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Vom armen Franischko

Fritz Mauthner: Vom armen Franischko - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
titleVom armen Franischko
authorFritz Mauthner
year1994
publisherOberon Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-925844-08-2
pages5-98
created19991226
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Wie der Franischko seine Weihnachten feierte

Zum dritten Male, seitdem Franischko das väterliche Haus verlassen, um in der weiten Welt sein bescheidenes Stückchen Brot zu finden, war der Winter ins Land gekommen. Zum dritten Male wurde das Weihnachtsfest gefeiert.

Franischko wurde von Tag zu Tag trauriger, wenn er an den heiligen Abend dachte. Diesen mit seinen Kameraden beim Majster zu verbringen, vermochte der kleine Franischko nach den Erfahrungen des letzten Weihnachtsabends nicht. Damals hatte der Majster allen ihre kleinen Ersparnisse abgenommen und dafür gestattet, den heiligen Abend im häuslichen Kreise bei üppigem Gelage zu verbringen. Da war es aber dem Franischko schlecht ergangen. Gegessen hatten sie allerdings gut in des Majsters Keller, das muß wahr sein. Aber nachher hatten sie schmutzige Lieder gesungen und dem sich sträubenden Franischko schrecklichen Branntwein in den Hals gegossen. Nein, lieber kam der Franischko den ganzen Tag und die ganze Christnacht nicht nach Hause, als daß er dort die Sünde und das Trinken lernte.

Hart war es freilich, daß in der ganzen großen Stadt niemand, niemand war, dem Knaben etwas zu Weihnachten zu schenken. Er verlangte ja nicht so reiche Gaben, wie die Mamka daheim durch geheimnisvolle Hilfe zu spenden wußte: ein halbes Schock Äpfel und ein ganzes Schock Nüsse – aber nach einem guten Menschenkind sehnte sich der Knabe, das ihm nur einen roten Apfel und zwei krachende Nüsse in die Tasche steckte und dazu sagte: Das hat dir das Christkindl gebracht.

Seine Wohltäterin vom vorigen Winter, die schöne gute Marischa, hätte wohl auch jetzt ihres kleinen Freundes nicht vergessen; aber die hatte ihren Geliebten geheiratet und war mit ihm und ihrer Mutter eines Tages aus dem großen Hause fortgezogen. Niemand hatte acht, dem Franischko den Weg zu der neuen Wohnung zu zeigen, und so kam es, daß der Knabe die schöne Marischa nicht wieder auffinden konnte. Nur noch ein einziges Mal war sie in einem offenen Wagen an ihm vorübergefahren; Franischko hatte sich sofort neben sie auf den Tritt geschwungen und hatte sie von hier aus überglücklich angelacht, trotzdem der Kutscher ihn zornig mit der Peitsche behandelte. Da ließ die schöne Marischa halten, reichte dem Knaben ein Geldstück und nannte ihm eine Straße und eine Hausnummer, wo er sie finden könnte. Ja, wer die Buchstaben und die Ziffern der Straßen zu lesen verstünde! Er sah Marischa nicht wieder.

Seit dem frühen Morgen schlenderte Franischko heute müßig in der unruhigen Stadt umher. Seinen Warenhaufen hatte er nur deshalb mitgenommen, weil er sich vor dem Majster fürchtete. Wer kaufte heute eine Mausefalle? Die unzähligen Händler, welche mit ihren Eß- und Spielwaren die Märkte besetzt hielten, betrachteten es auch als selbstverständlich, daß man heute nur für den Weihnachtsabend Einkäufe machte, und suchten sogar den armen Slowakenbuben als Käufer zu locken. Franischko verwahrte zwar einige Groschen in der Tasche, aber das war ja keine Weihnachtsfreude, wenn man sich selber beschenkte.

Wenn das Sehen das Schönste wäre, dann hätte Franischko allerdings einen Weihnachtstag erlebt, von dem sich zu Hause im Dorfe und in der Stadt Trenschin niemand etwas träumen ließ. Selbst der gelehrte Herr Pfarrer hätte nicht sagen können, wozu all die tausend Dinge zu brauchen waren. Und doch wurde alles, alles verkauft. Was doch die Kinder in der Stadt klug sein mußten!

Die erstaunlichsten, unerhörtesten Dinge nahmen sie mit Kennermiene in die Hand und hantierten mit ihnen wie mit Bachkieseln.

Da war unter anderem ein Stück zu sehen, welches Franischkos Neugierde ganz besonders spannte. Es war eine schöne blanke Mausefalle, in welcher eine kleine graue Maus ganz still hockte. Wenn die vornehmen Kinder die Mausefalle öffneten, blieb das Tier ruhig sitzen, ließ sich herausnehmen, streicheln und hin- und herwerfen, und wenn man es auf die Erde setzte, so lief es wohl schnurrend eine kleine Strecke weit, blieb dann aber stehen und ließ sich geduldig wieder in die Falle tun. Das wäre erst das rechte Vergnügen, für so künstliche Mäuse Fallen zu fertigen.

Wem von beiden der Franischko wohl selbst ähnlich ist? Dem künstlichen Tierchen oder dem lebendigen? Sein Majster hielt ihn wohl für so ein Ding aus Pappe, das er nach Gutdünken laufen ließ, so weit und so viel er wollte. Doch im Innern fühlte sich der Franischko auch so von sich selber bewegt, wie die lebendige Maus, und wäre am liebsten um sein armes Leben auf und davon gelaufen, weit weg, wo ihn der Majster nicht einholte. Aber der Franischko saß in der Falle. Und aus seinem eigenen jämmerlichen Zustande schloß er zurück auf den Kummer einer Maus, die sich eigentlich von selber bewegen konnte und doch gefangen saß. Da nahm der Franischko sich vor, von nun an in allen Mausefallen, die er verfertigte, einen der Drähte ganz lose zu lassen, damit die gefangenen Mäuse Gelegenheit hätten, wieder zu entschlüpfen. Das waren nun christliche und festliche Gedanken, aber sie konnten dem Franischko seinen Anteil an dem allgemeinen Weihnachtsglück nicht ersetzen. Er wäre beinahe wieder gern in den dunklen Keller seines Majsters zurückgekehrt, um nur nichts mehr von all den Herrlichkeiten sehen zu müssen, von welchen ihm doch nicht eine Nadel vom kleinsten Tannenbaum gehörte. Aber wie ein Zauber hielt ihn das Treiben der festlichen Menschen gebannt. Der Nachmittag war schon hereingebrochen, die Sonne senkte sich matt hinter den schneebedeckten Dächern, ein dünner Pulverschnee rieselte herab, das Gewoge auf den Straßen ließ aber noch immer nicht nach und noch immer gab es Neues und immer wieder Neues anzustaunen. Erst als es anfing dunkel zu werden und die Händler eiliger ihre Waren ausriefen und ihre niedrigsten Preise nannten, besann sich Franischko so recht auf das Leid, das ihn seit dem Morgen drückte. Er schlich sich traurig davon.

Die Verkäufer auf dem Markte, welche so viele Stunden fürs liebe Brot gefroren hatten, waren gewiß keine reichen Leute. Aber jetzt brachen sie ihre Buden ab, liefen mit ihrem Erlös nach Hause und feierten fröhlich ihren Weihnachtsabend. Sie waren fleißig gewesen, dafür wurden sie nun auch von alt und jung beschenkt. Und beschenkten zu Hause ihre eigenen Kinder. Ein Geschenk, ein Geschenk! und wäre es nur ein Flitter Goldpapier! Es tut heute so wohl, sich etwas schenken zu lassen.

Franischko war bis zu einer Brücke gelangt, welche über den Kanal führte. Da stand ein blasses frierendes Mädchen hinter einem Tischchen mit goldenen Schweinchen und Schäfchen und flehte die Vorübergehenden an, ihm doch ein Glückstier abzukaufen, damit es rechtzeitig zur Bescherung zu Hause wäre. Es war ein Bild des Jammers, wie das schlecht gekleidete Kind mit roten Augen von einem Bein aufs andere hüpfte, um sich zu wärmen, und dabei immer ungeduldiger nach dem Himmel blickte, der sich im Osten dunkler und dunkler färbte.

Doch Franischko wußte, daß es noch ärmere Kinder gab; das Mädchen mußte freilich seine Eltern ernähren helfen – und das tat weh im Winter –, aber dafür durfte es mit dem erworbenen Gelde zu seiner Mamka gehen und bekam am heutigen Abend etwas – etwas geschenkt.

Und nun war wie mit einem Überfall die Nacht hereingebrochen. Plötzlich verschwanden die eiligen Leute von den Straßen und das Glück begann in tausend und tausend Wohnungen hinter verschlossenen Türen umherzuhuschen. Nur das Elend war noch auf der Straße.

Und jetzt – drüben im großen Eckhause, oben, hinter dem zweiten Fenster – das erste Wachslicht am ersten Christbaum! Die Augen Franischkos schwammen in Tränen, es würgte etwas in seiner Kehle, aber er weinte noch nicht.

Das Mädchen mit den goldenen Schweinchen brach in lautes Schluchzen aus, als jetzt rechts und links die Fenster sich erleuchteten. Da merkte auch Franischko, wie traurig es auf der Straße wäre, und fing bitterlich zu weinen an. Das Mädchen hatte noch vier Schweinchen vor sich stehen und rief unaufhörlich: »Die letzten vier Schweinchen für fünf Dreier.«

Die beiden Kinder waren nicht allein. Ein großer Herr, den ein dicker, schwarzer Pelz bedeckte, stand auf der Brücke. Wie der Franischko die Augen sah, mit denen der Herr in die dunklen Fenster des nächsten Hauses starrte, da hatte er Mitleid mit den traurigen Augen. Wer mochte dem Herrn gestorben sein?

Da kam dem Franischko ein festesfroher Einfall. Er suchte fünfzehn Pfennige hervor, legte die vielen Kupferstückchen stumm dem Mädchen auf den Tisch und nahm dafür die goldenen Schweinchen an sich. Drei davon versenkte er in die Tiefe seines Quersackes, mit dem vierten Schweinchen aber näherte er sich zuversichtlich dem Herrn, zupfte ihn am Pelz und sagte: »Da, gnädiges Herr, sull ich bringen guldnes Schweinchen vum Christkindl für gnädiges Herr.«

Mit diesen Worten drängte das Kind das Spielzeug in die Pelztasche des Herrn und wollte fortspringen. Der Fremde jedoch, der im ersten Augenblicke mit wirrer Miene aufgefahren war, hielt den Knaben fest und ließ sich von ihm seine wunderliche Tat erklären. Der Knabe konnte nichts anderes sagen, als daß der Herr sehr traurig ausgesehen habe, und daß alle Traurigkeit am Weihnachtsabend vorüber sei, wenn eine gute Seele einem etwas schenke.

»So hältst du es für den größten Schmerz, unbeschenkt zu bleiben, du glücklicher Knabe? Und ich – die Stube ist leer, das Fenster ist dunkel!«

»Bitt' ich, gnädiges Herr«, sagte Franischko schlau. »Ise sich viele Franischko auf Straßen, was haben große leere Taschen und haben Mamka und Tatko weit weg. Bitt' ich, gnädiges Herr, schenk mir auch was.«

Der Fremde schaute den Knaben mit bitterem Lächeln an, dann sagte er: »Geh mit!«

Während sie dem nahen Hause zuschritten, dachte der Fremde, wie es doch gut sei, daß der närrische Slowakenjunge ihn aus seinem düsteren Brüten herausgerissen habe. Einen hungernden Slowakenbuben zu beschenken, das könnte zwar das Verlorene nicht ersetzen, aber wenigstens wurde jemand beschenkt, wenn auch nur ein habgieriger schlauer Knabe. Und es sollte für diesen eine fröhliche Bescherung werden.

Der Franischko aber dachte zur selben Zeit: Das waren freilich nicht die rechten Weihnachten, wenn ihm so ein jämmerlicher, todtrauriger Herr etwas schenkte. Aber da der Herr sich danach sehnte, etwas zu schenken, so wird es ihm Freude machen. Und der Franischko wird schon lustig sein dem traurigen Herrn zuliebe.

Als der Fremde in seiner Stube Licht machte, vergaß freilich Franischko für ein Weilchen alles andere. Was waren da für Herrlichkeiten aufgehäuft! Es waren soviel Trompeter, Soldaten und Gummibälle da, daß in dem Berg von Herrlichkeiten die Äpfel, Nüsse, Pfefferkuchen gar nicht recht zur Geltung kamen. Mitten auf dem Tisch standen die Bilder einer jungen Frau und eines Kindes. Der Hausherr brachte sie mit einem letzten düsteren Blick ins Nebenzimmer, dann kam er mit einem bleibenden Lächeln herein, setzte sich mit Franischko an den Tisch und ließ ihn essen und trinken.

Dem guten Franischko war es anfangs nicht ganz geheuer unter all dieser Trauerherrlichkeit. Aber er faßte sich ein tapferes Herz, schmauste um so wackerer, je besser es ihm schmeckte, und wurde darüber allmählich so wirklich lustig und übermütig, daß er seinen Wirt durch slowakische Tänze und Lieder aus seiner Schwermut weckte, dann auf der Trompete blies, die Schaukelpferde versuchte und die Soldaten in Reih' und Glied aufstellte. Der Wirt sah lange teilnahmslos zu und lächelte nur oft dem wilden Knaben zu. Endlich aber machte ihm die Freude seines Gastes doch auch Spaß und er ertappte sich am Ende sogar auf einem guten Lachen.

Als der Diener, welchen der Hausherr für den Abend beurlaubt hatte, gegen Mitternacht nach Hause kam, war er aufs höchste überrascht, seinen Herrn und einen armen Slowakenjungen in behaglicher Weihnachtsstimmung anzutreffen.

Nun war es aber Zeit, schlafen zu gehen. Der Wirt begab sich mit einem herzlichen »Gute Nacht« in sein Schlafzimmer und wies dem Slowaken ein Sofa für die Nacht an. Am nächsten Morgen sollte der Diener den Knaben nach Hause bringen und ihm die hundert Geschenke tragen helfen; denn es verstand sich von selbst, daß die ganze Weihnachtsbescherung dem Franischko gehörte.

Franischko belastete lange mit zärtlichen Fingern den weichen Samt des Sofas. Dann kroch er auf die Erde herab, wickelte sich in den Teppich und schlief vergnügt ein. Der Morgen dämmerte kaum, als Franischko erwachte. Anfangs verwirrte ihn seine ungewohnte Umgebung; als er sich aber des gestrigen Abends vollständig erinnerte, legte sich ein breites Lächeln über seine Züge. Und damit er nicht laut auslachte, biß er gleich in den großen, gesprenkelten Apfel ein, von dem er die ganze Nacht geträumt hatte. Dann füllte er seine Taschen und den großen Quersack bis an den Rand mit den schönsten Äpfeln und Nüssen und trollte sich leise.

Im Vorzimmer traf er den schlaftrunkenen Diener. »Halt, Krowat«, rief dieser ihn mit einem groben Scherz an. »Wo hinaus? Was trägst du alles mit fort?«

»St!« machte Franischko, indem er mit der Hand schüttelnd dem Diener die lauten Reden wehrte. »St! Hat Franischko fuppt gnädiges Herr. Hat gnädiges Herr glaubt, daß schmeckte Franischko so gut wie bei Mutterle. War aber alles Fupperei. Bitt' ich, gute Fupperei! Hat gutes gnädiges Herr großmächtige Freude gehabt über lustiges Franischko.«

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