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Vom Strande des Lebens

Otto Ernst: Vom Strande des Lebens - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
booktitleVom Strande des Lebens
authorOtto Ernst
year1908
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleVom Strande des Lebens
pages1
created20020712
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1908
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Sie war froh, daß sie nun gleich auf den Boden mußte, um die Wäsche aufzuhängen. Auf dem Trockenboden war sie so recht allein, ganz allein, wie von aller Welt abgeschnitten. Sie packte sich einen Korb hoch voll Wäschestücke und schleppte ihn die vier Stockwerke hinauf.

Hier oben war es gut sein. Es war, als ob man sich hier frei fühlen dürfe, ganz frei. Ja – hier hätte man dreist einmal einen lauten Schrei ausstoßen dürfen; es hätte ihn niemand gehört. Als sie ihren Wäschekorb niedergesetzt hatte, breitete sie unwillkürlich beide Arme aus; sie überlegte, ob sie einmal schreien solle – aber sie ließ es doch lieber sein. Sie wagte es nicht. Wenn dann jemand käme –? Freilich, wenn ihr jemand etwas sagen wollte – da war ja das Fenster: man brauchte nur hinauszuspringen. Dann war alles abgeschnitten. Mit einem Sprung konnte man alles abschneiden. Seltsam; hier oben dachte sie bei den geringfügigsten Anlässen an diesen Sprung aus dem Fenster, und sie dachte daran wie an etwas Gewöhnliches, Unerhebliches.

Das Fenster war nahe dem Fußboden eingelassen; sie kniete davor hin und lehnte den Kopf gegen den Pfosten. Das Haus lag an der Peripherie der Stadt, und der Blick ging von diesem Boden aus ungehindert über weite Felder und Wiesen. Die Welt war doch wirklich sehr schön. Soweit das Auge reichte, grüne, gelbe, braune, weiße Vierecke, von Büschen umgrenzt, und hier und da aus den Äckern stille Menschen bei friedlicher Arbeit. Auf einem Kartoffelacker war ein altes Paar beschäftigt. Der Mann hob mit regelmäßigen Spatenstichen die Stauden heraus; das Weib hockte daneben, pflückte die Knollen ab und warf sie in einen Sack. Jetzt richtet der Alte sich auf; er beschattet mit der Hand die Augen vor der blendenden Sonnenhelle und zeigt nach dem Rande des Ackers. Nun hebt auch das Weib den Kopf, um nach der bezeichneten Richtung zu blicken. Da treiben zwei Kinder mit einem dunklen Gegenstand – es scheint ein großer alter Kessel zu sein – ihr Spiel; sie schleudern ihn hoch in die Luft und weit fort, um dann hinterdreinzuspringen, nicht ohne auf dem Wege ein paar Purzelbäume zu schießen. Der Alte hebt im Scherz drohend den Spaten; er scheint ihnen etwas zuzurufen; aber hier oben hört man nichts. Nur ein leises, verworrenes Gebrause dringt von der Stadt herüber.

Im graublauen Dunste droben stehen stille, weiße, feste Wolken. Die Kühe auf den Wiesen haben den Schatten der Büsche aufgesucht; rastlos bewegen sich die Schweife, um die Fliegen abzuwehren, und nur selten hebt eine den Kopf, um ein kurzes Gebrüll auszustoßen. An einer entfernten Hecke werden plötzlich einige unruhige, blitzende Punkte bemerkbar, und jetzt erst kommen Anna die Klänge zum Bewußtsein, die schon lange von dort herübertönen. Es sind Soldaten: Spielleute und Hornisten, die Signale üben. Ein wunderliches Durcheinander von Trommeln, Pfeifen und Hörnern, das sich bald zu einem vielstimmigen und vieltönigen Lärm erhebt, bald wieder in ein paar einsame, stammelnde, stümpernde Töne abbricht. Es sind ihr liebe, friedliche Töne; sie erinnern sie an lange, sanft dahinfließende Sommertage ihrer Kindheit, da sie mit dem kleinen Bruder, der dann später gestorben ist, auf die Wiese zu den »Sadaten« ging. Da hatten sie oft stundenlang im Grase gelegen an solchen sonnigen Tagen wie heute und den blasenden und trommelnden Soldaten mit den schönen blanken Knöpfen zugeschaut und zugehört. Und die schönen, blanken, goldgelben Trompeten! Sie hatte immer auf die große runde Schallöffnung geschaut, als müßte man doch einmal sehen, wie die herrlichen, hellen Klänge da herauskamen. Wenn sie doch auch einmal darauf blasen dürfte!

Manchmal freilich hatte sie sich auch unsäglich gelangweilt, wenn sie so unaufhörlich an den kleinen Bruder gefesselt war. Sie war sechs Jahre älter und hatte keinen Sinn mehr für ein einfaches, einfältiges Spiel. Dann wäre sie oft so gern davongesprungen, immer weiter, immer weiter, über Wiesen und Gräben und Zäune, um nur zu tun, was sie wollte, was ihr gefiel, gar nicht, was der kleine dumme Bruder wollte – –.

Aber sie mußte ja bei ihm bleiben und mit ihm spielen.

Und dann war es ihr gewesen wie –

Gerade so wie jetzt! – – – Sie war plötzlich aufgestanden – mit einem Ruck – und hatte wieder, sich reckend, die Arme ausgebreitet. Es lag ihr wie ein eiserner Reif um die Brust. Da fiel ihr mit einem Male der neue Kommis von drüben ein. Und dann sah sie wieder die beiden Alten auf dem Kartoffelfelde emsig und still bei der Arbeit. Und dann legte sich über sie eine große, hoffnungsselige Geduld; sie preßte die Hände ineinander zu dem festen, ruhigen Entschluß, auszuharren, zu warten – auf etwas, was so war, wie das da draußen, so hell – und so warm. Sie wußte nicht, warum sie aushalten wollte – sie wußte gar nichts – ihre Gedanken verschwammen in ein dunkles, wirbelndes, wortloses Gefühl.

Wie heiß die Sonne hier unter dem Dache brannte – eine Bruthitze. Sie fühlte, wie ihr der Schweiß von der Stirn perlte. Sie rührte die hölzernen Dachsparren an: glühend heiß!

Und – da stand der Wäschekorb.

Nun, das mußte man sagen: sie hatte gerade noch Zeit, zum Fenster hinauszugaffen! Wie sie heute fertig werden sollte, das konnte sie mit allen Künsten und Kniffen nicht zurechtrechnen! Ohnehin hatte es ihr in den letzten Tagen nicht recht von der Hand gehen wollen; abends um zehn war sie noch nicht mit ihrer Küche fertig gewesen!

Als sie am nächsten Sonntag ausging, um das Grab ihrer Eltern zu besuchen, trat sie erst noch in den Krämerladen, um sich für den weiten Weg in der Hitze ein paar »stärkende« Pfeffermünzplättchen zu holen. Herr Schneider stand ganz allein hinter dem Ladentisch und machte große Augen, wie er das Dienstmädchen plötzlich als »Dame« vor sich stehen sah. Sie sah wirklich bei aller Einfachheit ganz ladylike aus, noch hübscher als sonst, während Dienstmädchen sich in der Regel in ihrem ungewohnten Sonntagsstaat gedrückt und unvorteilhaft ausnehmen.

»Das glaube ich, Fräulein, Sie können lachen!« meinte Herr Schneider. »Andere Leute müssen bei dem schönen Wetter zu Hause sitzen.«

»Warum gehen Sie denn nicht auch aus?« fragte Anna mit niedergeschlagenen Augen. Es war das erstemal, daß sie ein Gespräch mit ihm führte. Sie wußte es ja sehr gut: er hatte eben nicht seinen freien Sonntag; aber man mußte doch irgend etwas sagen.

»Darf ich denn?« erwiderte Herr Schneider verzweifelt. »Ich muß ja einhüten! Nicht mal Sonntags hat man seine Freiheit. Aber jetzt kriegen wir hoffentlich bald die Sonntagsruhe.«

Er schob Anna für zehn Pfennige ein ganz unverantwortliches Quantum von Pfeffermünzbonbons zu.

Sie hatte ihr Portemonnaie gezogen und dabei das zusammengefaltete Taschentuch auf den Ladentisch gelegt.

»Erlauben Sie?« sagte Herr Schneider, nahm das Taschentuch, holte eine mächtige Flasche aus einem Regal und goß von dem Inhalt reichlich, sehr reichlich in das Tuch.

»Das ist etwas sehr Feines,« bemerkte er erklärend, »echte Eau de Cologne, sehen Sie hier; von Jean Maria Farina. Das ist viel feiner als Eßbukett und Moschus und wer weiß was sonst noch. Riechen Sie mal!«

Jedenfalls war es sehr kräftig; denn Anna zuckte fast zurück vor der Gewalt dieses Parfüms. Aber sie war sehr glücklich und stolz. Parfüm hatte sie noch nie an sich gehabt. Das war ihr an den Damen immer so vornehm erschienen. Sie dankte ihm in herzlichen. Tone. Er beeilte sich, sie durch seine Unterhaltung noch ein wenig festzuhalten.

»Na – wohin soll es denn gehn, Fräulein; 'n bißchen zum Tanz?« fragte er.

»Nein – ich will nach Ohlsdorf,« sagte sie zögernd.

»Ah – – haben Sie da einen Verwandten liegen?«

»Meine Eltern.«

»Sooo! – Also Sie haben keine Eltern mehr!«

»Nein.«

»Haben Sie denn noch Geschwister?«

»Einen Bruder – in Amerika.«

»Fühlen Sie sich denn nicht mitunter recht einsam?«

Sie wandte sich ab und ließ ihren Blick über die vielen Schubladen an der Wand gleiten. »Ach nein.« sagte sie dann schnell. Sie machte Miene, zu gehen. »Ja,« bemerkte er eilfertig, »meine Eltern sind auch schon beide tot. Ich bin nämlich ans Wittenberge, da hatte mein Vater selbst 'n Geschäft.«

Und nun erzählte er umständlich, daß er aus einer sehr achtbaren Familie sei, daß er eigentlich gar nicht nötig habe, Kommis zu spielen; aber er müsse doch mal die Welt kennen lernen; nächstens werde er sich aber wohl selbst etablieren, wahrscheinlich in dieser selbigen Straße. Er habe schon etwas im Auge. Seinem Prinzipal werde die Konkurrenz freilich nicht angenehm sein; aber jeder sei doch schließlich sich selbst der Nächste.

Er hatte Anna schon längst zum Sitzen eingeladen, und sie hörte glücklich und fröhlich zu.

So wohl war es ihr lange nicht geworden. Sie hatte jemand, mit dem sie nach Herzenslust plaudern konnte, der ihr mit Interesse zuhörte, sich um ihre Angelegenheiten kümmerte!

In der Tat verwandte er keinen Blick von ihr, als sie nun sprach. Von den Eltern und vom Elternhause erwähnte sie nichts. Sie erzählte von ihren Diensterfahrungen. Ohne Gehässigkeit, ohne sich in Klatsch zu verlieren. Sehr viel erzählte sie von dem kleinen Erwin, was für ein reizendes Kind das gewesen sei, was für possierliche Sachen er getrieben habe. Und auch von dem boshaften Nebenmädchen beim Konsul erzählte sie. Sie litt noch heute in der Erinnerung unter der Niedertracht jener Person. Sie biß sich auf die Unterlippe und fuhr hastig mit dem Taschentuch über die Augen.

Er fragte sie, wie sie es denn hier bei den Sievers habe.

»O – ganz gut,« sagte sie.

»Viel zu arbeiten haben Sie da wohl nicht – bei den zwei Leuten.«

»Ach – doch – ziemlich viel,« sagte sie langsam. »Aber sie sind ganz nett – sie lassen mich ruhig arbeiten.«

»Aber Sie sind ja immer – so furchtbar ernst, Fräulein!« sagte er, in seinem Gesicht ihren Ernst mit einer gewissen Dreistigkeit parodierend. »Sie müssen sich aufheitern – mal tanzen – mal in 'n Zirkus gehen – oder ins Theater –«

Sie sah ihn nachdenklich an. »Das mag ich nicht,« sagte sie dann vor sich hin. »Das hab' ich noch nie versucht. Ja – wenn ich mal mit einer Freundin zusammen hingehen könnte –«

»Gehen Sie doch mit mir hin!«

Da mußte sie laut herauslachen. Sie hätte nicht sagen können, warum sie lache; aber sie lachte in einem fort wie ein albernes Backfischchen von fünfzehn Jahren. Lachend hatte sie sich der Tür genähert und die Klinke ergriffen.

»Nu ja – finden Sie das so komisch? Wann haben Sie Ihren nächsten freien Sonntag?«

»Heute über drei Wochen.«

»Donnerwetter, das paßt ja großartig! Dann macht der Klub ›Terpsichore‹ einen Ausflug nach Wedel! Wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen« – er sprach plötzlich wieder ernsthaft und etwas unsicher – »ich würde Sie mit dem größten Vergnügen – wenn ich Sie einladen darf – ich habe sowieso noch keine Dame –«

Jetzt wurde sie abwechselnd rot und blaß. Sie blickte unausgesetzt auf den Boden. »Ach nein – danke!« brachte sie in größter Verlegenheit hervor – »ich weiß auch noch gar nicht, ob ich frei bin – das ist so unbestimmt – das geht wohl nicht. Ich danke sehr. Adieu!«

Und im Nu war sie draußen.

Am Grabe ihrer Eltern kam es plötzlich über sie, daß sie bitterlich weinen mußte. Aber ihr war so wohl, so frei, so glücklich dabei. Und trotzdem flossen die Tränen immer von neuem. Am Abend war sie fest entschlossen, die Einladung des Herrn Schneider, wenn er sie wiederhole, anzunehmen.

Als sie nach etwa acht Tagen den Kommis wieder allein im Laden traf, nahm er schnell die Gelegenheit wahr.

»Sie kennen doch Fräulein Klara Wichmann, nicht wahr?«

Anna mußte sich einen Augenblick besinnen.

»Sie sagt, daß sie mit Ihnen in der Schule auf derselben Bank gesessen hat –«

»O ja, die kenn' ich.«

»Also; Fräulein Wichmann und ihr Bruder machen die Tour nach Wedel mit und laden Sie hiermit ein, doch auch mitzukommen. Sie möchten sich ihnen anschließen. Na – jetzt können Sie doch mitgehen!«

»Ja, ich gehe mit,« sagte Anna.

»Na, das nenn' ich mal vernünftig gesprochen. Bravo! Passen Sie mal auf, es wird großartig! Da woll'n wir mal ordentlich das Tanzbein schwingen, das soll'n Sie mal sehn!«

Anna lächelte, obwohl dieser Ton eigentlich nicht in ihre Musik paßte. Ja, eine Musik tönte unaufhörlich in ihrem Innern, eine helle, fröhliche Musik, zu der sich die ganze Welt im Tanze drehte. Ihre Gedanken waren ein Singen und Klingen geworden. Eine unbändige Lust zu tanzen wandelte sie oft mitten in der Arbeit an; ruhig dahinzugehen, paßte ihr nicht zu dieser schönen, freundlichen, wirbelnden Welt. Das Vergnügen, das ihr bevorstand, erschien ihr wie etwas Feierliches, Heiliges; sie sollte eingeweiht werden in etwas Großes, Unbekanntes, aber gewiß Herrliches.

Die vierzehn Tage gingen wie in einem Taumel dahin. Jeder Tag brachte ja eine neue Freude. Heute ging sie hin, den Stoff zu einem neuen hellen Sommerkleide zu kaufen, morgen kam die Schneiderin zum Maßnehmen, übermorgen kam die Putzmacherin, die den Hut etwas auffrischen sollte, dann kam wieder die Schneiderin zur Anprobe, dann kaufte sie an der Tür ein Stück Band zu einer Schleife, und so ging es fast alle Tage herrlich und in Freuden. Und über all diesen Freuden schwebte warm und leuchtend die eine, daß sie mit Herrn Schneider ausgehen und mit ihm tanzen sollte.

Am Tage vor dem Ausflug war sie auf einen Augenblick in ihre Kammer geschlüpft, um die ganze, fertige Sommersonntagspracht einmal recht mit Entzücken zu betrachten und liebkosend zu betasten. Da hörte sie Frau Sievers rufen. Schnellfüßig und vergnügt kam sie herbeigesprungen.

»Wir kriegen morgen Besuch zu Tisch, Anna; Sie können morgen nicht ausgehen.«

»Morgen –?« wiederholte Anna mechanisch. Sie konnte nicht mehr herausbringen. Das Herz blieb ihr stehen.

»Ja, es tut mir leid; aber das läßt sich ja nicht ändern. Sie können ja 'n andermal dafür ausgehen. Sie müssen heute abend noch zum Schlachter gehen und bestellen, damit wir morgen ordentliches Fleisch kriegen. Vergessen Sie ja nicht!«

Damit war die Angelegenheit erledigt. Anna hatte für den ganzen Sonntagnachmittag Urlaub erbeten und auch nach einigen Einwendungen zugesichert erhalten; aber schließlich konnte man doch den Besuch, den Herr Sievers in so fideler Kneiplaune eingeladen hatte, nicht abbestellen, weil das Dienstmädchen ausgehen wollte.

Das erste Gefühl, das sich Annas bemächtigte, war fassungsloses Staunen. Sie hatte noch gar nicht ganz erfaßt, was Frau Sievers gesagt hatte. – – Es war ihr doch versprochen worden! – Aber das sagte ja nichts! – Sie wußte doch schon, daß man über ihre freie Zeit vollkommen frei verfügte! Es war doch schon immer so gewesen! Früher hatte es ihr nichts ausgemacht; dieser Sonntag oder ein anderer – das war ja gleich. Aber jetzt – morgen –?

Da faßte sie eine heiße, leidenschaftliche Wut; zum ersten Male, solange sie bei den Sievers diente, packte sie Zorn, Wut, ein Trotz- und Rachegefühl! Sie ballte die Fäuste, daß die Nägel sich ins Fleisch gruben.

Als sie dann sah, daß sie ohnmächtig sei, daß das für morgen nichts helfe, als sie an den Ausflug dachte und ihr Kleid, ihren Hut liegen sah, da warf sie sich über ihr Bett und weinte so ungestüm, daß sie am ganzen Leibe erbebte.

Die Nacht brachte sie damit zu, daß sie weinte oder, mit großen, trockenen Augen ins Leere starrend, ingrimmig in den Überzug der Bettdecke biß. Erst gegen Morgen schlief sie ein. – – –

Am Montag darauf hatte sie ihren Groll und ihren Kummer verwunden; sie hatte Übung darin, sich Wünsche zu versagen und sich in das Unvermeidliche zu schicken. Und am nächsten Sonntag ging sie mit Herrn Schneider – er hatte sich auch für diesen Sonntag freimachen können – mit Herrn und Fräulein Wichmann und noch einigen jungen Leuten die Elbchaussee hinunter nach Flottbeck und Nienstedten. Anfangs sprach sie fast gar nicht; sie konnte nicht sprechen vor innerer Bewegung und hatte die Empfindung, sobald sie ein Wort spreche, müsse ihr ganzes Gefühl hervorbrechen. Ihr war wie dem Gefangenen, der nach langer Kerkerhaft die blendende Freiheit wieder begrüßt und dem das Weinen näher ist als das Lachen. Die Gesellschaft suchte sie aufzurütteln, Schneider stieß mit ihr an und forderte sie auf, tüchtig zu trinken; sie lächelte freundlich, nippte an ihrem Glase und blickte wieder nach dem jenseitigen Ufer. Auf den stillen Werdern drüben, wo ein mildes, rötliches Abendlicht auf den weißen Mauern der Häuser und auf den langsam bewegten Windmühlen lag, ergingen sich ihre glücklichen Gedanken.

Um so lauter war Herr Schneider. Er erzählte unglaubliche Dinge von seinen Leistungen als Radfahrer und warf mit Sportausdrücken um sich, daß den andern schwindlig wurde. Als er sah, daß das nicht allzu sehr interessierte, ging er zu Witzen und Anekdoten über. Seine Scherze und Schnurren waren nicht immer schlecht; dabei besaß er eine große Gewandtheit im Erzählen und begleitete seine Erzählungen mit so drolligen Gesten und Mienen, sächselte, schwäbelte, berlinerte und mauschelte so echt, daß er alle und schließlich auch Anna zum herzlichen Lachen brachte. Dann schlug er einen Skat im Freien vor; aber man entschied sich, nun endlich nach Groths Salon zurückzugehen und zu tanzen. Den Weg dahin gingen die Damen und Herren gesondert. Die Herren meinten, Fräulein Menzel sei sehr still.

»Ja, trudjigDerbe Bezeichnung für eine gewisse bäurisch-furchtsame, zähe Passivität gegen alle Unterhaltungsversuche. ist sie«, bemerkte Herr Schneider mit einigem Ärger. »Aber was soll man sagen – Dienstmädchen! Küchenfee! Wird sich wohl noch ändern. Ich werde sie mal in Behandlung nehmen.«

»Du hast wohl Absichten, he?«

»Ne du, das weniger. Aber zum Poussieren ist sie doch ganz nett, was?«

»O ja, ganz schmuckes Mädel.«

Die Damen unterhielten sich zunächst über ihre Kleider und machten sich dann in harmloser Weise über die vor ihnen gehenden Herren lustig. Besonders gab die Eleganz, die Gewandtheit und Lebhaftigkeit des Herrn Schneider zu vielen Bemerkungen Anlaß, die immer zur Hälfte in Kichern untergingen. Aber es war nicht jenes Lachen, das den Männern verderblich wird; man verbarg hinter diesem Kichern die unverkennbare Tatsache, daß der Kommis als der Schneidigste den größten Eindruck machte. Bei ihren Geschlechtsgenossinnen wurde auch Anna lebhafter; sie beteiligte sich am Gespräch, ja sogar an den Scherzen über Herrn Schneider.

Groths Salon war erreicht. Wenn man von außen in den Saal blickte, sah man vor Staub und Brodem nur nebelhafte Gestalten vorüberschweben. In der Mitte des Saales standen rauchende, plaudernde Männer. Die Geigen mußten an Tonstärke ihr Letztes hergeben: es war die rücksichtsloseste Ausbeutung, die man sich denken konnte. Selbstverständlich konnte Anna tanzen, wenn sie es auch nie eigentlich gelernt hatte. Es ist das natürliche Vorrecht ihres Geschlechts, daß es mit drei Jahren Verständnis für die Blusen und Schleifen der Mutter zeigt und mit sechs Jahren zur Drehorgel mindestens eine korrekte Polka tanzt. Bei irgendeiner späteren Gelegenheit, aber nicht allzu spät, zeigt sich dann plötzlich, daß auch der Walzertakt von Anbeginn vorhanden gewesen und nur auf Musik gewartet hat.

Schneider fand sogar bald heraus, daß sie besonders gut tanze: leicht und mit Leidenschaft; sie gab sich offenbar ganz, mit einer frischen, jubelnden Genußfreudigkeit dem berauschenden Wirbel hin. Ihr wurde warm, sie trank, und wenn sie dann wieder in seinem Arm dahinwirbelte, schloß sie die Augen, und es war ihr, als wäre dies alles ein großer Festtag, als fege der Schwung der Geigen und Bässe sie und alle ringsum und das ganze Haus hinauf in die Lüfte, als schmetterten die Trompeten: »Freude, Freude, Freude in Ewigkeit!«

Als sie in Gesellschaft der andern am Arme Schneiders das Lokal verließ, stand ihr plötzlich der morgige Tag vor: der Waschtag! Sie empfand für einen Augenblick einen intensiven Chlorgeruch – und dieser Geruch zog hinter sich her die deutliche Vorstellung ihres alltäglichen Lebens; gleichsam mit einem Blick ihres Geistes umfaßte, begriff sie plötzlich erst die ganze entsetzliche Öde und Einsamkeit ihres bisherigen Lebens.

Und wie ein vom Tode Geretteter gegen seinen Retter, so empfand sie gegen den Mann an ihrer Seite eine unbegrenzte, schwärmerische Dankbarkeit. Sie sah ihn von der Seite mit Blicken der Verehrung an; denn sie empfand das, was er an ihr getan, wie einen Akt der Herzensgüte, wie eine großmütige Wohltat. Die nahe Berührung beim Tanze hatte ein Gefühl der körperlichen Fremdheit, das durch die lange Vereinsamung, durch die Gedrücktheit des Dienenden bei ihr besonders stark entwickelt war, besiegt: sie liebte ihn mit warmem, hingebendem Gefühl.

Auf der Chaussee war es bedeutend stiller geworden; man sah nicht mehr ein Gewoge von Spaziergängern und Ausflüglern wie am Tage, sondern nur noch vereinzelte Gruppen. Vom Strom herüber hörte man ab und zu das Rollen einer Ankerkette, das unheimliche Tuten der überseeischen Dampfer. Über die Villen und Parks am Rande der Chaussee fiel das Mondlicht, und hier und da tauchte zwischen weißen Landhäusern und gewaltigen dunklen Bäumen ein schimmerndes Stück des Stromes auf. Es war ein laulicher, mild umfangender Abend, dessen Hauch sich wie eine liebende Hand weich und doch fest auf Stirn und Augen legte. Schneider und Anna Menzel waren längst hinter den anderen zurückgeblieben. Er sprach in leisem Tone zu ihr, daß sie so vorzüglich tanze, daß ihr das Kleid so ausgezeichnet stehe, daß sie überhaupt alle anderen im Tanzsaal in Schatten gestellt habe. Er preßte ihren Arm; er sprach mit wachsender Erregung, und während er sie mit einer Flut von Schmeichelworten überhäufte, legte er leise den Arm um ihre Hüfte. Sie ließ es geschehen; sie sprach kein Wort; sie zitterte nur und sah abgewandten Gesichts in die dunklen Gärten hinein. Er zog sie mehr, als daß sie ging. Ein lässiger Rausch, eine taumelnde Schwäche war über sie gekommen; sie wußte das; aber sie wollte nicht widerstreben. Im Schatten einer Mauer zog er sie an sich und küßte sie. Ihr Kopf fiel schlaff auf seine Schulter. Dann plötzlich vor dem wachsenden Ungestüm seiner Küsse erschreckend, von einer unbestimmten Furcht erfaßt, riß sie sich los und lief einige Schritte voraus. Nun gingen sie eine Zeitlang so getrennt, sie wohl zehn Schritte vor ihm, bis er sie allgemach wieder einholte und sie wieder leise um die Hüfte faßte. Plötzlich wurden sie durch spöttische Zurufe aufgeschreckt. Am Eingang eines Gartenlokales standen ihre Gefährten.

»Na? Schöner Mondschein heute, was? Wir glaubten schon, Sie wären untern Schraubendampfer gekommen.«

Die Nachzügler mußten wohl oder übel noch eine Tasse Kaffee bei Ötker mittrinken. Aber sie waren sehr still und ungesellig; Schneider erschien sogar offenbar geärgert.

Von der Eisenbahn aus begleitete sie lästigerweise einer der Herren fast bis nach Hause. Vor ihrem Hause warf Anna einen forschenden Blick nach den Fenstern hinauf, ob auch niemand sie sehe. Dann nahm sie Abschied von Schneider. Sie schmiegte sich fest und innig an ihn und küßte ihn mehrere Male mit herzlicher Kraft. Aber seinem wieder hervorbrechenden Ungestüm setzte sie einen sanften Widerstand entgegen. Sie machte sich endlich los und eilte die Treppen zur Haustüre hinauf. Der Schlüssel drehte sich im Schloß – und sie war verschwunden.

Als sie in ihrer Kammer war und den Hut abgenommen hatte, warf sie sich in voller Kleidung auf ihr Bett. Die Hände unter dem Kopf, starrte sie mit einem seligen, abwesenden Lächeln zur Decke hinauf, während langsam eine Träne nach der andern an den Schläfen herabrollte. – – –

Zwei glückliche, zufriedene Monate folgten nun. Zufrieden blieb sie auch an den mühseligsten Tagen, die von Morgen bis Abend eine einzige Bürde waren. Sie hatte etwas von der treuen, aber knechtischen Gutmütigkeit des Pferdes, das für ein bißchen Freundlichkeit an den Strängen zieht, bis die Sehnen reißen. Hatte sich ihr sonst alles und jedes, bis auf die Geräte herab, mit denen sie täglich hantierte, in das graue Dunkel ihrer Einsamkeit gekleidet, so tauchte jetzt alles von selbst in den Hoffnungsglanz ihrer Liebe; das Scheuern und Waschen, das Putzen und Bügeln waren freundlichere, anheimelndere Beschäftigungen geworden. Sie war des Abends so müde, daß sie über ihre eigenen Füße stolperte; sie fiel mehr ins Bett, als daß sie sich legte; aber sie war auch des Abends noch glücklich. Sie fühlte sich am Morgen nicht dumpf im Kopfe; die Lider brannten nicht: die Gliedmaßen waren nicht träge. Der Kopf war klar und frei, und sie kam schnell aus dem Bette. Denn der Tag rüttelte sie nicht mehr mit mürrischen Worten auf; er sprach ihr leise etwas ins Ohr, und wenn sie die Augen aufschlug, stand er lachend da. Nichts ermuntert uns schneller und gründlicher, als wenn uns der Tag ein freundliches Gesicht macht.

Die freien Sonntage und Wochenabende brachte sie mit Schneider auf Ausflügen, beim Tanze, in Konzertgärten zu. Nach einiger Zeit glaubte sie zu bemerken, daß er sie zuweilen kühler, gleichgültiger, ja rücksichtslos behandle. Er setzte sich mit guten Freunden zum Skat nieder und ließ sie stundenlang allein sitzen, ohne sich ihrer anzunehmen. Sie empfand das; aber sie ließ es ihn nicht merken; sie liebte ihn zu sehr, um ihm ein Vergnügen zu stören. Auf einem Ausflug im beginnenden Herbst aber fühlte sie sich wirklich gekränkt. Er war in der Prahllaune und warf mit einem Stein nach einem Hunde, um mit seiner Treffsicherheit zu glänzen. Das Stück gelang ihm: der Hund lief heulend und mit eingezogenem Schwanze davon. Herr Schneider und einige andre Herren der Gesellschaft lachten von Herzen: die übrigen schwiegen. Nur Anna hielt ihm mit ruhigen Worten vor, wie er so etwas tun könne. Er hatte sehr wohl irgendwann einmal auswendig gelernt, daß dergleichen eine Roheit sei, und um so mehr ärgerte er sich. Er verhöhnte sie, und die durch den Vorwurf mitgetroffenen Herren stimmten triumphierend ein. Und selbst jetzt nahm er sich ihrer nicht an; er überließ sie ihrer qualvollen Verlegenheit, bis einer aus der Gesellschaft, der das Peinliche der Situation empfand, der Unterhaltung mit Entschiedenheit eine andre Wendung gab.

Als sie dann allein und im Dunkel nach Hause gingen, suchte er durch um so größere Zärtlichkeit den üblen Eindruck von vorher zu verwischen. Er war ein völlig anderer und tat, als wäre gar nichts geschehen. An das Vorgefallene rührte er vorsichtigerweise mit keinem Worte. Überhaupt, wenn sie des Abends allein waren, in der Laube eines Biergartens oder auf einem dunklen, einsamen Wege, dann entwickelte er eine überaus geschäftige Zärtlichkeit. Seine Beteuerungen und Liebkosungen wurden um so lebhafter, je mehr sie sich ihrer Behausung näherten; aber wenn das Mädchen, ein Ende machend, sich ihm entzog, brachen sie in ein kurzes, kaltes »Gute Nacht« ab. Sie war feinfühlig genug, um zu merken, daß er sie nicht ganz so liebe, wie sie ihn; daß er sie liebe, daran zweifelte sie nicht. Aber es fehlte ihr immer an seiner Liebe ein kleines Stück, das sie voll mache. Sie suchte dieses Stück aus ihm herauszulocken, sie wagte es, ihn herauszufordern, indem sie oft wie scherzend, aber ängstlich forschend zu seinen Beteurungen sagte: »Ach, das meinst du ja doch nicht so!« Dann verdoppelte er seinen Eifer und verschwur sich hoch und heilig; aber sie hörte nicht, wonach sie sich sehnte. –

An einem Oktobersonntag gingen sie ins Theater. Anna hatte die Erlaubnis erhalten, bis zwölf Uhr auszubleiben. Sie hatte nie ein Theater von innen gesehen; nach den kleinbürgerlichen Anschauungen ihrer Eltern wäre eine Ausgabe für derlei Vergnügungen ein geradezu verbrecherischer Leichtsinn gewesen; überhaupt war das Theater etwas für die »Feinen«, eine Stätte, wohin »unsere Art Leute« nicht gehörte. Außerdem hatte der alte Menzel nach einer weit zurückliegenden Jugenderfahrung die »Theaterspielerei« als »narr'schen Krom« bezeichnet.

Schon im Vestibül fühlte Anna jene beklommene Schüchternheit, die Menschen einer gedrückten Klasse in solchen Umgebungen zu befallen pflegt, und sie wunderte sich, daß Schneider den Mut hatte, den betreßten Portier ganz unbefangen anzureden und zu befragen. Auf den Treppen und in der Garderobe wagte sie nicht anders als leise zu sprechen; als sie aber auf ihrem Platz im »dritten Rang« saß und die vergoldeten Logenbrüstungen und weißen Säulen sah, den Kronleuchter und die Deckengemälde, und vor allem das Proszenium mit dem Vorhang, dieses verheißungsvoll geschlossene Tor mit seinem feierlichen Zauber: da verstummte sie ganz. Sie wurde nicht müde, sich in der halbdunkeln Rotunde umzuschauen. Sie überlegte, wie unendlich schwer es sein müsse, so hoch unter der Decke so schöne Bilder zu malen, und sie stellte sich vor, daß der schwere Kronleuchter durch den riesig hohen Raum hinunterfalle.

Da ertönte mit ernsten, breiten Akkorden eine Musik, so festlich-weihevoll, wie sie im Theater zu klingen pflegt. Anna schwoll das Herz, und sie blickte Schneider mit einem überglücklichen, dankbaren Lächeln an. Sie hatte bis dahin das Orchester gar nicht bemerkt; jetzt blickte sie hinunter und verfolgte aufmerksam die Bewegungen des Dirigenten. Dann schloß die Musik; das Glockenzeichen ertönte, und der Vorhang ging auf.

In gewisser Hinsicht hatten sie Unglück mit ihrem Theatergang: es gab »Torquato Tasso«. Schneider hatte es schon mit Mißtrauen erfüllt, daß nur »so wenig Personen« auf dem Zettel standen. Aber Anna war vom ersten Augenblick an völlig gebannt. Zum ersten Male kostete sie diese eigentümliche Romantik der Bühne, die über jede Dekoration, auch über eine ärmliche Bauernstube, einen Schimmer aus dem Lande der Seligen gießt. Und gerade das Zauberlaternenhafte der Bühne, diese feste Umrahmung des Bühnenbildes, die dem Ganzen auch bei höchster Täuschung doch unmerklich die Begrenzung des Spieles verleiht, gerade die halbe Wahrheit der Bühnenrealistik, diese ideal gestimmten Gärten, diese idealen Säulenhallen, diese wunderschönen Menschen in ihren vornehmen Gewändern und ihren edlen Bewegungen: das reizte sie, das erfüllte sie mit einem tiefen, sehnsüchtigen Entzücken. Auf den ins Blaue verschwimmenden Baumkronen des Hintergrundes, an den geraden Linien der Säulen verweilte sie oft mit langem Blick, ohne zu hören und zu sehen, was gesprochen und gespielt wurde. Wie bei jedem Theaterneuling war bei ihr zunächst das Sehen die Hauptsache; gleichsam unbewußt, willenlos ließ sie sich auf dieser Flut der Anschauungen treiben, hierhin und dorthin, und allerlei Nebendinge fielen ihr auf: ein kleines Loch in einer Kulisse, durch das ein Licht schimmerte und das sie mit Neugier betrachtete. Aber dann – wie sprachen diese Menschen da unten! Ein schönes Hochdeutsch hatte ihr immer besonderen Respekt eingeflößt; die Frau Zollamtsassistent hatte sehr schön gesprochen; deren Gaumen-R hatte sie für besonders vornehm gehalten. Aber hier sprach man doch noch ganz anders. Was sie von dem Stücke verstand, das folgerte sie oft mehr aus den Mienen und Gebärden der Personen, als daß sie die Worte begriffen hätte. Aber sie verstand doch vieles von den Worten, mehr als sie in ihrer abergläubischen Furcht anfangs gehofft hatte; sie verstand es so – so ganz innen; nur wiedersagen konnte sie es nicht. Und auch, wo sie gar nicht verstand, da lauschte sie mit jener Ehrfurcht, die das unverbildete Gemüt vor der geheimnisvoll und dennoch deutlich sich bezeugenden Schönheit und Erhabenheit empfindet, wie man der unverstandenen Sprache des Meeres oder eines brausenden Gießbaches lauscht.

Schon nach dem ersten Akt hatte sie ein Gefühl, das während des Abends noch wiederholt mit immer gleicher, schmerzlicher Stärke hervortrat: sie fühlte sich tief niedergedrückt von diesen schönen, edlen, guten Menschen da unten. Sie kam sich so schlecht, so gewöhnlich vor und empfand alsdann eine kurze, aber heftige Sehnsucht nach den schönen Menschen. Sie hatte durchaus den Eindruck von etwas ganz Wirklichem empfangen; Darsteller und Dargestelltes verschmolzen ihr in eins.

Der Streit zwischen Antonio und Tasso erregte sie sehr stark; die heftigen Worte, die blitzenden Degen – ihre Augen waren weit geöffnet; ihr Busen wogte. Mit ihren einfachen, primitiven Moralbegriffen sah sie in Antonio, der den armen schönen Tasso höhnte und reizte, einen vollkommenen, herzlosen Bösewicht. Und als dann Tasso noch dazu bestraft wurde, empfand sie für ihn das tiefste Mitleid

»'n ganz hübsches Stück,« hatte Herr Schneider nach dem ersten Akte mit einer gewissen verzweifelten Kraftanstrengung geäußert. Nach dem zweiten Akt sagte er nichts über das Stück; er war offenbar befriedigter; die gezückten Klingen hatten ihn etwas angeregt. Nach dem dritten Akt fand er die Sache »scheußlich langweilig«.

»Wären wir nur nach dem Thalia-Theater gegangen; da gibt es immer was Lustiges. – Ich will erst mal 'n Glas Bier trinken. Willst du mit?« fragte er kurz und gleichgültig.

»Nein,« sagte sie, »geh du nur!« Es tat ihr leid, daß er sich langweilte.

Der Vorhang ging wieder auf; aber Schneider war noch nicht da. Bei ihrer beschränkten Ängstlichkeit in dieser ungewohnten Umgebung hatte sie keine ruhige Sekunde; immer wieder sah sie nach der Logentür; von der Vorstellung sah und hörte sie nichts. Endlich kam er.

Nachdem er auch diesen Akt ausgehalten hatte, schlug er vor, fortzugehen und lieber in der Würzburger Bierhalle ein ordentliches Beefsteak und einen ordentlichen Schoppen zu genießen.

»Ach – –!« Sie sah ihn erschrocken an. »Das seh' ich nun nicht ein! Es ist doch so schön!«

»Na ja, wenn du mit Gewalt den Quatsch noch länger mit anhören willst – –« Er wandte sich heftig ab und sprach kein Wort mehr. Mit verbissenem Ärger starrte er über die Brüstung ins Parkett hinunter. Übrigens hatte er schon während des ganzen Abends eine Art unruhiger Zerstreutheit gezeigt, als beschäftige ihn etwas anderes. Es kam die Szene, in welcher Tassos Liebe zur Prinzessin ans Licht hervorbricht. Dem stürmischen Lauf seiner Worte folgte Anna mit klopfendem Herzen.

»Beschränkt der Rand des Bechers einen Wein,
Der schäumend wallt und brausend überschwillt?
Mit jedem Wort erhöhest du mein Glück,
Mit jedem Worte glänzt dein Auge heller.
Ich fühle mich im Innersten verändert,
Ich fühle mich von aller Not entladen,
Frei wie ein Gott, und alles dank' ich dir!
Unsägliche Gewalt, die mich beherrscht,
Entfließet deinen Lippen; ja du machst
Mich ganz dir eigen. Nichts gehöret mehr
Von meinem ganzen Ich mir künftig an,
Es trübt mein Auge sich in Glück und Licht,
Es schwankt mein Sinn; mich hält der Fuß nicht mehr.
Unwiderstehlich ziehst du mich zu dir,
Und unaufhaltsam dringt mein Herz dir zu.
Du hast mich ganz auf ewig dir gewonnen,
So nimm denn auch mein ganzes Wesen hin.«

Und – sie stieß ihn von sich – und eilte fort. – Wie konnte sie ihn nur von sich stoßen, der sie so liebte, der ihr so von Herzen gesagt hatte, wie er sie liebe!

Heimlich erfaßte sie ihres Geliebten Arm und preßte ihn fest an sich.

»Was soll ich?« fragte Schneider.

Sie schüttelte lebhaft den Kopf: er möge still sein.

Daß aber Tasso am Schlusse den Antonio einen edlen Mann nannte und zu ihm seine Zuflucht nahm, das verwirrte sie, das begriff sie nicht. Aber schön war es bis zum Schluß gewesen, und als der Vorhang langsam gefallen war, mußte sie sich die Last des Eindrucks durch einen langen, tiefen Seufzer erleichtern.

»Na – jetzt bist du ja wohl zufrieden, he?« fragte Herr Schneider in gereiztem Tone.

»Ja!« sagte sie, und sie versuchte, ihn mit ihrem Lächeln zu versöhnen.

»Na, Gott sei Dank!« sprach er mit einem kurzen Auflachen.

Er half ihr nicht beim Anlegen ihres Mantels, sondern ging, ohne sie zu erwarten, die Treppen hinunter.

Unten auf der Straße stimmte ihn die Aussicht auf die hell erleuchtete »Würzburger Bierhalle« beträchtlich freundlicher. Er gab ihr seinen Arm und sie gingen hinein. Sie mußte ein Beefsteak mit Eiern und mit Kartoffeln nehmen und noch Kompott dazu; er gab nicht eher nach, als bis sie einwilligte. Als er gegessen und getrunken hatte, war er wieder ganz aufgeräumt; er bestellte ein Glas Bier nach dem andern und rühmte sich, wie viele Seidel er vertragen könne, »wenn er aufgelegt sei«. Einmal, auf einem Ausflug nach Friedrichsruh, habe er sechsundzwanzig Glas getrunken. Nun, das sei ein heißer Tag gewesen, und von dem »leichten, hellen Zeug« könne man eine Masse wegsetzen. Von diesem schweren Bier könne er auch höchstens zwölf Seidel vertragen. Er quälte sie förmlich, sie solle doch mehr trinken; aber sie lehnte entschlossen ab. Sie hatte sich einmal verleiten lassen, mehr zu trinken, als ihr schmeckte, und das war ihr schlecht bekommen.

Auf dem Nachhausewege mußte sie noch mit in ein Café hinein, Schokolade trinken und Kuchen essen. Er hatte ihr durchaus Glühwein aufnötigen wollen; aber sie war standhaft geblieben.

Als sie ihren Heimweg fortsetzten, erzählte er unvermittelt, er werde nun bald seine Stellung drüben aufgeben und dann wohl ein Geschäft in Wittenberge übernehmen. Er wolle sich selbständig machen; ob sie dann seine »kleine süße Frau« werden wolle?

Sie schmiegte sich an ihn, blickte ihn lächelnd an und nickte stumm, mit scherzend lebhafter Entschiedenheit. Er malte ihr aus, wie es dann sein werde; dann würde sie sich nicht mehr für andre Leute zu schinden brauchen; dann würden sie sich alle Tage liebhaben, so ganz, ganz lieb – er umschlang und küßte sie immer öfter, immer leidenschaftlicher. Auf dem einsamen Wege störte sie niemand.

Vor ihrem Hause wollte er sie nicht mehr loslassen. Er bestürmte ihr Ohr mit leisen, schmeichelnden, hastigen Worten: Warum sie immer so kalt gegen ihn sei, so abstoßend; sie liebe ihn gar nicht, und er liebe sie doch so sehr, daß er es gar nicht mehr aushalten könne, und nun müsse er bald von ihr fort, dann werde er sie nicht einmal sehen, und sie würden ja doch nun bald Mann und Frau, das stehe ja doch fest, sie möge ihm doch auch einmal zeigen, daß sie ihn wirklich liebhabe, und ganz seine Geliebte sein, seine Frau – –

Sie zitterte in seinen Armen und suchte sich loszumachen. In ihrer Verwirrung griff sie nach einem äußeren, naheliegenden Vorwand. Aber was ihm denn einfalle – sie könne doch nicht – er sei wohl nicht gescheit – die Leute – –

Er glaubte, den Augenblick ausnützen zu sollen. Er wollte mit hineingehen; er wolle schon aufpassen, daß ihn niemand sehe, und schon wieder hinauskommen.

Mit einem jähen Ruck hatte sie sich losgerissen, um die Stufen zur Tür hinaufzueilen. Entdeckt werden – wie sie einen Mann im Zimmer hatte –! Die Schande konnte sie gar nicht ausdenken. Überhaupt hatten ihr immer die Folgen eines Fehltritts Entsetzen eingeflößt. Immer die Folgen hatte ihr die Mutter vor Augen gerückt – und in den Zeitungen hatte sie oft dergleichen gelesen. Sie mußte immer gleich an Kindesmord denken. Im Schaufenster des Panoptikums hatte sie einmal eine plastische Darstellung gesehen: »Die Kindesmörderin« –. Und einmal hatte sie auch ein Gedicht gelesen: »Horch, die Glocken hallen dumpf zusammen« –

Alle diese Vorstellungen fuhren ihr jetzt blitzschnell durchs Hirn. Aber ebenso schnell tauchte dann wieder ein warmes, mitleidiges Gefühl für ihren Geliebten empor. Sie streckte ihm beide Hände entgegen.

»Nicht böse sein, nicht böse sein, mein Gustav,« bettelte sie.

Er faßte ihre Hände und suchte sie wieder herabzuziehen. Aber sie riß sich wieder los.

»Nicht, Gustav, nicht! Es ist besser so,« flüsterte sie bittend. »Sag mir ordentlich gute Nacht.« Er stieg auch die letzten Stufen zu ihr hinauf und machte Miene, doch mit ihr hineinzugehen. Aber sie schlüpfte schnell hinein und schlug die Tür mit ängstlicher Hast zu. Einen Augenblick stand er still vor der Tür, dann lief er die Stufen hinunter und stürmte mit wütenden Schritten davon. Sie öffnete die Tür wieder und rief mit unterdrückter Kraft seinen Namen; aber er hörte nicht mehr oder wollte nicht hören.

Tief bekümmert ging sie in ihre Kammer. Sinnliche Erregung, Mitleid mit dem Geliebten und Furcht, ihn ernstlich erzürnt zu haben, stritten um den Vorrang in ihrem Herzen. Sie entzündete ihre kleine Lampe und, noch in den Kleidern, schrieb sie auf der Fensterbank einen Brief: Lieber Gustav, und dann ein paar herzliche, bittende und verheißende Worte, die ihn so bald wie möglich trösten und versöhnen sollten. Leute ihrer Gesellschaftsklasse kennen in der Regel keine komplizierten Briefanreden; auch der von Herzen Geliebte ist ihnen nur ein »lieber Gustav«.

Als am andern Morgen der Laufbursche zum Vorfragen kam, bestellte sie, was zu bestellen war, und gab ihm dann das Billett zur Besorgung an den Gehilfen. Der Bursche, der schon öfter Briefe von ihr an Herrn Schneider übermittelt hatte, machte ein erstauntes Gesicht.

»Herr Schneider ist nicht mehr bei uns,« sagte er.

»Herr Schneider – ist nicht mehr bei Ihnen?« Sie hatte unwillkürlich die Hand aufs Herz gedrückt. Nur stoßweise vermochte sie zu sprechen.

»Nein, Herr Schneider ist am Sonnabend abgegangen.«

»Ganz fort von Ihnen?« forschte sie. Sie meinte, es müsse ein Mißverständnis obwalten.

»Ja, ganz fort.«

»Wo ist Herr Schneider denn?« fragte sie ratlos.

»Ja, das weiß ich nicht,« erwiderte der Bursche.

Nachdem dieser schon längst gegangen war, stand sie noch immer auf dem Korridor. Davon hatte er ihr ja nichts gesagt! Aber endlich kam sie zu dem Schlusse, daß die Aufklärung dieser merkwürdigen Sache jedenfalls bald kommen werde. Wer weiß, weshalb er ihr davon nichts gesagt hat. Er hat vielleicht seine Gründe. Aber welche? Ein Verdacht stieg in ihr auf – aber sie unterdrückte ihn schnell wieder. Das konnte er nicht tun, denn dann – dann –

Es war ihr, als wenn sich mit einem Male wieder ein grauer Schleier über die ganze Welt ziehe – der graue Schleier von früher. Aber nur einen Augenblick – dann war es wieder hell. Das Salzfaß, die Pfannen, die Teller lächelten sie wieder an. Er liebte sie ja – sehr – sehr – das hatte sie ja erst gestern abend gesehen. – Aber warum nur – –?

Sie bemerkte endlich verzweifelnd, daß sie nun wohl schon eine halbe Stunde lang bald dies, bald das getan und angefaßt und doch nichts gearbeitet habe, gar nichts. Sie raffte sich auf zur Arbeit und machte sich an die Wäsche: aber wieder nach einer halben Stunde entdeckte sie, daß sie immer dasselbe Stück Zeug auf der Ruffel hatte.

Am Nachmittag brachte der Postbote einen Brief. Bon ihm! Sie eilte damit in die Küche und las: »Wertes Fräulein!« Sie griff nach dem Kuvert: der Brief war an sie, und er war von ihm. Sie las:

»Wertes Fräulein!

Bei meiner Abreise von hier sage ich Ihnen ein herzliches Lebewohl. Indem ich eingesehen habe, daß es mit uns doch nichts ist, hebe ich hiermit die Verlobung von meiner Seite auf und bedaure ich nur, es nicht schon früher getan zu haben, indem mir die Sache schon lange langweilig war.

Ihnen alles Beste wünschend,                                    
hochachtungsvoll ergebenst                        
Gustav Schneider, Kaufmann.«

Sie saß auf ihrem Küchenstuhle, als sie den Brief las. Sie starrte geradeaus und sah nur eines vor ihren Augen: ihr früheres Leben.

Sie sah es in einem einzigen Bilde: Wie sie an einem Sonntagnachmittag am Küchenfenster saß und durch den Regen in den Lichthof sah. Das war ihr früheres Leben.

Und von selbst traten ihr die Worte auf die Lippen: »Wie früher – wie früher – wie früher –. Sie stöhnte es vor sich hin, abwesend, unablässig, und dann wurde es zuletzt ein Wimmern, ein hilfloses Jammern. »Wie früher – wie früher – wie früher –«.

Sie sah die zinnerne Wanne, die halb mit Wäschestücken gefüllt war – und ein unwiderstehlicher Trieb gewann über sie Gewalt. Sie hatte keine Gedanken mehr; sie folgte nur noch diesem Triebe. Sie hob die Wanne auf, nahm den Bodenschlüssel vom Brett und stieg die vier Treppen hinauf.

Auf dem Boden setzte sie die Wanne nieder; sie hatte sie aus ganz mechanischer Gewohnheit mit hinaufgenommen. Geradeswegs schritt sie an das Fenster und stieß es auf. Sie stieg auf die Fensterbank, hielt sich mit der einen Hand am Fensterpfosten und schaute hinab. Sie schauerte zusammen. Dann schloß sie die Augen und ließ sich hinabfallen.

Hinab in den Schoß des großen Erbarmens.

Es war ein grauer, müder Tag; auf dem Kartoffelfelde war das alte Paar mit seinen Enkeln nicht mehr zu sehen, und die lustigen Hörner und Trommeln von drüben waren verstummt.

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