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Vom armen Franischko

Fritz Mauthner: Vom armen Franischko - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
titleVom armen Franischko
authorFritz Mauthner
year1994
publisherOberon Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-925844-08-2
pages5-98
created19991226
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Wie der Franischko ins Gefängnis kam und es nicht wußte

Das war ein wunderlicher Apriltag, an welchem der Franischko wieder einmal glaubte, der Winter wäre gar für immer vorbei. Mochte auch von den nächsten Höhen noch der lichte Schnee herunterglänzen, was tat's? Die Sonne schien nun bereits am frühen Morgen so warm, daß es dem armen Slowakenbuben war, als würfe ihm die Mamka eine weiche saubere Halena um die Schulter. Freilich, ab und zu kam noch ein eisiger Windstoß vom Gebirge herüber, aber der böse Wind selber wurde allmählich warm unter der Frühlingssonne, und mit all seiner Bosheit vermochte er nicht, dem Franischko seinen Glauben an ein Winterende zu nehmen. Und alles Lebendige schien mit dem fröhlichen Knaben der Sonne entgegenzujubeln. Franischko jauchzte laut auf, als er an den Gesträuchen, welche die Straße zur Rechten und Linken begleiteten, die ersten grünen Keimblätter entdeckte. Plötzlich stutzte der Knabe, denn er sah, wie gefährlich der Glaube an den Frühling werden könne. Unter einem kahlen Apfelbäumchen lag regungslos ein kleiner Maikäfer, sein erster Maikäfer des Jahres. Franischko hob das Tierchen mitleidig auf und freute sich, als er ein wenig Leben zu fühlen glaubte. Er machte auf der Stelle die eifrigsten Versuche zur Wiedererweckung des kleinen Wesens. Er hauchte den Käfer mit seinem warmen Atem an, er streichelte ihm mit den Fingerspitzen die harten Flügeldecken, er verstand es sogar, ein weißgrünes Keimblättchen dem Käfer zwischen die beweglichen Freßwerkzeuge zu schieben. Da aber alles nicht gleich fruchten wollte, steckte der kleine Samariter endlich den voreiligen Käfer in die Tasche, um bei gelegener Zeit sein Rettungswerk fortzusetzen. Jetzt mußte er an die Arbeit gehen, wenn er bis zum Abend einen halben Gulden verdienen wollte.

In der kleinen Stadt, in welcher er jetzt auf Arbeit war – ihren Namen kannte der Slowakenjunge nicht –, bekam er freilich nicht so viel Almosen, wie in den großen Häuserwildnissen, in denen man sich verirren konnte wie im Walde, und wenn man auch monatelang da lebte. In der kleinen Stadt wollten die Hausfrauen auch das kleinste Stückchen Brot, auch den schlechtesten Heller nicht umsonst hergeben. Jeder Kreuzer wollte hier redlich verdient sein, dafür gab es aber auch immer zu tun für jeden, der nur arbeiten wollte. In der großen Stadt warfen die gottlosen Menschen das Geschirr gleich weg, wenn es entzwei geschlagen war. Wovon sollten da die Rastelbinder leben? Hier aber wurde jeder Topf geflickt und wieder geflickt, solange noch daumengroße Stücke vorhanden waren.

Auch heute fand Franischko bald Arbeit. Aus einem der schönsten Häuser des Marktplatzes rief eine Köchin ihn an und brachte ihm einen schönen Schneeschläger aus Messingdraht, der wieder ganz gemacht werden sollte. Das war feine Arbeit und erforderte die ganze Aufmerksamkeit des Slowaken. Wohl fühlte Franischko eben jetzt mit nicht geringer Freude, daß es in seiner Tasche lebendig zu werden und zu krabbeln begann, aber im Bewußtsein seiner Pflicht bekümmerte er sich vorläufig nicht weiter um seinen Schützling.

Indessen hatte der junge Arbeiter aufmerksame Gesellschaft erhalten, seitdem er sich zur Arbeit neben dem Haustor auf den breiten Steinfliesen niedergelassen hatte. Ein Knabe und ein Mädchen, ein jedes kaum zehn Jahre alt, hatten neben dem Slowakenjungen Posto gefaßt, und er war ganz stolz darauf, daß die Kinder eine ganze Weile sprachlos seine Kunstfertigkeit anstaunten.

Endlich hatten sie sich satt gesehen. Der Knabe brach zuerst das Schweigen, indem er dem Mädchen den Vorschlag machte, den Mausiratzenfaller mit Sand zu bewerfen. Als das Mädchen diesen Antrag nicht annahm und ihrem Kameraden sogar zu schmollen schien, versuchte dieser durch allerhand Liebenswürdigkeiten und interessante Mitteilungen ihre Gunst wieder zu gewinnen. Bald begann er aus seinen unergründlichen Taschen die merkwürdigsten Dinge hervorzuziehen und sie zu ihrer Belehrung und ihrem Zeitvertreibe zu erklären. Jetzt einen prächtigen roten Apfel – dann eine Mundharmonika, auf welcher die beiden Kinder abwechselnd sehr schöne Stücke bliesen – dann holte der Knabe eine Handvoll Briefmarken hervor, deren Wert der Franischko nicht kannte – und noch ein ganzer Trödelkram, große Kupfermünzen, buntfarbige, schimmernde Kristalle, abgerissene Knöpfe, alte Aprikosenkerne und andere solche Raritäten kamen ans Licht. Als der Knabe keine Schätze mehr zu zeigen hatte, dankte ihm das Mädchen, indem sie bescheiden ein paar Stecknadeln und einen langen Zwirnsfaden, ihre ganze kleine Habe, dem reichen Freunde schenkte.

Der Knabe machte einige täppische Versuche, das Mädchen in die Hände zu stechen, dann aber hatte er offenbar plötzlich einen besseren Einfall. Er sprang rasch hinter den Slowakenbuben, kam wieder hervor und machte sich mit einem kleinen Gegenstande zu schaffen, den er in der Hand verborgen hielt. Franischko war schon wieder in seine Arbeit vertieft, als ihn der helle Ruf der beiden Kinder: »Maikäfer flieg!« den Kopf wenden ließ. Es war abscheulich, was er da erblickte. Eine Nadel hatten sie einem armen Maikäfer mitten durch den Leib gesteckt, den Faden an die Nadel geknüpft, und ließen das gequälte Tierchen so fliegen. Und wenn der Maikäfer weggeschwirrt war, so weit es ihm die Länge des Fadens gestattete, so zogen die schlechten Kinder unter Lachen und Schreien den Käfer wieder heran und das grausame Spiel begann von neuem.

Der Franischko zitterte vor Zorn, aber der Betteljunge durfte den vornehmen Herrenkindern nicht wehren.

Da kam ihm ein entsetzlicher Gedanke. Er griff in die Tasche – wahrhaftig sein Maikäfer war verschwunden, war gewiß unbemerkt ans Licht gekrochen und von dem häßlichen Knaben geraubt worden; es war sein Maikäfer, der jetzt so fürchterlich gemartert wurde. Siedend heiß lief es dem Franischko über den Rücken, er glaubte selber zu spüren, wie ihm sein Majster eine lange Nadel durch den Rücken trieb, daß sie vorne herauskam. Aber immer noch schwieg er. Da hörte er wie das Mädchen den Vorschlag machte und der Knabe sich anschickte, dem Käfer seine Flügel zu stutzen und zwei Beinchen auszureißen – da sprang der Franischko empor und wie ein Wütender schlug er mit dem schadhaften Schneeschläger auf die Kinder los. Das Mädchen entfloh, der Knabe aber bot kräftigen Widerstand, obgleich ihm die ersten Schläge schmerzhaft das Gesicht zerkratzt hatten und er sogar am Auge verletzt war.

Bald hätte Franischko seinen kleinen Gegner besiegt, aber schon eilten von allen Seiten ältere und jüngere Burschen herbei, welche gegen den frechen Slowakenjungen sofort gemeinsame Sache machten. Niemand fragte nach dem Grunde des Streites. Franischko hatte auch keine Zeit, zu berichten, daß man seinem Maikäfer habe die Beinchen ausreißen wollen, denn von allen Seiten regnete es Püffe und Schläge. Gegen die Übermacht half kein Wehren. Franischko war es vorher noch geglückt, den Maikäfer zu erhaschen, ihm die Nadel mit dem Faden aus dem Leibe zu ziehen und das arme Tier fliegen zu lassen. Dann ergab er sich in sein Schicksal und wußte, daß er zum Lohn für seine gute Tat in den Himmel kommen würde, wenn ihn die wilde Truppe der Stadtkinder jetzt auf der Stelle totschlüge.

Aber damit hatte es gute Wege. Plötzlich sanken die Arme seiner Peiniger nieder, der Kreis um ihn herum lichtete sich und ein Polizeimann stand neben Franischko. Nun wird's den bösen Knaben schlecht gehen, dachte der Slowake, als er hörte, wie der Beamte sich den Vorgang aufklären ließ und nach den vielen Fragen einen ziemlich wahrheitsgetreuen Bericht erhielt. Und in der Tat, der brave Mann schützte ihn gegen die ganze Schar. Franischko verzieh auch rasch die erhaltenen Schläge; es waren ja so junge Leute, vielleicht Freunde des bösen Knaben. Der liebe Gott ließ es gewiß nicht zu, daß der arme Franischko für eine gute Handlung ernsthaft zu Schaden käme.

Der Beamte hieß den Slowakenjungen mitgehen. Franischko hörte nun, daß er den Sohn des Bürgermeisters mißhandelt hätte. Ein Herr Bürgermeister mußte aber ein sehr kluger Mann sein, und da verstand es sich von selbst, daß Franischko jetzt vor den Bürgermeister geführt würde, der solches Herzeleid mit seinem ungeratenen Sohn erfuhr, und daß er dort öffentlich belobt würde, aber er war mehr beschämt als erfreut von dieser Ehre. Es mußten doch recht viele böse Menschen hierzulande wohnen, daß man von der Rettung eines Maikäfers so viel Aufhebens machte.

Indessen war die immer wachsende Truppe beim Rathause angekommen und Franischko mußte eintreten. Die Burschen aber, welche ihn geschlagen hatten, blieben wohl zur Strafe draußen. Sie machten ihrem Ärger in lauten Drohrufen Luft.

Nun begann ein herrliches Leben für den Slowaken. Der freundliche Beamte hatte wohl bemerkt, daß dem Knaben von den vielen Püffen der Rücken weh tat, wenigstens schob er ihn in ein hübsches geräumiges Kämmerlein und wies ihm eine Holzbank an der Wand, auf welche der Franischko sich hinlegen sollte.

Und damit die bösen Knaben ihn nicht bis hierher verfolgen konnten, schloß der Beamte fürsorglich hinter ihm ab. Wie sich's da faulenzen ließ auf der schönen Holzbank! Beim Majster im Keller, der auch nicht größer war als dieses Kämmerchen, waren sie zehn, ja manchmal bis zwanzig Personen zusammen und nur der Majster selbst besaß eine Holzbank zum Schlafen. Jetzt dünkte der Franischko sich auch Majster zu sein, als er die schmerzenden Glieder behaglich ausstreckte.

Anfangs machte sich Franischko einige Sorgen wegen der Nahrung. Aber richtig, der Beamte dachte an alles; mittags brachte er ihm ein großmächtiges Stück Brot und abends eine kräftige Erbsensuppe. Wer das so alle Tage haben könnte!

Franischko konnte lange nicht einschlafen, so ungewohnt war ihm das weiche Holzlager. Aber schließlich ist nichts leichter zu erlernen als die Bequemlichkeit, und Franischko schlief endlich gegen Morgen so fest ein, als läge er auf den gewohnten Ziegelsteinen, und erwachte erst, als man ihm gleich einem vornehmen Herren die Morgensuppe brachte.

An diesem Tage kam es auch zur öffentlichen Besprechung des Falles. Franischko wurde in ein schönes großes Zimmer gebracht, wo eine Menge vornehmer Herren auf ihn warteten. Er durfte auf einem lackierten Sessel Platz nehmen und sich da wie ein Großer anlehnen. Ihm gegenüber saß der böse Knabe mit verbundenem Gesicht. Da bedauerte ihn der Franischko und hoffte, daß man den vornehmen Knaben um seiner Wunden willen nicht weiter strafen würde.

Es sah ganz feierlich aus im Saale. Auf dem Mitteltische stand ein Kruzifix, daneben brennende Lichte – wie in der Kirche. Auch war alles mäuschenstill. Immer nur einer durfte reden. Ein alter Herr, wahrscheinlich der Herr Bürgermeister, denn er saß gerade vor dem Kruzifix, richtete an Franischko einige Fragen. Manches verstand Franischko nicht und wiederum verstanden die Herren nicht alle seine Antworten. Das war aber auch wohl nicht nötig, denn der Herr Bürgermeister sagte, es wäre schon gut und Franischko könnte sich wieder niedersetzen. Nun sprachen noch zwei Herren, beide so schön und beide so freundlich, daß Franischko innig bedauerte, die deutsche Sprache nicht besser zu reden. Der erste Herr schien noch sehr böse über den Tierquäler zu sein, denn Franischko entnahm aus seiner langen Rede einzelne wohlbekannte Worte: wie »Sünde«, »böse Knaben«, »zuchtloser Straßenjunge«, »Schläge«, »Strafe!« Wenn Franischko daran dachte, wie hart der Tatko die Tierquälerei bestraft hätte, so bangte er für seinen Gegner von gestern, dem ja alle diese Worte galten.

Den zweiten Redner verstand Franischko auch nicht ganz gut. Er hörte wohl die Worte, begriff aber nur selten den Zusammenhang. Es mußte viel vom Franischko die Rede sein, denn alle Anwesenden schauten ihn freundlich an. Der zweite Redner sagte unter anderem: »Nehmen Sie an, meine Herren, nicht ein hergelaufener Slowakenjunge, sondern ein reicher Bürgerssohn aus unserer Stadt hätte dem Sohne unseres verehrten Oberhauptes seine wohlverdienten Hiebe gegeben. Nehmen Sie an – obgleich ich selbst an die Möglichkeit nicht glaube – der Herr Kläger hätte die glatte Haut seines Sprößlings auch dann unter richterlichen Schutz gestellt, wie würden Sie dann urteilen? Ich bin gewiß, Sie hätten mit mir auf der einen Seite einen boshaften oder doch übel bedeuteten Jungen erblickt, der für seine Tierquälerei eine exemplarische Strafe verdiente. Auf der anderen Seite stand das unverfälschte Kindergemüt eines vielleicht zu lebhaften, aber im Grunde richtig empfindenden Knaben. Wo bleibt die Gleichheit vor dem Gesetze, wenn Sie den Rächer der beleidigten Moral, den Sie sonst belobt hätten, nur deshalb zur Strafe ziehen, weil er ein heimatloser Sklave inmitten unserer bürgerlichen Gesellschaft ist?«

Das klang alles so schön, daß der kleine Franischko gern noch stundenlang zugehört hätte, wenn er den guten Herrn auch nicht genau verstand. Aber gerade bei dieser Stelle brach der Bürgermeistersohn in ein so jämmerliches Geheul aus, daß dem Franischko seine Freude beinahe vollständig verdorben war.

Am Schlusse kam der zweite Redner aber auf ganz unverständliche Dinge. Der Knabe habe das Alter der Strafmündigkeit kaum erst erreicht und so. Das Bewußtsein der Handlungsweise und so. Ungefähr ähnlich mochte ein Pfarrer sprechen, wenn zwei Leute heirateten.

Nach längerem Hin- und Herreden erhob sich der Herr Bürgermeister und sprach eine kurze Rede, die er an Franischko richtete. Dieser hatte sich also in seinen Hoffnungen nicht getäuscht, er wurde für sein mutiges Einspringen belohnt; denn der freundliche Beamte trat darauf wieder auf ihn zu und sagte: »Na, jetzt kannst du eine Weile bei uns bleiben!« Das war dem Franischko schon recht. Aber so groß auch seine Freude über diese Einladung war, so vergaß er darüber doch nicht seine Pflicht. Unter unaufhörlichen Kratzfüßen ging er nach dem Tisch, auf welchem das Kruzifix stand und sagte: »Bitt' ich, gnädigstes Pane Burgemeister Franischko lustig hier bleiben, aber Pane Burgemeister, bitt' ich, nehmen zurück Schneeschlager, was gehert in Kuchel, wo heit nix wird kocht für böses Knab!«

Dann ließ sich Franischko abführen, um sich's gut sein zu lassen. Man bedeutete ihm, daß er nicht die ganze Zeit im Rathause bleiben werde, sondern auf ein Schloß hinausfahren müsse. Wirklich fuhr ein Leiterwagen vor und der glückselige Franischko durfte sich hinaufschwingen und sich auf einem weichen Strohlager neben einem stattlichen Polizeisoldaten ausstrecken. O je, und all die Ehre für einen Maikäfer! Wie mag man hier erst einen Mann belohnen, der ein Kind aus dem Wasser gezogen hat? Franischko nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit, so klein er war, ins Wasser zu springen, wo jemand ertrinken wollte.

Nach einer herrlichen Fahrt von zwei Stunden langten die Reisenden vor einem großen, großen Gebäude mit zwei Türmen und vielen hundert Fenstern an. Franischko wurde von einem dicken, alten, gutmütigen Herrn begrüßt und bekam von ihm wieder ein schönes lichtes Kämmerchen angewiesen, in welchem ein Bett, ein Stuhl und sogar ein Tisch stand. Franischko hätte tanzen können vor Freude.

Die nächsten Wochen vergingen dem Franischko wie ein Traum. Er durfte ausruhen wie ein Bischof und bekam dennoch sein Essen so pünktlich und so reichlich, als ob er bis spät in die Nacht gearbeitet hätte. Und einen schönen ganzen Anzug bekam er, den er jeden Tag tragen durfte und in welchem er aussah wie andere Leute auch und nicht auf den ersten Blick als Slowake zu erkennen war. Und am Sonntag durfte er in die Kirche gehen mit allen anderen Bewohnern des Schlosses. Und weil er der Predigt nicht zu folgen vermochte, trotzdem der bleiche Pater auf der Kanzel sehr heftig schrie und mitunter sogar auf die Brüstung schlug, daß es klatschte, betete er von Zeit zu Zeit ein Vaterunser und dachte: Anders kann es der Prediger ja doch nicht meinen.

Noch ein Vergnügen gewährte das Schloß seinen Bewohnern. Nach dem Mittagessen wurde Franischko in den Hof hinuntergeführt, damit er da eine Stunde lang spazierenginge. Spazierengehen! Der Franischko lachte. Wenn die Mamka das wüßte, daß der Franischko spazierengeht. Die Mamka glaubt, daß nur Königinnen und Fürstinnen, wenn sie alt geworden sind und nicht mehr die Wirtschaft führen können, spazierengehen. Und jetzt geht Franischko auch spazieren.

Der Herr des Schlosses sorgt aber auch für alles. Damit Franischko die lange Weile nicht quäle, gibt man ihm einen ganzen Haufen alter Mausefallen in seine Kammer, und daran darf er in aller Langsamkeit herumflicken nach Herzenslust.

Der Franischko mußte an seine Eltern denken, und es ward ihm wehmütig zu Sinn. Wie mußte sich der brave Tatko quälen, wie mußte er ruhelos durch die weite Welt wandern und wie mußte daheim die gute Mamka schaffen ohne Rast und hatten es nicht so gut wie ihr vom Glück verwöhntes Söhnchen.

Eins tat dem Franischko leid. Wenn er des Mittags spazierenging in seinem schönen gestreiften Gewande, so begegnete er vielen seiner Hausgenossen und sah ihrer noch mehr im Nachbarhofe, wenn einmal das Tor dazwischen geöffnet wurde. Aber die meisten dieser seiner Kameraden mußten ein recht undankbares Gemüt haben, denn sie blickten böse und verdrossen einander an. Franischko machte ein um so vergnügteres Gesicht, um den Hausbeamten zu zeigen, daß er die erwiesene Wohltat zu schätzen wisse.

So vergingen Wochen, ohne daß das gute Leben im mindesten nachgelassen hätte. Franischko gewöhnte sich allmählich daran, seine Zukunft auf dieses Schloß zu gründen. Oder auch wollte er – wenn es nicht anders sein konnte – wieder auf die Wanderschaft gehen, nur einige Monate im Jahr müßten ihm gesichert bleiben in diesem schönen milden Schlosse.

Eben an dem Tage, an dem die vierte Woche zu Ende ging, ereignete sich etwas Seltsames. Vom Nachbarhofe erklang über die Mauer herüber die Weise eines slowakischen Liedes. Franischko glaubte erst zu träumen, als er aber näher herantrat, hörte er deutlich das Lied, das eine wohlbekannte Stimme summte:

Goß es auch mit vollen Kannen,
Durch den dicksten Kot
Bin ich oft zu dir gegangen
Mit dem Morgenrot.
Doch aus deiner Bodenkammer
Kam ein andrer 'raus, o Jammer!
Und das ist mein Tod.

Oftmals hatte daheim die Baba gescholten, wenn der Onkel Juro das ungezogene Lied die Kinder lehren wollte, und wahrhaftig! – als das Tor jetzt aufging, konnte Franischko den Kopf des langen Juro im anderen Hofe erkennen. Doch schon wurde das Tor wieder geschlossen. Franischko aber schrie aus Leibeskräften: »Juro, Juraschek! Der Franischko ist auch da, komm herüber!« Der Beamte trat heran und verbot solchen Unfug. Umsonst suchte der Franischko ihm seine Freude begreiflich zu machen. Umsonst erhob er nochmals seine Stimme und rief nach dem Juro; der Beamte verbot ihm das weitere Spazierengehen und schloß ihn in seine Kammer ein.

War es denn etwas so Böses, daß der Franischko nach seinem Onkel gerufen hatte? Konnte der liebe Gott es zugeben, daß man ihn dafür so unerbittlich streng bestrafte? Am folgenden Morgen nämlich wurde Franischko vor den dicken gutmütigen Hausherrn geführt, er mußte seine schönen ganzen Kleider ablegen, seine alten Lumpen anziehen, erhielt sein Warenbündel und einige Kreuzer, dann wurde er vor das Schloßtor geführt und durfte nicht wieder zurückkehren. Franischko rief weinend, er werde es gewiß nicht wieder tun, man möchte ihn nur dalassen. Aber der Beamte sagte barsch, daß Franischko nicht länger als vier Wochen bleiben sollte.

Franischko warf sich ins Gras und schluchzte lange und bitterlich. So war es von der Vorsehung bestimmt, daß der arme Franischko in das Schloß des Wohllebens nicht zurückkehren konnte.

Wenige Wochen später war die Zeit gekommen, in welcher Franischko für eine längere Rast nach Hause kommen durfte. Drei lange Winter war er fort gewesen.

War das eine Freude! Nichts hatte sich verändert, nur die Mamka war arg älter geworden.

Franischko hatte viel zu erzählen, und nicht nur die Mamka, sondern auch seine ehemaligen Spielgenossen horchten aufmerksam auf die Berichte des kleinen Wandersmann. Nur bei einer Geschichte schüttelten sie alle ungläubig die Köpfe und nannten ihn einen Lügner, und die Baba schaute ihn so seltsam, gar so seltsam an; – das war, wenn Franischko von dem herrlichen Schlosse erzählte, in welchem er, der Franischko, einen ganzen Schlafsaal für sich allein gehabt habe und Essen und Trinken, soviel er wollte, und einen dicken, freundlichen Hausherrn und einen großen, großen Platz zum Spazierengehen. Als er einmal noch hinzufügte, daß er mit einem schönen großen Wagen in das Schloß abgeholt worden sei, da wollte es selbst die Mamka nicht glauben. Und Franischko mußte zum Beweise der Wahrheit erzählen, was er bisher aus Scham verschwiegen hatte. Er habe das fürstliche Schloß verscherzt, weil er zu laut nach dem Onkel Juro gerufen habe. Der lange Juro sei auch dagewesen und wenn der erst wiederkomme, werde es sich schon zeigen, ob der Franischko gelogen habe. Immer befremdeter wurden die Blicke der alten Baba, als sie vom langen Juro hörte, der auch im Schlosse gewesen.

Im Herbste, bevor noch Franischko wieder in die Welt hinauswanderte, erschien eines Tages, müde und krank, der lange Juro im Dorfe. Froh begrüßte ihn der Franischko und schleppte seinen Zeugen in das Haus der Baba. Die Baba teilte dem langen Juro mit, daß der Franischko ganz wunderlich aus der Welt zurückgekehrt sei; er trage ein märchenhaftes Bild von einem Schlosse des Glücks im Kopfe herum, von einem Aufenthalte der Seligen, wo man ernte ohne zu säen, wo man leben und satt werden dürfe, ohne unter der Arbeit zusammenzubrechen. Und der lange Juro solle auch dagewesen sein. Und die Baba nickte dem Juro traurig fragend zu.

Der lange Juro bestätigte dumpf alle Erzählungen des Kindes. Als aber der Franischko triumphierend zu seinen Spielgenossen geeilt war und der Onkel mit der Baba allein blieb, sagte er: »Ihr wißt, er hat gesessen. Aber sagt es ihm nicht.«

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