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Vom Strande des Lebens

Otto Ernst: Vom Strande des Lebens - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
booktitleVom Strande des Lebens
authorOtto Ernst
year1908
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleVom Strande des Lebens
pages1
created20020712
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1908
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Von Schiffahrt, Angst, Courage und dergleichen.

Wir waren eine regelrecht gemischte Gesellschaft: immer ein Mädel – ein Bursche, ein Mädel – ein Bursche usw. Nur in zwei Dingen stimmten wir alle überein, erstens: wir waren jung, und zweitens: wir wollten uns an diesem Nachmittag auf jeden Fall wundervoll amüsieren. Selten ist ein Vorsatz mit größerer Energie gefaßt worden als dieser.

Nun ist es eine der allerbekanntesten Tatsachen, daß solchen Leuten in solcher Stimmung eine Wasserfahrt ein ganz erhebliches Vergnügen zu bereiten pflegt. Die Damen ins Boot heben, ihre Füßchen und Spitzensäume bewundern, sie kreischen und kichern hören, sie beruhigen, ein stolzes Beschützergefühl in den resp. Männerbusen spüren, sich mit unerhörter Bravour in die Ruder legen und Wind und Meer gebieten, solange sie nichts dagegen haben – andrerseits: vor den Männern zu spielen mit eben jenen Füßchen und Spitzensäumen, mit anmut-zarter, hilfsbedürftig-ängstlicher »Weiblichkeit,« vielleicht gar die Ärmel hochstreifen, Hände Nr. 5¾ zeigen, ein für hervorragende Schifferfäuste gemachtes Ruder mit möglichst zierlicher Täppischkeit umklammern und es solchermaßen hin und her bewegen, daß sämtliche Insassen etwas davon haben – wer wollte leugnen, daß alles das für die resp. Geschlechter ungefähr soviel bedeutet, wie ein Leutnant mit Schlagsahne oder ein dreisitziges Fahrrad mit Skatvorrichtung, nämlich: eine Akkumulation höchster Genüsse?

Ein erklärtes Verhältnis gab es erfreulicherweise innerhalb unserer achtköpfigen Gesellschaft nicht – wenn auch ein Paar gewisse dringende Verdachtsmomente aufwies – es bestand also, wie der kundige Leser aus meinen Andeutungen schon geschlossen haben wird, zwischen uns jene reizvolle Spannung ungleichnamiger Geschlechter, der die Entfernung noch zu groß ist, als daß der Funke überspringen könnte, die sich aber dafür in einem pracht- und wundervollen St. Elmsfeuer der Koketterie entladet. Es gibt kaum etwas Possierlicheres als die Koketterie zwanzigjähriger Leutchen. Die jungen »Männer« posieren entweder genau so stark wie die Weibchen oder etwas stärker; in späteren Jahren freilich neigt sich das Übergewicht in diesem Punkte auf die Seite der Frauen, weil die Männer dann fauler und gleichgültiger werden, diese Eigenschaften sehr oft für sittlichen Ernst halten und sie infolgedessen ernstlich kultivieren. Die jungen Männlein aber tun groß, und die Weiblein tun klein, so will es die überlieferte Praxis. Was die Jünglinge in dem Alter um 20 herum an Mut produzieren, ist unglaublich. Und sieht man die Jungfrauen, so weiß man – immer vorausgesetzt, daß man selbst im entsprechenden Alter steht – daß Anmut und Sanftmut, Zärtlichkeit und Mitgefühl ewig wohnen werden an jedem Herde der Heimat. Mut wollten wir heute zeigen, den Mut zu Wasser; es sollte eine Elbpartie gemacht werden.

Es war aber einer unter uns, der das ehrwürdige Alter von 27 hatte, der männliche Part des verdächtigen Paares, und dieser stellte jetzt die komische Frage: »Ist denn einer von Ihnen, meine Herren, auch imstande, ein Boot auf der Elbe zu handhaben?«

Ein kurzes, entrüstetes Schweigen und dann eine Sturzwelle von Fragen: »Wieso?« »Das bißchen Rudern?« »Können Sie nicht rudern?« » Sind Sie bange?«

Dies Wort gab dem Übermut Luft: der arme Herr Steen hatte ausgesorgt; er konnte sich für heute und für die Zukunft auf den Hohn der wagelustigen Jugend gefaßt machen.

»Es vergeht kaum eine Woche,« fuhr er mit unerträglicher Ernsthaftigkeit fort, »daß nicht von einem gekenterten oder überrannten Boot und von ein, zwei, drei bis ein Dutzend und mehr ersoffenen Vergnügungsfahrern berichtet würde. Ich halte es für Leichtsinn, sich aus einem höchst gefährlichen Fahrwasser anderen als wirklich kundigen Händen anzuvertrauen, und habe das auch bisher noch nie getan.«

Für den Menschenkenner wird es nicht nötig sein, ihm das Hohngelächter zu schildern, das ob dieser Rede auf den furchtsamen Herrn Steen herniederprasselte. Die Damen schürzten heimlich mit Verachtung die Lippen, und selbst diejenige, welche ein dunkler Verdacht mit diesem Sicherheitskommissar in Verbindung brachte, entfernte sich unwillkürlich um einige Schritte weiter von ihm.

»Na, sei'n Se man nich bange!« rief Herr Martens, der oberste Draufgänger von uns Jungen, »versuchen Se's man! Wenn Ihnen schlecht wird, setzen wir Sie in eine Droschke und lassen Sie fein bis an Ihr Bett fahren. Zufrieden?«

»Gut, unter dieser Bedingung geh' ich mit,« versetzte Herr Steen. Die Zusage wurde mit spöttischem Gelächter aufgenommen; die Damen kicherten jetzt ganz ungeniert hinter Herrn Steens Rücken. Auf dem Weg nach dem Hafen blieb er fast gänzlich isoliert.

Da war also wieder mal unser alter lieber Hein Kloock, der Bootsvermieter und Inhaber jener Badeanstalt, in der ich als Fünfjähriger mein erstes öffentliches Bad in solcher Art nahm, daß ich in der Glut meines damals schon bedrohlichen Temperaments mit Hemd und Höschen in das Bassin für die größten Erwachsenen sprang und sofort mit dem Kopf bis auf den Grund drang. Ein ruhiger Griff Hein Kloocks in meine Nasiräerlocken brachte mich wieder zum Vorschein. Seitdem hat sich eine Art Kindschaftsgefühl gegen den alten Mann in mir erhalten; ich nehm' ihm jede Geschichte ab, und wenn ich ihn besonders erfreuen will, reize ich ihn durch fabelhaft unwissende Fragen zu einer belehrenden Erzählung aus seinen Seemannszeiten. Er hat, nach einem ziemlich verbürgten Gerücht, nur ein paar Fahrten nach Westindien gemacht; aber er lügt bis zu den höchsten Breitengraden, und ein Überfall durch chinesische Seeräuber im Gelben Meer kostet ihm nicht die geringste Anstrengung. Überhaupt erzählt er jedes gewünschte Abenteuer und mißt dabei, während er den Zuhörer schärfstens studiert, im stillen ab, wieviel tote Seeräuber und wieviel Fuß Sturzwellen er ihm zumuten darf. Mir fügt er die höchsten Wellen und die meisten Toten zu; denn ich mache ihm zu Gefallen immer ein Gesicht wie Klingers Simplizissimus, da er vom Einsiedler das Lesen lernt. Hein Kloock ahnt natürlich nicht, daß mir das Interessanteste seine Geographie ist. Er hat es mir schon wiederholt versichert, es sei ein wahres Glück, daß »die Linie« übers Wasser gehe; wenn sie übers Land ginge, würde die Hitze nicht auszuhalten sein.

Dieser Mann also vermietete uns ein gutes, nettes Boot, versprach uns gutes Wetter – was er immer tut – und wünschte uns eine glückliche Fahrt. Herr Steen bestieg unter großem Hallo das Boot.

»Herr Steen – vorsehn! Das Wasser hat keine Balken!« – »Herr Steen, es wackelt!« – »Herr Steen, werden Sie nicht beim Einsteigen schon seekrank« und dergleichen mehr schwirrte dem Ärmsten um den Kopf, der aber, zum Glück für die gute Stimmung, alles mit zynischer Gemütsruhe hinnahm und, als man sich müde geulkt hatte, trocken bemerkte, er müsse nur immer an unsere Eltern denken, für die unser Leben doch einen gewissen Sinn habe.

Der Hafen war diesmal wieder groß und schön. Wer den Hamburger Hafen in seinem Sonntagskleide sehen will, der muß ihn an einem sonnigen Arbeitstage sehen. Ich kenne kein überwältigenderes Bild der Arbeit als dieses. Hier scheinen sich alle Geräusche der Welt zu vereinigen zu einer sausenden, rollenden, surrenden, hämmernden, knirschenden, pfeifenden, klirrenden, heulenden, stöhnenden, donnernden Symphonie der Arbeit. Hier sind wir nicht mehr in einem kleinen Staate, hier sind wir in der Welt. Hier weht Luft aus allen Zonen, Klang und Duft aus allen Breiten. Die Masten der Schiffe, dieser Zyklopenmauern, weisen in blaue Höhen, ihr gierigscharfer, durchschneidender Bug in blaue Weiten. Hier braust dir in einem Augenblick durch alle Adern wie Wein das ganze Kraftgefühl der Menschheit. Und das Heulen der Schiffssirenen gibt dir Antwort auf deinen Stolz: es ist ein wild auffahrender, wahnsinniger Wutschrei der unterjochten Naturkraft. Aber die ungeheuren Raubvogelschnäbel der Kräne holen unermüdlich neue Schätze aus den strotzenden Bäuchen der Schiffe hervor und streuen sie hinaus ins Land, unermüdlich, unermüdlich. Und droben auf dem Schiff, dessen steile Wand nun unmittelbar, zum Greifen nahe fast, neben uns emporsteigt, jäh, still, drohend, lauernd, als wollte sie im nächsten Augenblick sich neigen und uns zermalmen – droben an der Reeling tanzt ein steinkohlengeschwärzter Arbeiter mit humorvollen Sprüngen zu einer Musik, die von einem Vergnügungsfahrzeug her lustig über die Wellen hüpft. Und auf dem Heck eines Chinafahrers sitzt eine deutsche Mutter und läßt ihr rundes Bübchen auf dem Arme tanzen zu eben jener Musik. »Musiiik! Musiiik!« hallt es von allen Kais und Schiffen und aus allen Speichern, als die heitere Weise verstummt ist.

Sie wollen Musik. Und über allem ist Sonne.

Wenn ich so durch diesen Hafen fahre, dann sehe ich ihn: den großen Triumphtag der Arbeit, da alles, was arbeitet, frei wird von gemeiner Sorge und frei wird zu reinerer Luft. So wird er aussehen, wie dieses große Bild voll Leben, Tat und Sonne. Ich weiß, ich weiß: dies ist nur ein Bild, und der Tag ist noch nicht da. Aber zuweilen sah ich ihn schimmern um die Masten dieser Schiffe und um die Dächer dieser Stadt.

Und dann stromab an den stillen, heimlich umbuschten Ufern von Neumühlen und Övelgönne, Othmarschen und Nienstedten vorüber, bis zu dem sauber blinkenden, weiß und grünen Finkenwärder. Immer größer, immer breiter, immer ruhiger der Strom, wie ein großes Leben, das von Stunde zu Stunde die Welt mit größerem Blick umfaßt und nun immer klarer, segensreicher, mächtiger und stiller wird.

Er fließt nach Westen, dieser Strom, und so ergießt er an jedem schönen Abend seine breite Flut in das purpurne Meer der Sonne. Sein Drängen und Treiben endet im Lichte. Das ist mir von Kindheit auf ein gewohntes, heiliges Bild.

Drüben, im allerfernsten Hause, das der Blick noch erreichen kann, blinken die Fensterscheiben von lauter Sonne. Das, ihr Brüder vom Gebirge, ist uns Kindern der Ebene Seligkeit: auf zwei Meilen weit dem Nachbar im stillen Herzen eine gute Nacht zu wünschen, wenn aus seinem Fenster die Abendsonne uns zunickt. Das ist uns Seligkeit: stundenlang wandern und fahren und fahren und wandern können und immer das Auge Raum trinken lassen, soviel es mag, ohne zu fürchten, er könnte alle werden. Was noch hinter diesem lachenden Horizont an duftigklaren Weiten liegt, das trinkt ein Auge nicht aus. Ich liebe euer Gebirge von ganzem Herzen; aber jeden Morgen, wenn ich zum Fenster hinaussehe, ja bei allem Tagewerk gegen hohe Wände zu blicken, das hielt' ich nicht aus. Das Herz, das mir in den Augen brennt und drängt, es würde ganz auf eigene Hand sterben vor Sehnsucht.

Jetzt durch die einsamen Grachten zwischen den Elbinseln hindurch, wo die Ruder an beiden Seiten ins Gras schlagen, in das hohe Gras, das den Rindern bis zum Bauche reicht, wo leise der Wind die Halme streichelt, wie eine Mutter die Stirn ihres schlafenden Kindes, wo kaum ein Laut vernehmbar ist, als ab und zu das dumpfe, sattbehagliche Brummen einer Kuh. Natürlich kehrten wir bei »Mutter Thiessen« ein.

Mutter Thiessen darf eigentlich keinen Schnaps verkaufen; aber sie tut es. Und er schmeckt auch, wenigstens ihr selbst; aber sie geht nie über das Maß hinaus, das ein kräftiger Mann vertragen kann. Sie ist Wirtin und Hausknecht und noch mit jedem Gaste fertig geworden; ihr Mann ist ihr Kellner. Jedesmal, wenn man ihn sieht, möchte man ihm ein Trinkgeld zustecken. Seine Frau ist immer hinter ihm her: »Clas, mak doch to! Wat steihst du hier un snacks! Bedeen din' Gäst!« und er: »Jowoll, min Engel! Jowoll, min söte Deern!« Wenn sie ihn nicht hört, versichert er dann jedem Gaste einzeln, dies verdammte Weibsstück könne ein Pferd totärgern.

»Sie müssen mal energisch auftreten!« meinte Herr Martens.

»Djä! denn ward se noch energischer! Dat hevv ick so allens versocht!« versichert Herr Thiessen mit überlegener Resignation.

»Clas!!!« scholl es schmetternd von der Küche her.

»Jo jo, min Engel!! – Meenen Se, mine Herrschaften, dat Froensminsch kann een'n ok man'n Ogenblick in Ruh lot'n? Und dorbi: slech isse nich; se's bloß n' Satan.«

»Clas!!!!«

»Jo, min Deern!«

»Herr Thiessen!« rief jetzt Martens, »sagen Sie bitte Ihrer Frau, sie möchte die Spiegeleier nicht wieder so fürchterlich fett machen wie neulich!«

Herr Thiessen kam langsam zurück mit einem ratlosen Gesicht und legte Martens die Hand ans die Schulter.

»Ach Herr,« kam es unendlich verlegen heraus, »möchten Sie mir nich 'n großen Gefallen tun?«

»Wenn ich's kann, natürlich gern!«

»Möchten Sie nich reingehn un ihr das sagen?«

»Ich?« – Martens wurde blaß. »Ja, wissen Sie – das ist so 'ne Sache – das ist doch eigentlich Ihre Sache – ich kann doch nicht – das sieht ja doch merkwürdig aus – nee, dann lassen Sie's nur – das ist mir viel zu umständlich – ich sitz' hier nun gerade gemütlich –«

Die Eier wurden also fett; wir aßen wie Ruderknechte – ausgenommen die Damen natürlich – und hörten zu dem ausgesprochen niederdeutschen Menü die tremulierenden Lungenübungen Violettas und die wahnsinnigen Triller Lucias, durch die Güte eines italienischen Orgeldrehers nämlich, der sich dann überraschend schnell in die holsteinische Kost einlebte. Als wir die Rückfahrt antraten, bat er uns, ihn und seine Orgel mit nach Hamburg zu nehmen. Wir dachten an den Dreibund und willigten ein, unter der Bedingung, daß er nun auch der Orgel die wohlverdiente Ruhe gönne.

Als wir wieder auf dem eigentlichen Flusse waren, galt es, gegen den Strom des ablaufenden Wassers nach Hamburg zu kommen: für zwei Ruderer, die neun Personen und einen Leierkasten vorwärtsbringen sollten, keine leichte Arbeit. Ich saß am Steuer, und die vierte Mannsperson war zum Ablösen da.

Es war Abend geworden. Wasser und Luft schienen sich zu einem Element vereinigt zu haben, zu einer milchig grauen, alles erfüllenden Flut, die sich um Hals und Wangen legte wie der weiche Arm eines Weibes. Es war jene verdächtige Milde um uns, die sich leicht in Tränen löst. Wir konnten noch einen hübschen Regen bekommen.

Die beiden Ruderer arbeiteten kräftig; aber es ging. nur langsam, sehr langsam vorwärts.

»Wir kommen ja kaum von der Stelle!« rief Martens.

»Gar nicht,« erklärte Herr Steen, der gerade frei war, mit auffallender Entschiedenheit.

»Wieso ›gar nicht‹?«

»Wir sitzen doch fest!«

»Wir sitzen fest?«

»Ja.«

»Wieso sitzen wir fest?«

»Wieso? Aufm Sand. Haben Sie denn das nicht gemerkt? Wir sitzen ja schon 'ne Viertelstunde.«

»'ne Viertelst– – Ja, aber Menschenkind, warum sagen Sie denn das nicht eher?« rief Martens etwas indigniert.

»Ich dachte, Sie wüßten das und blieben mit Absicht sitzen,« entgegnete Steen mit der Miene eines frisch gewaschenen Engels.

Ich mußte laut herauslachen. »Jetzt uzt er uns!« rief ich.

»Ja, wie kommen wir denn wieder los!« rief Martens ärgerlich.

»O, das ist sehr einfach,« meinte Steen, »Sie müssen nur nicht das Boot gegen den Strom flott machen wollen. Erlauben Sie?« fragte er höflich, nahm Martens das Ruder aus der Hand, tastete den Grund damit ab, stieß es dann in den Sand und schob allein das Boot mit dem ablaufenden Strome wieder ins freie Wasser.

»Bitte?!« Er gab das Ruder zurück.

Es war kein Zweifel, Herr Steen war der ganzen Gesellschaft etwas interessanter geworden. Die Damen betrachteten sich ihn wiederholt von der Seite.

Da geistert neben uns aus dem Nebel das Wrack der »Alexandria«. Ein mächtiger Überseer, den ein anderer Dampfer mitten durchgerannt hat, bei solchem Wetter wie heute. Die beiden Hälften starren drohend aus der leise schwatzenden Flut herauf. Die furchtbaren Flügel der Schiffsschraube ragen gespenstisch in die Luft – sie haben Ruhe. Wir umfahren das Wrack. Wir sind wieder still geworden. Um diese Stätte weht Tod. Die dicksten Eisenstangen sind zerbrochen wie Glas, gebogen, aufgewickelt wie dünner Draht. Oben am Fockmast hängt eine Laterne und gibt ein kleines, einsames, trauriges Licht, zur Warnung für die Fahrenden. Einst war auf diesem Deck, in diesen Kajüten Leben, Bewegung, Lärm, Befehlen und Gehorchen. Alles verlassen. Wer weiß, ob nicht unten in einem verborgenen, vom drängenden Wasser verschlossenen Raume noch von denen liegen, die nicht wieder an die Oberfläche kamen? Und ob sie nicht im nächsten Augenblick hervorhuschen, die Treppen heraufkommen wie die Katzen, hierhin, dorthin hasten, die Glut aufstochern unter dem Kessel, in die Masten schlüpfen, die Segel hissen und im Hut mit ihrem Schiff verschwunden sind –

Es ist verschwunden. Wir sind vorüber. Der Nebel ist stark.

Ein schöner, leiser, wiegender Zwiegesang klingt ganz nahe. Und nichts zu sehen – doch! – Ein Boot mit dunklen Segeln! Aber kein Mensch darin zu sehen. Vorbei. Der Nebel verschlang es.

So grüßt uns ein Gedicht. So huscht es vorbei. Es kommt darauf an, wieviel man davon erhascht. Ganz erwischt man's nie. Später, als ich allein war, sah ich nach, wieviel ich im Netz behalten.

Zwei plaudernde Gesellen
Im Kahn, im flügelschnellen.
Schon stieg aus sanften Wellen
Die Nacht, die milde Fei.

Was war's – was huscht von hinnen?
Ein Schiff mit schwarzen Linnen
– Kein Schiffer saß darinnen –
Glitt unserm Boot vorbei.

Vom Schiff her kam ein Singen
Auf weichen, dunklen Schwingen,
Ein längst vertrautes Klingen,
Wie fremd die Weise sei.

Verklingen und Entschwinden! – –
Wer sucht, um uns zu finden? –
Auf Wellen floß und Winden
Das Schweigen still herbei. –

Ein feiner Regen begann herabzurieseln. Die Damen hüllten sich fröstelnd in ihre Mäntel; es wurde unbehaglich und still.

Mit einem Male rief Steen: »Ein Dampfer!«

»Wo denn?« fragte Martens.

»Da, dicht vor uns, sehen Sie denn nicht?«

Ein Licht ging aus dem Nebel auf, und ein großer, schwarzer Bug stieg dicht vor uns aus dem Dunkel.

»Mensch, was machen Sie!« schrie Steen entsetzt; im nächsten Augenblick hatte er Martens die Ruder entrissen.

Martens war völlig kopflos geworden: er hatte vorwärts gerudert statt zurück. Die nächsten Sekunden entschieden über Leben und Tod. Noch ein paar Schläge und wir wären unter den Dampfer geraten.

Mit ein paar ruhigen, kräftigen Ruderschlägen brachte Steen unser Boot außer Gefahr; wir schrammten so eben, so eben an unserm Verderben vorbei. Vom Dampfer herab prasselte eine volle Garbe von Seemannsflüchen auf uns nieder, die allerlei wohlmeinende Ratschläge enthielten.

Steen behielt die Ruder. Martens verlangte sie nicht zurück.

Wenn jetzt jemand gewagt hätte, etwas gegen den Herrn Steen zu sagen – was dem wohl passiert wäre!

Die Damen ließen ihn kaum noch aus den Augen. Gar nicht aus den Augen ließ ihn diejenige, welche – der Leser weiß schon. Ihr Blick schien um Verzeihung zu bitten.

Alles gehorchte jetzt seinen Anordnungen, und wir kamen dabei bald in den sicheren Hafen. An Land gekommen, fühlten wir in unserer Durchfrorenheit das Bedürfnis nach einem heißen Trunk.

»Herr Steen,« sagte ich, »Sie haben uns das Leben gerettet; nun müssen Sie auch so großmütig sein, uns für unsere Dummheiten bei einem Grog die Köpfe zu waschen. Uns friert; wir wollen einen trinken.«

»Mir ist sehr warm!« sagte er überrascht. »Aber wenn ich an die Geschichte zurückdenke, krieg' ich freilich nachträglich das Gruseln.«

»Sie sind ja eine komplette Wasserratte!« rief Martens.

»Ich denke nicht dran,« entgegnete Steen. »Dies war meine dritte Kahnfahrt. Ich würde keinem raten, mir auf dem Wasser sein Leben anzuvertrauen. Aber mir geht etwas ab, was auf dem Wasser sehr hinderlich ist.«

.»Nun?« fragte Martens gespannt.

»Die Saloncourage,« versetzte Steen.

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