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Vom Strande des Lebens

Otto Ernst: Vom Strande des Lebens - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleVom Strande des Lebens
authorOtto Ernst
year1908
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleVom Strande des Lebens
pages1
created20020712
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1908
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II. Scherzo furioso.

Ja, sie haben sich gefreut! Und wie haben sie mir gedankt! Hahahahaa!

Zuerst bracht' ich es in der Vorstandssitzung vor: Mein Freund Feilhammer stellt uns seine Zeitschrift »Das Pantheon« zur Verfügung. Er will es all unsern Mitgliedern für den halben Preis liefern. Vielleicht hat er einen kleinen Überschuß dabei, vielleicht auch nicht. Aber wir genießen den ungeheuren Vorteil, daß wir ein vornehmes Organ haben. Unsre Gemeinde alle vierzehn Tage auf eine oder zwei Stunden versammeln, das bringt uns nicht vorwärts. In den langen Zwischenzeiten wird das bißchen Saatkorn zertreten, zerstreut, von den Spatzen gefressen. Wir müssen sie fortgesetzt bearbeiten, müssen in ununterbrochener Fühlung mit ihnen bleiben, müssen ihnen etwas in die Hand geben, was sie in jeder Feierstunde vornehmen können. Was können wir ihnen da nicht alles zu lesen geben, auch Schwereres, Tieferes, Größeres, was durch das schnell verwehende Wort des Mundes nur schwer in die Herzen dringt – herrlich, herrlich, herrlich! Wir gehen einer großen Zukunft entgegen –

Hmmmm . . .

Jaaaaaa . . .

Ääääääh . . .

Ich stutzte. Was war das? Sie griffen nicht mit sämtlichen 28 Händen zu?

Ich glaubte, meinen Plan nicht klar genug entwickelt zu haben, und begann von vorn mit der Erklärung und Begründung meines Antrags . . .

Jaaaaaaa . . .

Äääääähh . . .

Hmmmmm . . .

Ölmann lächelte sein Gegenüber an mit einem andauernden Lächeln, und das Gegenüber lächelte verständnisvoll zurück.

Endlich nahm einer das Wort. Der Herr Feilhammer könne mit seiner Zeitschrift wohl auf keinen grünen Zweig kommen und betrachte als solchen grünen Zweig nun unsern Kunstverein. Das Entgegenkommen sei etwas verdächtig.

Feilhammer – du lieber Gott, ein ganz unpraktischer, unpekuniärer Mensch, der sich aufs Verdienen ebensowenig verstand wie aufs Festhalten! Aber sie kennen ihn ja nicht, also schluckte ich meine Entrüstung hinunter und rechnete ihnen vor (so gut ich es verstehe), welchen Raub der gute Feilhammer günstigsten Falles bei diesem »Geschäfte« machen könne. Ich zeigte ihnen, daß er im Laufe eines Jahres noch keine zweihundert Mark dabei gewinnen könne, daß er aber sehr wohl genötigt sein könne, zuzusetzen. Ironisches Gelächter.

Nun wurde ich wütend und bat mir aus, daß man meine Gründe und Zahlen mit andern Gründen und Zahlen widerlege statt mit Lächeln, Brummen und Verdächtigen. Mehrere ergriffen denn auch meine Partei, und als es zur Abstimmung kam, wurde mit einer Stimme Mehrheit beschlossen, der Generalversammlung meinen Antrag zu empfehlen.

Aber bis dahin waren's noch vierzehn Tage.

In meiner Siegesmusik war plötzlich und wie von weitem ein pfeifender Mißton aufgezuckt.

Ich habe Tastorgane, die weit über die Grenze meines Leibes hinausreichen. Im Zusammensein mit Menschen fühl' ich's von Anfang an, ob eine vertrauliche Gemeinschaft sich entzünden werde oder ob sie allen Verbindungsversuchen zum Trotze kalt, verschlossen und träge beisammen lagern werden wie die spärlich angeglühten Scheiter eines mißglückten Herdfeuers.

Sowie ich an meinem Präsidentenplatze vor der Versammlung stand, die über das Schicksal meines Planes entscheiden sollte, wußte ich genau, wie ich daran war.

Ich hatte das Gefühl: die ganze Angelegenheit heute ruhen lassen. Nicht anfassen! Am liebsten nach Hause gehen und sich ins Bett legen. Es gibt einen Zusammenstoß. Aber wie hätte ich das begründen sollen. Oft gibt es für unsre sichersten Gefühle keinen Weg der Übertragung.

Ich entwickelte also meinen Plan. Das »Pantheon« sollte Organ des Kunstvereins werden und sollte aus der Vereinskasse bezahlt werden. Ich schilderte ihnen die Vorteile dieser Einrichtung mit bewußter Ruhe und Sachlichkeit, ohne Übertreibung und ohne Pathos.

Das Publikum saß vor mir wie eine glattpolierte, senkrechte Wand, an der ich hinaufsteigen sollte. Ich sah, wie meine Worte an ihnen herabrannen wie Wasser am wohlgefetteten Gefieder einer Ente.

Ölmann hatte sie eingefettet.

Wohl rührten sich am Schlusse meines Vortrags einige Hände zum Beifall; aber das wirkte auf die Mehrheit nur humoristisch, und einige zischten sogar.

Dann nahm Ölmann das Wort und sprach sehr korrekt, sehr sachlich und ohne meinen Namen zu nennen, mit lauter latenten Unverschämtheiten gegen meine Person. Wenn man ihn hörte, mußte man glauben, daß man aus irgendwelchen Vernunftgründen einen solchen Antrag überhaupt nicht einbringen könne und daß er aus anderen, noch in geheimnisvolles Dunkel gehüllten Motiven entsprungen sein müsse.

Wie, meinte Herr Dr. Ölmann, wenn nun im »Pantheon« etwas erscheint, was dem einen oder andern Mitglied nicht paßt? (Bravo, bravo, sehr gut!) Dann ist der Zwiespalt da. (Sehr richtig!) Ist es ein Blatt, das er persönlich abonniert hat, so schafft er es einfach ab. Das kann er aber mit dem Vereinsorgan nicht! Und doch wird es aus seiner Tasche mitbezahlt! (Stürmisches Händeklatschen.) Und dann: wenn wir so und so viel für das Organ ausgeben, dann behalten wir nicht genug in der Kasse für den Verein. Dann haben wir schließlich ein hypertrophisches Organ, an dem der Körper zugrunde geht. (Große Heiterkeit.) Man hat freilich gesagt, man könne das Budget für die Vereinsfestlichkeiten beschränken, die Mitglieder könnten anderswo und für ihr eigenes Geld tanzen und soupieren; wenn ich mich aber auf die Gesinnungen unserer Mitglieder nur halbwegs verstehe (o, er versteht sich ganzwegs darauf, der gute Ölmann!), dann würde eine solche Beschränkung nicht nach dem Sinne »derselben« sein. (Großer Beifall.) Ich sehe auch nicht ein, worin der Fortschritt liegt, wenn andre Leute für unser Geld soupieren. (Stürmische Heiterkeit und minutenlanges Händeklatschen.)

Ich konnt' mir nicht helfen: allgemach wurde mir die sattelfeste Gesinnungstüchtigkeit dieser Leute komisch. Das mag denn wohl auch auf meinem Gesichte gelegen haben, als ich erwiderte. Ich bemerkte ihnen, es sei auch früher schon in der Welt vorgekommen, daß Menschen über ein Kunstwerk oder über einen Gedanken verschiedener Meinung gewesen. Trotzdem stehe die Erde immer noch und bringe hervor Gras, Kraut und fruchtbare Bäume, Vieh und allerlei Gewürm. Ja, wenn das »Pantheon« heute zum ersten Male den Faust von Goethe veröffentlichen würde, dann sei mit Sicherheit anzunehmen, daß aus dem Kunstverein hervor Proteste laut werden und heftige Abbestellungen dieser Zeitschrift erfolgen würden. Der liebe Gott habe die Welt einmal so gewollt. Das sei aber auch gar kein Unglück; ohne Streit der Meinungen sei das Leben zwar molliger; dieser Streit aber verhindere das höchst bedenkliche, nicht genug zu fürchtende Embonpoint der Seelen, und es wäre doch schade, wenn der Kunstverein einen Schmerbauch bekäme und am Fettherzen zugrunde ginge.

(Hier tauchte in den hinteren Reihen der Versammlung mit der Geschwindigkeit eines springenden Fischleins ein Kopf auf, rief: »Blödsinn!« und war verschwunden.)

Natürlich, fuhr ich fort, könne in unserm Organ, dem »Pantheon«, jeder das Wort nehmen, der etwas zu sagen habe. Und wenn wirklich die Kasse zu stark in Angriff genommen würde, so könne man ja den Jahresbeitrag um 2  M (in Buchstaben: zwei Mark) erhöhen.

Was nun geschah, das spottet, wie wir Schriftsteller zu sagen pflegen, der Beschreibung. Man sagt, daß in Bayern eine Revolution ausbrechen würde, wenn man sich beikommen ließe, den Preis des Bieres um zwei Pfennige für das Liter zu erhöhen. Diese Leute gaben nicht ein Zehntel so viel für deutsche Kunst aus wie die Bayern fürs Bier, und siehe, hier brüllte der Aufruhr. Eine Meeresbrandung wälzte sich gegen mich heran. Und war der Zorn dieser Menge bis dahin doch mehr intellektueller Natur gewesen, so ward er nunmehr tief sittlich. Zwei Mark im Jahre mehr zahlen – das war eine freche Beschimpfung der heiligsten Instinkte, das rüttelte die trägsten Gewissen auf zu flammender Empörung.

Was wollt' es dagegen bedeuten, daß hierauf ein Mann auftrat und im Namen der richtigen und eigentlichen Sittlichkeit, nämlich der geschlechtlichen, protestierte. Es war ein Mann im Professor Jägerschen Normalwollkostüm. Dieses Kostüm zeigt die breite Brust eines Mannes in ununterbrochener Fläche, es verleiht daher dem Mannesbusen etwas Mauerhaftes, Festungswallmäßiges, für weltliche Versuchungen und Erleuchtungen ein für allemal Unzugängliches. Er sagte, im »Pantheon« hätte eine Novelle gestanden, die die Blutschande verherrliche. Da irrte der Mann; das Ödipusmotiv war mit größtem tragischen Ernste behandelt worden; aber er irrte um der öffentlichen Sittlichkeit willen, und das gab ihm Kraft.

»Wie?« rief er mit wogendem Normalbusen, »wie? Sollen wir ein Blatt zu unserm Organ machen, das wir vor deutschen Frauen und Jungfrauen mit Erröten verbergen müßten? Nimmermehr!«

Nun stand mir auch ein Freund auf und verteidigte das »Pantheon«. »Das ›Pantheon‹ hat alte und neue Götter geehrt, wenn sie nur Götter waren; es hat sich oft genug gegen herrschende Strömungen und Winde aufgelehnt. Das allein beweist schon, daß es nicht um des Geldes willen geschrieben wird.«

Das sei eben das Schlimme, erklärte jetzt ein Kollege aus dem Vorstande; wenn wir ein solches Organ akzeptierten, dann würden wir viele Leute vor den Kopf stoßen; ein Verein aber, der sich ausbreiten und recht viele Mitglieder gewinnen wolle, dürfe eben nicht gegen die herrschenden Strömungen im Publikum und in der Presse angehen. (Hier war ich so weit, daß ich einem vorübergehenden Kellner auftrug, mir einen Kognak zu bringen.)

Übrigens, fuhr der Redner fort, sei auch im Vorstand gar keine Stimmung für meinen Antrag gewesen; ich hätte den Herren meinen Willen aufgezwungen, wie ich sie überhaupt zu tyrannisieren pflegte. Alles, was ich für die Anschaffung des Organs geredet hätte, sei nur Ornament; der Hauptgrund werde verschwiegen; aber man kenne ihn wohl.

Dabei lispelte der Mann auf eine unangenehme Weise.

Das hieß also, ich wolle für mich selbst ein Profitchen herausschlagen.

Als man Scipio des Unterschleifs verklagte, ließ er die Dokumente bringen, die seine Rechtfertigung enthielten, und verbrannte sie vor den Augen seiner Ankläger.

Etwas Ähnliches hätte ich wohl auch tun sollen; aber mir fehlte die Toga. Und wenn ich mit Triumphatorschritten die Versammlung verließ, dann war mein großes Projekt gescheitert, und ich hatt' es doch zu lieb und wollt' es bis zum letzten Augenblick verteidigen; ich hatte mich doch zu tief dahineinphantasiert, wie köstlich und schön es sein werde.

Ich beging also die Dummheit, mich zu verteidigen.

»Ich fordere Sie auf,« so apostrophierte ich den geehrten Vorredner, »mir einen einzigen Fall zu nennen, in dem ich meine Präsidialgewalt mißbraucht und die Verfassung unseres Vereins gebrochen oder umgangen hätte. Ich fordere Sie auf, mir einen einzigen Fall zu nennen, in dem ich anders für meine Sache gewirkt hätte als mit Gründen und Beweisen.«

»Mir fällt nur im Augenblick nichts ein,« rief der Redner.

»Dann mögen Sie sich besinnen,« sagte ich, »und wenn Sie dann auch nichts anzuführen wissen, dann sind Sie nichts Besseres als ein Verleumder.«

Furchtbarer Tumult. Der stellvertretende Vorsitzende rief mich zur Ordnung. Ich hatte in der Tat vergessen, daß ich mich in gebildeter Gesellschaft befand, und ein Wort gebraucht, das von großer Roheit des Herzens zeugte.

»Was die Insinuation betrifft, ich wolle für mich selbst einen Vorteil herausschlagen, so bringe ich ein schweres Opfer, wenn ich auf diese Unterstellung anders antworte als mit dem Schweigen der Verachtung. (Hähä! Oho! Hähä!) An der Größe dieses Opfers mögen Sie ermessen, wie sehr mir die Annahme meines Antrages am Herzen liegt.« (Ironische Zustimmung.)

Und ich demütigte mich so weit, ihnen das Rechenexempel noch einmal ausführlich vorzuführen. Denn ich sagte mir: Sie müssen ja doch einsehen, daß dabei kein Eigennutz sein Schäfchen scheren kann, sie können ja gar nicht anders – aber eben, daß sie gar nicht anders konnten, das machte sie wütend. Und als ich ihnen sagte, sie möchten sich diese Bilanz von jedem beliebigen Buchhändler nachrechnen lassen, und als die zwei Mark in ihrer Tasche vor Anstandsgefühl schon unruhig wurden, da schrien sie: »Schluß, Schluß, Schluß!!!«

Nun mußte ich wohl einsehen, daß nichts zu erreichen war. Nun mußte ich wohl fühlen, daß noch ein tieferer Haß aus dieser Menge mir entgegenschrie. Ich hatte sie zu rasch, zu stürmisch emporreißen wollen zum Großen und Schönen. Sie waren mir gefolgt, geblendet, verblüfft, überrumpelt, mit dumpfem Respekt vor dem Heiligen, aber gegen ihre alten Instinkte. Nun endlich sprangen diese geduckten Instinkte gegen mich an und schrien nach Rache.

Daher blickte ich noch einen Augenblick mit zitterndem Herzen, aber mit ruhigen Augen in die Menge und sagte dann mit weithin vernehmbarer Stimme: »Kellner – zahlen!«

Und es ward eine große Stille. Und unter dieser großen Stille zahlte ich dem Kellner 75 Pfennige für einen Hennessy-Kognak und eine Flasche Sodawasser. Und unter immer noch währender Stille ging ich mit drei Freunden hinaus. Und noch denselben Abend waren wir unbändig lustig und tranken Porter, Ale, Rheinwein, Burgunder und Sekt, und schließlich Sekt mit Porter und amüsierten uns vortrefflich; denn Ärger, Schmerz und Gram muß man wie schlimme Medikamente in Kapseln oder Pillen einnehmen, mit einem Druck hinunterschlucken und dann eine Flüssigkeit nachgießen.

Und so genau stimmt dieser Vergleich, daß Ärger, Zorn und Gram genau wie Terpentin und Rizinusöl mit unfehlbarer Sicherheit wieder emporsteigen und von unten her jene Bosheit üben, die ihnen von oben her versagt war, zum Zeichen, daß dem Menschen nichts geschenkt wird.

Zu alledem schämte ich mich meiner Erziehungsresultate so entsetzlich, daß ich mich nicht auf die Straße wagte. Da packte ich meinen Handkoffer und floh bei Nacht ans Meer.

Am Meere tut meine Brust sich auf, und meine Seele wandert hinaus gen Mitternacht und gen Mittag, gen Abend und gen Morgen.

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