveränität erreichbar sei, über den ganzen Erdkreis verbreitet würde – das war Sorels Gedankengang –, dann mußte auch über das »British Empire« ein schicksalsschwerer Tag hereinbrechen. So hatte es wohl schon vorher Lord Chatam gesehen, wenn er sagte: »Mit einem Menschen, der die Interessen Englands an der Erhaltung des Ottomanischen Reiches nicht sieht, habe ich nicht zu diskutieren.«

Albert Sorel dachte in den Kategorien Mancinis. Der Sinn seiner Prophezeiungen war der Sinn der Lehre Mancinis: »Jede Nation besitze einen Staat und jede ganze Nation nur einen Staat.« Demnach waren alle Staaten, die diesem Prinzip widersprachen, der Auflösung preisgegeben.

Mancinis Lehre ist eine Utopie. Politische Utopien sind immer gefährlich. Deshalb hat auch die Lehre vom nationalen Einheitsstaat eine so rasant negative Dynamik zu entwickeln vermocht. Die Idee des nationalen Einheitsstaates auf der strengen Basis einer Sprach-, Abstammungs-, Territorialgemeinschaft und noch anderer Einheitsbindungen ist eine der unwirklichsten und destruktivsten Ideen, die das XIX. Jahrhundert geboren hat. Die Einigung Italiens ist kein Äquivalent für die Dauerstörungen, die sie im übrigen Europa erzeugt hat.

Die Bildung von Staaten, in denen nur die Angehörigen ein und derselben Nation (nach Mancini: ein und derselben sprachlichen, rassischen, territorialen, moralischen, religiösen Einheit) angehören, ist nur dann möglich, wenn die Siedlungsgebiete der einzelnen Sprachnationen (ganz abgesehen von anderen Motiven) so verlaufen, daß sie auch als Staatsgrenzen brauchbar sind. Das heißt: Kulturgrenzen müßten so verlaufen, daß sie den Gesetzen der geographischen Vernunft, den wirtschaftlichen und auch den strategischen Bedürfnissen entsprechen. Solche Grenzen gibt es auf der Erde fast nicht. Politische Grenzen sind die Handschrift der Geschichte auf der Erde. Die Geschichte wird durch Macht bestimmt. Machtverhältnisse ändern sich. Und sie ändern sich schneller, als sich sprachliche, rassische, moralische und religiöse Gegebenheiten verändern. Eine geographische Linie, die zugleich Staats-, Wirtschafts- und Kulturgrenze wäre, ist ein Unding. Das Verlangen nach solchen Grenzen führt zu ewigen Kriegen.

In Zentraleuropa, der klassischen Zone des Nationalitätenstreits, ist es vollends unmöglich, einen Staat zu konstruieren, der den Mancinischen Forderungen entspräche. In diesem Gebiet, in dem auf 900 000 square miles mehr als zwanzig Sprachgemeinschaften leben, überschneiden sich die Siedlungsgebiete der einzelnen derart und sind – geographisch gesehen – so verzahnt und inselförmig, daß es unmöglich wäre, eine Grenzziehung im Sinne Mancinis zu finden. Nach der Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie, in der mehr als ein Dutzend verschiedener Nationalitäten gelebt hatten, entstanden Nationalstaaten, die ihrerseits nichts anderes als Nationalitätenstaaten waren: Die tschechoslowakische Republik beherbergte fast ebensoviele Andersnationale als Tschechen in Jugoslawien, Rumänien, Ungarn, ja sogar im Nachkriegsösterreich lebten außer der führenden Nation Andersnationale in großer Zahl.

Nach der Lehre Mancinis müßten die Engländer und die Amerikaner (als Spracheinheit) einen einzigen Staat, den gleichen Staat, bilden. Die Portugiesen und die Brasilianer, die Dänen und die Norweger, die Spanier, Argentinier und Mexikaner und andere lateinamerikanische Nationen müßten auf Grund ihrer Sprachgleichheit »angeschlossen« werden. Belgien müßte zwischen Holland und Frankreich aufgeteilt werden, die Schweiz zwischen Deutschland, Frankreich und Italien. Rußland müßte in mehr als zweihundert Nationalstaaten zerteilt werden.

Der Mancinische Nationalstaat verlangt freilich mehr als eine bloße Sprachgemeinschaft seiner Untertanen. Wenn seine Gesetze strikte befolgt werden, gäbe es weniger Nationalstaaten als man glaubt. Wo gibt es in der Welt eine vollkommene Gemeinsamkeit der Abstammung, die zugleich eine Gemeinsamkeit der Sprache, der Sitten, der Geschichte, des Siedlungsgebietes, der Gesetzgebung und der Religion repräsentiert? Wir glauben, daß diese sehr komplizierte, sehr anspruchsvoll formulierte Einheit von Gemeinsamkeiten nirgends existiert. Nicht einmal in Italien. Die Nation Mancinis ist ein Traum.

Mit unserer Stellungnahme gegen den nationalen Einheitsstaat im Sinne Mancinis ist naturgemäß nichts gegen die Rechte der kleinen Völker gesagt, nichts gegen das Freiheitsideal aller Gemeinschaften, die man als Nationen zu bezeichnen hat. Wir stellen uns gegen die Auffassung, daß jede Nation ihren eigenen Staat haben müßte und jede Nation nur einen Staat. Dieses Prinzip führt zur Auflösung der zivilisierten Menschheit und zu Miniatur- und Scheinnationen, die ihren Ehrgeiz auf die Errichtung zweckloser Miniaturautarkien, lächerlicher Miniaturarmeen, geisttötender Rechthaberei, reaktionärer Absperrung durch sinnlose Grenzen richten, ohne dabei gezwungen zu sein, ihre Eigenrechte höheren Prinzipien des Zusammenlebens der Menschheit unterzuordnen. Die Interessen der Nationen liegen nicht im Besitze eigener Staaten. Sie liegen in der Garantie der Freiheit dieser Nationen. Diese Garantie kann aber nur von einer höheren Organisation, einer übernationalen Ordnung ausgehen, der alle Eigeninteressen unterzuordnen sind.

Das Ideal des nationalen Einheitsstaates zerstört die Sicherheit der Welt. Nation und Staat sind nicht identische Begriffe. Staat ist organisierte Macht, Recht, Ordnung. Die Nation aber ist viel mehr. Und man kann eine große Sache nicht in einen kleinen Behälter sperren.

Wohl in der Erkenntnis, daß der Staat immer das kleinere Ding ist als die Nation und jede kräftige Weltordnung sich zuerst auf die größeren, dauerhafteren Bindungen aufzubauen habe, dann erst auf die kleineren, hat sich die sozialistische Bewegung des XIX. und XX. Jahrhunderts eingehend mit dem Problem der Nation beschäftigt. Man muß hinzufügen, daß natürlich nicht nur die theoretische Erwägung das Interesse der Führer des Sozialismus seit Marx in diese Richtung gelenkt hat. Es waren naturgemäß auch praktisch-revolutionäre Überlegungen. Der Nationalitätenstreit innerhalb der polynationalen und polylinguistischen Staaten unter monarchischer Führung bot einen wichtigen Angriffspunkt im Kampf gegen die »Reaktion« und die staatliche Erscheinungsform der »Bourgeoisie«, die bürgerliche Republik.

In jenen Teilen Europas, in denen die ziffernmäßige Stärke des Industrieproletariates im XIX. Jahrhundert nicht so angewachsen war, wie z. B. in England, Deutschland, Frankreich, Belgien usw., stand die Frage der Sozialrevolution nicht im Vordergrund. In all diesen Teilen der Alten Welt, insbesondere im Osten und Südosten Europas, stand zu jener Zeit, in der anderswo die Probleme, die die industrielle Revolution aufgeworfen hatte, dominierten, die nationale Frage im Vordergrund.

Die »Unterdrückten« des Ostens und Südostens Europas waren nicht die Proletarier der Industriebezirke, sondern die »Nationalitäten«, d. h. jene Gruppen von Menschen, deren Muttersprache nicht Staatssprache war, deren Angehörige sich darüber zu beschweren hatten, daß ihnen durch einen Mangel an Erziehungs- und Unterrichtsanstalten der Aufstieg in höhere Berufsklassen und sogar die fachliche Weiterbildung unmöglich gemacht oder wenigstens erschwert werde, jene Gruppe von Menschen, die mit Recht oder Unrecht das Gefühl hatten, daß sie ihrer Muttersprache wegen mit scheelen Augen angesehen werden; die nicht das Gefühl haben konnten, »melior et sanior pars« innerhalb des Staates zu sein.

Die Sozialisten sahen in diesen Gruppen, deren ganzer Charakter mit dem Namen »Minoritäten« oder »Nationalitäten« nicht ganz erfaßt ist, einen wichtigen Abschnitt der großen Front der Weltrevolution, nicht minder wichtig als der »Central-Sektor« der Revolution, des industriellen Proletariats. Für den Sozialismus ist der Begriff der Nation schließlich noch deshalb von besonderer Bedeutung geworden, weil er mit diesen nationalen Gruppen dort, wo sie im Rahmen eines Staates als kleine Eigenkörper oder als Teile von Sprachnationen, deren Hauptmasse außerhalb des Staates siedelt, auf weite Sicht zu rechnen hat. Der dogmatische Sozialismus betrachtet die Schaffung des Staates einer einzigen Klasse, der proletarischen nämlich, als sein Endziel. Wenn er, seiner Vorstellung nach, dieses Ziel auf dem Wege der Revolution und nach einer Periode der »Diktatur des Proletariats« erreicht hat, so ist ihm noch immer nicht die Schaffung des nationslosen Staates gelungen. Der Zukunftsstaat, wie ihn die Sozialisten der zweiten wie der dritten Internationale anstreben, rechnet deshalb mit den »Nationen« als mit bestehenden und in irgendeiner Form bestehen-bleibenden Gemeinschaften.

Aus allen diesen Gründen war es für die Anhänger der marxistischen Lehre überaus wichtig, das Wesen der Nation klar zu erfassen.

Zu Ende des XIX. und zu Anfang des XX. Jahrhunderts war Wien, die alte Hauptstadt der Musik, auch die Metropole des Nationalitätenstreits. Nicht zu Unrecht meinte der wegen seines kaustischen Humors bekannte Graf Eduard Taafe, der von 1868 bis 1870 und ein zweites Mal von 1879 bis 1893 Ministerpräsident der alten Habsburger-Monarchie war, die einzige Methode, diesen vielnationalen Staat zu regieren, bestehe darin, » alle Nationen in einer dauernden aber gleichmäßigen Unzufriedenheit zu halten«. Diese dauernde, aber nicht immer gleichmäßige Unzufriedenheit der Nationen des habsburgischen Staates führte zu Dissonanzen, die im Gehör der Welt die unsterblichen Rhythmen der Walzer von Strauß und Lanner manchmal übertönten.

Die Sozialisten der alten Donaumonarchie waren in nationale Parteien gespalten: Es gab Sozialisten unter der slawischen wie der deutschen Bevölkerung, italienische und ungarische Sozialisten. Und es galt nun, die Grenzen zwischen Sozialismus und Nationalismus irgendwie abzustecken. Von den vielen Theoretikern, die sich um das Problem bemühten, galten Dr. Karl Renner, später Staatskanzler in der ersten Zeit der Republik, und Dr. Otto Bauer, der ideologische Führer des »radikalen Flügels« der II. Internationale, als die führenden Köpfe im Streit um die Theorie der Nation.

Die Definition, die Karl Renner gab, sagte, die Nation sei eine »Gemeinschaft von Menschen, die eine gleiche Art des Denkens und Sprechens haben. Eine kulturelle Gemeinschaft, eine Gruppe zeitgenössischer Menschen, die mit dem Boden nicht verwachsen sind.«

Von dieser Auffassung entfernte sich aber Otto Bauer ganz wesentlich, wenn er meinte, eine Nation sei eine »relative Charaktergemeinschaft«. Unter einer Charaktergemeinschaft wollte Bauer nach seinem eigenen Kommentar den »Komplex der körperlichen und geistigen Merkmale« verstanden wissen, »der eine Nation von der anderen unterscheidet«.

Renners Definition ist besonders bemerkenswert. Er führt als Merkmale der Nation nicht nur eine »gemeinsame Sprache« und eine »gemeinsame Art des Denkens« an, was irgendwie mit dem »Nationalcharakter«, der anderswo zitiert wurde, in Zusammenhang steht. Renner legt Gewicht auf die Feststellung, daß es sich um eine Gemeinschaft zeitgenössischer Menschen handelt. Seine Nation ist demnach weniger eine Nation des »plébiscite de tous les jours« im Sinne Renans. Renan sagte einmal: »Avoir fait des grandes choses ensemble, vouloir en faire – voilà la condition essentielle pour être un peuple.« Diese Feststellung, die sich zwar ganz auf eine »Willensgemeinschaft« beschränkt und deshalb typisch für den Idealzustand einer demokratischen Nation ist, sieht in der Vergangenheit der Nation und in ihrer Zukunft wesentliche Merkmale ihrer Existenz.

Renner leugnet den historischen Zusammenhang. Er sieht die Nation als ein Phänomen unter »zeitgenössischen« Menschen. Die andere interessante Feststellung, die Renner macht, ist die, daß es sich bei einer Nation um eine Gemeinschaft von Menschen handle, die nicht mit dem Boden verbunden sei. Damit bringt er sich in einen direkten Gegensatz zu denjenigen, die gerade in der Gemeinsamkeit des Territoriums ein besonderes Charakteristikum einer Nation sehen. G. D. Romagnose, einer derjenigen, die in Nation und Staat eine Einheit sehen (»La scienza delle constituzioni«, Torino 1849), stellt geradezu fest: »Nido ed abitazione stabile sono condizioni richieste dall'esistanza di uno stato politico. Taluni anzi seguendo l'etimologia, danno ragione della parole ›stato‹ dello ›stare‹ o stabilmente residere su di un dato territorio« (Heimstätte und ständige Wohnung sind grundlegende Bedingungen für die Existenz eines politischen Staates. Einige leiten sogar ethymologisch das Wort »Staat« von »stare« ab, was den ständigen Aufenthalt auf einem bestimmten Territorium bedeutet).

Burke sagt sehr weise und schön: »A nation is not an idea only of local extent and individual momentary aggregation, but it is an idea of continuity which extends in time as well as in numbers and in space« (Burke, works III., 355, cit. by F. X. Moorhouse Millar).

Was will Renner mit seiner Absage an die Geschichte und die feste Siedlung?

Vorerst sah er wohl die Schwierigkeit vor sich, die ideelle Geschichte der Nationen von der materiellen Geschichte der Staaten zu trennen. Er sah die innige Verbundenheit von Religion und Nation in der Frühzeit ihrer Entwicklung, und diese außermateriellen Phänomene wollten sich nicht in sein Konzept, das vom Geiste der materialistischen Geschichtsauffassung getragen war, einfügen. Die stabile Bevölkerung, diejenige, die an den Boden gebunden ist, war für Renner nicht faßbar. Der Bauer Europas ist nicht national im Sinne des XIX. Jahrhunderts. Die Nation der Sozialisten der Richtung Bauers, die liberale Nation der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts, ist revolutionär, sie steht in einem extremen Gegensatz zur traditionsgebundenen und der in ihrem Blickkreis sehr eingeengten Bauernbevölkerung, die traditionell und lokal eingestellt ist. Renners Nation ist so eine Nation der »ruling class« oder derjenigen, die es werden wollen und nach der marxistischen Theorie werden sollen. Karl Marx selbst sieht in jeder Nation den Charakter seiner ruling class verkörpert und meint, die Staaten der Zukunft würden von Charakteren der Klasse des Proletariats repräsentiert werden.

Das Proletariat ist nun aber im Sinne des aus der Welt des liberalen Bürgertums kommenden marxistischen Denkers Renner a) ohne Geschichte, b) nicht an den Boden gebunden. Renners Nation ist wiederum eine Nation im Sinne des Pars pro toto. Eine »Nation exclusive« der Nicht-Bodenständigen und Nicht-Traditionellen gegen die stabilen und konservativen Teile der Gesamtheit.

Renners Theorie sagt uns demnach, was eine Nation in der Welt des Marxismus sein soll – aber sie sagt uns nicht, was eine Nation in Wirklichkeit ist.

Otto Bauers Definition ist viel weiter – aber damit auch viel unbestimmter als die seines Parteifreundes Renner. Wenn die Interpretation Renners die gemeinsame Sprache und die gleiche Art des Denkens in den Vordergrund rückt, so will Bauer offensichtlich in der Sprache keine besonderen Merkmale der Nation sehen. Auch die Bodenständigkeit spielt bei ihm keine Rolle. Er legt sein Hauptgewicht auf die Merkmale, die der Mensch an und in sich trägt, wo immer er sich aufhalten mag. Lediglich der Komplex der geistigen und körperlichen Merkmale scheint ihm von Bedeutung zu sein. Die Geschichte nur insoweit, als sie solche körperliche und geistige Merlanale zu erzeugen vermag.

Was will Otto Bauer mit seiner Nation als Charaktergemeinschaft ohne Sprache, Geschichte, Staat, Religion und Gebräuche, Territorium? Er will genauso wie Renner den Typus einer Nation skizzieren, wie er ihn für sein Weltbild des Marxismus brauchen kann. Er will die Nation – befreit von allen Merkmalen, die irgendwie der Gestaltung seines Idealbildes, des einer sozialistischen Welt, entgegenwirken könnten. Die körperlichen Merkmale, die er gelten läßt, führen ihn aber, wohl unter dem Eindruck der Lehren des deutschen Idealismus, in deren Überlegungen die »Blutsgemeinschaft« der Nation eine große Rolle spielten, in eine bemerkenswerte Nähe zu rassischen Auffassungen. Was können »körperliche Merkmale« anderes sein als Rassenmerkmale?

Hier ist das sozialistische Zukunftsideal in einer bemerkenswerten Nähe zu den Idealen, die Friedrich Ludwig Jahn, der Begründer der deutschen Turnvereine, z. B. verkündete, in denen eine seltsame Vermischung zwischen der Pflege der körperlichen Gewandtheit, militärischer Erziehung und politischer Unduldsamkeit gelehrt wird. Die drei Jahnschen Grundsätze heißen: »Volkseinheit – Rasseneinheit – Geistesfreiheit.« Diese Turnvereine waren eine der wichtigsten Vorschulen des Nationalsozialismus Adolf Hitlers. Schon Goethe hat übrigens einmal gegen diese Bewegung polemisiert, indem er zu Eckermann sagte: »Ich bin den teutschen Turnübungen durchaus nicht abgeneigt. Umsomehr hat es mir leid getan, daß sich sehr bald allerlei Politisches einschlich, sodaß die Behörden sich genötigt sahen, sie zu beschränken oder wohl gar zu verbieten und aufzuheben« (Eckermann, »Gespräche mit Goethe«, 1. Mai 1825).

Wie kommt Otto Bauer, der Jude war, in diese Bezirke? Es gibt gewiß marxistische Autoren, die die Meinung aussprachen, Bauer hätte seine Definition nur deshalb so formuliert, weil er alle Gemeinschaften, auch die Juden, damit charakterisieren konnte. In dem Streit um den Begriff der Nation hat Herzl, der Begründer der zionistischen Bewegung, sich immer auf den Standpunkt gestellt, die Juden seien eine Nation, nicht bloß eine Religionsgemeinschaft. Er sah in dieser Feststellung naturgemäß auch eine gesunde rechtliche Basis für das Verlangen der Zionisten nach einem eigenen Staat. Warum sollte die Parole »Jeder Nation ein Staat« gerade für die Juden nicht gelten? Otto Bauer machte es sich schwer. Die jüdische Frage ist so völlig anders geartet als alle anderen Probleme, die mit dem Phänomen der Nation in Zusammenhang stehen, daß es unmöglich ist, sie mit dem Maß anderer Völker zu messen.

Für die Auffassung, Bauer hätte seine Definition der »Nation« so formuliert, um die Juden nicht extra muros zu lassen, spricht die völlige Negierung des »gemeinsamen Territoriums« als nationales Merkmal – wiewohl die territoriale Ungebundenheit, wie wir gesehen haben, auch anderen Gedankengängen entsprungen sein kann. Noch deutlicher wird die Tendenz dadurch, daß Bauer die Gemeinsamkeit der Sprache nicht betont und damit eine Formel zu finden glaubt, die es möglich macht, die Juden in die allgemeine Definition einzubeziehen. Es ist nun ein charakteristisches Merkmal der Juden, daß sie kein gemeinsames Siedlungsgebiet besitzen und die Sprache der Völker reden, in deren Mitte sie wohnen. Wenn man die Sprache in Betracht zieht, so sind sie jeweils Angehörige der Sprachnation, in deren Rahmen sie leben – also keine eigene Nation.

Von marxistischer Seite wird mit Recht erklärt, daß es Bauer trotz der Weglassung von Sprache und Territorium als Merkmale einer Nation nicht gelungen sei, die Juden in seine Definition einzubeziehen. Man glaubt, daß innerhalb der schwer zu charakterisierenden jüdischen Gemeinschaft durch die verschiedenartigen Lebensumstände, in denen ihre Teile leben, so große Verschiedenheiten entstanden seien, daß man auch von einer »relativen Charaktergemeinschaft« der Juden nicht reden könne (hiezu siehe Peter Wieden in »Die kommunistische Internationale«, Juni 1938). Mit der Feststellung, daß die Nation eine relative Charaktergemeinschaft sei, ist niemandem geholfen.

Man sieht, daß die Marxisten der II. Internationale, die selbst im Zentrum des Nationalitätenkampfes lebten, nicht das Wesen der Nation, wie sie ist, zu umreißen vermochten. Sie sahen das Bild der Nation vor sich, wie sie es haben wollten, wie es in ihre Zukunftsbilder einer sozialistischen Zukunftsgesellschaft hineinpaßte.

Im Rahmen der marxistischen Welt sind Bauers und Renners Definitionen nicht unwidersprochen geblieben.

Nicht lange vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges kam ein russischer Sozialist nach Wien, um hier auf dem klassischen Boden der Nationalitätenkonflikte nationale Fragen zu studieren, die für ein sozialistisches Rußland von morgen von größter Bedeutung sein mußten. Wie in Österreich-Ungarn, so hatte auch das Russische Reich in seinem Inneren Brandstoff nationaler Art angesammelt, der sich bei jeder Katastrophe entflammen konnte. Nicht nur die Polen, Finnen, Litauer, Letten, Esten am Westrande des Reiches drängten nach staatlicher Selbständigkeit; auch im Inneren machten sich unter den Ukrainern, den Kareliern, den Baschkinen, Georgiern u. a. m. nationale Tendenzen bemerkbar. Den Russen, den das Schicksal später für eine große welthistorische Rolle auserkoren hat, reizten die Definitionen der österreichischen Sozialdemokraten zum Widerspruch. Er schrieb in Wien seine Broschüre, in der er sich mit den Meinungen Bauers und Renners auseinandersetzte und seinerseits eine Definition des Begriffs Nation zu geben versuchte. Seine Darstellung verdient unsere Aufmerksamkeit, denn der Autor ist niemand anderer als Josef Stalin (»Le Marxisme et la question nationale et coloniale«, Edition Française, Paris 1937).

Indem er mit Otto Bauer ins Gericht geht, schreibt Stalin: »Also nationale Charaktereigenschaft auf dem Boden einer Schicksalgemeinschaft, außerhalb eines unbedingten Zusammenhangs mit der Gemeinschaft des Territoriums, der Sprache und des Wirtschaftslebens genommen. Was bleibt dann aber von der Nation übrig? Von welcher nationalen Gemeinschaft kann bei Menschen die Rede sein, die wirtschaftlich voneinander getrennt sind, auf verschiedenen Territorien leben und von Generation zu Generation verschiedene Sprachen sprechen?« Und weiter: »Bauer reißt eine unüberbrückbare Kluft zwischen den Unterscheidungsmerkmalen der Nation (dem Nationalcharakter) und den Bedingungen ihres Lebens auf, indem er sie voneinander trennt. Doch was ist denn der Nationalcharakter anderes als die Widerspiegelung der Lebensbedingungen, als ein Niederschlag von Eindrücken, die aus der Umgebung aufgenommen wurden? Wie kann man sich allein auf den Nationalcharakter beschränken und ihn von dem Boden, dem er entwachsen ist, trennen und absondern?«

Man sieht, Stalin ist von der Auffassung der Österreicher weit entfernt. Er sieht in der Nation ein territorial gebundenes, sprachlich einheitliches, historisch begründetes und zudem noch durch das Wirtschaftsleben und seine Gesetze beeinflußbares Wesen. Die Nation ist eine Gemeinschaft, sagt er, nicht einer Rasse, nicht eines Stammes, sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die historisch entstanden ist. Diese Gemeinschaft, so überlegt er weiter, ist nicht eine zufällige Ansammlung und auch keine vorübergehende, sondern eine stabile Gemeinschaft von Menschen. Nicht jede stabile Gemeinschaft von Menschen ist nun aber eine Nation. Dazu bedarf es noch weiterer Merkmale. Eines dieser Merkmale ist die Sprache. Aber es ist nicht notwendig, daß verschiedene Nationen auch verschiedene Sprachen sprechen. Weitere Kennzeichen sind gemeinsames Territorium, Gemeinsamkeit des Wirtschaftslebens und was man Nationalcharakter nennt.

Etwa diesem Gedankenaufbau folgend, kommt Stalin zu seiner Definition, von der P. Rudolf sagt, sie sei die »einzig marxistische« Definition und alle anderen »unmarxistisch, falsch und daher zu bekämpfen« (P. Rudolf: »Zur nationalen Frage in Österreich«, in »Weg und Ziel«, März 1937).

»Die Nation ist eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und einer in der Kulturgemeinschaft zum Ausdruck kommenden psychischen Eigenart. Es versteht sich von selbst, daß die Nation wie jedes historische Phänomen dem Gesetz der Veränderlichkeit unterworfen ist, seine Geschichte hat, einen Anfang und ein Ende.« Später macht Stalin die wichtige Ergänzung: »Es muß hervorgehoben werden, daß keines der angegebenen Merkmale für sich allein genommen zur Begriffsbestimmung der Nation ausreichend ist. Mehr noch: Wenn auch nur eines dieser Merkmale fehlt, hört die Nation auf, Nation zu sein.«

Das Besondere der Interpretation Stalins liegt nicht in der Aufzählung verschiedener Merkmale der Nation, durch die er die Enge, in die Bauer und Renner den Begriff zu manövrieren versuchten, aufreißt und die Hypothese einer gewünschten Nation durch die Realität der existenten Nation ersetzt. Die Aufzählung vieler Merkmale und die Verankerung des Begriffs in Raum und Zeit ist schon vor Stalin oft gegeben worden. Das Besondere seiner Interpretation liegt in der Forderung, daß alle Merkmale, von denen er spricht, zugleich vorhanden sein müssen. »Wenn auch nur eines dieser Merkmale fehlt«, sagt er, »hört die Nation auf, Nation zu sein.« Damit schränkt der Autor die ursprüngliche Weite seiner Interpretation wesentlich ein. Wiewohl er selber sagt, daß die Nation als historisches Phänomen dem Gesetze der Veränderlichkeit unterworfen ist, ihre Geschichte hat »ihren Anfang und ihr Ende«, so erfaßt er durch diese Einschränkung das Phänomen der Nation doch wieder nur in einer bestimmten historischen Lage – in einem bestimmten Lebensalter –, in dem das zutreffen mag, was er verlangt. Aber er faßt wieder nicht die ganze Nation als eine in einem bestimmten Zeitablauf entstehende – wachsende, reifende und verwelkende Gemeinschaft. So wie der Mensch in der frühen Jugend andere Charakterzüge zeigen kann und auch andere körperliche Eigenarten als in der Reife des Mannesalters oder der Abgeklärtheit des Greisenalters, verliert auch die Nation gewisse Merkmale ihrer Jugend, gewinnt andere Merkmale dazu, wenn sie auf dem Weg der Entwicklung fortschreitet, und verliert wieder andere, wenn sie sich ihrer letzten Zeit nähert. Stalin weist ja ausdrücklich darauf hin, daß das Gesetz der Veränderlichkeit auch in der Nation wirksam ist. Warum läßt er es in seiner Definition nicht gelten? Nun ist allerdings einzufügen, daß Stalin zwischen einem Volksstamm und einer Nation einen wesentlichen Unterschied macht. Ein Volksstamm ist nach ihm ein ethnographischer, unhistorischer, eine Nation hingegen ein historischer Begriff. Der Übergang von Volksstamm zu Nation ist nach Stalin erst in den Epochen des aufsteigenden Kapitalismus und des Kampfes gegen den Feudalismus möglich. Die kommunistische Praxis in Rußland gibt uns widersprechende Aufschlüsse über diese Entwicklungsphase. Die Leningrader Akademie zählte im Jahre 1927 auf dem Gebiete der UdSSR nicht weniger als 109 ethnische Gruppen, die ca. 200 verschiedene Sprachen oder Idiome redeten. Ein Jahr später ergab die Volkszählung 182 ethnische Gruppen, die in nur 149 verschiedenen Sprachen redeten. Wenn man nun auch annehmen kann, daß die Zählung an einzelne kleinere Stämme und an deren Sprachen verschiedene Maßstäbe anlegte, so scheint uns doch die Differenz von 72 ethnischen Gruppen und von 50 Sprachen, die zwischen den beiden Zählungen besteht, eine so beträchtliche zu sein, daß man daraus auf eine gewisse Unklarheit schließen kann, die auch unter den russischen Fachleuten darüber herrscht, was eine » ethnische Gruppe« und was eine » eigene Sprache« ist. Sprache und ethnische Differenzierung sind nun aber, von welchem Gesichtspunkt man sie auch betrachten mag, ganz wesentliche Merkmale einer menschlichen Gemeinschaft. Wenn schon über diese primitivsten und relativ leicht charakterisierbaren Merkmale Unklarheit herrscht – wie groß muß die Verwirrung erst später in einem hochentwickelten und in tausend Farben schillernden Organismus sein, wie es eine Nation ist?

Bei einem Großteil der 182 oder 109 ethnischen Gruppen und der 200 oder 149 Sprachgemeinschaften, über deren Existenz die Statistik berichtet, handelt es sich offenbar um unhistorische Gruppen, um Volksstämme in pränatalem Zustand. Nach Stalin erfolgt die Umwandlung solcher Körper in Nationen in der Epoche des Frühkapitalismus und im Kampf gegen den Feudalismus. Können nun diese pränatalen Gruppen Rußlands je zu einer Nation werden, da doch ein Frühkapitalismus oder ein Kampf gegen den Feudalismus in Rußland nicht zu erwarten ist? Wenn es richtig ist, daß die Zahl der Volksstämme zunimmt – wie der Vergleich der beiden Zählungsergebnisse beweisen könnte –, dann wäre ein historischer Prozeß, ein Prozeß der Nationwerdung innerhalb von Rußland nicht zu bestreiten. Die russische Bevölkerung lebt nun aber nicht in einer Epoche des aufsteigenden Kapitalismus, sondern im Rahmen einer klassenlosen Gesellschaft. Daraus müßte man schließen, daß der Prozeß der Nationwerdung nicht konditionell mit Wirtschaftsentwicklungen zusammenhängt, sondern auf andere Veranlassungen zurückzuführen ist.

Und das ist richtig. Rußland steht unserer Meinung nach erst am Anfang seiner nationalen Entwicklung. Das ohne Zweifel ungeheure Kulturwerk, das das Sowjetregime innerhalb der kleinen Völkerschaften durch die Verbreitung allgemeiner Elementarbildung vollbracht hat, wird sich in der näheren Zukunft in einer Richtung auszuwirken beginnen, die das Gesicht des Russischen Reiches – wer immer es regieren mag – wesentlich verändern wird.

Von den Versuchen, das Wesen der Nation zu erklären, auf die wir hier einen kurzen Blick getan haben, scheint uns kein einziger gelungen zu sein.

Alle die Denker und Politiker, die die Nation erklären wollten, ähneln dem aller Welt bekannten Zirkus-Clown, der die Absicht hat, viele Pakete auf den Arm zu nehmen und immer wieder, wenn er ein neues aufnehmen will, ein anderes verliert.

Gibt es eine Methode, alle Pakete auf einmal aufzunehmen und der Welt zu sagen, was das, wovon sie täglich redet, wofür sie ihre blühendsten Menschenleben auf den Schlachtfeldern sterben läßt, eigentlich ist?

Gibt es eine Methode zur klaren Erkenntnis der Nation?

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