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Vom Strande des Lebens

Otto Ernst: Vom Strande des Lebens - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleVom Strande des Lebens
authorOtto Ernst
year1908
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleVom Strande des Lebens
pages1
created20020712
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1908
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Meersymphonie.

I. Allegro impetuoso.

Was hab' ich immer gesagt?!

Man muß die Menschen nur von der richtigen Seite packen, dann sind sie für alles Große und Herrliche leicht zu gewinnen.

Und doch bin ich überrascht, daß es so schnell und so glänzend gelang.

Wer hätt' es für möglich gehalten, daß dieses Neufeld, dieses verrufene »Banausennest« ein Kunstpublikum bekäme?

Ich habe hier mit mehreren Freunden einen Kunstverein gegründet, einen Aufruf erlassen, und in Scharen sind die Dürstenden herbeigeströmt.

Ich habe ihnen auseinandergesetzt, wie ich mir's denke, und dann gab es eine große Überraschung. Sie wählten mich zum Präsidenten.

Ich war ehrlich betroffen. Wie? dachte ich, fordern diese Leute nicht mehr von ihrem Führer? Imponiert ihnen das schon, was ich ihnen bieten konnte? Ich lehnte die Krone ab, nicht ausgerechnet dreimal, wie Cäsar, sondern einmal; denn es war mir Ernst mit der Ablehnung. Aber sie bestanden einstimmig darauf, und da hab' ich angenommen. Mit Zaudern und Bangen freilich. Aber es ist gegangen! Gut ist's gegangen!

Was ich mit der Kunst wollte, das war den Leuten neu.

Man behandelt die Kunst gewöhnlich wie der Spießbürger seine Frau; auf allen öffentlichen Banketten feiert er sie als »Hort des Idealismus«; aber will er sich's recht wohl sein lassen, dann läßt er sie zu Haus, und zu Haus hat sie höchstens in der Küche was zu sagen.

Sitz und Stimme gebühren der Kunst in allen euren Körperschaften.

Wie sie da die Augen aufrissen!

Auch im Landtagswahlverein?

Auch im Landtagswahlverein.

Auch in der Gefängnisdeputation?

Auch da.

Auch in der Kinderschule?

Besonders in der Kinderschule.

Denn unser Geist ist willig, unser Fleisch ist schwach. Langsam und spät hinkt hinter unserm Wollen das Vollbringen daher. Wohl horchen die Menschen auf mit leuchtendem Blick, wenn eine Stimme spricht von Herrlichem, das werden soll. Aber tönt die Stimme wieder und wieder, so lächeln sie mit herabgezogenen Mundwinkeln, und zuletzt hören sie gar nicht mehr zu.

Darum ist den Menschen eine Verheißung gegeben durch die Kunst. So werden einst die Wiesen leuchten und die Felder, so werden die Hügel klingen und die Haine, so werden die Seelen strahlen und flammen, wie sie flammen, strahlen und klingen in den Gebilden der Kunst! Die Kunst ist eine ewige Seligkeit auf Erden. In der Kunst ist all das Erhabene und Schöne, das Gute und Weise, das ihr ersehnt, zur Wirklichkeit geworden. Nicht zu einer Wirklichkeit, die ihr abpflücken und in den Mund stecken, die ihr zählen und in die Tasche stecken könnt. Dann hättet ihr keine Sehnsucht mehr, und das wäre das Ende der Menschheit. Aber doch ist es eine Wirklichkeit, die ihr im Hirn und im Herzen, in Augen und Ohren, in Nase und Zunge, in Händen und Haarwurzeln, in Blut und allen Nerven und Muskeln eures Leibes mit sinnlicher Gewißheit fühlt! Ein Trostgeschenk Gottes an die Menschheit ist die Kunst, ein Vorgeschmack unsrer Vollendung. Ein Künstler ist ein Mensch, der selige Sinne hat. Seine Sinne hören aus Felsen und Bäumen Worte und Töne eines höheren Lebens, und sie sehen in Worten und Tönen Bäume und Felsen einer beglückteren Welt. Und sein Auge vermag hunderttausend Augen aufzutun, daß sie wie er die stillgeschäftigen Geister ahnen, die über Berg und Tal die Schleier eines neuen Lichtes weben.

So sprach ich zu ihnen, und es schien mir, daß sie mich verstanden. Wenigstens gaben sie mir recht. Auch Dr. Ölmann, unser jüngstes Vorstandsmitglied, sagte vorläufig nichts.

Mit diesem Olearius ist es mir seltsam ergangen. Gleich beim ersten Begegnen stürmte er mich mit einem Hagel von Komplimenten. Aber ich muß etwas von einer steilen Mauer an mir gehabt haben; denn er zuckte sofort zurück und machte seine Pupillen so klein wie Stecknadelknöpfe. Ich hatte sofort das Gefühl: er will dich gewinnen, weil er dich für den Einflußreichsten in diesem Kreise hält. Da ihm das nicht gelungen ist, so ist er jetzt mein stiller Gegner. Äußerlich bleibt er immer der freundliche Kampfgenosse und Mitarbeiter; aber mit dem süßesten Lächeln von der Welt arbeitet er mir heimlich entgegen und unterwühlt mein langsames und stilles Werk. Er ist der »besonnene« Praktiker, der »das Publikum kennt und weiß, was es will«, und er tut mit der größten Liebenswürdigkeit so, als wäre ich der unpraktischste Phantast und Ideologe, der den Montblanc mit bloßen Füßen erklimmen will. Ich will die Masse für das Edle nur mit edeln Mitteln gewinnen; ich will sie nur durch Kunst zur Kunst hinleiten. Er tut mit vorzüglicher Hochachtung so, als wäre das ein ganz blödsinniges Unternehmen; man müsse zunächst auf die Neigungen der Masse eingehen, müsse ihnen Zugeständnisse weitestgehender Art machen, um sie nur erst einmal einzufangen, um sie gewissermaßen auf den Leim zu locken. Sein zweites Wort ist der »Erfolg«, und unter Erfolg versteht er nur, daß mindestens zweitausend Leute versammelt sind und wie besessen in die Hände klatschen. Er hat es auch durchgesetzt, daß ein Abend nach seinen »Intentionen« veranstaltet wurde. Ein ganz buntes Programm. Vorträge einer Liedertafel mit den üblichen fehlenden Tenören, Dialektanekdoten in Reimen, Couplets von roten Nasen und schwangeren Prinzessinnen, Lichtbilder und ein von Dilettanten gespielter Einakter. Die Liebhaberin war während der Aufführung ununterbrochen für ihren weiblichen Ruf besorgt, darum, wenn der Liebhaber sie umarmte, stemmte sie beide Arme gegen seine Brust, und er küßte in die Luft. Und die liebe Liedertafel sang das Lied:

»Wir ko–osen mi–it den Frau–auen gern,
Und keine, keine klagt's dem Herrn,
Denn Frauen, die kosen ja überall,
Denn Frauen, die kosen ja üüüüberall,
Ja üüüüüberall
Ja üüüüüberall
La lala, la lala, lalaaaaa,
La lala, la lala, lalaaaaa,
Denn Frauen, die kosen so gern.«

Und alles, was wahr ist: Der Saal war gestopft voll, und dieselben Leute,. die sich kurz vordem an einem Kleist-Abend zweifellos erfreut hatten, sie »applaudierten phrenetisch«. Schandenhalber wurde auch ein Gedicht von Goethe vorgetragen; denn Ölmann wollte zeigen, daß auch er die Leute zur hohen Kunst hinführen wolle. »Das muß ein Schauspieler machen,« sagte er, »das zieht am meisten.« Und er ist auf seine Art ein kluger Mensch; es ist wahr: wenn der letzte Komödiant, ja, wenn der Kassierer vom Theater mit gebrannten Locken ein Gedicht vorträgt, so findet das Publikum dies »künstlerischer«, als wenn es ein Mensch mit schlichtem Haar und schlichter, reiner und starker Empfindung spricht. Und Ölmann hatte einen in jeder Hinsicht »geschmalzenen« Komödianten erwischt, der keine Idee von dem hatte, was er deklamierte, der alles aus dem »Inschtinkt« und der »Inschpiration« heraus falsch betonte; aber er wurde mit Gewehrfeuer des Beifalls empfangen und mit einer Kanonade des Jubels entlassen.

Ölmann strahlte. Ölmann triumphierte. Er wurde von allen Seiten beglückwünscht, auch von zahlreichen Vorstandsherren. Ich sagte mir: wenn du ihm nicht gratulierst, werden sie sagen: das ist der Neid. Aber ich tat es doch nicht; ich konnt' es nicht. Man kann doch nicht ein Lump werden, um sich seinen guten Ruf zu erhalten. Nachher im Café sagte Ölmann immer wieder – so daß ich es hören mußte – » Das wollen die Leute! Auf diese Weise muß man ihnen beikommen. Was nützt mir alle Kunst, wenn ich die Leute damit aus dem Saal graule. Ich bin auch dafür, daß man sie während der Vorträge ruhig ihr Bier trinken und Zigarren rauchen läßt. Wenn die Leute am Abend ausgehen, dann wollen sie ihre Gemütlichkeit haben.« Und männiglich stimmte ihm zu, obwohl es eine Lüge war, daß das Publikum jemals hinausgegrault worden wäre. Sie hatten Storm und Mörike und Goethe und Keller und viele andre still und mit Freuden angehört.

Aber so fest sind sie freilich noch nicht in ihrem Geschmack, daß sie den Lockungen des Kunstfusels widerstehen könnten. Dazu bedarf es noch langer Arbeit.

Ein hämischer Zufall wollte, daß ich bald darauf mit einem Abend, den ich ganz nach meinem Sinne vorbereitete, einen Fehlgriff tat.

Ölmann ist ehemals – das erfuhr ich – ein ganz konservativer Kunstmann gewesen. Nach Goethe hatten noch ein paar halbwegs begabte Reimschmiede gelebt, und seit 1870 ungefähr war es mit der Dichtkunst aus, ganz aus, überhaupt aus. Es würden auch keine Dichter wiederkommen. Einen Goethe oder Shakespeare hatte die Natur nun schon gar nicht mehr zur Verfügung. Sein Professor hatte das gesagt, und der war Geheimrat.

Aber Ölmann ist eine Barometerseele und Windriecher. Er spürt das Wetter einen Tag voraus.

Und er merkte, daß die moderne Dichtung und Kunst allmählich modern wurde und daß ich meinen Verein für die neue Kunst und das Recht der Lebendigen erwärmt und gewonnen hatte. Da muß er in einer Nacht ein Gesicht gehabt haben; denn andern Tags war er »modern«, nun aber gleich bis auf die Knochen.

Jetzt war alles umgekehrt: was vor 1880 gedichtet hatte, das waren alles kindische Tapergreise, die einem Manne wie Dr. Ölmann nur ein mitleidiges Lächeln abgewannen. Höchstens Goethe hatte einige lichte Augenblicke gehabt, da, wo er sich mit der Moderne berührte.

Nun ist mir in meinem Leben nichts widerwärtiger gewesen als der Dummkopf, der sich fortschrittlich gebärdet, der »freie Geist«, der einmal in seinem Leben eine Wahrheit kennen lernte, sie sofort heiratete, ununterbrochen mit ihr und nur mit ihr Kinder zeugt, diese Person für das tugendhafteste aller Weiber, ihre Kinder für die schönsten aller Kinder hält und das Ganze als Aufklärung bezeichnet. Und kann der bornierte Konfessionsglaube wohl irgendwo lächerlicher sein als in der Kunst, die ein grenzenloses Reich der Möglichkeiten ist? Macht nicht gerade das den Künstler zum Künstler, daß er anders ist als alle andern Künstler vor ihm und nach ihm, daß er unvergleichbar ist? Ist nicht eben das der berauschende Zauber der Kunst, daß sie, die hunderttausendblütige, ewig neue Blüten hervorbringen wird und daß wir hoffen und wissen, sie werde uns immer Ungekanntes und Ungeahntes eröffnen? Ist nicht das Göttliche an Mozart, daß er göttlich ist wie Beethoven und daß sich unter seiner Hirnschale doch ein andrer, ganz andrer Himmel wölbt als unter derjenigen Beethovens?

Die Keplerschen Gesetze wären genau, was sie sind, wenn Kopernikus oder Galilei oder Newton sie gefunden hätte; aber Goethes Werk kann nicht Schillers Züge tragen, und Uhlands Lieder haben nicht Lenaus Stimme.

Es sind enge, niedrige, gehässige Geister, die, um ihr Gleichgewicht zu behalten, nach links schimpfen müssen, wenn sie nach rechts lobpreisen, und die aus einem mannigfaltig blühenden Garten ein Parteigezänk machen.

Und in mir regte sich der Trotz. Nun sollte ein ganz »Veralteter« zu Ehren kommen: Klopstock. Nun wollte ich, der Moderne, ihnen zeigen, daß in gewissen Gesängen des »Messias« und in gewissen Oden des Verachteten sternenlichtumwitterte Höhen und geheimnishauchende Schluchten sind. Ich wollte ihnen zeigen, ich, der Freigeist, daß das Ringen Klopstocks dennoch gekrönt war, daß seine Stirn in geheiligten Stunden doch den Gruß des ewigen Lichtes empfing, daß er in solchen Stunden doch einer von unseren Großen war. Und ich fand auch den richtigen Mann zum Vorlesen, einen Mann, der in seiner Seele die edle Kadenz des hexametrischen Pathos hat und dessen Augen, wenn sie solche Verse lesen, hohe Tempel und dunkle Haine auf steilen Höhen sehn. Aber es ist nicht zu leugnen: ich fiel durch. Viele gingen vor Schluß der Vorträge zum Biertrinken. Es war ein verfrühtes Experiment, und besonders nach den Couplets und der Liedertafel war der Übergang zu schroff.

Ölmann triumphierte wieder; er fühlte eine stille und reine Freude und tauschte mit vielen verständnisvolle und spöttische Blicke. Ich mußte in der Folge manche Reden hören, die nicht an mich gerichtet, aber für mich bestimmt waren. 47 Mitglieder wären nach dem Klopstock-Abend ausgetreten. Ja, ja. Ölmann stieg in ihrer Achtung.

Und ich werde dich doch überwinden, o Ölmann-Ahriman! Ich werde behutsam vorgehen; denn ich sehe, man muß die Menschen zum Guten überlisten, als wär' es das Böseste vom Bösen.

Ich werde ihnen das Seraphische nicht mit dem Klopstock einbläuen, sondern eine festere, volkstümliche Kost wählen, an der unsre deutsche Kunst so reich ist.

Und in meinem Herzen habe ich die schriftliche Versicherung: Sind sie erst eingewöhnt in ein vornehmes und feines Glück, dann verschmähen sie das Gemeine für immer. Und eines Tages werde ich ihnen meinen letzten Hintergedanken vertrauen. Ich werde ihnen sagen: Unsre Schulen, unsre Erziehung, unsre ganze Kultur muß neu geboren werden aus dem Schoße der Kunst.

Ich weiß, da werden sie stutzen und bäumen und mit den Hufen stampfen, besonders Herr Dr. Ölmann. Gewiß: sie halten mich dann für einen jener Narren, die aus ihrem Steckenpferd den Riesen Ymir machen, aus dem die ganze Welt gebaut wird. Sie glauben, ich wäre einer jener Toren, die unwissentlich ihre Seele zum Zentrum der Welt machen, einem Schuster gleich, dem die Welt nur zum Bestiefeln da ist und der sie nicht nur anthropozentrisch auffaßt, sondern schusterozentrisch. Sie meinen, ich wolle das Weltgebäude verdampfen lassen zu einem seligen Seufzer über ein Adagio von Beethoven. Denn die Geister meiner Vereinsbrüder arbeiten mit dem einfachen Mechanismus des Gegensatzes, wie eine Schere, die alles was ihr vorkommt, glatt in zwei Stücke trennt; Entweder – Oder.

Sie werden glauben, ich wolle den Gedanken und den Willen absetzen und das Gefühl auf den Thron erheben. Ich aber liebe den Gedanken wie meine rechte Hand und den Willen wie meine linke. Ich weiß, daß Wille und Gedanke des Menschen beide Hände sind, mit denen er die Welt ergreift und faßt, daß aber das Gefühl das Blut ist, das beide Hände durchrennt und nährt. Daß wir mit einer Seele die Natur erkennen und erfühlen und mit unserm Willen eingehen in ihren heiligen Entwicklungs- und Vollendungswillen: Das ist Kultur, und das ist das Ziel der großen Menschheitsreife. Nun seht ihr wohl, daß ich ans Ende unsrer Entwicklung nicht die Kunst stelle, sondern – ganz wie die Priester im schwarzen Rock – die ewige Seligkeit.

Und ich habe noch ein feines Mittel in Bereitschaft, um die Seelen meiner Freunde zu umwerben. Noch wissen sie nichts von dem Geschenk, nicht einmal der Vorstand weiß davon. Aber bald wird's offenbar, und dann werden sie sich freuen und werden mir danken!

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