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Vom Leben getötet

Unbekannte Autoren: Vom Leben getötet - Kapitel 3
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasserin
titleVom Leben getötet
publisherHerder & Co. G.m.b.H. Verlagsbuchhandlung
printrun16. bis 20. Tausend
editorM. J. Breme
year1927
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170218
projectid4d2328c0
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[Tagebuch]

20. Mai 1922.

Noch ist ja die blühende, goldene Zeit,
O du schöne Welt, wie bist du so weit!
Und so weit ist mein Herz und so blau wie der Tag,
Wie die Lüfte durchjubelt vom Lerchenschlag!
Ihr Fröhlichen singt, weil das Leben noch mait:
Noch ist die blühende, goldene Zeit,
Noch sind die Tage der Rosen!

Ehe ich mich Dir anvertraue, liebes Buch, muß ich mich wohl erst vorstellen. –

Ich bin Margarete Machan, geboren am 27. Juli 1907 zu Magdeburg, Tochter des Schuhmachers Joseph Machan und seiner Ehefrau Elisabeth geb. Schmitt. So steht es im Stammbuch – und es ist auch so.

Ich bin 14 Jahre. Habe noch 4 Geschwister: Fritz – 12 Jahr, Annchen – 11 Jahr, Berni – 9 Jahr und Lotti 5 Monat. Außerdem wohnen hier in Neuburg unsere nächsten Verwandten, Großvater, Großmutter, Tante Grete, Tante Frieda und Onkel Paul. Tante Grete ist Plätterin, Tante Frieda Schneiderin, Onkel Paul Seefahrer. Alle ledig. Doch nein – Tante Frieda heißt Frau Mann, sie verlor ihren Gatten auf tragische Weise. Es rührt niemand daran. Onkel Paul will im März, holla – Ende Mai Hochzeit halten; er bekommt ein Mädchen mit krausem, dunkelblondem Haar zur Frau, die verspricht, eine tüchtige Lebensgefährtin zu werden. So meint Mama. Ostern verließ ich die Schule, um den großen Schritt ins Leben zu tun. Das sind die Worte unseres Geistlichen, Pastor Hamanns.

Jetzt besuche ich die Haushaltungsschule. Lerne rechnen, schreiben, lesen, Kinderunterhaltung, waschen, plätten und kochen. Am meisten lernt man Blödsinn, denn es sind Mädchen unter uns, die Liebesbriefe schreiben und erhalten von irgend welchen Schülern. Dieselben stehen nach Schluß des Unterrichts an allen möglichen Ecken in der Nähe der Schule.

Marta Wieland ist die einzige mir Bekannte. Sie war meine Mitschülerin in der Schule. Wir sind die einzigen Katholiken. Das Essen, das wir brauen, ist wohl zu genießen, aber kaum stärkend für arbeitende Menschen. Aber der Begriff ist wenigstens da, wenn auch die Fettaugen fehlen. Unsere Lehrerinnen sind fast alle ältere Damen. Marta sagt, sie hätten den Anschluß verpaßt. Sie wirken recht erzieherisch; ihr Anzug ist oft lächerlich, wie Marta findet. Alte Damen (Jungfern) bleiben in der Zeit und Mode, in der sie jung waren. Unsere alte Dame hat uns schon einen Vortrag über Liebe und Ehe gehalten und auch über Babypflege. Auf das Letztgenannte verstehe ich mich glänzend, denn wie oft habe ich unser kleines Lottchen baden und ankleiden müssen. Ich habe auch Mutti im Wochenbett gepflegt und den Haushalt geführt. Einmal habe ich Hasenbraten gemacht; Papa sagt, er habe ihm noch nie so gut geschmeckt; er wollte mich foppen, das merkte ich wohl. Geschmeckt hat er aber, das sage ich selbst und Herr Braun auch, der schon 2 Jahre bei uns wohnt und Sonntags zu Tische ißt. Herr Braun ist ein sächsisches Original.

Wir lernen in der Schule auch Puppenstuben-Anfertigung aus Papier, auch allerlei Spielzeuge. Alles in allem will man uns zu brauchbaren Menschen machen. Wir haben nur soviel Jugendübermut, und es ist schwer, uns zu zähmen. Aber Fortschritte machen wir.

In den freien Stunden gehe ich zu Schreibers in der Nordstraße.

Ein Puppenhaushalt, ich sah kaum so ähnliches.

Frau Schreiber ist eine ruhige, kränkliche, alte Dame und behandelt mich wie eine Tochter. Sie ist die Schwester von unserem Hausarzt.

Herr Schreiber, ein gemütlicher alter Herr, liebt seinen Garten über alles und umsorgt seine leidende Frau rührend. Sie haben ihren einzigen Sohn verloren, seitdem ist Frau Schreiber nervenleidend. Es ist sehr traurig. Ich helfe im Garten und Haushalt.

So, liebes Buch, das bin ich bis heute; was nun kommen wird, Freud oder Leid, das vertraue ich dir an. Ich will hoffen, nur Freude. Ich bin noch so jung und so dumm und werde wohl nichts Großes erleben. Die Welt ist so groß und so schön, ich liebe alles, was schön ist, Menschen, Blumen – die sehr, sehr. Auf dem Lande war ich in der Kriegszeit oft längere Zeit zur Erholung; ich liebe auch das Landleben und fühlte mich dort in Seckhaus sehr zu Hause. Es war bei Horsts, ein moderner Bauernhof. Dort lernte ich reiten. Ich hatte die Pferde sehr gern. Herr Horst unterstützte immer meinen tollen Übermut. Er war musikalisch und lehrte mich das Klavierspielen. Jeden Morgen spielte er einen Choral, am Tage benutzte er jeden freien Augenblick zu Spiel und Lesen. Abends war es sehr harmonisch, dann saßen wir im »guten Zimmer«, und ich durfte üben. Frau Horst vertrat gänzlich Mutterstelle, und fast jedesmal, wenn ich bei ihnen war, erblickte ein junges Menschenkind das Licht der Welt. Ich habe in meiner Kinderzeit viel kennen gelernt, was zum Leben gehört; Frau Horst sagte, das schadete nichts.

Auf dem Felde arbeitete ich mit, und das tat ich zu gern; die Kühe waren meine Freunde, und die Schweine! Ich liebe alles, was lebt, und bewundere es, weil alles so seltsam und die Natur so rätselhaft ist. Am meisten liebe ich aber Eltern und Geschwister. Papa ist ein lieber, lieber, guter Brummbär. Arbeitet von früh bis spät, pafft seine Pfeife und spielt jeden Sonnabend seinen gemütlichen Skat. Er liebt die Fischerei und seine Kaninchen neben uns. Mutti ist eben unsere Mutti, und ich kann mir keine bessere vorstellen. Sie nennt uns »ihre Welt«. Erst verstand ich das nicht, aber Horsts erklärten es mir, und seitdem verehre ich meine Mutti und will immer von ihr lernen. Herr Horst sagte, sie hätte ein Herz wie Gold und einen feinen Idealismus. Das ist ein Wort, das ich noch nicht ganz verstehe, aber das ist ja egal, es muß jedenfalls etwas sehr Gutes sein. Meine Geschwister liebe ich, und wir verzärteln und bewundern alle unser Nesthäkchen Lotti. Wir haben in der Haushaltungsschule einen »Tagebuch-Klub« gegründet. Es sollen gegenseitig die Bücher ausgetauscht werden zum Lesen. Darum möchten wir recht viel schreiben, nur ich verstehe nicht so glänzend zu erzählen, aber so gut, wie irgend möglich, bringe ich wohl eine Erzählung zusammen, ohne mich lächerlich zu machen mit meinem Talent. Zu Dir habe ich nun Vertrauen, liebes Buch, denn Du bist schweigsam. Ich muß dich stets in Gewahrsam bringen, denn meinen Eltern und Geschwistern mußt Du verborgen bleiben. Ich blamierte mich ja so tüchtig.

 

5. Juni 22.

Frau Schreiber ist verreist. Sie war zu leidend und mußte nach Bad Pyrmont. Ich reinige nun selbständig das Haus und pflege die Blumen. Herr Schreiber ist mit mir zufrieden. Er sagt das so. Ich habe nur so leicht Rückenschmerzen. Wir waren deswegen zum Arzt. Ich sei blutarm, die Kriegsjahre machten sich bei mir bemerkbar, mein Körper sei zu lang; eine Erholung auf dem Lande würde von großem Nutzen sein. Ich dachte an Horsts. Doch Fritz weilt fast zwei Jahre in Steinbach bei Bauern und hat in dieser Zeit so oft im Briefe angefragt, ob ich denn nicht einmal meine Ferien bei Ringmanns (so heißen die Leute) verbringen könnte. So schrieb Mutti nach Steinbach. Heute nun kam Nachricht von dort; Sabine, die ältere Tochter, bat direkt um meinen Besuch. Fritz hätte soviel von seiner großen Schwester erzählt, die so gut turnen könnte, und mit dem Kopf zwischen den Beinen die ganze Stube durchtrudelte. Sie seien so neugierig auf das Trudeln und auf mich. Sie schrieb so ulkig, daß ich sagte: »Da muß ich hin, da passe ich hinein.« Wenn die großen Ferien beginnen, reise ich nach Steinbach und erscheine wieder mit dicken Backen und runden Armen. – Hallo!!

 

16. Juli 22.

Morgen dampfen wir ab. Unsere Nachbarin (rechts von uns), Frau Klein und Rudel, ihr Sohn von 13 Jahren und Emmy Harthaus (Nachbarin links) fahren mit mir, auch unser kleiner Berni. Auf Fritz' Fürsprache können die Jungens in den Ferien bei Bauern untergebracht werden. Ich freue mich, denn ich sehne mich nach Kuhstallduft, Hühnergeschrei und Torfgeruch. O ich kenne alles genau und bin gern, sehr gern auf dem Lande. Morgen früh 6 Uhr beginnt unsere Reise. Ich lasse mein Buch zu Hause, auf dem Lande ist Zeit zum Schreiben selten übrig, und die Bauern würden lachen. Es leben auf dem Hofe der Besitzer, Herr Ringmann, zwei Söhne, Heinz und Hans, zwei Töchter, Sabine und Anna; die Frau ist tot. Fritz dient als Zeitvertreib im Hause. Söhne und Töchter haben ihn gern, treiben manchen Scherz mit ihm und belehren ihn in allem. Er treibt die Kühe zur Weide und hütet mit dem alten Bauer die Schafe. Es sind 300 Heidschnucken. Sabine schrieb einmal, Fritz liebe das Schafehüten. Er wolle später einmal Schäfer werden. Er liege lang im Grase und blicke mit seinen großen Traumaugen in den schönen blauen Himmel, das sei seine Lieblingsarbeit. Die Rehe aus dem nahegelegenen Walde sind seine Freunde. Hans hat eine Futterstelle errichtet, damit Fritz seiner Liebhaberei nachgehen kann. Sabine aber hat Fritz das Stricken gelehrt, weil jeder Schäfer das tut. Träumen ist nicht immer gut und taugt nicht immer fürs Leben, schrieb sie. Fritz habe große Lust zum Stricken und kann nun schon einen fehlerfreien Strumpf stricken aus Heidschnuckenwolle.

So leb' nun wohl, liebes Buch, in 5 Wochen sehen wir uns wieder.

 

21. November 22.

Ich habe Dir viel mitzuteilen, denn ich war länger fort, als ich dachte. Ich weile zum Besuch, und ich habe Fritz, Rudel, Emy und Berni mitgebracht. Mein langer Körper gebrauchte gute Nahrung und darum hatte Mutti versucht, mich von der Haushaltungsschule frei zu machen. Und es gelang. Nun hatte ich aber große Sehnsucht nach Hause. Wir kamen ganz unverhofft, und Papa und Mama waren voller Freude, und das Haus war voll. Wir brachten soviel Lebensmittel mit, Mutti war ganz gerührt. Als alles ausgepackt war, Wurst, Speck, Schinken, Butter, Mehl, Obst und sämtliche Kleidungsstücke, da war alles belegt und kein Plätzchen mehr zum Sitzen da. Klein Lotti hat sich glänzend herausgemacht, ist zu drollig. Mama und Papa behaupten, wir seien alle dicker geworden, und ich sei sehr gewachsen. Am 28. Juli starb Herr Ringmann am Herzschlag. Er war so gesund, so blühend und rüstig und starb so plötzlich. Am selben Tage traf auch mich ein Unglück. Wir waren beim Heuen. Ich stand zwischen zwei Wagen und war im Begriff, auf den Wagen zu steigen. Plötzlich schlug ein Pferd aus und traf mich an den Leib. Vor Schmerzen fiel ich bewußtlos zusammen. Man brachte mich auf einer Bahre ins Haus, zur selben Zeit, als Sabine ihren toten Vater mit Hilfe einiger Nachbarn in seine Kammer trug und ihn bettete. Ich war 14 Tage sehr krank, und der Arzt kam jeden Tag, dann erholte ich mich langsam. Meinen Eltern schrieb man nichts von dem Unglück, denn ich wollte es nicht, weil sie wohl in größter Sorge gewesen wären. Ich sage es ihnen auch jetzt noch nicht, und Fritz muß auch schweigen. Sie würden mich auf keinen Fall wieder nach Steinbach lassen. Nur Dir vertraue ich es an, liebes Buch.

 

10. Dezember 22.

So gerne ich noch bis Weihnachten im Elternhause geblieben wäre, ich muß nun wieder fort. Ich gehe gern und doch so schwer. Meinem Körper zum Nutzen und deshalb meinen Eltern zur Freude, gehe ich gern. Meine Tante Grete hat sich verheiratet und wohnt in Rahndorf. Sie hat ihrem Jugendfreund Heinz Müller die Hand zum Ehebund geboten, und beide haben sich sehr lieb. Onkel Heinz hat in Rahndorf ein Partiewarengeschäft und auch Verkauf von Herren- und Damengarderobe. Ich war mit Papa zum Besuch, und Papa kaufte mir einen neuen Mantel, grau mit roten Karo, sehr kleidsam und warm. Ich habe mich riesig gefreut, des Mantels wegen, und weil ich einen so lieben Papa habe. Mutti hat mir ein Kleid angefertigt, und so ausstaffiert kann ich wieder reisen. Wenn sie wüßten, wie unendlich gern ich bei ihnen bliebe; denn ich habe alle so sehr lieb. Und noch eins. Der älteste Sohn und jetzige Besitzer des Hofes ist oft so eigenartig zu mir, ich fürchte mich vor ihm. Er sieht mich oft so komisch an, und ich bin deshalb oft verlegen und flüchte, sobald ich ihn in meiner Nähe weiß. Er hat schon versucht, mich zu umfassen, aber ich wehrte ihm, weil er mich stets verfolgt und zwischen knirschenden Zähnen flüsterte: »Einmal fasse ich Dich doch, Du Racker.« Ich kann niemand mein Leid klagen, ich bitte nur immer um Hilfe bei meinem Schutzengel, das gibt mir Mut. Bina, Anna und Hans meinen es sehr gut mit mir, ihretwegen fahre ich mit Freude hin, und Fritz ist ja auch bei mir. Hans ist wie ein Bruder zu mir und ganz anders als Heinz. In der ersten Zeit meines Besuchs in Steinbach war ich wild wie ein Junge, und Hans war stets mein Kamerad. Sobald er mich einmal erwischte, war es beim Heuen, beim Moorstechen, wo wir auf irgend eine tolle Idee kamen, zum Beispiel im Scherz beim Rangeln, dann hob er mich auf seinen starken Arm, blickte mich so lieb an und setzte mich dann behutsam nieder. In der Zeit meines Krankseins war er besorgt wie eine Mutter oder ein großer Bruder. Es war einmal beim Moorstechen. Ich geriet ins Moorwasser und rief in höchster Not: »Hans, Hans!« Da lief er schnell herbei, hob mich auf seinen Arm und watete mit mir zurück. Dann setzte er mich hin und sagte: »Um ein Haar, und wir hätten kein Gretchen mehr gehabt.« »Hans, wie soll ich Dir das jemals danken, Du bist so gut«, sagte ich. Er strich behutsam über meine vor Schreck kalten Hände und sagte: »Ich freue mich so, daß Dir nichts passiert ist, Gretchen, und habe einmal ein liebes, kleines Mädchen auf dem Arm gehabt; und nun lache mal, und guck mich mal an, jetzt ist der Schreck ja vorbei.« Wir lachten beide. Hans ist kein gewöhnlicher Mensch. Er ist klug, und ich habe viel gelernt von ihm. Er hätte studieren müssen. Die 2 Brüder sind grundverschieden. Ebenso beide Schwestern. Bina ist eine geborene Bäuerin; Anna dagegen hat Hang zum Besseren. Sie war im Kloster in Pension und möchte gern in die Stadt. So wird das Weihnachtsfest kommen, und ich bin fern vom Elternhause. Nur ein Wort, ein einziges Wort von mir, und man ließe mich nicht fort. Aber nein, sie erwarten mich dort, und zu jeder Zeit kann ich ja ins Elternhaus zurück. Und Weihnachten will Papa kommen. Er will ein Schaf kaufen und dasselbe geschlachtet mitnehmen. Wenn Papa kommt, bringt er Weihnachtskuchen mit, von Mutti gebacken. Darauf freue ich mich jetzt schon und Fritz auch. Diesmal will ich mein Buch mitnehmen, denn die Winterabende sind lang, es gibt oftmals ein einsames Stündchen, das ich dann benutzen will zum Plaudern. Dann fühle ich mich der Heimat und den Eltern nahe.

 

Am 1. Weihnachtstage 1922.

Sie sind alle zur Kirche. Ich bin allein und voller Sehnsucht, darum leiste mir Gesellschaft, liebes Buch. Als ich gestern abend zu Fritz ging, mich zog ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu ihm, am heiligen Abend, da lag Fritz im Bett und weinte. »Fritz«, sagte ich. Doch weiter kam ich nicht vor Schluchzen. »Gretchen, woran denkst Du jetzt?« fragte er leise. »Ach Fritz«, sagte ich, »jetzt sitzen sie zusammen beim brennenden Weihnachtsbaum. Mutti hat schönen Bohnenkaffee gekocht, und sie essen Kuchen dazu. Papa sitzt rechts in der Sofaecke, wie immer. Fritz, ich sehe alles so deutlich. Berni und Annchen haben irgend einen Wunsch erfüllt bekommen. Wir haben immer noch kleine Wünsche gehabt, weil große nie erfüllt werden konnten, denn das Geld ist knapp. Aber stets waren wir zufrieden und dankbar. Nun schmiegen sie sich an Papa, der wohl eine gute Zigarre zur Feier des Tages raucht. Und jetzt denke ich an Lotti, ich sehe sie, Fritz, sie zappelt nach den Lichtern und jauchzt, und Mutti herzt und drückt das liebe Kleine. Wir sind heute arm, Fritz, denn wir sind fern von denen, die wir so innig lieb haben. Aber Fritz, ich fühle das, Mutti denkt in Sehnsucht an uns und weint wohl, wenn sie ganz allein ist. Gestern früh fragte ich Anna heimlich: ›Wer schmückt denn den Weihnachtsbaum?‹«

»Den Weihnachtsbaum?« fragte Anna ganz verwundert.

»Macht ihr denn gar keinen geputzten Tannenbaum?«

»Nein, das gibt's hier gar nicht, höchstens da, wo ganz kleine Kinder sind, aber die verstehen ja auch nicht viel davon. Bei Binas Freundin ist, glaube ich, dieses Jahr wohl ein Baum und wohl der einzige im Dorf, denn sie hat 3 kleine Kinder und ist aus einer Gegend, wo ein geputzter Baum Sitte ist.«

Mir kollerten die Tränen, ich dachte an Zuhause und an Fritz, der auch schon voriges Jahr ohne Baum war und gewiß voriges Jahr schon große Sehnsucht hatte, und er war ganz allein damals hier, und zu Hause glaubten wir ihn so glücklich und geborgen. Es war dann gestern mittag nach dem Essen. Wir hatten das Gebet gesprochen. Da sagte Anna: »Macht Horns Lene einen Baum dies Jahr, Bine?« Alle horchten auf, und wir sahen uns an, Fritz und ich. Und sie verstanden wohl alle. Bine ist ja wie eine Mutter. Heinz lachte und sagte: »Richtig, wir haben ja Kinder, Fritz ist verständig, aber das kleine Gretchen. Huch, jetzt heult sie schon.« Er meinte es nicht böse, es ist seine Art so. Aber die Weihnachtsstimmung macht so weich. Hans sagte auch nichts. Er ging hinaus. Dann war es nachmittag zwischen fünf und sechs beim Vesperläuten. Wir gingen von der Kirche fort und wollten nach Hause. Da kam Hans zu mir und sagte: »Komm Gretchen, wir machen noch einen kleinen Umweg, Fritz willst Du mit?« Fritz kam mit.

Wir gingen in die Heide zum Walde. Es hatte nur wenig geschneit, und jetzt war der Himmel sternenklar. Vor einem kleinen Tannenbäumchen machte Hans halt. Er faltete die Hände und sagte: »Laßt uns das Vaterunser beten.« Wir beteten. Dann nahm er uns, links Fritz, rechts mich in den Arm und sagte: »Hier ist euer Bäumchen, liebe Kinder, und ringsherum leuchten euch die Sterne dazu, hier seid ihr dem lieben Gott und euren Eltern am nächsten, und eure Sehnsucht wird etwas gestillt. Ihr habt so liebe, warme Herzchen, und die Herzchen weinen heute. Seht mal, dieselben Sterne, die euch hier leuchten, und die der liebe Gott angezündet hat, die leuchten auch in Neuburg und leuchten jedem, der einsam und verlassen ist, und denkt daran, wie viele Kinder es gibt, die weder Vater noch Mutter haben, die ganz allein in der Welt stehen, und noch dazu ohne Liebe. Seht, wir haben euch lieb, denn nicht nur eure Eltern haben euch uns anvertraut, auch der liebe Gott, und das, was Gott anvertraut, muß man heilig halten und ehren. Wir wollen auch in stiller Andacht an den lieben Heiland denken und an die Gottesmutter, die jetzt bei uns ist, und die euch über eure Sehnsucht hinweghilft.« Er betete noch einmal leise das Vaterunser. Und wir fielen mit ein.

»Hans, Du bist so gut«, sagte ich und küßte seine harte Hand. »Ich habe euch nur lieb, und nun blickt noch einmal um euch und über euch und sagt dem Bäumchen Lebewohl, und dann wollen wir nach Hause gehen.«

»Weißt Du Hans«, sagte Fritz, »wir binden an diesen Baum ein Zeichen, denn er ist unser Freund in Not geworden, und Sommer und Winter begrüßen wir ihn. Und wenn wir nicht mehr in Steinbach weilen, dann besuchst Du ihn wohl einmal und denkst an uns.« Wir suchten in allen Taschen herum, da fand Fritz ein Überbleibsel von einem Schlips. Wir knoteten es an den Baum, sagten Lebewohl und gingen munter nach Hause. Man erwartete uns zum Abendessen, und Heinz sagte: »Na, was habt ihr wieder zusammen ausgeheckt, Du machst doch alle Tollheiten mit Hans.«

»Du bist ja ebenso«, lachte Bine. »Kommt Kinder, wir wollen zu Tisch gehen, laßt uns beten, auch für die Armen und Verlassenen, die heute Not leiden.« Wir sahen uns an, Hans und ich, und ich fühlte mich so geborgen.

Nach dem Essen beschenkten sich die Geschwister. Fritz bekam eine wollene Unterjacke und ich einen gestreiften wollenen Unterrock. Ich hatte ein Bild gemalt, eine Winterlandschaft, und Fritz überreichte Heinz ein Paar selbstgestrickte Strümpfe. Dann machten wir uns auf und gingen zu einem andern Bauernhof. Am ganz entgegengelegenen Ende des Dorfes, zum Bauern Reit. Aus diesem Hause stammt der im Kreis so sehr bekannte Menschenfreund Reits Jürgen. Jahrelang durchwandert er schon den Kreis, durchkostet Not und Entbehrungen, lebt ein Christusleben, ist den Menschen mit Rat und Tat zu Hilfe. Die Menschen aber verstehen ihn nicht, und er wird wohl geachtet, aber auch verlacht. Er war Student, und seine Sehnsucht war ein Pilgerleben. Aus diesem Hause stammt nun auch die Braut des Ringmannschen Erben, Heinz Ringmann. Er feierte gestern Verlobung. Sie passen zueinander wie ein Ei zum andern. Sie ist recht blöde und schielt. Aber ihre Aussteuer ist so groß, daß zwei Heuwagen kaum reichen. Von Mutti kam heute früh ein herzlicher Weihnachtsgruß und die Nachricht, daß Papa morgen, den 2. Festtag, in Osthausen eintrifft, wo wir ihn erwarten sollen. Hans beschäftigt sich viel mit uns, und ich danke ihm das.

 

3. Januar 1923.

Weihnachten ging vorüber und Silvester.

Papa kam und brachte einige Geschenke mit, die uns so sehr erfreuten. Von Mutti ein großes Stück Kuchen und einen wunderschönen Brief, der soviel Liebe für uns enthält und so Todtrauriges. Etwas aus dem Brief schreibe ich hier nieder.

»Seht, liebe Kinder, ich bin ja doch immer bei euch, wenn auch soviel Meilen dazwischen liegen. Ich sah euch unterm Tannenbäumchen und die Lichter leuchteten euch ins Herz. Eure lieben blauen Augen sah ich, wenn auch einige Tränen darin standen, denn das fühlte ich, ihr hattet Sehnsucht, so wie ich. Nun ist Papa bei euch und ihr wißt ja auch, daß ihr immer von Elternliebe umgeben seid. – Am 3. Festtag will Tante Grete kommen und Onkel Heinz. Von Westfalen erhielten wir am heiligen Abend einen Brief, worin uns mitgeteilt wurde, daß Papas Schwester sehr schwer krank im Hospital liegt, die Kinder sind auch ohne Mutter, und nun gar ist die Mutter lebensgefährlich krank. Wenn der liebe Gott sie zu sich nimmt, so sind 4 Kinder mutterlos. Du kennst ja Tante Anna und ihre Kinder. – Ihr habt mir ja stets versichert, daß ihr so gern dort weilt, und ich gab euch ruhigen Herzens dort in Pflege. Hans wird euch allezeit ein treuer Freund sein, denn er ist ein Sonntagsmensch, diese Menschen behalten bis ins Alter ein Kinderherz und verstehen ein Kind am besten, und fühlen und verstehen in Kinderaugen zu lesen. Das macht mich ruhig und erleichtert mir die Trennung von euch. Und wenn ihr dann in kurzer Zeit, nach dieser Trennung ins Elternhaus zurückkehrt, dann habt ihr die Heimat noch einmal so lieb und haltet sie wert. Bleibt hübsch gesund und kommt gekräftigt wieder. Das wünscht von Herzen

eure liebe Mutti.«

 

24. Januar 1923.

Anna ist in Hambach. Sie will den feinen Haushalt lernen und hat Familienanschluß. – Es ist hier Sitte, daß am Sonntagmorgen nach der Messe die heiratslustigen Bauernsöhne an die Fenster der bevorzugten Bauerntöchter klopfen, um beim Melken zu helfen. Finden sie Gehör, so öffnet die Erkorene das Fenster und stellt den Milcheimer aufs Fensterbrett. Das heißt: »Du kannst kommen.« Nun ist Anna fort, und Gerd Horn kam trotzdem und klopfte an unser Küchenfenster. Alle lachten und Bine sagte: »Er meint Dich, Gretchen.« Ich wurde verlegen und Hans sagte: »Fix, hol den Eimer, Gretchen, ein Vorsteherssohn darf nicht abgeschlagen werden.« Gerd klopfte noch einmal, da schrieb ich schnell einige Zeilen auf ein Zettelchen und drückte den Zettel an die Scheibe, so, daß er lesen konnte. Auf dem Zettel stand: »Gehen Sie bitte ein Haus weiter.« Da lachte er so schrecklich und kam herein, holte selbst den Eimer und ging in den Kuhstall. Wir alle hinterdrein. Wir amüsierten uns köstlich. Gerd wollte mich dann immer haschen und rief: »Die ist wie ein junges Reh.« Und Hans sagte: »Und Augen hat sie wie ein Märchen oder so unergründlich wie ein tiefer See.« Sie hatten wohl keine Ahnung, daß ich das hörte, denn ich war auf den Heuboden geklettert und wollte ihnen eine Portion Heu auf den Buckel transportieren. Da fand ich ein faules Ei und warf es zwischen Gerd und Hans auf die Diele. Sie schreckten auseinander. Hans rief: »Das ist das Zeichen zum Angriff.« Sie zogen die Röcke aus, und im Nu waren sie hinter mir her. Das war ein Sturm und eine Jagd und eine Rangelei im Heu. Ich war in meinem Element. Erst Bine machte ein Ende. Sie rief zum Pfannekuchenessen und schalt, daß wir den heiligen Sonntag so mißbrauchten. Aber alle lachten, da lachte sie mit.

 

2. Februar 1923.

In einem Brief erzählte mir Mama, daß Papas Schwester nun doch gestorben ist nach einer langen Nervenkrankheit. 4 Kinder haben nun keine Mutter mehr. Wir haben geweint, Fritz und ich, vor Trauer und auch vor Freude, daß unsere Mutter lebt, wir noch eine Mutter haben. Bine weinte auch. Dann schrieb Mama, daß wir Ostern für immer nach Hause sollten, es müßte nun auch daran gedacht werden, welcher Beruf für mich geeignet scheint. In einem baldfolgenden Brief wolle sie uns schreiben, wann sie uns erwarten will. Sie haben in letzter Zeit viel Verlust gehabt, das Geschäft ging nicht besonders. Auch muß bis zu meiner Ankunft Herr Braun ein Zimmer anderweitig haben, denn da ich schon erwachsen bin, müssen jetzt die Zimmer anders eingerichtet werden, und das Zimmer, das Herr Braun bis jetzt bewohnte, soll unser Mädchenstübchen werden.

 

22. Februar 23.

Wir sollen nun nach Hause, morgen. Herrliche Worte, die ich einzeln küssen möchte! Nach Hause! Ich hab's ja hier gut gehabt, und wir haben diese zweite Heimat lieb gewonnen, wir lieben das Landleben. Unsere große Sau hat 9 Ferkel bekommen, ich habe die ganze Nacht dabei gewacht und das gute Vieh gestreichelt. Sie wurde unruhig, wenn jemand, außer mir, in den Stall kam. So habe ich mich denn lang zu ihr hingelegt, und als der Morgen kam, waren 9 Ferkel da. Bine hat's im ganzen Dorf erzählt, und sie loben mich sehr. Na, und wenn ein Bauer lobt, das ist viel wert. Offen gesagt, etwas schwer fällt es mir jetzt, von hier zu scheiden. Mutti fragte, ob ich schneidern lernen möchte. Ich befürchte, mir fehlt Ausdauer zum Stillsitzen. Eigentlich möchte ich etwas ganz Besonderes lernen, ich weiß selbst nicht, wie ich das nennen soll. Etwas Großes möchte ich werden, ich möchte einmal mit vollen Händen meinen Eltern geben können, denn unser lieber Papa hat zu schwer zu kämpfen ums Dasein. Mutti plättet obendrein, neben Hausarbeit und Kinderlärm, für fremde Leute. Ich bin nun die »Große«, ich besitze soviel Mut und Liebe, ich will für alle arbeiten, ich will nicht nur ihr »Sonnenschein«, ich will auch ihr Stolz und ihre Stütze sein. Ich habe einen großen Wunsch und eine Sehnsucht nach irgend etwas. Wenn ich das einmal werden könnte! Und doch denke ich heimlich an eine Erfüllung meiner Sehnsucht.

 

28. Februar 23.

Jetzt bin ich zu Hause bei meinen Eltern und Geschwistern. Wie haben sie mich bewundert! Ich bin so groß geworden; ¾ Kopf größer als mein kleines Mütterchen, und etwas kleiner als mein goldner, gestrenger Papa. Lotti ist golden; wie glücklich sind wir Geschwister, weil wir so ein reizendes Geschöpfchen haben, das wir nach Belieben herzen und küssen können. Annchen ist ein kleines Hausmütterchen geworden und fängt an, mich zu erziehen. Ich bin aber auch verbauert. Berni ist unser Philosoph und – Fliegenfänger. Sein kluger Kopf könnte es im Leben einmal weit bringen, sagt Papa, aber wir sind ja arm. Illusionen dürften Menschen unserer Klasse nicht haben, denn der leere Magen würde immer an die Wirklichkeit erinnern. Armut und Arbeit sind zwei Dinge, die zusammen paßten, wäre Klugheit zu groß, so ist sie ein Hemmschuh, denn die Klugheit öffnete dem armen Menschen die Augen über Dinge im Leben, die uns lieber verborgen bleiben müßten, und diese Erkenntnis machte uns die Armut so schwer. Mit der Zeit trocknete auch die Klugheit ein, denn die Sorgen des Alltags füllen den Kopf vollständig aus, ein armer, arbeitender Mensch sei eine Tretmaschine.

Papa muß das wissen, denn er hat Erfahrung.

Als man mich wieder zu einem Stadtmenschen herausgeputzt hatte, bemusterte mich Mama, sie nahm mich in ihren Arm und küßte mich dann herzlich auf den Mund. »Mein liebes, großes Mädchen«, sagte sie. Das war soviel Innigkeit. Ich wollte Plätterin werden, aber Mutti meinte, es sei zu anstrengend für mich. Sie strich über meinen Pudelkopf (ich habe von Papa das Lockenhaar geerbt) und fragte: »Gretelchen, ich habe mit Papa hin und her überlegt, welcher Beruf am geeignetsten für Dich sei. Sag einmal, möchtest Du Verkäuferin in einem großen, guten Konfektionshause sein? Du bist groß und schlank, man wird Dich gern einstellen. Mach Dich fertig, wir wollen in einem guten Geschäft Nachfrage halten.« Ich sagte zu, obgleich meine Neigung nur gering ist. Ich möchte etwas lernen, bei dem auch das Herz und die Seele beteiligt ist. Ich möchte der Menschheit dienen und etwas geben, von dem mein Herz so voll ist. Manchmal überkommt mich eine Traurigkeit, und ich gedenke der Notleidenden, mein ganzer Übermut verläßt mich dann; dann möchte ich Krankenschwester werden. Ein andermal wieder bricht mein Übermut hervor, dann erscheint mir das Samariterleben zu leer, es ist nur das Einerlei, ich möchte auch von meinem Übermut geben. Ich lebe dann im Traum und in einem Glück, das zu groß ist, um es zu fassen. Papa würde mich auslachen, wenn er wüßte, wie es um mich steht. Mutti – sie würde mich verstehen. Sie kennt ja ihre Kinder. Kürzlich sagte sie zu mir: »Als ich so jung war wie Du, mein liebes Kind, da gingen meine Träume und Illusionen auch oft mit mir durch. Bewahre Du nur alles Schöne und Gute im Herzen, aber blicke mit Verstand um Dich. Grau sollst Du das Leben nicht sehen, aber auch nicht golden. Unser Los ist arbeiten ums tägliche Brot.« Mutti sah mich groß an. – –

»Tränen – Grete!«

»Ach Mutti, warum wird der Mensch denn ins Leben geführt, wenn er doch nicht leben darf, wozu der liebe Gott ihn bestimmt hat? Und er hat ihn doch ausgerüstet mit allen Mitteln zu einem andern Leben.«

»Grete!«

»Mutti! Ihr lebt zufrieden, Du sagst, Du seist glücklich – Du hast uns – Du hast uns lieb – aber die Träume, Mutti – die Du im Herzen aufbewahrt hast – sie sind doch nicht begraben – ruhen die denn da drinnen so still?« –

»Nein, Gretchen, still ist nichts geworden. – Wenn ich in eure lieben Augen sehe, sehe ich meine Träume in Wirklichkeit. Ihr seid liebe Kinder und werdet es hoffentlich bleiben. Ich kenne doch mein großes Kind. – Träume im Herzen, lachende Augen und tatkräftige Hände. Das bist Du – stimmt es, oder nicht? – Bleibe Du so, wie Du bist, dann siehst Du das Gute in der Welt und das Häßliche bleibt Dir verborgen.«

 

5. März 23.

In einem großen Konfektionshause habe ich nun Stellung erhalten. Hätte ich Hang zum Eitelwerden, so könnt ich's werden. Man nannte mich ein »schönes Mädchen«, ich hätte so »wunderbare Augen«. Mumpitz! – Aber im Spiegel habe ich mich doch daraufhin genau bewundert.

Eine frühere Schulfreundin, Käte Rohr, besuchte mich und erzählte so seltene Geschichten. Wie muß die Welt schön sein! Käte ist bei Kaisers beschäftigt als Stenotypistin. Sie trägt herrliche Kleider, seidene Strümpfe und Lackschuhe. Sie erzählte, ihr Chef bevorzuge sie, hätte sie sogar schon einige Male in seine Villa geladen. Die Villa soll kostbar eingerichtet sein. Ich finde den Chef riesig nett. Käte ist ein niedliches Mädchen, nur trägt sie einen Bubikopf. Dafür schwärme ich nicht. Käte meint, ein modernes Mädchen trägt eben das Haar kurz. Ich sagte das Mutti, aber sie meinte: »Ein solides Mädchen trägt das Haar nicht kurz. Solide und sauber ist stets Mode und achtbar. Zudem hat Dich die Natur mit Deinem Lockenhaar bevorzugt, trägst Du dasselbe schlicht, so ist es erstens kleidsam und jedermann, der gut erzogen ist, liebt das.« Mutti hat immer recht. – Aber schön muß es sein, von einer so hohen Persönlichkeit – einem Chef – bevorzugt sein. – Er hat Käte schon zwei Kleider geschenkt, und für Kätes Mutter und Schwestern Stoff zu Kleidern und Mänteln. – Es zeugt von soviel Gutherzigkeit. – Käte meint, es wäre zu schade, daß ich schon beschäftigt bin. Ein gutes Wort von ihr, und ihr Chef würde mich sofort einstellen. Er erfüllt ihr jeden Wunsch. – Er stellt nur schöne Mädchen ein, weil er Schönheit um sich liebt. Ich hätte wohl gern umgesattelt, aber als ich meinen Eltern davon sprach, waren sie ganz anderer Meinung. Papa sagte: »Es ist besser, Du meidest künftig den Verkehr mit diesem Mädel, ehe Du etwas kennen lernst, was nicht schön ist.« – Ich fand alles so schön, was Käte erzählte – und weiß gar nicht, was Papa meint.

 

7. März 23.

Käte hat schon um 5 Uhr Geschäftsschluß und holt mich jeden Abend vom Geschäft ab. Marta Wieland kam auch oft mit Käte. Sie kennen so viel Herren, einer viel schöner als der andere. Sie ziehen immer so galant den Hut und sind ganz anders als Papas Freunde. So elegant wie Grafen oder Barone.

Käte meinte, ich solle nur meinen »alten Herrn« einmal um einen neuen Mantel bitten, ich hätte sonst wenig »Chancen« bei den Herren. – Ich kenne zwar das Wort nicht näher. Aber mein Mantel ist reichlich knapp für mich, das finde ich wohl, denn ich bin gehörig gewachsen, seit der Zeit, als ich ihn erhielt. Käte schenkt mir jeden Abend die feinsten Pralinés; die bekommt sie von ihrem Chef. Solche Wohltätigkeit müßte gerühmt werden, aber mildtätige Menschen sind immer bescheiden. Sämtliche Mädchen im Geschäft beneiden sie, sagt Käte. Sie möchte zu gern, daß ich ein einziges Mal mit zu ihrem Chef komme, – aber ich muß abends immer pünktlich zum Essen zu Hause sein.

 

8. April 23.

Ich habe Käte lange nicht gesehen und fühle mich viel zufriedener. Kätes Kleidung, überhaupt ihr ganzes Wesen, erweckt in mir immer eine seltsame Unruhe. Und ich will trotz Armut doch glücklich sein. Mein Beruf macht mir Freude.

 

16. April 23.

Heute abend erwartete mich Käte in einem neuen Samtkleide. Sie war sehr aufgeregt. Ihre Erzählungen grenzten ans Unmögliche, sie schwelgt in Reichtum und Glück. Sie kann in allen Räumen der Villa hausen, so wie es ihr gefällt. Sie soll jetzt über große Mittel verfügen, die ihr eine Reise erlauben. Käte will Künstlerin werden. Ihr Chef will ihr dazu verhelfen. Sie will nach Berlin. Künstlerin – das ist's! Eine Geige wünsch ich mir. O, wie liebe ich die Musik! Alles das geben möchte ich, was im Herzen schlummert, das geben in Spiel und Tanz. – Großes können und von dem Großen geben, denen, die es lieben und träumen. – Wenn ich an Kätes Stelle wäre, – wenn ich reich wäre! Warum haben arme Menschen Wünsche und Träume, wenn eine Erfüllung aussichtslos ist? – Käte, warum kommst Du zu mir und erweckst das, was so still schlafen muß!

 

20. April 23.

Gestern abend besuchte mich Käte, sie will am 22. April nach Berlin. Ihr Chef schenkte ihr 50 000 Mark Bei den nun öfter erwähnten Geldsummen denke man an die Verhältnisse der Inflationszeit. und will weiter für Käte sorgen in Berlin. Käte will Bildhauerin werden oder Malerin. Ihre Mutter hat für eine Aussteuer Sorge getragen, und nun schwelgt Käte in Glück.

 

28. April 23.

Ich möchte sterben. – Was habe ich getan! Es war am 22. April, nachmittags 3 Uhr: da kam Käte gelaufen. Meine Mutter fragte besorgt, ob ein Unglück geschehen sei. Aber Käte lächelte. Nein, wirklich nichts. – Es war Sonntag und ich putzte mich für einen Spaziergang, den ich mit einem jungen Mädchen aus einem Nachbarhaus (sie heißt Maria Klein) unternehmen wollte. – Ich betrachtete mein Spiegelbild recht sorgfältig – da stürzt Käte in mein Zimmer. »Gretchen, Du mußt mit mir fahren. Aber schnell. Denke, mein Chef begleitet mich nicht. Marta Wieland, die erst zugesagt hatte, ist verhindert, ihr Vater hat Lunte gerochen. Du mußt mit. Du fährst dann morgen mit dem ersten Zuge zurück, mein Chef wird es Dir reichlich lohnen. – Na, und Deine Eltern sind schnell versöhnt.«

»Aber Käte, das geht doch unmöglich!«

»Blödsinn! – Die Liebe kannst Du mir doch tun; wer weiß, wie lange wir uns nicht wiedersehen. Und wenn ich auf der Höhe bin, dann kommst Du zu mir, ich helfe Dir dann.« – Auf der Höhe! – Durch diese 3 Worte schwanden alle Bedenken. »Aber ich muß um 8 Uhr morgen früh im Geschäft sein, Käte.« »Glaubst Du, Deine Eltern würden Dich nicht entschuldigen? – Die sind ja weich wie Wachs.«

»Dann will ich meine Eltern fragen – –«

»Deine Eltern fragen? – Ländliche Einfalt! – Glaubst Du etwa, sie ließen Dich fahren? – Ich bin durchgebrannt; meinst Du, ohne Mut käme man zum Ziel? Die Eltern heften sich stets an unsere Fersen und wollen immer nur das Gegenteil von dem, was wir wollen, und töten somit unsere Jugend und unsere Zukunft. – Mach Dich schnell fertig, Grete, sag Deinen Eltern ›Auf Wiedersehen‹. Sie werden schon nichts merken. Und morgen bist Du ja auch wieder im Hause. Ich rede mit meinem Chef, der wird dann aus Dankbarkeit auch für Dich sorgen. Du willst doch auch Künstlerin werden?«

»Ja, Käte«, sagte ich, und mir stürzten die Tränen aus den Augen. – Wir kamen am Wohnzimmer vorbei. Mutti kam heraus und sah uns fertig angekleidet. »Willst Du nicht erst Kaffee trinken, Gretchen?« – Käte aber sagte: »Wir wollen zum Geburtstag, Frau Machan, und dann zum Volksfest. Also Kaffee trinkt Gretchen ja bei Marta Wieland.« Mutti lächelte. »Zum Abendessen erwarte ich dich aber, Gretchen, punkt 8 Uhr.« Käte reichte meinen Eltern die Hand. Ich stand unschlüssig beiseite, dann ging ich, schweren Herzens, nur einen Gruß rufend, fort. Am Bahnhof zögerte ich. Einige Herren, mit denen Käte bekannt war, trafen wir, und sie brachten uns zur Bahn und wünschten uns gute Reise. – Sollte ich denn meinen Eltern das wirklich antun? Ich sah mein kleines ahnungsloses Mütterchen so still lächeln bei unserem Abschied vom Hause. »Ach Käte«, sagte ich, »ich gehe wieder nach Hause.« »Du bist ein Feigling, Grete; und Du willst Künstlerin werden? Nichts wirst Du werden, als ein sorgenvolles Hausmütterchen.« – Da warf ich den Kopf in den Nacken. »Ja, Käte, ich will!«

Als der Zug aus der Halle fuhr, hätte ich schreien mögen, mir war es, als sehe ich Neuburg nie wieder. – Jetzt trinken sie Kaffee, dachte ich.

»Du scheinst Deiner Mutter furchtbar am Schürzenzipfel zu hängen, ich finde so etwas grauenhaft«, sagte Käte, und dann prasselte ein Schauer von so großen Worten auf mich herab. Reichtum, Glück, Künstlerin – alles schien sich um mich zu drehen, mir wurde fast schwindelig, und während Käte in Glück schwelgte, tat sich auch vor mir eine Welt auf. Ich tat ja nichts Böses. – Kätes Chef würde auch mir helfen, und wenn ich dann, so wie Käte, »auf der Höhe« war, würde ich in erster Linie meine Eltern unterstützen. Mit vollen Händen würde ich geben können. Mutti brauchte sich nicht mehr zu sorgen, Mutti, Du sollst nicht mehr plätten; Papa bekommt ein kräftigeres Mittagessen, und er würde die Sorgenfalte auf der Stirn verlieren. Fritz bekommt einen neuen Anzug; der alte ist schon so schäbig und Mutti muß immer flicken. Und nun erst die Strümpfe – wie hat es doch eine Mutter schwer. Annchen braucht ein neues Haarband, das andere riß gestern entzwei. – da flickte Mutti wieder. Ach, und was fehlt erst alles im Hause, – der Schrubber hat keine Borsten mehr, der Kaffeekessel leckt und muß geflickt werden. Na, und wenn ich alles aufzählen soll – da käme kein Ende. Eine Mutter hat doch auch noch obendrein einmal Wünsche. Alle würde ich erfüllen – ich möchte das so gern. »Wenn ich auf der Höhe bin.« Mitten in meinem Gedankengang fesselte mich etwas, was ich bisher nie kannte.

»Was machst Du denn da, Käte?« rief ich verwundert. »Willst Du Zirkusklown werden?« »Da kann man sehen, wie weit Du noch zurück bist, Grete. Das Schminken gehört zur Kunst. Es ist auch eine Kunst, sich der Natur anpassend zu schminken.«

»Aber, Käte, Natur bleibt Natur, was soll der liebe Gott dazu sagen, er wird böse sein, daß Du sein Werk vertuschst. Ich finde Dich in Natura besser. Jetzt siehst Du längst nicht so gut aus.« »Das verstehst Du nicht. Komm, laß Dich auch schminken.« »Nein, bloß nicht, Käte. Ich liebe das Natürliche. Wisch doch Dein Gesicht wieder ab, ich finde Dich schrecklich.« »Ländliche Einfalt – Du mußt noch viel lernen!« Da mußte ich aber doch lachen. – Wir mußten umsteigen. Mir war so ängstlich, ich hatte Sehnsucht und würgte die Tränen hinunter, denn ich wollte vor Käte nicht lächerlich erscheinen.

Wir fuhren dann die Nacht hindurch und waren um 5 Uhr früh in Berlin. So mutterseelenallein. –

Da hatten wir beide Furcht – wir setzten uns auf Kätes Pappkarton und weinten beide.

»Käte, laß uns doch sehen, wann der erste Zug nach Neuburg fährt.« Wir suchten den Fahrplan, und als wir eifrig studierten, hörten wir Schritte hinter uns. – Es waren Arbeiter. Sie hatten eine derbe Aussprache und Käte sagte: »Ich fürchte mich, Grete, Berlin scheint recht roh zu sein. Dieses Publikum paßt mir schon gar nicht.« »Es sind Arbeiter, Käte, wollen wir fragen, wo hier ein Mädchenheim ist? – Wir könnten dort die Stunden bis zum Abgang des Zuges verbringen.« – Aber Käte war plötzlich anderer Meinung. »Ich warte, bis mein Chef kommt, verstehst Du? Deine Weichheit ist direkt ansteckend. Mit dem Mittagszuge will mein Chef hier eintreffen, ich warte. – Ich habe einmal von einer Friedrichstraße gehört, wir wollen einmal fragen, wo die Friedrichstraße ist. Wie wir am schnellsten dorthin kommen, das soll eine der belebtesten Straßen sein.« Wir fragten einen alten Arbeiter, und er gab uns auch in netter Weise die gewünschte Auskunft. Wir fuhren mit der Stadtbahn bis zur Friedrichstraße. Hier auf dem Bahnperron war es schon lebhafter. Es kam ein Strom von Arbeitern und Arbeiterinnen. Man bemusterte uns, man zuckte die Schultern, und gar manche lächelten. Ich blickte beschämt zu Boden. Ob man uns für Flüchtlinge hielt? – Da trat ein junges Mädchen zu uns heran, fragte, ob wir fremd seien und irgend welche Auskunft haben möchten. Ich hatte sofort Vertrauen und fragte nach einem Mädchenheim. Käte fragte nach der Friedrichstraße. »Ach, wollt ihr hier in Stellung?«

»Stellung?!« rief Käte entrüstet. – »Wir sind von einer Filmgesellschaft engagiert worden. – Komm, Grete, laß uns weitergehen.« Ich wandte mich noch einmal hilfesuchend zu dem freundlichen Mädchen um. Sie sah mich an und war unschlüssig, ob sie weitergehen sollte. Ich ging zu ihr und sagte: »Ich sage Ihnen vielen Dank, liebes Fräulein, ich fürchte mich hier so« – und ich schluchzte laut auf. Da gab sie mir die Hand: »Wenn Sie hier verlassen sind, dann kommen Sie zu mir. Ich wohne Ackerstraße 16III und heiße Else Ring. Jetzt muß ich in die Fabrik, ich habe aber zu Hause liebe Eltern, denen vertrauen Sie sich nur an.«

»O, liebes Fräulein, ich möchte ja nichts lieber als wieder ins Elternhaus zurück.«

»Durchgebrannt?« fragte sie. Ich nickte.

»Gehen Sie zu meinen Eltern, liebes Kind, ich helfe Ihnen. Jetzt aber muß ich eilen. Auf Wiedersehn, Kleine, und mutig sein.«

Sie nickte mir zu, und ich sah ihr sehr traurig nach. Dann verschwand sie. Ich sah mich nach Käte um. Sie wartete ungeduldig.

»Weißt Du, es tut mir wirklich leid, daß ich Dich mitgenommen habe.«

»Ich hätte nicht mitfahren sollen. – Was nun? – Ich fahre zurück. – Du hast es ja auch zuerst so gewollt.«

»Hast Du denn Geld?«

»Geld?« schrie ich. »Nein, das mußt Du mir geben!«

»Ich Dir geben? – Wovon soll ich denn hier leben?«

»Aber Dein Chef kommt doch, Käte, ich bitte Dich, gib mir doch das Geld! – Käte, tue es doch, bitte – ich möchte nach Hause – ich vergehe sonst. Bitte, bitte, Käte, gib mir das Geld.«

»Dann warte noch bis Mittag; kommt mein Chef, dann kannst meinetwegen fahren; andernfalls mußt Du eben Deine Eltern um Geld bitten. Nun laß uns die Friedrichstraße suchen, dann gehen wir zu meiner Tante und lassen uns verpflegen.« So trotteten wir mit dem Pappkarton durch den Bahnhof, und als wir heraustraten, befanden wir uns schon in der Friedrichstraße. Käte fragte einen Polizeibeamten nach einer Straße, deren Namen ich vergessen habe, daselbst wohnt ihre Tante. Wir begaben uns dahin, und was ich da erlebte, vergesse ich nie. Die Tante öffnete. Käte stellte sich vor und bat um 1000 Mark. Die Tante verweigerte die Bitte, weil seit ihrer zweiten Verheiratung sie keine Verwandte von Käte mehr sei. Ihr erster Mann war ein Bruder der Frau Rohr. Ich schämte mich bis auf den Grund meiner Seele und ging zur Tür, und Käte folgte schnell. Wir liefen, so schnell wir konnten, die Treppen hinab, die Straße entlang. Wir wußten nicht wohin und sprachen kein Wort. – War das schon eine Strafe? Wir wußten nicht wohin. Wir hatten 18 Stunden nichts gegessen und hatten Hunger. Es war 11 Uhr, als wir ein kleines Lokal fanden. Wir hatten uns Brötchen gekauft und baten nun um eine Tasse Kaffee. Wir waren schweigsam, würgten am trockenen Brötchen und stürzten den braunen Trunk, der keineswegs nach Kaffee schmeckte, hinunter. Wir dachten an Zuhause. Unsere Gedanken weilten bei denen, die wir so lieb hatten, und denen wir nun den großen Schmerz bereiteten. Was würden meine Eltern tun! –

Eine entsetzliche Angst packte mich. Zum Abendessen kam ich gestern nicht – die Nacht blieb ich dem Hause fern – ich war fort – man würde mich suchen, man würde an ein Unglück glauben – an ein Verbrechen – einen Mord – eine Entführung – irgend etwas Schreckliches würden sie glauben, aber niemals, daß ich ihnen durchgebrannt bin. Niemals – nein, das würde Mutti, würde Papa niemals nur denken – nur ein Unglück muß geschehen sein. – Großer Gott, was würden sie tun!

»Käte – wenn sie uns suchen –«. Käte sah mich groß an. »Wenn sie uns suchen lassen, die Polizei zu Hilfe nehmen – sie glauben an ein Unglück. – Großer Gott, was habe ich getan. – Kann ich denn jemals wieder zurück?«

»Du bist entschuldigt, Grete, ich schrieb einen Brief an Deine Eltern in Deinem Namen, den schob ich unter Dein Kopfkissen. Deine Eltern werden ihn finden. Meine Mutter glaubt an eine Erholungsreise nach Tirol. Sie war selbst über die Güte meines Chefs gerührt und steuerte mich standesgemäß aus.«

»Käte, was schriebst Du für einen Brief?« Mit maßlosem Entsetzen starrte ich sie an.

»Friß mich nur nicht auf. Sei froh, daß ich das so gedeichselt habe. Deine Eltern sind informiert, frage mich nicht nach dem Inhalt, ich weiß ihn kaum noch. Ich schrieb irgend etwas von Krankenpflegerin werden, das wolltest Du doch einmal. Sei noch froh, daß ich gut vorgearbeitet habe. – Wir warten eben jetzt auf meinen Chef, dann hat alle Qual ein Ende.« –

Und wir warteten. Mittag – jeden eintreffenden Zug von Neuburg! Aber der Chef kam nicht. – Es wurde Abend – wir wußten keinen Rat.

»Wollen wir nach der Ackerstraße?« fragte ich.

»Wo ist denn die? – Ob man uns in eine Falle locken will, in Berlin ist alles möglich.«

»Das glaube ich kaum, Käte, das Mädchen sah gut aus.«

»Ich traue hier in Berlin keinem. Sieh Dir doch einmal das Publikum an – entsetzlich!«

Ich blickte um mich, es war 7 Uhr, und die Friedrichstraße war sehr belebt. Wir waren zwei Würmer, die man in ein Nichts hier zertreten konnte.

»Was machen wir nur, Käte, wir sind ohne Unterkunft. Wohl habe ich hier Verwandte, aber wo wohnen sie, ich kenne kaum den Namen. Es sind Verwandte meiner Großmutter und Königs heißen sie, aber der Vorname?«

»Laß uns ein kleines Hotel suchen, wo wir billig schlafen können. Vielleicht in demselben, wo man uns heute früh den billigen Kaffee gab.«

Wir schliefen daselbst in der Königstraße. Am andern Morgen nach Tilgung unserer »Hotelschuld« war unsere Kasse erschöpft.

Wir baten um ein Adreßbuch. Wir müssen die Verwandten finden, was sollen wir hier beginnen, ohne Obdach, ohne Geld! –

Wir suchten, und es gab soviele gleichen Namens in Berlin.

Wir suchten den ganzen Tag, vergebens. Es gab unter den Gefundenen nicht einen König, der Verwandte in Neuburg hatte. So kam der Abend, die Müdigkeit und der Hunger. Wir suchten das Lokal noch einmal auf, man überließ uns das Zimmer. Wir sanken übermüdet und hungrig aufs Bett.

Am andern Tage suchten wir wiederum vergebens. Berlin ist so groß, wir mußten jeden Weg zu Fuß zurücklegen.

»Es ist besser, Käte, unsere Eltern glauben uns tot, als daß sie erkennen müssen, wie schlecht wir sind.«

»Ich habe keinen Mut mehr, Grete. Ich habe meinem Chef vertraut, und nun weiß ich erst, daß ich betrogen bin; er wollte mich auf diese Weise los sein; so macht er es wohl immer.«

»Aber, Käte, er brauchte Dir doch nur zu kündigen.«

»Kündigen? – Na, Du bist aber naiv – kündigt man denn einer Liebsten?«

»Warst Du denn seine Liebste – Käte? – Ich glaubte, er war Dein wohlwollender Chef!«

»Zuerst glaubte ich das auch. Dann – als ich in seine Villa ging – als ich in seinen Armen lag – da war ich seine Liebste. Ich vertraute ihm – er überschüttete mich mit allem, was mein Herz begehrte. –«

»Käte, ich beschwöre Dich, sag doch, daß das alles nicht wahr ist. Er wollte Dir doch die Mittel bewilligen. so daß – –«

»Ist er denn gekommen!« schrie Käte, »beiseite hat er mich geschafft, weil er meiner überdrüssig wurde und eine andere ihm wohl lieber ist. O, er liebt die Schönheit, aber auch die Veränderung, und um schnell zum Ziel zu kommen, nimmt er meinen Herzenswunsch zu Hilfe, steckt mir 50 000 Mark in die Hand und schickt mich nach Berlin. Meine Jugend, meine Dummheit war dem sauberen Herrn eben recht, und mich haben die schönen Worte und der Reichtum geblendet und mein junges Herz berauscht. Grete, er hat schlechter gehandelt als ein Mörder.«

»So schlechte Menschen gibt es, Käte, und ich habe an so Hohes und Edles geglaubt – jetzt blicke ich so tief in einen Abgrund. So grundschlecht bin ich nun geworden, weil ich um einen so dummen Glauben meine Eltern verließ. Jetzt bin ich in einem Wirrwarr und finde mich nicht mehr heraus. Käte, laß uns doch sterben, dann beweinen sie eine arme Tote, das ist doch besser als die Schande um eine ungeratene Tochter.«

»Grete, wir sind wohl traurig dran, aber sterben möchte ich doch noch nicht, und Du darfst mich auch nicht verlassen.«

Auf unserem Zettel waren noch drei Königs notiert. Wir wanderten über den holprigen Hof einer Mietskaserne in der Reichenbergerstraße, gelangten ans Ziel, aber vergebens. Man wies uns ins gegenüberliegende Haus. Wieder fort, wieder 2 Treppen klettern. Ehe wir die Klingel drückten, sahen wir uns mutlos an, wir waren so hungrig, so verzweifelt. Und wie im Traum erlebten wir dann – man zog uns hinein – man herzte und drückte mich – man stellte hundert Fragen von allen Seiten: »Wie geht's den Lieben in Neuburg? – Nein, so was! – so eine Freude! – der Bertha ihr Enkelkind!« Man brachte uns Kaffee und Butterbrot, man behandelte uns wie kleine Kinder – wir waren geborgen.

Endlich gefunden. Aber wir haben nicht den Mut, einzugestehen, daß wir Flüchtlinge sind. So kam der Abend, und wir schliefen mit einem Dankgebet, gesättigt ein. Kätes Pappkarton überließen wir dem Hotelwirt in der Königstraße als Pfand für die entstandene Schuld.

 

6. Mai 23.

Onkel und Tante sind herzensgut und echte Berliner. Onkel ist alt und hat nur wenig Verdienst. Wir gehen morgens zeitig mit Geschäftseifer fort und kommen erst gegen Abend zurück. Onkel und Tante ließen wir in dem guten Glauben, wir seien Verkäuferinnen im Warenhaus. Wir irren umher, sind unglücklich und hungern. Ich habe meine Uhr verkauft, ein Geschenk meiner Mutter. Der Althändler gab sehr wenig. Von dem Erlös kauften wir Schreibpapier. Dann stillten wir unseren Hunger mit trocknen Brötchen. Wir müssen sehr, sehr sparsam sein. Wir möchten nach Hause schreiben; in jedem Gebet bitten wir unsere Eltern um Verzeihung und gnädige Aufnahme.

 

11. Mai 23.

Wir haben das ganze Schreibpapier beschrieben, doch kein Brief ist uns gut genug. Wir möchten von Berlin bis Neuburg auf Knieen zu unseren Eltern rutschen. Grenzenlose Sehnsucht. – – – –

 

13. Mai 23.

Ich habe geträumt von Mutti. Sie war so verzweifelt und rief mich, ich hörte es ganz deutlich. Ich wollte zu ihr – da wachte ich auf. Ich weckte Käte, wir weinten die ganze Nacht.

Denkst du, wie schön es wär, ob du ein Gut gewannst,
Denk auch, noch schöner ist's, daß du 's entbehren kannst.

Fr. Rückert.

 

17. Mai 23.

Käte verkaufte ihr Armband – ich meine Halskette. Der Hunger trieb uns dazu. – Onkel und Tante geben uns oft von dem Wenigen, es ist aber Sünde, von dem zu nehmen, was ein alter Mann sauer verdienen muß. Oft lehnen wir tapfer ab. Onkel findet das Stillschweigen meiner Eltern so merkwürdig, täglich fragt er nach einem Brief meiner Lieben. Tante ist besorgt wegen meines blassen Aussehens.

 

21. Mai 23.

4 Wochen sind vergangen. Ich fühle, meine Eltern leiden und sind bis in den Tod betrübt. Wieder schrieb ich – – doch sandte den Brief nicht ab. – Heiliger Schutzengel, hilf mir!

 

22. Mai 23.

Onkel machte heute ein wahres Kreuzverhör; mir wird bange. Außerdem sei ich auffallend blaß und magerte zusehends ab, weshalb er meinen Eltern schreiben will. Ich bin in großer Angst. Onkel will Klarheit haben. Tante blickt mich oft so mitleidsvoll an; ob sie mein entsetztes Gesicht bemerkte?

»Komm, mein Kindchen, iß mal einen schönen Teller Bohnensuppe; und Du, Kleinchen, auch. Euch klappern ja die Knochen!« Wir setzten uns gerne und aßen gierig; dann schlichen wir »Gute Nacht« wünschend in unser Zimmer. Wir knieten vorm Bett nieder, beteten und flehten um Hilfe.

 

23. Mai 1923.

Wir haben uns heimlich davongemacht, wir sind entdeckt. Käte hat an der Schlafzimmertür der beiden so lieben Alten gelauscht. »Mutter, ich wette meinen ollen Kopp, da stimmt was nich.«

»Ja, Vatter, aber von wegen der Stellung int Warenhaus, die Mächens sind doch immer weg. Na, und so hungern kann doch keen Mensch. Sie sehen ja gottserbärmlich aus, das stimmt. Und liederlich ist keine, was denkst Du, Vatter, was da los ist?«

»Mutter, wir sind beide nicht von gestern, erstens wo bleibt der Koffer mit das Zeug, keene Wäsche ist da, son Koffer kann nicht verschwinden, wie die Mächens immer quasseln. Und warum kommt keine Post. Bertha hätte mal geschrieben wegen ihr Enkelkind. Mir ahnt, daß sie Durchbrenner sind und haben nun Angst vor heillose Hiebe. Mutter, heute abend kommt Geld ins Haus, denn es ist Lohntag, da schicke ich sofort ein Telegramm an Schwester Bertha, denn haben wir ollen Leute wenigstens noch mal auf unsere alten Tage ein gutes Werk getan. Füttere die Mächens man heute so gut wie Du kannst, pump mal beim Fleischer und Bäcker, gib ne ordentliche Schmalzstulle, pump meinswegen och noch ein bißchen Kakao und wärme die armen Tiere von innen mal ordentlich durch. Haste denn noch ne Krume Zucker im Haus, sieh och zu, daß der Milchplanscher Dir ein bißchen Milch läßt. Du verstehst ja alles, Mutter, vielleicht kommt dann Lieschen oder ihr Mann, vielleicht och Bertha selbst mal her, wenn ich telegraphiert habe, die machen ja dann alles wieder gut. Das wäre doch traurig, wenn son junges Volk verhungert, und schließlich bringen sie bloß noch ihre klapprigen Gebeine mit nach Hause. Mir wird ganz mulmig ums Herz, Mutter, wenn ich an das Wiedersehen denke. Ich ahne Fürchterliches. Und nun wollen wir schlafen, Mutter, morgen ist och noch 'n Tag. Nacht, Mutter!«

»Nacht, Vatter!« – –

»Vatter!«

»Was denn, Mutter?«

»Ich glaube, ich kriege die ganze Nacht keen Auge zu, ich bin ganz bange um die Mächens, wer weiß, was da los ist.« –

»Vatter!«

»Ja?«

»Mir tun die Krähenaugen (Hühneraugen) so schrecklich weh, das ist immer allemal kein gutes Zeichen, und neulich abend ist mir auch Meiers ihre schwarze Katze mitten über den Weg gelaufen. Ich war ja nie abergläubisch, aber was Gutes bedeut das nicht, Vatter! Und dann siehst Du vielleicht auch mal im Leben Deine Schwester Bertha wieder. Die olle Deern, daß man aber auch so weit weg wohnt und das ganze Leben sich nie sieht. – Ja, Vatter, das Geld, das fehlt.«

Als es dann still bei den himmlischen, treuen Alten geworden war, kam Käte geschlichen, drückte leise die Tür zu und kroch zu mir ins Bett. Sie erzählte wortgetreu das Gehörte und wir waren gerührt von so viel Liebe. Käte sagte: »Ehe ich solches Opfer von so alten Leuten annehme, will ich lieber einen Selbstmord begehen. Solches Opfer anzunehmen grenzt an Erpressung oder Mord. Denke, vom Schweiß eines alten Mannes zehren und es ihm vom Munde stehlen; nein, Grete, wir gehen heute nach Treptow und stürzen uns in den See. Ich bin tapfer, und Du hast ja schon lange vom Sterben gesprochen.« Kätes Worte leuchteten mir ein und mit vollem Einverständnis zur Tat schliefen wir Hand in Hand ein. Der Morgen kam. Tante öffnete leise die Tür, besorgt wohl, ob wir ruhig schliefen. Sie zog sich an, wir hörten das Hantieren in der Küche, sie kochte Kaffee. Dann ging die Korridortür, sie ging fort. Eilig stiegen wir aus dem Bett, hastig kleideten wir uns an, und mit klopfenden Herzen eilten wir fort. Wir eilten nach Treptow – sprachen kein Wort, unsere Augen stierten und unsere Backen glühten. Wir wollten sterben. Dann standen wir am Wasser – nirgends war ein Mensch, das war günstig. – Wir standen lange – und blickten ins Wasser. Ich wollte beten – aber konnte nicht. – Käte faßte mich fest um den Leib: »Grete, komm«, sagte sie ganz leise. – Dann fragte sie: »Du kannst schwimmen?« – Ich nickte. »Ich schwimme aber nicht, Käte.« Wir standen fest umklammert, aber ins Wasser wagten wir uns doch nicht. Wir sahen uns beide an. »Ich möchte so gerne nach Hause«, sagte Käte ganz leise. »Wir sind ja auch noch so jung, komm, wir gehen nach Tante zurück. Wenn Onkel heute abend telegraphiert, können wir schließlich Sonntag geborgen sein, oder verstoßen. Die Strafe müssen wir auf uns nehmen; dann ist's noch Zeit zum Sterben«, sagte ich. – Wir gingen zurück zur Reichenbergerstraße. Tante stand eifrig redend vorm Hause mit einigen Nachbarn; sie redeten von unserer Flucht, das ahnten wir und sahen es an den aufgeregten Gesichtern. Wir verbargen uns, so gut wir konnten, und flüchteten dann. – Wir suchten die Ackerstraße und fanden sie. Frau Ring öffnete. Wir fragten nach Else. Ihre Tochter Else sei seit 15. Mai in Stellung in einem Hotel in der Karlstraße. Sie nannte uns das Hotel, dann gingen wir fort. Ich suchte Else Ring auf, während Käte vorm Hause wartete.

»Liebes Kind, Sie sind noch hier?« rief Else erstaunt, als sie mich erblickte.

»Ich bin so unglücklich, Fräulein Ring. Wohl waren wir bei Verwandten, aber mein Onkel ahnt das Schreckliche. Wir sind auch da fortgelaufen. Wir sind zu jung und haben weder Ausweispapier noch Zeugnisse. Stellung bekommen wir nicht. Wir haben alles versucht. Und hätten wir Stellung, würde man uns anmelden, wir befürchten aber, die Polizei ist benachrichtigt, dann sind wir also der Polizei ausgeliefert. Davor fürchten wir uns. Wir laufen umher wie ein gehetztes Wild und sind augenblicklich obdachlos. Käte konnte Stellung erhalten. Ein Maler suchte zur Reinigung seines Ateliers ein junges Mädchen. Käte interessierte das Inserat, weil sie selbst wunderbar malt. Sie erhielt auch den Posten, doch der Maler wurde zudringlich und wollte Käte als Modell haben. Wir waren oft in Gefahr, doch unser Schutzengel war stets an unserer Seite.«

»Was seid ihr für Kinder! Schreibt euren Eltern doch! Sie sind gewiß nicht böse; – ihr sollt sehen, ein kleines Zeichen von euch bereitet ihnen große Freude, und sie verzeihen euch.«

»Ich habe ungefähr 20 Briefe geschrieben, aber ich glaube, es ist ihnen lieber, sie beweinen ein totes Kind – als eine ungeratene Tochter. – Kann man uns hier im Hotel nicht beschäftigen? Irgend eine Arbeit, gleich welcher Art.«

»Ist Ihre Freundin denn auch hier?«

»Ja, sie wartet unten.«

»Kommt heute abend hierher, ich will sehen, ob ich euch hier unterbringen kann. Vielleicht kann ich euch helfen. Ich will mit meiner älteren Kollegin reden. – Habt ihr schon etwas gegessen? – Sagen Sie getrost die Wahrheit. – Warten Sie einen Augenblick.« –

Sie kam dann mit einigen belegten Schnitten Brot zurück, ich dankte und ging.

Und sie half uns.

Wir bewohnten eine kleine Bodenkammer, die nur einmal im Notfall benutzt wurde. Sie lieh uns 20 000 Mark, so daß wir den Oberkellner bezahlten. Er trug uns ein auf den Namen »Geschwister Parly«. Den Namen hatte Käte einmal in einem Buch gelesen, und er gefiel ihr. Käte will Putzmacherin werden, sie besitzt einen praktischen Schönheitssinn. Else Ring sorgte für Kundschaft. Ich half Else beim Zimmersäubern und schlich auch manchmal in die Plättstube. Die Mamsell fütterte uns, so gut sie konnte. Nur der Oberkellner durfte nichts merken.

 

24. Mai 23.

Einer reichen Spanierin, die mit ihrem Sohn (5 Jahre) im Hotel weilte, erzählte Else von den Ausreißern, die sich nicht wieder ins Elternhaus zurückwagten.

Die Dame lud uns zum Mittagessen ein und schenkte uns Geld zum Reisen. Zuerst wollten wir jubeln – nach Hause! Aber die Angst – die Scham!

 

25. Mai 23.

Wir hatten weder Wäsche noch Strümpfe; wir kauften uns je ein Hemd und je ein Paar Strümpfe. Else Ring tadelte uns streng. Dann verstand sie uns – und wußte doch nicht, wie sie urteilen sollte. Am Nachmittag traf uns Frau Dr. Nerée wieder. Sie war erstaunt und ging kopfschüttelnd an uns vorüber. Folgenden Spruch brachte uns heute Else Ring:

O, Kinderzeit! Was liegt in diesen Klängen
Für eine wunderbar bewegte Melodie,
Soviel Gestalten sich dazwischen drängen,
Sie spricht zum Herzen und veraltet nie.
Mit Schmerzenssehnsucht wird sie uns durchbeben,
Treibt uns des Herren Ruf einst in die Welt hinaus,
Denn was sich niemals wiederholt im Leben,
Das ist die Kindheit und das Elternhaus.

Hätte Tante Frieda mir Ostern nicht als Osterei die Tasche geschenkt (Handtasche), so hätte ich Dich, liebes Buch, nicht immer bei mir haben können. Die Tasche ist aber so groß. Du bist mir Freund und Heimat, Dir vertraue ich alles an, meinen Kummer und meine Sehnsucht. Und Du erzählst mir aus der Vergangenheit die lieben Geschichtchen, die ich erlebte und niederschrieb. Käte ist mir entfremdet, uns hält nur die Not; doch von dem Tage an, da ich hörte, Käte sei die Liebste ihres Chefs gewesen, empfand ich Abscheu.

So ein Tagebuch ist eine nette Einrichtung, und der Gedanke, es zu führen, entspringt doch nur dem Kinderhirn einer meiner Haushaltungsmitschülerinnen. Ich fand den Gedanken damals ulkig, und jetzt bin ich froh im Besitze des Buches. Man kann alles hineinschreiben, was man einer Freundin nicht erzählen kann, und das Herz hat jetzt so oft das Bedürfnis, alles auszupacken, zur Erleichterung. Wenn ich einmal – wenn – ich hoffe auf ein Wiedersehen mit meinen Lieben! Wenn ich dann in meinem Zimmer bin, so ganz allein, hole ich aus dem Versteck Dich, liebes Buch, und dann plaudern wir beide von dieser schrecklichen Zeit, die ein Warnruf für mein Leben bis ins hohe Alter sein soll. – Bis ins Alter. – Ich sehe mich schon als graues Mütterchen, Dich in meinem Schoß. – Wenn ich bloß im Elternhause wäre!

 

26. Mai 1923.

Frau Dr. Nerée ließ uns zu sich rufen. Wir mußten uns sauber kleiden, also reisefertig. Sie brachte uns zur Bahn, löste Fahrkarten bis Neuburg, suchte für uns ein gutes Coupé, gab uns hundert gute Ratschläge, trug uns Grüße an die Eltern auf, wünschte uns gute Reise. Wir dankten, Käte küßte die Hand der guten Dame. Die Coupétür wurde zugeschlagen, wir winkten, und als der Zug sich in Bewegung setzte, Frau Doktor unserem Gesicht entschwand – standen wir Hand in Hand am Fenster. Jetzt erst kamen wir zum Bewußtsein. – – Schmerz und Freude stritten miteinander. – An der nächsten Station stiegen wir aus und gingen zu Fuß zurück. Als Else Ring uns sah, schlug sie entsetzt die Hände zusammen. Sie saß am Abend noch lange bei uns. Wir erzählten von zu Hause und weinten herzzerbrechend.

Ich kniete am Bett nieder und betete und flehte so innig ich konnte: »Heiliger Schutzengel, hilf uns doch, schick uns unsere Mutter!«

»Was seid ihr doch für unglückliche Geschöpfe!« sagte Else.

 

28. Mai 23.

Die Spanierin ist abgereist nach Leipzig. Sie wähnt uns in der Heimat. Else Ring hat unsere Rückkehr ins Hotel verschwiegen. Ich liege im Bett, denn ich bin krank. Käte und Else sind sehr bemüht um mich, und die Mamsell brachte mir eine kräftige Suppe. – Wir haben nichts mehr zu verkaufen. Für Kätes Kette mit Medaillon lösten wir einige Kleider aus dem Pappkarton, der zum Pfand in der Königstraße lagert, ein. Auch diese Kleider sind verkauft. Wir haben nichts als Schulden, Hunger und Sehnsucht.

 

5. Juni 23.

Neuburg – daheim!

Wie alles so kam. – Am 29. Mai fieberte ich stark. – Käte und Else waren in Aufregung. Da schickte Käte einem ihr bekannten Herrn, einem Brasilianer, ein Telegramm: »Sehr krank, bitte um Geld. – Käte.« Dazu selbstredend die Adresse. – Wir warten – vergebens. Der Geldbriefträger kommt nicht. So vergeht der Abend. – Der 30. Mai bricht an, ich klagte über Halsschmerzen, und Mamsell brachte Zitronenwasser. Das Fieber erreichte 39 Grad. Käte garnierte einen dunkelbraunen Seidenhut eifrig. Für den Verdienst wollte sie die Medizin von der Apotheke holen. Ein Arzt hatte bei mir Mandelentzündung festgestellt. – Mittags brachte Else Kartoffelmus, damit ich glatt schlucken könnte, sagte sie lächelnd. Nachmittags 3 Uhr ungefähr, – ich vergesse den Augenblick nie in meinem Leben. – Es klopft – Käte ruft »herein«. – Die Tür geht auf – und – Mutti – meine Mutti – kommt ins Zimmer. Ihr erster Blick fiel auf mich, denn das Bett stand nahe der Tür, und ich saß, das Gesicht der Tür zu, im Bett. – Der Blick war so traurig und so fragend. – Käte saß am Fenster und hielt den Kopf gesenkt.

»Zieht euch an«, die ersten Worte, so traurig und so bestimmt gesprochen. Mutti trat ans Fenster, und Käte sah Mama fragend an und bittend. »Meine Tochter kommt mit nach Neuburg, Fräulein Rohr. Sie aber bleiben hier und sind der Polizei in Schutzhaft gegeben.« Käte schlich beiseite. – Mir klopfte das Herz zum Zerspringen, und ich hätte hinspringen mögen zu Mutti, und betteln: »Mutti, verzeihe mir, ich bin ja so glücklich, daß Du jetzt da bist, täglich bat ich den Schutzengel, er möge Dich zu mir führen. – Jetzt bist Du da!« Aber Mama war zu traurig – und in dem abgemagerten Gesicht lag soviel heiliger Ernst. – Wir kleideten uns an, mit gesenkten Köpfen, und im Zimmer war es still, wie in einer Kirche.

»Wo haben Sie Ihre Sachen?« fragte Mama Käte. –

»Wir haben nichts mehr«, sagte Käte, und ihr Kopf sank noch tiefer.

»Dann kommt.«

»Ach liebe Frau Machan, nehmen Sie mich doch bitte, bitte mit nach Neuburg.«

»Nein! – Sie haben verstanden, durch Lüge Ihre Mutter zu täuschen, und sie selbst packte sorgfältig das Zeug für Sie. Ihre Mutter brachte Sie zur Bahn, weil Sie logen, die Familie, mit der Sie reisen würden ›nach Tirol‹, sei in Arnsdorf. Ihre Mutter verabschiedete sich und Sie stiegen dann in Heildorf aus, liefen zu Fuß nach Neuburg zurück und holten Grete aus dem Hause. Sie wußten, was Sie wollten, und selbst Ihre Mutter sagt, die Lüge ist Ihnen schnell zu Hilfe. Soll ich stundenlang mit einem Mädel fahren, das ich verabscheue?«

»Ich kann ja in einem andern Wagen reisen«, sagte Käte schnell.

»Nein, dann wären Sie ohne Gewahrsam. Ich soll Sie in Obhut geben. Sie werden bei mir bleiben, bis ich Sie unterbringe und ›ohne Fluchtversuch‹, ich habe ›Begleitung‹«.

Mir wurde so ängstlich – war das Mutti? – So habe ich sie nie gekannt.

»Kommt.«

Als Mutti die Tür öffnete, stand Else Ring da.

»Ich bin die Mutter von der da«, sagte Mama.

Das tat aber weh. Else reichte Mama die Hand.

»Gott sei gedankt. – Was haben die Kinder gelitten, und jeden Abend flehten sie zu ihrem Schutzengel, er möge ihnen helfen und die Mutter schicken.«

Mutti sah uns fragend an, ungläubig oder vielleicht zufrieden.

Was mußte Mutti jetzt denken, was lag in diesem Blick.

»Sind hier noch Schulden?« fragte sie dann.

Ich sah Käte, und Käte sah mich an – –

»Wieviel?« – – – Else sagte: »Hotelschulden sind nicht da, aber ich lieh den Kindern 60 000 Mark. Es ist zwar mein erspartes Geld und bei der Entwertung – –, aber, wenn es Ihnen jetzt nicht möglich ist, so schicken Sie es mir später einmal. Zürnen Sie Ihrem Kind nicht so sehr, es hat schwer gelitten und bitter bereut.«

»Ich werde die Entwertung berücksichtigen und Ihnen dementsprechend stets eine höhere Summe schicken, aber in Raten. Die Reise verlangte schon unsern ganzen Barbestand. Ich gebe Ihnen hier meine Adresse und halte Wort.«

»Ganz wie Sie können und wollen. Ich habe den Kindern gern geholfen und wollte sie vor Gefahren schützen.«

»Ich danke Ihnen.« Else reichte auch uns die Hand zum Abschied. Ich werde das liebe Mädchen nie vergessen.

»Gebt mir Auskunft, wie wir am schnellsten zur Reichenbergerstraße gelangen«, befahl Mama. »Ihr seid hier ja stadtkundig geworden.«

Wir bestiegen einen Omnibus, dann eine Elektrische. Mir wurde angst und bang. Wir wollten zu Onkel und Tante. Käte sah mich fragend an, sollte sie denn doch nicht zur Polizei?

Onkel und Tante. – Onkel war schon zu Hause, denn es war 6½ Uhr. Als Mama geklingelt hatte, öffnete Tante.

»Na, das ist doch Lieschen – ganz wie ihre Mutter, dasselbe Gesicht. Lieschen, jetzt bist Du wohl froh, daß Du das Kind wieder hast. Kommt rein, ich habe gerade den Kaffee fertig. – Vatter, Lieschen ist hier und hat die Mädchens bei sich«, rief sie in die Stube.

Onkel kam in die Küche. Mutti hatte sich gesetzt, wir standen wie große Sünder an der Küchentür. – Wir hörten Onkel kommen.

»Nu man rin in die Küche, und steht hier nicht so dusselig. Erst macht ihr eure Eltern reene verrückt, und nachher fangt ihr bei uns och noch an. Sowas verträgt keen Engel, viel weniger so olle Leute wie wir. Ich will weiter nischt sagen. Euren Eltern seid ihr Rede und Antwort schuldig. Ihr habt gehungert, laßt euch das zur Lehre sein für später. – Nu kommt an Tisch, Mutter hat den Kaffee schon druff.« – Wir setzten uns, und Tante packte uns vor, als sollte es für mehrere Mahlzeiten sein. Mutti saß still. Nur hin und wieder gab sie stille, einsilbige Antworten auf Onkel und Tantes redselige Fragen. Dann mußten wir ins Bett, nach dem Essen. – Es war schon 11 Uhr, als Mutter in unser Zimmer kam, wo Tante ein Lager auf der Chaiselongue zurecht gemacht hatte. Käte schlief. – Als Mutti sich schlafen gelegt hatte und es dunkel war im Zimmer, kletterte ich aus dem Bett.

»Mutti!« flehte ich. – Da schluchzte Mama laut auf.

»Mutti.« Ich war fassungslos. – Ganz leise, fast unmerkbar strich Mutti über meinen Kopf; ich kniete vorm Lager.

»Geh schlafen, Gretchen.« – Weil Mama abwehrte, wollte mir fast das Herz brechen.

»Mutti – ach Mutti«, bettelte ich.

»Gretchen, die Fahrt hat mich angestrengt; ich bin müde und möchte gerne schlafen.« – Da schlich ich endlich ins Bett, ich habe schreckliche Qualen durchgemacht die Nacht, aber ich war in Muttis Nähe. – Mama schlief nicht und ich auch nicht.

Die Fahrt verbrachten wir schweigend, und schweigend wurde Käte am Neuburger Bahnhof ihren Eltern, die sie erwarteten, da Mutti telegraphiert hatte, übergeben. – Wir kamen nach Hause – ich ging zu Papa und gab ihm die Hand. Er blickte von seiner Arbeit auf. »Na«, sagte er und seine Stimme zitterte. Dann arbeitete er weiter; ich war entlassen.

Mutti hatte das Essen bereitet, das Annchen gekocht hatte. Wir gingen zu Tisch, wie immer. Die Kinder plapperten hin und wieder und sahen mich oft an, dann senkte ich den Kopf. Die Eltern waren schweigsam. Nach dem Essen sagte Mutti:

»Geh zu Bett, Du siehst müde aus.«

»Geh Du, Mutti, ich möchte gern die Küche machen.«

»Ich bin nicht müde, und die Küche macht Annchen.«

Ich ging in mein Zimmer; da weinte ich – vor Glückseligkeit.

 

10. Juni 23.

Es ist begreiflich, daß Mutti am 23. April, also am Tage nach unserer Flucht, in ihrer Herzensangst zur Polizei ging. Da sie ein Verbrechen oder eine Entführung vermuteten, wollten sie die Hilfe und den Schutz der Polizei in Anspruch nehmen. – Jetzt, da ich wieder zurück bin, mußte Mutter meine Rückkehr melden; und ich mußte zu einem Verhör erscheinen, in Begleitung meiner Mutter oder meines Vaters. Mutter kam mit.

Ich kam zu einem Sekretär. Er fragte, ob ich mit Herren in Berlin verkehrt habe; ob ich mit denselben in Hotels geschlafen hätte; ob ich dafür Geld erhalten hätte. Ich verstand das gar nicht. – Ich sagte ihm, daß ich gar keinen Herrn – ich doch überhaupt unmöglich mit einem Herrn schlafen gehen könnte – und in ein Hotel – zum Geldverdienen?

Ich könnte ihm doch nicht weismachen, sagte er, daß wir gänzlich ohne Herrenverkehr gewesen wären. 5 Wochen in Berlin herumgetrieben; wovon wir denn gelebt hätten? – Ich mußte weinen. – Ich sollte das Heulen man lassen und lieber die Wahrheit sagen, wir hätten doch von der Luft nicht leben können. Also wie oft wir in Hotels gewesen wären, und was die Herren uns für das Zusammenschlafen gegeben hätten. – Daß das, was der Beamte sagte, irgend etwas Gemeines war, das verstand ich nun, aber ich hätte so etwas tun sollen – –?

»Nun? – Raus mit der Wahrheit!«

»Wir haben doch alles verkauft, Kätes Kleider und Schmucksachen, und auch meine Uhr und Kette, um nicht zu verhungern. Wir waren doch auch bei unsern Verwandten.« Er beleidigte mich aber fortwährend und sagte mir so schmutzige Worte, die ich mich schäme, hier in dieses Buch niederzuschreiben. –

»Ich habe in Berlin entsetzlich gelitten und im Grunde nur meinen Eltern schmerzlich wehe getan; ihnen allein bin ich wohl Rechenschaft schuldig«, sagte ich stolz. Er rief Mama herein und sagte: »Da ist nichts herauszukriegen; die ist nicht zur Wahrheit zu bringen, im guten wie im strengen.«

»Mutti, ich habe die Wahrheit gesagt, aber der Herr glaubt mir nicht und beleidigt mich fortwährend. Ich habe noch nie so schlechte Worte gehört, wie eben hier; ich kann mir kaum vorstellen, daß es tatsächlich so schlechte Menschen gibt, wie dieser Herr sagt, der mir soviel Schlechtigkeit zumutet. Mutti – ich bin doch noch so jung, und Du allein weißt, daß ich nicht lüge und daß ich nichts Böses tun kann.«

Der Herr entließ mich – Mutter hatte noch eine lange Unterredung mit ihm. – Draußen auf der Bank saß Käte und ihre Mutter; sie war jedenfalls auch vorgeladen. – Da konnte der Herr sich ja noch einmal weiden. Er scheint kein Kind zu haben, sonst könnte er wohl kaum ein 15jähriges Mädchen solche Worte – – lehren.

 

15. Juni 23.

Das Lied verkündet der Jugend muntre Spiele,
Der Frühlingsfeier freies Glück;
Erinnerung hält mich nun, mit kindlichem Gefühle,
Vom letzten, ernsten Schritt zurück.
O, tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!
Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!

Aus Goethes »Faust«
(Kalenderzettel, 14. 6. 23.)

 

21. Juni 23.

Wie qualvoll ist es, wenn man einmal der Öffentlichkeit preisgegeben ist. Ich laufe Spießruten. – – Nur in meinem Elternhause fühle ich mich frei und glücklich. Ich soll auf einige Wochen nach Rahndorf, bis der Sturm sich etwas gelegt hat.

 

25. Juni 23.

Onkel und Tante sind liebenswürdig, und nur gestern hat Tante Grete die Sache zum erstenmal berührt. Sie gab mir einen Brief, den Mama geschrieben hatte, und meinte: »Gretchen, Du bist groß und verständig genug, lies diesen Brief, ich will nichts weiter sagen, nur wissen sollst Du, wie Deine Eltern gelitten haben und wie schwer es ist, tapfer zu sein, um alles durchzukämpfen, was aus eurem Backfischstreich entstanden ist. Die Menschen urteilen kalt und hart ohne Rücksicht auf den so schwer Betroffenen, der ohnehin schon so leidet. Diesen Brief schrieb Deine Mama. Richte Dein Leben so, daß Du an Deinen Eltern gutzumachen imstande bist.« Sie nahm eine Handarbeit, und ich las. –

Meine liebe Schwester Grete!

Jetzt ist unser Gretchen also wieder da! – Du kannst ermessen, welche Qual von uns genommen ist. Gretchen ist doch unser Kind, ein Stück von uns selbst, unser Stolz. Gretchen hätte den Verkehr mit dem verlogenen Mädchen meiden sollen. Wie fand ich die Kinder, blaß und abgemagert – aber auch reuig – und ungeschändet. Und das ist es ja, was mich das Traurige vergessen macht, nicht vergessen, aber leichter ertragen läßt. Wenn nur dieser Makel von Gretchen genommen werden könnte. Ich kann doch nicht in die Welt hinausschreien: »Mein Kind kam ungeschändet zurück!« Edeldenkende Menschen freuen sich mit uns, denn sie empfinden mit uns. Niedrigdenkende Menschen aber werden stets versuchen, unser Kind mit Klatsch und Gemeinheit zu schänden. Gretchen ist noch zu jung, um das begreifen zu können. Ich fürchte mich vor der Zukunft, denn was wird kommen! Man wird Gretchen ehrlos machen, denn es gibt so gemeine Menschen, die ihre Laster dem Nächsten anhängen. Man kann sich nicht wehren, diese Hyänen arbeiten zu schnell und öffentlich, aber vor dem, den's betrifft, in Deckung. Ich habe mein Haus, das meine Welt ist, und flüchte tief hinein und schütze meine Kinder, aber das fühle ich, wir haben einen bitteren Kampf vor uns. Von Gretchen geht Leben und Sonne aus, gerade diese Menschen liebt jeder und treibt gern Unfug mit ihrer Liebe. Ich bange um Gretchen. Ich möchte nicht in die Zukunft blicken, vielleicht würde ich da etwas sehen, das mir den Mut zum Weiterleben nimmt. Die Polizei – ich hörte nie so schlechte Sachen wie daselbst, und dasselbe wurde Gretchen zur Last gelegt. Man hielt sie für eine Straßendirne. Stelle Dir vor, ein Kind von 15 Jahren und Gretchen, die allezeit so sonnig, frei und offen in die Welt sah. Die Herren müssen doch tatsächlich einen Unterschied machen, anstatt einem jungen Menschenkinde eine solche Welt zu zeigen. Grete hat Papas festen Willen und Ehrgeiz, allerdings eine knabenhafte Lebhaftigkeit, die jetzt allerdings etwas lahm gelegt ist. Ich glaube, dieser »Backfischstreich« wird für Gretchen allezeit eine Lehre sein und stets eine traurige Erinnerung bleiben. Sie kann wohl jetzt noch nicht ermessen, wie furchtbar unglücklich wir durch eben diesen Streich waren; doch später, wenn sie einmal Mutter ist, und es kommen erst kleine Sorgen, wird sie schon begreifen können. Behalte Gretchen 14 Tage bei Euch, dann sind wir ruhiger geworden. Grete, wie ist das Atmen jetzt frei und leicht, wir haben unser Kind wieder.

Grüße Deinen Mann, sowie Gretchen,
und sei Du herzlich gegrüßt von Deiner
Schwester Lieschen.

Als ich den Brief gelesen hatte, mußte ich an den Dichter Kaulisch denken, an das Gedicht: »Wenn Du noch eine Mutter hast.« Der Dichter hat recht, denn nicht jedes Kind hat das Glück, eine Mutter zu besitzen. Jedes Kind muß die Mutter ehren, denn nur ihr verdanken wir unsere Herkunft. Sie liebt uns am meisten, wie undankbar ist das Kind, das Mutterliebe zurückweist. Und sind wir krank, wenn Arzt und Verwandte uns aufgeben, die Mutter hofft bis zum letzten Augenblick. Der Mutter allein verdanken wir, wenn wir den Pfad der Tugend gehen. Und wie oft hat nicht die Hand der Mutter auf unserem Haupt gelegen und Gottes Segen auf uns herabgefleht. Wenn nun die Mutter gestorben ist, so soll das Grab unser heiligster Ort sein, an den wir uns wenden, wenn die Welt an uns herantritt, uns zu verführen. Die Mutter aber wird uns beschützen, auch wenn sie nicht mehr auf Erden weilt.

 

16. Juli 23.

Die Tage in Rahndorf sind vorüber. Mama und Annchen waren an der Bahn. Als ich beide sah, flog ich auf sie zu und herzte und küßte sie. Mutti lachte so vergnügt, und wir schritten Arm in Arm nach Hause. Der Kaffee war fertig, und Mamas Freundin, Frau Maria Abt, leistete uns Gesellschaft. Papa lächelte sein Schmunzeln. Es war wieder wie einst. Morgen in aller Frühe wollen wir, Frau Abt, ich, Annchen und Klara Abt zum Pilzesuchen nach Arnsdorf. Ich freue mich wie ein Schneekönig.

 

26. Juli 23.

O, herrliche Zeit! Fast täglich, allerdings bei schönem Wetter, waren wir im Walde. Wir sind die schönsten Wandervögel oder auch Zigeuner. Wir lagern im Grünen und verzehren unsere Butterbrote. Einmal fanden wir einen Pilz, so groß wie ein Suppenteller, wir haben uns solange damit geworfen, bis nichts mehr übrig blieb. – Abends kommen wir müde und hungrig vom Wandern, manchmal auch durchnäßt zu Hause an. Die Pilze essen wir größtenteils selbst; wir verkaufen auch an Nachbarn oder trocknen sie zum Winter. Frau Abt ist wie eine liebe Freundin. Ich bedaure nur, daß Mutti nicht mitkommen kann. Aber sie muß ja fürs Haus und Lotti sorgen, und für uns, wenn wir hungrig anmarschiert kommen. Dann wackelt das Haus! – Wir sind da! Und Mama und Papa halten sich die Ohren zu. In den Ferien kommen nun alle mit: Fritz, Annchen, Berni, Klara und Karlchen Abt. Wenn es doch ewig Sommer bliebe! Einmal im Walde, wir hatten die Kleinen zum Sammeln und Spielen fortgeschickt, kamen Frau Abt und ich in eine wunderbar weiche Stimmung. Es war so still, so feierlich um uns her. Ganz oben leuchtete zwischen den Bäumen der herrlichblaue Himmel. Ich stand auf, breitete die Arme aus und rief: »Frau Abt, hier bin ich wunschlos! Ist die Stille des Waldes nicht feierlicher als die Stille in der Kirche? Hier sind wir doch unserem Schöpfer am nächsten, weitab vom Lärm der Straßen. Ich möchte jubeln und singen. Frau Abt, ich weiß nicht, was in mir ist, ich möchte oft mein ganzes Innere nach außen kehren, ich möchte, – ich weiß selbst nicht, wie ich mich ausdrücken soll; ich möchte jedem Menschen etwas Liebes tun.«

»Gretchen, ich möchte mal in Dein Herz sehen.« –

»Möchten Sie das, Frau Abt? Wissen Sie, wie ich mir das Herz vorstelle? Es ist ein schöner Garten. In diesem wachsen weiße Röschen, das ist die unschuldige Liebe, die wir zu den Eltern haben. Das Glück, das überall bei uns ist, leuchtet hinein, so wie die Sonne hier im Walde. Und wissen Sie, wer die Gärtnerin dieses Gartens ist? Das sind wir selbst. Nicht der äußere Mensch, unsere Seele ist es. Die vernichtet auch das Unkraut und bittet, sollten einmal Wolken am Herzenshimmel sein, den lieben Gott um Sonne. Die Seele muß man lieben, denn sie ist ja unsere göttliche Schwester.«

»Wie kommst Du nur auf solche Gedanken, Gretchen?« sagte Frau Abt.

»Die kommen nicht, Frau Abt, das erlebe ich so in mir.«

»Du bist so eine kleine Schwärmerin«, sagte Frau Abt, »ich wünsche Dir im Leben das Glück, denn Du verdienst es.«

Ich gab Frau Abt für diesen Glückwunsch einen knallenden Kuß.

 

15. August 23.

Nachdem ich mich nun wieder herausgepäppelt habe und schon ein blühendes Aussehen bekomme, wie Frau Abt feststellt, muß daran gedacht werden, was beruflich mit mir geschehen soll. In ein Geschäft – niemals! Kontor – niemals! Da müßte ich Spießruten laufen, denn mein Name ist selten und doch bekannt. Da fand Mama das Richtige. Ich soll dem Haushalt vorstehen, und Mutti vergrößert ihren Kundenkreis, sie plättet. So lerne ich den Haushalt, das Kochen und auch die täglichen Sorgen kennen. – Das Einkommen vergrößert sich eher, als sei ich irgendwo beschäftigt. Wir fanden die Idee glänzend und warten auf den großen Kundenkreis. – Unser Geschäft ist eröffnet! – Kundschaft!!! – –

 

16. August 23.

Gestern war Frau Klein mit uns zum Pilzesammeln. Es war gar nicht so schön. Das Schönste vom Tage war die Heimfahrt. Wir hatten uns eine Flasche Brause gekauft. Frau Klein hatte, da alle Plätze besetzt waren im Zuge, ihre körperliche Fülle auf den Fußboden plaziert. Weil es heiß war, bekamen wir Durst, ich sollte die Flasche öffnen und tat es. Ich hob den Verschluß, und, hast du mich gesehen, zischte der Schaum in die Höhe. Ich hielt die Flasche links, rechts und überall hin, – es gab ein Kreischen und Schimpfen, zum Schluß bekam Frau Klein auch noch ihr Teil; ich war ganz beschämt, da platzte jemand los, und nach und nach löste sich alles in Wohlgefallen auf.

Spät abends kam Horst Klein (16 Jahre) noch zu uns. Herr Klein kam mit dem Auto vorgefahren und wollte zur Garage. Horst fragte, ob ich mit wollte. Ich bekam Erlaubnis und zog schnell mein weißes Kleid über. – Bei der Fahrt merkte ich aber, daß es recht dünn war, denn ich fror; es war kalt. Da sagte Herr Klein, als wir von der Garage nach Hause wollten: »Kommt man her, wir wärmen uns erst einmal.« Wir gingen in ein Lokal, nahe der Garage. Herr Klein bestellte für jeden einen Cognac, weil wir froren. An unserem Tisch saßen noch einige Chauffeure. Wir saßen sehr lange, und Herr Klein war fortgegangen und kam gar nicht wieder. Die Chauffeure bestellten noch einmal etwas zu trinken für Horst und mich. Es wurde immer später. Ich hatte es gar nicht so gemerkt, denn Horst erzählte so wundersame Geschichten. Bei ihnen wohne doch der Vortragskünstler Danberg.

»Der hat aber eine junge, hübsche Frau«, sagte ich.

»Frau? Hast Du ne Ahnung, die Frau von ihm ist schon alt, die Gisela ist seine Liebste.«

»Seine Liebste? und damit wohnt er und schläft er in einem Zimmer?«

»Das schadet doch nischt«, sagte Horst, »meine Mutter kriegt dafür hohe Miete, nur wollen sie nicht polizeilich gemeldet sein.«

»Ja, aber geht denn das so?«

»Ja, für Geld macht meine Mutter alles, die wollen ihr sogar noch einen Wintermantel schenken.«

»Da seid ihr aber fein raus. Aber wenn die richtige Frau nun was erfährt?«

»Das kann sie doch nicht, sie sind doch nicht gemeldet!«

Der Chauffeur am Tisch frug, ob wir noch nicht müde seien, es wäre doch Zeit ins Bett.

Ich stand auf und suchte Herrn Klein und fand ihn im Nebenzimmer, auf dem Sofa, im Arm die Wirtin des Lokals.

Als er mich sah, erschrak er und kam. Es war 2 Uhr nachts geworden.

Meine Eltern waren sehr, sehr böse.

Und nun am folgenden Nachmittag. –

Horst stand im Garten mit seinem Freund Max Breuer. Ich hörte ihn sagen: »Du Max, das war aber zack gestern Abend, die Grete Machan war mit in meines Vaters Stammkneipe und hat mit den Chauffeuren gesoffen wie eine ›Phose‹«. – Also einen Cognac von Herrn Klein zum Wärmen, danach ein Glas Braunbier, oder wie es heißt. Und ich war eine »Phose«. Pfui, pfui und nochmals pfui. Solch gemeine Menschen beschimpfen mich. Ich wollte mich verteidigen, aber ich bin zu stolz.

 

20. August 23.

Ich war zur Kirche. – Wozu ist die Kirche? Dazu, daß Leute, die in der Kirche für ihr und anderer Seelenheil beten, dann, wenn sie die Kirche verlassen, ihren lieben Nächsten mit Verachtung strafen. Ich hab's erfahren. Ich wollte einigen meiner Mitschülerinnen freundlich die Hand bieten, aber eine Mutter zog ihre Tochter fort. Man tut, als kennt man mich nicht. Und das ist christlich? Mein Heiland war bei mir in Berlin und weiß, daß ich nur meine Eltern betrübte. Man will mich aber zur Dirne stempeln, die Polizei und die »frommen Christen«. Ich habe meine Meinung und bete lieber im stillen Kämmerlein, fern allen Menschen, die nur christlich tun, doch nicht christlich handeln.

 

28. August 23.

Frau Klein war einige Tage bettlägerig. Ich habe den Haushalt geführt und Essen gekocht. So auch gestern. Ich war beim Waschen, die Wäsche stand 8 Tage schon und roch entsetzlich. Das Mittagessen war fertig, und Horst kam zu Tisch, gleich darauf sein Vater. Horst kommt in die Küche und stellt sich hinter mich. Er umfaßt mich, und ich drehe mich um und seife sein ganzes Gesicht ein. Der Lärm lockte Herrn Klein in die Küche. Er schickte Horst energisch ins Zimmer zum Essen.

»Komm auch, Gretchen«, sagte Herr Klein. Ich wollte aber erst noch einige Handtücher waschen. Herr Klein stand hinter mir. Und da plötzlich, – er faßte mich unanständig an. Ich war entsetzt und schlug ihm mit dem nassen Handtuch mitten ins Gesicht. Er war erst verdutzt, dann sagte er: »Stell Dich man nicht so an, das hat jedes Mädchen gern, na, und Du wohl erst recht, denn Du warst doch nicht umsonst in Berlin.« Vor Empörung brachte ich nichts weiter heraus als: »Sie Schwein!« Pfui, ein Mann von beinahe 50 Jahren. Ich lief fort und nach Hause. Kleins Kinder riefen mich, und Mutti fragte, weshalb ich nicht rüber wollte. Vor Entrüstung brachte ich nichts heraus; aber Mutti sagte: »Du brauchst mir nichts zu sagen, ich kann's mir schon denken.« Am Abend erzählte ich dann Mama das Geschehene. Mama sagte: »Er respektiert nie die Frau seines Nachbarn, und wenngleich sie Mutter von 5 Kindern ist. Jetzt beschimpft er auch noch die Tochter. Gretchen, wir haben gefährliche Nachbarn.«

 

29. August 23.

Es war noch einmal besonders schönes Wetter, und ich war mit Frau Abt zum Schwimmen. Wenn nur noch einige schöne Montage kommen, denn dann gehe ich immer mit Papa zum Fischen. Wir lieben diesen Sport so sehr, ich lagere am Wasser im Grase, verfolge die weißen Wölkchen am Himmel, die wie junge Katzen sich haschen. Manchmal hören wir das Brausen des Wehrs. Aber nicht nur sonnige Tage und ewigblauer Himmel sind schön. Wenn es ringsum tobt, und die Wellen wie weiße Kämme zusammenschlagen, wenn die Segelboote dem Sturm ausgesetzt dahinjagen und dem Kentern nahe sind, die Wolken grau und tief hängen und das Wasser dunkel färben, das ist auch schön. Das ist Gewalt, Macht, Wille. Wenn ich will, sagt der Sturm, pfeife ich im Nu das Boot um, und die Menschenleben sind verschwunden. Wenn wir wollen, sagen dann die Wellen, spülen wir einmal recht weit ans Ufer, und Gretchen Machan kommt mit uns und ist heidi verschwunden. Wenn wir wollen, sagen die Wolken, lassen wir einen Wolkenbruch niederklatschen, direkt auf Grete und Papa Machan, und beide sind naß wie die Maden. Wer so einen Willen besäße von den Menschen; Blödsinn, Menschen; lächerlich; die treiben bloß Unfug auf der Erde, die einen fressen sich vor Liebe auf, die andern vor Haß. Die Klugen vernichten die Dummen, indem sie sie in ihrer Dummheit erhalten. Die Dummen aber sind doch die Klügsten, sie schädigen die Menschen ebenso wie die Klugen. Früher glaubte ich, alles um mich herum sei Glück und Schönheit, aber, aber – es gibt wohl Ausnahmen von Menschen, zum Beispiel, die mir herzlich nahestehen und Abts. Darum müßte der Mensch eigentlich tun, als sei er nur allein auf der Welt. Die Welt ist ja schön, wunderschön, nur die Menschen! So auch im Krieg. Aus schier Dummheit knallen sich Menschen nieder, obgleich sie sich im Leben noch nie gesehen haben. Pusten so mit einem »Tsching bum« das Lebenslichtlein aus, das Gott angesteckt hat. Das ist doch die reine Undankbarkeit gegen Gott. Und wenn dann Hunderte von Menschen einfach so mir nichts dir nichts mit allerlei Mordinstrumenten niedergeknallt sind, dann freuen sie sich noch, falten die Hände und sprechen ein Dankgebet zu Gott. Na, wenn Gott so ist, wie ich ihn mir vorstelle, dann steht er da oben, schüttelt den Kopf über die dummen Menschen und denkt: »Da hast Du Dir nun so viel Mühe gegeben, hast ihnen Klugheit und Verstand eingetrichtert, und gescheit werden sie doch ihr Lebtag nicht.« Die Kirche, wir sind Katholiken, wir bitten um Sieg, also wollen den Feind schädigen. Und unsere Feinde sind auch Katholiken, unsere Glaubensgenossen, das ist doch seelische Verwandtschaft, die müßte doch höher stehen als weltliche Feindschaft. Ich werde daraus nicht klug, mal soll die Kirche, die katholische Kirche, eins sein, dann um solche Morderei wollen wir, sollen wir, um Niederlage unserer nächsten Brüder beten. Was muß der liebe Gott da oben für Kummer haben. Die Polizei, die Gerechtigkeit – die Eltern freuen sich, daß ich wieder da bin und mir kein Leid durch »Männer« geschehen ist. Die Polizei aber will das einfach nicht glauben und behauptet, ich »lüge«. – Daraufhin muß ich mich entblößen und muß untersucht werden, – ich schäme mich, – schon beim Schreiben werde ich rot. – Der Arzt lächelt: »unberührt«. Zum ersten Mal grinste der Beamte: »Da haben Sie aber Schwein, fünf Wochen in Berlin und noch unschuldig.« So wurde ich aufgeklärt über mein Dasein und meinen Zweck auf Erden. Seitdem ist mein Übermut hin, ich bin kein Kind mehr. Als ich dann am nächsten Sonntag darauf das Wort »Keuschheit« in der Kirche hörte, wurde ich vor mir selber rot. – Ich habe viel gedacht, seitdem man mir meine Kindheit genommen hat. Es gibt soviel Waisen in der Welt, – also auch in Berlin, sind denn das alles Straßendirnen? Warum sollte ich ein Straßenmädchen sein, wo ich nur 5 Wochen elternlos war? Mir ist's oft, als stände ich vor einem großen Berge und mir fehlten die Beine, so daß ich nicht hinaufklettern kann. Na, und was nun alles aus der Welt geschafft werden muß, wenn man anfängt, »erwachsen« zu sein. – Sollten da vorgestern einige Äpfel von unserem Baum geholt werden. Papa hatte keine Zeit, er hat selten Zeit; Mama, o weh, unsere rundliche Mama auf dem Apfelbaum, und noch dazu unsere ängstliche Mama! Wer holt die Äpfel? – Selbstredend ich. Ich will auf den Baum, doch weil mein Rock lästig ist, streife ich ihn ab – und stehe in Turnhosen da. Eins, zwei, drei, bin ich auf dem Baum.

»Na, Grete, Du schämst Dich wohl gar nicht, läufst da in Hosen herum vor Horst!« sagt Frau Klein. »Die will ja bloß ihre dicken Beine zeigen«, sagt Horst.

»Du brauchst ja nicht herzugucken«, rufe ich vom Baum, »wir sind doch hier in unserem Garten.«

»Na, etwas anständiger kannst Du Dich doch bewegen«, sagt Frau Klein.

»Grete ist ja fast noch ein Kind; und es ist wohl angebracht. In Hosen ist leichter klettern, und ein Rock kann leicht im Zweig hängen bleiben. Zudem, wenn Horst in einem Turnverein wäre, könnte er ja leicht sterben vor Scham, denn da laufen ja dutzendweise die Mädchen in Turnhosen herum.«

»Grete, schmeiß mir doch mal 'n Apfel rüber«, rief Horst dann.

»Pustekuchen«, rief ich.

»Da kann man sehen, wie geizig ihr seid«, ruft jetzt Gesche (so nennt sich Frau Klein).

»Von so einem unanständigen Mädchen nehmen Sie etwas an?« lachte ich.

»Du olles Kamel«, ruft Frau Klein.

»Mit Hosen?« – – –

So geht's nun her. Ich soll absolut kein Kind mehr sein, jeder verlangt das. Dabei sagte Mutti einmal: »Es gibt Menschen, die bis ins hohe Alter Kind bleiben.« Na und Anstand? Ich habe auch da meine Gedanken. Ich könnte von Familie Klein wenig Anstand lernen.

 

30. August 23.

Unser Geschäft geht gut. Wir haben reichlich zu tun, und Papa ist froh, daß er nun eine Erleichterung hat. Jetzt verstehe ich auch, wie glücklich der Mensch sein kann, trotz tüchtiger Händearbeit. Es gibt nach Feierabend die Erholungen. Ich gehe schwimmen. Ich bin im Turnverein, dazu das Wandern. Was kann's wohl Schöneres geben. Und wenn unser Spartopf Inhalt genug hat, kauft Papa eine Mandoline. Mutti liebt das Mandolinenspiel, und so ein bißchen Musik im Haus ist wie ein Herold, der Zufriedenheit und Harmonie ins Haus bringt.

 

2. Sept. 1923.

Schon seit Wochen verkehrt bei Kleins ein Herr Wald. An einem der ersten Tage stellten Kleins uns Herrn Wald vor. Wir plauderten manchmal, bei schönem Wetter, das den Aufenthalt im Garten erlaubte, miteinander über den Zaun hinweg. Oskar Wald spielt wunderbar Geige, ich war oft ganz Ohr. Dann dachte ich wohl ganz, ganz still an meine Sehnsucht, und ich lauschte selig. Manchmal auch kam Herr Wald zu uns, und wir neckten uns oder schnackten klug. Einige Male bat er meine Eltern um Erlaubnis, mit mir einen einstündigen Spaziergang machen zu dürfen. Er lieferte mich dann auch pünktlich wieder zu Hause ab. So auch heute abend. Er war auffallend still, und ich fragte, was ihn bedrücke. Er antwortete ausweichend. Ich sagte: »Hören Sie, wenn Sie eine ganze Stunde wie ein Murmeltier neben mir gehen wollen, dann ist es wohl besser, ich mache gleich kehrt.« »Ach Fräulein Grete, ich fand es in Ihrer Familie so nett, auch habe ich mich an dieses Stündchen Spaziergang so gewöhnt, daß ich es nicht missen möchte. Sie wissen, daß Herr Klein mich schon als Schulbube kannte, weil er Chauffeur bei meinem Vater war. Ich kenne Kleins. Nun sagte heute Frau Klein zu mir, wenn ich bei Ihnen im Hause verkehrte, dürfte ich ihr Haus nicht mehr betreten. Sie wollte nicht, daß ihr Haus verrufen würde.« »Was haben wir denn getan!« rief ich höchst erstaunt. »Sie erzählte mir, Sie, Fräulein Grete, hätten sich 5 Wochen lang in Berlin herumgetrieben, alle Welt wüßte das, und zeigte mit Fingern auf Sie. Ihre Eltern vertuschten Ihre Schandtaten, weil sie jedenfalls von den Herren, die Sie verführt haben, Abfindungssummen erpreßt hätten.« Ich war entsetzt. – »Herr Wald, das ist doch unmöglich wahr, so gemein kann Frau Klein doch kaum gewesen sein; so ehrlos macht man uns! – Ich habe doch 8 Tage lang ihren Haushalt geführt, als sie krank war, ich ging doch stets in dieser Zeit bei Kleins ein und aus; wurde ihr Haus denn zur Zeit nicht auch durch mich verrufen? Ich mied das Haus, weil man mich – o, Gott, wie gemein sind diese Menschen. Bitte Herr Wald, der Weg ist frei, urteilen Sie über mich, wie Sie wollen, die Reise nach Berlin ist wahr, hören Sie, so wahr ist auch, daß ich Sie jetzt hier stehen lasse, denn mit Menschen, die im Kleinschen Hause verkehren, möchte ich nichts gemein haben, das verbietet mir meine gute Erziehung und mein Stolz. Mein Stolz, wohlverstanden Herr Wald, denn ich habe ein ehrenhaftes Elternhaus, und wehe dem, der unsere Ehre antastet. – Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher.« »Aber Fräulein Grete!« Die jämmerliche Figur vergesse ich so leicht nicht. »Sie beleidigen mich, wenn Sie nur meinen Namen nennen«, sagte ich stolz und ging fort.

 

9. Sept. 23.

Wir sind reich geworden. – Das Glück kam über Nacht. Wir erhielten eine Schenkung, 250 Millionen, von Tante Frieda, die zur Zeit in Amerika weilt. Da die Entwertung mit Riesenschritten schreitet, mußte sogar unser Papa den Schusterhammer beiseite legen, denn das Geld muß schleunigst umgesetzt werden. Tante Frieda, was hast Du getan. Du hast unsern Papa aus dem Gleis gebracht, uns alle, denn wir sind 250fache Millionäre!

 

20. Sept. 23.

Mutti bekam ein rostrotes Kleid; ich – ein buntes, das Onkel Heinz in Rahndorf als Modell im Geschäft so gut gefiel. Papa kaufte Leder; jeder bekam sein Teil und zuletzt, man staune, noch sechs Zentner Kohlen. Futsch ist futsch, und hin ist hin. Fahrt dahin, ihr Millionen!

 

25. Sept. 23.

Wir hatten noch einmal einen herrlichen Montag. Um 3 Uhr saß ich schon im Bett und schielte durchs Fenster und wartete auf einen klaren Himmel. Es schien so –, ich sprang aus dem Bett, knuffte Papa: »Uff, die Sonne kommt«, dann bereitete ich alles zur Tagesreise vor. Wir fuhren »per Rad« über die Elbbrücke, den Werder entlang bis zu unserem Fleckchen. Ganz hinten hinter der Lachsfischerei. Wir schreckten einige »Naturforscher« auf, die in Weidenbüschen geschlafen hatten und uns schlaftrunken entgegensahen. Es begann ein herrlicher Tag. Wir haben allerlei gefischt, ich sogar einen Herrn. Wie das kam? Ganz einfach. Ein Segelboot flog ausgerechnet auf unsere Angeln zu. »Bitte etwas Vorsicht!« rief ich, allerdings schon ärgerlich. Er wollte rücksichtsvoll wenden, kam aber gerade in eine Angel, die Papa eben freudig hochziehen wollte, weil einer angebissen hatte.

»Na, die Elbe ist doch groß genug, warum müssen Sie denn ausgerechnet hier segeln. Sie hätten uns doch sehen können, wir sind doch keine Stecknadeln.« »Allerdings, gnädiges Fräulein, für eine Stecknadel sind Sie etwas zu lang.« »Gnädiges Fräulein, son Quatsch«, sagte ich verächtlich.

»Eigentlich ja, man weiß kaum, ob Herr oder Dame«, gab er ebenso zurück. Da wurde ich verlegen, denn ich stand in Papas Manchesterhosen und Papas Mütze. Ich hatte kurz vorher im Grase Purzelbaum geschlagen.

Er legte sein Boot in unserer Bucht an und kletterte ans Ufer.

»Papa, wir kriegen Besuch«, rief ich, »schade, wir waren so schön allein hier.«

»Ist das hier denn Ihr Eigentum?«

»Seit Jahren schon, wir haben's vom lieben Gott gepachtet; wenn Sie sich hier ruhig verhalten, können Sie meinetwegen hier kurze Zeit liegen bleiben.«

»Sehr gnädig, danke.«

»Aber den Kippelkahn schieben Sie am liebsten beiseite, der verscheucht uns hier die ganzen Hechte und Zander.«

»Ich bin gern den Damen gegenüber ein gehorsamer Diener, aber nicht Knecht.« Er drehte sich um, und ich hatte das Zusehen. »Tölpel«, dachte ich.

Papa kauerte bei den Angelstöcken und paffte zufrieden dicke Wolken in die schöne klare Luft. Da rief ich: »Papa, es beißt einer.« Papa zog hoch und wirklich, es hing ein großer Zander daran. Wir waren eifrig um unsern Zander bemüht, als unser Gast zu uns kam.

»Das hat aber gelohnt«, sagte er.

»Großer Kerl, nicht?« schmunzelte Papa.

»Sie können ihn gleich schlachten«, sagte ich und weidete mich an seinem dummen Gesicht. Ich wollte ihm den Zander reichen, aber er wehrte ab – mit seinen weißen, gepflegten Händen. »Na, das hätte ich Ihnen auch gar nicht zugetraut, mit solchen Händen kann man auch nichts Gescheites machen. Hier, sehen Sie mal meine Hände«, ich schämte mich aber doch etwas, denn ich hatte nicht nur Arbeitshände, sondern auch höchst schmutzige. »Allerdings jetzt etwas schmutzig, aber das geht wieder weg, ich habe jede Woche einen Waschtag, denn wir haben eine Wäscherei und Plätterei; das hilft den Händen für die ganze Woche, man muß mit Wasser immer sparsam sein, denn das ist zu teuer und zu knapp.«

»Solch eine sparsame Frau suche ich schon lange.«

»Wirklich?«

»Würde Ihr gestrenger Herr Papa wohl eine Segelpartie mit mir erlauben? Vorausgesetzt Sie hätten Lust und Mut. Aber ich zweifle nicht an Ihrem Mut, Ihr Aussehen ist schon direkt ängstigend.«

»Eine Segelpartie«, rief ich schnell. Ich war Feuer und Flamme.

»Papa, darf ich?« Er trat zu Papa. »Vertrauen Sie mir Ihr Töchterchen auf ein Stündchen an?« sich vorstellend: »Otto Lange, Prokurist.« Ich wollte in ein Gebüsch flüchten, um mein Kleid anzuziehen, er aber rief: »Bitte nicht, Fräulein, Sie sind so viel netter und zum Segeln äußerst praktisch gekleidet.«

»Aber das schickt sich doch nicht«, sagte ich.

»Es gehört doch zum Sport.« Das leuchtete ein.

»Wir entschwinden Ihrem Gesichtskreis nicht, gestrenger Herr Papa«, sagte Herr Lange.

»Na, denn man zu«, brummte Papa.

Das Segeln gefiel mir herrlich, ich war in meinem Element.

Als Herr Lange mich wieder an Papa ausgehändigt hatte, unterhielten wir uns noch etwas, dann verabschiedete er sich mit dem Versprechen, uns zu besuchen.

 

1. Okt. 23.

Wir haben eine Wanderung gemacht. Herr Abt, Frau Abt, Papa, Emmy, Annchen, Fritz, Berni und Paulchen und – ich. Wir waren wie die Wilden. Es ist Herbst. Bald hat die Herrlichkeit ein Ende, und der Winter hält seinen Einzug. Im Winter kommen wieder andere Freuden, jede Jahreszeit hat ihren Reiz. Mutti empfing uns am Abend mit einer entsetzlich großen Schüssel Kartoffelsalat, dazu Würstchen. Wir haben gegessen – unmenschlich – –

Herr Lange hat sich noch nicht blicken lassen.

 

2. Okt. 23.

Die Arbeit und die gemütlichen Herbstabende im angewärmten Zimmer verhinderten mich am Schreiben. Heute abend sitze ich nun hier auf dem Bettrand in meinem Zimmer und studiere das durch, was ich niederschrieb. Ich habe auch Fehler genug entdeckt, aber was macht's, ich will mich bessern, und ich schreibe ja auch nur für mich. Ich entdeckte einen herrlichen Platz als Versteck. In der Matratze meines Bettes. Herr Lange war noch nicht da, ich hätte ihn gern geärgert, er scheint etwas borniert.

 

4. Okt. 23.

Und er kam. – Ich sag's ja – borniert. Ich war befriedigt bei seinem Anblick, denn ich hatte allerlei Grobheiten auf Lager. Ich trug meine Hemdbluse, blauen Rock und Schürze, als er kam.

»Sieh da, guten Abend, gnädiges Fräulein!« sagte er.

»Guten Abend, möchten Sie zur Schuhmacherei?« Er war verdutzt.

»Ja, ja –«

»Bitte die Tür geradeaus. Papa, Kundschaft«, sagte ich die Tür öffnend. Draußen lachte ich mir eins.

Drinnen erzählten sich beide vom Fischen und Segeln, sie waren ja Sportskollegen. Dann bewunderte er unsern Garten und unsere Kaninchen, na und wer das tut, Kaninchen loben, der steht bei Papa im Ansehen. Ich merkte auch bald, daß sich Herr Lange nach und nach als »gemütlich« entpuppte.

Er ist Prokurist und oft wochenlang auf Reisen. Die meisten Touren macht er per Auto, das der Firma gehört. Fritz ist heute abend schon eine kleine Tour bis Halldorf mitgefahren. Ich hätte auch schändliche Lust zur Autotour.

Herr Lange ist ganz unterhaltend und hat Lotti sehr gern. Er möchte sehr gern mit uns zu einem Ball, den der Segelklub veranstaltet. Im Museum. Papa ist nicht für Vergnügungen. Mutti kann schlecht von Lotti fort. Und ich allein – ausgeschlossen. Ich kenne Herrn Lange ja kaum. Mal sehen, wie es kommt.

 

5. Okt. 23.

Wir waren tatsächlich zum Ball. Papa ist schweren Herzens mitgegangen, und Mutti kam um 10 Uhr nach. Ich trug mein weißes Kleid und Herr Lange bewunderte mich. »Meine kleine Unschuld«, sagte er, »kaum eins mit der kleinen Katze von der Elbe.«

Herr Lange machte uns noch bekannt mit seinen Freunden, Herrn Franz Feld und Frau; die mag ich aber nicht leiden. Sie sieht jeden Menschen über die Schulter an und ist, wie alle Neuburger leicht sind, unnahbar. Ich bin Gemütlichkeit gewöhnt, denn unser Bekanntenkreis besteht fast nur aus Sachsen, na und die sein gemietlich. Wir brachten den Abend aber hin mit tanzen, trinken und quasseln. Man sagt sich Artigkeiten oder Grobheiten, die das Gegenteil vielleicht bedeuten sollen. Schwärmen kann ich nicht, so nett Herr Lange auch zu mir war.

 

7. Okt. 23.

Herr Lange mußte geschäftlich per Auto nach Rahndorf und hatte Fritz mitgenommen. Er scheint sich heimisch bei uns zu fühlen, denn jede freie Zeit verbringt er bei uns. Manchmal haben wir kaum Zeit für unsern Gast, denn wir haben viel zu tun; dann setzt er sich zu Papa. Er bringt fast immer etwas Konfitüren mit, mir ist's, als sei ich ein Baby oder Kindchen, dem man Süßigkeiten schenkt. Ich habe mir so ein Kennenlernen und Zusammentreffen geistreicher geträumt. Mag das noch kommen? Ich glaube, Herr Lange ist der Mann nicht, er schlug noch nie ein Thema an, so wie ich es liebe. Ob er mich für ein dummes Gänschen hält?

 

16. Okt. 23.

Oma hat heute Geburtstag. Herr Lange holte mich ab, kaufte für Oma 1 Pfd. Weintrauben, ½ Pfd. Kakao und ein Sträußchen, trug mir einen Gruß auf und verabschiedete sich dann von mir mit dem Versprechen, am Abend vor Omas Haus zu erscheinen, um mich abzuholen. Er kam. Es war 8 Uhr. »Eigentlich zu früh ins Bett«, meinte er, »da könnte man wohl noch in ein Café gehen.«

»Ich habe zur Genüge Kaffee getrunken, Herr Lange.«

»Dann gibt's etwas anderes, liebes Fräulein, aber wohin?«

»Ich bin unerfahren, schlagen Sie vor.«

»Café Baltic?« Wir waren in der Marktstraße. Im Café. Zum ersten Mal. Ich war erstaunt. Es war herrlich und elegant. Ich wagte kaum zu atmen. Herr Lange bestellte Likör. Ich sah verstohlen um mich und musterte die Umgebung und versuchte, mein Glas ebenso graziös zu berühren wie eine Dame am Nebentisch. Ich war die Schuhmacherstochter Grete Machan und saß nun hier in diesem eleganten Lokal, als gehörte ich hierher. Wieviel Vornehmheit mußte ich wohl noch lernen, um denen gleich zu kommen. Gewiß waren auch Grafen und Barone darunter, die Damen waren so elegant und bewegten sich so graziös. Wir saßen erst allein, doch nach einiger Zeit nahm ein Herr von etwa 40 Jahren an unserem Tisch Platz. Die Herren begrüßten sich und Herr Lange stellte vor: »Dr. Reißmann, ein lieber Geschäftsfreund, es gibt kaum einen besseren Menschen«, sagte Herr Lange zu mir. »Eigentlich nur ein Sohn armer, achtbarer Leute, die vom Munde sparten, um sein Studium zu ermöglichen. Er ist Jurist. Doch in dieser jetzigen Zeit war es ihm nicht möglich, eine Praxis zu gründen. So ist er Vertreter im Geschäft seines Schwagers, des Bruders seiner jungen Frau, einer Schönheit, sage ich Ihnen. Dr. Reißmann kennt die Not und hat sehr viel getan für Arme und arme Reiche in der Zeit der Entwertung, und seine junge, reiche Frau unterstützte ihn. Das junge Ehepaar ist fast immer auf Reisen und lebt sehr glücklich.«

»Haben sie ihre Wohnung hier in Neuburg?« fragte ich.

»Nein, sie wohnen zur Zeit ihres Aufenthalts entweder in einem Hotel oder bei Bekannten. Frau Doktor ist überall ein lieber Gast.«

Dr. Reißmann hatte eine längere Unterhaltung mit einem Herrn am Nachbartische. Dann wandte er sich uns zu.

»Nun, das kleine Fräulein sah ich hier ja noch nie.« Herr Lange sagte meinen Namen; Herr Doktor nickte mir freundlich zu. Ich verlor allmählich meine Befangenheit und plauderte lebhaft mit. Der Kellner erschien, und Dr. Reißmann zog seine Brieftasche und tilgte seine Schuld mit einem Dollar.

»O, ein Dollar!« sagte ich, »die gibt es ja so selten. – Mein Vater bekommt auf Papier nie Leder, oder aber er muß wegen der Entwertung den doppelten Preis zahlen.«

»Ja, die Geschäftsleute nehmen mit Vorliebe Dollar.«

»Aber man bezahlt uns doch mit Papier«, sagte ich.

»Es geht überhaupt ungerecht her, mein Vater ist oft ganz mutlos, weil die Lederhändler so rabiat sind. Das ist doch Wucher, uns bezahlt so leicht niemand die Stiefel mit doppeltem Preis.«

»Ihr Vater ist Schuhmacher?«

»Ja.«

»Mauerstraße 3«, sagte Herr Lange, »liefert erstklassige Arbeit.«

»Das ist ja blendend, ich suche direkt einen guten Schuhmacher.«

Dann mußten wir auch Abschied nehmen, und Herr Lange brachte mich nach Hause. Es war 10 Uhr und Herr Lange entschuldigte die Verspätung.

 

13. Nov. 23.

Es war heute gegen Mittag. Die Haustür ging, es hatte ein Auto vor der Tür gehalten. Ich glaubte, es wäre Herr Lange, aber ich war sehr, sehr erstaunt, denn Dr. Reißmann stand im Hausflur. »Ei, sieh da, das kleine Fräulein!« Ich war ganz verlegen, denn ich war beim Reinmachen. Ich wischte rasch meine Hand in der Schürze ab und bot Herrn Dr. Reißmann dieselbe, denn er hielt mir schon lange seine Hand zum Gruß hin. Ich sah ihn fragend an. »Ja, Sie wundern sich, Kind. Ich habe ein Paar Stiefel, die möchte ich bei Ihrem Herrn Papa machen lassen. Ich halte mein Wort.« Ich öffnete schnell die Tür zur Werkstatt und führte Herrn Doktor hinein. Er wollte die Stiefel bis Abend fertig haben, weil er dann nach Uldorf fahren wollte.

»Im Auto?« fragte ich. »Ja, ich muß erst nach Rahndorf und mein junges Fräulein vom Landestheater abholen; dann fahren wir weiter.«

»O, Sie fahren nach Rahndorf? Da wohnt mein Onkel und meine Tante, da können Sie mich ja gleich mitnehmen«, sagte ich im Scherz.

»Ei freilich, liebes Kind, warum nicht.«

»Ich machte ja nur Scherz.« Papa und Mama lächelten.

Herr Doktor bezahlte seine Stiefel im voraus mit einem Dollar, trotzdem sich Papa weigerte. Und da stieg mir ein Verdacht auf. Er wollte Papa eine Freude machen, indem er ihm zu einem Dollar verhalf, damit Papa Leder kaufen konnte. Als er dann gehen wollte, sagte er: »Nun, wie ist's mit Rahndorf, kommen Sie mit? Ich komme morgen abend wieder zurück nach hier.«

»Wenn meine Eltern es erlauben, ich möchte schon liebend gern!«

Herr Doktor legte ein gutes Wort für mich bei meinen Eltern ein, und so freute ich mich bis zum Abend wie ein Schneekönig, ich hatte ordentlich Fieber. Herr Doktor lobte noch zu meinen Eltern Herrn Lange sehr. Ich brachte Herrn Doktor bis zum Auto und besah mir das Untier, das mich am Abend nach Rahndorf bringen sollte.

Frau Klein war im Garten, und ich erzählte ihr sofort davon, auch daß Papa einen Dollar bekommen hatte.

 

16. Nov. 23.

Am Abend kam Herr Doktor und holte die Stiefel und mich. Er brachte noch ein Paar Stiefel mit und bezahlte dieselben auch sofort mit einem Dollar; so hatte Papa an einem Tage zwei Dollar. Es ging heidi los. Herr Dr. Reißmann unterhielt sich so glänzend mit mir, daß ich verwundert war, als wir schon in Rahndorf waren. Onkel Heinz war erschrocken, als das prächtige Auto vor seinem Laden hielt und – ich ausstieg. Ich stellte Onkel Heinz vor und holte Tante Grete. Herr Doktor versprach, daß er morgen Nachmittag mich abholen will.

 

18. Nov. 23.

Herr Doktor kam gegen Abend. Er lud Tante Grete und Onkel Heinz zu einer kleinen Tour ein. Wir kehrten in Astoria ein, und Herr Doktor bestellte für alle ein kaltes Abendessen, dazu tranken wir eine Flasche Wein. In Astoria verkehren Onkel und Tante immer, Onkel ist dort als Stammgast gut bekannt. Hier fragte mich Herr Doktor, ob ich mit Erlaubnis meiner Eltern in seinem Hause Stellung nehmen wollte als Fräulein, allerdings mit Familienanschluß. Seine Gattin suchte schon lange ein nettes, freundliches Fräulein, das bei Gesellschaften etwas behilflich sei, mit auf Reisen gehe und überhaupt im Umgang nett sei. Ich möchte wohl gerne, sagte ich, aber wir haben ja die Plätterei, und ich kann doch unmöglich fort. Herr Doktor sagte, meine Eltern wären ihm auf den ersten Blick recht sympathisch gewesen, und gern möchte er mich als Fräulein und Hilfe bei seiner jungen Gattin haben. Wir kamen 9 Uhr vor unserem Hause an. Herr Doktor nahm seine Stiefel mit und verabschiedete sich.

 

21. Nov. 23.

O, der Klatsch. – Frau Klein ist am Werk. Sie hätte nicht schlafen können, weil das Auto vor unserem Hause gehalten hätte. Mama sagte, es war doch erst 9 Uhr. Sie wäre gerade eingeschlafen, als das Auto gekommen wäre, dadurch hätte sie die ganze Nacht nicht weiter schlafen können. »Ja, Frau Klein, das ist schlimm, hätten Sie sich nicht den Kopf so zerbrochen vor Neugierde, wer es hätte sein können, hätten Sie bestimmt weiter schlafen können, übrigens kommt Ihr Mann unzählige Male nachts von seinen Touren per Auto zurück und macht mit seinen Hupen einen so entsetzlichen Lärm, daß alles wach wird.«

»Na, glauben Sie denn, daß der Mann Grete heiratet?«

»Ach, das ist Ihre Sorge, wie rührend, daß diese Sorge Sie nachts nicht schlafen läßt. Der Mann heiratet meine Tochter auch nicht, überhaupt ein Kind!«

»Und dann lassen Sie sie im Auto mitfahren, da hält sich doch schließlich alle Welt darüber auf.«

»Frau Klein, der Mann ist jung verheiratet und lebt noch in den Flitterwochen, wir wissen, was wir tun, überlassen Sie alle Sorgen um unser Kind uns allein und schlafen Sie getrost des Nachts. Sie haben selbst Kinder, tragen Sie darum Sorge.«

 

26. Nov. 23.

Wir waren im Lichtspielhaus. Herr Lange, Herr Feld und Frau und ich. Von Frau Feld ging eine eisige Kälte aus. Ich sagte das auch Herrn Lange. Ich erzählte ihm von Herrn Dr. Reißmanns Freundlichkeit und das Angebot der Stellung. Er war sehr begeistert davon, ich lernte dann den guten Ton, und dann nehme er mich noch einmal so gern zur Frau. Ich fühlte mich etwas betroffen, dann auch wieder geschmeichelt, denn der Triumph, nur wegen Frau Klein! Im übrigen fühle ich mich noch viel zu dumm, um Frau zu sein. Denke gar nicht daran. Vom Kino aus gingen wir zu Daman. Hier hörte ich zufällig, daß Frau Feld zu Herrn Lange sagte: »Der Mantel von Ihrer Dame sieht ja entsetzlich schäbig aus, Sie sind doch sonst so peinlich.« »Ich habe die Kleine gern«, sagte Herr Lange. Ich war für den Abend seitdem ganz still. Herr Lange verreist auf 8 Tage.

 

2. Dez. 23.

Ich bekam eine Karte aus Frankfurt von Herrn Dr. Reißmann und Gattin; sie brenne darauf, das »liebe Kind« kennen zu lernen, wovon ihr Gatte so schwärmt. Wie ich mich fühle. Wir sind alle ganz begeistert und gespannt, die junge Frau kennen zu lernen, wovon Herr Lange so begeistert ist. Ein Bote von Hotel Groß holte mich dann, wenigstens brachte er mir Bescheid, daß Frau Doktor mich zu sprechen wünsche. Ich glühte, und Frau Klein, die gerade bei uns war, traktierte ich mit meiner Freude. Für Stellung bei Doktors ist Mutti nicht so eingenommen. Wohl, daß es gut für mich sei, aber um die Plätterei! Doktors gehen Anfang nächstes Jahr entweder nach Süd- oder Nordamerika, ich könne mit. Aber die Eltern wollen das nicht. Geben wir die Plätterei auf, so müssen wir, wenn Doktors fort sind, wieder von neuem anfangen. Mutti allein kann Plätterei und Haushalt nicht besorgen. Wir müssen eben überlegen. Auch meinte Mutti, zur Erlernung des Haushalts würde sie sich das wohl überlegen, vielleicht einwilligen; aber als Fräulein, da käme ich zu sehr aus unsern kleinen Verhältnissen heraus und könnte mich dann nachher an die Enge eines kleinbürgerlichen Lebens schlecht wieder gewöhnen. Mutti möchte doch ihre Kinder nicht über den Horizont herauswachsen lassen. Das leuchtete mir ein, ich dachte aber doch an Herrn Langes Worte: »Er nehme mich zur Frau.« Aber ich kann doch so etwas nicht zu Mutti sagen, die würde schließlich lachen: »Du dumme Kröte.«

 

4. Dez. 23.

Ich traf Frau Doktor fertig angekleidet zum Ausgang, als ich kam. Sie ist reizend, etwas kleiner als ich, dunkles Haar und große dunkle Augen. Man muß Frau Doktor auf den ersten Blick lieb haben. Wir gingen fort nach Café Kranz. Da ist es auch herrlich. Ich komme mir vor wie ein Aschenbrödel. Frau Doktor plauderte von allem möglichen unterwegs, es war, als kennten wir uns schon recht lange. Sie mag mich scheinbar sehr gern, denn ich hörte es immer heraus. Sie bewunderte mein üppiges Kraushaar. Wir wurden auch einig. Wenn Mutti die Wäscherei aufgibt, was im Winter ohnehin recht schwierig ist, und nur plättet, gibt es etwas weniger Arbeit. Weilen Doktors in Neuburg, kann ich immer Mama noch zur Hand gehen, wenn ich abends nach Hause komme und morgens erst um 10 Uhr zu Frau Doktor gehe. Es würde alles gut einzurichten sein, dann kommt Annchen auch bald aus der Schule und hilft Mutti nachmittags. O, es geht schon. Wenn einmal Gesellschaft sei, könnte ich nötigenfalls auch bei Doktors schlafen, sonst geht es schlecht, da sie auch nur Gastrecht haben. Wenn Frau Doktor dann mit Herrn Doktor zu reisen wünscht, und ich abkömmlich bin, dann soll ich eben mit. Ich freue mich riesig. Am 9. Dezember will Frau Doktor nach Dresden, wo sie Herrn Doktor treffen will, der von Österreich zurückkommt. Vielleicht kann ich mit. Ich brachte Frau Doktor ins Hotel zurück, sie breitete ihre Kleider aus und wählte ein schwarzes Seidenkleid für den Abend zum Stadttheater. Sie schenkte mir einen lila Seidenschal. Als ich ging, drückte sie mir herzlich die Hand und sagte: »Also bis morgen früh, mein lieber Schützling.«

Es war schon 8 Uhr, als Herr Lange noch zu uns kam, er kam direkt von der Bahn. Auf sein Bitten bekam ich noch 2 Stunden Urlaub. Wir gingen ins Zentral-Hotel unten ins Lokal zu einem Glas Bier. Ich war mit Absicht recht still und sagte ihm nur, daß ich Verpflichtungen gegen Frau Dr. Reißmann hätte. »Das danke ich Dir, Gretchen.« Ich sah ihn groß an. »Gretelchen, ich habe Dich zu lieb und nun erst gar, weil Du Dich an Frau Doktor schließen willst. Felds Frau würde jetzt ihre höhnischen Redensarten unterlassen, wenn sie dich als Begleiterin von Frau Dr. Reißmann sieht. Sie sagte neulich schon: »Lange avanciert, er hat jetzt eine Schusterstochter. Gretelchen, warum habe ich Dich, weil ich Dich lieb habe, und Du mußt mein kleines Frauchen werden. Hörst Du? Sag doch was! Hast Du den Otto auch lieb?« Ich sagte gar nichts, und die Tränen kollerten mir über die Backen. Was ich dachte, konnte ich nicht sagen. Gern habe ich Otto Lange; wenn er arm wäre, hätte ich ihn wohl lieb haben können, aber so bin ich ihm gegenüber nur ein Aschenbrödel, und er möchte mich veredeln. Er möchte mich anders haben, als ich bin; ich aber möchte so geliebt werden, wie ich bin. Die Zeit verstrich. Wir mußten nach Hause. Wir gingen durch die Marktstraße, da fand ich Mut. »Herr Lange, Sie wissen nicht, wer ich bin, und sagen, Sie haben mich lieb. Ich glaube nicht, daß Sie das noch einmal sagen würden, wenn – –«

»Du Liebes«, sagte er plötzlich und küßte mich auf offener Straße so tüchtig auf den Mund.

»So, jetzt weißt Du's, und daß ich mein Gretel auf Händen tragen will durchs Leben, will ich Dir schon jetzt beweisen.« Er hob mich auf seinen Arm und trug mich bis zur Haustür. Ich hatte mich gesträubt, denn ich kenne doch die teuren Nachbarn, es war wohl 11 Uhr, aber einer sieht's doch, und wie ein Lauffeuer geht's dann weiter. Ich verabschiedete mich schnell und öffnete heftig die Tür.

Da stand Papa, und es hagelte auf mich herab, denn ich kam 1 Stunde später.

Mutti sagte noch: »Gretchen, gerne erwähne ich das von früher nicht, aber Du mußt Dich hüten, die Nachbarn brennen ohnehin darauf, Dir etwas anzuhängen, also komm Du pünktlich. Und wenn Herr Lange Dich und uns achtet, muß er auch wissen, was er Dir schuldig ist; andernfalls erlauben wir künftighin nichts mehr. Das kannst Du ihm sagen. Wenn wir auch arm sind, wir haben aber unsern Stolz.« Mutti hat recht.

 

6. Dez. 23.

Wie glücklich ging ich zu Frau Doktor nach der Wendtstraße, wir tranken Tee und aßen Frühstück. Ich ordnete Wäsche und Kleidungsstücke, half Frau Doktor beim Bad und Ankleiden. Es gab allerlei Kleinigkeiten, denn Frau Doktor ist ein bißchen umständlich und kann Hilfe gut brauchen. Mittags gingen wir zum Essen nach Daman. Nachmittags hatten wir Besorgungen zu machen. Dann gingen wir nach Hause. Sie reichte mir eine Handarbeit, eine Decke mit Seidenstickerei. Ich sticke gern. Sie erzählte, machte mich mit ihrer ganzen Familie bekannt, und zuletzt sprach sie von Herrn Lange. Daß ich also auf so feine Art zu Dr. Reißmann kam, war der Wunsch von Otto Lange, das hörte ich heraus. Es ist gut gemeint, und doch bin ich nicht ganz glücklich darüber. Er möchte mich so ganz, ganz leise aus meinen kleinen Verhältnissen reißen, um sich nicht meiner zu schämen. Frau Doktor habe ich sehr, sehr gern; sie ist aus sehr guter Familie und gar nicht stolz; hätte sie denn auch sonst ihren Mann geheiratet, der aus einfacher Familie stammt? Ihre Wohnung haben sie in Essen; sie mögen aber nicht dort wohnen, es gefällt ihnen dort nicht. Eine Schwester ist in Spanien verheiratet. Frau Doktor reist gern, sie liebt es, Land und Leute kennen zu lernen und ihre Studien zu machen. Frau Doktor schreibt wissenschaftliche Bücher, und ich lerne Schreibmaschine zu regieren, um die Manuskripte zu schreiben. Das ist auch hauptsächlich der Zweck meines Hierseins; sonst hätte Frau Doktor nicht so leicht Otto Langes Wunsch erfüllen können. Sie schreibt aber unter anderem Namen und beteiligt sich an wohltätigen Zwecken. Alles in allem, Frau Doktor ist ein Ideal. Ich erzählte von meinem Tagebuch, und Frau Doktor bat mich, ich solle es einmal mitbringen. »Ich habe da aber manches drin zu lesen, das für einen so adeligen Charakter zu niedrig ist«, sagte ich. »Das macht nichts, liebes Kind, man soll einem Tagebuch nichts verhehlen, denn es ist doch unser zweites Ich; und es spiegelt doch unser Erleben.« Ich atmete auf. Ich hätte schon gern von meiner Berliner Reise erzählt, aber ein Bangen hält mich zurück. Morgen will ich's aber. Innerlich gewachsen und gereift kehrte ich am Abend zurück.

 

10. Dez. 1923.

Was härter treffe, Kränkung oder Schimpf,
Will ich nicht untersuchen; jene dringt
Ins tiefe Mark, und dieser ritzt die Haut,
Der Pfeil des Schimpfs kehrt auf den Mann zurück,
Der zu verwunden glaubt; die Meinung anderer
Befriedigt leicht das wohlgeführte Schwert;
Doch ein gekränktes Herz erholt sich schwer.

Von Frau Doktor holte ich mir Nahrung für meinen Geist, was holte ich mir gestern abend? Ich traf auf dem Heimweg die frühere Geliebte des Stimmungsvortragskünstlers, der zur Zeit mit Gisela bei Kleins wohnte. – Wieder Schmutz. – »Ich habe kein Geld, um nach Aachen zu fahren, zu meinem jetzigen Herrn«, sagte sie. »Frau Klein meinte schon, Sie hätten immer so reiche Herren an der Hand, die mit Dollars so um sich schmeißen, ob ich nicht mal mit Ihnen gehen könnte, vielleicht gibt mir einer das Reisegeld.« »Frau Danberg«, sagte ich anstandshalber mit etwas Betonung, »einen Herrn habe ich wohl, man hat aber nicht nötig, unser reines Verhältnis zu beschmutzen. Wir haben uns lieb, und er will mich zur Frau machen. – Sie können ja einmal mit uns gehen, aber Dollars regnet es nicht.« »Aber Ihr Vater hat sich doch Leder dafür gekauft«, sagte sie ironisch. »Das war sein wohlverdientes Geld, ich bitte, meinen Vater nicht zu beleidigen.«

»Ach, Sie sollen sich man nicht so betun; ich weiß doch Bescheid.«

»Ja, Sie sind älter als ich, und haben Erfahrungen, da kann ich leider nicht mit.«

Wir waren vorm Haus und ich grüßte und ging hinein.

Es war ein Brief für mich angekommen von – Otto. Durch die Gisela-Beleidigung zog es mich nun zu Otto. – Mein erster Liebesbrief. – Aber welche Enttäuschung!

Meine liebe Grete!

Ich fuhr nach Neuburg und wie habe ich mich nach Dir gesehnt. Da traf ich Felds Frau. Ich sprach sie, und was redete sie! Grete, was habe ich da gehört; das macht mich so unruhig und ich verlange innerlich, Dich zu sprechen. Ich muß Dich sehen und sprechen. Wenn Du Zeit übrig hast, allein muß ich Dich sprechen. Komm doch morgen zu mir, zu Deinem Otto. Es darf nichts zwischen uns sein, ich kann Dich ja nicht lassen, ich habe Dich zu gern gehabt und nach dem Gehörten noch immer. Und wenn man Dich so schlecht macht, ich weiß Dein Inneres zu schützen, denn ich kenne Dich doch. Ich komme morgen mit dem D-Zug 330 von Berlin. Sei am Bahnhof und erwarte mich. Oder komme zum Hotel Reichshof. Komme bitte, bitte.

Mit Gruß und Kuß Dein Otto.

Der Schatten, das Gespenst, die Berliner Reise. Ich bin vogelfrei Auf der Rückseite eines einfachen Bildchens, das ein Mädchen zeigt, wie es traurig ein Vöglein betrachtet, schrieb sie:
»Liebes Vögelchen! Du bist frei – also vogelfrei. Alle guten Menschen schützen dich, es gibt einen Tier-schutz-verein.
Ich bin auch vogelfrei. Mich schützt das Elternhaus. Aber wer – schützt mich sonst noch??
Lieber Vogel, Ich beneide dich um deine Freiheit, um deinen Schutz! Wüßten meine himmlisch guten Eltern, wie man mich beschmutzt hat, wünschte ich mir, wär' ich so ein Vögelchen wie du, und ein böser Bube käme und drückte mit herzlosen Händen meinen Atem aus.«
Der Handschrift nach gehört die Aufzeichnung an diese Stelle.
D. H.
. – –

Wenn einmal das Glück kommt, dann kommt auch die Vergangenheit. Was soll ich Otto sagen? – Wie hat man es ihm gesagt, und was hat man gesagt? Illusionen habe ich mir nie gemacht, seit ich weiß, daß Otto mich liebt, denn das wußte ich, daß er das erfahren würde. Nun aber gerade durch Frau Feld! Hätte er es durch Doktors erfahren, das wäre anders gewesen. Oder auch, ich meide Dr. Reißmanns und auch Otto. Beide zugleich? Unmöglich. – Mutti war sehr besorgt wegen meines bekümmerten Gesichts. Soll ich's Mutti sagen? Nein, Mutti noch Kummer machen? Ich habe gefehlt, und ich habe zu kämpfen. Ja, Mutti, der Kampf ist schwer. Was aus so einem dummen Streich entstehen kann! Was wird noch kommen? Wären wir doch damals in den Treptower See gegangen! Auf in den Kampf, Grete, Kopf hoch, wenns Herz auch schwer ist.

Morgen soll Mutti zu Frau Doktor kommen.

 

12. Dez. 23.

Immer der Reihe nach. Also gestern früh. Mutti kam mit. Frau Doktor wollte schon am 9. d. Mts. nach Dresden fahren. Da aber ein Telegramm kam, daß Herr Doktor erst am 15. in Dresden sein wird, ist die Reise verschoben. Frau Doktor hatte eine längere Unterredung mit Mama wegen der Reise und wegen der Anschaffung eines Kostüms. Sie überreichte Mama einen Scheck über 150 Mark, dafür sollten für mich einige zur Reise nötige Sachen gekauft werden. Am liebsten wäre es ihr, ich bekäme ein Kostüm und eine Strickjacke, eine Bluse wolle sie mir schenken. Mama war erst sehr verlegen, doch Frau Doktor erklärte, daß das Kostüm ja nötig und eigentlich nur für ihren Zweck sei, denn sie liebte das; der alte Mantel sei nicht mehr gut genug. Na, es wurde hin- und hergeredet. Ich bekäme also kein Gehalt, sondern nur ein Taschengeld, dann gleiche sich das wieder aus. Nun war Mutti zufrieden. Wir gingen dann auch nach Widfeldt und suchten das Passende aus. Ich zog es dann zu Hause an und stellte mich bei Frau Doktor vor. Holte dann die Erlaubnis für einen Ausgang, um den mich Otto Lange gebeten hat. Ich durfte gehen.

Klopfenden Herzens, doch scheinbar ruhig, traf ich Otto. Er kannte mich kaum wieder in dem neuen Kostüm; und er besah mich von allen Seiten.

»Blendend«, sagte er, »und Dich soll ich lassen?«

»Laß uns ins Hotel gehen, ich habe Hunger, Du bist mein Gast, und dann muß ich reden, ich explodiere sonst.«

»Ich habe nicht viel Zeit, Herr Lange«, sagte ich; »dann wäre es besser, Sie reden gleich, der Hunger wird nicht gar zu schlimm sein.«

Er blieb aber dabei. – Dann sagte er: »Liebes, wie war das mit Berlin – – sag doch, daß das nicht wahr ist.« »Es ist wahr«, sagte ich.

»War es eine Entführung, eine Verführung, oder aber gingst Du freiwillig, bitte, sag mir das.« »Ich ging freiwillig.« »Grete!« Er packte mich so kräftig bei den Händen und sah mich so durchdringend an. »Das konntest Du tun, so jung noch?« Warum fragte er nicht, mit wem ich ging? Konnte ich ihm denn sagen, was für eine dumme Idee mich nach Berlin trug? Konnte ich denn diesem Manne, der mich liebt, sagen, ich kam unberührt zurück? Warum sagte er nicht, was man ihm erzählt hat? Ich stand auf und wollte gehen. Ich kann mich nicht beugen, ich kann nicht betteln und jammern, ich bin zu stolz, mich zu verteidigen. Er half mir beim Ankleiden.

»Grete, ich habe das eine Kinderbild von Dir an mich genommen, komm mit in mein Zimmer, ich will es Dir wiedergeben. Ich eignete es mir an, aber ich will mich ehrlich machen.« Ich ging auch mit. Er übergab mir das Bild, und ich wollte gehen. »Gretel, Du bist ja doch mein, ich habe Dich doch viel zu lieb, um Dich zu lassen. Gretel, nenn mich doch einmal ›Du‹, sag einmal ›Otto‹!« »Ich kann das nicht und jetzt erst recht nicht.« »Du mußt mich lieb haben, Grete, hörst Du? Du mußt.« Er umfaßte mich so kräftig und da dachte ich an Heinz in Steinbach, dieselben häßlichen Augen, das häßliche Anpressen an den Körper, ich schauderte und ekelte mich; und das war der Otto, der mich lieben will, den ich lieben soll, dessen Frau ich werden soll. Wenn Liebe so häßlich ist zwischen Mann und Frau, dann danke ich. Ich stieß ihn von mir und verließ eilig das Zimmer, das Bild vergessend. – Ich kam zu Frau Doktor, sie wartete schon, denn ich sollte alles zur Reise vorbereiten. Gott sei Dank, fort von Neuburg. – Leider sind es öfter die Meinungen über Dinge, als die Dinge selbst, wodurch die Menschen getrennt werden (Goethe an Schiller). – Ich will Otto vergessen, wenn Klatschbasen mich erniedrigen, er durfte es nicht, wenn er mich aufrichtig lieb gehabt hätte.

 

20. Dez. 23.

Dresden ist wunderschön. Schöner als Neuburg. Die Menschen sind besser, besser als in Neuburg. Frau Doktor sagt das auch. Wir haben auf der Hinreise beide Studien gemacht. Von Ültzen bis Magdeburg fuhren wir 4. Klasse, studienhalber. Wir tauschten unsere Aufzeichnungen aus, interessant war beides, doch das Interesse fast das gleiche. Das freute Frau Doktor; sie nannte mich ihre junge Gehilfin. Sie schilderte die Typen der Altmark, ich die Ausdrucksart, den Dialekt. – Während der Fahrt erzählte ich auch die Berliner Reise. »Jetzt weiß ich auch, daß ich den Namen schon einmal hörte, allerdings, Liebste, eine Färbung war da, mich interessierte das wohl, aber dann schwand auch die Geschichte wieder. Und das waren Sie, blicken Sie mich doch einmal an. So seelenvolle Augen leuchten aus einem goldigen Herzchen. Mein Urteil ist hinfällig, Verstellung liegt Ihnen fern. Ihr reines Gemüt spiegelt sich doch in Ihrem Kindergesichtchen. Mir brauchen Sie nichts weiter zu erzählen, ich weiß, daß Sie zu ideal sind, um je gemein sein zu können. Und einen Streich, einen Jugendstreich, verzeiht jeder vernünftige, kluge Mensch, und vor allem sind Sie doch nur allein ihren Eltern Abbitte schuldig. Na, das ist ja auch schon längst vergessen.«

Ich war von Frau Doktors herrlichen Worten so gerührt, daß ich weinend ihre Hand küßte. Außer Papa, Mama und meinen Angehörigen, außer Abts, ein Mensch, der mich versteht, der urteilt – gerecht. – Nicht einmal Otto kannte mich. Da habe ich nichts verloren. An Mutti schrieb ich, daß ich am liebsten immer fern sein möchte von Neuburg. Herr Doktor bemusterte mich von allen Seiten und gratulierte. Wir blieben einen Tag in Dresden nach seiner Ankunft, dann fuhren wir nach Essen. Die Wohnung ist glänzend, vornehm, ich bekam ein kleines Stübchen. Frau Doktor zeigte mir alles Erdenkliche, Bibliothek, Andenken und Erinnerungen aus allen Gegenden, meist antike oder historische Sachen, eine ganze Anzahl winziger, geschnitzter Elfenbeinsachen. Kurzum, ich war erstaunt und begeistert. Ein Mädchen von ungefähr 40 Jahren führt den Haushalt. Am nächsten Abend nach unserer Ankunft gaben Reißmanns eine kleine Gesellschaft. Ich mußte absolut mein buntes Kleid tragen, das mag Frau Doktor am liebsten. In diesem Kleide käme meine slawische Abstammung so recht zum Ausdruck. Ich sehe direkt interessant darin aus. Ein Lob für Onkel Heinz' Geschmack, denn er suchte das Kleid in Rahndorf für mich aus, damals, als wir vielfache Millionäre waren! Ich mußte servieren und durfte oft bei Frau Doktor bleiben. Herr Doktor stellte mich als seinen Schützling vor. Es wurde musiziert und, na, es war sehr, sehr gemütlich. Herr Doktor fragte einmal nach Herrn Lange. Ich wurde aber rot, da wartete er nicht auf Antwort. Reißmanns wollen Weihnachten in Essen feiern, es kommen dann einige Verwandte. Ich fahre am 23. d. Mts. mit Herrn Doktor nach Neuburg, denn Frau Doktor sagte, solange ein Kind noch ein Elternhaus habe, müsse es Weihnachten auch da feiern.

 

24. Dez. 23.

Der Abschied von Frau Doktor war rührend. Es ist doch schön, daß es auch edle Menschen gibt. Sie winkte noch lange, bis wir in Staub und Ferne verschwunden waren. Ich saß im Auto neben Herrn Doktor, warm eingepackt. Wir rasten die Chaussee entlang. Ich sollte mit der Bahn fahren, aber ich fahre ja zehnmal lieber Auto. Wir kamen um 6 Uhr abends hier an. Als Geschenk bekam ich von Herrn Doktor 2 Dollar. »Verwenden Sie es zu Geschenken für die Kleinen«, sagte er. Da plante ich eine Überraschung. Wenn ich nun bepackt nach Hause komme zum Abendbrot! Wie würden alle staunen! So fuhren wir nicht bis nach Hause, sondern ich stieg an der Mozartstraße aus. Herr Doktor wartete, bis ich Einkäufe gemacht hatte. Dann fuhren wir vor, Marktstraße 3. Es war soviel Freude, und es war auch ein Brief von Otto für mich da. Der ganze Tisch war voll bepackt, als Frau Klein kam. Sie staunte und sagte zu mir: »Du, Grete, Du hast ja immer Dollars. Du kannst mir mal 3 Dollar pumpen, ich brauche noch Geld zu Weihnachten, ich will mir'n Teppich kaufen.« »Ich Dollars, Frau Klein! Von Herrn Doktor bekam ich ein Weihnachtsgeschenk, zwei Dollar, dafür kaufte ich dies.« Dann sagte ich ihr heimlich, daß Mama es nicht hörte, »ich will für Mutti noch einen Store für die Stube kaufen, die Gardinen sind schon zu schlecht.«

»Ach, Mensch, dann kannste mir och gleich Gardinen mitbringen.«

»Woher denn, soviel Geld habe ich doch nicht.«

»Ach, Du hast die reichen Herren. Pump mir man 3 Dollars.«

»Die habe ich doch nicht, Frau Klein.«

Ich las den Brief von Otto:

Meine liebe Grete!

Verzeihe mir! Ich wollte Dich nicht beleidigen. Glaube es mir, ich habe Dich lieb. Und weil ich Unrecht begangen habe an Dir, bitte ich Dich, weise mich nicht zurück. Am ersten Feiertag bin ich in Berlin bei meiner Schwester. Am zweiten Festtag komme ich zu Euch. Dann will ich von Dir hören, daß Du meine Verlobte sein willst. Laß uns Silvester Verlobung feiern. Wir sprechen Weihnachten darüber.

In Liebe
Dein Otto.

So schnell kann ich mich nicht entschließen, nach dem Vorgefallenen. Erst kommt Weihnachten. – –

 

1. Festtag 23.

Der heilige Abend ist vorüber. Weihnachten im Elternhause, bei Tannenbaum, Kinderjubel und Elternliebe. Ich las vorhin meine Aufzeichnung vom vorigen Weihnachtsfest, und ich dachte an den guten Hans. Ein Bauer, der zarter ist als ein Städter – mein Otto – . So einen Mann wie Hans, – ein Sonntagsmensch, sagt Mutti. – Für Gardinen hat's nicht gereicht, es reichte für Kleinigkeiten, die die Kinder nötig brauchten, und ich bin glücklich, eine Freude bereiten zu können. Die Jungens musizierten mit ihrer Mandoline. Ich spielte auch »Ave-Maria«, das hört Mutti so gern. Mein goldiger Papa saß schmunzelnd zwischen uns; er bekam von mir gute Zigarren. Am Abend, mitten in unsere Feier hinein, brachte ein Dienstmann einen Korb mit allem Erdenklichen. Lebensmittel, wie Hülsenfrüchte, Speck, kondensierte Milch, Kuchen, Mehl, Zucker, einen Sack Kartoffeln, Schokolade für die Kinder und Apfelsinen und Nüsse. Es war von Dr. Reißmann. Mama war ganz weg vor Rührung. Es war ein herrlicher Abend. – Heute früh gingen wir zur Kirche, nichts ist heiliger als eine Andacht am ersten Weihnachtsmorgen. Am Nachmittage hatten wir Besuch. Oma und Opa. Wir haben fleißig Mandoline geklimpert, daß die Wände zitterten. Frau Klein kam auch und machte einige Bemerkungen, die mir aber so zuwider sind, und die ich deshalb nicht eintragen möchte, noch dazu am ersten Weihnachtstage! Unser Friede soll durch nichts gestört werden. – Aber doch eins. – Horst kam und wollte seine Mutter holen, da sagte er dann beim Herausgehen: »Na, wenn Du mal wieder son Schwein hast und Geld kriegst, kannst Du mich mal einladen, dann wollen wir mal eine ordentliche Sauftour machen.«

»Leider habe ich son ›Schwein‹ noch nicht gehabt, aber wenn ich's hätte, würde ich son Schwein, wie Du bist, nicht einladen.«

Mir ist's, als gäbe es zwei Welten, man tappt abwechselnd mal in dieser, mal in jener.

Am heiligen Abend darfs keine Scherben geben. Lotti warf die Puppe entzwei, die ich ihr schenkte; da sagte Frau Abt: »Scherben? Da kommt eine Leiche ins Haus.« »Na, wenn's ich man nicht bin«, sagte ich im Scherz. Mutti sagte ärgerlich: »Red doch nicht son Quatsch!« Papa lachte: »Das ist ja Aberglaube.« »Ein Grund zum Trinken – Prost!« rief Abt. Da tranken wir eins und alle waren sehr vergnügt.

 

27. Dez. 23.

Ich muß in einer Stunde fort, darum schreibe ich ganz schnell noch einige Zeilen. Doktors sind hier, wir fahren heute nach Waldrast zur Jagd. Allerdings nur die Herren. Gestern kam Otto – als – Weihnachtsmann. Ich bekam Stoff (rosa mit weißen Streifen) Voile, zum Kleid. 1 Perlenhandtasche, Manikurekasten und 1 Karton Schreibpapier mit Heideblümchen. Mutti bekam einen Blumenstrauß und 1 Kästchen Pralinés, die Kinder allerhand Spielzeug. Ich habe soviel sagen wollen, aber ich kam fast nicht zum Sprechen. Otto war seelenvergnügt. Er hätte bald mit Papa Brüderschaft gemacht. Aber Papa darf den Respekt nicht vergeben. Als Schwiegerpapa! Mutti kochte guten Bohnenkaffee (Berni schenkte Kaffee ein) und wir tranken in bester Laune Kaffee. Da platzte die Bombe. Otto sprach von Verlobung. Papa sagte, ich sei noch zu jung; Mama sagte, wohl sei ich noch jung, doch der Leute wegen, die Augen und Ohren öffnen, um wie Furien auf mich zu stürzen, mich zu zerkleinern. Mutti sagte, sie sei auch erst 18 Jahre gewesen, als sie sich verlobte, und habe es bis heute noch nicht bereuen brauchen. – »Na; dann, liebste Schwiegermama, also Silvester.« Aber Papa wollte nicht und ich auch nicht, ich wagte nur nicht, Papa zu unterstützen, denn ich mochte Otto nicht die Weihnachtsfreude verderben. Offen gestanden, glücklich bin ich nicht, wenn ich bei Otto bin, jetzt nicht mehr. –

Von Frau Doktor bekam ich einen Weihnachtsgruß in Form eines Pakets, ein hellblaues Voilekleid. Es kleidete prachtvoll, einfach und geschmackvoll. Von Mutti bekam ich Wäsche und Strümpfe. Am Nachmittag kamen Onkel Heinz und Tante Grete. Wir gingen zusammen aus. Onkel Heinz lud uns ein nach Daman. Papa und Mama waren bald Onkel Heinz' Gäste, bald Otto Langes. Otto Lange sagte lachend: »Ich habe aber einen jungen Onkel. Ich bin 26 Jahre, und Onkel Heinz 30 Jahre.« »Du dummer Junge«, lachte Onkel Heinz. Dann wollte Onkel nach der Wehrstraße in das Lokal, das früher Altensteg hieß. Wir gingen dahin, weil eine Kapelle dort war, die zuvor in Rahndorf gastierte und die Onkel Heinz so gern hörte. Sie spielten auch herrlich, drei Geigenspieler und Klavier und noch ein Cello. Erstaunt blickte ich in die Weinnische, da saß Anna Schenk mit einer Dame und Herren, sie rauchte Zigaretten und sah keineswegs aus wie eine Dame. Als wir alle etwas in angeregter Stimmung waren, schlug Otto eine Autofahrt vor. Er verabschiedete sich, kam in kurzer Zeit mit dem Auto und holte uns ab; wir gondelten fort. Es war wunderschön. Um 2 Uhr waren wir dann im Hause. Wir hatten alle die Rahndorfer zur Bahn gebracht, die mit dem letzten Schnellzug fahren wollten. Dann fuhr uns Otto auf Umwegen nach Hause. – Otto ist nun verreist und wird wohl vor Silvester nicht zurückkommen. – Jetzt kommt Prosa. – – –

Frau Klein kommt aufgeregt. Alle Leute hielten sich auf, daß Grete so spät nach Hause gekommen ist.

»Alle Leute?« fragte Mutti, »diese ›alle Leute‹ sind nur Sie allein, und Grete kam nicht allein, denn wir waren auch zusammen fort und kamen zusammen nach Hause. Sie haben doch so gute Ohren, hörten Sie denn das nicht?«

»Gute Ohren habe ich, ich höre ganz deutlich, wenn sich einer bei Ihnen des Nachts auszieht.«

»Und ich höre noch vielmehr«, sagte Mutti, »ich kann kaum schlafen, wenn Sie nachts nicht ruhiger sind, Sie können sich wohl denken, was ich meine, übrigens habe ich nicht Lust, Ihre dumme Rederei mit anzuhören, habe auch keine Zeit.«

»Och, Sie Kamel, hören Sie mal, ich will Ihnen noch was im Vertrauen sagen. Daß Grete jetzt das Kostüm hat, da muß ich drunter leiden. Alle Leute fragen mich, wo Grete wohl das Kostüm her haben mag.« – »Na, Sie wissen es doch, sagen Sie's doch den Neugierigen, Sie reden doch immer so gern.«

»Das kann ich doch nicht erzählen, das glaubt doch kein Mensch.«

»Frau Klein, jetzt wird's mir aber zu bunt. Sie glauben das nicht, das ist der Witz. Schicken Sie diejenigen, die, wie Sie sagen, zu Ihnen kommen, um ihre Neugierde und Klatschsucht zu befriedigen, gefälligst zu uns, wir geben dann schon die richtige Antwort. Im übrigen, Sie allein sind es nur, glauben Sie, das weiß ich nicht? Sie haben stets alles getan, alle die Menschen durch den Schmutz zu ziehen, mit denen Sie in Verbindung und Freundschaft stehen. Moralisieren Sie nicht, denn Sie kennen das Wort ›Moral‹ kaum dem Namen nach, viel weniger den Sinn des Wortes. Achten Sie auf Ihre Kinder und gewöhnen Sie ihnen das Stehlen ab. Bieten Sie ihrem Manne ein sauberes Haus, und er braucht nicht andern Frauen nachzustellen. Alles in Allem, fegen Sie vor ihrer eigenen Tür.«

»Regen Sie sich man bloß nicht gleich so auf. Ich hab's gut gemeint, damit Sie wissen sollten, was die Leute denken.«

»Ich hab's ja schon gesagt, die Leute sind Sie allein. Glücklicherweise erhielt Grete das Kostüm als Gehalt. Hätte sie Gehalt bekommen, so hätten wir eben davon eins kaufen müssen, denn Grete braucht nötig Kleidung. Das weiß doch jeder, der Grete von klein auf kennt, daß sie seit der Kommunion gewachsen ist und Kleidung nötig hatte. Jeder, der uns kennt, weiß auch, daß wir uns stets gut gekleidet haben, so auch Sie! – Was wollen Sie nun von Grete? – Sie beschmutzen, das ist Ihre Passion. – Ihre Klatschsucht und Sensationslust, jeder Schimpf, kommt auf Sie selbst zurück. Sie haben selbst Kinder und wissen nicht, ob Ihnen die Zukunft einmal den Mund stopfen wird. Ich schütze mein Kind, mag kommen, was will; hören Sie; und was kommt, kommt von Ihnen; verlassen Sie unser Haus, daß ich Ruhe habe, tragen Sie meinetwegen Schimpf, Haß und Schmutz in jedes Haus, das empfänglich dafür ist, nur verschonen Sie mich mit Ihrer Dummheit und Redseligkeit. Sie wissen ja: ›Ein leerer Topf klappert am meisten, ein leerer Kopf plappert am meisten.‹« – – Mutti öffnete die Haustür und schob »Gesche« sacht hinaus.

Dann fiel Mutti wie ohnmächtig gegen die Wand. »Gretchen«, sagte sie, »Du hast alles gehört, jetzt kommt der Kampf, die Sensationslust dieser Frau kennt keine Grenzen. Bleibe Dir stets treu, Grete.« – »Mutti, über solche Gemeinheiten bist Du doch erhaben; wir haben uns doch, was geht uns dies alles an? Aber weißt Du, laß mich doch mit nach Amerika gehen, dann wird's hier still, und es bleibt Dir viel Unangenehmes erspart. Doktors nehmen mich sehr gern mit. Mutti, wenn ich vergleiche, Du Mutti, Frau Doktor und Frau Abt. Ihr seid klug und fein gesinnt, dagegen Frau Klein, dumm, faul, gefräßig; das sagen selbst ihr Sohn und ihr Mann. Und um solche Frau regst Du Dich auf! Was macht der Klatsch; was dumme Menschen reden, ist doch Blödsinn, und wer es gern hört, ist eben auch dumm. Sie wollen uns schädigen, dabei schädigen sie sich nur selbst, denn sie rauben sich selbst die Ruhe und belasten ihr Gewissen.«

Ich nahm Mutti in den Arm und streichelte die heißen Backen. »Mein liebes, kleines Muttchen.«

 

1. Januar 1924.

Neujahr!!! – Prost Neujahr!!! – –

Silvester Mittag kamen wir zurück. Herr Doktor hatte mir einen Hasen verehrt, was Papa ihm schmunzelnd dankte. Neujahr und Hasenbraten. Otto hatte schon zweimal angeweckt bei Marks, aber vergebens. Ich ging sofort ans Telephon und rief Otto; er war noch im Geschäft. »Gretelchen, endlich, ich brenne vor Sehnsucht, komm doch nachmittags 3 Uhr zur Unternstraße, Ecke Probsteistraße. Schwiegerpapa soll etwas Köstliches haben zu Silvester und Schwiegermama auch. Wir wollen das holen, beruhige Mutti, daß Du sofort wiederkommst. Ich komme dann am Abend zu euch.« Mutti ließ mich gehen. Wir kauften ein zur Silvesterfeier. »Erwarte mich in dem bunten Kleid, Gretel«, das sagte Otto wohl zehnmal. Übrigens Otto war angeheitert, die Herren hatten vormittags schon tüchtig gefeiert. Mit Paketen beladen gingen wir nach Café Kreuz. Als wir kurze Zeit gesessen hatten, kam eine Dame an unsern Tisch, begrüßte Otto und fragte, ob noch Platz sei. Otto stellte vor: »Anni Stein«. Sie duzten sich. Es war Otto höchst fatal; ich trank meinen Kaffee, aß eilig meine Torte und wollte gehen. Otto verabschiedete sich von der »Anni«, und wir gingen fort. Ich weiß wohl, daß Otto Liebschaften hatte, aber damit an einem Tisch sitzen, ist peinlich.

»Dieses Fräulein ist die Tochter eines Häusermaklers in Allstadt«. sagte Otto, »sie ist Jüdin, steht allerdings nicht in gutem Ruf; Du weißt, daß dieses Zusammentreffen ohne meine Schuld war. Es tut mir leid, Grete.«

»Ein Mann in Deinem Alter ist wohl nie ohne Vorleben.«

»Du bist vernünftig, ich danke Dir.«

Um 6 Uhr ging ich zu Doktors, um alle Vorbereitungen zur Feier zu besorgen. Um 10 Uhr kam ich nach Hause. Ich war enttäuscht. Otto war noch nicht da. – Papa saß im Staat, Mutti im neuen Kleid. Die Jungen spielten Mandoline. Annchen wischte und wischte, – sie wischt immer Staub. Lotti schlief. Ringsherum leuchtete es von weißen Decken und Deckchen. Auf der »Kredenz« standen die Gläser spiegelblank, und die Flaschen protzten. Rührend schmuck und festlich ringsherum. »Wo ist Otto?« Papa sagte: »Der hat uns schön veralbert, um 8 Uhr wollte er hier sein, jetzt ist es bald ½11.« »Um 6 weckte Otto an«, sagte Annchen. »daß er um 8 Uhr komme.« Na, wir warten. – Die Pfannkuchen waren fertig. Otto ißt sie so gern und kaufte alles dazu. »Jetzt ist es ½12; laß ihn bleiben, wo der Pfeffer wächst«, sagte ich. »Mutti, komm, wir machen alles fertig, und haben wir alle Jahr ohne Otto Lange gefeiert, können wir es dieses Jahr auch.« Ich schloß die Tür ab. »Jetzt soll er bleiben, wo er bis jetzt war.« Ich dachte an die »Anni«. Die Glocken läuteten. Der Grog stand dampfend auf dem Tisch. Auf der Straße entstand ein Tumult. Man rackelte an unserer Tür. »Prost Neujahr«, rief Papa, »Prost Neujahr!« Mutti – . Ringsherum »Prost Neujahr!« Ich hob mein Glas – – »Prost Neujahr!« Trinken konnte ich nicht. Ich schluchzte so heftig und mußte weinen. Ich dachte an Otto, zum ersten Mal empfand ich, daß er fehlte. Ich ging aus dem Zimmer, denn ich schämte mich. In der Küche hörte ich das Läuten der Kirchenglocken. Wie konnte Otto mir das antun und meinen Eltern! Die Kinder zogen mich ins Zimmer und lachten mich aus. Da schwand meine weinerliche Stimmung. Wenn so meine Verlobung gewesen wäre! Papa klimperte Mandoline. Sie brachten mich wieder zum Verstand.

Da klopft es ans Fenster, es war ziemlich 1 Uhr. Es singt einer »Püppchen Grete schlaf ein«. Sollte das Otto sein? – Und er war's – vollständig betrunken, aber kreuzfidel. Papa machte Platz, denn Otto brauchte Deckung im Sofa. Ich schämte mich vor Papa und Mama. Otto focht nichts an, er redete viel, und die Kinder hatten ihre Freude.

Um 2 Uhr hielt's ihn nicht mehr, er wollte noch fort und wir mußten mit. Wir gingen in Papas Stammlokal Mittelstraße. Es waren da einige Gäste zur Feier. Um 4 Uhr brachten wir Otto nach Haus. Das war meine Silvesterfeier. – Heute früh um 10 Uhr kam Otto, er konnte nicht fertig werden, sich zu entschuldigen. Ich weiß nicht, ob ich mich entschließen könnte, Otto Langes Frau einmal zu werden! Es ist ja Dummheit, ich bin noch jung, aber Otto ist anders, als wie ich mir alles so gedacht habe. Oft ist's mir, als hätte Otto keine feine Seele.

 

14. Januar 24.

Wir waren in Essen und kamen am 10. d. Mts. wieder nach Rahndorf, wo Frau Doktor zu einem Familienereignis einen Besuch abstatten wollte. Ich fuhr nach Neuburg und freute mich, bald bei meinen Lieben zu sein. Am Bahnhof traf ich urplötzlich die »Anni«. »Sieh da«, sagte sie und kam zu mir. Jetzt sah ich, daß sie hinkt. »Na, verreist gewesen?« sagte sie. »Ja«, sagte ich. »Mit ihm?« »Mit wem?« fragte ich erstaunt. »Nun Lange.« »Um Gottes willen, wie käme ich dazu!« »Ach, ich traf ihn erst vor einer Stunde; er war auch verreist, sagte er.« »Ja, er reist doch immer. Ich weiß auch, wo er war, denn er schrieb mir nach Essen.« »Soso«, sagte sie gedehnt. »Wissen Sie nicht ein anständiges Zimmer für mich?« fragte sie, als wir ein Stück Wegs gegangen waren. »Ich denke, Sie wohnen in Allstadt bei den Eltern. Herr Lange sagte mir das.« »Denken Sie nur das Schreckliche«, jammerte sie mit einem Male, »meine Mutter ist nach Amerika zu meiner Tante, mein Vater ist verreist und mit meinem Bruder kann ich mich nicht vertragen. Wir haben uns entsetzlich gezankt. Ich lief fort und habe keinen einzigen Schlüssel. Ich weiß nicht, wohin ich soll. Geld habe ich auch nicht, so daß ich könnte in einem Hotel schlafen.«

»Haben Sie denn sonst keine Verwandte hier?«

»Ich habe niemand.«

»Das ist ja schrecklich, wo wollen Sie denn bleiben?« Uns kam ein junges Mädchen entgegen, die Anni begrüßte. Anni stellte vor: »Liesbeth Walter.« Ich nannte meinen Namen. »Kinder, kommt doch mit ins Café, ich spendiere eine Tasse Kaffee«, sagte Liesbeth Walter.

»Ich komme von der Reise und muß schnell nach Hause«, sagte ich.

»Dann bekommt eine Tasse Kaffee erst recht, bitte schlagen Sie das nicht ab; na und Dich, Anni, brauche ich ja nicht erst zu bitten.«

Ich ging mit. Es gefiel mir gar nicht. Viele Mädchen waren abscheulich gekleidet, hatten kurzes Haar und rauchten Zigaretten. Der Tanz grenzte ans Unanständige. Die Herren waren scheinbar aus besseren Kreisen.

»Waren Sie hier noch nicht?« fragte die Liesbeth.

»Nein«, sagte ich. »Aber das ist doch Langes Stammlokal«, sagte Anni. »Herr Lange verkehrt auch hier?« –

»Du, Liesbeth, kann ich nicht bei Dir schlafen?« fragte Anni.

»Unmöglich, ich treffe nachher Karlchen und bleibe in der Buschstraße.«

»Wo bleibe ich bloß?« Anni sagte Liesbeth etwas ins Ohr.

»Das ist ja fatal«, sagte Liesbeth; »haben Sie nicht ein gutes Herz und quartieren Anni mit ein?«

»Wie könnte ich«, gab ich zur Antwort; »was sollen meine Eltern sagen, ich kenne ja das Fräulein kaum.«

»Das Fräulein, wie fremd, laßt uns doch Du sagen, wir sind doch alle Evastöchter, das Sie fällt mir direkt auf die Nerven.« Ich wehrte nicht ab, denn ich wußte, daß ich die Mädchen doch nicht wiedersehen will. Ich würde doch nicht Du sagen.

»Was haben Sie da für einen herrlichen Ring«, rief Liesbeth erstaunt.

Ich zeigte den Ring. »Er gehört eigentlich meiner Mutter, aber ich darf ihn mit ihrer Erlaubnis tragen. Ein seltener Ring mit eigenartiger Form. Mein Vater kaufte ihn einmal in Rußland und schenkte ihn meiner Mutter. Meine Mutter trägt selten einen Ring, bei ihrer Plätterei unmöglich, noch dazu hindert diese Form des Ringes.« »Wunderschön«, sagte Anni.

Ich verabschiedete mich, doch Anni heftete sich an meine Fersen. Schließlich überlegte ich. Annchen war zur Erholung in Holland; ich schlafe allein, nötigenfalls könnte sie bei mir schlafen; es wäre ja schließlich auch rein christlich, ein Obdach zu gewähren. Wenn meine Eltern das erlauben! Ich kam nach Hause und ließ Anni warten; die Tür war verschlossen; ich mußte klopfen. Fritz öffnete; meine Eltern waren mit Abts ins Stadttheater. Ich rief Anni herein, gab ihr Abendbrot und aß selbst. »Was werden Ihre Eltern sagen?« meinte Anni.

»Mutti hat morgen Geburtstag, sie ist gut, und ich weiß, sie wird nicht sehr böse sein. Sie schlafen ja auch nur diese eine Nacht hier. – Jetzt wollen wir auch gleich zu Bett gehen, mein Zimmer ist oben. Sie können mir noch etwas von Ihrem Leben erzählen, bis wir einschlafen. Mein Vater erlaubt es schwerlich, das weiß ich, darum ist es besser, Sie liegen schon im Bett. Ein gutes Werk schadet ja nicht.« Ich nahm Kette und beide Ringe ab und legte sie in ein Ziertäßchen, das auf der »Kredenz« steht; dann gingen wir nach oben.

Ich machte Licht, und fing an, mich auszukleiden. Anni stand unschlüssig.

»Bitte, bequemen Sie sich«, sagte ich.

»Ich ziehe nur mein Kleid aus und schlafe im Unterzeug«, sagte sie, »Sie können sich denken, weshalb.« Ich verstand.

 

Am 11. Januar.

Muttis Geburtstag. – Ich gratulierte und erzählte, daß ich einen Gast habe. Anni sei aus guter Familie, und Otto Lange kenne sie gut. Ich erzählte die Umstände, weshalb sie nicht nach Hause konnte, und daß ich, allerdings ohne Erlaubnis, ihr ein Obdach gewährt habe.

Anni sprach dann auch mit großen Worten und machte ganz den Eindruck eines gebildeten Mädchens aus guter Familie.

Es kam Besuch und wir hatten alle viel zu tun; Anni spielte mit Lotti in der Stube. Tante Grete kam von Rahndorf und brachte mir einen herrlichen grauen Wintermantel mit, der gut zum Reisen sei und besonders auch schön warm ist. Ich war entzückt. Gegen Mittag verabschiedete sich Anni, und ich mußte auch zu Reißmanns. Ich zog sofort den neuen Mantel an. Ich durfte schon etwas früher nach Hause, weil Mutti Geburtstag hatte. Frau Doktor überreichte mir eine Sandtorte, die ich am Nachmittag vom Bäcker holen mußte. Die sollte ich Mutti schenken. Vor unserem Hause erwartete mich Liesbeth Walter.

»Ich stehe hier schon eine geschlagene Stunde bei der Kälte«, sagte sie. »Ich habe schon anfragen lassen, ob Sie im Hause sind; und da schickte ich ein Paket hinein, das ich von Anni erhielt.« »Was soll das alles?«

»Hören Sie zu. Ich bin in großer Aufregung. Sie trugen gestern einen eigenartigen Ring; denselben sah ich heute Nachmittag bei Anni.« –

»Muttis Ring!« rief ich.

»Ja, ich erkannte ihn sofort wieder. Ich habe nichts gesagt zu Anni. Ich war empört über solchen Diebstahl; noch dazu, da Sie ihr eine Schlafgelegenheit boten. In dem Paket sind Annis Kleidungsstücke. Ich sollte sie mit in meine Wohnung nehmen. Ich brachte sie zu Ihnen; behalten Sie die Sachen, bis Sie den Ring wieder haben. Kommen Sie schnell mit, Anni sitzt im Café und erwartet mich dort.«

So etwas konnte ich kaum glauben, doch lief ich mit.

Anni saß da, ungeduldig, weil Liesbeth so lange fort war.

»Weißt Du, Anni, was Grete eben sagte? Ihre Mutter sei ganz verschossen in Dich, Du möchtest doch mitkommen zur Geburtstagsfeier. Ich bin auch eingeladen und habe dankend angenommen.«

»Wie kam das denn? – Ihr kennt Euch doch kaum.«

»Ach ganz plötzlich. Ich traf Grete, sie nahm mich mit und stellte mich ihrer Mutter vor. Ich gratulierte – aber, weil Du mich hier erwartest, mußte ich Dir ja erst Bescheid sagen. Und da sagte Gretes Mutter, wir sollen Dich mitbringen. Du seist so ein nettes Mädel.«

»Allerhand. – Ich komme mit.«

Als wir kamen, waren Abts da, und Mama war sehr erstaunt. Ich rief Frau Abt in die Küche und teilte ihr das Geschehene mit. Mutti setzte den Beiden indes Kaffee und Kuchen vor. Wir gingen wieder ins Zimmer.

»Lieschen«, sagte Frau Abt zu Mama. »Du hast ja zur Feier des Tages nicht einmal den Ring am Finger, Du weißt doch, den geschnörkelten.« »Ach ja«, sagte Mama lachend, indem sie zur »Kredenz« ging. Sie griff in die Tasse und blickte erstaunt auf.

»Grete, hast Du hier meinen Trauring herausgenommen?«

»Deinen Trauring?« rief ich erschrocken, »wann hast Du denn den da reingelegt?«

»Gestern abend, als wir vom Theater kamen, er ist mir etwas zu groß und rutscht mir so leicht vom Finger.«

Liesbeth sah Anni scharf an, und ich musterte beide.

Anni sah auf ihre Tasse und spielte scheinbar ruhig mit dem Teelöffel und redete Frau Abt an.

»Wir sind hier fremd, Anni, und es ist höchst peinlich für uns, daß ein Ring fehlt. Du erlaubst wohl, Anni«, sie nahm schnell Annis Handtasche und ihre eigene, legte sie vor Mutti auf den Tisch und sagte: »In der Handtasche eines jungen Mädchens sind immer Heimlichkeiten, die kommen jetzt nicht in Betracht, die Hauptsache ist, daß sich herausstellen läßt, ob der Ring sich in einer dieser Taschen befindet. Bitte, Frau Machan, öffnen Sie.« Mutti blickte unschlüssig um sich. »Ich kann doch kaum annehmen.« »Sie haben das Recht dazu, bitte.«

Anni warf Liesbeth einen entsetzlichen Blick zu.

Mutti öffnete zuerst Liesbeths Tasche und fand ihren Ring nicht.

Anni wollte die Tasche entreißen und rief: »Entsetzlich, hätte ich gewußt, daß ich hier soll als Spitzbube angesehen werden, hätte ich auf keinen Fall solch ein Haus betreten. Ich bitte um meine Tasche, sofort.«

»Wozu die Aufregung, Anni, beweis doch Deine Unschuld.«

Liesbeth öffnete und räumte aus. Zwei Zigarettenetuis, Muttis neue Winterhandschuhe, Muttis Ring aus Rußland, meine kleine Schere aus dem Manikurekasten, und noch andere Sachen, die Anni gehörten.

»Wo ist mein Trauring? Er lag mit diesem andern gestern abend zusammen in der Tasse. Sie haben diesen Ring gehabt, folglich auch den Trauring. – Wo haben Sie den Ring?«

»Pfui, Anni, schäme Dich, Du bestiehlst die Leute, die Dir ein Obdach boten. Sag, wo ist der Ring?«

»Abscheulich dieser Verdacht«, sagte Anni stolz, »wenn Sie aber den Verdacht haben, mich also beschuldigen wollen des Traurings wegen, so wenden Sie sich bitte an meinen Vater, es ist für uns eine Kleinigkeit, so etwas Fehlendes zu ersetzen. Ich lasse mich nicht gern beschimpfen.«

»Das ist Quatsch. Du hast durch Deine blödsinnige Rederei eben selbst zugegeben, daß Du den Ring hattest. Ich würde nichts ersetzen wollen, was ich nicht gestohlen habe. Sieh, Anni, ich habe nachmittags schon den Ring bei Dir gesehen, Du trugst ihn, wie unvorsichtig! – Aber trösten Sie sich, Frau Machan, das Paket, das ich heute nachmittag zu Ihnen schickte, gehört Anni. Es enthält Kleidungsstücke. Behalten Sie die Sachen, bis Anni den Ring wieder bringt. – Ich glaube kaum, daß Anni noch im Besitze eines Ringes ist, gestern hatte sie kein Geld und heute mittag kaufte sie diesen rosa Jumper.«

»Diese verfluchten Juden«, sagte Frau Abt, »stehlen können sie wie die Raben, bloß schnell hier raus, sonst wird die ganze Feier gestört. Nicht, Lieschen, Deine Eltern kommen doch gleich, und Dein Mann macht jetzt Feierabend.« Indem kamen auch schon Oma, Opa, Tante Grete und Onkel Heinz. Anni zog sich an und ich hörte sie zu Liesbeth sagen: »Ich räche mich schon, die ist die längste Zeit mit Lange gegangen.« »Halt 's Maul, mach lieber, daß Du raus kommst«, zischelte Liesbeth. »Dich laß ich verschütt gehn«, war Annis letztes Wort. Was das bedeutet, weiß ich nicht. – Um 9 Uhr kam Otto Lange und schenkte Mutti eine Flasche Burgunder.

Liesbeth Walter war ihm bekannt, er war erstaunt, als er sie sah. »Wie kommst Du zu diesem Mädel?« fragte er. Ich zog ihn in die Küche und erzählte ihm das Geschehene. »Zeigt doch das Weib an«, sagte Otto, »sie hat's stets auf Schmucksachen abgesehen. Jeder kennt sie deshalb. – Wie kannst Du überhaupt so gutmütig sein, Du scheinst die Welt gar nicht zu kennen. Allerdings bei Deinem Alter! Aber künftighin meide diese Sorte Mädchen. Auch die da drinnen. Ich habe sie häufig im Tivoli gesehen.« –

»Otto, heute muß ich sie anstandshalber hier dulden. Wir sind ihr dankbar. Ohne diese Liesbeth hätten wir die Sachen für alle Zeit verloren. Sie ist gerecht und das achte ich. Ihr Charakter kann so schlecht nicht sein. Sei Du höflich und lasse merken, daß Du und wir ihr dankbar sind.« Papa verschonten wir noch mit dem Verlust, vielleicht kommt er noch in unsere Hände zurück. Dann haben wir Papa die Aufregung erspart. Otto ging um 12 Uhr, dann auch die Rahndorfer, die den letzten Zug benutzten. Oma und Opa waren schon um 11 Uhr gegangen. Abts und Liesbeth blieben noch bis 2 Uhr. Wie von selbst machte es sich dann, daß Liesbeth zur Nacht blieb; sie klagte wegen des weiten Wegs nach der Nordstraße. Schließlich sagte Papa, der etwas angeheitert war: »Schlafen Sie doch hier, wir haben ja Platz genug für einmal.« Das entschied. Liesbeth erzählte mir im Bett von ihrem Herrn, der Karlchen heißt. Sie liebt ihn wahnsinnig; er sei unglücklich verlobt mit einer andern. Das Verlöbnis hätte er längst gelöst, wenn sie ihn nicht während seiner Arbeitslosigkeit so gut unterstützt hätte. Er sei Schlosser, aber seine Hände wären so zart wie Frauenhände. Er wohnt in der Eichstraße. Schließlich schliefen wir beim Erzählen ein. Am andern Tage erzählte sie Mutti, ihr Vater sei Kapitän und fast immer fort. Ihre Mutter sei überhaupt keine Mutter, denn sie säße Tag für Tag in den Cafés und lebte herrlich und in Freuden, wäre eifersüchtig auf ihre erwachsene Tochter (Liesbeth), vergäße aber zu Hause das Essenkochen, Strümpfestopfen, Waschen und Reinmachen. Mutti war entsetzt. »Bei Ihnen kann man sich wohl heimisch fühlen, Grete, Du bist zu beneiden.«

Zu mir sagte Liesbeth dann, als wir die Schlafstube zusammen reinigten: »Grete, wenn Deine Mutter erlaubte, daß ich euch besuchen darf, bei euch ist man so geborgen. Ihr lebt so zufrieden und Deine Mutter macht immer so ein liebes Gesicht. Meine Olle faucht immer um sich herum. Wir Kinder sind ihr unbequem.«

»Wie schrecklich. Meine Mutter nennt uns ›ihre Welt‹. Welch ein Unterschied! Komm nur, Liesbeth, meine Mutter nimmt so ein mutterloses Mädchen gern unter ihre Fittiche.«

Am 13. Januar, also gestern, früh 6 Uhr, verreiste Papa nach Steinbach, um ein Schaf zu kaufen. Heinz war hier und sie wurden hier schon handelseinig. Papa soll 14 Tage in Steinbach bleiben und für Ringmanns und Bekannte von Ringmanns etwas arbeiten. Es ist hier so kurz nach Weihnachten nicht besonders zu tun, weshalb Papa gut abkömmlich ist. Ich erzählte Frau Doktor von Papas Reise und war mit einem Male ganz in Steinbach, ich war so begeistert von der Weltabgeschiedenheit, wo soviel Frieden herrscht. Ich sehnte mich dahin. Ich sprach von Weildorf, und da fiel mir das Schloß ein, das mußte Frau Doktor kennen lernen. Überhaupt die Art der Leute dort würde Frau Doktor sehr interessieren. Meine Begeisterung übertrug sich auf Frau Doktor, wir planten eine Reise nach Weildorf. Aber der Mensch denkt, Gott lenkt. Heute früh erhielt Frau Doktor einen Brief aus Wernigerode, Herrn Doktors Kusine, jung verheiratet, ein Kind, liegt schwer krank, man zweifelt an Gesundung. »Das arme Würmchen«, sagte Frau Doktor, und Ilse ist so ein Prachtmensch, vielleicht hilft unser Herrgott noch.

Der Tod, gefürchtet oder ungefürchtet, kommt unaufhaltsam.

 

17. Januar 24.

Nun ist Frau Doktor nach Wernigerode gefahren. Frau Abt war mit zu Reißmanns; sie hatte ein Kleid bestickt und lieferte es ab; sie kam, als wir beim Packen waren. Frau Abt schwärmt von Frau Doktor, es ginge ein herrlicher Sonnenstrahl von ihr aus, der erwärmte den Menschen direkt. – Das fühle ich immer. –

Berni holte auf Lottis Wagen die Schreibmaschine. Ich habe viel zu tun. Schreibe die Erzählungen aus dem Leben der Eingeborenen Südwestafrikas unter deutscher und englischer Herrschaft; aus dem Jahre 1916 und unter englischer Herrschaft im Jahre 1920. Ein Pavian-Familienleben, selbst beobachtet von Dr. Reißmann. Einige Erzählungen aus dem Tierleben. – Land und Leute der Tschecho-Slowakei. – Einige Gedanken über die Verwahrlosung der Kinderseelen nach dem Kriege. Ich möchte, ich könnte alles in dieses Buch schreiben, statt auf Manuskriptbogen. Aber lesen kann ich es ja stets, wenn ich Verlangen danach habe.

Ich möchte liebend gern mit nach Amerika. Wenn nur die Eltern und Geschwister nachkommen könnten, aber, aber! Doktors wollen im Juli oder August fort. Oder auch nach Spanien. – In das Land, wo die Zitronen blühn. – Da möchte ich hin. Ach, was ich möchte! – Mutti ist recht traurig ihres Traurings wegen. Gestern abend war ich mit Frau Abt im Kino. – Immer komme ich mit Frau Abt in eine so komische Unterhaltung. Ihr kann ich auch immer mein übervolles Herz ausschütten, sie versteht mich so ganz. Einer Mutter kann man nicht immer alles so erzählen, obgleich Mutti auch meine Freundin ist. Frau Abt ist mir eine Freundin, Mutti bleibt immer Mutter. Ich fragte Frau Abt, wie es wohl kommt, daß mich alle Männer immer so komisch ansehen. Ich kaufte bei Haags, er war sehr freundlich, lud mich zu einem Abend ein, was ich empört abschlug. Seitdem kaufe ich da nicht mehr. Bei Kraus dasselbe; seitdem kaufe ich da auch nicht mehr. So etwas ist doch höchst lästig. Was hab ich nur an mir, weshalb verehren mich die Männer scheinbar, um nachher mich zu beleidigen?

»Grete, Du kennst doch das Lied ›Sah ein Knab ein Röslein stehn‹. Kaum daß der wilde Knabe sich des schönen Rösleins freute, brach er es, um es leiden zu sehen. So sind diese Männer, ein hübsches Mädchen ist solchen Männern eben nicht heilig. Sie wollen es besitzen und wissen in ihrer Begierde kaum, daß sie es schänden. Vor solchen Männern hüte Dich, das sind Vandalen.« Ich verstand wohl – aber gibt es auch andere Männer? Oder versteht man das unter »Liebe« zwischen Mann und Frau?

Das mochte ich nicht fragen.

 

18. Januar 1924.

Otto Lange war verreist – mit – Anni – nach Hannover. – Gott sei Dank, ich habe nichts verloren – als einen Vandalen. Liesbeth brachte mir die Neuigkeit. Anni sei glücklich, sei befriedigt. Sie habe sich gerächt. Lächerlich, sie hat mir nichts genommen, reich hat sie mich gemacht. Ich schüttle den Kopf über den Charakter eines solchen Mannes. Otto Lange und Anni! Wie atme ich frei. Ich hätte Otto nie gern haben können, nun erst gar lieb! –

 

19. Januar 24.

Und Otto kam – – – »Gretel, was habe ich mich nach Dir gesehnt!« war seine Begrüßung. Ich sah ihn an und schüttelte lächelnd den Kopf. »Otto, Otto!« »Was hast Du?« fragte er leise.

»Hast Du noch zu fragen, Otto, magst Du noch zu uns kommen, nach dem, was geschehen ist? Achtest Du mich und meine Eltern so wenig? Bist du denn gar kein Ehrenmann?«

»Gretel, Du weißt?« Ich nickte nur.

»Wissen es Deine Eltern?«

»Ich müßte mich ja totschämen vor ihnen, wenn sie es wüßten. Otto, wie konntest Du noch die Stirn haben, hierher zu kommen?«

»Ich hab' Dich doch zu lieb – das andere, Kind, ich kann Dir das nicht erklären. Du bist ja noch zu jung und zu rein. – Ich – Gretel, ich bin ja nicht von Holz.« »Otto, was das bedeuten soll, weiß ich nicht, nur das eine weiß ich, daß für allezeit etwas zwischen uns sein wird, darum geh, Otto, böse will ich Dir nicht sein. – Du bist eben nicht der Mann, dem ich so ganz angehören könnte.« »Grete!« Er wollte meine Hände fassen, ich entzog sie ihm und rief: »Mutti, bist Du in der Küche? Otto ist hier und möchte euch gern begrüßen.« –

Ich ging aus der Stube und in mein Zimmer. Ich atmete auf, das war erledigt.

 

24. Januar 24.

Ich bin wegen des Traurings immer in größter Unruhe. Mutti ist ganz unglücklich. Ich begreife das. Gestern nachmittag kam Liesbeth; wir gingen etwas spazieren. »Komm mit nach Café Baltic«, sagte Liesbeth. »Karlchen erwartet mich.« Ich ging mit. »Karlchen« wartete schon. Er ist sehr elegant. Liesbeth plauderte eifrig mit ihm, und ich saß versunken, der Musik lauschend. Ich lauschte und dachte dabei über vieles nach, mit Otto saß ich hier, damals kam Doktor Reißmann. Was Otto mir nie war, das ist mir Frau Doktor. Solche Menschen, wie sie, Frau Doktor, kann man lieben, das sind eben die Sonntagsmenschen. Ziemlich abseits von uns saß ein Herr, auch der Musik lauschend, das merkte ich an seinem Gesicht.

Ich fragte Liesbeth, ob sie den Herrn kenne.

»Der«, sagte sie: »ach, das ist ja der lange Laban, bekannte Größe, er sitzt jeden Tag hier, stets allein, komischer Kauz.« »Er muß Musik gern hören.« »Merkst Du das?« sagte Liesbeth. Es war schon 7 Uhr geworden. Karl ging fort, und Liesbeth rauchte jetzt eine Zigarette.

»Magst Du das denn hier tun? Vor allen Leuten?«

»Rauchst Du denn nicht?«

»Um Gottes willen.«

»Was Dich der Kauz anstiert«, sagte Liesbeth. Ich sah auf. Er sah mich an und lächelte.

Am Nachbartisch saß ein älteres Ehepaar. Der Herr beobachtete mich fortwährend, so daß ich zuletzt ganz verlegen wurde. Als ich dann wie zufällig hinsah, lächelte mir die Dame höchst freundlich zu. Ich wollte gehen, denn die Fixiererei von zwei Seiten war mir direkt fatal. Da redete mich die Dame an.

»Ich sitze hier fast täglich und sah Sie hier noch nie.«

»Ich habe auch fast nie einmal Gelegenheit, ein Café zu besuchen.«

»Sooo – ach, wohl in einem Geschäft tätig?«

»Nein, ich bin bei meinen Eltern.«

»Ach, – das ist ja gut. Sie haben noch Eltern. Sind noch jung?«

»Ja, ich bin im siebzehnten Jahr.«

»Wohnen hier in Neuburg?«

»Ja, mein Vater hat eine Schuhmacherei und meine Mutter eine Feinplätterei. Ich helfe im Haushalt und bin auch noch mit in einem Hause behilflich.« »Plätterei? sagten Sie, hörst Du, Schnucki, da kann ich ja Deine Wäsche bügeln lassen«, sagte sie zu dem älteren Herrn. Die Dame hatte einen etwas harten Dialekt.

Sie fragte nach meiner Adresse, die ich auch gab. Dann grüßten sie noch einmal, als sie das Café verließen. Ich erhob mich auch und zog meinen Mantel an. Da stand plötzlich der »komische Kauz« hinter mir.

»Schon fort? – Komm, trink einen Likör mit mir!« Ich maß ihn von oben bis unten. Erstens diese entsetzliche Größe, bald einen Kopf größer als ich, zweitens diese unerhörte Dreistigkeit.

»Wenn Sie nicht wissen, wie Sie sich einer Dame gegenüber zu betragen haben, lernen Sie das bitte erst.« Er lächelte höhnisch und verbeugte sich. »Verzeihung, gnädiges Fräulein.« Ich nickte ebenso und gab Liesbeth die Hand, um fortzugehen.

»Fräulein, ich bitte jetzt höflichst, geben Sie mir die Güte, trinken Sie ein Gläschen Kognak mit mir.«

»Ich kann Ihre Einladung nicht annehmen, denn ich muß nach Hause. Meine Eltern werden ohnehin schon mit dem Abendessen warten.«

»Wertes Fräulein, es sind höchstens 5 Minuten, die opfern Sie doch bitte mir.« Er bat so höflich und bettelte, bis ich schließlich die Einladung annahm. »Rauchen Sie?« fragte er, als wir am Tisch saßen, und er bot mir eine Zigarette. »Ich finde das Rauchen bei einer Dame entsetzlich, und was würden erst meine Eltern sagen, wenn ich etwas dergleichen täte!«

»Also noch ein Kind der Eltern, meine größte Hochachtung!«

»Ich verstehe nicht.«

»Auch ich verstehe nicht, wie ein guterzogenes Kind aus anscheinend gutem Hause mit einem unachtbaren Mädel in diesem Lokal verkehrt. Ich beobachte Sie den ganzen Nachmittag, redete Sie an, um mich zu vergewissern, ob der Schein trügt. Sie haben gesiegt.«

»Warum dürfte ich nicht in diesem eleganten Lokal sein, es verkehrt doch sogar die vornehme Welt hier?« fragte ich erstaunt. »Bestes Kind, Sie kennen die Scheinwelt nicht. Hüten Sie sich vor dieser Scheinwelt; es wäre sehr schade um Sie, sollten die Krallen dieser Tiger Sie zerfleischen. Sie wären diesen Tigern eine passende Beute. Ich bin Geschäftsmann und kenne diese Herrenwelt; die kleinen Täubchen, die noch unschuldig sind, fachen ihre Wollust an, und wenn dann so ein Täubchen flügellahm gemacht ist, flattert es unstet umher.«

»Ich fand alles hier so schön«, sagte ich leise.

»An Ihren Augen sehe ich, daß Ihre Seele durstet nach Unerreichbarem. Sie scheinen mir eine Träumerin. Lieben Sie Musik? Ich studierte Ihre Gesichtszüge vorhin. Ich nehme an, Sie lieben Musik.«

»Das sahen Sie?« – »Besuchen Sie Theater?« – »Einige Male war ich im Theater.« »Was empfanden Sie?« – »Oh, das hat noch keiner gefragt, auch Frau Doktor nicht«, sagte ich schnell. »Was ich empfand? – Ich kenne Sie nicht, und doch ist es mir, als könnte ich Ihnen alles sagen. Im Theater sitze ich, die Welt vergessend, als sei ich da allein. Ich höre die Musik, und es ist mir, als trügen mich unsichtbare Hände in eine göttliche Welt. Wenn es dann Licht um mich wird und das Publikum klatschend oder auch ohrenbetäubend lärmt, so könnte ich weinen vor Schmerz. Es war so schön in der andern Welt. Des Nachts kann ich dann kaum schlafen. Die Musik rauscht mir in den Ohren, und meine Seele zehrt und kann nicht satt werden. Ich selbst möchte musizieren können, wohl Geige, ich glaube, ich könnte mein ganzes Inneres im Spiel wiedergeben. – Aber – es geht ja nicht. – Wir sind ja arm.«

»Liebes Kleines«, sagte er, und er streichelte mir so sacht die Hände, daß ich seine Hände hätte küssen mögen, es zog mich eine eigenartige Macht zu ihm hin.

»Meine Brüder haben Unterricht im Mandolinenspiel. Wenn sie üben, schmerzt das Hirn, denn ich lechze nach einer Weichheit und Innigkeit im Spiel. Und wenn eine solche Melodie mir den Tod bringen würde, solch ein Tod müßte himmlisch sein. Erst waren es andere Weisen, Weisen, die meine Füße trugen, aber seit meine Kindheit mir genommen ist, ist in mir etwas wach geworden, das noch schöner und heiliger und edler scheint. Ich wahre das in meinem Herzen, so wie Mutti ihre Träume, und ich bin glücklich im Besitz. Ich habe noch zu niemand so gesprochen, wie jetzt zu Ihnen, und ich kenne Sie gar nicht. Aber ich habe soviel Vertrauen zu Ihnen, ich weiß nicht, wie das kommt.«

»Gleiche Seelen finden sich. – Ich spiele Geige. – Möchten Sie einmal mein Publikum sein? – Sagen Sie ja!« Ohne irgend große Bedenken sagte ich »ja«. Wir gingen nach Hause; er nannte mir seinen Namen und die Adresse.

 

26. Januar 24.

Die Dame vom Café brachte heute Wäsche zum Bügeln. Die Wäsche gehört einem Regierungsrat, und ich weiß nicht, ob die Dame die Gattin ist; jedenfalls, denn sie sagte, » wir wohnen an der Parkstraße«. Sie sagte, sie seien viel verreist, ich möchte doch die Wäsche bringen, es würde sie freuen, wenn ich zu ihr käme. Ich möchte am 30. Januar kommen, sie sei dann zurück und erwarte mich. Dann aber kam sie zurück und sagte, ich wüßte ja nicht einmal die genaue Adresse. Das hatten wir auch ganz vergessen. Schließlich überlegte sie und will nun die Wäsche selbst abholen. Hoffentlich könnte sie mich dann begrüßen. – Ich muß immer an Gerd Heimann denken; denn so heißt der »komische Kauz«. Er ist nicht hübsch, aber seine Seele muß schön sein und groß. Ich brenne darauf, sein Spiel zu hören. Jetzt, da ich älter bin, möchte ich noch einmal meine Kindheit durchleben, denn vieles ist mir im Gedächtnis, was ich auch wohl gern niederschreiben möchte. Und es ist immer der Drang in mir gewesen, anders sein zu können; eben so sein zu wollen, wie ich bin, und nicht so sein zu müssen, wie man in Wirklichkeit eben ist. Komisch, daß Gott die Menschen nach seiner Façon macht, sind sie aber auf der Welt, dürfen sie keineswegs so leben, wie Gott sie ins Leben gestellt hat. Von allen Lehrpersonen unserer Schule wird mir immer Lehrer Harms im Gedächtnis bleiben. Schade, daß man als Schulkind nicht das Recht und auch den Mut hat, seinem Gesanglehrer etwas näher zu kommen. Ich habe mit großer Verehrung an Lehrer Harms gehangen, weil er uns gewissermaßen emporhob. Ob alle Mädchen oder Schüler so empfanden, weiß ich nicht. Heute weiß ich, daß es schon damals die Musik war, die mich trug, ohne es zu verstehen oder zu wissen. »Jubilate«, das wird mir stets eine liebe Erinnerung an meinen Lehrer sein. Ich habe den Chorgesang so gern gesungen. Ich will Gerd fragen, ob er ihn mir spielen wird. Auch »Ave-Maria«, ich habe diesen Gesang auf der Mandoline geübt. Auf der Geige möchte ich ihn hören. – Den Verkehr mit Liesbeth möchte ich gern meiden. Papa kommt bald zurück. Von Frau Doktor erhielt ich einen wunderbaren Brief. Jetzt kommt wohl das Glück. Ich habe meine lieben, guten Eltern, habe eine mütterliche Freundin, Frau Abt, habe Gerd. – Ich sage und schreibe »Gerd«. Mir ist's, als kenne ich ihn schon Jahre; wenn die Seelen gleich sind, müssen die Menschen ja auch eins sein, denn die Seele ist ja das gute Ich und das Gute ist von Gott, folglich kann ja nichts Böses dabei sein, wenn ich Gerd gern habe. Ob er mich auch gern hat?

Als Gerd an dem Abend von mir ging, sagte er: »Sie kommen, liebes Fräulein, denn meine Sehnsucht nach Ihnen wird Sie zu mir führen. Ein so eigenartiges Mädchen in dem Alter habe ich noch nie kennen gelernt. Und ich hatte immer das Verlangen nach einem so veranlagten Mädel. Jetzt schlafen Sie schön, und so wie ich an Sie denken werde, denken auch Sie an mich.« Als er gegangen war, stand ich in der Tür und sah ihm nach, bis er verschwunden war. »Ein komischer Kauz«, sagt Liesbeth. Jetzt weiß ich auch, daß Liesbeth künftighin kein Umgang für mich sein darf.

 

27. Januar 1924.

Papa ist von Steinbach zurückgekehrt. Ich soll Ringmanns besuchen. Wie gern möchte ich das wohl, doch die viele Arbeit hält mich hier fest. Mutti hat viel zu plätten, so daß ich ihr tüchtig zur Hand gehen muß; dazu muß ich noch bis zum späten Abend fleißig tippen; ich habe reichlich Arbeit auf der Schreibmaschine. O, wenn ich die Begabung hätte, die Frau Doktor hat, aber leider, vielleicht wenn ich älter bin. Es ist so schön, klug zu sein, und neben Frau Doktors Arbeiten stehe ich wie ein dummes Schaf. Wenn ich Geld hätte, was machte ich? Ich umreiste die Welt und stillte meinen Wissenshunger. Schade, daß ich kein Mann bin. Aber Frau Doktor ist ja auch kein Mann, aber sie hat ja ihren Mann und was für einen Mann! Wenn er eine Praxis hat als Rechtsanwalt, na, ich gratuliere, da möchte er am liebsten mit seinem allzeit hilfsbereiten, guten Herzen alle Übeltaten aus der Welt schaffen und jedem Menschen nur das Glück und den Frieden bringen. Armes Doktorchen, ich bin jung, aber so viel weiß ich, daß Sie das doch nicht schaffen können. Sie hätten lieber Seelsorger werden sollen. Sie wären der beste Seelsorger, einer ohne Vorurteil. Aber Sie und Ihre liebe Gattin sind im Wirklichen ja ohnehin Seelsorger, besser noch als ein beruflicher.

Elsi.

Elsi war nicht hübsch, aber lieb. Sie war die beste von allen ihren Geschwistern. Sie hatte volles, goldblondes Haar und etwas krumme Beine. Das schadete aber nichts, sie war lieb. Wenn Onkel Paul bei uns war, wurde sie rot, lächelte eigenartig und lispelte, was sie sonst nicht tat. Onkel Paul war scheinbar sehr geschmeichelt, denn wenn Elsi einmal nicht im Garten war, so wanderten seine Augen zu Nachbars Haus. Schließlich fragte er doch noch: »Wie geht's Elsi?«

Es war zur Zeit der Grippeherrschaft, ich glaube 1920. Es starben zu der Zeit entsetzlich viele Menschen. Elsi legte sich und blieb acht Tage liegen. Man brachte sie ins Krankenhaus, wo sie in derselben Nacht starb. Sie war achtzehn Jahre. Auf dem Nord-Friedhof schläft sie nun.

Käte Rohr.

Im letzten Schuljahr kam Käte zu uns in unsere Klasse. Sie trug auffallend schöne Kleidung, und wir waren darüber einig, daß sie aus reichem Hause stammen müsse. Einige Mädchen warben um ihre Freundschaft, und so kam es, daß sie mit zu Kätes Eltern durften. Zu ihrem Geburtstage durfte sie einige Mitschülerinnen einladen, und ich war auch dabei. Seit der Zeit lernten wir uns näher kennen. Kätes Eltern lebten stets in Unfrieden, und Käte erzählte mir viele Geschichten, die sich in ihrem Hause ereignet hatten. Der Vater war im Hause eine Null. Oft waren wir mit Käte in größter Feindschaft, weil sie entsetzlich log und in ihre Lügen uns mit hineinwickelte. Als Lotti geboren war, kam sie zuerst in unser Haus, und die Bewunderung, die sie für mein Schwesterchen hatte, machte mich so weich, daß ich ihr alle Lügen verzieh. Nach der Firmung sahen wir uns nie wieder, denn ich besuchte die Haushaltungsschule in unserem Distrikt. Dann kam ich nach Steinbach. Erst später, als ich wieder in Neuburg war, traf ich sie wieder. In dem Jahr, das ich auf dem Dorfe zubrachte, hat Käte ein anderes Leben kennen gelernt, ihre Kenntnisse und meine Dorfansichten stimmten oft nicht überein. Ich fühlte mich beschränkt ihr gegenüber, sie lächelte oft überlegen, was mich tief verletzte. Lüge und Leichtsinn sind ihr wohl in die Wiege gelegt, vielleicht hätte ich ...

(Hier bricht diese Aufzeichnung ab.)

 

Mutter Marie.

Mutter Marie war unsere Nachbarin. So alt, zusammengeschrumpft und verhunzelt sie war, so jung und lebendig war ihr Herz und das Lachen in ihrem dürren Gesicht mit den tiefliegenden Augen. Im ganzen wog sie 78 Pfund und zählte 70 Jahre. In ihrem Stübchen sammelten sich die Jugend und junge Menschen im heiratsfähigen Alter. Für jeden dieser jungen Leute hatte sie ein liebes Wort, und wenn es auch Schmeicheleien waren, sie zogen zu Mutter Marie. War die Kleidung auch oft ärmlich, ein weißer Streifen am Kragen des Kleides zierte doch und hob sich blendend ab vom gelben, faltigen Hals. Ihr Haar ist noch heute tiefschwarz, und sie trägt es ziemlich adrett gescheitelt. Besuchte man Mutter Marie um die Mittagszeit, so fand man sie bei »Quetschkartoffeln und Buttermilch«. Das war ihr National- und Lieblingsessen. Wir Kinder freuten uns immer auf das Wort: »Kartoffelen«. – Ringsherum auf Tischen oder Tischchen, sowie an den Wänden, prangten Papierblumen in grellsten Farben und billigster Art, Mutter Marie war Blumenfreundin. Einmal, als wir sie besuchten, prangte ganz oben an der Decke am Gasrohr eine Rot- und eine Leberwurst von je 25 cm Länge. Sie war unsern erstaunten Blicken gefolgt und sagte: »Mein Sohn hatte Schlachtfest und schenkte mir die Würste. Lege ich sie in den Küchenschrank, eß ich sie auf; hängen sie da oben, so esse ich mein Butterbrot, sehe nach der Wurst dabei und denke, ich esse Wurstbrot. Ist das nicht sparsam gedacht?« – Wir mußten Mutter Marie beistimmen.

Mutter Marie hatte einen Sohn im Felde, ihren Fritz. Weil er nun so in Gefahr war, nannte sie ihn stets ihr »Fritzekindchen«. Trotz aller Angst um Fritzekindchen, bekam die Kinderwelt und die heiratslustige Welt doch ihr Recht und eine Portion Humor. Mutti konnte sich damals keine bessere Freundin denken. Als Papa einmal vom Urlaub wieder zurück ins Feld mußte, legte sie ihre langen, dünnen Arme um Papas Hals und gab Papa einen Kuß zum Abschied. Sie konnte nicht anders, als schmeichelnd sagen: »Ich habe den lieben Herrn Machan so gern, und darum will ich beten, daß Sie recht gesund wieder kommen, zu Ihrer jungen, hübschen Frau und Ihren bildschönen Kindern.«

Ob sie nun alle Welt und Menschen schön fand, oder ob sie bewußt schmeichelte, das war uns damals gleichgültig. Jedenfalls hebt sich das Herz bei einem guten Wort, und es fliegt dem Schmeichler leicht zu. So sind Jahre hingegangen, Mutter Marie blieb dieselbe – bis zu dem Tage, an dem man ihren Fritz als schwerkrank in das Neuburger Krankenhaus beförderte. Und ihr Fritzekindchen starb, so jung und so schön. Mutti sagte, sie habe nie eine so schöne Leiche gesehen. Er war so jung, erst zwanzig Jahre.

Von der Zeit an war Mutter Marie eine stille, schwergebeugte Frau; doch für jeden Menschen hatte sie ein passendes Trostwort.

Alle Papierblumen schmücken jetzt das Bild ihres Lieblingssohnes. Wenn Fritzekindchen das doch sehen könnte, was Mutterliebe und Mutterhände für ihn tun!

Aber eins hat sie nicht vergessen, das Schmeicheln. Als wir Mutter Marie vor kurzer Zeit treffen, sagt sie: »Ach liebste, gute Frau Machan, jetzt haben Sie auch schon ein großes Töchterlein, wie doch die Zeit vergeht; aber Sie werden nie älter und immer hübscher.« »Ach«, sagt Mutti, »Sie bleiben auch immer dieselbe.« »Nee«, meint sie, »ich wiege jetzt nur 75 Pfund, wenn man mich zu Fritzekindchen trägt, wird man glauben, man trägt den leeren Kasten.«

 

Lottis Ankunft.

Als wir einmal, als es draußen grimmig kalt war, im warmen Zimmer saßen, stand Mutti plötzlich auf und ging in die Küche. Kurze Zeit darauf kam sie wieder und war schneeweiß im Gesicht. Papa meinte, Mutti solle sich schlafen legen, aber Mutti blieb bei uns, und wir waren mäuschenstill. Bald danach lachte Mutti auch schon wieder und besah Bilderbücher mit Berni. Da sagte Mutti zu mir: »In eurer Klasse, Gretchen, sind einige Mädchen, die noch ein Brüderchen oder Schwesterchen bekommen haben, waren die Mädchen dann recht erfreut darüber?« Ich sagte: »Ja, Mutti, sehr und warum denn auch nicht, Babys sind doch niedlich.« Mutti sagte: »Schade, daß der Storch jetzt im Süden ist, sonst könntet Ihr ja einmal Zucker aufs Fensterbrett legen; wo der Storch Zucker findet, da bringt er ein Baby.« Ich sah Mutti an, und Fritz blickte auch vom Lesebuch auf. Annchen sagte: »Hast Du Würfelzucker da? Ich will welchen hinlegen.« Fritz sagte: »Aber bloß kein Mädchen!« Berni stimmte bei. Annchen wurde ärgerlich und sagte: »Wenn ich den Zucker hinlege, habe ich zu bestimmen, und ich wünsche ein Schwesterchen.« Ich war derselben Ansicht. »Ich habe noch das Schaukelpferd von Fritz, das ist noch ganz heil, da fehlt bloß der Schwanz. Die Mähne, und das Geschirr und die Schaukel, wer soll denn das sonst kaputt machen?« meinte Berni. »Och«, sagt Annchen, »um so'n olles Schaukelpferd!« Schließlich wurden wir alle uneinig, so daß Papa auf den Tisch schlug: »Ruhe! Oder Ihr könnt ja losen!« Das Los fiel auf ein Brüderchen. »Mutti, was möchtest Du nun?« fragte ich. »Mir ist eins so lieb wie das andere.« Annchen blieb beim Schwesterchen und ich auch. Am andern Tage sprach ich in der Schule mit den Mädels, die erst jetzt noch ein Baby bekommen hatten, es glaubte niemand an den Storch. Es war alles so geheimnisvoll. Mit Herrn Pastor sprachen wir über einige Sachen, und ich platzte freudig heraus: »Ich bekomme noch ein Schwesterchen!« – Berni wurde oft ungeduldig und fragte: »Kommt denn nun bald das Baby oder nicht?« Mutter tröstete ihn, die Störche müßten eine so weite Reise machen; aber der Zucker war doch verschwunden, also kommt das Baby bestimmt. Es vergingen einige Tage. Mutti war oft sehr krank. Am 10. Dezember war es wieder mäuschenstill bei uns, Mutti war sehr krank. Am Sonntag, den 11. Dezember, rief uns Mutti zum Kaffee, und Mutti teilte mir die Hausarbeit zu. Dann kam Besuch, als Mutti schon zu Bett lag, und Papa sagte uns, wir müßten alle recht leise sein und uns heute einmal nicht streiten. Annchen war furchtbar ärgerlich, weil Mutti gerade jetzt krank wurde, wo der Storch das Baby bringen sollte; wer sollte denn alles machen? Berni sagte, er könnte es schon tragen. Nur Fritz saß still und sagte nichts. Mittag kam; der Besuch war fort von Mutti. Ich hatte Braten gemacht und Salzkartoffeln. Papa brachte Mutti einen gehörigen Teller voll und sagte, sie solle tüchtig essen. Wir durften kurze Zeit hinein und Mutti sah gar nicht so krank aus. Am Nachmittage kam der Besuch wieder. Papa war sehr, sehr freundlich zu uns und schickte uns zu Kleins. Ich bat Papa: »Laß mich doch hier, ich möchte so gern im Hause bleiben. Ich halte mich in der Küche auf.« Die Dame, die zum Besuch weilte, fragte, wie alt ich sei. Ich sagte, ich sei vierzehn Jahre. – Da reichte sie mir winzige Kinderwäsche und sagte: »Leg alles schön zurecht und in die Nähe des Ofens.« Ich strich über das kleine Hemdchen und Jäckchen und drückte es an mein Gesicht und küßte es. Am liebsten wäre ich bei Mutti gewesen. Die Dame rief mich noch einmal und schickte mich fort, einen Arzt zu holen. Vor Tränen in den Augen konnte ich fast nicht sehen, ich weiß nicht, ob es Freude war oder etwas anderes. Als der Arzt kam, schickte mich Papa in die Küche; ich durfte nur dann kommen, wenn ich gerufen wurde. Es verging kurze Zeit, da trieb mich die Angst um Mutti zur Treppe. Und mit einem Mal war es mir, als springe das Herz entzwei, meine ganze Brust faßte nicht die Freude, die das süße Geschrei des Babys hervorrief. Da schrie ich auf vor Glückseligkeit. Ich hörte oben rasche Schritte, Papa kam die Treppe herunter und sagte, mir war's, als weinte er: »Grete, Du hast ein Schwesterchen.« »Papa«, schrie ich auf, »ein Schwesterchen!« Ich half ihm, Gefäße mit Wasser heraufzutragen, blieb aber an der Türe stehen. Der Arzt sah mich und rief mich ins Zimmer: »Da haben Sie ja schon gute Hilfe«, sagte er zu Papa; und zu mir: »Deine Mutter ist sehr schwach, und Du mußt ihr tüchtig zur Seite sein.« Ich ging zu Mutti und drückte einen heißen Kuß auf ihre Hand, und Mutti nickte mir zu. Sie sah so weiß aus, ganz anders als sonst. Da ging es wieder wie ein Zittern durch meinen Körper. Die Frau mit der großen weißen Schürze nahm ein weißes Bündel zur Hand, und aus dem Bündel schrie es. Sie wickelte es auf und tauchte ein rosenrotes, strampelndes, schreiendes, junges Menschlein ins Badewasser. Ich sah still und glücklich zu und drückte Muttis Hand. Der Arzt ging. An Kleins Wand klopfte es gewaltig. »Das sind die Kinder«, sagte Papa, »sie hören das Schreien.«

Dann lag es vor mir, weich und rosig, mit winzigen Fingerchen und weichen, samtweichen Händchen und Füßchen. Es wurde schön gemacht, und die Frau legte es Papa in den Arm. Der strich mit seiner Arbeitshand über das rosige Gesichtchen und sagte: »Es sind jetzt fünf, das wird auch mit groß.« Papa gab es dann mir, und ich trug es behutsam zu Mutti. Dann holte ich die Kinder. »Wir haben's schreien hören, was ist es denn?« »Ich verrate nichts«, sagte ich; »kommt erst selbst und seht zu, ob ihr's lieb haben könnt.« Sie stürzten ins Haus, und Papa gebot, leise zu kommen. Da kamen sie auf Zehenspitzen an, alle der Reihe nach, und sie bestaunten neugierig das Menschlein, das am Finger lutschte, daß es schmatzte. Fritz, ganz still. Annchen zupfte hier und da, dann meinte sie triumphierend: »Das ist doch ein Schwesterchen, es hat ja schon lange Haare.« Berni konnte nicht anders als sie knuffen. »Das ist doch nun egal, was es ist, ich freue mich schon, daß wir den Zucker nicht umsonst rausgelegt haben.« Als die Frau gegangen war und die Kinder wußten, daß es ein Schwesterchen war, sah ich zu Fritz; er stand noch immer still. Die Kinder umstanden das Kleine, das unaufhörlich lutschte. Da schlich sich Fritz zu Mutti, strich einige Mal mit der Hand über die Bettdecke. »Freust Du Dich auch, Fritz?« fragte Mutti, seine Hand festhaltend. »Wenn Du nur erst gesund bist«, sagte Fritz und lief schnell aus dem Zimmer. Ich lief zu Fritz und fragte: »Freust Du Dich nicht? Hättest Du lieber ein Brüderchen gehabt?«

»Du bist ja dumm, bloß Mutti ist noch krank und das Kind ist ja so zart, daß man es kaum anfassen mag.«

Später erzählten die Kinder, sie hätten, als sie das Schreien gehört haben, das Ohr fest an die Wand gepreßt, um es ganz deutlich zu hören, und gezappelt hätten sie vor Ungeduld, bis Papa klopfte. – –

Noch am selben Abend kam eine Kundin zu uns mit der traurigen Nachricht, ihr Mann sei am Nachmittag 3 Uhr eingeschlafen.

So macht ein Mensch dem andern Platz. Um 3 Uhr starb der Mann – um 6 Uhr kam Lotti zu uns. Papa sagt: »Der eine kommt, der andere geht.«

 

Fritzemann.

Als unser Fritz, mein Brüderchen, 3 Jahre war, da war er noch unser Fritzemann. Ich war damals 5 Jahre, und ich weiß, daß ich einmal bewundernd auf mein Brüderchen geblickt habe.

Es muß ein Herbsttag gewesen sein, denn wir haschten nach gelben Blättern, die in der Luft herumtanzten. Wir hatten einen großen Ausblick über eine grüne Fläche, ich weiß leider nicht, wo wir mit Mutti spazieren gingen. Ganz hinten am Himmel sahen wir die Sonne dicht über der Erde. Mutti schob den Kinderwagen hin und zurück, weil Annchen schrie.

Fritzemann und ich hielten die Hände vors Gesicht und lugten durch die Finger in die Sonne. Während nun die Sonne vor unsern Augen immer tiefer sank, dachte ich, die Sonne habe einen Rock an, und der liebe Gott steht hinter der Sonne und zieht am Rock, damit die Sonne zu ihm kommen soll. Ganz zufällig fiel mein Blick auf Fritzemann; dann weiteten sich meine Augen, und ich sperrte den Mund weit auf. Fritzemann blies die Backen auf, holte tief Atem und pustete mit vollen Backen; dann glänzten seine Augen, er wurde puterrot, und mit Siegeslächeln sagte er: »Ich habe die Sonne ausgepustet.« Rasch blickte ich mich um, die Sonne war fort. Fritz lächelte, bei mir wuchs eine maßlose Bewunderung für Fritzemann: daß er so etwas fertig gebracht hatte, beschäftigte noch lange meinen Kopf. Ich habe seitdem oft in die Sonne geblickt und gepustet aus Leibeskräften, aber mir gelang es nie. Erst später, als ich wußte, daß wir vor der scheidenden Sonne gestanden hatten, da mußte ich lächeln, und es tat mir herzlich leid, daß Brüderchen Fritzemann doch nicht ein so großer Held war.

 

Eine Plauderei über Papa.

Will man über einen Papa schreiben, so muß man von der Zeit beginnen, wo die Erinnerungen auf den Papa stoßen. Während die Eltern Erinnerungen austauschen können vom ersten Tage unserer Existenz, so ist es den Kindern nur möglich, erst Eindrücke wiederzugeben vom 3.-4. Lebensjahre. Die ersten Jahre unseres Lebens sind für uns Kinder in Dunkel gehüllt. Wenn ein Kind bis zu diesem Jahre die Eltern verliert, so kann es sich überhaupt keine Vorstellung machen. Ich hätte gern etwas über meinen Papa geschrieben, vielleicht, wie ich ihn zuerst kennen lernte, oder was für Gefühle sein Erscheinen bei mir hervorrief, aber ich mag denken, soviel ich will, ich weiß von nichts. Als meine Geschwister klein waren, war auch ich zu klein, um Beobachtungen zu machen. Doch jetzt bei Lotti habe ich das Verhältnis zwischen Papa und klein Lotti belauscht. Ja – ich könnte meine Eindrücke schildern, aber die Eindrücke, die Lotti von unserem Papa hat, die liegen nun wieder außerhalb meines Schädels. – Wenn Lotti kommt und sagt: »Hetchen, Papa sagt, geh weg, olle Totti«, dann frage ich: »Hast wohl Papa jetzt nicht mehr lieb?« Kurz entschlossen: »Papa soll Haue haben.« Sagt dagegen Mutti: »Geh weg«, so schmeichelt Lotti: »Wieder lieb sein.« Doch sind Lotti und Papa gute Kameraden, und wenn Mutti uns ruft, und Lotti wird wach, so turnt sie in Papas Bett und kuschelt sich dicht an Papa. Mutti dürfte es nie wagen, sie direkt hochzunehmen, um sie nach unten zu tragen. Sie würde Höllenlärm schlagen. Sie steht nur mit Papa auf, und nur Papa hat das Recht, sie zu tragen. Ob Lotti nun schon Launen hat, oder ob ein bestimmtes Verhältnis zu ihrem Papa besteht, darüber zu urteilen, ist unmöglich. – Da kam ich auf einen Schluß. In den ersten 3-4 Lebensjahren erziehen nicht die Eltern die Kinder, sondern die Kinder die Eltern. Wenn ein Kind als hilfloses Bündelchen daliegt, so wird es bestaunt und bewundert. Es schreit und strampelt mit Händen und Füßen, wenn es etwas will. Die Eltern stürzen und die Geschwister. Das neue Menschenkind fordert und fordert, und der ältere Mensch gehorcht ihm. Es fordert Nahrung und Liebe. Die Mutter ist für das Kind ein Teil, der zu ihm gehört, folglich kennen sich beide am besten. Der Vater ist ein Teil, der hin und wieder auftaucht im Leben des Kindes, der beachtet wird, weil er eben da ist und jedenfalls etwas zu sagen hat. Ebenfalls die Geschwister. Wird das Kind etwas schlauer, so will es beachtet werden und geschmeichelt. Wer es am meisten schmeichelt, ist sein Sklave; dazu gehört die Mutter. Wer seltener schmeichelt, dem zappelt es aufleuchtend entgegen; das könnte dem Papa passieren. Ist die Mutter einmal böse, so ist das Kind klug genug, solange zu kakeln, bis alles wieder gut ist. Anders mit Papa. Das Aufleuchten der Augen beim Anblick des Vaters sagt mehr, es lacht die Seele des Kindes. Wird der Papa böse, so kämpft da drinnen etwas. Das Kind möchte immer denselben Eindruck haben beim Anblick des Vaters, sein Erscheinen ist ein Geschenk, etwas, das es entbehrt hat. Ruft dieses Erscheinen in der jungen Menschenseele ein Erschrecken hervor, so wächst ganz heimlich eine Furcht in dem Kinderherzchen. Je nach der Liebe des Vaters, die er dem Kindchen schenkt, ist diese Furcht größer oder kleiner. Man könnte Ehrfurcht vorm Vater sagen oder Angst vorm Vater. Unser Papa hat Ehrfurcht an uns großgezogen. Wird das Kind klüger, und es denkt schon und überlegt, so will es sich wehren, wenn ihm das seligste Gefühl vom Papa vernichtet wird. Es greift zu dem Mittel, das Papa anwendet. Es will »hauen«. Erst später, wenn das Kind weiß, daß es gestraft wurde, weil es unartig war, nimmt es die Strafe als Strafe hin, und je nach der Eigenart des Kindes äußert sich das Wesen des Kindes. Es bittet ab, oder es trotzt.

Meine erste Erinnerung an Papa ist auch nicht ganz vollständig. In meinen Gedanken war es so:

Ich saß auf der untersten Stufe der Bodentreppe und sang die schönste Melodie meines jungen Lebens aus vollstem Halse: »Monne, monne, terne, ka, ka, ka.« Ich selbst war wohl ganz entzückt davon; als plötzlich Papa die Stubentür aufriß, mit gräßlichem Blick zu mir kam, mein Kleid in die Höhe hob und den fleischigsten Teil meines Körpers klatschte. Daß das zu meinem Gesang gehören sollte, war wohl ausgeschlossen. Jedenfalls ich blieb still und war aufs tiefste verletzt. Ich lief zum Kinderwagen, in dem Fritz lag, nahm ihm die Flasche weg, deckte die Schürze darüber und lutschte mit Nachdruck. Fritz schrie. Da kam Mutti in die Stube, entdeckte, daß die Flasche fehlte, riß mir die Flasche weg, gab mir Klapse auf die Hände und packte mich ins Bett. Ob ich über mein Schicksal nachgedacht habe, weiß ich heute nicht mehr. Die sonderbare Äußerung meines Vaters über meinen Gesang hat mich lange beschäftigt, bis ich nach Jahren Mutti einmal deswegen fragte. Sie konnte sich nicht so recht besinnen, ich sei stets ein Skandalmacher gewesen und hätte eher zum Jungen getaugt. Ich hätte die Mittagszeit damals wohl gewählt, und »Monne, monne, terne, ka, ka, ka« sei eine Übersetzung von mir gewesen in mein Deutschverderbertum. Eigentlich hieße das Lied: »Sonne, Mond und Sterne«, was die Kinder zu der Zeit des Jahres sangen. Mutti sei an mein lautes Wesen so gewöhnt gewesen, daß sie nichts mehr hörte und Papa dankbar war, wenn er einmal dämpfte. – Somit spielt ein Papa eine sehr wichtige Rolle in unserem Leben. Meinen Papa habe ich oft kennen gelernt und die verschiedenartige Liebe bewundert. Jedenfalls greift ein Papa da ein, wo eine Mutter versagt.

 

29. Januar 24.

Um 7 Uhr erwartete mich Gerd an der kleinen Brücke, die zur Weststraße führt. »Es schickt sich nicht, daß ein Mädel zu einem Herrn geht«, sagte ich.

»Ich achte aber das Fräulein so hoch, und meine Wirtin wird Sie beschützen.« ...

»Ich fürchte mich nicht vor Ihnen, es ist ja nur der Menschen wegen.«

Die Wirtin erwartete uns.

»Hier bringe ich Ihnen das kleine, sonderbare Mädelchen«, sagte Gerd, »ein bißchen bange der Leute wegen.«

»Ach, Sie wissen ja nicht, wie man mich peitscht«, sagte ich leise und ich hätte fast geweint.

Die Frau half mir meinen Mantel ablegen und führte mich ins Zimmer. Es war für drei gedeckt, und sie bat mich, Platz zu nehmen. Gerd bediente mich.

Als wir gegessen hatten, half ich der Frau abräumen, und Gerd ging ins Nebenzimmer. Und Gerd spielte, im Nachbarzimmer, ganz allein. »Er mag gern allein sein beim Spiel«, sagte die Wirtin.

Ich lauschte dem Spiel, das war das Weiche, das Innige, das ich ersehnt; es war mir, als sei ich noch ein kleines Kindelchen, und ich lag noch in Muttis Arm, so weich, so geborgen, ganz innig drückte mich Mutti ans Herz, und mit soviel Liebe nannte sie mich: »Meine liebe, süße, kleine Ipi.« Ich war wild, fast ein Junge, Mutti lächelte. Wär ich ein Kind noch, alles wär' nicht gewesen. – Die Reise nach Berlin! – Gerd, weißt Du denn nicht, was Du tust mit Deinem Spiel? – Das Klagen, das Weinen, Gerd! – Warum verließ ich mein Elternhaus? – Warum? – Um jetzt umherzulaufen, geschändet und gepeitscht? – Gerd, spiele Du nur – jetzt weine ich mich aus – Gerd – bist Du denn auch unglücklich, warum klagst Du? – Du könntest doch auch lustig sein. Du spielst doch nicht allein für mich – auch für Dich – Du gibst doch, was Du fühlst. – Dann war es still. – Ich blickte auf, die Wirtin sah mich an, da erschrak ich, denn ich hatte geweint.

Sie hob meinen Kopf und strich mir über das Haar. – Dann ging sie fort. Ich lauschte wieder. – Ob es ein Leben gibt, das so sein könnte, wie das, was Gerd im Spiel gab, das weiß ich nicht. Das müßte ja ein himmlisches Leben sein; denn auf der Erde gibt's nur wenige, die gut sind. Die Musikwerke der berühmten Komponisten kenne ich kaum, ich weiß auch nicht, wessen Werk es war, das Gerd gab. Nur das empfand ich, daß ich in einem Rosengarten spazierte; ringsherum leuchteten mir weiße Röschen entgegen, die, von einem feinen Wind bewegt, sich leise lächelnd im Sonnenschein schaukelten. Die Hand der Gärtnerin strich sacht, ganz sacht über die Röschen und lächelte; da ging die Gartentür. Eine andere Gärtnerin kam, größer; sie reichte der ersten Gärtnerin die Hand. Dann strich auch sie sacht, ganz sacht über die Röschen, verbarg ihr Gesicht im Rosenmeer und küßte die Flut. Da färbten sich die weißen Röschen dunkelrot, und der Garten stand im goldigen Licht der Sonne. Die erste Gärtnerin bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, da beugte sich die größere Gärtnerin herab und küßte die Gärtnerin mitten auf den Mund. »Warum färbten sich die weißen Röschen dunkelrot und warum schickt die Sonne die goldenen Fluten in meinen Garten«, fragte die kleine Gärtnerin.

»Das weißt Du nicht? Du hast Deine Liebe gepflegt mit Deinen unschuldigen Händchen. Du kanntest die Liebe nicht, die ich pflegte in meinem Garten, die ist schöner, kräftiger, größer, weil ich mit starken, festen Händen den Garten bestellte. Gefällt Dir der Garten im roten Schein?«

»Ja«, hauchte die kleine Gärtnerin und schmiegte sich an die größere.

»Das ist die Liebe, die Du jetzt pflegen sollst für mich. Laß uns zusammen schaffen. Ich für Dich und Du für mich. Willst Du das?«

Da schlang die kleine Gärtnerin den Arm um die größere Gärtnerin. »Das will ich, denn ich gehöre Dir, wie Du mir.«

Die Sonne überflutete den Garten. »Siehst Du, das Glück lacht dazu«, sagte die größere Gärtnerin.

Es war still geworden. – Gerd stand an der Tür.

»Träumt mein Mädelchen?« – »Ach, wenn ich das erleben könnte, was ich eben sah und hörte, dann möchte ich 100 Jahre alt werden, oder ewig leben.«

»Gretel«, rief er und kam auf mich zu. Er wollte mich in seinen Arm nehmen: dann sagte er aber plötzlich: »Es ist etwas später geworden, wir müssen eilen, damit Sie schnell nach Hause kommen. Sie sollen durch mich keinen Ärger haben.«

»Ja, ja, ich muß nach Hause«, sagte ich.

»Ich möchte einmal Ihre Eltern kennen lernen«, sagte er unterwegs. Das freute mich. Es war schon nach 10 Uhr, als ich kam, und Papa knurrte mächtig.

Wie Natur im Wiegebilde
Einen Gott nur offenbart,
So im weiten Kunstgebilde
Webt ein Sinn der ew'gen Art:
Dieses ist der Sinn der Wahrheit,
Der sich nur mit Schönem schmückt,
Und getrost der höchsten Klarheit
Hellsten Tags entgegenblickt.

 

Ich bewundere Gerd. Ich verstehe den komischen Kauz.

Ich bin dumm, riesig dumm und fasele mir allerhand zusammen. Jetzt habe ich darüber gegrübelt, wie es wohl im Herzensgarten meiner Mutter zugegangen sein mag.

Als Mutti jung und hübsch war, und noch die weißen Rosen in ihrem Garten blühten, und ihre Seele voll Sorge die Rosen, die »Liebe« heißen, hütete, da kam Papa. Seine Seele kam zu Muttis Seele, und die Liebe färbte sich rot. Und die Sonne, das Glück, lachte dazu, und die Seelen lachten, und Mutti und Papa lachten. Da fiel an einem schönen Julinachmittag im grellen Sonnenschein ein »Etwas« vom Herzenshimmel. Das fiel mitten ins Blumenmeer, lachte und zauste an den Blüten, daß sie fielen, und die Seelengärtnerin lachte mit, hob das Etwas in die Höhe, es war ein kleines Seelchen. Und dieses kleine Seelchen war ich, »Grete Machan«. Ich nahm das Herz meiner Mutter voll in Anspruch und brauchte alle Liebe für mich. Da fiel an einem Septemberabend wieder ein Seelchen ins Rosenmeer. Ich sah es fallen, und wie es in den Rosen wühlte, da half ich mit; ich hatte ein herziges Brüderchen, unsern Fritz.

Nie ging die Sonne im Garten unter, denn die Gärtnerin bat täglich Gott, daß ihr Glück und Seelchen erhalten blieben und die Seelchen mit den Rosen spielen möchten, sie könnte nicht genug Liebe geben. Die Liebe wuchs und wuchs, der Garten war ein prächtiges Rosenmeer, zuviel für beide Seelen. Da wußte der liebe Gott Rat. Er warf noch ein Seelchen vom Himmel. Und wir drei Seelchen badeten uns in Liebe und Glück. Das war Annchen. Als wir größer wurden, baten wir die Gärtnerin auch um ein Fleckchen Garten: wir pflanzten Blumen aus Muttis Garten hinein, die wuchsen und blühten, und wir wußten kaum noch wohin mit all der Pracht. Da trat die Seele zu uns und sagte: »Seht eure Gärtchen an, ihr habt mit Liebe und Fleiß gearbeitet und habt zu viel. Wie wäre es, wenn noch ein Seelchen käme und mit euch teilte?«

Wir jubelten: »Ja, noch etwas, was wir lieben können.« – Plumps – da fiel's herab. Jetzt waren es vier. Berni war da. Da kam eine ernste Zeit, der Krieg. Wir verließen oft das Elternhaus und kamen aufs Land.

Im Garten der Mutter war es recht still, wohl blühten die Rosen, aber der Himmel war oft bewölkt, und die Herzenssonne verließ uns oft. Manchmal zogen auch Gewitter heran und der Hagel knickte manches Stengelchen. Aber wenn die Sonne kam, richteten die Köpfchen sich wieder in die Höhe. Dann ging oft die Gärtnerin still und traurig durch den Garten und die kleineren Seelen sahen zaghaft zu ihr hin. Endlich, endlich wurde der Himmel klar, die Sonne lachte und leckte den Rosen die Tränentropfen ab. Die Blumen reckten die Hälse und bewegten sich leise im Sonnenschein, und ein köstlicher Duft erfüllte den Garten. Die Seelchen jubelten und hüpften zwischen Rosen und tanzten im Glück, und die Seele lachte dazu. Da kam die Seele Papas in den Garten, es war ein Jubeln ohne Ende. Vorbei die Schreckenszeit, wieder vereint! So verging die Zeit. Die Blumen hatte der liebe Gott mit einem weißen Flockentuch zugedeckt, denn es war Winter.

Wir trollten im Garten unserer Mutter, als ein Lichtschein, wie Gold, den Garten erhellte. Und in diesem Lichtschein bewegte sich etwas. Es fiel herab und wir jubelten und küßten es. Es war wieder ein Seelchen. Wir hoben es auf, blickten in den Lichtstrahl, der allmählich am winterlichen Herzenshimmel verschwand. Lotti war da.

Als dann die Sonne mit aller Wärme und Macht das Flockentuch entfernte und wir bewundernd auf die Rosenpracht blickten, da häuften wir einen Berg der köstlichsten Blumen, trugen aus unsern Gärten alle Pracht zusammen und formten ein Bettchen für unser kleines Seelchen. Wir hoben das Seelchen hinein, betteten es weich, es lachte selig dazu. Dann knieten wir am Bettchen nieder und gelobten uns, unserem kleinen Seelchen stets das Beste aus unserem Garten zu bringen, damit es Liebe habe immerzu, denn nur Liebe macht den Menschen liebespendend. – – –

Die Hauptsache bleibt die Pflege des Gartens. In einem gutgepflegten Garten läßt der liebe Gott die Sonne gern scheinen.

 

Blühende Töne.

Ein Ton klingt, heißt es; es gibt aber auch Töne, die blühen, ohne zu klingen. Es ist eine zauberhafte Musik, die nur der hört, der gern in Traum- und Märchenländern spazieren geht. Die Menschen können diese Töne täglich, stündlich hören, aber sie haben oft kein Ohr dafür. Die Musik ist auch zu weich und so köstlich, daß nur ganz feinfühlende Menschen dieselbe vernehmen können. Geht man nur in einem kleinen Garten spazieren und glaubt, es sei ein Märchenland, so klingt aus der Blüte der weißen Rose: »Hör zu, ich bin die Liebe, die unschuldige Liebe, durch mich liebt die Mutter das Kind und das Kind die Mutter.« Da neigt sich die rote Rose zu mir und flüstert in schmeichelndem Ton: »Ich bin die Liebe, die große, die leidenschaftliche, durch mich liebt die Frau den Mann und der Mann die Frau.« Das klingt so verlockend, man begehrt die leuchtende Rose wegen ihres vollen Klanges. Aber die Dornen stechen, man weicht zurück. Da klingt ein feines, zaghaftes Tönchen vom Erdboden aus einer verborgenen Ecke: »An mir geht mancher Mensch vorbei, und doch bin ich oft da, wo man mich nicht erwartet. Ich dränge mich nicht hervor, wie die rote Rose, sondern freue mich, wenn man mich findet. Gern bin ich da, wo Liebe still liebt; ich bin das Veilchen. Wenn gar mancher Mensch glaubt, die Liebe sei tot, weil sie so sehr still ist, da bin ich aber da und luge solange hervor, bis man mich entdeckt hat. Hör zu, ich bin da, nur bin ich bescheiden und deshalb oft ungeachtet.«

Das Klingen hört man, wenn man Ohr hat, es zu hören.

 

31. Januar 24.

Daß es zwei Welten auf einer Erde gibt, das ist bestimmt wahr. – Die eine ist zu schön, die andere zu häßlich. Dazwischen ist ein hohler Raum, da ist es ein Mischmasch, also nicht Halbes und nicht Ganzes. Das ist ein Kuddelmuddel, wo sich keiner herausfindet. In diesem Kuddelmuddel leben wir eigentlich. Dazu gehört aber auch ein hohler Kopf. Ein leerer, hohler Raum –, ein leerer Kopf. Jetzt weiß ich auch, daß Papa einmal recht hatte, als er sagte, Klugheit schadet nur. Man müßte zu dumm sein, um zu leben für diesen Raum, dann verstände man wenigstens nicht, warum man in diesem Raum leben muß.

Hätte Gott mich anders gewollt,
So hätte er mich anders gebaut;
Da er mir aber Talent gezollt,
Hat er mir viel vertraut.
Ich brauch' es zur Rechten und Linken,
Wenn's nicht mehr frommt,
Wird er schon winken.

Man sagte mir, ich hätte ein Talent. Und wo sagte man mir das? Und was machte man mit mir, weil man mich meines Talentes wegen rühmte? Mit einem Bein stand ich in der einen Welt und mit einem Bein in der andern. Dann zog man mich in die häßliche Welt, weil man mir das Glück, in der schönen Welt zu leben, nicht gönnte. –

Die Dame kam und holte die Wäsche, sie war hinreißend freundlich zu mir. Ich redete sie »Frau Regierungsrat« an. »Leider bin ich das nicht, Fräulein, ich bin nur die Hausdame in diesem Hause. In einem kostbaren Hause, das müßten Sie einmal sehen. Sie machen sich gar keinen Begriff, wie kostbar und pompös wir wohnen. Kommen Sie doch einmal mit, ich bin allein, da kann ich Ihnen einmal die Wohnung zeigen. Wir wohnen an der Parkstraße, das ist so weit ja gar nicht, ich habe ja auch das Auto, da können Sie schnell wieder nach Hause kommen.«

»Im Auto?« rief ich schnell.

»Ja, hörten Sie mich denn nicht kommen? Ich mache fast alle Besorgungen im Auto.«

Mutti kam und strich das Geld ein. Sie bat Mama um Erlaubnis, in einer Stunde spätestens sei ich wieder zurück; ein Täßchen Tee müßte ich allerdings trinken mit ihr. Na, und Mutti erlaubte, Papa auch. Wir fuhren wie der Blitz, und im Nu hielt das Auto. Der Chauffeur sprang vom Sitz und öffnete uns die Tür. Ich kam mir vor wie eine Prinzessin.

Auf den Stufen lagen dicke Läufer. Sie schloß den Windfang auf. Sie führte mich, ohne daß ich meinen Mantel ablegte, durch alle Räume und erklärte mir allerhand. Ich habe Doktors Wohnung bestaunt, aber hier sah ich unerschöpflichen Reichtum. Die Wände sind mit Samt- und Seidenstoff bespannt. Das Schlafzimmer des Herrn ist in himmelblauer Seide, unzählige Kissen liegen überall umher. Das Bett ist so elegant, daß ich mich hüten würde, mich da hineinzulegen; da kann ja kaum ein Mensch drin liegen. Über dem Bett ein kostbarer Himmel und ein seidenes, gesticktes Bild. Ich durchlebte ein Märchen. In dem Schlafzimmer, sowie in jedem andern Zimmer waren lauschige Eckchen mit großen, seidenen Kissen, ich hätte mich so hineinkuscheln können. Sie öffnete einen Schrank, der war vollgepfropft mit Flaschen, sie sagte, Wein, Sekt, Liköre aller Art. Auf den Tischen standen Früchte und Leckerbissen. Ich mußte ans Schlaraffenland denken, aber ich glaube, im Schlaraffenland war es so schön nicht. »Und Sie können hier nun immer wohnen?« sagte ich ganz berauscht. »Ja, das kann ich, wenn ich will. Aber nun kommen Sie, wir trinken jetzt ein Täßchen Tee. Wo wollen wir sitzen?«

»Ach, das weiß ich ja kaum, es ist ja überall so schön.« – – – Jetzt bin ich in größter Aufregung, denn ich erlebe alles durch, was ich da gestern erlebte. Ich kann kaum schreiben. – – –

Wir tranken Tee und knabberten Biskuit. – Da kommt der Herr ins Zimmer, der Herr Regierungsrat. Ich war erschrocken, denn ich kam mir vor wie ein Dieb, weil ich hier in seiner Wohnung war und von seinem Tee und Biskuit zehrte. Die Dame aber lächelte, und der Herr sagte: »Machen Sie es sich nur recht gemütlich, gnädiges Fräulein.« Da war ich froh, und ich lachte ihm zu. Er ging ins anstoßende Zimmer. Es mußten aber noch einige Herren gekommen sein; denn es wurde lebhaft nebenan. Auch eine Dame hörte ich sprechen; der Chauffeur bediente scheinbar, denn ich hörte sagen: »Bringen Sie Sekt.« An der Stimme erkannte ich die des Chauffeurs beim Antworten. »Herr Regierungsrat ist nun unverhofft zurückgekommen vom Rheinland, und gewöhnlich bringt er dann einige Freunde mit.«

»Es ist auch eine Dame dabei«, sagte ich; »ich muß nun wohl gehen, denn Sie müssen wohl ihres Amtes als Hausdame walten.«

»Nein, bleiben Sie nur, ich will nur einmal nach dem Rechten sehen und einige Anordnungen treffen.« Etwas bange war mir, aber es saß sich auch riesig nett.

Als die Dame zurückkam, folgten einige Herren, und sie stellte vor. »Also hier Herr Regierungsrat, Herr Doktor, Herr Kapitän, der Baumwollkönig, und hier Herr Polizeikommissar. Sie stehen also unter ›polizeilichem Schutz‹«, lachte sie, »darum machen Sie nicht so ein ängstliches Gesicht.«

»Wir haben hier ja einen reizenden Gast«, sagte der Polizeikommissar. »Fräulein Mia, Sie haben immer Schönheitssinn, und das Beste geht Ihnen nie verloren«, sagte er weiter zu der Hausdame. Sie hieß also Mia.

»Trinken wir hier ein Gläschen zum Wohle der Freundin unserer Hausdame«, sagte der Regierungsrat, »natürlich der jungen Dame auch ein Gläschen.«

»Edward«, sagte er zu dem Doktor, »Du spielst uns wohl nachher eine Deiner berückenden Weisen, wir sind ja nicht immer so frisch und jung beisammen, laßt uns einmal ein kleines Festchen feiern. »Lore vom Tore«, rief er ins Nebenzimmer, »komm hierher, hier ist's gut sein.« Der Kapitän füllte die Gläser, und wie alle die Gläser hoben, so machte ich es ihnen nach. Die »Mia« lachte mir aufmunternd zu. – Und das schmeckte!!! – – –

Der Baumwollkönig reichte mir noch ein Glas; ich sollte trinken – ich betrachtete das Glas und den Sekt. Wie das perlt und sprudelt und schäumt. – Ganz so wie beim Menschen das Blut; wenigstens wie bei mir. Aber das war damals, als ich »Kind« war. Mein Übermut kannte keine Grenzen, ach, und jetzt oft genug noch hätte ich tollen mögen nach Herzenslust, aber dann besann ich mich rasch, ich kann ja nicht und darf ja nicht, eine Grete Machan, die schon einmal in Berlin war, die vogelfrei ist, darf nicht mehr lachen und jubeln, die ist verfemt zur lebenslänglichen Dirne. So mordet man dem Menschen die Seele. Nein, kommt doch her alle, bindet mir einen Strick um den Hals, zieht die Schlinge zu, und aus ist's für allezeit. – Aber ich schreie, ich will leben, ich bin ja so jung und so lebensfroh. Laßt mich doch lachen, laßt mich doch jubeln, dreht doch einmal die Köpfe weg, kritisiert doch einmal anderswo, – aber laßt mich doch, – ich bin ja so gern froh. Ihr lacht doch sicher auch gerne.

»Sind Sie Polin?« fragte der Doktor. Ich schrak auf, ich hatte geträumt. »Ja und nein«, sagte ich. »Mein Vater ist Pole, meine Mutter Deutsche.« »Polenblut vom Vater, Melancholie von der Mutter«, sagte der Doktor, »ein gutes Gemisch.« »Ach«, sagte ich, »meine Mutter ist eigentlich auch keine echte Deutsche. Soll ich meinen Stammbaum einmal plündern? Mein Großvater von Mamas Seite war Böhme, sein Vater Ungar. Meine Großmutter also Deutschslawin, ihr Vater war ebenfalls Slawe. Also ist meine Mutter Deutschböhmin. Mein Großvater von Papas Seite ist ein Russe, sein Vater Deutschpole.« »Also slawischer Typ«, sagte der Regierungsrat, »auch ganz das Aussehen. Interessant die Kleine. Geschmeidigkeit des Körpers, Temperament vielleicht, na, noch jung, muß erst geweckt werden.« – Mir wurde so bang, sie sprachen wie von einer Ware, die sie schließlich gewillt sein wollten, zu kaufen. Hin und wieder traf mich ein Blick, der mich so furchtsam machte. Ich sah zu Mia hin. »Ich will nach Hause«, sagte ich zu ihr. »Sofort, liebes Kind, ein Gläschen trinken wir aber erst noch – so, bitte.« Ich mußte trinken, und ich trank, ganz machtlos. – Ein feines Rieseln und Pockern durchrann meinen Körper, der Kopf brummte mir und die Füße wurden so schwer und doch so leicht, da hörte ich ganz wie aus weiter Ferne seufzende, klagende Töne, mir war's, als setzte mein Herz einen Moment aus. – war Gerd hier? – Ich sah, hörte nichts mehr von der Umgebung, nur Gerd sah ich, er spielte Geige, – und was waren das für Klänge! – Gerd, warum bist Du so traurig? Warum nur legst Du all Dein Leid in Dein Spiel und sagst es mir? Soll ich zu Dir kommen? – Aber ich kann ja nicht und darf ja nicht zeigen, wie lieb ich Dich hab'. – Es schickt sich nicht, der Leute wegen, und weil ich vogelfrei bin, seit ich in Berlin war. Gerd, hör doch auf zu klagen, mir könnte das Herz zerspringen, oder kennst Du schon mein Leid, und trägst mit mir? – Und Gerd klagte nicht mehr – rauschende, dann wieder lockende Töne drangen lechzend zu mir, mir war's, als bohrte jeder Ton sich in mein Fleisch und schlug mir kleine Wunden, sie schmerzten, und doch ertrug ich's still. – Ich dachte, Gerd habe mich lieb, und nun peinigt er mich doch. – Bitte, bitte, Gerd, tu mir nichts. – Noch einmal das wilde, peitschende Spiel, dann sanfte Stille – mir war so wohl, so wohl, mir war's, als wär' ich bei Mutti, ganz still und geborgen, »meine liebe, gute, kleine Ipi«, flüsterte Mutti. – Doch, da war es wieder – nein, das konnte Gerd nicht sein, so kann Gerd nicht spielen, so spielt er nicht, auf keinen Fall. Aber wer spielt da? Wer quält mich so und streicht doch für einen Moment über die Wunden, die er mir kurz zuvor gemacht hat? Da hoben sich wie von selbst die Füße – immer toller ging's wie im Kreise in meinem Kopf, und die Füße – o weh – ich konnte sie nicht halten, sie führten mich bald in diese Welt, bald in jene Welt, sie zeigten mir Wege, die ich schaudernd sah, – mein Gott, – wo war ich denn? – Hier wechseln Schönheit und Häßlichkeit, schwinden so schnell wieder; kaum, daß ich das eine oder das andere zu fassen imstande bin. Ich taste umher, jage, das Schöne zu fassen, und flüchte entsetzt, dem Häßlichen zu wehren und zu weichen. Und immer wieder das wechselnde Bild. – Herrgott im Himmel, hilf mir doch, aber immer toller geht's, es schwindet das Schöne, immer weiter – immer weiter – immer weiter – ich möchte rufen, schreien und kann nicht, – die Füße wollen nicht mehr, etwas lastet an meinen Füßen; ein wildes, ohrenbetäubendes Brausen dringt zu mir, es ist das Meer, nicht das Rosenmeer im Herzensgarten – nein, rauschende, peitschende Strömung, Gischt, die mich mitreißen will – ich will aber nicht, ich will nicht, ich bin so jung, ich will leben, o Gott, mein Heiland, hilf mir doch, laßt mich leben, ich bin ja so lebensfroh – Mutti – Mutti – . »Gebt ihr ein Glas Rotwein«, hörte ich Mia sagen, »sie ist ja ganz erschöpft, sie bricht uns ja zusammen. So was habe ich noch nie erlebt.«

Ich schlug die Augen auf, wo war ich denn bloß? Lore war über mir gebeugt und hielt meinen Kopf. Mia gab mir zu trinken. Ein unheimliches, rotes Licht lag über dem ganzen Zimmer; entsetzt blickte ich in häßliche Männeraugen, so häßlich, daß mir furchtbar bange wurde.

»Laßt das Kind doch laufen«, hörte ich Lore sagen.

»Laufen? Lore, Du bist wohl toll! – Edward, spiel noch eins. Die Kleine hat ein Talent, direkt zum Wahnsinnigmachen.«

»Wollt Ihr das Kind denn töten? Achtet sie lieber ihres Talentes wegen, aber Euch ist ja nichts heilig. Noch weniger dieses Kind. – Edward, Du spielst nicht, verstanden? – Oder willst Du dieses Kind auf dem Gewissen haben?« – Lore war so heftig geworden, ich merkte das, ihr ganzer Körper zitterte, ich wollte ihr danken und sah zu ihr hin, da war ich entsetzt, sie war fast nackt, nur ein schleierartiges Kleid trug sie. Da wand ich meinen Kopf aus ihrem Arm und versuchte mich aufzurichten. Mia sprang hinzu, auch sie war fast nackt. Da hob mich jemand hoch mit keuchender Brust und heftigem Atem. Die Geige spielte wieder, und ringsherum gab es ein Toben und Lachen. Ich lag mit dem Kopf an der Brust eines keuchenden Mannes, und ich schlug um mich und suchte mich zu befreien. Er trug mich in ein anderes Zimmer, und ich versank in den seidenen Kissen des Himmelbettes. Von ferne hörte ich rauschende Weisen, Lachen und Stimmengewirr, und ich kämpfte hier mit unerhörter Kraft gegen die wilde Macht des Polizeikommissars. Er betastete in unverschämter Weise meinen Körper, seine Augen glichen denen eines zähnefletschenden Raubtiers. Nein, jetzt wußte ich es. Als ich kaum 12jährig bei Homanns war, brachte ich eine Kuh zum Bullen. Solche Augen machte der Bulle, als er die Kuh sah. Damals fand ich die Augen grauenerregend, und solche Augen hatte der Kommissar. Ich schrie, er hielt mir den Mund zu und stoßweise keuchte er einige Worte. Ich dachte an Mutti. – Hilfe, Hilfe – . Ich fühlte mich machtlos, und doch stieß ich mit meiner letzten Kraftanstrengung mit meinen Füßen an seinen Leib und krallte beide Hände in sein Gesicht.

»Infame Kröte, ich kriege Dich ja doch, so bist Du mir am liebsten«, zischte er. »Karl, Karl, laß doch das Kind in Ruh'!« Das rief der Kapitän. Der Kommissar ließ ab von mir und ich sprang hoch und lief zum Kapitän. »Das sieht Dir mal wieder ähnlich«, schnaubte der Kommissar.

Der Kapitän aber sagte nichts und führte mich still aus dem Zimmer. Er rief den Chauffeur; der brachte Mantel und Hut.

»Ich bringe Sie nach Hause, liebes Kind. Sie brauchen sich nicht zu fürchten, ich habe auch ein Kind in Ihrem Alter und weiß, was man schuldig ist. Also haben Sie Vertrauen zu mir.« Als er mich schützend fortgeleitete, stand vor dem Windfang plötzlich Lore. »Ich danke Ihnen«, sagte sie zum Kapitän. »Sie sind Amerikaner, ein solcher ist und bleibt ein Gentleman. Sie sind unter gutem Schutz, Kleine. Vergessen Sie diesen Abend, und gehen Sie nie wieder in dieses Paradies. Hüten Sie sich vor der Schlange, die ›Mia‹ heißt. Gute Nacht, Kleines, Sie sind eine gottbegnadete Künstlerin. Ich habe Sie verehrt heute abend. Und ich bin so schlecht geworden hier in diesem Paradies.« Da war sie fort. – Wir stiegen in ein Auto. Ecke Kohlenstraße stieg ich aus und dankte dem Kapitän unter heftigem Weinen. »Armes, kleines Vögelchen«, sagte er. »Sind Sie Tänzerin?« – »Ich?« fragte ich verwundert. »Tänzerin? Keineswegs.« »Sie haben wunderbar getanzt.« – »Ich habe getanzt?« »Sie wissen nicht, daß Sie getanzt haben?« – »Nein.« »Aber Kind, himmlisch haben Sie getanzt, ich sah eine berühmte Tänzerin kaum so tanzen. Sie sind ein Talent.« Da kam mir allmählich die Erinnerung, die Träume, die Musik, die Illusion, die trugen mich und nun wohl, der Sekt war schuld daran, daß meine Füße in Wirklichkeit mich führten. Es war so still auf der Straße, kein Mensch weit und breit. »Wie spät ist es, Herr Kapitän?«

»Es ist sehr spät, ½1 Uhr.«

»So spät?« – Gute Nacht wünschend eilte ich fort. Kurz vorm Hause hielt ich inne, ich lehnte am Gitter eines Nachbarhauses, und nun wurde mir das Schreckliche des Abends klar. Mein ganzer Körper zitterte und wurde siedeheiß vor Scham, und die Tränen stürzten aus meinen Augen. Das hatte man mir angetan, so schlecht sind die Menschen, die so vornehm scheinen können. So ist die Scheinwelt. Tiere in Eleganz – Pfui! Weinend tastete ich mich langsam weiter bis zum Hause. Es war noch Licht. Man wartete auf mich. Zitternd und zagend stand ich vor der Haustür, hatte nicht den Mut zu öffnen. Da öffnete Mutti, sie hatte also, gewiß mit Seelenangst, gewartet. Ich schlich an Mutti vorbei in die Küche. Mama kam nach. »Wo warst Du?« Ich wendete das Gesicht fort. Mutti sollte nicht sehen, daß ich weinte. Aber Mama war ärgerlich.

»Du sollst sagen, wo Du warst, hast Du denn gar kein Herz? Kannst Du uns denn das antun?«

»Mutti!« schrie ich und sah zu ihr hin.

»Was ist geschehen, Grete, weshalb weinst Du?« Ich antwortete aber nicht, sondern lief schnell vorbei nach oben in mein Zimmer. Rasch entkleidete ich mich und ging ins Bett. Aber Mutti kam. Sie legte sanft den Arm unter meinen Kopf. »Gretchen, hab doch Vertrauen zu Deiner Mutter, sag mir doch, was ist geschehen, warum weinst Du, Du zitterst am ganzen Körper, Kind, und Du fieberst. Grete, was ist Dir!«

»Mutti, ich kann nicht. Ich kann's Dir nicht sagen. Müssen denn alle Menschen so unglücklich sein, oder bin nur ich zum Unglück geboren? Mutti, mir kann niemand helfen. Laß mich doch fort von hier. Ich möchte so gern nach Steinbach.«

»Du warst doch mit der Regierungsrätin fort, warst Du so lange dort, und bekamst Du dort Alkohol zu trinken? Ich rieche das, Du hast etwas zu trinken bekommen. Sag mir jetzt die Wahrheit. Das gibt Dir und mir Ruhe.« »Bitte, bitte, Mutti, laß mich morgen reden. Ich weiß ja kaum, was ich erlebte, nur noch, daß ich in einer Falle saß. Vielleicht kommt mir die Erinnerung, und dann erzähle ich Dir's morgen früh. Bitte, Mutti, nicht böse sein und Papa auch nicht.«

»Papa spielt wohl die hundertste Partie Dame mit Abts. Wir haben soviel Angst gehabt um Dich. Nun trink diese Tasse Kaffee, und dann schlaf recht gut. Hoffentlich wirst Du nicht krank. Du hast etwas Fieber.« Ich drückte Mutti die Hände, sie küßte mich auf die Stirn und ging schwer fort. An der Tür blieb sie noch stehen und sah zu mir her. »Gute Nacht – Schlaf schön.« – Das machte mich fast wahnsinnig. Ich weinte, daß ich glaubte, ich könnte mich totweinen. Und da kam alles wieder. Ich trank Sekt, ich träumte und erlebte alles das, was ich hier niederschrieb. Heute habe ich Arrest. Papa war sehr böse. Mutti sah mich oft an, sie erwartet meine Erzählung, sie fragt nicht, aber ihre Augen fragen. Aber ich kann das nicht erzählen, meiner Mutter nicht. Sobald ich aber einmal Gelegenheit habe, suche ich das Haus an der Parkstraße, das so herrlich und pompös eingerichtet und von eleganten Tieren bewohnt ist. Die Herren sind Tiere in Eleganz gehüllt und die Frau, »Mia«, Schlange sagte die Lore. Schlange kann richtig sein, aber auch Bestie oder Hyäne. Das ganze Haus ist trotz Schönheit ein Raubtierkäfig. Ich ruhe nicht, bis ich das Haus gefunden habe, das soviel Schlechtigkeit birgt. Der Kapitän, ach ja, er war wohl gut, aber wenn er dort im Hause verkehrt, gehört er auch zur selben Sorte. Frau Abt möchte ich das Erlebte wohl erzählen, doch hält mich ein Bangen immer zurück.

 

2. Februar 24.

Frau Doktor ist zurückgekehrt, sehr traurig, ein armes kleines Püppele ist mutterlos geworden. Herrn Doktors Kusine ist nun tot. So jung, erst 22 Jahre, mußte sie die Welt verlassen. Sie lebte so glücklich und wer möchte wohl so jung sterben? Weil ich nun so gern nach Steinbach und Frau Doktor auch gern in die Einsamkeit möchte, so fahren wir übermorgen nach Weildorf. Frau Doktor möchte nun auch das einsame Heideland kennen lernen. Meine Arbeiten waren fertig und haben mir ein Lob eingebracht. Liesbeth war gestern bei uns und hat es fertig gebracht, bei uns zu übernachten. Sie brachte 11 Schuhe zum Besohlen, blieb den Nachmittag und auch den Abend über bei uns. Zu mir sagte sie, Mutti sei zu lieb und behandle sie wie eine Tochter. Sie wäre so dankbar ... Nach dem Abendbrot gingen wir in mein Zimmer, Liesbeth hatte Sehnsucht nach einer Zigarette. Und vor meinen Eltern mag sie es nicht tun, würde ich auch nicht zugegeben haben. Und sie erzählte ihren Kummer. Sie wird von der Polizei gesucht, weshalb, erzählte sie nicht, und ich fragte nicht. Sie sei obdachlos, und wenn sie nicht einen Herrn träfe, der ihr Quartier gebe, so ginge sie zu Karlchen. »Aber Liesbeth, Du kannst doch unmöglich mit dem erstbesten Mann in ein Quartier gehen!« »Meinst Du, daß das schön ist, aber was soll ich denn machen? In der Nordstraße wohnte ich; die Frau ist fort. Zu meiner Mutter gehe ich nicht. Erstens hat mich die Polizei beim Schlafittchen, und zweitens habe ich keine Mutter mehr.« »Dann geh doch in Stellung.« »In Stellung? Meinst Du, die Polizei ließe mich auch da in Ruhe?« »Ja, aber Liesbeth, es muß doch ein triftiger Grund vorliegen, wenn die Polizei Dich sucht.« »Ach was, triftig, war's einmal, da war ich wieder frei und – na, es ist eben mal so. Weißt Du, Stellung, das ist nicht übel, aber ich spiele auch gern selbst Dame.« »Hast Du denn jetzt gar keine Stellung?« »Grete, ich bitte Dich, sei ruhig. Wenn ich bei euch bleiben könnte, sattelte ich, weiß Gott, noch um. Ich stecke im Sumpf bis zum Ellenbogen, aber ich könnte mich rausarbeiten, wenn ihr mich bei euch lassen wollt. Meinst Du, es ist schön, obdachlos zu warten, bis ein Kavalier winkt?« – »Liesbeth hör auf, ich will nichts mehr hören. Nur das eine, daß Du umsatteln willst. Such Dir passende Stellung, wenn auch zuerst bei kleinem Gehalt. Miete Dir ein kleines Zimmerchen und verbringe die freien Stunden bei uns, es ist ja noch nicht zu spät. Nur tu nichts, was häßlich ist. Ich helfe Dir, so gut ich kann, nur bleibe solide.« »Bei euch kann ich das, und will ich das. Sprich doch mit Deiner Mutter einmal.« »Ja, wenn Du den Willen hast. Immer bin ich nicht zu Hause, ich fahre schon in einigen Tagen fort. Wenn Du einmal obdachlos bist, bitte selbst meine Mutter, vielleicht erlaubt sie Dir, eine Nacht hier zu schlafen. Wenn Du solide bist und Dich gut führst, wird die Polizei Dich auch in Ruhe lassen.« »Ja, und dann bin ich euch dankbar.« – Sie schlief auch die Nacht bei uns.

 

4. Februar 24.

Als ich gestern abend ganz eilig um die Ecke will, wer steht da? – Gerd. »Jetzt ist bald eine Woche vergangen und kein Sterbenswörtchen von Ihnen. Ich machte mir soviel Sorgen, und fast jeden Abend habe ich hier Posten genommen. Einmal muß ich Glück haben, dachte ich, und nun ist es da.«

»Guten Abend«, sagte ich. Wir lachten beide. Eigentlich recht dumm.

»Es ist 6 Uhr. Darf ich warten und würden Sie kommen?«

»Ich hatte vor einigen Tagen schon einmal Verlangen, Sie zu sprechen, ich hatte ein so kummervolles Herz und hätte Sie gern spielen hören. Aber ich hatte keinen Mut und hatte auch Arrest.«

»Arrest?« fragte er. »Meinetwegen?« Ich senkte den Kopf. »Dann darf ich nicht hoffen?« »Ich will's versuchen.« »Bitte, bitte, oder soll ich zu Ihren Eltern kommen?« »Nein, jetzt noch nicht.« – Nach dem Abendessen fragte ich Mutti. Sie schickte mich zu Papa, ich fragte klopfenden Herzens. »Du kannst bis 10 Uhr gehen, bring aber nicht das Mädchen, die Liesbeth, mit. Ich will das nicht haben.« »Papa, ich bin pünktlich da. Mit Liesbeth treffe ich mich gar nicht, kann sie also nicht mitbringen.« Im Sturmschritt ging's treppauf, treppab, und blitzschnell war ich reisefertig. Mutti stand in der Küche, als ich auf Wiedersehen rief. »Grete, denke an den Abend, Du hast bis heute zu Mutti noch kein Vertrauen gehabt.« »Ach meine liebe, gute, kleine Mutti, erspare mir doch das. Ich bin ja so glücklich, laß das gelten. Und nicht, Mutti, Du bist doch nicht böse, wenn ich glücklich bin? Gute Nacht, meine liebe Mutti. Ich bin pünktlich da.« »Ach, Gretchen, mir ist bloß immer so bange um Dich.« Sie brachte mich zur Haustür und sah mir nach. Ich drehte mich um, und winkte noch.

Da löste sich von der andern Seite ein langer Schatten, und ich erkannte Gerd.

»Also doch. Ich hätte gewartet bis 12 Uhr und bis in die Ewigkeit.« Ich dankte ihm das im Herzen. – Wir gingen beide, ohne ein Ziel zu nennen, und doch wußten wir, welches Ziel wir hatten. – Die Wirtin öffnete und reichte mir freudig die Hand.

»Ich habe endlich Glück gehabt«, sagte Gerd zu ihr. – Und wieder – wie am ersten Abend – nach dem Abendessen spielte Gerd. – Heute zog es mich mit unwiderstehlicher Macht ins Nebenzimmer. Leise trat ich ein und sah Gerd am Fenster stehen. Ich lauschte und folgte seinem Spiel. Da fiel mein Blick auf eine Laute, die an der Wand hing. Ganz leise schlich ich mich hinter Gerds Rücken zur Wand und betastete glückselig die Laute. Ich legte den Kopf an die Laute und lauschte Gerds Spiel. »Nur nicht träumen«, dachte ich, »alles so sehen, wie es die Wirklichkeit zeigt und doch genießen von dem Schönen der Musik.« Da endete das Spiel. Gerd legte die Geige nieder und wollte zur Tür, da sah er mich. »Mein kleines Märchen«, sagte er so zärtlich und drückte mich ganz fest in seinen Arm. Dann richtete er sich plötzlich auf und fragte: »Können Sie Laute spielen?« »Leider, leider nicht, ich möchte so herzlich gern spielen können. Erst wünschte ich mir eine Geige, allerdings ganz im stillen, weil die Erfüllung meines Herzenswunsches aussichtslos war. Eine Laute würde ich mir selbst kaufen, denn jetzt bin ich schon in der Lage, selbst einen Wunsch zu stillen, ich bekomme Taschengeld, das ich nie verwende.« »Bis dahin können Sie meine Laute haben, wollen Sie einmal versuchen?« Er nahm die Laute von der Wand und legte sie mir sanft und still lächelnd in die Hände. Ich mußte wohl ein komisches Gesicht gemacht haben, mir war's ja fast, als sollte ich vor Glück weinen. Und es kollerten auch schon Tränen.

»Tränen, mein seltsames Märchen?« sagte er. Zog sein Taschentuch und wischte mir sacht, ganz sacht die Tränen fort. Dann nahm er meinen Kopf in seine Hände und gab mir einen Kuß auf die Stirn. Ich strich über die Saiten der Laute, mir war's, als meinte ich Gerd. Und ob er das wohl merkte, er nahm meine Hände, küßte bald die eine, bald die andere.

Dann sprang er auf und ging zum Fenster. Er nahm seine Geige und spielte merkwürdige, sanfte, himmlische Weisen. Ich verfolgte die Hände und hätte aufspringen mögen, die Hände zu küssen. Und doch hielt mich etwas zurück. Als Gerd geendet, sagte er, es sei ½10 Uhr. Da war alles aus. Spiel und Traum und Glück. Vor der Haustür drückte er mir die Hände: »Ich habe Frauen und Mädchen gehabt, habe, kaum daß ich sie gekannt, gewußt, welch Geistes sie waren. Du bist das seltsamste Kind, das ich bisher sah. Du bist von Gott bevorzugt. Er gab Dir nicht nur Schönheit und Verstand, sondern auch eine göttliche Seele. Wehe dem Mann, der so ein Heiligtum zerstören könnte.« Fast ganz unbewußt schmiegte ich mich an Gerd und fühlte mich so geschützt, denn im Moment stiegen Gespenster vor mir auf. – Berlin – böse Nachbarn – die Verleumdung. Ob Gerd noch ebenso reden würde, wenn er wüßte? Ich hatte das Gefühl, als müßte er mich schützen, und könnte er mich schützen, aber dann wurde ich mutlos. Ich lehnte mich zurück, und scheinbar ruhig sah ich ihn an. »Ich möchte Ihre Eltern kennen lernen und komme einmal, sagen Sie das bitte; ich möchte nicht Ihren Ruf gefährden, sondern mit Erlaubnis Ihrer Eltern gern einige Stündchen mit Ihnen musizieren.«

»O, das wollen Sie?« »Freut Sie das?« »Ja, ja, und nun gute Nacht!« Schnell verschwand ich und preßte im Hausflur die Hände auf die Brust. Ich bin so glücklich.

 

6. Februar 24.

Heute traf ich ganz unverhofft in der Hauptstraße den Brasilianer. Ich wollte schnell unerkannt an ihm vorbei. Aber er stutzte, grüßte und blieb stehen. Ich war sehr verlegen und grüßte, während mich eine heiße Welle überrieselte! Die Vergangenheit!

»Gnädiges Fräulein, Sie haben sich sehr zum Vorteil verändert. Aus dem Kind ist eine schöne Dame geworden.« Er ging neben mir her und sprach auch lebhaft mit Lotti, die ich bei mir hatte. »Ein intelligentes Kind«, sagte er, »herrliche blaue Augen.« »Ja, das ist auch unser Verzug und unser Sonnenschein. Wir haben Lotti alle so lieb.«

Vor Café Kranz machte ich halt. Er bot mir galant die Hand, und ich war froh. Frau Doktor Reißmann erwartete mich schon und nahm Lotti auf den Schoß. »Kannten Sie diesen Herrn?« fragte sie wie plötzlich. Ich wurde rot und sagte: »Ja.« »Ich kenne ihn auch, aber nicht persönlich. Glaube kaum, daß er mich kennt. Er ist beim brasilianischen Konsulat und bekannter wissenschaftlicher Schriftsteller. Er sammelt in Deutschland Studien. Ich kenne ihn durch meine Schwester, die, wie Sie wissen, in Spanien verheiratet ist. Ein Freund meines Schwagers ist ein Freund dieses Herrn. Also weiß ich von diesem Näheres über diesen Herrn.« Sie sah mich an, und ich senkte bedrückt den Kopf. Konnte ich denn zu Frau Doktor sagen: Er brachte damals das Telegramm, das Käte an ihn schickte, zu meiner Mutter, weil er wußte, daß wir gesucht wurden und meine Eltern todunglücklich waren? Er wußte alles, denn er war verdächtigt worden, mit uns gemeinsam geflüchtet zu sein. Er hatte viel Unangenehmes zu durchkosten, denn die Polizei wollte immer von ihm Näheres wissen. Ein wahres Vergnügen hatten sich unbeteiligte Menschen gemacht, Dinge zusammenzureimen, die direkt unmöglich waren und nur den Zweck hatten, uns als elende Kreaturen zu zeichnen. Er hatte uns mit einigen mir unbekannten Freunden zur Bahn gebracht. Ihm hatte Käte erzählt, daß wir nach Berlin fuhren. Sie habe doch Stellung bei einem Maler. Sie wollte Künstlerin werden. Heute lächle ich über eine so dumme Idee und finde alles so kindisch. Aber ich bin bald 17 Jahre; die Menschen, die uns so verurteilten, waren doch viel älter, als ich heute bin, mußten die unsern entsetzlich dummen Streich nicht auch kindisch finden? – Als ich dann von Berlin zurück, wieder im Elternhause war, erkannten es Mutti und Papa als Pflicht, Abbitte zu tun bei dem Herrn und meinen Dank auszusprechen, weil durch seine Freundlichkeit und Teilnahme Mutti unsern Aufenthalt erfuhr, und wir so aller Not entrissen wurden. Damals ging ich in seine Wohnung und habe von Herzen Abbitte getan und von Herzen gedankt. Er war selbst glücklich, und kein Wort irgend welchen Unmuts über erlittene Unannehmlichkeiten kam aus seinem Munde. Heute weiß ich, daß er feingebildet und durchaus Kavalier, sein ganzes Wesen edeldenkend ist. Ich sagte damals, Mutti sei in ihrer Angst rücksichtslos zu ihm gewesen, auch sie bitte um Entschuldigung. Er aber meinte lächelnd, das verstehe er, er habe auch eine Mutter, in gleichem Falle hätte seine Mutter wohl ebenso handeln können. Er könne die Angst meiner Mutter begreifen, und jetzt sei ja alles gut. Heute sah ich ihn nun zum ersten Mal wieder, und da ich reifer geworden im Denken, schämte ich mich entsetzlich. »Sie haben bald 5 Minuten Ihren Kaffee vor sich, er wird ja kalt.« Aufatmend sah ich Frau Doktor an, sie schüttelte lächelnd den Kopf. Und Lotti brachte uns schnell über die lange Pause hinweg. – Wir brachten Lotti um 5 Uhr nach Hause, ich zog mich um, denn wir wollten am Abend ins Theater. Frau Doktor wartete bei uns so lange und unterhielt sich mit den Eltern und Geschwistern. Dann eilten wir zum Hotel, wo auch Frau Doktor Toilette machte. Ich mußte noch einige Besorgungen machen. Ich wollte schnell ins Hotel. Da sah ich, kurz vor mir, eine Dame, die mir bekannt schien. »Fräulein Lore!« rief ich. Sie wandte sich um und war es wirklich. Aber schnell drehte sie den Kopf zurück und wollte forteilen. Ich lief aber schnell und holte sie ein. »Bitte, Fräulein Lore, schenken Sie mir doch einen Augenblick.« »Wenn es durchaus sein muß«, sagte sie leise.

»Wir lernten uns kennen, Fräulein Lore, in einem Hause mit vornehmem Schmutz. Nennen Sie mir dieses Haus – – – .«

»Nein, alles will ich Ihnen sagen, aber das verlangen Sie nicht. So jung und so unschuldig wie Sie kam ich auch durch ›Mia‹ da hinein. Die schöne Mia spürt immer kleine unschuldige Lämmer auf und lockt sie mit sich, als Futter für ihre Salonlöwen. Ja, Mia war selbst solch Futter, aber jetzt ist Schönheit und Grazie dahin, leben will sie, so dient sie hin und wieder zur Aushilfe. Für ein Lämmchen streicht sie 100-200 Mark ein und kann so herrlich leben. Raussetzen kann sie keiner, denn Mia würde sich schändlich rächen. Außer Edward sind alle verheiratet. Da haben also die lieben Ehemänner sich gemeinsam ein Paradies gemacht, wo sie die Wonnen genießen wollen, die ihnen die Ehefrau nicht mehr zu bieten imstande ist. Ich kann nicht mehr raus aus diesem Paradies, das eine Hölle ist. Ich habe alles durchlebt. Solange ich mein Elternhaus noch hatte und festen Boden und Stellung, da ging es noch. Ich liebte Edward, so wie er mich, ich blieb bei ihm und verscherzte mir das Elternhaus. Meine Mutter ist gestorben, ich habe sie nie mehr gesehen. Und immer sehe ich sie vor mir. Mein Vater hat wieder geheiratet, ich hasse ihn seitdem. Edward hat mich lieb gehabt, und als ich ein altes Spielzeug wurde, mußte ich ansehen, wie er andern gehörte, und ich warf mich auch andern in die Arme. Aber ich ließ nicht von Edward. Er kann mich schlagen, von sich weisen, andern gehören, ich bettle wie ein Hund um Liebe. Als Sie bei uns waren, und Edward Geige spielte, da peitschte mich die Eifersucht, ich zog mich nackt aus, ich wollte Ihnen nicht Platz machen. Und trotzdem verehrte ich Sie, Sie waren so sonderbar, wie eine Heilige. Ich lebe nicht lange, das weiß ich, denn meine Liebe zu Edward hat mich krank gemacht an Leib und Seele, aber die kurze Zeit halte ich ihn, und sollte mir der Teufel helfen. Um Edwards willen nenne ich das Haus nicht, dem ich ja auch angehöre, und ich weiß, Sie werden meine Liebe, trotz aller Schlechtigkeit, doch achten und fragen nicht weiter. Und glauben Sie, daß Gott nicht richtet? Die Ehemänner bekommen ihre Strafe, und Mia müßte in die Hölle, wo sie hingehört. Jetzt macht sie einen letzten Versuch, einen jungen Kaufmann ins Garn zu locken, der sie auch heiraten will. Dem gratuliere ich, sie ist durch und durch verseucht und hat schon wegen Diebstahls gesessen. Na, Liebe macht blind. Mag der Blinde sie nehmen, meinen Segen hat er. O, Gott, wie bin ich jetzt leicht, daß ich einmal meinem Herzen Lust gemacht habe. Auf den Kapitän können Sie bauen; wenn auch verheiratet, doch Gentleman und gutes Herz. – Nun leben Sie wohl und vergessen Sie die Lore. Und wissen Sie, wer ich bin? Die Tochter eines Pastors. Mit allen guten Eigenschaften und mit kindlicher Liebe an meinen Eltern hängend, verließ ich mein Heimatstädtchen. Jetzt bin ich froh, wenn mein letztes Stündlein kommt. Leben Sie wohl.« Als sie fort war, sah ich zuerst zur Bahnhofsuhr. Es war so spät geworden. Ich eilte ins Hotel und fand Frau Doktor wartend. Sie nahm ein Auto, und so waren wir im Nu im Theater. Heute abend sah und hörte ich fast nichts. Es stand immer Lore vor mir und das Leiden ihrer Liebe. Jedes ihrer Worte rief ich mir ins Gedächtnis zurück, fast 3 Stunden lang. Und so schreibe ich es wieder. Arme Lore!

 

7. Februar 1924.

Mutti fühlte sich heute nicht gut. Alle Glieder schmerzen ihr und Papa glaubt, es ist die Grippe. Nachmittags setzte ich mich zu Mama und machte Umschläge, da fing sie an zu weinen. »Weißt Du, Grete, was ich jetzt denke? Wenn ich jetzt ernstlich krank werden sollte und müßte sterben, das wäre doch entsetzlich. Weißt Du noch damals, als die Nachbarin so schlecht von Dir redete, da habe ich Dich verteidigt, und ich würde alles daran setzen, jeden Schimpf von Dir zu nehmen. Wenn ich aber sterben würde, Grete, wer soll es dann tun?« »Ach Mutti, Du wirst doch wieder besser, jetzt würde auch jeder Schimpf wirkungslos abprallen, Mama, denn Mutti, ich bin ja so glücklich, und er will zu uns kommen. Er ist nicht hübsch, Mutti, aber seine Seele ist schön, und die sehe ich nur allein, und ich habe Gerd so lieb, Mutti, sag kein Wort vom Sterben. Es ist so schön, das Leben, und Du mußt doch für uns leben. Denke doch an uns alle, an unser kleines Lottchen.« »Es war auch töricht, aber der Gedanke kam so plötzlich.« »Sterben, Mutti, o so grausig. Wir sind ja glücklich, und nur nicht ans Sterben denken!« Da lachte Mutti auch wieder.

 

8. Februar 1924.

Wenn der Körper des Menschen krank ist, muß der Geist wohl in die Zukunft blicken. Gestern noch, als Mutti die Äußerung machte, fand ich sie unnütz. Heute denke ich, Mutti ahnte ein Unheil. Soll ich nun klagen, oder dem Schicksal, der Verleumdung, trotzen. Ich weiß es nicht. Morgen reisen wir nach Weildorf, ich machte heute noch nötige Besorgungen und treffe auf einem meiner Wege Anna Gutter. Eine frühere Mitschülerin und unsere Nachbarin. Sie erzählte mir einige Geschichtchen aus ihrem Leben, und allmählich ging es in ein Thema von mir. Wir müßten uns vor den Nachbarn hüten. Frau Klein bringe entsetzliche Sachen in Umlauf, wahre Sensationen. Sie erzählt das Frau Ernst, diese trägt es mit Verschönerung zu Mennen, wo ihre Mutter und sie selbst, Anna, Zeuge solcher »herrlichen Plaudereien« sind. Diese Weiber machten nicht nur mich ehrlos, sondern auch meine Eltern. Alles in allem bedeute der Klatsch soviel: meine Eltern veranlaßten mich, auf schlechte Weise mein Geld zu verdienen. Die Frau Machan trüge den Kopf so hoch und die Nase, das machte das gute Geschäft. – Das ist also das Werk der Frau Klein, der Frau niedrigster Denkungsart mit der Bemäntelung der Frömmigkeit, die mit honigsüßem Lächeln dem Mitmenschen die Ehre, also den Kopf abschneidet. Mein pflichttreuer, rechtschaffener Vater ehrlos, meine kleine, liebe Mutti, die Tag und Nacht mit Liebe uns umsorgt und arbeitet, ehrlos. Ich selbst ehrlos gemacht, mitten in meinem Glück. »Hurenvolk«, den Namen gaben uns die genannten Nachbarn. Warum? Ich weiß es nicht.

Noch heute rede ich mit Frau Dr. Reißmann darüber, ich muß das vom Herzen los sein, ich sterbe sonst daran. Daß man mich beschimpft in niedrigster Art, das kann ich vertragen, aber meine Eltern, nein, das erträgt ein Kind nicht, ich habe doch meine Eltern so lieb. Meine stets fleißigen, rechtschaffenen Eltern! Und was tut Frau Klein? Seit circa 6 Wochen wohnt wieder ein Liebespaar in einem Zimmer bei ihr, ob angemeldet, ist fraglich. Sie rühmt sich, sie bekomme tellerweise Wurst und Fettigkeiten und obendrein hohe Miete für ihre Vermieterei. Aber wo bleibt da die Moral? Nur Menschen mit so schlechten Handlungen können die Mitmenschen ehrlos machen. Sie haben kein Gewissen und können deshalb gewissenlos dem Nächsten ihre Unsitte aufhalsen. – Pfui – Pfui!

Wenn Mutti nur von diesem Klatsch nichts erfährt, sie würde krank werden. Das ist mein größter Kummer.

 

10. Februar 1924.

Weildorf! – Wir waren angelangt. – Ich habe gestern Frau Doktor nichts sagen mögen und können. Frau Doktors gütiges, liebes Wesen nahm mir im Nu den Schmerz, den ich zu ihr hintragen wollte, überhaupt in Frau Doktors Nähe kann man alles Leid vergessen. Früh 6 Uhr fuhren wir ab. Sehnsucht im Herzen gedachte ich der stillen Einsamkeit. Frau Doktor tauschte oft Gedanken mit mir während der Fahrt, und das lenkte mich vom Denken ab. Mutti war wieder auf den Beinen. Wollten die Nachbarn wenigstens aus Taktgefühl Mutti schonen. Papa lacht über Weiberklatsch. Von Lanburg bis zur Landesgrenze brachte uns die Kleinbahn ans Ziel. Und von Lanburg ab wuchs schon Frau Doktors Interesse an Land und Leuten. Ich gab mit herzlicher Freude Auskunft, und Frau Doktor pries meine herrlichen Ideen. Ich schlug die Fahrt vor, weil Frau Doktor nicht nur Weildorf, sondern auch Achloh sehen sollte, um eventuell Vergleiche und Unterschiede zu machen. Zudem hatten wir das Vergnügen, von Achloh bis Weildorf die Kreisbahn zu benutzen und die Typen der Bauern zu charakterisieren. Dann waren wir in Weildorf. Ich führte Frau Doktor zu einem großen Bauernhof; der Bauer ist ein Verwandter von Horsts. Wir wurden gut bewirtet, und ich konnte gut die Sprache, hatte noch nichts verlernt. Wir können hier auch einige Tage und Nächte bleiben. Frau Doktors Augen glänzen, und sie nickt mir oft dankbar zu. Am Abend, als wir unsere Strohbetten aufsuchten und noch einige Beobachtungen erörterten, schlang plötzlich Frau Doktor ihren Arm um meinen Hals und sah mir ins Gesicht. »Wollen Sie meine kleine Mitarbeiterin sein? Sie besitzen einen ausgeprägten Studiengeist, und Sie wissen, mit welchem Eifer ich gerade die plumpe Art der Bauern bearbeitete, gerade weil diese Art oft geheime Werte in sich birgt. Plaudern Sie recht viel, Sie haben oft geradezu verblüffende Ideen und reizende Einfälle. Den alten Hof in Seckhaus besichtigen wir auf alle Fälle, denn der ist ja ganz Ihr Ideal. Ihre lieben, blauen Äuglein glänzten direkt bei Ihrer Schilderung.« Ich nahm Frau Doktors Hand und küßte sie, da hob sie meinen Kopf und küßte mich auf den Mund. »Mein herziger, kleiner Schützling«, sagte sie. Da atmete ich auf, alles, was noch sorgenschwer auf mir lastete, verschwand bei dieser gütigen Liebe. Was quälen mich herzlose Menschen; die Menschen, die ich liebe, die wissen, wie ich bin, und alle haben mich lieb; und nur ein einziger quälender Gedanke an diese schmutzige Person, unsere Nachbarin, wäre eine Entweihung dieser Minuten, die mich so glücklich machen. Ich will fleißig sein, und Frau Doktor soll mich nicht umsonst gerühmt haben. – In der Nacht erschrak ich plötzlich und wachte auf. Erst als ich Frau Doktors stille Atemzüge hörte, verließ mich allmählich die peinigende Angst. Ich hatte geträumt von Mutti, man war wie mit giftigen Pfeilen auf sie gestürzt, und Mutti war erlegen. Da betete ich ein Vaterunser, mir war fast, als müßte mein Herz dabei zerspringen. Guter Gott, bloß das nicht, schütze meine Eltern vor diesem Haß, vor dieser Seuche. Wie können Menschen so sinnlos handeln, ohne Grund? Ich habe Gerd lieb; ich würde Gerd lassen, wenn es sein müßte, wenn ich dadurch meine Eltern vor der Gefahr bewahren könnte. Ich könnte sogar sterben, wenn ich das Unheil abwenden könnte durch meinen Tod. Ich liebe meine Eltern zu sehr. Wenn ich nun sterben würde, dann würde es wohl ruhig sein, denn vorm Tode macht der Haß halt. – Gott, ich bin ja so jung, und das Sterben ist so grausig. Die Welt ist so schön, wenn man glücklich ist. Und ich kann ja auch glücklich sein, ich bin ja in so lieben, guten Händen. Zu Hause, bei Reißmanns und bei Gerd. Was können die Menschen tun; die, die mich lieben, achten mich.

 

11. Februar 24.

Heute haben wir das Schloß besichtigt. Der eigenartige Bau interessierte Frau Doktor ungemein. Die einzelnen Pavillons wurden mit dem Hauptgebäude durch unterirdische Gänge verbunden. Wir baten um Besichtigung des Schlosses, und die Bitte wurde uns gewährt. Frau Doktor war begeistert. Während dann Frau Doktor mit unserem Führer sprach und für den Nachmittag noch einmal Erlaubnis zur Besichtigung einholte, ging ich zur Kapelle. Ganz allein war ich, und ich kniete nieder. Ich ließ mein ganzes Erleben an mir vorüberziehen und war allein mit meinem Gott, innig betete ich und beichtete ihm meine Vergehen. Ich flocht meine Not ins Gebet und bat um seine Hilfe, und ich weiß, Gott wird mir helfen. Um alles flehte ich ihn an, daß er möge meine Eltern bewahren vor der unverantwortlichen Beschuldigung und Verleumdung, die eine gewissenlose Person aus Haß gesät hat, und die bei gewissenlosen Gläubigen Anklang gefunden und fortgetragen wurde zum Schmerz für meine lieben Eltern und aus Wollust niedrigdenkender Menschen. Ich bat Gott, er möge mich lieber zu sich nehmen, wenn es denn nicht anders ginge, nur meine Eltern solle er schützen. Und Gerd möchte er den Mut geben, an mich noch zu glauben, wenn ich auch tot bin. Ich war dem lieben Gott so nahe in dieser stillen Kapelle, daß ich seine Güte zu fühlen glaubte. Was ich in stiller Andacht gebetet und erbeten habe, das hätte ich nie tun können in unserer Kirche, denn so viel fühlte ich, daß auch der Herr Pastor sowie die beiden Geistlichen mich verurteilen nach der Berliner Reise, ohne mich je gehört zu haben. Ich habe gelitten unter dem Druck, vor meinem Seelsorger nicht die Beichte abgelegt zu haben. Aber so wie die obere Gerechtigkeit, die Polizei, mir nicht glaubte, so hätte wohl auch der Pastor an der Wahrheit gezweifelt, denn der Schein war gegen mich. Ich habe das, was ich meinen Eltern damals angetan, mit voller Inbrunst meinem lieben Gott gebeichtet und seine Gnade erfleht. Und er hat mich beschützt und mich stets von lieben Händen leiten lassen. Aber was kann Gott schließlich gegen die Teufelei der Menschen tun, die mich trotz meiner Beichte und trotz des festen Willens, alles wieder gut zu machen, doch verachten und in den Schmutz ziehen? Ich kauerte vorm Altar und betete und weinte. – Da legte sich ganz sacht eine Hand auf mein Haar; ich hatte niemand kommen hören, und ich glaubte, es geschehe ein Wunder. Es war Frau Doktor. Sie zog mich hoch, nahm mich in ihren Arm und küßte mich. »Mein liebes Gretelchen«, sagte sie, »ich stehe hier schon lange, und eure Kirche übt einen besondern Zauber aus. Ich habe gebetet, so wie Du.« »Nein, nicht so wie ich, Frau Doktor. Sie sind glücklich. Aber ich, Frau Doktor, man will mich morden, obgleich ich so gerne leben will, denn ich war ja so glücklich.« »Aber Grete, das sind Hirngespinste.« »Nein, Frau Doktor, es ist die Wahrheit. Man sagt mir, ich bin hübsch, dafür schändet man mich, man sieht, ich lache, ich bin froh und glücklich, da bereitet man mir Schmerzen, nicht nur Schmerzen, man schneidet mir die Ehre ab, man setzt mir das Messer an die Kehle. Eine wahre Wollust treibt Menschen dazu, uns zu peinigen, weil wir so glücklich leben und lachend unsere Wege gehen, den Verleumdern aus dem Wege. Da findet ihre Wut keine Grenzen.« – Ich langte in die Handtasche und übergab Frau Doktor mein Tagebuch. Wir gingen sofort zum Bauernhof zurück. Frau Doktor tröstete mich, stärkte sich mit Speise und Milch. Dann ging sie in »die beste Stube«. Ich wußte, sie liest mein Buch. Am Nachmittag erinnerte ich sie an die Besichtigung des Schlosses. Da zog sie mich zu sich. »Laß mich, liebes, armes Kind. Ich möchte weiterlesen bis zum Schluß, gehe Du ins Schloß und mache Notizen, Du kennst ja die Art, die ich liebe, und ich werde zufrieden mit Dir sein.« Ich dankte für die guten Worte und machte mich auf den Weg. Als ich am Abend zurückkam, las Frau Doktor noch, die Bäuerin hatte ihr Essen ins Zimmer gebracht. Ich störte nicht und setzte mich zur Abendmahlzeit. Dann ging ich in unsere Schlafkammer und wartete. Gegen 10 Uhr kam Frau Doktor. »Grete, bist Du noch wach?« »Ja!« – »Das ist gut. Ich las Dein Buch und lernte Deine Leiden und Deine Freuden kennen. Freuden zählen doppelt, das vergiß nicht. Wiewohl auch ein giftiger Pfeil gleich das Leben zerstört, so mache ich Dir einen Vorschlag. Wenn mein Mann aus Holland zurückkehrt, fahren wir nach Wernigerode, da gefällt es mir am besten. Du kommst mit uns. Wenn Du diesen Hyänen aus dem Gesichtskreis entschwunden bist, werden sie wohl die kurze Zeit mit behaglicher Ruhe in Genugtuung sich erschöpfen. Etwas wird die Sache einschlafen. Leute derartigen Schlages existieren für mich nicht, und ich nehme an, Du denkst auch so. Du kommst mit diesen Leuten ja nicht in Berührung, und denke, jeder Hund bellt sich aus. Freilich, Deine Eltern. Sollten sie es erfahren, dann müßte eben das Gericht hinzugezogen werden, damit den Leuten einmal der Mund gestopft wird; ich meine ja nur, soweit Deine Eltern Schaden durch diese Ehrabschneidung erleiden würden und der Verleumdung entgegentreten wollen. Mein Mann wird Deine Eltern dann unterstützen können, wenn vielleicht nicht er selbst, so ein Freund von ihm. Du kennst ja unsern Bekanntenkreis und meines Mannes Freunde kennen Dich. – Vorerst aber Kopf hoch, Grete, warten wir erst ab, was die Zukunft bringt.« »Ich bin Ihnen ja so dankbar«, sagte ich. – Wir sprachen noch lange, ehe der Schlaf kam.

 

13. Februar 24.

Von Weildorf brachte uns der Milchwagen nach Seckhaus. Horsts trafen wir im Orte nicht mehr an. Herr Horst und Frau Horsts Bruder, der Landwirt König, haben die Erbhöfe getauscht, weil Frau Horst in Seckhaus nicht heimisch werden konnte und Königs Frau wiederum nicht in Herstel, der Heimat Königs. So tauschten beide und Horsts nahmen den Erbhof ihrer Familie, Königs den Erbhof Horsts. Wir durchwanderten durch dicken Schnee das Dorf, das direkt idyllisch wirkte, denn jeder Hof liegt zwischen hohen Eichen. Frau Doktor entschied nun, da ich gern nach Steinbach wollte, folgendermaßen: Sie ging zurück nach Weildorf, nahm wieder Quartier im Bauernhof; ich fuhr mit der Kleinbahn von Weildorf nach Achloh. Schickte zuvor ein Telegramm zu Ringmanns und wurde daraufhin in Achloh von Hans erwartet. Hans sagte: »Kommt unsere Grete also doch noch einmal wieder?« »Ja, Hans«, sagte ich, »bei euch ist es so still, und ich liebe euren Frieden ebenso wie meine Mutter. Sie mag auch gern in eurer Einsamkeit sein.« Das Pferd, die Liese, kannte mich noch, sie wieherte und ich war darüber so erfreut, daß ich ihr einen Kuß gab. Hans sagte: »Und ich kriege keinen?« »Ach, Hans, Du kannst zufrieden sein, wenn Du weißt, daß ich Sehnsucht nach euch habe.« Und als wir an Heide, Moor und Wäldern vorbei die Landstraße nach Steinbach zu fuhren, im Bauernwagen, da atmete ich auf. Mir war's, als hätte ich eine lange Reise hinter mir und kehrte in die Heimat zurück. Ich ließ mir von Hans erzählen, was im Hause geschehen sei in meiner Abwesenheit. Ich wußte bald, wieviel Kälber und Ferkel in den Ställen waren, und alles heimatete mich an. Aber Hans sah mich fortwährend von der Seite an; das wunderte mich, und ich fragte ihn deswegen. »Du bist unsere Grete und auch nicht. Als Du erst bei uns warst, da lachten Deine Augen, daß es eine Lust war, da reinzuschauen, jetzt liegt etwas darin, das gefällt mir nicht, das macht Dich älter, als Du eigentlich bist; Dein Kindergesichtchen hast Du noch, Grete, auch noch die tiefen, dunklen Augen, bloß, ich weiß nicht, das macht mich unruhig.« Hans' ehrliche Art rührte mich und schon kollerte eine Träne, und eine andere folgte bald. Ich sah weg und wischte die Träne weg, dann lachte ich und wollte ihm zeigen, daß ich doch noch die alte Grete sein kann. Er aber sagte: »Mich täuschest Du nicht, Grete; Liebeskummer doch nicht etwa?« »Nein, Hans, das kann ich ehrlich sagen. Aber wenn Du recht vernünftig sein willst, und mich so recht die kurze Zeit meines Hierseins genießen lassen willst, dann frag mich nichts. Hier will ich die alte Grete sein.« Ich erzählte dann den Zweck unserer Reise, und er horchte aufmerksam zu. Und dann sah ich alles wieder, was mir so lieb war. Heinz sagte: »Eine Stadtker Dame kann doch nicht mehr melken.« Im Nu zog ich Binas Zeug an und half Anna beim Melken. – Die Zeit verging uns nur zu schnell. Kaum, daß ich die lieben Gewohnheiten wieder angenommen hatte, mußte ich schon wieder an das Fortgehen denken. Morgen früh bringt mich Hans zur Bahn. Hans wollte bei meinem Fortgang seinen Sonntagsstaat anziehen. Ich sagte aber: »Nein, Hans, tu das nicht, ich mag Dich so viel lieber.« Er ist ein Sonntagsmensch. Ich mag einen Sonntagsmenschen im Alltagskleid lieber, als einen Alltagsmenschen im Sonntagsstaat. Manche sagen, die Kleidung charakterisiert den Menschen. Man muß den Menschen aber erst kennen, dann mag er Kleidung tragen welcher Art. Er bleibt stets der Mensch, den man hochschätzt. Ich sah Menschen von Eleganz, und möchte ich sie neben Hans stellen? Kaum im Atemzug möchte ich Hans' Namen mit den Namen nennen, das wäre moralischer Mord. Hans könnte ich neben Gerd stellen. Und doch wieder ist da auch ein wesentlicher Unterschied. Hans ist Naturmensch. Gerd – mich treibt ein Anhänglichkeitsgefühl zu ihm, das ich nicht recht deuten kann. – Jedenfalls freue ich mich, wenn Hans Pfingsten zu uns kommt; er will bestimmt kommen, und ich weiß, er hält sein Wort.

 

Unsere Braune.

Als ich mit Annchen zusammen in Seckhaus bei Horsts war, sah ich sie wieder; sie war schon einige Jahre da, und sie war die ruhigste, vernünftigste Kuh von allen. Sie hieß die Braune, hatte aber hinten am Rücken einen runden weißen Fleck. Ich brachte sie täglich mit den andern Kühen zur Weide. Auf der Weide war es herrlich: ringsherum wird dieselbe von Tannen eingeschlossen. Wenn ich hier lag und nur bis zu den Tannen sehen konnte, und der Himmel wie ein Dach mich deckte, so dachte ich an das Paradies, größer könnte es wohl auch nicht gewesen sein. Immer glaubte ich, der liebe Gott käme dann zu mir und ich hätte ihn auch gern einmal gesehen. Aber er ist ja immer um uns; doch weil die Stille um mich so feierlich war, und ich träumte, ich sei allein auf der Welt und im Paradies, so hätte ich am liebsten den lieben Gott einmal so recht herzlich begrüßt. Manchmal störten mich dann auch die Kühe. Denen gab ich dann einen freundschaftlichen Klaps, und dann lief ich zur Hecke. Ich ließ die Sperre hörbar fallen und rief mit Genugtuung zum lieben Gott: »Sehn Sie wohl, Herr ›Lieber Gott‹, das haben Sie nun davon, wären Sie gekommen, als ich im Paradies war, hätte ich Sie begrüßt, aber wenn Sie nun etwas zu bestellen haben, so sagen Sie's unserer Braunen, die ist so vernünftig wie eine Mutter. Und das ist sie auch, sie schlägt beim Melken niemals mit dem Schwanz um sich und tritt nie aus mit dem Bein, sondern steht still wie ein Lamm.« Dann lief ich fort und sah, als ich mich umwandte, daß die Kühe in den Tannen verschwanden. Das ist nun 6 Jahre her, und mir ist's, als sei alles gestern gewesen. Ich tollte an dem Tage weiter und hatte bald den lieben Gott und das Paradies vergessen. Ich zog meinen Rock aus und schlug in meinen Turnhosen Purzelbäume, denn weit und breit war kein Mensch. Am andern Tage sollte Angela die Kühe zur Weide bringen. Ich stand vorm Hause und rief: »Kühmann, Kühmann!« Sie gingen alle vorbei, bis auf die Braune; die stand vorm Stall und wollte nicht mit. Frau Horst trieb sie an. Da ging sie einige Schritte und sah sich zu uns um, es war ein komischer Blick. Da kam Angela und trieb sie heftig vorwärts. Unweit vom Hause stand sie wieder still und blickte wieder mit demselben Blick. Dann folgte sie schwerfällig den andern Kühen. Frau Horst redete kein Wort davon, aber ich dachte am Tage oft an den Blick unserer Braunen. Da, ganz plötzlich, wurde ich heiß und kalt. Ich dachte, sollte der liebe Gott mit der Kuh gesprochen haben, und sie hatte das auf dem Herzen? Als es gegen Abend war, und Angela sollte fort, bat ich Frau Horst, mitgehen zu dürfen. Ich konnte nicht schnell genug zur Weide kommen. Angela rief die Kühe: »Kühmann, Kühmann!« Sie kamen gelaufen, aber unsere Braune kam nicht. Ich sagte zu Angela: »Bleib Du hier stehen, ich will die Braune suchen.« Links in den Tannen fand ich sie nicht. Da lief ich quer über die Weide, und als ich dicht vor den Tannen stand, hüpfte ein junges Kalb mir scheu über den Weg. Da hörte ich auch schon die Braune schwach: »Muh, muh« rufen. Ich blickte verwundert auf das Kälbchen und auf unsere Braune, die langgestreckt auf der Erde lag. Das Kälbchen sprang um die Braune herum, da hob die Braune das rechte Vorderbein und das Kälbchen legte sich zur Braunen. Ich stand und faltete die Hände, mir war's, als wäre der liebe Gott mit dem Schaffen der Menschen und Tiere noch nicht fertig, und nun glaubte ich bestimmt, daß dieses stille Weideland doch ein Paradies sei. Vielleicht hatte der liebe Gott das gestern schon der Braunen gesagt, und die Braune hat mir's sagen wollen heute früh. Denn dies Kälbchen war ja ein Gruß vom lieben Gott. Ich machte das Kreuzzeichen und lief zu Angela. Ich war ganz aufgeregt, doch Angela sagte ruhig: »Das verkauft Vater, sowie es etwas größer ist.« Ich kam aufgeregt zu Hause an. Herr Horst spannte an, um auf dem Wagen das Kalb heimzubringen. Ich fuhr mit. Als wir auf die Weide kamen, rief Herr Horst. Das Kälbchen sprang lustig herum. Nach einiger Anstrengung konnte er es fassen. Er hob es auf den Wagen und deckte es etwas zu; ich setzte mich dazu. Da kam die Braune etwas schwerfällig heran, und als wir abfuhren, ging sie dicht hinter dem Wagen her, oft einen Blick auf das Kälbchen werfend. Bei der Sperre faltete ich die Hände und sagte leise: »Gute Nacht, lieber Gott.« – – Das habe ich erlebt, als ich 10 Jahre alt war, und ich habe oft daran denken müssen. Als ich damals in der Nacht nicht schlafen konnte, weckte ich Annchen, die bei mir schlief. Ich sagte: »Du, Annchen, die Weide ist ein Paradies, und das Kalb hat der liebe Gott der Braunen geschenkt, und der liebe Gott hört alles, was man sagt.« Annchen warf sich ärgerlich um und grunzte, indem sie mich mit dem Ellenbogen knuffte: »Dann sprich man nicht so laut, damit Du ihn nicht auch noch wach machst, er wird wohl sehr müde sein, wenn er das Kalb den ganzen Weg geschleppt hat.« Dann schmiß sich Annchen auf die andere Seite, haute mit der Hand das Stroh von der Nase, das sich hervorgedrängt hatte, und ich lag allein mit meinen Gedanken. Ich stellte mir den lieben Gott mit dem Kalb vor und bedauerte ihn, denn Mutti hatte einmal gesagt, der liebe Gott sei schon sehr alt. Ich wunderte mich auch, daß Annchen viel gescheiter war als ich, denn wie das Kalb zur Braunen gekommen war, darüber hatte ich nicht nachgedacht.

 

15. Februar 1924.

Friede und Freude im Herzen kehrten wir nach Neuburg zurück. Alles Leid ist von mir gegangen, durch Frau Doktors Güte und durch Ringmanns natürliche Art. Hans hatte mich bis Weildorf gebracht. Unterwegs sprachen wir sehr wenig, nur hin und wieder ein wenig Neckerei. In Weildorf nahmen wir Abschied. Er kommt Pfingsten, das weiß ich bestimmt. »Ich habe nichts gefragt, Grete, weil Du es gewünscht hast, aber wenn Du einmal Frieden brauchst, so komm zu uns. Da bist Du geborgen, und Du bist in Deiner zweiten Heimat. Und nun auf Wiedersehen zu Pfingsten!« »Du hältst Dein Wort, Hans? Du kommst bestimmt?« »Ich würde es sonst nicht zu Dir sagen.« »Danke, Hans. Auch für alle lieben Worte. Du bist so gut. Und nun lebwohl. Bis Pfingsten sind nur wenige Wochen, die vergehen schnell.« Ich sah ihm lange nach, dem guten Hans. – Mutti war so vergnügt, als ich kam. Da wußte ich, sie hatte noch nichts erfahren. Sie überreichte mir einen Brief von Gerd, nur einige Zeilen.

Wertes Fräulein!

Gewähren Sie mir bitte eine Unterredung. Ich erwarte Sie. Wenn nicht im Hause, so fragen Sie bitte beim Portier, Café Baltic. Ich brenne darauf, Sie zu sprechen. Es treibt mich eine Unruhe ziellos umher.

Ihr Freund G.

Als wir Mittag essen wollten, kam Liesbeth. Sie war ziemlich untröstlich. Sie klagte über Geldverlegenheit; sie habe kein Glück. Die Stiefel kann sie Papa nicht bezahlen, und ihr ganzes Geld, 30 Mark, habe sie Karlchen geliehen, er sei in Not und habe sie darum gebettelt. Sie glaubt, das Geld bekommt sie nie wieder, denn sie kennt ihr Karlchen. Auch sei seine Braut dahinter gekommen, daß sie oft bei Karlchen bliebe. Sie wüßte nicht mehr aus noch ein und wollte sich am liebsten obdachlos melden, denn das Jammerleben weiterzuführen, wäre ein Greuel für sie. Mir tat sie leid und auch wieder nicht. Ich bezahlte von meinem Taschengeld die Stiefel bei Papa und sorgte auch für sie. Gab ihr Geld und schickte sie zum Baden, vielmehr ich ging mit ihr, denn ich ekelte mich, wenn ich daran dachte, daß sie möglicherweise um Nachtquartier bitten würde, und ich es ihr nicht verweigern könnte; denn wenn sie bei uns schläft, ist sie geschützt vor dem Häßlichen. Nach dem Essen machten wir zusammen die Küche. Papa spielte die Mandoline, mir war, trotz Liesbeths Klagen, so frei und froh; ich stimmte ein Lied an, und Mama sang mit mir die erste Stimme, Liesbeth die zweite, Papa spielte dazu, soweit er die Lieder spielen konnte. Nach dem Kaffee mußte Liesbeth notgedrungen eine Zigarette rauchen. Da gingen wir in mein Zimmer. Sie will allmählich das Rauchen aufgeben. Wir plauderten und lachten, und Liesbeth meinte, wenn ich zu Hause wäre, und sie dann zu uns käme, wäre es ihr, als führte sie ein Doppelleben. Ich sagte: »Wirf nur das erste Leben fort, und Du sollst sehen, das solide Leben ist eher wert zu leben.« Stellung hat sie noch nicht, aber sie hat sich eifrig bemüht. Sie erzählte einige Geschichtchen aus ihren Kindertagen, und da fiel mir auch ein nettes Geschichtchen aus meinen schönsten Tagen ein. Es war zur Kriegszeit, und unser Papa war in Rußland im Felde. Da hatte Mama oft Zeit, uns einige Geschichten zu erzählen, waren es Märchen oder kleine Erlebnisse aus Muttis Leben. Dann auch las sie uns aus Kinderbüchern etwas vor. Es waren oft Kinder aus Nachbarhäusern bei uns, und wenn es dann anfing zu dunkeln, sahen wir uns, wenn Mutti geendet, mit großen Augen an, und unsere Backen glühten. Einmal setzte Mutti ein Theaterstück in Szene. Sie hatte den Inhalt von zwei Märchen mit einem kleinen Erlebnis eines Kindes zusammen verbunden und daraus ein Theaterstück gemacht. Das hatte bei uns Kindern, sowie bei unsern Nachbarn, soviel Anklang gefunden, daß wir unser Spiel oft wiederholen mußten. Es hatte folgenden Inhalt: Ein kleines Mädchen, Anny, lag in ihrem Bett und träumte. (Ihr Vater war als Soldat im Felde und sie hatte Sehnsucht.) Da schlug es 12 Uhr (12 Schläge mit dem lappenumwickelten Suppenlöffel an die Waschbalge). Ihr Traum führte sie in einen Wald, sie hörte eine wunderbare, leise Melodie (Grammophon spielte: Wald und Fluren träumen, nieder fließt die Nacht, hinter hohen Bäumen, bis der Mond erwacht). Zweistimmig wurde zu dieser Melodie gesungen (Melodie: Goldene Abendsonne). Als das Lied ziemlich beendet, kamen die Sängerinnen, dies waren: Annchen, Micki, Ella, ich, Marga und Hanni, alle im weißen, schlichten Kleid mit Weinlaubgirlanden und Weinlaubkränzen im Haar (also Elfen), aus dem Schuppen, der unsere Kulissen darstellte und mit einer grünen Decke bespannt war. Im Garten führten wir nun unter dem Apfelbaum nach der Melodie einen reizenden Reigen auf. Dann ging diese Melodie in eine andere über, die lebhafter war, der Reigen wurde lebhafter, und die Elfen lachten und haschten sich. Wieder eine noch lebhaftere Melodie, die Elfen sprangen und lachten im Reigen, sich toll im Kreise drehend. – Da öffnete sich die Tür des Schuppens, und ein grauenerregendes Ungetüm trat heraus, stob unter die Elfen, und sie flogen erschrocken auseinander. Es war Lachwinsel, ein Waldgeist, der das Lachen nicht vertragen kann (Lachwinsel – Anna in einem Sack, eine greuliche schwarze Perücke und langen, schwarzen, struppigen Bart). Man konnte bange werden. Er fuchtelte mit den Armen und schickte Regen herab auf die Elfen (Fritz saß auf dem Apfelbaum und hatte zwei Gießkannen Wasser bei sich). Die Elfen verschwanden, und nur die kleine Anny, die Sehnsucht nach dem Vater hatte, blieb im Wasser zurück. Sie war trostlos. Lachwinsel verschwand. Da sah sie eine Brücke (eine Leiter) und ein Engel stand da (Käte, 18 Jahre). Ihr stand ihr Kostüm glänzend, und ihr langes Blondhaar wirkte bezaubernd. – Jetzt ist Käte schon einige Jahre tot. – Also der Engel leitete Anny über die Brücke, wo sie ihren Vater im Schlachtfeld sehen konnte. (Ein Höllenlärm – Schlachtendonner – wurde gemacht von Horst Klein, der bald an den Waschtopf, bald an die Waschbalge schlug.) Da sollte nun Anny ihren Vater sehen. Der Engel geleitete Anny über die Brücke zurück. Noch einmal sah Anny sich um. Der Engel war verschwunden. Sie setzte sich auf ihr Lager und zählte ihr Erlebnis auf. Dabei schlief sie allmählich ein. Da tappt jemand in schweren Stiefeln über den Hof. Ein Landsturmmann (Käte in Uniform, Tornister und langem Vollbart). Er küßt seine kleine Anny auf den Mund, und: »Vater, Vater!« rufend springt sie an seinen Hals. – Zum Schluß eine kleine Wiederholung des Elfentanzes ohne Lachwinsel. Wir spielten unsere Rollen gut und zur Zufriedenheit Muttis. Rührend war das Wiedersehen Annys mit ihrem Vater. Der Vater erzählte, er sei im Schlachtengetümmel gewesen und eine Kugel habe ihm bald das Leben genommen. Da hätte er an sein Kind gedacht, und er hätte so gern leben wollen. Ganz in der Ferne habe er einen Engel gesehen, seine Anny im Arm, da habe ihn die Sehnsucht gepackt, er mußte auf Urlaub, und nun sei er da – . Dann kam der Reigen zum Schluß. – Liesbeth hatte zugehört und sagte: »Da bekommt man ja rein Lust, noch einmal Kind zu sein; ich würde meine Kinderjahre bei euch verbringen.«

»Ach, Liesbeth«, sagte ich, »damals war es anders. Mutti ist jetzt viel ernster geworden. – Es hat sich in den letzten Jahren viel ereignet. Die Kinderzeit ist doch das Schönste im Leben, Liesbeth.« – Es war 6 Uhr geworden. Ich bat die Eltern um Erlaubnis, ein Stündchen spazieren gehen zu dürfen. Wir machten uns auf den Weg. Gerd traf ich nicht. Auch in seiner Wohnung nicht. Aber ein Stündchen übte ich auf seiner Laute. Die Wirtin leistete mir Gesellschaft.

 

18. Februar 1924.

Soll ich weinen oder lachen? Ich weiß es nicht. – Ich weiß auch nicht, wohin ich mich nach allem nun wenden soll. – Ich habe versucht, zwei Tage, Gerd zu treffen. Vergebens. Gestern abend wartete er vor unserem Hause. Ich wollte ihn nach langer Trennung recht freundlich begrüßen als lieben Freund. Er aber erzwang ein Lächeln und sagte: »Guten Abend, liebes Fräulein. Ich habe so sehnsüchtig ein Wiedersehen gewünscht und bin doch täglich geflohen, aus Angst, Sie treffen zu können. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich unglücklich einer Frau wegen, und es ist nicht einmal eine Frau, sondern ein Mädchen, fast ein Kind noch.« Ich sah ihn verwundert an, und ein würgendes Gefühl schlich mir zum Halse. »Führen Sie mich doch bitte zu Ihren Eltern. Ich möchte die Eltern so gern kennenlernen.« »Ja, aber ich verstehe Sie gar nicht.« »Darf ich Ihre Eltern begrüßen? Ja oder nein?« »Ja, bitte.« Ich führte ihn ins Haus. In die Stube. Mutti holte ich und stellte ihn vor. Dann führte ich ihn zu Papa, denn Papa ist eigenartig und läßt sich bei der Arbeit nicht stören. Wenn auch etwas stockend, es kam allmählich ein kleines Gespräch zurecht. Dann gingen wir wieder zu Mutti. Ich stellte die Geschwister vor, leider Annchen nicht, denn die weilt noch in Holland. Ich beobachtete Gerd scharf, sein Lachen klang nicht echt, und seine Bewegungen waren eckig, als läge über dem ganzen Körper eine Gereiztheit. Aber sichtlich vergnügt, nahm er nach einer Stunde von allen Abschied. Er erbat von Papa einen Urlaub bis 10 Uhr für mich. Wir gingen zum Abendessen nach dem Laubenrestaurant. Hier sagte er, ehe das Essen aufgetragen wurde: »Kleines Mädelchen, ich habe 8 Tage lang gelitten um Sie, heute abend bin ich, da ich Ihre Eltern gesehen habe, ruhiger geworden.« »Sagen Sie mir doch nun endlich, was geschehen ist.« Da brachte der Kellner das Essen. – Als wir dann in seine Wohnung wollten, zögerte ich doch vor dem Hause, obgleich ich große Sehnsucht nach dem Geigenspiel hatte. »Wollen Sie nicht?« fragte er. »Nein, nicht eher, bis ich Gewißheit habe. Jetzt bin ich unruhig geworden.« Da fragte er: »Kennen Sie eine Frau Klein?« Mir stand vor Schmerz fast das Herz still, denn die Frage traf mich schmerzlicher, als hundert Pfeile mich hätten treffen und schmerzen können. Leise sagte ich: »Ja«. Da faßte er meine Hände: »Komm zu mir, Gretel, ich muß Dich etwas fragen.« »Nein«, sagte ich bestimmt. »Sie würden allerhand fragen, was ich vordem weiß. Ich müßte antworten, und das will ich nicht und kann ich nicht, weil ich zu stolz bin, mich zu verteidigen. Es ist nun bis zu Ihnen gedrungen, nun wohl auch bald zu meinen Eltern. Ich will nicht wissen, was man Ihnen erzählte, und Sie sollen auch nichts fragen. Sie müssen nun denken, Sie haben mich nie kennen gelernt, und ich muß das auch denken.« »Würde es Ihnen leicht, so zu denken?« fragte er. »Nein, aber es muß sein, wir ersparen uns dadurch viel Worte, die das Herz so schwer machen. Und nun leben Sie wohl.« Ich nickte ihm zu und lief fort, ohne daß er mich halten konnte. Ich lief in irgendeine Querstraße, die ich nicht kenne. Dann kam ich zur Elbe. Mein Herz klopfte bis zum Halse. Es war mir sehr schwer, Gerd zu meiden, aber ich hatte das schon vorausgesehen und war gewillt gewesen, um der Eltern willen, Gerd aufzugeben. Nun kam es so. – Was hatte man Gerd gesagt, was wird Gerd denken? Das peinigte mich mehr als der Verlust. Langsam, fast unschlüssig, ging ich nach Hause zu. Da traf ich am Rathaus Otto Lange. Er stand wie angewurzelt, als er mich sah, und er zog den Hut.

Ich wollte vorbei, doch er kam zu mir und wollte mich begleiten. »Herr Lange, Sie hätten es nicht glücklicher treffen können«, sagte ich; »wenn Sie ahnten, wie mir zumute ist, hätten Sie wohl kaum diese Frage tun können. Und übrigens gingen unsere Wege ja einmal weit auseinander.« »Und ich könnte nie wieder gut machen? Ich war oft im Baltic. Habe Sie mit dem großen Herrn gesehen, und hätte viel darum gegeben, hätte ich Sie einmal sprechen können. Lassen Sie uns doch versuchen, ob wir wieder die alten Freunde werden können.« Da lachte ich. – »Freunde, Herr Lange? Ich habe eben meinen liebsten Freund verloren, ich war so glücklich, doch das unglückselige Verhängnis, das stets über mir ist, hat mich gezwungen, das Liebste herzugeben. Wenn Sie das begreifen können, was das heißt, dann lassen Sie mich nur ganz still allein weitergehen. Auf Wiedersehen«, sagte ich. Er grüßte, und ich ging weiter. In der Marktstraße, kurz vor unserem Hause, traf ich Liesbeth, die bei uns gewesen war. Ich ging mit ihr wieder ein Stück Wegs zurück. »Hast Du Gerd nicht getroffen?« fragte sie; »er war vor ungefähr 10 Minuten vor eurem Hause und ließ durch ein Kind nach Dir fragen. Deine Mutter war ganz aufgeregt, denn Du warst doch mit ihm weggegangen. Ist da was passiert? Verkracht?« »Eine Kleinigkeit«, sagte ich und verabschiedete mich von ihr.

 

22. Februar 24.

Die Arbeit hinderte mich, Eintragungen zu machen. Diese Eintragungen sind mir Lebensbedürfnis, wie das liebe Essen; nur mit Unterschied, das Essen fördert den Körper, die Eintragungen erleichtern das Herz, beides aber gleich gesund für Leib und Seele. Mein Buch war außerdem auch einige Tage von mir fern, ich legte es in die Hände meines Gerd, der mir gehört. Und wie es kam? Liebes Buch, nicht zu neugierig, immer schön der Reihe nach und recht langsam. Übrigens, wenn Du plaudern könntest, Du würdest mir wohl verraten, was Gerd dachte, als Du Seite für Seite ihm meine Freuden und Leiden zeigtest. Und laß nun ganz geduldig meine Erzählung über Dich ergehen. – Als ich am 18. Februar nach Hause kam, waren Abts da. Papa spielte, wie immer, mit Herrn Abt Dame. Mutti und Frau Abt sahen mich an, ich wußte, weshalb. Da lachte ich, nahm die Mandoline und übte, scheinbar seelenvergnügt. Und ich sang dazu. Da stimmten Frau Abt und Mutti mit ein. Um 8 Uhr hatte ich Sehnsucht nach meinem Buch, und ich ging nach oben in mein Kämmerchen. Da schrieb ich mit Hast alles nieder. Als ich ziemlich fertig war, brachte Mutti Lotti ins Bett; sie kam in die Kammer, und ich konnte in ihren Augen lesen, daß sie etwas fragen möchte; Frau Abt kam schnell die Treppe herauf, und nun saßen wir alle in meinem »Mädchenstübchen«. »Leg Lotti in mein Bett, Mama«, sagte ich, denn ich hatte das Gefühl, als müßte ich jemand um mich haben, dem ich recht lieb sein möchte, und Lotti kann man ja nach Herzenslust lieb haben. »Was tust Du eigentlich hier oben?« fragte Mutti. »Ich stöberte in der Vergangenheit; neugierigste Mama, sieh hier der Kasten mit den Schulbüchern«, log ich. »Dann stöbere nur weiter«, sagte Mama. Und zu Frau Abt sagte sie: »Da kannst Du sehen, Vertrauen hat sie zu mir nicht, glaubst Du, ich weiß nicht, daß irgend etwas geschehen ist, und sie mich den ganzen Abend täuscht?« »Lieschen«, sagte Frau Abt, »es gibt doch bei einem jungen Mädchen auch Geheimnisse und Schmerzen, die viel süßer sind, wenn sie geheim bleiben. Einer Mutter vertraut man sich da am wenigsten. Da mußt Du Dich nun allmählich daran gewöhnen, Du hast nun eben eine ›große Tochter‹.«

»Und wenn auch, es will mir nicht in den Kopf. Sie soll Vertrauen zu mir haben.« »Ja, aber denke doch an die Zeit zurück, wo Du so jung warst, Du lerntest Deinen Mann da auch kennen, und wie standest Du mit Deiner Mutter?«

»Grete, wir haben einen Krieg hinter uns, nach diesem ist vieles anders geworden, also muß auch das Verhältnis zwischen Mutter und Kindern anders sein. Einer Mutter darf nichts entgehen, und sie muß das Vertrauen der Kinder haben.« Ich hatte mich lang übers Bett geworfen und hätschelte Lotti, scheinbar harmlos, aber mir entging keins der Worte. »Willst Du schlafen gehen?« fragte Mutti. »Noch nicht, Mutti, ich singe erst Lotti in den Schlaf.« Als ich sang:

Miesemau Kätzchen, was raschelt im Stroh,
Das ist unser Lottchen, die hat keine Schuh;
Der Papa hat Leder, keine Leisten dazu,
Drum hat unsre Lotti auch keine Schuh,

da gingen Mutti und Grete Abt runter.

Als Lotti schlief, holte ich mein Buch und schrieb mit Hast weiter. Dann wollte ich die Treppe hinunter und noch etwas im Zimmer bleiben, Mutti zuliebe. Ich hatte den Fuß auf die oberste Stufe gesetzt, da geht die Haustür, und Rudel Klein ruft ins Haus. Mutti öffnete die Stubentür, und Rudel sagt: »Grete möchte zu einem Herrn kommen, er wartet draußen.« Es war Gerd. Er stand vor dem Hause, und ich ging hinaus. »Wenn Sie nicht wollen, daß ich mir wegen einer Erkältung einen gehörigen Schnupfen holen oder gar an der Grippe sterben soll, so üben Sie Menschenpflicht, und trinken Sie eine Tasse Kaffee mit mir. Fast zwei Stunden rase ich umher und stehe wiederum an der Ecke zum Frieren. Haben Sie denn kein Herz? Wollen Sie mich denn zugrunde richten?« »Ich komme«, sagte ich. Eine Zentnerlast fiel mir vom Herzen. Mutti schüttelte den Kopf, und Grete Abt sagte: »Es ist erst ½9 Uhr, laß sie doch gehen.« Papa sah kaum vom Damespiel auf und sagte nur: »Pünktlich zu Hause sein!« – »Ich führe Sie nach Keller. Ich muß in einem lebhaften Lokal sein, um Ihnen das sagen zu können, was ich sagen muß.« Bei Keller war ich zuvor noch nie. Mir war es auch einerlei, wohin ich ging, Gerd war ja bei mir. Wir saßen bei Keller schon eine halbe Stunde, aber noch hatte Gerd nichts gesagt; ich fragte auch nicht, denn mir bangte vor der Gewißheit.

»Es gefällt mir hier nicht, dieser Tumult ringsum macht mich direkt verrückt. Warum sagen Sie denn nichts? Sagen Sie doch wenigstens ein Wörtchen, und wenn Sie mich ›Esel‹ nennen.« Er war so aufgeregt, aber plötzlich mußte ich doch lachen. »Da gibt es schließlich bessere Titel, man könnte doch höflicher sein«, lachte ich. Er zahlte und wir gingen fort. – Wohin? – Vor seinem Hause faßte er meinen Arm. »Damit Sie nicht wieder ausreißen und ich zwei Stunden hinterherlaufen muß.« In seinem Zimmer sahen wir uns an und wußten nichts miteinander anzufangen. »Spielen Sie doch«, sagte ich. »Nein.« – »Dann kann ich ja gehen.« »Wieder der Stolz. Läuft da einfach weg. Da war ich trotzig zuerst. Aber dann lief ich zu Ihrem Hause, ich traf Sie nicht, und da war ich auch schon wieder in der Marktstraße. Warte da zwei Stunden, friere wie ein junger Hund und habe vielleicht morgen den prächtigsten Schnupfen. Und das alles um so ein trotziges, stolzes Kind. Ich bin 26 Jahre. Habe Frauen kennen gelernt und genug, habe sie studiert, und war oft enttäuscht und habe wohl kaum so eine Jagd gemacht, wie heute abend. Begreifst Du denn, Gretelchen, warum ich das tue?« »Ich bin klug genug, das zu begreifen, aber auch klug genug, eine Schranke zu machen zwischen unserer Freundschaft und dem, was über Freundschaft hinausgehen könnte. Sie waren mir ein lieber Freund, und das andere darf nicht zwischen uns sein, weil man mich ehrlos gemacht hat gegen Sie. Nicht wahr, ich habe recht, ich weiß das, man hat Ihnen das gesagt.«

»Und das sagt mein Gretelchen so ganz ruhig. Man hat mir vieles gesagt, aber ich bin doch kein Kind und habe doch auch Menschenkenntnis. Weh hat mir das getan, das glaub mir, aber ich habe mich auch erkundigt nach den Leuten, die Dir das angetan haben. Da zog es mich zu Dir, Du errätst also, wie die Leute geschildert wurden; da lernte ich Deine Eltern kennen; und am liebsten hätte ich Dir noch zur selben Stunde gesagt, wie lieb ich Dich habe. Ich wiederhole nicht gern das Weibergezeter, derartige Weiber reden nicht mit Engelszungen. Nur das sage ich Dir, daß mit dieser Verleumdung mir ebenso weh getan wurde, wie euch.«

»Und Sie glauben an Verleumdung? Nicht an Tatsachen?«

»Ohne Zweifel.«

Am liebsten hätte ich meinem übervollen dankbaren Herzen Luft gemacht, aber ich bezwang mich. Ich sah ihn dankbar an und seufzte:

»Ich danke Ihnen, lieber Freund.«

»O, diese kühle Ruhe; ist das denn alles?«

»Ach, Gerd, ich wollte ja ganz vernünftig sein, aber –«

Aber – da lag ich mit einem Mal in seinem Arm und er sagte mir so Liebes, und aller Stolz und aller Trotz waren weg; ich wußte nur noch, daß ich Gerd sehr lieb habe. Dann machte ich mich frei.

»Jetzt verlange ich von Dir, Gerd, daß Du die lieben sollst, die ich bin, ohne den geringsten Zweifel. Ich schäme mich nicht, Dir mein Tagebuch zu geben; daß ich Dich lieb habe, weißt Du jetzt; ich habe da allerlei hineingeschrieben von Dir, überhaupt viel geschrieben, was mir meine Dummheit eingab. Ich schäme mich nicht, wenn Du das liest, was ich niederschrieb und was ich mit Grauen erlebte. Vor Dir will ich kein Geheimnis haben. Du sollst mich so kennen lernen, wie ich bin. Wenn Du dann alles weißt, kannst Du ja handeln, wie Du willst. Aber das eine sage ich Dir, achtest Du mich nicht mehr, so schicke mir das Buch zurück, sei offen und ehrlich, denn nur so könnte ich Dich achten. So lieb wie ich Dich habe, so stolz könnte ich aber auch sein, um nie wieder Deinen Weg zu kreuzen.« Er schob das Buch zurück. »Gretelchen, behalte Dein Buch, ich habe Dich so auch lieb.«

»Nein, auf keinen Fall; ich will das so. Ich trage gern meinen Kopf hoch, und wenn ich trotz Deiner Liebe doch das Empfinden habe, er denkt dieses oder jenes, da will ich lieber, Du siehst klar, und ich will und kann den Kopf hoch tragen.« »Wenn es denn sein muß«, lächelte Gerd gezwungen.

»Ja, es muß sein. Oder fürchtest Du, Deine Liebe könnte doch nicht groß genug sein? Gerd, ich will Dich trösten. Ich habe nichts getan, was gegen meine Ehrlichkeit und gegen meinen Stolz wäre, also fasse nur Mut und lies.«

Als Gerd mich dann küssen wollte, sträubte ich mich und hätte ihn doch so gern, so herzlich gern so lieb, so lieb gehabt. Er brachte mich nach Hause. Es war ½12 Uhr. Wir hatten den Nachhauseweg so ausgedehnt, wir hatten uns so viel zu sagen. Papa empfing mich mit Halloh. Ich habe es still hingenommen, es war ein süßer Schmerz, den ertrug ich um Gerd.

Am nächsten Abend kam Gerd. Er sagte mir viel Liebes. Auf keinen Fall duldete er, daß ich mitginge nach Amerika oder Spanien. Wohl kurze Zeit zu Reißmanns. Aber vielleicht könnte ich auch die Arbeiten zu Hause schreiben. Ich müßte jedenfalls an ihn denken und meine Pflicht ihm gegenüber. Da lachte ich ihn herzlich aus.

»Pflichten, gestrenger Herr?« Er küßte mich. »Muß ich Dir erst zeigen, welches Deine Pflichten sind?«

»Ich finde derartige Pflicht entsetzlich, mein Herr.« Da wurde er ernst. »Gretel, hör mal zu. Als ich Dein Buch las und Deinen Kummer kennen lernte, dachte ich an meine Mutter. Sie wohnt in Dortmund; willst Du nicht zu uns kommen? Du kehrst hier dem Unbill den Rücken und lebst dort im Frieden, und ich weiß, daß mit meiner Mutter zusammen das liebste Mädchen lebt. Möchtest Du das?« »Ja, Gerd, ich möchte das wohl. Fort von hier möcht' ich gern. Laß mich aber zuvor zu Reißmanns fahren, bis sie abreisen. Sie haben mir viel Liebe entgegengebracht, und ich habe viel gelernt. Dann komme ich zu euch. Aber Gerd, so ohne weiteres kann ich von Hause nicht fort, da mußt Du schon reden. Wenn meine Eltern mich in guten Händen wissen, haben sie auch Ruhe. Und wenn ich immer fort bin, gibt sich die Nachbarschaft zufrieden, und vielleicht schweigen sie vor meinen Eltern. Derartige Leute sind obendrein feige. Ich möchte ja eigentlich nichts lieber, als nur bei meinen Eltern bleiben.« »Da aber so leicht Dein Ruf gefährdet ist, Grete, muß die Vernunft reden. Du bleibst eben bei meiner Mutter, bis ich Dich hole, um meine kleine Frau zu werden. Möchtest Du das?«

»Frau, Gerd, das Wort birgt so viel Geheimnisse. Ich bin ja noch so dumm. Einige Jahre gehen ja erst noch vorüber.« – – –

Das Wort »Frau«! Was ist die Frau? Wie klug muß eine Frau sein? Sie muß so klug sein, um dem Mann eine gleichgesinnte Freundin zu sein. Sie muß alle kleinen Fehler des Mannes übersehen und die großen Fehler recht beurteilen können. Sie muß vor allem dem Magen das Nötige zuführen, denn die Liebe soll durch den Magen gehen! – Sie schenkt ihm Kinder. Sie muß ihr Herz in gleiche Teile teilen können, um jedem gerecht zu werden. Jedenfalls muß die Frau eine Rechenkünstlerin sein: sie ist die Kassiererin des Herzens und des Portemonnaies. Und wenn nun erst mal Krankheiten kommen; daran mag ich kaum denken. Wie viel gehört dazu, »Frau« zu sein! Ich sehe ja täglich bei Mutti, wie es alles so geht. Und schließlich tritt die Frau einmal immer mehr in den Hintergrund, daß alle nur noch das stille Leben richtig finden, selbst der Mann, dem die Frau zuerst das Schönste war. Ich kann da vieles nicht verstehen und habe so meine Gedanken. Gewiß sind die dumm, aber sie sind eben da. – – –

Ich habe Mutti von Gerd erzählt, sie meinte, ich sei noch zu jung, und glaubt nicht so recht an ernste Liebe. Um ihr das begreiflich zu machen, kam ich mit dem Vorschlag Gerds. Aber da kam ich gut an.

Weshalb Gerd den Vorschlag machte, kann ich ja nicht sagen, das bleibt mein Kummer. Mama meinte, unsere Verhältnisse schienen ihm wohl so kleinlich oder bedrückend, daß er sich das Recht nimmt oder nehmen will, mich aus den kleinen Verhältnissen herauszureißen. So recht gefiele ihr Gerd auch nicht, sein ganzes Wesen habe bei seinem Besuch etwas Gezwungenes gehabt. Schließlich würde ich durch Gerd dem Elternhaus entfremdet, und sie, Mutti, würde einmal in Gnaden aufgenommen. »Nein, so ist Gerd nicht, Mutti, es liegt ein Grund vor, den ich leider und überhaupt nicht sagen kann.« Mutti sah mich an und ging bedrückt in die Küche. Vorläufig ist es ja noch nicht so weit, und bis dahin kennt sie Gerd schon besser.

 

24. Februar 1924.

Reißmanns sind im Harz. Herr Reißmann kam von Holland. Von einem Jagdfreund erhielt er einen Hasen am Tage der Abreise nach Wernigerode. Was blieb da über? Er schenkte uns den Hasen und eine Flasche Sekt dazu. Wir sollten ein Festessen machen und auf sein Wohl trinken. Frau Doktor hat mir viel Arbeit aufgegeben und schönes Taschengeld.

Da hatte ich meinen Papa einmal recht lieb, schenkte ihm das Geld, damit er Berni eine Mandoline kaufen konnte, das war Bernis sehnlichster Wunsch. Wenn ich wieder Kasse habe, kaufe ich mir eine Laute; denn Gerds Laute spiele ich nur bei ihm, wenn wir zusammen musizieren.

Der Kapitän, der mich einmal nach Hause brachte, fuhr gestern im Auto bei uns vor und brachte Stiefel. Er war in Zivil, ich habe ihn kaum wiedererkannt. Ich ließ mich aber nicht sehen, verriet auch nichts, als meine Eltern von ihm sprachen; sie wissen noch nicht, wer dieser Herr ist. Gerd ist einige Tage verreist.

 

5. März 24.

Gestern wollte Gerd absolut mit Mutti ausgehen. Er hat Mutti sehr gern. Papa wollte nicht mit und Mutti bekam gnädigst Erlaubnis.

Mutti zog ihr gutes Kleid zum zweiten Mal an. Sie sah so frisch und jung aus, daß ich kaum die Zeit erwarten konnte, wo Gerd sie begrüßen sollte. Er wartete in der Stube. Ich führte Mutti zu ihm und hatte meine stille Freude. Wir gingen erst nach Café Kranz zu einer Tasse Kaffee. Als wir das Café verließen, ging ich an Gerds Seite und Mutti an meiner Seite. Ich war so glücklich, denn ich ging zwischen zwei Menschen, die ich mit inniger Liebe liebe. Da sah ich vor uns unsere Schatten, und ich sagte lachend: »Sieh mal, Gerd, wir bilden einen Sarg. Du bist größer als ich und Mutti kleiner als ich, einer von uns stirbt bald.« Mutti sagte, ich soll nicht immer so dummes Zeug reden. Gerd sagte: »Ist mein Dummerchen denn abergläubisch?« Wir lachten alle, denn ernstlich glaubt ja niemand an solche Rederei. Wenn Gerd dann später mit Mutti sprach oder von Mutti zu mir sprach, so sagte er immer »Mutti«. Das klang so lieb, daß ich es immerfort hören möchte. Wir besuchten zuerst das Stadttheater, dann lud uns Gerd noch ein zu einem Glas Wein. Er wollte nach Leipzig fahren. Sein Zug fuhr um 11 Uhr. Sein Gepäck war auf der Bahn. Weil ich nun Gerd zur Bahn bringen wollte, entschloß sich Mutti, mitzugehen. Zu zweien sind wir ja nicht bange, allein nach Hause zu gehen. Der Abend war so schön und wir gingen herzlich auseinander. »Auf Wiedersehen, Mutti«, sagte Gerd. Gerd muß 14 Tage geschäftlich verreisen. Jetzt bin ich allein. Ich durchlebe im stillen die Abende, wo ich 1-2 Stunden mit Gerd musiziert habe und stilles Glück erlebte. Fast 14 Tage lang, fast jeden Abend stahl ich mir 2 Stunden. Das Lautenspiel begreife ich gut, und Gerds Geigenspiel führt mich oft weit, weit fort in Glückseligkeit und ungekannte Welten.

 

6. März 24.

Ich hatte Liesbeth so lange nicht gesehen und hatte sie fast vergessen. Da erscheint sie gestern. Ich hörte ihre Erzählungen an, schüttelte den Kopf über Dinge, die mir unbegreiflich sind. Sie merkt das wohl und ist eifersüchtig auf Gerd. Nur durch ihn sei ich ihr entfremdet. Ich sagte:

»Das ist unrecht. Deine Freundin war ich eigentlich ja nie, Liesbeth, weil wir beide anders empfinden. Wohl bot ich Dir Hilfe, und Du kannst sagen, daß ich es gut mit Dir meinte. Daß Du nun Stellung hast, freut mich sehr für Dich, wie für mich, denn nun bist Du in der Lage, selbst für Dich zu sorgen.« Da sie aber noch kein Zimmer hatte, bat sie um eine Nacht. Morgen will sie bestimmt ein Zimmer haben. Wir sind keine Unmenschen. Von Gerd habe ich einen Kartengruß aus Leipzig:

Liebe Gretel!

Bin glücklich hier angekommen; doch erst heute nachmittag fahre ich weiter. Hier ist Messe und toller Betrieb.

Ich fühle mich nicht besonders wohl. Schreibe morgen mehr.

Herzl. Gruß
Gerd.

Liesbeth schläft, indem ich schreibe. Papa ist es auf keinen Fall recht, wenn Liesbeth bei uns ist. Er mag sie eben nicht leiden. Und sie ist auch kein Verkehr für mich, das ist wahr. Aber immer treibt mich das Menschlichkeitsgefühl dazu, sie aufzunehmen. Ich habe einmal hineingesehen in den eleganten Sumpf, und glückliche Umstände bewahrten mich vor dem Hinabsinken in die Tiefe. Ich glaube kaum, daß Liesbeth gänzlich gesunden wird, denn der Leichtsinn ist wohl eine unheilbare Krankheit. Sie hat wohl die guten Vorsätze, aber! Ich habe mein süßes Geheimnis Frau Abt anvertraut, und sie ist so lieb zu mir. Morgen abend wollen wir ins Stadttheater. Mutti, Frau Abt und ich. – Am Sonntag abend hat mir Gerd doch noch erzählt, wie, allerdings auf Umwegen, Frau Kleins Klatsch zu ihm gelangte. Ein Sohn einer ihrer Freundinnen, also Glaubensgenossinnen, hat ihm die gräßlichsten Zustände aus unserem Hause erzählt, als er wußte, daß Gerd mich kannte. Er selbst kennt weder uns noch mich persönlich; nur dem Namen nach, doch war es ihm scheinbar ein Vergnügen, die von seiner Mutter und auch von Horst Klein erzählten pikanten Sachen an den Mann zu bringen. Es machte mich traurig, aber Gerd sagte: »Alle Schuld rächt sich.« Meines jugendlichen Alters wegen hätte Gerd mir lange nicht gesagt, wie lieb er mich hat, doch die Unruhe trieb ihn dazu, mir alles zu sagen, und ich glaube an ihn Hier bricht das eigentliche Tagebuch ab, denn wie die folgenden Ausführungen zeigen, konnte sie das Heft nicht mitnehmen in das Hospital. Sie schrieb daher auf lose Blätter, alte Postkarten und Briefumschläge, auf die Rückseite eines Stickmusters. Zu jeder, auch der kleinsten Aufzeichnung setzte sie das Datum, so daß die Anordnung leicht war. Nach ihrem Tode fand man diese Zettel unter der Matratze ihres Bettes. Am Tag vor ihrem Tode fand die Mutter sie vor dem Bett liegend, wie sie glaubte, im Fieberwahn. Sie suchte nach etwas und sagte nur immer: »Mein silbernes Herz!« So hatte sie einmal ein Tagebuch genannt, weil es, ganz echt, das innerste Leben darstellen müsse. »Golden« dürfe es nicht heißen, weil »ein goldenes Herz« schon der Name für das Herz einer Mutter sei..

 

10. März 1924.

Am Donnerstag kamen 2 Kriminalbeamte zu uns und holten Liesbeth von uns weg und warnten Mutti künftighin vor dem Verkehr ihrer Tochter mit so einem Mädel. Mutti zitterte am ganzen Leibe, denn etwas ähnliches oder irgend gar ein polizeilicher Fall geschah in unserem Hause nie, dazu leben meine Eltern zu rechtschaffen. Eine halbe Stunde später, als Mutti sich kaum erholt hatte, erschien nochmals der Beamte und forderte mich. Mein Muttchen kam leichenblaß und sagte mir das. Ich zog mich an und tröstete Mutti, und ich war gar nicht bange, denn ich hatte doch nichts Unrechtes getan. Als ich fertig war und die Treppe herunterkam, fragte ich den Beamten, weshalb ich zur Polizei solle. »Och, nichts weiter, Sie können gleich wieder nach Hause.« Mutti atmete auf. Kaum, daß ich Papa, der am Kaffeetisch saß, »Adieu« sagte, und kaum, daß ich Mutti die Hand gab, stürzte ich fort, einesteils frei, andernteils neugierig; ich glaubte, es wäre wegen Liesbeth. Wir gingen erst schweigend, dann kaum 2 Minuten vom Elternhaus fort, wurde der Beamte beleidigend. Wo ich den Mantel her hätte und den Hut, mein Vater wäre doch bloß ein armer Schuster, der könnte mir doch nicht solchen Mantel anschaffen. Ich war erstaunt, erstens über das »Du«, zweitens wußte ich nicht, was er meinte. Ich sagte ihm, Papa könne ja bezeugen, daß er den Mantel gekauft habe, sowie den Hut. Wir sind gewöhnt, sauber und ordentlich gekleidet zu gehen. Das wollte er einfach nicht glauben. Wer sollte mir denn die Sachen kaufen, als meine Eltern? Wir kamen zur Polizei. Hier stand ich 3 Beamten gegenüber, einer höhnischer als der andere. Einer sagte: »Na, Du scheinst ja gut verdient zu haben, daß Du Dir konntest solche Sachen kaufen. Der Mantel ist neu, der Hut ist neu. Wo hast Du denn immer geschlafen, in welchen Hotels, und wieviel hast Du denn immer gekriegt?« Ich war entsetzt, und Scham und Verzweiflung packten mich. Ich weinte und sagte: »Fragen Sie doch meine Eltern, ob ich jemals außer dem Hause war, fragen Sie doch meine Eltern, wer mir meine Sachen kaufte.« Aber man ließ mich nicht reden. »Immer ruhig«, sagte einer, »wir wissen besser Bescheid. Solche Plünnen können Deine Eltern ja gar nicht kaufen, und übrigens hast Du Dich ja schon einmal wochenlang in Berlin rumgetrieben.« »Den Mantel kauften meine Eltern bei meinem Onkel in Rahndorf, auf Abzahlung. Das ist wahr. Ich habe nichts Unrechtes getan, auch nicht in Berlin, das ist doch damals bewiesen.« Man lächelte aber höhnisch. Ich war machtlos, und ich weinte. Ich dachte an Papa und Mutti und an mein Schicksal. Bin ich denn zum Unglück geboren? Nach Liesbeth fragte keiner. Nur mich stempelte man zur Straßendirne. Man holte mich von meinen Eltern fort und schändete mich; warum rief man Papa nicht oder Mutti? Warum rief man sie nicht und beleidigte mich und meine Eltern? Würden denn meine Eltern erlaubt haben, daß ich Sachen trug, die unrechtmäßig verdient sind? Ich kann mir kaum zusammenreimen, auf welche Art ich die Sachen erworben haben soll. – Ich sollte zur Untersuchung. – Man beschämte mich und verhöhnte mich, ich sei stellungslos. Ich beteuerte so gut ich konnte: »Wir haben die Plätterei, Mutter plättet, ich helfe und führe den Haushalt«, aber umsonst. – Da gab ich den Kampf auf, ich war zu jung, wie kann ich gegen 3 Herren an! Man sperrte mich ein. Dann frug man mich wieder, wieviel ich immer verdient hätte. Ich sagte: »Mutti gab mir Taschengeld, je nach der Einnahme, wir haben nicht jede Woche gleichviel zu tun. Ich bekomme ja auch alles von zu Hause.« »Das glaube ich, daß die Einnahme nicht immer gleich ist«, lachte ein Herr. Ich hätte auf ihn springen mögen vor Entrüstung. Ich war und bin keine Dirne, das verbietet mir mein Glaube und meine Liebe zu den Eltern und mein Ehrgeiz. Man will, ich soll gemein sein. Ist das menschlich? – Ich sollte mich ausziehen zur Untersuchung. – Ich sagte, daß ich das nicht könne. Einerlei. Ich schämte mich und weinte. Ich lag auf dem Marterstuhl. Kaum, daß ich lag, sagte der Arzt: »fort« oder so ähnlich. Mir war's, als sollte ich sterben. Ich zog mich an, als Liesbeth ins Zimmer gebracht wurde. Der Arzt sah auch sie nur an und winkte ab. Wir mußten aus dem Zimmer. Wieder kam ein Verhör. Ich beteuerte meine Unschuld, ja, aber die Wochen in Berlin, die Akten sind doch da, sagte der Herr. »Das war doch nicht so«, sagte ich, »meine Eltern wissen das doch, warum ruft man die nicht und läßt mich hier allein?« »Schweigen Sie.« Und ich schwieg und weinte. Es kam der grüne Wagen. »Bitte sehr, gnädiges Fräulein«, sagte jemand hinter mir. Hohn und Ironie. Gleich einem Viehtransport brachte man uns fort. Mit Liesbeth und einigen Buttchen. Einmal hielt der Wagen, die Buttchen wurden geholt. Dann fuhr der Wagen wieder. Ich dachte an Papa, Mama und an Gerd. Was mit mir geschehen sollte, wußte ich noch nicht, ich weiß bis jetzt auch noch nicht, was ich verbrochen haben soll. Untersucht bin ich noch bis heute nicht. Heute ist Besuchstag. Ich schämte mich, wenn Mutti käme und diese Umgebung sieht und mich in dieser Umgebung weiß. Was wird Mutti sagen! Ich habe ihr in kurzen Worten geschrieben, und sie hat die Jungens geschickt mit einigen tröstenden Zeilen, es müßte sich ja alles aufklären. Wenn ich nicht so liebe Eltern hätte und mich nicht unschuldig wüßte, könnte ich mir wohl aus Verzweiflung ein Leid antun. Es gibt hier auch einige nette Mädchen, darunter Addi und Hannchen; andere erzählen aber Sachen und Erlebnisse, pfui, das möchte ich niemals niederschreiben. Und heute früh, als ich an das so frei und offen Erzählte eines Mädchens dachte, da wurde ich plötzlich heiß und kalt, da kam mir plötzlich das Erkennen: Für so eine hält man Dich, so eine sollst Du auch sein. Das will die Polizei, deshalb packt man dich hier rein. Hier liegen Geschlechtskranke. Einige Mädchen sagen, hier käme man gesund rein, und dann hole man sich hier erst eine Krankheit, dann spritzten sie einem soviel Gift ein, daß man fertig werde und zeitlebens ein Krüppel bleibe. Polizeimädchen seien hier Versuchskaninchen. Solche Menschen gäbe der Staat her. O, was ich hier zu hören kriege, ist oft grauenhaft. Davon allein wird man schon krank. Ich fürchte mich so sehr, und in dem Arzt mit der großen schwarzen Brille sehe ich immer meinen Mörder. Ich fürchte mich vor ihm, ich bete immer heimlich des Nachts, der liebe Gott möge mich schützen. Wenn ich erst mit Mutti gesprochen habe, bin ich ruhiger, denn ich hoffe, daß ich hier bald fortkomme, wo alles so roh und herzlos und seelenlos ist.

 

Neuburg, den 10.3.24.

Meine lieben Eltern!

Habe alles freudig erhalten, meinen besten Dank dafür. Fritz und Berni habe ich vom Fenster aus gesehen. Weißt Du, Mutti, ich freue mich, daß Gerd mich nicht verachtet, ich bin darüber so glücklich. Du wirst ihn sicher schon gesprochen haben. Schicke mir doch auch ein paar Zeilen von meinem Gerd, wenn er mir schreiben sollte. Mutti, wenn Du mich besuchen willst, Mittwochs und Sonntags von 3-5 Uhr ist Besuchszeit. Wenn Du Mittwoch zu mir kommst, bringe meine Tulpen von Gerd, etwas zum Lesen und Briefmarken mit, ich habe keinen Pfennig Geld. Bitte, komme doch, ich erwarte Dich Mittwoch bestimmt. Sage doch Gerd, er solle mir ein paar Zeilen mitschicken. Du kannst sie mir ja mitbringen. Grüße nur vielmals.

 

12. März 24.

Mutti war bei mir, und wir haben geklagt und geweint. Sie bekommen mich nicht frei. Man hat Mutti gesagt, der Beweis, daß ich mich herumgetrieben habe und der Gewerbsunzucht schuldig sei, wäre doch da, ich sei doch geschlechtskrank. »Mutti, ich geschlechtskrank, ich bin doch noch gar nicht untersucht!« »Du bist noch nicht untersucht?« »Nein, es ging doch nicht!« »Und dann packt man Dich unter Geschlechtskranke! Grete, was soll denn das alles? Wem haben wir das alles zu danken?« »Mutti, wem anders als Liesbeth. Ich erzähle Dir später einmal, was Liesbeth getan hat, weshalb man sie suchte. Oder ich schreibe es Dir, sagen mag ich Dir das gar nicht. Ich hatte Mitleid mit ihr – immer – und aus Dankbarkeit brockt sie mir diese Verleumdung ein. Liesbeth ist gemein, das habe ich hier von Hannchen erfahren, die sie besser kannte als ich.« – Wir trösteten uns, Mutti und ich, und wir hoffen. – Ich bestellte an Papa und die Kleinen Grüße. Ich brachte Mutti zur Tür, und am liebsten wäre ich mit nach Hause gegangen. Wie lebten wir glücklich, und was wird Gerd sagen?

 

16. März 24.

Mutti meinte bei ihrem Besuch, ob es wohl angebracht wäre, wenn Dr. Reißmanns meinen jetzigen Aufenthalt wissen. Ich habe auf der Polizei nichts erwähnt, weil ich mich totschämen würde, wüßten Reißmanns, daß ich dies alles durchmachen mußte. Mutti kämpft um mich fast wahnsinnig, es muß sich herausstellen, daß nur Verleumdung oder ein böser gemeiner Scherz mich ins Unglück brachte. Mutti sagt, Gerd habe geweint. Das glaube ich. Mutti hat Reißmanns geschrieben, daß ich einige Tage zu Verwandten sei. Gerd will mir schreiben. Ich habe so Sehnsucht nach meinem Papa, dem lieben, goldigen Brummelbär. Ich bin so unglücklich, daß ich sterben möchte. Wer hilft uns?

 

16. März 24.

Als ich 8 Tage hier lag, wurde ich untersucht. Einige Tage später wurde ich im Rücken punktiert. Es wurde eine Rückenmarkabnahme gemacht. Ich lag im Bett, sehr matt, als Mutti mich besuchte; sie fragte, was mir fehle. Ich antwortete, ich sei erkältet. Die Mädchen hatten erzählt, eine Rückenmarkabnahme hinterließe immer Folgen, deshalb verschwieg ich das Mutti; denn Mutti macht sich immer soviel Sorgen, und das will ich nicht. Aber Mama ging doch ganz bekümmert weg.

 

17. März 24.

Von Liesbeth höre ich entsetzliche Geschichten. Viele Mädchen kennen sie, und sie ist hier ständiger Patient. Sie ist hier einmal durchgebrannt. Hat einer Schwester geklingelt, hat der Schwester dann eine Wolldecke über den Kopf geworfen und ihr die Schlüssel genommen. Dann ist sie geflüchtet. Sie ist syphiliskrank. So einem Mädel gab ich Obdach, schlief mit so einem Mädel in einem Bett, und so ein Mädel übergab mich der Polizei, aus Dankbarkeit! Hier erfuhr ich auch, daß Karl ein Zuhälter ist, und drei Mädchen hat, die ihn ernähren. Ein Mädel liegt auch hier oben. Jetzt bin ich nicht mehr dumm. Jetzt bin ich aufgeklärt über Dinge, die ich nie gekannt habe, und die so gemein sind. So gemein soll ich auch sein. Man will meine Seele töten. Wenn Gott das zuläßt – soll man da nicht zweifeln?

 

20. März 24.

Berni brachte mir einen Brief von Gerd, leider mußte ich ihn verbrennen.

»Du, meine kleine Gärtnerin, mein Seelchen«, schrieb er, »Mutti, Deine kleine Mutti, stellte Fragen an mich, aus Sorge und Verzweiflung um Dich; ich wurde rot, wie ein Schulbube. Dann kam der große Schlag, wenn Du, Liebes, frei bist, soll ich den Verkehr abbrechen, Du seist zu jung, nach einem Jahr soll ich wieder kommen. Seelchen, das verlangt Deine Mutti von uns.« Ein ganzes Jahr. Hoffentlich läßt man mich bald frei, ich bete und hoffe.

 

24. März 1924.

Ich kann nur wenig schreiben, denn wir sind ja auf einer Polizeistation; ich bin ein Polizeimädchen, deshalb darf ich keine Locken haben. Ich mußte dreimal hintereinander unter die Wasserleitung, mein Haar naß zu machen, weil Schwester Else nicht glaubte, daß ich natürliches Lockenhaar habe. Das Haar wurde aber immer krauser; schließlich glaubte sie es. Hohn – . Schwester Else hat selbst Lockenhaar, ein Polizeimädchen aber darf keins haben. Meine Aufzeichnungen verstecke ich im Bettbezug des Kopfkissens.

 

2. April 1924.

Mutti war beim Arzt. Ich soll eine frische Ansteckung, zirka 3-4 Wochen alte Syphilis, haben. Jedenfalls von Liesbeth oder hier. Der Arzt behauptet, nur durch Geschlechtsverkehr. Ich weiß nicht, ob ich irre werde, ich bin kaum noch fähig, hier still zu liegen. Und doch fühle ich mich von Tag zu Tag hinfälliger, daß ich oft, wenn ich wirklich umhergehen will, das Bett aufsuchen muß. Die Mädchen sagen, das käme von der Behandlung. Ich lasse Mutti aber nichts merken, sie ängstigt sich sonst. Nach jeder Armspritze fühle ich mich entsetzlich matt. Wenn ich nur nicht krank werde. Schwester Else schickt mich immer ins Bett, weil ich zu schwach werde.

 

12. April 24.

Ich weiß nicht, was mit mir ist. Ich werde immer schwindelig und muß oft brechen. Ich war doch nie krank und immer so kerngesund. Die Mädchen sagen, ich könnte das viele Gift nicht vertragen. Mutti wollte mich in Privatpflege haben, aber sie kriegt keine Erlaubnis, sie ist so gelaufen zur Polizei und überall, aber vergebens. Mutti bringt soviel zu essen, aber oft schmeckt mir das Essen gar nicht. Mutti ist überhaupt zu lieb. Ich habe so große Sehnsucht nach Hause. Jeden Dienstag und Freitag sind Musikabende zu Hause. Ich höre Musik so gern und darf nicht dabei sein. Ostern kommt, und ich bin hier. Papa hat Geburtstag, ich bin hier. Ich war hier, als Fritz zur Kommunion kam. Ich bin hier, als sei ich eine Gefangene, eine vom Leben und von der Menschheit Ausgestoßene. Und ich habe die Menschen so lieb gehabt. Ich habe jedem Menschen Liebes tun mögen. Jetzt ist alles still in meinem Herzen. Meine Eltern, ja, die lieben mich, die kennen mich und wissen, daß ich nichts Gemeines tat, die habe ich lieb, aber die Menschen, ich fürchte mich! Jetzt werde ich so hinfällig, ich sehe im Assistenzarzt meinen Mörder.

Annchen erzählte soviel von zu Hause. Sie hat eine Gitarre bekommen. Die Kinder spielen schon so schön, und ich kann's nicht hören. Herr Denker spielt Geige – Geige –, ich höre die Geige so gern. Wenn ich doch zu Hause wäre! Ich bin so unglücklich. – – –

 

Ostern 1924.

Schwester Else sagte, es sei Ostern. Sie freut sich auf Ostern. Ich fragte: »Weshalb, Schwester Else? wollen Sie nach Hause fahren?« »Nein«, schüttelt sie, »ich freue mich so.« »Jetzt weiß ich, Schwester Else, Sie freuen sich, weil Sie uns eine Freude machen wollen.« »Ja«, sagte sie. Deshalb könnte ich Schwester Else gern haben. Schwester Else hatte auch alles so festlich geschmückt und wir bekamen jedes 3 Eier, gefärbt, 1 kleines Sträußchen und ein mit Laub bekränztes Tischchen. Es sah sehr festlich aus, wir haben alle geweint. Ich war mit zur Kirche. Mein Herz wollte fast zerspringen vor Sehnsucht. Es ist zu Hause auch viel schöner. Ich hätte gern auch den Geigenspieler gekannt. Wer Geige spielt, hat Herz und Gemüt, eine Seele. Die Jungens möchte ich so gern spielen hören; wäre ich doch erst zu Hause!

 

Ostern!!!

Sie saßen gewiß alle zusammen beim Kaffee, als sie ihre Namen unter Bernis Kunstmalerei setzten. Ich könnte schreien, weil sie in Liebe meiner gedachten. Aber keiner kann mir helfen.

 

2. Festtag.

Mutti besuchte mich Ostern und brachte mir so viele schöne Sachen mit. Ich habe mich gefreut, ja, aber als Mutti fort war, da habe ich geweint. Ich bin oft so trostlos, wenn doch wenigstens einer noch mich zu besuchen käme. Aber es ist besser so, es weiß niemand, daß ich hier in dieser Polizeistation liege. Sonst schändet man mich schließlich nachher so weit, daß ein Weiterleben für mich unmöglich ist. Ich denke da an Frau Klein, wenn die wüßte, daß ich hier liege. Oder sie weiß es schon, denn ihre Spürnase wittert jede Neuigkeit. Und Gerd. Ich habe ihn so gern gehabt, aber auch darin habe ich Erfahrungen. Gerd liebte mich, er sagte es so oft, und jetzt, da er von Mutti weiß, daß ich hier liege, zweifelt er an mir. – Es ist gut so, ich bin wohl geboren, um zu leiden, und ich glaubte, ich sei da, um alle Welt zu lieben. Warum sind die Menschen so schlecht zu mir, ich tat doch keinem was zuleide! 15 Menschen haben mich bis ins Innerste geschändet, ich will sie nicht aufzählen, aber 15 Menschen verdanke ich mein Schicksal. Jetzt bin ich ehrlos. Wie wird mein Leben werden, wenn ich hier fort bin? Wäre ich dumm, blöde, ich könnte es ertragen, aber leider gab man mir Verstand. Wer würde jemals ein Mädel zur Frau nehmen, die »in Berlin war«; die mit dem grünen Wagen zur Polizeistation fuhr, die – – – o, mein Gott, welchem Mann könnte ich wohl mein Schicksal erzählen, gibt es so ein Ideal, so einen edeldenkenden Mann, der mir glauben würde? – Nein. Ich bin so jung, wie wird mein Leben werden? Ich habe noch Eltern, ja, das darf ich nicht vergessen. Und wenn ich hier heraus bin, fahre ich nach Steinbach – in den Frieden. Addi sagt, mein Blut sei negativ, dann kann ich wohl bald nach Hause. – Am 30. April ist Termin. Ob man mich wieder in den grünen Wagen bringt? Schon der Gedanke macht mich elend. Das ist nun Gerechtigkeit, daß man den Eltern die Tochter aus dem Hause holt und ein Familienglück vernichtet. Man geht zur Tagesordnung über nach so einer Kleinigkeit, man hat aber die Macht gezeigt, und wehe dem, der sich nicht beugt. Man hat die Menschheit vor einer Gefahr geschützt, konnten das meine Eltern nicht auch, wenn sie merkten, daß ich krank sei? Hätten meine Eltern ihr Kind nicht selbst geschützt und gepflegt, eben weil sie es lieb haben? Wenn ich nachts liege und nicht schlafen kann, schwirrt es um mich herum, Berlin, Polizei, Gewerbsunzucht, Geschlechtskrankheit, die Geschichte der übrigen Mädchen höre ich. Sie haben soviel durchgemacht und geben Gemeinheiten zum besten, und wenn sie hier fort sind, wollen sie es um so schlimmer treiben. Nicht alle, nein, Hannchen war nicht so schlimm; Hannchen wurde der Fürsorge übergeben, weil sie den Bauern fortlief, und warum lief sie fort? Weil der Bauer, der verheiratet war, nachts in ihre Kammer kam und sie schänden wollte. Darum schlug sie ihn, und weil der Bauer trotzdem von ihr das Entsetzliche wollte, lief sie fort. Die Fürsorge verlangte, daß sie dahin zurück sollte. Hannchen verschwieg aus Scham den Grund und wollte nicht zurück. Man hielt sie für arbeitsscheu und steckte sie in eine Anstalt.

Versteht denn keiner von den Herren der Polizei, des Gerichts oder der Geistlichkeit, daß ein Mädel, das Stolz und Ehrgeiz besitzt, nicht schamlos über derartige Sachen reden kann? Daß ein gut erzogenes Mädchen lieber stolz schweigt, als daß es fremden Herren solche Sachen erzählt? Konnte ich überhaupt derartige Sachen erzählen und zugeben, die ich nicht einmal erlebte? – Ich schwieg und weinte. Mein Schweigen hielt man für Frechheit oder Hartnäckigkeit, ich weiß es nicht. Man legte mir eine Schande zur Last, die ich kaum kannte, nicht einmal Liesbeth zutraute. Ich schwieg. Die Herren der Gerechtigkeit sahen sich verständnisvoll an, und ich wurde eine Dirne, ein Mädchen für Geld. Sie machten mich dazu. Das ist Gerechtigkeit!!!!

 

22. April 24.

Ich mußte zu Bett liegen, weil ich geschwollene Beine habe, schon 2 Tage, ich kann nicht begreifen, wovon das kommt. Heute ist Besuchstag, ich will Mutti fragen.

 

Am Abend.

War das heute ein schrecklicher Tag! Die Mädchen prügelten sich fast; es gibt häßliche Menschen, die man kaum wieder kennt, wenn sie in Aufregung sind. Schwester Else will es dem Arzt sagen, daß alle auf O. fliegen. Ich danke Gott, daß ich im Bett liegen muß. Mutti kam in allem Tumult, und ich schämte mich, daß Mutti so etwas sehen mußte. Ich weinte bitterlich, doch Mutti tröstete mich. Sie sagte: »Blicke über alles hinweg, was nicht schön ist, mein Kind, die Zeit geht vorüber, dann bist Du wieder bei uns.« Da war ich ruhig, ich sehne mich aber nach Hause; Mutti sagte, die dicken Beine wären besorgniserregend. So etwas deutet auf eine Störung der Nieren hin. Schwester Else müsse das dem Arzt sagen.

 

30. April 1924.

Heute war Termin und ich darf nach Hause, wenn ich gesund bin. Ich habe Papa und Mutti begrüßt am Jugendgericht. Mein guter Papa gab mir die Hand, ich hätte sie küssen mögen. Wenn ich doch erst zu Hause wäre. Der Beamte, der mich zu begleiten hatte, war ein Mensch und behandelte mich wie ein Mensch, das danke ich ihm. Ich habe zu ihm gesprochen, so wie es mir ums Herz war; er verstand mich und wünschte mir baldige Gesundheit, so daß ich bald zu meinen lieben Eltern könnte. Er sagte, ich machte auch nicht den Eindruck eines Straßenmädchens. – Ich habe mit meiner Nachbarin den Garten gemacht, und Schwester Else lobte uns.

 

1. Mai 1924.

Nun ist Gerd bei Papa und Mutti gewesen, ein einziger Strahl Licht; ob wohl Gerd auch so dachte, wie ich, am 1. Mai! Mutti schickte mir seine Grüße. Unsere Seelen haben miteinander gesprochen am 1. Mai, wie seltsam. – –

Jetzt möchte ich wohl noch Reißmanns Liebe spüren. Dann ist alles gut. Wenn ich nur wieder kräftiger werde; die Mädchen im Saal sagen, das Gift steckt mir im Körper ...

Ich habe hier viel gehört. Mädchen gibt es, die in einem schlechten Elternhause aufwachsen und daher nicht die gute Erziehung genießen. Diese bedauere ich um ihr Leben. Dann Mädchen, die in schlechte Hände gekommen sind und nicht die Kraft hatten, sich daraus zu befreien. Dann Mädchen, die 1-2 Kinder haben und diese nicht ernähren können, weil der Vater der Kinder das Weite suchte. Dann zuletzt die Sorte Mädchen, die gemein, lügenhaft und arbeitsscheu den Weg gehen. Dann aber auch einige Mädchen, die zur Krankheit ohne ihr Verschulden kommen, weil der Krieg die Krankheit ins arme Deutschland brachte.

Ich habe mir soviel Gedanken gemacht, weshalb man mich hierher brachte. Gerd hat zu Mutti behauptet, er sei nie krank gewesen, und wäre er krank gewesen, ob Mama denn je glauben könne, daß er das Mädelchen, das er so sehr liebt, unglücklich machen könnte? Also woher stammt meine Krankheit?

 

1. Mai 24.

Es werden Lieder gesungen von Frühling, Mai und Liebe. Alles gehört der Jugend. Ich bin jung, mir ist's, als sei mein Lebensmai vorüber, Lachen und Singen und Liebe seien in mir gestorben, nein nicht gestorben, man hat alles in mir gemordet. Man hat mich behandelt wie ein elternloses Kind, wie einen herrenlosen Hund, man heißt den Ort Wohlfahrt, und doch weiß keiner der Herren und Damen, die mich schändeten, daß ich ein Herz im Leibe hatte, und daß sie mit Hohn und Schande meine Seele mordeten. Niemand wollte von meinen Eltern hören, daß ich ihre gute Tochter sei, sie bleiben bei dem Standpunkt, ich sei so, wie so viele andere Mädchen, Auswurf der Menschheit. Mutti kämpft um mich, was sie bald wahnsinnig macht. Wir sind so unglücklich geworden. Mutti will Reißmanns zu Hilfe rufen und hofft, der Polizei den Beweis zu bringen, daß nur Verleumdung, also ein böser Spaß mich ins Unglück brachte. Auch die Aussagen unserer nächsten Nachbarin, Frau Klein, sind belastend für mich. Ich wollte Mutti von meinem Tagebuch sprechen, doch schäme ich mich, denn ich habe da so manche Dummheit hineingeschrieben, und eine Mutter ist doch eben die Mutter.

Ich hoffe auf Gottes Hilfe. Hoffentlich entläßt man mich bald.

 

2. Mai 24.

Ich riet Mutti, sie sollte nicht zu Reißmanns gehen, denn ich bin gesund und kann entlassen werden. Ich könnte mich totschämen, wenn ich wüßte, Frau Doktor würde meinen jetzigen Aufenthalt kennen. Das Jugendgericht sprach mich gnädigst meinen Eltern zu. Der Richter sagte zu Mutti: »Sie sehen zu Ihrer Tochter wie in einen goldenen Topf.« Dies war mir und meinen Eltern unverständlich. Glaubte denn der Richter, in unserem Stande gibt es weder Mutterliebe noch Kindesliebe??? – – –

 

3. Mai 1924.

Ich habe das Salvarsanekzem und bin eingewickelt am ganzen Körper. Das ist ein Zeichen, daß das Blut gesund ist, und das Gift kommt heraus. Addi sagt, schon zweimal habe sie im Buch nachgesehen, mein Blut sei immer negativ. Ich habe 13 Salvarsanspritzen bekommen und jetzt Gegengift. Wenn bloß Mutti heute nicht kommt, denn es ist Sonntag, sie würde krank, wenn sie mich in diesem Zustand sähe. Und doch möchte ich, daß sie kommt, dann kann sie mit dem Doktor reden, denn ich bin gesund. Addi sagt das, sie hat's im Buch gesehen, und das Salvarsanekzem beweist das.

 

Nachmittag.

Statt Mutti kam Annchen, ich war doch froh und habe ihr gesagt, sie solle Mutti und Papa nicht sagen, daß ich so verbunden bin.

 

5. Mai 1924.

In aller meiner Freude trifft mich das Unglück, ich soll jetzt tripperkrank sein. Dann muß ich doch hier angesteckt worden sein.

Inniggeliebte Eltern!

Ich fühle mich so sterbenselend und mag es niemand sagen, außer Euch. Mir fehlt der Mut zum Leben, weil mich die gewissenlosen Menschen durch die Verleumdung so flügellahm gemacht haben. Mutti und lieber, guter Papa, ich kann das nicht ertragen, daß man mich wie einen räudigen Hund hier eingeliefert hat. Ich hatte getan, was so viele andere aus Liebe auch tun; nun hat man nicht nur meinen Körper zu Grunde gerichtet, man hat mich einem Hund gleich gestellt durch Verleumdung niedriger Menschen. Ich hab's hier erfahren. Ich kann nur bei Euch gesund werden, wo alles so gut und so ideal ist. Ihr haßt das Gemeine und seht über dasselbe so erhaben hinweg, und ich bin euer Kind. Ich bin so abgemagert, und der ganze Körper schmerzt mir, es soll die Grippe sein. Käti starb an der Grippe, aber sie war zu Hause, und ich liege hier, im Kreise von Menschen, die so viel durchgemacht haben, was ich nicht erzählen mag, dann empört sich alles in mir dagegen. Ich habe das getan, und nun ist die Strafe so bitterhart. Mutti, ich bin ja noch so jung und war so lebensfroh, ob ich jemals wieder zur Laute singen mag? Ich nehme das Leben so schwer wie unser lieber Opa, macht das wohl die Krankheit?

 

Deine Grete.

Liebe Mutti! Jetzt liege ich schon neun Tage ohne eine gewissenhafte Untersuchung. Warum durchleuchtet man mich nicht? Der Doktor hat die Behandlung abgelehnt, weil er nur für Hautkrankheiten ist. Einen andern Arzt holt man nicht. Die Mädchen sind empört und sagen, man habe mir zu viel Gift gegeben, das könne mein junger Körper nicht ertragen. Jetzt läßt man mich liegen wie einen Hund. Mutti, ist denn das Menschlichkeit? Man nimmt uns das Recht, um Hilfe zu schreien, weil man ein Polizeimädchen ist; man droht, daß man auf O. fliegt, wenn man klagt. Mutti, Papa, soll ich denn sterben wie ein Tier? Was habe ich denn Böses getan? Gott allein weiß, daß ich nicht so schlecht war, wie man mich gemacht hat. Und Ihr wißt das auch. Die Polizei will Schutz sein! Man hat mir auf dieser Station wegen einer frischen Ansteckung zu viel Gift gegeben, jetzt ist mein Körper hin und meine Seele ist schon lange gemordet. Mutti, Papa, ich schreie zu Euch, helft mir doch, ich möchte leben um Euch, ich habe Euch so lieb, und Ihr wißt, daß ich nicht schlecht bin. Ich schreie um Hilfe, Papa, guter Papa! Ich bin zu jung zum Sterben.

Euer Kind Grete.

 

7. Mai 24.

Ich habe Aligol bekommen. Danach soll Fieber kommen. Wenn ich doch bloß erst hier fort wäre. Mutti war bei mir, ich fühlte mich nicht gut, habe Mutti aber bis zur Tür gebracht und gab ihr einen innigen Kuß.

 

8. Mai 24.

Ich bin so krank. 42 Grad Fieber gehabt. Der Leib schmerzt zum Wahnsinn. O, Mutti, wärst Du doch hier.

 

9. Mai 24.

Ich bin so elend. Warum ruft man Mutti nicht? Ich habe Heimweh.

 

Sonntag abend 10 Uhr
entschlief sanft nach schwerer Krankheit
unsere innigstgeliebte sonnige
Margarethe
im 17. Lebensjahre.

1. Juni 1924.

 

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