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Vom Wesen der Nation

Guido Zernatto: Vom Wesen der Nation - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
authorGuido Zernatto
titleVom Wesen der Nation
publisherAdolf Holzhausens Nachfolger
editorWolf in der Maur
year1966
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141120
projectid35f7bdd3
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Die gemeinsame Sprache

Menschen, die einander verstehen können, d. h. Menschen, die eine und dieselbe Sprache sprechen, gehören auf die natürlichste Weise zueinander. Sie sind nicht durch einen Willensakt, durch einen Vertrag zusammengekommen. Sie haben niemals einen Beschluß gefaßt, gemeinsam etwas zu tun. Sie gehören einfach zueinander, weil sie in einen und denselben Sprachkörper hineingeboren wurden.

In eine Sprache wird man hineingeboren wie in eine Familie und wie in eine Zeit. Genauso wenig, wie man sich seine Eltern auswählen kann oder die Zeit, in der man zu leben hat – genauso wenig kann man seine Sprache wählen. Jeder Mensch erhält eine Sprache zugeteilt, bevor er noch die geistige Fähigkeit besitzt, Entscheidungen zu treffen. Wenn er diese Fähigkeit erworben hat, ist er bereits ein »Gezeichneter«, besitzt er bereits eine Muttersprache, die ihn dazu zwingt, in einer ganz bestimmten Art zu reden und zu denken.

Die Sprache ist wie eine eiserne Rüstung. Wenn der Mensch zum vollen Gebrauch seiner Vernunft gelangt ist, steckt er bereits in dieser Rüstung. Er kann sich nur so bewegen, wie es die Konstruktion dieser Rüstung zuläßt.

Die Sprache ist mehr als ein Verständigungsmittel, sie ist mehr als ein Werkzeug. Sie ist mehr als ein Instrument, durch dessen Gebrauch Konversationen ermöglicht werden. Und sie ist auch mehr als ein bloßes Lagerhaus für abgelegte Bildungsgüter. Sie besteht nicht aus Vokabular und Grammatik allein. Sie ist über ein Sprechsystem hinaus auch ein Denksystem, in ihr liegt eine Welt vorgedachter Gedanken, vorempfundener Gefühle, vorgewußter Erfahrungen.

»Wenn ich rede«, sagte der österreichische Dichter Hugo von Hofmannsthal einmal, »reden zehntausend Tote mit!« Diese Mitredenden sind die lange Reihe derer, die die gleiche Sprache, die wir sprechen, vor uns benutzt haben, sie mit- und umgeschaffen haben, indem sie in ihr eine Unzahl von Gedanken vordachten, alle möglichen Gefühle vorempfanden und die Lebenserfahrungen sehr langer Zeitläufe für uns vorerfuhren.

Diese Sprachahnen sind nicht wirkliche Ahnen. Sie sind nicht schlechthin Vorfahren im Sinne der blutmäßigen Herkunft. Goethe sagte einmal: »Worte sind der Seele Bild.« Die Worte einer Sprache, ihr ganzer Wortschatz sind das Bild der Seelen aller jener, die die Sprache vor uns gesprochen haben.

Die Einheit zwischen dem Denken und der Sprache brachte Herder einmal zum Ausdruck: »Ein Volk hat keine Idee, zu der es nicht ein Wort hat.« Dieser Satz gilt auch in der Umkehrung: Keine Sprache hat ein Wort, in dem nicht eine ganze Idee ruhte. Eine Idee, geformt aus dem Geist der Sprachseele, der Rüstung, die jeden von uns umgibt.

An der geistigen Rüstung, in der wir leben, haben alle mitkonstruiert, mitgedacht, mitempfunden und miterfahren, bis sie so wurde, wie sie ist. Und alle lebenden Massen und Eliten denken, erfahren, empfinden nun in der Art, wie sie uns durch die Sprache zusteht, im Rahmen eines in allen Sprachen großartigen Systems, an dem wir im Laufe einer Generation nur verschwindend wenig zu ändern vermögen.

Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß es nur die Eliten sind, die sprachschöpferisch wirken. Die Eliten sprechen und schreiben ein »Patois der Großen«, einen Slang, den man nur in wenigen Revieren der Gesellschaft versteht. Die »Dichter und Denker« sind mit einer Art von Veredelungsindustrie für die Sprache beschäftigt. Sie hobeln und feilen, malen und lackieren und liefern die Verpackung. Aber sie schaffen die Sprache nicht um. Das Bergwerk, aus dessen unerschöpflichen Minen eine Sprache ewig erneuert, ergänzt und weiterentwickelt wird, sind vor allem die Massen. So, wie sich jede menschliche Gemeinschaft von unten herauf und nicht von oben herab erneuert.

Jeder Mensch hat nur eine Muttersprache. Auch wenn man mehrere Sprachen beherrscht, bleibt eine die Maßgebende. Das ist die, mit der der einzelne einer »Sprachseele« angehört. In dieser Sprache ist er. Die anderen Sprachen kann er oder ahmt diejenigen nach, die sie als Muttersprache besitzen. Eine Anekdote berichtet, daß Karl V. einmal zu Franz I. von Frankreich gesagt habe: »Mit meinem Gott spreche ich lateinisch, mit meiner Familie spreche ich spanisch, mit meinem Klerus italienisch, mit meinen Diplomaten französisch, mit meinen Feldherrn deutsch und mit meinen Pferden ungarisch.« Er besaß ein Weltreich, doch nur eine Muttersprache.

Auch wer seinen Sprachkörper völlig verläßt und in einen anderen einwandert, bleibt seiner Muttersprache verbunden. Auch wenn er nach seiner Auswanderung kein Wort aus ihrem Sprachschatz mehr über die Lippen brächte. Von seiner Muttersprache bleibt jedem unfehlbar ein Akzent. Es wird nicht immer ein hörbarer Akzent sein. Der läßt sich abschleifen.

Das, was hier gemeint ist, ist ein geistiger Akzent. Hamann sagte einmal: »Tüchtige Autoren, die in ihrer Muttersprache schreiben, haben über diese das Recht der Ehemänner; wogegen die in einer fremden Sprache Schreibenden den Launen derselben wie die Liebhaber denen ihrer Gebieterinnen sich fügen müssen.«

Dem Auswanderer bleibt derselbe Akzent, den wir vernehmen, wenn wir Goethes »Faust« in englischer Sprache lesen oder ein Buch von Dickens in französischer oder etwa Molière in polnischer Sprache.

Wir wissen, daß wörtliche Übersetzungen von einer Sprache in die andere in der Regel »nichtssagend« sind. Wir wissen, daß die meisterlichste freie Übersetzung von dem Text, der in der Originalsprache alles sagt, abirren muß, um das, was der Originaltext sagt, nachzuahmen. Letzten Endes ist kein Text ganz übersetzbar, d. h. völlig gleichsinnig wiederzugeben. Die Vollendung der Übersetzung liegt immer auf der Linie der Ähnlichkeit – nie auf der Ebene der Identität.

Ist diese allgemein bekannte Tatsache nicht ein schlagender Beweis für die Richtigkeit der Erkenntnis, daß jeder Mensch nur eine Muttersprache besitzen und ihr – auch wenn er ihr Vokabular meidet – niemals entfliehen kann?

Wer aus seiner Sprache aus- und in die Bereiche einer anderen einwandert, kann in der neuen Umgebung nie anders als ein Fremder sein. Vielleicht ein sehr gut verkleideter. Aber doch ein Fremder. Er ist ein Flüchtling, dem man in einem neuen Reich Asyl gewährt. Für seine früheren Sprachgenossen ist er wahrscheinlich ein Renegat. Erst seine Kinder und Kindeskinder haben Zugang zur Seele der neuen Sprache.

Sprachenwechsel ist weder eine Frage des Entschlusses noch eine Frage des Zwanges. Sprach Wechsel ist eine Frage der Zeit. Der einzelne wählt eine neue Sprache niemals für sich. Er tut es für seine Nachkommenschaft. Er hat das Recht der Wahl; aber erst seine Kinder und Kindeskinder erlangen die Möglichkeit des wirklichen Besitzes. Erst sie tragen die Rüstung, die die Sprachahnen der neuen Welt geschaffen haben.

Unter dem Eindruck der Erfolge der vergleichenden Sprachwissenschaften ist man sonderbarerweise sehr allgemein in den Irrtum verfallen, anzunehmen, daß der Entwicklungsweg einer Sprache identisch sei mit dem Entwicklungsweg einer ethnischen Gemeinschaft. Man verwechselte Sprachahnen mit wirklichen Vorfahren.

Sprache und Volk sind zwei verschiedene Dinge. Eine Sprachgemeinschaft ist weder mit einer Abstammungsgemeinschaft noch mit einer Gemeinschaft gemeinsamer Geschichte, Religion, Kultur, Sitte identisch und natürlich schon gar nicht mit einer Staatsgemeinschaft. Durch eine Sprache vermögen viele Völker verschiedener Herkunft hindurchzugehen, wie der Wind durch ein Tal.

Die Geschichte bietet zahlreiche Beispiele der Einbeziehung ganz verschiedenartiger Abstammungsgemeinschaften in ein und derselben Sprache. Die Bulgaren, deren ethnischer Kern tatarisch ist, sprechen eine slawische Sprache; zahlreiche Völkerschaften Rußlands nähern sich unter dem Eindruck der Kollektivisierung des ungeheuren Landes der slawischen Sprache, obwohl ihre ethnischen Vorfahren den tatarischen, kosakischen, kirgisischen und tscherkessischen Sprachstämmen angehörten. Die Indianer der beiden Amerikas sprechen weit mehr spanisch, portugiesisch, englisch als ihre alten Sprachen. Die Bewohner der USA mit englischer Muttersprache sind nur eine Minorität – nach Abkömmlingen der angelsächsischen Stämme; zahlreiche Menschen englischer Muttersprache sind keltischen Stammes usw.

Wenn ein Forscher künftiger Jahrhunderte nach dem Schema der Identität zwischen Volkstum und Sprache vorgehen sollte, würde er aus solcher Annahme scharfsinnig zu schließen haben, daß die latein-amerikanischen Staaten nach völliger Vernichtung der Vorbevölkerung von Spaniern und Portugiesen besiedelt worden seien, und ein später Nachkomme eines indianischen Stammes würde dann für die Schulbücher seiner Zeit zu schreiben haben: »Unsere Vorfahren waren bleichgesichtige Spanier, die aus Europa herüberkamen.«

Die Gleichsetzung von Sprachabstammung und Volksabstammung, einer der bedeutendsten historischen Irrtümer des XIX. Jahrhunderts, hatte mehrere Veranlassungen: Die exakte Erforschung der Volksherkunft stieß überall, wo man sie auch betrieb, auf unübersteigbare Hindernisse. Dort, wo unsere geschriebenen Geschichtsquellen aufhören, liegt alles im Dunkel. Lag es da nicht nahe, auf dem Forschungsweg in die unbekannte Vergangenheit das schwerfällige Ochsengespann der Abstammungsforschung zu verlassen, um sich auf das leichte Gefährt der Sprachforschung zu schwingen, das auf seine Weise einen bequemen Weg bis zu einem indogermanischen Urvolk zu haben schien?

Am Ende des XVIII. Jahrhunderts gewann man in Europa eine intimere Kenntnis der indischen Geschichte und stellte die Verwandtschaft zwischen der »Sprache« der weißhäutigen Völkerschaften, die zwischen den Jahren 2000 und 1000 v. Chr. vom Norden kommend Indien erobert hatten, und den Sprachen der meisten europäischen Völkerschaften fest. Alle Sprachen, die sich aus dem indogermanischen Stamm herleiten, nennt man arische Sprachen, die Angehörigen dieser Sprachstämme Arier (was soviel bedeutet wie: ein Mann edler Abkunft).

Von der Existenz einer arischen Sprachfamilie schloß man auf die Existenz einer arischen Rassenfamilie.

Sprachforschung kann nun aber nicht mit ethnologischer Forschung gleichgesetzt werden. Sprachforschung und Kulturforschung sind zwei verwandte Zweige. Sprachforschung und Abstammungsforschung verlaufen nur in sehr bedingter Weise parallel. Man denke an die großen Sprachveränderungen unserer Zeit: Zu welchen Ergebnissen müßte ein künftiger Forscher gelangen, der im XIX. und XX. Jahrhundert eine englischsprachige Negerkultur im Norden von Amerika entdecken wird, wenn er keine historischen Zeugnisse über die Art hätte, wie diese Neger nach den Vereinigten Staaten gelangt sind?

Bin zweiter gefühlsmäßig verständlicher Zug: Im XIX. Jahrhundert sehnte man sich danach, die abendländische Kultur als eine eigene, von orientalischen Quellen unbeeinflußte Leistung ansehen zu können. Man lebte sich in ein ptolomäisches Weltbild der indogermanischen Völkerfamilie hinein. Die Wissenschaft machte offenbar der menschlichen Eitelkeit eine Konzession: Man postulierte mit der Gleichsetzung von Sprachforschung und Volksforschung das Recht der freien Selbstbestimmung der eigenen Vorfahren.

Man zählt heute unter der Menschheit ein- bis zweitausend verschiedene Sprachen. Eine exakte Ziffer wird niemals zu geben sein, weil es unklar bleiben wird, wo man die Grenze zwischen Sprache und Dialekt anzusetzen hat.

Von der ungeheuerlichen großen Zahl der menschlichen Sprachen gehören etwa fünfzig zur arischen Sprachfamilie, die man in zwei Hauptgruppen teilt: Nach der Vertretung der Gaumenlaute k, kh, g, gh, durch Zisch- oder Verschlußlaute, nennt man unter Verwendung des Wortes für die Zahl hundert (iranisch: satem; lateinisch: kentum) die eine Gruppe Satemsprachen und die zweite Grup pe Kentumsprachen.

  Indogermanisch
Satemsprachen Kentumsprachen
Indisch
Iranisch
Armenisch
Illyrisch
Slawisch
Baltisch
Hellenisch
Romanisch
Keltisch
Germanisch
Hauptgruppe: Keltisch
Untergruppe: Gaelisch Cymric
Sprachen: Irisch
Highland Scotch
Welsh
Low-Breton
Hauptgruppe: Romanisch
Untergruppe: Gaelisch Cymric
Sprachen: Französisch (Wallonisch)
Italienisch
Spanisch (Katalanisch)
Provençal
Portugiesisch (Brasileiro)
Romanisch (Ladinisch)
Rumänisch
Hauptgruppe: Germanisch
Untergruppe: Skandinavisch Germanisch
Sprachen: Schwedisch
Dänisch(Norwegisch)
Isländisch
Hochdeutsch (Schweizerisch und österreichisch)
Niederdeutsch
Holländisch (Flämisch)
Friesisch
Englisch
Hauptgruppe: Slawisch
Untergruppe: Westslawisch Südslawisch Ostslawisch
Sprachen: Polnisch (Kassubisch)
Tschechisch (Slowakisch)
Serbisch
Serbokroatisch
Slowenisch
Russisch (Großrussisch, Weißrussisch)
Ruthenisch
Bulgarisch
Hauptgruppe: Hellenisch Illyrisch
Sprachen: Griechisch Albanisch
Hauptgruppe: Finnisch-ugrisch Tatarisch Baskisch
Sprachen: Magyarisch
Samojed
Türkisch
Leghian
Circassian
Baskisch
Enshara
Hauptgruppe: Indisch
Sprache:

Gypsy

Aus dieser Übersicht ergibt sich auf den ersten Blick, daß zwischen Sprache und Nation kein Identitätsverhältnis besteht: Von den Angehörigen der noch lebenden keltischen Sprachen gehören die Schotten, die Walliser zur englischen Nation, nur die Iren haben einen starken, in der Vergangenheit der keltischen Sprache verwurzelten Nationalismus bewahrt.

Von den Franzosen gehören Teile zur belgischen, andere zur schweizerischen Nation; die Franzosen Kanadas entwickelten offenbar in der jüngsten Vergangenheit ein eigenes Nationalgefühl. Ähnliches gilt von den Italienern der beiden Amerikas, die ihre Muttersprache auch in anderssprachiger Umgebung erhalten haben.

Die spanische Sprache ist, wie die englische, heute gemeinsamer Besitz vieler Nationen. Portugiesisch ist die gemeinsame Sprache der portugiesischen wie der brasilianischen Nation (das Brasileiro weicht nur sehr wenig vom kontinentalen Portugiesisch ab). Die Angehörigen des romanischen (ladinischen) Sprachkörpers sind teils Schweizer, teils Italiener. Dänen und Norweger teilen dieselbe Sprache mit geringfügigen Abweichungen. Innerhalb des deutschen Nationalkörpers leben Angehörige der hochdeutschen und der niederdeutschen Sprachen. Ein Mann aus dem Norden Deutschlands kann einen Bauern aus den Alpen nicht verstehen. Sie verstehen nur beide die gleiche Schrift, nicht die Sprache. Wenn sie sich vollkommen verständigen wollen, müssen sie schreiben. Der Niederdeutsche versteht wahrscheinlich einen Holländer besser als einen Bayern, obwohl der Bayer derselben Nation angehört wie der Niederdeutsche, der Holländer aber seiner eigenen Nation. Ein Friese wieder, der auch dem deutschen Nationalkörper zugehört, wird die englische Sprache wahrscheinlich heimatlicher empfinden als das Deutsch eines Berners, der der schweizerischen Nation angehört. Der Engländer teilt mit dem Amerikaner seine Sprache. Tschechen und Slowaken sprechen (mit geringen Abweichungen, die sich abzuschleifen scheinen) dieselbe Sprache. Aber die Slowaken reklamieren für sich eine eigene Nation. Serben und Kroaten, zwei ausgeprägte Nationalkörper, haben dieselbe Sprache. Vor ihrer Germanisierung sprachen die Preußen eine Sprache, die den lettischen Sprachstämmen angehört – und repräsentieren doch den Superlativ des deutschen Nationalismus.

Aus all diesen Beispielen ist zu entnehmen, daß Sprache und Nation nicht gleichgeschaltet werden können. Wie Kultur, wir sagten es schon, der größere Begriff ist als die Sprache – und keinesfalls mit ihr identisch –, so ist die Sprache ihrerseits der größere Begriff als die Nation und Nation der größere als der Staat.

Sprachen mit wenigen Angehörigen schienen im XIX. Jahrhundert der Auflösung preisgegeben zu sein. Man hörte – und man hört bisweilen auch heute – die Meinung, daß die moderne Zeit mit ihren Verkehrsmitteln und Verständigungsmitteln die großen Sprachen immer mehr mit der Fähigkeit ausstatten werde, kleine Sprachen aufzusaugen. Man stellte sich vor, daß unter den Sprachen eine Bewegung einsetzen werde, wie sie auf anderem Gebiet die Industrialisierung darstellt. So, wie der kleine Handwerker durch die Industrie, der kleine Geschäftsmann durch das Warenhaus ihre Lebensmöglichkeit oder gar ihre Existenzberechtigung verlieren müssen, so stellte man es sich auf dem Gebiete der Sprache vor. Die Großsprachen würden die kleinen Sprachgemeinschaften aufsaugen. Man hat sich ja auch auf dem Gebiet des Staatslebens den gleichen Entwicklungsprozeß zum Vorbild genommen. Der Imperialismus schien die politische Form dieses allgemeinen »Vergrößerungsprozesses« zu sein.

Wir haben nun festzustellen, daß die Zeit der Riesenindustrie den Handwerker ebensowenig vom Schauplatz des Wirtschaftslebens vertrieben hat wie das Warenhaus den Kleinkaufmann. Die Großstaaten haben die Kleinstaaten nicht vernichtet: Im Gegenteil, in allen Imperien machen sich starke Tendenzen zu Autonomisierung ihrer Teilgebiete und Verwaltungseinheiten bemerkbar, die, wenn auch nicht völlige Auflösung der großen Einheit, so doch ihre Umbildung zu Föderativkörpern anstreben. Die alle Jahrhunderte wenigstens einmal bestrittenen Lebensrechte von Kleinstaaten werden letzten Endes doch immer wieder bekräftigt.

Seit der Umwandlung der lateinischen Sprache aus einer lebenden zu einer liturgischen und Gelehrtensprache ist in Europa keine Sprache völlig verschwunden.

Die keltischen Sprachen – so oft totgesagt – sind immer noch lebendig, ja das Irische hat geradezu ein zweites Leben begonnen. Es gibt In England heute – genauso wie im XIX. Jahrhundert – Leute, denen das Herz aufgeht, wenn sie ihr Schottisch und ihr Welsh hören oder reden können. Die bretonische Sprache in Frankreich ist trotz der enormen Verbreitung des französischen Zeitungswesens, der französischen Literatur, des Tonfilms und Radios am Leben geblieben, ebenso wie sich in den pyrenäischen Bergen die sonderbare Sprache der Basken, eingeklemmt zwischen dem spanischen und französischen Sprachgebiet, erhalten hat. Es ist schwer festzustellen, wo die Grenze zwischen Sprache und Dialekt liegt, aber die Argumente derer, die auch heute noch das Katatonische für eine eigene, von der spanischen verschiedene Sprache ansehen, klingen bestechend. Die kleine Gemeinschaft der Ladiner, zwischen italienischem und deutschem Sprachgebiet an die Hochgebirge der Alpen gepreßt, lebt noch, ja, es feierte durch die Anerkennung des Romanischen als vierte schweizerische Landessprache (Grischun) eine kleine Auferstehung. Die isländische Sprache, von einem winzigen Kreis gepflegt, lebt. Das Plattdeutsche lebt in Deutschland, und das Schweizerdeutsch entfernt sich von der hochdeutschen Sprache immer mehr. Das kleine slawische Volk der Slowenen, mit kaum mehr als einer Million Sprachzugehörigen, hat seine slowenische Universität in Ljubljana. Von den baltischen Sprachen ist bis auf das Preußische keine verschwunden. Das Illyrische lebt in den Bergen von Albanien, und es steht nicht zu erwarten, daß diese Sprache in der nächsten Zeit verschwinden wird. Die magyarische Sprache lebt seit mehr als tausend Jahren im Karpatenbogen, eingeengt von Slawen, Rumänen und Deutschen. Und – das Sonderbarste alles Sonderbaren: Es gibt noch eine indische Sprache, die der Zigeuner, in Europa. Sie hat sogar vor einiger Zeit ihr erstes Gesetzbuch, eine Grammatik, erhalten.

Daß der Gedanke des nationalen Einheitsstaates eine belebende Wirkung auf die kleinen Sprachen ausgeübt hat, ist nicht zu verkennen. In diesem Sinn hat er trotz aller Anklagen, die wir sonst gegen ihn zu erheben haben, positiv gewirkt.

Unvergleichlich bedeutender als der belebende Einfluß der Nationalstaatsidee war für die Sprache der sprachkonservierende Einfluß der Religion. »If it were not for the Bible and Common Prayer Book in the vulgär tongue«, sagt Jonathan Swift (Letter Dedicatory to the Earl of Oxford), »we should hardly be able to understand anything that was written among us a hundred years ago; which is certainly true: for those books being perpetually read in Churches have proved a kind of Standard for language, especially to the common people.«

Das gleiche gilt für Luthers deutsche Bibelübersetzung (die nicht die erste deutsche Bibelübersetzung war) und für die heiligen Bücher innerhalb anderer Sprachkreise. Die katholische Kirche vertritt, obwohl sie eine einheitliche Kirchensprache besitzt, absolut das Recht, das Wort Gottes in der eigenen Sprache zu hören. Der Verkehr der katholischen Kirche mit Gott erfolgt übernational, in lateinischer, aber die Aussprache des einzelnen Katholiken mit seinem Gott national, in seiner Muttersprache.

Damit ist gezeigt, daß auch unsere Zeit keine sprachvernichtenden, sondern viel eher sprachverhaltende Tendenzen an den Tag legt. Die Sprachpolitik der Sowjetunion ist vielleicht der sprechendste Beweis dafür. Tschitscherin, einer der ersten Volkskommissäre, die auf diesem Gebiet gearbeitet haben, sagte einmal zu einem Besucher: »Wir haben unendlich viel zu tun, denn wir müssen unzähligen Sprachen, von deren Existenz ich vorher nie etwas gewußt habe, eine Grammatik liefern.«

Die Grammatik ist ein Taufgeschenk für eine junge, nicht eine Medizin für eine sterbende Sprache.

Die Einführung einer Welteinheitssprache war das Ideal des XIX. Jahrhunderts, das in der Sprachvielfalt der Menschheit ein Hindernis für den internationalen Handel und überhaupt eine reaktionäre Sache sah. Wenn es möglich ist, einen Weltpostverein zu schaffen, Münz- und Währungsunionen, Zollvereine, warum sollte es da – so lautet die Überlegung – nicht auch eine Welteinheitssprache geben?

Diese Überlegung ist das typische Beispiel einer hoffnungslosen Vermischung artverschiedener Begriffe. Ein Welteinheits staat wäre theoretisch denkbar, so wie ein Weltpostverein. Eine Weltwirtschaft ist möglich.

Aber eine Welteinheitssprache ist ebenso undenkbar wie eine Welteinheitsnation.

Ein Vergleich mit der lateinischen Sprache, von der er heißt: »Patriam fecisti diversis gentibus unam« (Du hast verschiedenen Völkern ein gemeinsames Vaterland geschaffen), ist nicht möglich. Die lateinische Sprache war eine übernationale Elitesprache und das nur wegen ihres überbordenden Kulturinhaltes.

Eine künstliche Welteinheitssprache aber wäre ein leeres Ding. Ihr fehlte jeder Sinn. Unsere Kultur ist das Produkt der Arbeitsgänge verschiedener Sprachen, verschiedener Nationen. Die Welteinheitssprache als Ausdrucksform dieser Kultur ist ein Homunkulus. Unsere Nachfahren werden in den Bibliotheken aus unserer Zeit die gedruckten Reste des Volapüks und des Esperantos finden. Sie werden sie mit ähnlichen Gefühlen lesen, wie wir die Vorschriften und Rezepturen der Alchimisten lesen, die das Gold aus der Retorte zaubern und den Stein der Weisen finden wollten.

Das wahrhaft Große unserer Zeit liegt in der vollkommenen Möglichkeit, den lebendigen Geist unserer Kultur in Schichten zu tragen, denen bisher jeder Zugang zu den Gütern der Bildung und der Kunst verschlossen war. Diese positive Seite der Kollektivisierung des Lebens muß jedem Individualisten mit dem Geist der Zeit versöhnen.

Eine Frage freilich: Wird unsere Zeit sich als Pädagogin bewähren? Besteht nicht die Gefahr, daß wir – noch irgendwie im Taumel des XIX. Jahrhunderts befangen – Bildungsvermittlung mit Vielwisserei verwechseln? »Information please« und Quiz ist kein Bildungsideal. Mit dem Ideal der Vielwisserei erzieht man Dilettanten, die letzten Endes nichts wirklich wissen. Gebildet ist nicht der, der am meisten weiß. Gebildet ist der, der das, was er sagt, auch versteht.

Wie immer: Der Zugang, der einzige Zugang der breiten Schichten des Volkes zu den Gütern der Kultur ist die Sprache. In den Zeiten der Kollektivisierung, die in der Zukunft – wenn unsere Kultur erhalten bleibt – immer vollkommenere Formen annehmen wird, muß die Bedeutung der Sprache zunehmen.

Max Weber (»Wirtschaft und Gesellschaft«) hat das in noch weiterem Sinn ganz klar gesehen und formuliert: »Die Bedeutung der Sprache ist in notwendigem Steigen begriffen, parallel mit der Demokratisierung von Staat, Gesellschaft und Kultur. Denn gerade für die Massen spielt die Sprache schon rein ökonomisch eine entscheidendere Rolle als für den Besitzenden bürgerlichen Gepräges, der wenigstens in Sprachgebieten gleichartiger Kulturen meist die fremde Sprache spricht, während der Kleinbürger und Proletarier Im fremden Sprachgebiet ungleich stärker auf den Zusammenhalt mit Gleichsprachigen angewiesen ist. Und dann vor allem: Die Sprache, das heißt, die auf ihr aufgebaute Kultur, ist das erste und ziemlich das einzige Kulturgut, welches den Massen beim Aufstieg zur Teilnahme an der Kultur zugänglich wird.«

Man täusche sich nicht: Presse, Literatur, Radio, Tonfilm sind nicht Einrichtungen zur Aufhebung der Spracheigenart. Sie sind Mittel zur Spracherhaltung und der Steigerung der Bedeutung der Sprache. Wir leben vom Standpunkt der Sprache aus gesehen nationaleren Zeiten entgegen. Nicht internationaleren.

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