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Vom Strande des Lebens

Otto Ernst: Vom Strande des Lebens - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
booktitleVom Strande des Lebens
authorOtto Ernst
year1908
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleVom Strande des Lebens
pages1
created20020712
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1908
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An die Zeitknicker.

Ich war ehemals Beamter. Beamte, Soldaten, Schüler und dergleichen pflegen gegen den Morgen hin am schönsten und innigsten zu schlafen. Es bleiben ihnen daher für den dornigen Weg zur Tagespflicht nur die unumgänglich notwendigen Minuten und Sekunden. Meinen Weg zur Pflicht kreuzte damals an einer bestimmten Stelle eine Straßenbahn, und auf diese Bahn setzte ich immer und immer wieder die letzte Hoffnung eines gewissenhaften Beamten, der gern schläft und doch rechtzeitig zum Dienst kommen möchte.

Die Polizei hatte damals die Verfügung getroffen, daß die Trambahnen nicht wie früher nach, sondern vor Kreuzung einer Straße zu halten hätten. Wer die gekreuzte Straße heraufkam, wußte daher nicht, ob ein Wagen in der Nähe sei; wenn er ihn aber sah, dann war's zu spät. Das heißt, ich, ich wußte es ganz genau, daß die Tram hinter der Ecke lauerte, wenn ich die lange Humboldtstraße heraufkeuchte. Deutlich sah ich sie im Geist, wie sie horchend dastand, mit tückisch funkelnden Laternengläsern. Jetzt – jetzt hatte ich nur noch eine Minute bis zur Ecke, dann –

»Bing, bing, bing, bing!« Und siehe da: mit festlichem Geläute fuhr sie dahin und spuckte Feuer vor Vergnügen.

Es ging mir ja immer und überall so. In unsern großen Postämtern gibt es viele Schalter, damit das Publikum schnell abgefertigt werden könne, z. B. drei oder vier Schalter für Postanweisungen! Sie sind allerdings immer bis auf einen geschlossen, und vor diesem einen pflegt sich eine größere Volksmenge zu stauen. Wenn ich eine Postanweisung oder einen Einschreibebrief anbringen wollte, so pflegte ich an fünfundzwanzigster, vielleicht auch einmal an vierundzwanzigster Stelle Aussicht aufs Drankommen zu haben, und sicher war unter meinen glücklicheren Vorgängern der Bote eines Geschäfts, das heute siebenundfünfzig Einschreibesendungen eintragen ließ, und mit tödlicher Sicherheit klappte der Beamte, sobald die Reihe an mich kam, den Schalter zu, um erst eine größere und schwierigere Addition vorzunehmen, einen statistischen Jahresbericht zu machen oder sonst dergleichen.

In allen diesen Zufällen lag eine Absicht, das war mir klar. Es ging mir ja genau so bei Steuerkassen, bei polizeilichen und militärischen Meldungen, bei meinen jährlichen Besuchen auf dem Standesamt. Wenn ich ein Kind anmelden wollte, dann hatte alle Welt Kinder gekriegt oder wollte eine dahinzielende Verbindung eingehen. Wenn ich eine Eisenbahnstrecke befahren wollte, wo die Züge stündlich verkehren, so erwischte ich regelmäßig den Zug, der achtundfünfzig Minuten nach meinem Eintreffen auf dem Bahnhof abzugehen bestimmt war usw. usw.

Ich wurde verbittert. Als gerecht empfindender Mensch konnte ich ja nicht leugnen, daß ich auch schon einmal eine Trambahn rechtzeitig erreicht hatte, daß ich auch schon einmal allein am Postschalter gestanden hatte; aber das geschah so lächerlich selten, daß aus solchen Zufällen die Perfidie, die heimtückische Absicht des Schicksals, mich zu foppen, erst recht deutlich erkennbar wurde; solche Glücksfälle gewannen mir denn auch nur ein Lachen bittersten Hohnes ab.

Mein Zustand wurde bedenklich; mein Sinn umdüsterte sich mehr und mehr; ich drohte mit dem Leben zu zerfallen; es erschien mir endlich wie ein einziger verfehlter Anschluß.

Ich dachte, ich sann, ich grübelte, wie dieser immerwährenden Pein zu entrinnen wäre.

Und siehe, mir kam ein Einfall von verblüffender Genialität. Wie, dachte ich, wenn du am Abend zehn Minuten früher zu Bett gingest und dich am Morgen um ebenso viele Minuten früher erhöbest?

Aber woher die zehn Minuten nehmen? sagte ich mir. Du bist ein über und über mit Arbeit beladener Mann und schläfst kaum so viel, wie du solltest! Laß sehen! Schlage nach im Buche deines Tagewerks –

Und ich schlug nach, und ich fand hier fünf Minuten, die ich unnütz verbrachte, und dort zehn und da sieben und da drei und – ja, was war denn das? Ich fand trotz all meiner Arbeit und all meinem Fleiße hier und da ganze Abende, ganze Nachmittage, die ich totschlug.

Ich stand also zehn Minuten eher auf. Die Wirkung war erstaunlich. Ich erreichte am andern Morgen nicht nur den Straßenbahnwagen, auf den ich es abgesehen hatte, sondern schon den vorhergehenden. Ich hatte meine morgendlichen Verrichtungen mit Ruhe vollführt und war deshalb früher fertig als je.

Ich wandte das einmal bewährte Prinzip auf Eisenbahnen an, auf Konzert- und Theatergänge, aus Vorstandssitzungen – es klappte. Wenn ich an einen zwanzigfach belagerten Postschalter kam, so überlegte ich, ob ich meine Sendung nicht ebensogut ein paar Stunden später oder am folgenden Tage oder bei einem andern Postamt aufgeben könne, und siehe, die Frequenz an den Postschaltern nahm zusehends ab.

Die Zahl der polizeilichen Meldungen, der Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle ging offensichtlich zurück. Die Beförderungsmittel änderten ihr Benehmen gegen mich vollständig. Sie wurden dienstfertig, entgegenkommend, liebenswürdig. Ich brauchte nur eine oder zwei Minuten zu warten, so kamen sie daher, ja, oft erschienen sie gleichzeitig mit mir an der Straßenecke, wie zu meinen persönlichen Diensten bestimmt, ja, ihre Freundschaft ging so weit, daß, wenn ich dennoch einmal zu spät kam, auch sie die erforderliche Verspätung hatten.

Da fiel es wie Schleier von meinem ganzen Wesen.

Ha, riefen meine Gedanken, solltest du früher in deiner Reizbarkeit und Krittlichkeit nur die unglücklichen Zufälle verallgemeinert, die glücklichen aber ignoriert haben? Solltest du übersehen haben, daß du selbst die Schuld an der Unrast des Lebens trugst? Hat sich etwa die Welt geändert? Um deinetwillen gewiß nicht. Also hast wohl du dich geändert? So ist es. Du hast das große Geheimnis eines ruhevollen Lebens gefunden: wenn man sich Zeit nimmt, dann hat man Zeit. Lerne nur, dir Zeit zu nehmen; so viel Zeit ist immer da – so könnte man das Goethesche Wort vom Glück variieren, zumal ja Glück und Ruhe des Gemüts fast genau das gleiche sind. Du warst nicht nervös, weil du keine Zeit gehabt hättest, sondern du hattest keine Zeit, weil du nervös warst. Das ist's. Du besannst dich – und du warst glücklich.

Und in meinem großen Herzen gedachte ich mitfühlend der Leiden meiner Mitmenschen.

Zu Millionen und Abermillionen sah ich sie ringsumher an Telephonen stehen und in nervösen Krämpfen an der Sprechschnur zappeln wie Maikäfer, die ein grausamer Dämon an einen Faden gebunden hat, sah sie zucken und zappeln, weil die Herstellung des Anschlusses zwei, man entsetze sich: zwei Minuten dauerte; ich sah sie in Eisenbahnen sitzen und bei einer Verspätung von fünf Minuten über »diese skandalöse Bummelei« fluchen; ich sah sie beim letzten Ton eines Konzerts, beim letzten Wort des Schauspielers mit der Anfangsgeschwindigkeit moderner Geschosse in die Garderoben flitzen, sich wie bei einer Panik in die Ausgänge quetschen und die Straßenbahn überfallen wie eine ausgehungerte Festungsarmee einen Proviantwagen, obwohl sie viel gescheiter täten, zu Fuß zu gehen und die Eroica unter einem Sternenhimmel ausklingen zu lassen – ich sah das alles, und ich mußte fragen: warum? warum?!

Mißversteht mich nicht! Ich weiß wohl, daß wir das Tempo unseres Lebens nicht zurückschrauben können auf das Tempo unserer Großeltern oder auch nur unserer Eltern; die fortschreitende Beschleunigung aller menschlichen Geschäfte, selbst der Totenbestattung, geschieht wohl auch nach einem Gesetz der Entwicklung. Ich weiß auch: ein Leben kann so wertvoll und so berechnet sein, daß jede Minute kostbar ist, obwohl das ein äußerst seltener Fall ist und im allgemeinen nicht die größten Lebenswerke in der Hast geschaffen wurden; ich weiß auch, daß jeder von uns in die Lage kommen kann, um eines unnützen Aufenthaltes von einer Minute willen alle Gestirne des Himmels durch den Hauch seiner Flüche zu verdunkeln. Im allgemeinen aber – es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, meine Herrschaften – erinnert mich die Eile der Reisenden und Fernsprechenden, der Straßenbahnfahrer und Konzertbesucher an ein Spiel der Kinder, die zuweilen bei Tische den Einfall kriegen: »Wer zuerst seinen Teller leer hat!« und dann wie unsinnig zu löffeln anfangen, um des Glückes willen – zuerst fertig zu sein. Findet ihr auch einen Spaß darin, mit dem Gericht des Lebens zuerst fertig zu sein? Wie ein epidemischer Wahnsinn erscheint mir oft diese allgemeine Hast, wie eine Narrheit, von der selbst ganz vernünftige, philosophisch angelegte Menschen ergriffen werden, z. B. ich.

Ich hatte einen tiefglücklichen Abendspaziergang am einsamen Elbufer hinter Blankenese gemacht und wollte nun mit der Eisenbahn nach Hamburg zurückkehren. Als ich den Bahnsteig betrat, erscholl das Zeichen zur Abfahrt. Und obwohl ich absolut nichts zu versäumen hatte, obwohl es mir vollkommen gleichgültig sein konnte, ob ich mit diesem oder mit dem eine Viertelstunde später fahrenden Zuge heimkehrte, stürzte ich auf den schon in Bewegung befindlichen Zug los. Ich ergriff die Handhabe neben der Tür eines Durchgangswagens und wollte aufs Trittbrett springen, sprang aber fehl und hing nun an dem fahrenden Wagen; überdies wollte sich die Tür nicht öffnen lassen, kurz: ich befand mich in einer bedenklichen Lage, bis ein Schaffner mir half. Zum Glück hatte ich dann den Wagen ganz für mich allein, so daß ich, nun mit einem Male wieder ein ganz vernünftiger Mensch, mir mit lauter Stimme all die Komplimente sagen konnte, die mir rechtmäßig zukamen.

Wäre ich bei dieser Gelegenheit zu Tode gekommen und hätte mich im Jenseits einer gefragt: »Aus welchem Grunde hast du dein Weib zur Witwe und deine Kinder zu Waisen gemacht?« so hätte ich ehrlicherweise nur antworten können: »Aus vorübergehender, aber vollkommener Blödsinnigkeit.«

Zeit ist nicht nur Geld, sie ist viel mehr und viel besseres als Geld, und darum soll man sie nicht verschwenden. Aber noch viel weniger soll man ein Zeitfilz, ein Zeitknicker sein und die Sparsamkeit mit der Zeit ins Kleinliche und Schäbige treiben. Die Athener nannten den hastigen Gang des Gerbers Kleon einen »unanständigen Gang«, und sie hatten recht. Diese ewige Unrast und Eile, dieses Knickern mit Sekunden geben unserm ganzen Leben etwas Würdeloses, Ordinäres und Lächerliches. Wir machen es mit der Zeit wie mit dem Geld: wir sparen sie am falschen Ort. Hier wenden wir ein Nickelstück zehnmal um, bevor wir es hergeben, und dort werfen wir Goldstücke zum Fenster hinaus. Revidiert einmal ernstlich euren Verbrauch an Zeit, revidiert z. B. einmal das Konto »Gesellschaftliche Verpflichtungen« und überlegt euch, wieviel Zeit ihr für sinn- und reizlose Diners und Soupers, für eine vollkommen wertlose, rein konventionelle Geselligkeit vergeudet, und ihr werdet euch wundern, staunen werdet ihr, wieviel Kleingeld und Scheidemünze zur glatten Abwickelung eurer täglichen Geschäfte ihr daraus machen könnt!

Ich hatte einst einen gescheiten Mitschüler, der, wenn er antworten sollte, sich vor Eile stets verhaspelte und gewöhnlich eine Dummheit hervorstotterte. Einer unserer Lehrer aber sagte jedesmal, bevor er den Stotterer reden ließ: »Ruuu–hig, nur immm–mer ruuu–hig,« und dieser Zuspruch war von so suggestiver Gewalt, daß der Gefragte glatt und ohne Anstoß und ohne verhängnisvollen Zeitverlust die richtige Antwort gab.

Wir machen es wie jener Schüler. Wir stottern ohne Not unser Leben hervor, anstatt es ruhig zu veratmen. Wir sollten uns einen würdigen Papagei mit einer Baßstimme halten, der uns jeden Morgen, wenn wir aus dem Bette steigen, zuriefe: »Ruuu–hig, nur immm–mer ruuu–hig!« Wir sind ja so entsetzlich nervös – nur aus Nervosität. Nichts befördert nämlich die Nervosität mehr als Nervosität. Das klingt wie der Satz, daß die Armut von der pauvreté herrühre, hat aber doch etwas mehr Sinn. Regt euch nicht auf um Lappalien, wütet nicht über den Verlust von Minuten und Viertelstunden, wenn's nicht durchaus nötig ist; beginnt euer Tagewerk mit ruhiger Hand und ruhigem Auge, als wenn es wirklich und wahrhaftig auf anderthalb Minuten mehr oder weniger gar nicht ankäme, und ihr werdet euch wundern, wie sanft der Tag verfließt, ihr werdet bald entzückt sein, welch eine Ruhe, welch ein Behagen euer ganzes Nervensystem durchrinnt.

Freilich gibt es noch ein besseres Mittel, ein unfehlbar wirkendes: das ganze Leben nicht allzu ernst nehmen! Wenn man genug zu essen hat, sich selbst durch Gewinn oder Verlust von 10 000 Mark oder 100 000 Mark oder noch viel mehr nicht aus der Fassung bringen lassen! Wenn man Freude im Wirken und Schaffen findet, nicht danach fragen, ob der »Ruhm« nach zehn Jahren oder nach dreißig oder erst nach dem Tode oder überhaupt nicht komme! Sich immer gegenwärtig halten, daß man seines Glückes Schmied ist, insofern als das Glück, dieses spinnwebzarte Goldfiligran, nur in der eigenen Brust geschmiedet wird! Das ist ein wunderbares Mittel! Wer das anwendet, dem klingt es aus allen Bäumen und Büschen, ans Licht und Dunkel, aus Höhen und Tiefen: »Ruuu–hig, nur immm–mer ruuu–hig!« Dieses Mittel heilt alle Nervenschmerzen. Unter Garantie! Es hat nur einen schlimmen Fehler, das Mittel. Es ist furchtbar selten.

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