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Vom Strande des Lebens

Otto Ernst: Vom Strande des Lebens - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleVom Strande des Lebens
authorOtto Ernst
year1908
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleVom Strande des Lebens
pages1
created20020712
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1908
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III. Largo mesto. – Adagio religioso.

Das Meer breitet mir seine Arme von Aufgang bis Untergang und haucht: »Willkommen – willkommen – komm – komm.«

Aber zu meiner Rechten die Sonne, sie will versinken. Im Osten dehnt sich wachsend und wachsend die Steppe des Todes. Dort lauert die kommende Nacht.

Wohl umschwimmen die Sinkende noch tausend goldene Wolkeninseln in geselliger Schönheit. Aber von Norden und Süden kriechen die Zwillinge Dunkel und Finsternis heran und umgürten das Erdreich; ihre Schweife verknäueln sich im Osten; ihre klaffenden Rachen hauchen schwefligen Rauch gegen die Leuchtende.

Da welken die letzten goldenen Inseln und vergehen, und die Herrliche ist allein in ihrem Leide.

Dunkel und Finsternis haben sich gefunden und sind verwachsen zu einer violetten Mauer, die die Welt umlagert.

Einen schmalen Wolkenstreifen durchtränkt das Rot der Sonne. Wie Blut durch die Stirnbinde eines Kriegers dringt.

Aus der violetten Mauer wachsen drei schwarze Gebirgskegel empor, die umschließen das Tal des Entsetzens. Und die Sonne sinkt – versinkt in die züngelnden Nebel seines Grauens.

Da – da – Blut spritzt über den ganzen Himmel, Blut spritzt bis zum Zenit und über den Zenit hinaus! Das Grauenvolle ist geschehen; im Tal des Entsetzens ward die Sonne ermordet.

»Hahaha!« Eine Lachmöwe kommt von den drei Felsen geflogen und streicht so nah über mich hin, daß sie mein Haar mit ihrem Flügel streift.

Aber noch lebt sie, noch lebt die Sonne! Noch führt ein Weg zu ihr: eine Lichtgarbe reicht vom Westen bis zum Zenit. Und siehe: die drei Felsen sind eines Thrones Säulen geworden, und den Herrgott seh' ich sitzen auf seinem Stuhl. Ich sehe nur den Hinterkopf, der über die hohe Lehne ragt. Wohin er blickt, da ist Licht; denn sein Auge ist das Licht. Die Füße seines Thrones ragen durch Meer, Luft und Wolken; sein Haupt umspielen die ersten Sterne.

Lebt Gott und läßt er die Sonne ermorden?

Nun ist auch die Garbe des letzten Lichts verwelkt.

Was ist das? Wo die Garbe hinsank, ist roter Dunst! Ist es Nebel? Ist es Staub? Das ist Rauch! Das ist Feuer! Das sind schwarzrote Dämonenflügel, und Ragnarök ist da!

Gott und sein Säulenthron versinken in Flammen und Qualm.

Nun ist die Nacht gekommen.

Sowie das letzte Licht verbleicht, stehen mit einem einzigen Aufsprung alle Stimmen des Meeres auf. Mit heimlicher Hast umschlingen sich Meer und Nacht, die düstern Geschwister; die verhaßte Sonne ist tot, und mit heimlich wachsender Wut fallen sie herein über das Land, die Wohnstatt der Menschen.

Noch sind ihre Stimmen heimlich und wirr; aber sie wachsen, sie wachsen. Scheu blick' ich mich um: die Felsen des Ufers recken sich höher und höher. Im Dunkel wachsen die drohenden Dinge.

Und horch: vernehmbar rollt nun des Meeres Lied gegen Land und Klippen, das ewige Lied: »Ich hole dich doch – ich hole dich doch!«

In tausend Weisen singt es immer die eine Weise. Der Löwe Brandung brüllt sie, wenn er gegen den Felsen springt mit triefenden Pranken. Wie Kanonendonner reißt es sich los aus seinem schäumenden Rachen. Die Millionen Schlangen zischen sie, die gleißend über den Sand des Ufers gleiten. Es sind Millionen schillernder Schlangen mit Millionen von weißen Köpfen. Verstrickt zu einem Riesennetz, in dessen Maschen Gischt und Geifer hängt, fallen sie klatschend aufs Land und schießen wie Blitze über den Sand und züngeln nach meinen Füßen.

Graue Wölfe trappeln in unübersehbaren Rudeln daher aus grenzenloser Steppe. So dicht kommen sie gerannt, daß die Herausgedrängten auf den Rücken der andern weiterlaufen. Und mit weißen Lefzen und schlappenden Zungen bellen sie das Lied des Meeres, das ewige Lied.

Die Meerfrauen singen es, die Meerfrauen jauchzen es, wenn sie auf springenden Delphinen aus der Tiefe tauchen und ihre zerflatternden Schleier gegen den Himmel werfen.

Jeder Tropfen haucht es, der auf dem Strande zerfällt und vergeht; das ganze Meer heult es, wenn es zu einem Schlunde sich auftut und nach dem Felsen schnappt.

Smaragdgrün ist sein Schlund am Tage und durchscheinend im Lichte der Sonne; aber wenn die Sonne gegangen ist, ist sein Rachen schwarz und unergründlich, und durch weißtriefende Zähne brüllt es sein Lied: »Ich zwinge dich doch.«

Lebst du, furchtbare Macht? Ist eine Seele in dir, die sich mit der meinen berührt und bindet, die ihr Antwort gibt auf schweigende Fragen?

Eine kindische Lust erfaßt mich, die Furchtbare zu reizen. Ich grabe die Hand in den Sand der Düne und rufe in stummen Gedanken:

»Sieh zu, ob du mich bezwingst!« Sieh, da weicht die Flut zurück, und es wird stille den ganzen Strand entlang. Da läuft ein Murmeln den ganzen Strand entlang von Osten nach Westen, ein Zischeln und Tuscheln, ein Hetzen und Stacheln, ein Rennen und Raunen.

Eine schwächliche Welle läuft über den Sand – und noch eine – und noch eine. Ihr Glanz und Blinken ist ein lauerndes, listiges Lächeln.

Und dann naht es aus schwarzer Ferne, . . . . . rrrrrrrrrrrrrr . . . – wie eine Salve von hunderttausend Flinten rollen und rattern die Geschosse der Flut heran, und mit einem Wutschrei umschlingt sie aufspritzend meine Füße.

Und mit breitem, höhnendem Lächeln kriecht sie zurück.

Dich erkenn' ich, Geheimnis der Masse. In wenigen Tropfen ist es weich und milde, das Wasser, kühl und erquicklich, schwach und flüchtig, der Finger zerreibt es.

Im Strom und im Meer ist es groß und erhaben, tückisch und gewaltsam, zermalmend schrecklich.

Ein Augenblick großer Stille ist gekommen; fast lautlos branden und stranden die Wellen, und hörbar klingen meine Gedanken. Eine Möwe fliegt auf ruhigen Schwingen von Morgen gen Abend durch den ganzen Himmel. So durchmißt des Menschen Gedanke das Rund der Welt und bezwingt mit ruhigem Flügelschlag die Schrecken der Unendlichkeit.

»Hahaha,« ruft die Möwe herab, und die Stille wird schaurig durch ihr Lachen.

Wieder erhebt sich die Stimme des Meeres. Aber es brüllt und tobt nicht mehr, es singt. Nicht auf der Oberfläche schwebt dieser Gesang; er kommt tiefher, aus dem Innern des Meeres. Oft, oft schon hört' ich dieses seltsame Lied und kann es nicht entwirren, nicht verstehen. Ist es Drohung – ist es Klage? Mehr Klage dünkt es mich als Drohung.

Immer noch läuft das Meer gegen den Strand, und immer wieder sinkt es gebrochen zurück; denn es muß, es muß, es muß.

Es ist nicht sein Wille, daß es die Felsen zernagt und das Land zerreißt, es muß, es muß.

Je länger ich in sie hineinstarre, desto schrecklicher wird sie mir, diese Rastlosigkeit, diese traurige, zermalmende Rastlosigkeit.

Wind und Wolke, Mensch und Meer, ruhlos und rastlos werden sie gejagt vom Sturm der Notwendigkeit und wissen nicht, was sie tun.

Meer, du Klagegesang der Welt.

Wie klein ist in deinem Wehen mein Leid, wie erbärmlich, und darum wie groß!

Es ist ein winziges, alltägliches Menschenleid, und darum ist es ein erdrückendes Leid.

Ich habe mein Bestes, mein Fröhlichstes, Mutigstes verloren, mein Gesundes: meinen Glauben an die Zukunft der Menschenseele.

Ich habe das Häßlichste des Menschen gesehen: seine selbstbewußte Gewöhnlichkeit, seine alltägliche Durchschnittsgemeinheit, die tiefer entmutigt als Verbrechen und Laster. Das hat mich entwurzelt.

Wenn ich's den Menschen erzählte, würden sie lachen. »Er hat einen Antrag gestellt und ist damit nicht durchgedrungen – das ist sein Schmerz.«

Und aus vollem Halse würden sie lachen.

Wie einsam ist des Menschen Seele.

Nur du lachst nicht, Meer, du Klagegesang der Welt. Immer milder wird dein Klang, immer lockender und weicher, und es ist ein schwesterlicher Hauch in deinem Klange.

»Tu's – tu's – tu's – komm her!«

Auf und nieder, auf und nieder wiegt sich ein Weißes auf der dunkelblinkenden Flut. Es ist eine Möwe, die sich der schwankenden Wiege freut. Lange schon sah ich sie, und endlich bemerk' ich, daß sie tot ist. Wie eine weiße Flocke ruht sie auf des Meeres ewig wallendem Mantelsaum.

»Tu's – tu's – tu's – komm her!« haucht das Meer. »Wandre mit als ein Tropfen in meines Mantels ewig bewegtem Saum. Es ist ein reineres Los als mit den Menschen ringen. Und Leiden ist, soweit die Welten wandern.«

Seit langem seh' ich in äußerster Ferne am Horizont eine schwarze Masse. Mir scheint oder mir träumt, es ist ein Schiff. Mir scheint oder mir träumt, es segelt gen Untergang. Das ist mein Leben, es geht den tieferen Schatten zu.

Muß denn mein Leben diesen Weg nehmen?

Wenn man aus den Menschen nichts machen kann, so macht man etwas aus sich selbst!

Wie wär's, wenn man Diplomat würde.

Ein Narr, wer sich die Masse zu Feinden macht und sich um seinen Frieden bringt. Sei wie Dr. Ölmann, sprich vom hehren Idealismus und von der großen heiligen Kunst und ihren ewigen Gesetzen und gib ihnen Kunstfusel mit etwas Schiller. Für dich im stillen magst du dann sein und tun, was du willst. Du ruhst bis an dein Lebensende auf einem breiten weichen Polster, gemacht von feisten Menschenleibern, und kannst in dir das Menschentum »zur höchsten Blüte bringen«.

Aus dem Buschwerk am hohen Ufer klagt ein einsamer Vogellaut. Wo bist du, meine Seele? Du entschwebtest in die Irre und verlangst klagend nach Haus.

Nun erst ist das tiefste Dunkel gekommen. Wie ein flüssiger Körper umspült mich das Dunkel, und ich trinke das Dunkel, daß es in mir ist wie außer mir, und ich bin eins geworden mit dem Dunkel.

Heller und lauter ruft des Vogels Stimme aus dem Buschwerk, und die Akkorde des Meeres rauschen dazwischen. Über dem dumpfen Gesang des Meeres schwebt das zarte Lied wie eine irrende Schwalbe, wie ein zitterndes Licht . . .

Oder ist der Schimmer dort am Horizont in Wahrheit Licht?

Ist die Stimme des Vogels Licht geworden – ist jenes Licht im fernsten Dunkel ein Singen geworden? . . .

Bei Gott, es ist Licht – Licht, das weit hinten durch einen unsichtbaren Spalt der Wolkenmauer fällt!

Schier bis in den höchsten Sternenraum ist die Wolkenmauer gewachsen.

Und hoch, hoch oben an ihrem äußersten Rande – was ist das? Ist es Licht?

Nein, es ist nur ein Traum vom Licht.

Aber nun ist es wie Verheißung des Lichtes.

Und nun ist es wie Hoffnung des Lichtes.

Und nun ist es Glaube an das Licht geworden.

Und dann quillt es in zarten Flocken über den Rand: quellenreines, seliggeborenes Licht, weißsilbernes Licht, geblendet zitternd vor seiner eigenen Reinheit!

Und weiter den schaurig fernen Rand der finsteren Mauer entlang säumt es sich, wölkt es sich silbern und freundlich. Hinter den Nächten wandelt ein Licht.

Und dann kommt er selbst, der Mond, das redende Licht versonnener Stunden, die regungslose Fackel der Melancholie.

Langsam wandelt er über den Wolkenkamm dahin, langsam wie über einen Wiesenplan ein Flötenspieler wandelt, der weltentwandert das Lied des innersten Lebens spielt. Und mit ihm wandert, rollend und rauschend, in gleichem Gange des Meeres Gesang.

Und mit ihm ist meine Seele gezogen wie ein einsames Schiff, dessen Segel blinken im weißen Licht.

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