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Volkserzählungen, Märchen und Skizzen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen, Märchen und Skizzen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorLeo Tolstoi
titleVolkserzählungen, Märchen und Skizzen
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170422
projectid2fc745ae
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Gott sieht die Wahrheit, aber offenbart sie nicht gleich.

In der Stadt Wladimir lebte der junge Kaufmann Aksjonow. Er besaß zwei Kaufläden und ein Haus. Dem Äußern nach war Aksjonow blondlockig, hübsch, einer der lustigsten Burschen und ein guter Liedersänger. In seiner Jugend hatte er viel getrunken, und wenn er betrunken gewesen war, hatte er gerauft. Seitdem er aber geheiratet hatte, hatte er das Trinken aufgegeben, und es kam nur noch selten bei ihm vor.

Einst im Sommer fuhr Aksjonow nach Nischnij auf den Jahrmarkt. Als er sich von den Seinen verabschiedete, sagte seine Frau zu ihm:

»Iwan Dmitrijewitsch, fahr' heute nicht, ich hab' einen bösen Traum von dir gehabt.«

Aksjonow lachte und antwortete: »Du hast wohl Angst, ich könnte auf dem Jahrmarkt wieder zu trinken anfangen?«

Die Frau sagte: »Ich weiß selbst nicht, was ich fürchte; aber ich habe so böse geträumt. Mir war, als kommst du aus der Stadt zurück, und als du die Mütze abnimmst, sehe ich, daß dein Haar ganz grau ist.«

Aksjonow lachte: »Nun, das bedeutet Gewinn. Paß nur auf, wenn ich gute Geschäfte mache, so bringe ich teure Geschenke mit.«

Er nahm Abschied von den Seinen und fuhr fort.

Auf halbem Wege traf er einen bekannten Kaufmann und kehrte mit ihm zusammen zur Nacht in einem Wirtshause ein. Sie tranken zusammen Tee und legten sich dann in zwei nebeneinander liegenden Zimmern schlafen. Aksjonow liebte es nicht, lange zu schlafen. Er erwachte mitten in der Nacht, und um in der kühlen Morgenluft zu fahren, weckte er den Kutscher und befahl anzuspannen. Dann trat er in die Wirtsstube, rechnete mit dem Wirt ab und fuhr weiter.

Als er zirka vierzig Werst gefahren war, machte er wieder halt, um die Pferde zu füttern, ruhte im Flur des Wirtshauses ein wenig aus, ging um die Mittagszeit auf die Vortreppe hinaus und ließ sich den Ssamowar bringen, holte seine Gitarre hervor und begann zu spielen. Plötzlich kommt ein Dreigespann mit Schellengeklingel auf den Hof gefahren. Aus dem Wagen steigt ein Beamter mit zwei Soldaten, tritt an Aksjonow heran und fragt, wer er sei und woher er komme. Aksjonow beantwortet die Fragen der Wahrheit gemäß und bittet den Herrn, mit ihm ein Gläschen Tee zu trinken. Der Beamte aber dringt weiter mit Fragen in ihn: wo er die letzte Nacht geschlafen habe, ob allein oder mit einem Kaufmann, ob er den Kaufmann heute morgen gesehen habe, warum er so früh vom Hofe fortgefahren sei. – Aksjonow wunderte sich, warum er nach allem dem gefragt wurde, erzählte alles, wie es gewesen war, und sagte:

»Warum fragen Sie mich denn so aus? Ich bin weder ein Dieb noch ein Räuber. Ich reise in meinen eigenen Angelegenheiten, da gibt es nichts zu fragen.«

Da rief der Beamte die Soldaten herbei und sagte:

»Ich bin der Kreisrichter, und ich frage dich deshalb aus, weil der Kaufmann, mit dem du die letzte Nacht beisammen gewesen bist, ermordet wurde. Zeig' deine Sachen her! Und ihr, durchsucht ihn!«

Sie gingen ins Haus, nahmen den Koffer und den Reisesack und begannen sie aufzuschnüren und zu durchsuchen. Plötzlich zog der Kreisrichter ein Messer aus dem Sack und rief:

»Wessen Messer ist das?«

Aksjonow blickt hin und sieht, daß man ein blutbeflecktes Messer aus seinem Reisesack hervorgezogen hat, und er erschrickt.

»Wie kommt es, daß das Messer blutig ist?«

Aksjonow wollte antworten, konnte aber kein Wort hervorbringen.

»Ich ... ich weiß nicht ... ich ... das Messer ... das ist nicht mein.«

Da sagte der Kreisrichter:

»Heute morgen fand man den Kaufmann mit durchschnittener Kehle im Bett. Niemand außer dir kann den Mord begangen haben. Das Haus war von innen verschlossen und außer euch war niemand drinnen. Und nun ist das blutige Messer in deinem Reisesack, und auch deinem Gesichte merkt man deine Schuld an. Sprich, wie hast du ihn getötet und wieviel Geld hast du ihm geraubt?«

Aksjonow schwur zu Gott, daß er es nicht getan habe, daß er den Kaufmann nicht mehr gesehen, seitdem er mit ihm Tee getrunken, daß er nur achttausend Rubel eigenes Geld bei sich habe, und daß das Messer nicht ihm gehöre. Aber seine Stimme zitterte, sein Gesicht war bleich, und er bebte vor Schreck am ganzen Leibe wie ein Schuldiger.

Der Richter rief die Soldaten und ließ ihn binden und auf den Wagen bringen. Als man ihn mit gefesselten Füßen auf den Wagen legte, bekreuzigte Aksjonow sich und begann zu weinen. Man nahm ihm seine Sachen und sein Geld ab und führte ihn in die nächste Stadt ins Gefängnis. In Wladimir ließ man nachfragen, was Aksjonow für ein Mensch sei, und alle Kaufleute und Einwohner der Stadt sagten aus, daß er in seiner Jugend getrunken und ein lustiges Leben geführt habe, daß er aber ein guter Mensch sei. Dann hielt man Gericht über ihn. Er war angeklagt, den Kaufmann aus Rjasan ermordet und zwanzigtausend Rubel gestohlen zu haben. Die Frau grämte sich um den Mann und wußte nicht, was sie denken sollte. Ihre Kinder waren noch klein, eines hatte sie noch an der Brust. Sie nahm alle Kinder mit und fuhr in die Stadt, wo ihr Mann gefangen saß. Anfangs wollte man sie nicht zu ihm lassen, aber endlich erwirkte sie sich bei den Aufsehern die Erlaubnis, und man führte sie zu ihrem Mann. Als sie ihn in Sträflingskleidern und in Fesseln mitten unter Verbrechern erblickte, fiel sie zu Boden und konnte lange nicht zur Besinnung kommen. Dann stellte sie die Kinder vor sich auf, setzte sich neben ihren Mann und erzählte ihm von den häuslichen Angelegenheiten und fragte nach allem, was mit ihm geschehen war. Als er alles erzählt hatte, fragte sie:

»Was soll nun werden?«

Er antwortete: »Man muß eine Bittschrift an den Kaiser richten; es ist doch unmöglich, daß ein Unschuldiger zugrunde gehe.«

Die Frau sagte, sie habe schon eine Bittschrift an den Kaiser eingereicht, die Bittschrift sei aber gar nicht bis zum Kaiser gelangt. Aksjonow erwiderte nichts und ließ den Kopf sinken. Da sagte die Frau:

»Es war also doch nicht ohne Grund, daß ich damals, weißt du noch, im Traum gesehen habe, du seist grau geworden. Jetzt bist du vor Kummer wirklich grau. Du hättest damals nicht fahren sollen.«

Und sie begann sein Haar zu streicheln und sprach: »Wanja, Herzensfreund, sag' deiner Frau die Wahrheit; hast du es getan?«

Aksjonow antwortete nur: »Auch du glaubst das von mir?« verbarg das Gesicht in den Händen und weinte. Dann kam ein Soldat und sagte, die Frau mit den Kindern müsse jetzt fortgehen. Und Aksjonow nahm zum letztenmal Abschied von den Seinen.

Als die Frau fort war, überdachte Aksjonow, was sie gesprochen hatten. Bei der Erinnerung daran, daß auch die Frau ihn verdächtigt und gefragt hatte, ob er den Kaufmann ermordet habe, sagte er sich:

»Ich sehe, außer Gott kann niemand die Wahrheit wissen. Nur ihn muß ich um Hilfe bitten und nur von ihm Gnade erwarten.«

Und von da an hörte Aksjonow auf, Bittgesuche einzureichen, hörte auf zu hoffen und betete nur noch zu Gott.

Man verurteilte Aksjonow zu Knutenhieben und zur Zwangsarbeit. So geschah's auch. Er wurde gepeitscht und als die Wunden von den Hieben zugeheilt waren, wurde er mit andern Sträflingen nach Sibirien transportiert.

In Sibirien lebte Aksjonow sechsundzwanzig Jahre bei der Zwangsarbeit. Die Haare seines Hauptes waren weiß wie Schnee, und es wuchs ihm ein langer, dünner, grauer Bart. Alle seine Lustigkeit war verschwunden; er ging gebückt und langsam, sprach wenig, lachte niemals, betete aber oft zu Gott.

Im Zuchthause hatte Aksjonow gelernt, Stiefel zu machen. Für das verdiente Geld kaufte er sich die Legende der heiligen Märtyrer und las darin, wenn es im Zuchthause hell war. An den Feiertagen ging er in die Gefängniskirche, las im neuen Testament und sang auf dem Chor, – seine Stimme war noch immer schön. Die Vorgesetzten liebten Aksjonow wegen seines bescheidenen Wesens, und die Mitgefangenen achteten ihn und nannten ihn Großväterchen oder Gottesmann. Sollte um irgend etwas im Gefängnis gebeten werden, so schickten die Kameraden immer Aksjonow zu den Vorgesetzten. Und wenn es unter den Sträflingen Streit gab, so machten sie Aksjonow immer zum Richter.

Von daheim bekam Aksjonow keine Briefe, und er wußte nicht, ob seine Frau und seine Kinder noch am Leben waren.

Einst wurden neue Sträflinge ins Gefängnis gebracht. Am Abend versammelten sich alle die alten Sträflinge um die neuen und fragten sie aus, aus welcher Stadt oder aus welchem Dorf ein jeder von ihnen sei und für welche Tat sie verurteilt worden waren. Aksjonow saß ebenfalls aus der Pritsche neben den Neuen und hörte mit gesenktem Kopf auf ihre Erzählungen. Einer der neuen Sträflinge war ein großer, kräftiger Mann von etwa sechzig Jahren, mit grauem, geschorenem Bart. Er erzählte, weshalb er verbannt worden war. Er sagte:

»Wirklich, Brüder, ohne jeden Grund bin ich hierher gekommen. Ich habe einem Fuhrmann das Pferd vom Schlitten losgebunden, da faßte man mich und behauptete, ich hätt's gestohlen. Ich sage, ich wollte doch nur schneller vorwärts kommen, – und ließ das Pferd laufen. Und der Fuhrmann war sogar mein Freund. Ist alles in Ordnung, sage ich, – nein, antwortet man mir, du hast es gestohlen. Aber wo ich es gestohlen haben sollte, wußten sie selber nicht. Ich habe manches getan, wofür ich schon längst hätte hierher kommen müssen. Damals konnten sie mich nicht erwischen. Jetzt aber haben sie mich ungesetzlich hergeschleppt. Um die Wahrheit zu sagen, ich war schon einmal in Sibirien, habe aber den Besuch nicht lange ausgedehnt.«

»Woher bist du denn?« fragte einer der Sträflinge.

»Bin aus der Stadt Wladimir, dortiger Kleinbürger. Man nennt mich Makar, mit Vatersnamen Ssemjonowitsch.«

Aksjonow hob den Kopf und fragte: »Sag' mal, Ssemjonowitsch, hast du in der Stadt Wladimir nichts von den Kaufleuten Aksjonow gehört? Leben die noch?«

»Wie sollte ich nicht von denen gehört haben! Sind reiche Kaufleute, obgleich der Vater in Sibiren ist: scheint doch ebenso ein Sünder zu sein wie wir. Und du selbst, Großväterchen, was hast du angestellt?«

Aksjonow pflegte nicht gern von seinem Unglück zu sprechen. Er seufzte auf und erwiderte:

»Meiner Sünde wegen bin ich schon das sechsundzwanzigste Jahr bei der Zwangsarbeit.«

Makar sagte: »Ja, aber für welche Sünde?«

Aksjonow erwiderte: »Muß es wohl so verdient haben«, und wollte nichts erzählen. Die andern Sträflinge aber berichteten dem Neuling, wie Aksjonow nach Sibirien geraten war. Sie erzählten, wie jemand auf der Reise einen Kaufmann ermordet und das Messer in Aksjonows Sack geschoben habe und wie man ihn dafür unschuldig verurteilt hatte.

Als Makar das hörte, blickte er Aksjonow an, schlug sich mit den Händen auf die Knie und rief:

»Ist das ein Wunder! was für ein Wunder! Alt bist du geworden, Großväterchen!«

Man fragte ihn, worüber er sich wunderte und wo er Aksjonow gesehen habe. Makar aber antwortete nicht und sagte nur:

»Merkwürdig ist es, Freund, wo wir uns wiedersehen müssen.«

Und bei diesen Worten kam Aksjonow der Gedanke, ob dieser Mensch nicht wisse, wer den Kaufmann getötet hatte. Er sagte:

»Hast du vielleicht früher, Ssemjonowitsch, von dieser Sache gehört? Oder hast du mich einmal gesehen?«

»Wie sollte ich's nicht gehört haben, die Welt ist voll von Gerüchten! Aber es ist schon so lange her; was ich gehört hab', habe ich vergessen,« erwiderte Makar Ssemjonowitsch.

»Vielleicht hast du gehört, wer den Kaufmann ermordet hat?« fragte Aksjonow.

Makar lachte und sagte: »Ja wahrscheinlich hat ihn doch der ermordet, in dessen Sack man das Messer gefunden hat. Selbst wenn dir jemand das Messer untergeschoben hätte, – nicht gefangen, nicht gehangen: Und wie hätte man dir auch das Messer in den Sack schieben sollen? Er stand ja an deinem Kopfende. Da hättest du's doch gehört.«

Als Aksjonow diese Worte vernahm, kam ihm der Gedanke, daß dieser Mensch selbst der Mörder des Kaufmanns sei. Er stand auf und ging fort. Die ganze Nacht konnte Aksjonow nicht schlafen. Schwermut überkam ihn und allerlei Erinnerungen quälten ihn: bald sah er seine Frau, so wie sie damals gewesen war, als er sich vor der Reise zum Jahrmarkt von ihr verabschiedet hatte. Wie lebendig sah er sie vor sich, sah ihr Gesicht und ihre Augen, hörte ihre Stimme und ihr Lachen. Dann erschienen ihm seine Kinder, so klein wie sie damals gewesen waren; der eine im Pelzchen, der andere an der Mutterbrust. Und er erinnerte sich, wie er selbst damals gewesen war, lustig und jung; er gedachte dessen, wie er auf der Vortreppe des Gasthauses gesessen hatte, dort wo man ihn verhaftet hatte, wie er auf der Gitarre gespielt und wie froh es ihm ums Herz gewesen war. Und er erinnerte sich der Richtstätte, wo man ihn geknutet hatte, und des Henkers und des Volkes ringsumher und der Ketten und der Sträflinge, seines ganzen sechsundzwanzigjährigen Gefängnislebens und seines Alters. Da überfiel ihn eine solche Schwermut, daß er sich am liebsten etwas angetan hätte.

»Und alles wegen dieses Bösewichtes!« dachte Aksjonow; ihn überkam eine solche Wut auf Makar Ssemjonowitsch, daß er an ihm Rache nehmen wollte und wenn er auch selbst dabei zugrunde ginge. Die ganze Nacht sprach er Gebete, konnte sich aber nicht beruhigen; am Tage ging er nicht in Makars Nähe und blickte ihn nicht an.

So vergingen zwei Wochen. Nachts konnte Aksjonow nicht schlafen und die Schwermut quälte ihn so, daß er nicht wußte, was beginnen.

Einst in der Nacht ging er im Gefängnis umher und bemerkte, daß unter einer Pritsche Erde aufgeworfen wurde. Er blieb stehen, um genau hinzuschauen. Plötzlich sprang Makar Ssemjonowitsch unter der Pritsche hervor und sah Aksjonow erschreckt an. Aksjonow wollte vorübergehen, ohne ihn anzublicken, aber Makar ergriff ihn bei der Hand und erzählte ihm, daß er einen Gang unter den Mauern gegraben und daß er jeden Tag, wenn man sie zur Arbeit führte, die Erde in den Schäften seiner Stiefel hinaustrage und auf die Straße schütte. Er fügte hinzu:

»Aber schweig, Alter, dann bringe ich auch dich hinaus. Wenn du mich verrätst, bekomm' ich die Knute, und dann lasse ich dich nicht los, ich schlag' dich tot.«

Als Aksjonow seinen Feind sah, zitterte er vor Wut, machte seine Hände frei und sagte:

»Ich habe keinen Grund, von hier fortzugehen, und du kannst mich nicht mehr töten, denn du hast mich schon längst getötet. Und ob ich dich verrate oder nicht, hängt davon ab, wie Gott es mir eingibt.«

Am andern Tage, als man die Sträflinge zur Arbeit führte, bemerkten die Soldaten, daß Makar Ssemjonowitsch Erde ausschüttete. Sie suchten im Gefängnis nach und fanden das Loch. Der Gefängnisdirektor kam und befragte alle, wer das Loch gegraben habe. Alle leugneten. Diejenigen, die von der Sache wußten, verrieten Makar nicht, denn sie wußten, daß man ihn dafür halb tot peitschen würde. Da wandte sich der Direktor zu Aksjonow, den er als aufrichtigen Menschen kannte, und sagte:

»Alter, du liebst die Wahrheit, sag' mir vor Gott, wer's getan hat.«

Makar Ssemjonowitsch stand da, als wenn nichts geschehen wäre, blickte den Direktor an und sah sich nicht nach Aksjonow um. Aksjonows Hände und Lippen zitterten und er konnte lange kein Wort hervorbringen. Er dachte: »Wenn ich ihn nicht verrate, – warum soll ich ihm verzeihen, wenn er mich ins Verderben gestürzt hat? Möge er doch meine Qualen entgelten! Verrate ich ihn aber, wahrhaftig, er wird dann zu Tode gepeitscht; und wie, wenn ich ihn vielleicht in falschem Verdacht habe? Und überhaupt, werde ich dadurch Erleichterung finden?«

Der Direktor fragte noch einmal: »Na was ist denn, Alter, sag' die Wahrheit, wer hat den Gang gegraben?«

Aksjonow warf einen Blick auf Makar und sagte: »Ich kann es nicht sagen, Euer Hochwohlgeboren. Gott befiehlt mir nicht zu sprechen, und ich werde nicht sprechen. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, Sie haben die Gewalt.«

So sehr der Direktor in ihn drang, Aksjonow sagte nichts mehr. So erfuhr man denn auch nicht, wer den Gang gegraben hatte.

Als Aksjonow in der nächsten Nacht auf seiner Pritsche lag und eben einschlafen wollte, hörte er, daß jemand zu ihm kam und sich an das Fußende des Lagers setzte. Er blickte in der Dunkelheit hin und erkannte Makar. Aksjonow sagte:

»Was willst du noch von mir? was machst du da?«

Makar schwieg. Aksjonow erhob sich ein wenig und sagte:

»Was willst du? Geh fort oder ich rufe den Soldaten.«

Makar neigte sich zu Aksjonow hinab und flüsterte:

»Iwan Dmitrijewitsch, verzeihe mir.«

Aksjonow fragte: »Was soll ich dir verzeihen?«

»Ich habe den Kaufmann getötet. Ich habe dir das Messer in den Sack gesteckt. Ich wollte auch dich töten, aber auf dem Hof entstand Lärm. Da schob ich das Messer in deinen Sack und kletterte zum Fenster hinaus.«

Aksjonow schwieg und wußte nicht, was er sagen sollte. Makar Ssemjonowitsch glitt von der Pritsche herunter, verbeugte sich tief und bat:

»Iwan Dmitrijewitsch, verzeihe mir, verzeihe mir um Gottes willen! Ich werde mich melden, daß ich den Kaufmann getötet habe, dann wirst du frei gegeben und kannst nach Haus zurückkehren.«

Aksjonow antwortete: »Du hast gut reden, aber was soll ich jetzt anfangen, wohin soll ich gehen? Meine Frau ist tot, die Kinder haben mich vergessen. Ich kann nirgends hin.«

Makar stand nicht auf, schlug mit dem Kopf gegen den Boden und flehte:

»Iwan Dmitrijewitsch, verzeihe! Als man mich peitschte, war mir leichter zumute als jetzt, wenn ich dich ansehe. Und du hast dich meiner noch erbarmt, hast mich nicht verraten. Verzeihe mir um Christi willen. Verzeihe mir!« Und er begann zu schluchzen.

Als Aksjonow hörte, daß Makar weinte, fing er selbst zu weinen an und sprach:

»Gott wird dir verzeihen! Vielleicht bin ich hundertmal schlechter als du.«

Und plötzlich wurde ihm so leicht ums Herz. – Von da an hörte er auf, sich nach Hause zu sehnen, und wollte nicht mehr fort aus dem Gefängnis und dachte nur an seine letzte Stunde.

Makar Ssemjonowitsch hörte nicht auf Aksjonow und gestand sein Verbrechen. Doch als die Entscheidung eintraf, daß er heimkehren dürfe, war Aksjonow schon gestorben.

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