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Vom armen Franischko

Fritz Mauthner: Vom armen Franischko - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
titleVom armen Franischko
authorFritz Mauthner
year1994
publisherOberon Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-925844-08-2
pages5-98
created19991226
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Wie der Franischko das Schreiben lernte

Frühmorgens, um fünf, um vier Uhr, wenn die Bewohner Berlins ihren tiefsten Schlaf schlafen, wandern alltäglich die schwerbeladenen Slowakenjungen durch öde Straßen der Hauptstadt. Draußen hinter Rixdorf, in den elenden Kellern baufälliger Häuser, haben sie für die Nacht eine Unterkunft gefunden. Ihr Majster gibt ihnen wohl des Abends ein Stück trockenen Brotes und des Morgens einen ziemlich braunen und warmen Abguß irgendwelchen Wurzelwerks, dann aber müssen sie hinein in die Stadt, müssen da von Haus zu Haus ziehen, ihre Blech- und Drahtwaren anbieten, alle Treppen steigen, die drohenden Blicke der Polizeibeamten, die Scheltworte der Dienstmädchen, die Püffe der Straßenjungen ertragen, müssen in der fremden Sprache feilschen und betteln, müssen wandern Sommer und Winter von früh bis spät und müssen froh sein, wenn des Abends der Erlös nicht gar zu klein ist. Der strenge Majster könnte sonst wohl zornig werden.

Wir erkennen den kleinen Franischko. Er hat schon öfter auch an unserer Tür gestanden und er ist von seinen Kameraden leicht zu unterscheiden. Wohl kennzeichnen auch bei ihm die vollen Lippen, der breite Mund, die stumpfe Nase, das straffe Haar den Slowaken. Doch das kindliche Gesicht wird gefällig, ja in manchen Augenblicken schön durch die großen dunklen Augen, welche unaussprechlich traurig und sehnsuchtsvoll in die Welt hinausschauen.

Ja, wenn es schon Winter wäre! Dann ist es zwar bitter kalt in den schlechtgeflickten Lumpen, die ihn kleiden sollen, aber dann ist der Frühling nicht mehr weit, und im Frühling, zu Ostern, da ist alles Weh der Welt vergessen, da kehrt er heim zu seiner Mamka nach Trenschin; er bringt dem Tatko viel, sehr viel Geld, vielleicht achtzig Gulden mit, und zu Hause darf er dann wochenlang ausruhen, die warmen Suppen der Mamka essen und die mißhandelten Füße ausheilen lassen. Und wenn das Glück gut will, so nimmt auch im nächsten Frühjahr der Nachbar Mischo ihn mit zu den Pferden und der Franischko wird sich auf den Pferderücken schwingen und auf dem Füllen sich über die Weide tummeln, wie die schnellste Welle der Bistricza durch die Stromschnellen jagt.

Und der Winter kam. Ein grimmiger Winter, so daß im Keller beim Majster, wo doch dreizehn Slowaken im engsten Raume gar warm beieinander lagen, das Wasser im Eimer erfror. Mit starren Gliedern langte der arme Franischko mehr als einmal in der Stadt an und gelähmt, weinend vor Hunger und Frost, kehrte er abends zurück. Er glaubte schon, er werde die künftigen Ostern nicht mehr erleben. Da fand er ganz unerwartete Hilfe.

So stellte sich Franischko fortan die Engel im Himmel vor, wie die junge Dame aussah, die ihm eines Tages einen Topf voll köstlicher heißer Suppe reichte und ihm erlaubte, täglich wieder zu kommen und sich in dem warmen Korridor zu beleben. Die Mutter dieser Dame war gewiß auch eine gute Frau, denn sie fragte oft, ob Franischko auch satt sei oder ob er noch etwas wolle, und ließ ihm bald gebratenes Fleisch, bald ein prächtiges, fettes Gemüse hinausschaffen. Aber wenn die Tochter nur an ihm vorüberstreifte und ihn mit ihren klaren Augen mitleidig ansah, dann war das noch viel mehr wert, als das schönste Rindfleisch. Und Rindfleisch war doch ein Leckerbissen, den der Franischko das letztemal vor nun drei Jahren zu kosten bekommen, als die Mamka im kleinen Lotto gewonnen hatte.

Jetzt begann ein neues Leben für Franischko. Vor dem Schlafengehen sprach er immer noch ein Vaterunser. Er wußte schon für wen. Des Morgens eilte er allen Kameraden voran, um bald in der Nähe des stattlichen Hauses zu sein, welches sein guter Engel bewohnte.

Franischko merkte zwar weder den Namen der Straße noch die Nummer des Hauses, denn er konnte nicht lesen, aber er wußte es dennoch genau zu finden. Wenn man von den äußeren Straßen über die schöne neue Brücke hinweg auf den großen Platz kam, so führte von dort aus die lange, fürchterlich lange Straße mit ihren dreihundert hohen Häusern durch die ganze Stadt. Aber in dieser Straße, in welcher mehr Menschen zu wohnen schienen, als im ganzen Trenschiner Komitat, gab es nur ein Fenster, hinter welchem ein rotgrüner Papagei »Marie« schrie. Hinter diesem Fenster, in einem niedrigen, aber mächtig breiten Hause, wohnte sein guter Engel.

Das mußte wohl eines der ältesten Häuser der langen Straße sein, denn es war darin nicht so abscheulich eng und unheimlich, wie in den turmhohen neuen Gebäuden. Es wohnten auch nicht so vielerlei Leute zusammen, von denen immer eine Partei den Franischko fortjagte, wenn die andere ihm was Gutes gönnen wollte. Schon die Treppen waren einladend breit. Und der Knabe durfte bis in das erste, lichte Vorzimmer eindringen. Sein Plätzchen war zwischen den hohen Schränken dicht beim Fenster, von wo aus man auf den Hof und bis in den Garten blicken konnte.

Dieses große Vorzimmer, in welchem Franischko jetzt täglich beinahe eine Stunde zubrachte, wurde für den armen Knaben eine neue Welt, von deren Herrlichkeiten er früher nur wenig geträumt hatte. Der schöne Engel selbst – Franischko erlauschte bald so viel, daß er Marie hieß – ließ sich häufig sehen und erwiderte freundlich den demütigen Segensruf des Knaben. So schön wie sie war keine der Heiligen in der Kirche von Trenschin. Und da der liebe Gott sie schöner gemacht hatte als alle Heiligen des heimischen Himmels, so war es gewiß kein Unrecht, daß der arme Franischko sich gewöhnte, sie mit einigen Worten seiner Muttersprache zu begrüßen, die nichts anderes bedeuteten als: »Heilige Marischa, bitt' für mich armen Sünder.«

Während Franischko in seiner Ecke sich für die empfangene Wohltat dankbar erwies, indem er bald einen schadhaften Topf kittete, bald die Blechgeräte der Küche ausbesserte, achtete er aufmerksam auf alles, was um ihn her vorging. Es gingen sehr viele Leute aus und ein, und nicht alle gefielen dem Knaben. Er glaubte sogar zu bemerken, daß auch in den Augen der gütigen Marie nicht einer dem anderen gleich sei, ja er fühlte es in seinem unerfahrenen Herzen, daß Marischa nicht recht zufrieden sei mit jedem der Besucher. Da war vor allem ein langer, schwarzhaariger Offizier, den Marischa gewiß nicht gern hatte, denn sie log sogar manches Mal, wenn er kam, und ließ sagen, daß sie nicht zu Hause sei. Und lügen darf man doch nur in der größten Lebensgefahr, hatte die Mamka den Knaben gelehrt.

Franischko gewann allmählich immer mehr die Überzeugung, daß der schwarze Offizier ein Feind der schönen Marischa wäre. Am Ende wollte er sie gar umbringen!

Im Hause seiner Beschützerin und ferne von ihr, auf den Straßen und zu Hause im dumpfen Keller dachte Franischko bald an nichts anderes, als wie er der schönen Marischa vergelten und sie vor dem drohenden Verderben retten könnte. Langsam reifte in seinem Kopfe ein Plan, der zwar sicherlich zum Ziele führten müßte, aber nicht ohne Schwierigkeit ins Werk zu setzen war.

Franischko wollte der schönen Marischa das geheimnisvolle C†M†B† auf ihre Stubentür malen, wie daheim der Herr Pfarrer es unter Gebeten auf Haustür und Stalltür schrieb zum Schutze gegen böse Mächte. Das Mittel war ebenso unfehlbar wie das Wort Gottes. Der Pfarrer hatte es der Mamka ausdrücklich gesagt. Nur schade, daß Franischko nicht schreiben konnte.

Nicht als ob Franischko keine Schule besucht hätte. Oh, darauf hielt der Ortsvorsteher daheim sehr genau. Aber es war eigentümlich gegangen mit dem Unterricht, den Franischko empfing. Sein erster Lehrer war ein Deutscher, ein guter Mann, der nur selten prügelte, den aber der Knabe nicht verstand. Trotzdem lernte Franischko recht viel bei ihm. Er konnte nach einem Jahr drei deutsche Gebete auswendig hersagen und wußte das große A sehr zierlich zu zeichnen. Als er zum großen B übergehen sollte, saß plötzlich ein anderer Lehrer an Stelle des deutschen, ein slowakischer Landsmann Franischkos, der ein halbes Jahr im Amte blieb, gar nicht streng war, und bei welchem Franischko das große A mit einem andern Schnörkel übte und das Vaterunser auf slowakisch auswendig lernte. Eines Tages war aber auch dieser Lehrer verschwunden und ein Ungar bemächtigte sich der Schulstube. Als dieser anfing, das große A mit einem noch schöneren Schnörkel zu lehren, das Vaterunser in ungarischer Sprache einzuüben, und die kleinen slowakischen Jungen mit seinem Haselstock systematisch bearbeitete, gaben die Knaben endlich ihre Lernversuche auf. Der Tatko erklärte, Franischko habe mit dem großen A allein schon sechs Schreibbogen verdorben, man verdiene nicht so viel Geld, um Papier für alle übrigen Buchstaben anschaffen zu können.

So war Franischko wieder aus der Schule gekommen. Nur unklar verfolgte ihn noch das große A wie eine Ahnung höherer Freuden, und wenn der arme, in die Fremde hinausgestoßene Knabe einmal so recht die Sehnsucht nach Heimat, nach Liebe, nach Ruhe im Herzen nagen fühlte, so fand man ihn wohl draußen hinter der Kellerwohnung des Majsters im Winkel sitzen, von wo er die Figur des großen A in den wechselnden Gestalten der Wolken suchte.

Jetzt aber brauchte er weitere, praktischere Kenntnisse.

Unter den Slowaken der Kolonie befand sich auch ein älterer Mann, ein halber Zigeuner, der rote Schtschefan, der zu zaubern verstand und auch schreiben konnte. Diesen ging Franischko mit der Bitte an, ihn die Buchstaben C, M und B zu lehren. Die Kreuze dahinter verstand er ohne Lehrer zu malen.

Schtschefan willigte ein und bedang sich nur aus, daß er für seine Mühe von Franischko während der ganzen Dauer der Lehrzeit dessen Abendbrot erhalte. Freudig ging Franischko auf diesen Vorschlag ein, und schon am folgenden Tage begann der Unterricht. Bevor die anderen aufbrachen, schlich sich Franischko zu seinem Lehrer. Die Wand des Hauses ersetzte eine Tafel, ein Stückchen Kreide oder Kalk war bald erbeutet. Mit Hilfe solcher Schreibgeräte erfüllte Schtschefan nicht ohne Kopfschütteln den Wunsch des Knaben, und in den folgenden Tagen konnten die Marktfrauen, welche gleichzeitig mit den Slowakenjungen zur Stadt kamen, bemerken, wie einer der Knaben nachdenklich, langsamer als die anderen des Weges kam, zu öfteren Malen stehenblieb, sich bückte und mit ausgestrecktem Zeigefinger oder mit einem Blechlöffel seltsame Zeichen in den feuchten Sand der Heide grub.

Inzwischen hörte Franischko nicht auf, von seinem Lauscherwinkelchen aus die Leute zu beobachten, welche der gütigen Marischa nahten. Die meisten gingen stolz an dem verachteten Knaben vorbei, als ob er nicht mehr als eine der Dielen des Bodens gewesen wäre. Sie hätten ihn vielleicht getreten, wenn er nicht abseits von ihrem Wege gesessen hätte.

Aber der Slowakenjunge vermochte von seinem Posten aus den Vorübergehenden tiefer ins Herz zu blicken als irgendeiner dachte. Er hatte freilich damit eine trübe Erfahrung gemacht. Während die Leute im Vorzimmer standen und den dichten, ach so warmen Winterrock ablegten, veränderten sich regelmäßig allmählich ihre Mienen, als ob sie nun Masken aufgesetzt hätten. Anfangs glaubte Franischko diese Veränderungen dem Glücke zuschreiben zu müssen, das ein jeder empfand, der mit der gütigen Marischa in deren Sprache reden durfte. Dann sah er aber, daß diese Leute ihr Lächeln immer aufsetzten, wenn sie gesehen wurden, auch wenn nur die Mutter oder das Dienstmädchen ins Vorzimmer heraustrat. Da merkte der kleine Franischko, daß außer ihm kein Mensch das wahre Gesicht der Leute schaute und daß es doch auch sein Gutes hätte, übersehen zu werden.

Außer dem schwarzen Offizier war es noch ein Mann, der Franischkos Neugier besonders lebhaft reizte. Es war ein noch junger Herr mit dunkelblondem Haupthaar und Vollbart, der in einem schlichten schwarzen Rock täglich zu derselben Zeit erschien und im Zimmer Marischas verschwand. Dann führten die beiden stets eine heilige Musik auf, so schön, so schön, wie von hundert Glocken, daß selbst die wunderbare Musik, welche Franischko einmal in der Mitternachtsmesse zu Weihnachten in einem katholischen Dom gehört hatte, wie eitel Vorbereitung dafür anzuhören gewesen wäre. Während die beiden musizierten, hätte der kleine Lauscher auch mit dem Papste nicht getauscht. Manches Mal schlugen die Töne zwar durcheinander auf ihn los, wie Hagelkörner im Donnerwetter. Dann aber wurde es plötzlich gar friedlich und es war als ob zwei Glocken miteinander sängen.

Franischko nahm an, daß die lieblichen hellen Töne von der gütigen Marischa, die tiefen Bässe von dem blonden Herrn gespielt wurden.

Auch dieser Blonde – den »Professor« hörte Franischko ihn nennen – veränderte sein Gesicht ein wenig, bevor er die Tür zu Marischas Zimmer öffnete. Aber die Veränderung war eine ganz andere, eine viel hübschere, als bei den übrigen. Da kam zum Beispiel mitunter ein alter Herr, er wurde Onkel genannt, der gähnte im Vorzimmer verdrießlich und trat dann freundlich lächelnd ein. Ein anderer zog gar den Taschenspiegel hervor und legte vor demselben sein Gesicht so zurecht, als wolle er vor Marischa eine geweihte Kerze anzünden. Ein dritter zwirbelte immer erst an seinem Schnurrbart und streckte seinen Rock zurecht. Kurz, Franischko bemerkte, wie ein jeder es sich angelegen sein ließ, in die Wohnung hübscher einzutreten, als er einen Augenblick früher im Vorzimmer erschienen war.

Nur der blonde Herr machte es umgekehrt. Wenn dieser das Vorzimmer betrat, so glänzte es aus seinen Augen wie stille Andacht, seine Wangen waren leise gerötet, sein Gang war rasch, beinahe lustig. Hier hielt er aber ein Weilchen inne, die Züge wurden ruhiger, die Augenlider senkten sich ein wenig, ernst und ruhig trat er in Marischas Zimmer ein und Franischko konnte noch hören, wie er sie ruhig mit eintöniger Stimme begrüßte. Wenn die beiden aber genug Engelsmusik gespielt hatten und der blonde Herr wieder fortging, dann leuchtete es aus seinen Augen wieder wie Sonnenschein. Da lachte Franischko bei sich und dachte: Das ist einer wie ich; der möchte vor Freude darüber, daß sie auf der Welt ist, für Marischa sterben, aber sagen tut er ihr's auch nicht.

Und darum haßte Franischko den schwarzen Offizier so sehr, weil dieser die schöne Herrin mehr belog, als alle anderen zusammen. Auch dieser kam nämlich häufig, brachte riesige Papierdüten mit Blumen mit und störte mitunter die Musik, daß ihn der Franischko vor Zorn darüber am liebsten mit seinem Drahte am Treppengeländer festgeschnürt hätte. Wenn dieser Mann ins Vorzimmer trat, war er anzuschauen wie der böse Teufel. Mit jedem Schritte aber schien er fröhlicher zu werden, und wenn er in Franischkos Heiligtum, das Zimmer Marischas, eintreten wollte, so machte er das lustigste Gesicht. Aber der Teufel saß noch immer mitten inne. Nach Franischko hatte der schwarze Offizier einmal mit der Reitpeitsche geschlagen, als er ihn auf der Treppe traf, und auch das Dienstmädchen, wenn es in seine Nähe kam, kniff der schlechte Mensch heimlich oft so sehr, daß sie gewiß kaum einen Aufschrei unterdrücken konnte.

Täglich sah Franischko deutlicher, daß dieser Offizier der Todfeind Marischas sei. Als er aber gar ein großes Geheimnis entdeckte, daß nämlich der Schwarze mit einer Hexe verkehrte und mit ihr Anschläge gegen Marischa schmiedete, da wuchs seine Angst um die gütige Herrin aufs höchste.

Immer emsiger bemühte er sich nun bei seinen Schreibübungen. Schon waren fast vier Wochen vergangen und Franischko konnte sich erst auf sein C und M mit Sicherheit verlassen. Das B war noch nicht bestimmt vom C zu unterscheiden. Auch der blonde Herr mochte ein Vorgefühl kommenden Unglücks empfinden. Er war seit einiger Zeit traurig geworden und auch die Musik, welcher Franischko nach wie vor mit seligem Entzücken lauschte, war einigemal recht traurig. Und das Lächeln des Offiziers wurde allgemach so frech, daß es dem Franischko weh tat.

Eines Tages erschien der Offizier inmitten eines schönen Liedes, welches die beiden Glocken sangen. Er war viel glänzender gekleidet als sonst; die Papierdüte mit Blumen war auch übermäßig groß und sein Gesicht schien zu sagen: »Ihr sollt mir zum letztenmal zusammen gespielt haben.« Marischa und der Professor unterbrachen sich sonst nicht gleich, wenn der Offizier eintrat. Heute aber schienen sie beide peinlich überrascht zu sein, denn die Glocken hörten plötzlich auf zu spielen, als hätten sie Risse bekommen. Nach einer kleinen Weile ging der Professor vor der Zeit hinweg; er sah bleich und zertreut aus und überhörte zum ersten Male den Gruß des Knaben.

Der Offizier blieb nicht sehr lange. Als er ging und Franischko in seinem Gesichte lesen konnte – was stand da nicht alles!

»Auf morgen also!« hatte die Mutter ihm nachgerufen und »Auf morgen!« wiederholte jetzt der Offizier, indem er der Frau eine Kußhand zuwarf. Aber wie sah sein Gesicht einen Augenblick später aus! Siegeshoffnung war darauf zu lesen und doch zugleich Scham und Ärger. Wie ein böser Jäger sah der Offizier aus, der die Beute gesichert glaubt, und hämisch zusieht, während das Tier den letzten Kampf gegen die Meute wagt. Franischko begann zu zittern, als er allein war. Jetzt konnte er nicht länger warten, jetzt war Marischa in großer Gefahr und es war die höchste Zeit, daß der kluge Franischko sie durch seine Zauberzeichen schützte. Heute noch!

Alle Zaghaftigkeit war verschwunden. Eilig kehrte Franischko mit seinen Waren nach Hause zurück, ließ sich da von Schtschefan das große B noch ein letztes Mal vormachen, übte es einige Stunden lang und kehrte dann mit einem großen Stück Kreide nach dem Hause in der langen Straße zurück.

Hier achtete seiner niemand, als er in der frühen Dämmerung seinen gewohnten Platz im Vorzimmer einnahm. Damit er aber von allen unentdeckt bliebe, versteckte er sich hinter den großen Schrank, hinter welchem er schon oft, ungestört von den Leuten, die gingen und kamen, seine kleinen Mahlzeiten gehalten hatte.

Hier harrte er geduldig der Mitternachtsstunde, weil zu dieser Zeit der Zauber am kräftigsten war.

Es wurde allmählich stiller im Hause, die Lichter erloschen. Durch das hohe Fenster leuchtete der helle Schein von schneebedeckten Dächern herein und ließ deutlich die braune Tür erkennen, hinter welcher die gütige Marischa wohnte. Aber es schien, als ob Franischkos Geduld auf eine harte Probe gestellt werden sollte. Es wurde kühl, es wurde kalt in dem öden Raum, aber drinnen wollte das Gespräch zwischen Mutter und Tochter noch immer kein Ende nehmen.

Franischko schlich herzu, um die geweihte Stunde, welche die alte Uhr im Vorzimmer ihm angeben sollte, nicht zu versäumen. Nun hörte er die Gespräche zwischen den beiden Frauen, er verstand aber leider nicht so recht, was sie sagten.

»Sei vernünftig«, hörte er die Stimme der Mutter. »Du siehst, daß der Professor sich gar nicht um dich bewirbt; er fühlt den Abstand zwischen einer Tochter unseres Hauses und ihm. Das ist rechtschaffen von ihm. Überhaupt würde ich gegen den Professor gar nichts haben, wenn er eben unseresgleichen wäre. Du darfst nicht vergessen, daß es der Wunsch deines Vaters war, die beiden Linien des Hauses durch eure Heirat zu vereinigen. Wenn eure beiderseitigen Vermögen zusammen kommen, so werdet ihr reich sein. Was hast du überhaupt gegen Julius? Er ist hübsch, elegant, ein Kavalier...«

»Ich kann nicht, ich kann nicht, Mutter!« hörte Franischko die schöne Marischa bittend rufen, daß es ihm durch die Seele ging. »Ich kann nicht, Mutter. Wohl hat Hans noch nicht gesprochen und dennoch sind wir einig, schon lange einig.«

Nach einer kurzen Pause nahm die Mutter wieder das Wort.

»Ich will dich nicht überreden, Marie, vor allem will ich nichts übereilen. Es ist bald Mitternacht, beschlafe den Antrag. Gute Nacht!«

Dann war alles still.

Mit pochenden Schläfen stand Franischko an der Tür. Er glaubte, das Mädchen schwer atmen zu hören. Ängstlich begann er sieben Vaterunser für das Gelingen seines Werkes zu beten. Dann lauschte er wieder. Jetzt schlug es Mitternacht. Franischko zuckte zusammen, als sollte er entfliehen. Dann aber faßte er sich ein Herz, sprach ein kurzes Stoßgebet und ging an die Arbeit.

Auf den Fußspitzen stehend, hielt er sich mit der linken Hand am Pfosten fest, während die Rechte gewissenhaft die gelernten Schnörkel auf die Türfüllung malte. Es schien ihm unendlich lange zu währen. Er sah und hörte nichts mehr. Endlich war's vollbracht.

C†M†B†

stand deutlich in großen Zügen da und Franischko kam wieder zu sich.

Was war das? Weinte da nicht jemand? Wahrhaftig, man weinte drinnen; es war die schöne Marischa, die in ihrer Stube leise schluchzte, ganz leise, aber so wehvoll, als ginge es ans Leben.

Beim ersten Ton, den Franischko vernahm, liefen ihm schon die hellen Tränen über die Backen herunter. Als es ihm gar zum Bewußtsein kam, daß die schöne Marischa die Leidende war, da packte ihn ein wütender Schmerz, er stürzte nieder, warf das Gesicht auf die Schwelle und murmelte kaum verständlich unter ritterlichem Schluchzen: »Marischa, Marischa, nix wein! Armes Franischko stirb vor großer Schmerz, wann Marischa wein!«

Aber das Mädchen hörte nicht und immer herzbrechender tönte ihr leises Schluchzen zu ihm herüber. Da vergaß er, wer er war und wo er sich befand; er raffte sich auf, packte die Klinke, rüttelte heftig an der Tür und rief mit tränenerstickter Stimme: »Marischa nix wein! Pamboschko, liebes Gott ist schon auf das Tür.«

Zum Tode erschrocken rief das Mädchen: »Wer ist da?« und als nun auch schon die Mutter ängstlich herbeieilte, öffnete Marie beherzt die Tür.

Da Franischko seine Wohltäterin im weißen Gewande hoch aufgerichtet in der offenen Tür stehen sah, bedeckte er den Saum ihres Kleides mit Küssen und rief immer wieder: »Marischa, nix wein!«

Die Mutter hatte im ersten Schrecken nach der Klingel gegriffen. Das Mädchen aber bat, kein Aufsehen zu machen.

»Das arme Kind wollte gewiß nicht stehlen; es ist wohl in seinem Winkel eingeschlafen und mußte unfreiwillig bei uns über Nacht bleiben. Ist dem nicht so, Franischko?«

»Ise nix so«, antwortete Franischko mutig. »Hat armes Franischko wullt fortjagen Teuxel mit Pamboschko na nebi.«

Er deutete gleichzeitig auf die frischen Kreidestriche. Nun überwand die Neugier bald den Schrecken der Frauen. Franischko mußte in das Heiligtum eintreten – er rieb vorher heftig die nackten Sohlen an der Fußbürste – und sein seltsames Tun und Treiben erklären. Es dauerte lange, bevor die protestantisch erzogenen Frauen aus dem Kauderwälsch des Knaben seine Absicht begriffen.

Dann aber konnte sich selbst die Mutter nicht enthalten mit Liebe und Rührung auf den Knaben niederzublicken. »Also den Herrn Offizier hältst du für meinen Feind?« fragte Marie beinahe schelmisch.

»Franischko weiß ganz genau«, sagte der Knabe und erzählte, wie er immer aufmerken was für ein Gesicht die Leute im Vorzimmer machen. Franischko versuchte den Ausdruck zu schildern, den der Offizier mitunter annehme. Und da ihm dies mit Worten nicht gelang, so machte er plötzlich die Grimasse nach. Es war so viel Wahrheit in dem natürlichen Versuch, daß Marie laut auflachte. Dann schaute sie aber hilfeflehend auf ihre Mutter, welche kopfschüttelnd den Bericht angehört hatte.

»Franischko wissen noch was«, begann jetzt der Knabe geheimnisvoll. Er machte das Zeichen des Kreuzes, dann erzählte er: »Offizier lauft ofter zu alten Hexen. Ja, ise Hexe. Ise fruh, wann von mir Mausefallen kaufte, ise alte, graue und schrumplige, wie Mutterle hier. Dann hexte sie und kommt wieder, schön weiß und rot wie Fräule Marischa.«

Als die Frauen lachten, fuhr Franischko eifriger fort: »Weiß Franischko, daß nix gut dajtsch spricht. Aber kluge Auge! Kluge Ohre! Wu Ball war vor vierzehn Tag, hat Hexe wullt Fräule Marischa schlagen und Offizier hat gelacht, bitt' ich, hat gelacht.«

Die Frauen horchten auf. Vor vierzehn Tagen hatte ein Ballfest stattgefunden, bei dem auch Fräulein R..., eine stadtbekannte, nicht mehr ganz junge Dame, auf welche Franischkos Beschreibung nicht übel paßte, in einer auffallenden tiefroten Robe erschienen war und mit dem Leutnant viel getanzt hatte.

»Woher weißt du, daß sie mich schlagen wollte?«

»Hat Franischko gute Ohre. Hat Hexe geschrien, daß Offizier hat ihr gekauft etwas Rotes, weiß ich nix, ob Rober oder Rauber; aber Hexe will mit rotes Rauber Marischa schlagen. Hat gesagt« (und Franischko bemühte sich, die Stimme von Fräulein R... nachzuahmen): »Ist es lustik, Herr Lajtnant, daß zahlen mit ihrem Gelde Rauber, womit Frajlein Maari schlagen.«

»Und der Offizier?«

»Hat gelacht, bitt' ich, hat gelacht!«

Die beiden Frauen sprachen nicht mehr. Aber die Mutter ging auf Marien zu und küßte ihr innig die Stirn; sie lächelte und nickte wie im Einverständnis.

Franischko, dem das Weinen wieder nahe war, wurde nicht vergessen. Er erhielt ein Glas Wein und eine warme Decke und schlief den Rest der Nacht auf der Diele des Vorzimmers wie nie vorher in seinem Leben.

Mit den Ereignissen der folgenden Tage war Franischko gar wohl zufrieden.

Am Morgen kam der Offizier wieder, verließ aber schon nach wenigen Minuten grimmig das Haus; sein Gesicht sah zwar sehr böse aus, hatte aber keine Spur mehr von dem teuflischen Spotte, der den armen Franischko so sehr geängstigt hatte. Und dann kam der blonde Herr. Heute wurde gar nicht musiziert. Es wurde nur gesprochen. Aber dem kleinen Lauscher tat das gar nicht leid; denn plötzlich vernahm er einen frohen Ruf Marischas, der ihn sehr freute. Franischko ergriff auch zum Zeichen seiner Teilnahme den irdenen Topf, an dem er herumgebosselt hatte, und zerschmetterte ihn auf dem Boden.

Als dann Marie heraustrat und dem Knaben ihren blonden Bräutigam vorstellte, war der Professor darüber nicht wenig verwundert. Franischko lachte aber mit seinem ganzen Gesichte. Wenn's der Professor auch nicht wußte, sie waren doch gute Freunde. Sie hatten ja beide die schöne Marischa so lieb.

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