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Volkserzählungen, Märchen und Skizzen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen, Märchen und Skizzen - Kapitel 19
Quellenangabe
authorLeo Tolstoi
titleVolkserzählungen, Märchen und Skizzen
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170422
projectid2fc745ae
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Bei den Hungernden.

Während der Hungersnot, die in den Jahren 1891/92 infolge von Mißernte in einigen Gouvernements des russischen Reiches herrschte, war Tolstoj an der von privater Seite eingeleiteten Hilfsaktion in hervorragender Weise beteiligt. Um Rechenschaft abzulegen über die zahlreichen, von nah und fern an ihn gelangenden Spenden für die Notleidenden, veröffentlichte Tolstoj wiederholt Berichte über die Verwendung des Geldes, über seine Tätigkeit für die Hungernden; die Lage der Bauern usw. Diesen Berichten sind die folgenden Stücke entnommen. (Anm. d. Übers.)

 

I.
Im Hungerdorf.

... Auf sechs Werst Entfernung von einem Dorf zum andern trifft man keine Ortschaft, keine Behausung. Seitab vom Wege liegen nur ein paar Nebengebäude von Gutshöfen. Zwischen steilen Ufern strömt der große, prächtige Fluß dahin, an dem die zwei Dörfer liegen: diesseits das kleinere und drüben das größere, in dem sich die Kirche mit dem Glockenturm und dem in der Sonne glänzenden Kreuz befindet. Den jenseitigen Hügel entlang ziehen sich die von weitem hübsch erscheinenden Bauernhäuschen.

Ich nähere mich dem diesseitigen Dorfe. Das erste Haus ist kein eigentliches Haus, sondern besteht nur aus vier grauen, mit Lehm verschmierten Steinwänden, über die einige mit Kartoffelkraut bedeckte Bretter gelegt sind. Ein Hof existiert nicht. – Das ist die Wohnung einer Familie.

Vor dieser Behausung steht ein Wagen ohne Räder, und ein kleines Plätzchen davor ist gereinigt und dient als Tenne: soeben ist hier Hafer gedroschen und geworfelt worden. Ein hochgewachsener Bauer in Bastschuhen wirft mit einer Schaufel den sauber gereinigten Hafer in geflochtene Saatkörbe; ein barfüßiges Weib von etwa fünfzig Jahren in schmutziger, zerrissener Kleidung trägt die Saatkörbe zu dem radlosen Wagen, leert sie aus und zählt sie. An die Frau schmiegt sich, sie bei der Arbeit hindernd, ein nur mit einem schmutziggrauen Hemde bekleidetes, etwa siebenjähriges Mädchen. – Der Bauer ist der Gevatter der Frau. Er ist gekommen, um ihr beim Dreschen des Hafers zu helfen. Sie ist Witwe, ihr Mann ist vor bald zwei Jahren gestorben und ihr Sohn ist beim Militär auf Waffenübung. Die Schwiegertochter sitzt in der Hütte bei ihren kleinen Kindern: das eine davon, einen Säugling, hält sie auf den Armen, das andere, etwa zweijährige, hat mit den nackten Füßchen die Schwelle erklettert und schreit, ist mit irgend etwas unzufrieden.

Die ganze Ernte des Jahres besteht aus dem Hafer, der in dem radlosen Wagen Platz finden wird, – es sind ja kaum vier Maß. Vom Roggen ist nach der Aussaat nichts übrig geblieben als ein sorgfältig aufgehobener Sack mit mehr als hundert Pfund Melde. Weder Hirse noch Buchweizen noch Linsen noch Kartoffeln sind gesät oder gepflanzt. Das Brot wird mit Beimischung von Melde In Zeiten der Hungersnot mischen die russischen Bauern Melde unters Mehl. Tolstoj bemerkt dazu an anderer Stelle: »Dieser Brauch läßt sich nur durch die Überlieferung erklären, daß auch früher schon Melde als Nahrung verwendet wurde; es gibt auch ein Sprichwort: Melde im Roggen ist ja kein Unglück! Dazu kommt, daß die Melde auf dem Roggenfelde wächst und zusammen mit dem Roggen ausgedroschen wird. Ich glaube, wenn die Überlieferung nicht wäre, und wenn die Melde nicht auf dem Roggenfelde wachsen würde, so würde man lieber Haferstroh oder Sägspähne ins Brot mengen als dieses schädliche Unkraut, das jetzt überall verwendet wird.« gebacken und ist so schlecht, daß man es nicht essen kann. Heute morgen ist das Weib acht Werst weit gegangen, um im Nachbardorf um Almosen zu bitten. Dort wurde ein Fest gefeiert, und sie hat fast fünf Pfund kleiner Stücke von ohne Melde gebackenen Pastetchen erbettelt, die sie mir zeigt. Außerdem hat sie Brotrinden und handflächengroße Brotstückchen, alles in allem vielleicht vier Pfund, in ihrem Korbe. Das ist der ganze Besitz, das sind die ganzen Eßvorräte der Familie.

Das nächste Haus ist dem ersten gleich, nur etwas besser gedeckt und von einem kleinen Hofe umgeben. Die Roggenernte ist ebenfalls mißraten. Ein gleicher Sack mit Melde wie drüben steht auch hier im Flur und bildet den ganzen Vorrat an Lebensmitteln. Hafer ist hier überhaupt nicht gesät worden, da es im Frühling an Aussaat gefehlt hat; die Kartoffelernte beträgt drei, die Weizenernte zwei Maß. Der Rest des Roggens, der von den Behörden zur Aussaat geliefert wurde, ist von der Bäuerin mit Melde vermischt und zu Brot verarbeitet worden, und dies Brot geht nun auch schon zu Ende: nur anderthalb Laib sind noch vorhanden. Der Kartoffelvorrat reicht vielleicht noch auf einen Monat, was dann geschehen soll, wissen die Leute selbst nicht. Die Familie besteht aus Mann, Frau und vier Kindern. Als ich in der Hütte weilte, war der Mann nicht daheim, er baute bei einem benachbarten Bauern ein Haus aus Steinen und Lehm.

Das dritte Haus glich den beiden ersten, auch die Lage der Bewohner war die gleiche. Während ich im Zimmer war und mit der Bäuerin sprach, trat eine Frau ein und erzählte der Nachbarin, ihr Mann sei bei einer Rauferei so geschlagen worden, daß sie nicht an sein Aufkommen glaube, und daß er heute morgen bereits die heilige Wegzehrung empfangen habe. Es war klar, daß die Nachbarin das alles schon längst wußte, und daß es nur um meinetwillen erzählt wurde. Ich erbot mich, den Kranken zu untersuchen, um ihm vielleicht irgendwie helfen zu können. Die Frau ging hinaus, kam aber bald wieder zurück, um mich zu holen. Der Kranke lag im Nachbarhause. Es war ein großes Bauernhaus, aus Balken gebaut; ein steinernes Nebengebäude und ein Hof gehörten dazu. Der Bauer hatte nach einer Feuersbrunst eifrig gebaut, all seine Ersparnisse in den Bau gesteckt, und war dann verarmt. In diesem Hause wohnten zwei fremde Familien, die keine eigenen Häuser besaßen, zur Miete. Das Haupt einer dieser Familien war der Zerschlagene. Er lag auf der Pritsche zwischen Ofen und Wand, mit einem Stück grober Leinwand bedeckt, und stöhnte kläglich. Ich trat heran und deckte ihn behutsam auf. Es war ein stämmiger, gesunder Mann von etwa vierzig Jahren, mit vollblütigem Gesicht und den Muskeln eines Athleten auf den entblößten Armen. Ich begann ihn auszufragen; er erzählte, indem er sich bemühte, matt zu stöhnen: vorgestern sei Gemeindeversammlung gewesen, er und ein anderer Bauer haben Pässe genommen, weil sie flußabwärts wandern wollen, um Erwerb zu suchen; bei der Gelegenheit habe er einem Bauern bloß gesagt, es sei nicht recht, zu schimpfen, – zur Antwort habe der Bauer ihn hingeworfen und mit den Füßen auf ihm herumgetrampelt, ihm Kopf und Brust und überhaupt den ganzen Körper zerschlagen. Es stellte sich heraus, daß die Bauern betrunken gewesen waren: die, welche die Pässe erhielten, mußten ja einen Achteleimer Branntwein zum besten geben, und der Gemeindeälteste, der fünfzig Rubel von den Gemeindegeldern veruntreut hatte, zahlte gar einen halben Eimer, damit man ihm gestattete, seine Schuld in drei Raten abzutragen.

Ich befühlte und untersuchte den Verprügelten. Er war vollständig gesund und triefte von Schweiß unter seiner Sackleinwand. Irgendwelche Spuren von Hieben und Tritten waren nicht zu entdecken, und es war klar, daß er nur deshalb den Schwerkranken spielte, um bei den Behörden – jedenfalls hielt er mich für einen Beamten – die Bestrafung dessen durchzusetzen, mit dem er sich geprügelt hatte. Als ich ihm erklärte, daß es unnütz wäre, bei Gericht zu klagen, und daß er meiner Meinung nach durchaus nicht gefährlich verletzt sei und getrost aufstehen könne, war er unzufrieden, und die Weiber, die sich in der Stube angesammelt hatten und mich aufmerksam beobachteten, äußerten murrend, wenn man so vorgehe, würden bald alle Bauern totgeschlagen sein.

Die Armut der drei in diesem Hause lebenden Familien ist ebenso groß wie in den beiden ersten Hütten. Roggen ist nirgends vorhanden. Der eine hat höchstens zwei Pud 1 Pud = 40 Pfund. (Anm. d. Übers.) Weizen, der andere Kartoffeln für zwei Wochen oder vielleicht für einen Monat. Das Brot ist unter Beimischung von Melde aus dem Roggen gebacken, der zur Aussaat bestimmt war; alle haben noch ein wenig Brot, aber nicht für lange.

Fast alle Bauern sind daheim: der eine streicht sein Haus an, der andere bessert die Hütte aus, der dritte sitzt müßig da. Was zu dreschen war, ist gedroschen, die Kartoffeln sind ausgegraben.

So steht's in allen dreißig Höfen des Dorfes mit Ausnahme zweier Familien, die wohlhabend sind. Das Dorf ist im vorigen Jahre bis zur Hälfte niedergebrannt und noch nicht ganz wieder aufgebaut. Die ersten Höfe – der mit der Frau, die den Hafer dreschen ließ, und acht weitere nach der Reihe – sollen in Befolgung der Feuerversicherungsmaßregeln weiter hinausgerückt werden. Doch die Mehrzahl der Bauern ist so arm, daß sie noch nicht bauen konnten. Ebenso mittellos sind auch die anderen, deren Häuser nicht niedergebrannt sind, wenngleich es ihnen im allgemeinen ein klein wenig besser geht als den Abbrändlern. Unter den dreißig Bauernhöfen sind zwölf, die keine Pferde mehr haben ...

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II.
In der Volksküche.

... Bei der Eröffnung von Volksküchen für die Notleidenden wird in folgender Weise vorgegangen,– d.h. wir wenigstens gehen so vor: sobald wir von einem besonders armen Dorf hören, fahren wir hin, begeben uns zum Dorfschulzen, erzählen ihm von unserer Absicht, lassen uns irgend einen der Ältesten kommen und erkundigen uns bei ihm nach der Lage jedes einzelnen Bauern von einem Ende des Dorfes bis zum andern. Der Dorfschulze, seine Frau, die Ältesten und wer sonst noch aus Neugier ins Haus gekommen, schildern uns den Zustand der Bauernhöfe.

»Also von links angefangen: Maxim Aptochin – wie geht's dem?«

»Schlecht. Sieben Kinder. Brot ist längst nicht mehr da. Die Alte und der eine Bub' müßten zur Volksküche kommen.«

Wir notieren also: von Maxim Aptochin – zwei Personen. Weiter: Fedor Abramow.

»Denen geht's auch nicht gut, aber sie können sich noch ernähren.«

Da mischt sich die Frau des Dorfschulzen ein und erklärt, die Armut, sei auch dort groß, und wenigstens der eine Knabe sollte genommen werden. – Nun kommt ein Greis, ein ausgedienter Soldat aus der Zeit des Kaisers Nikolaus' I., an die Reihe.

»Der stirbt fast vor Hunger.«

Demjan Ssapronow? – »Die werden sich wohl durchschlagen.«

So nehmen wir das ganze Dorf durch. Ein Beweis dafür, wie gerecht und ohne Bevorzugung ihrer Standesgenossen die Bauern die Notleidenden beurteilen, ist es, daß – obgleich viele Bauern eines Dorfes nicht in die Volksküche Aufnahme gefunden hatten – die Witwe des Geistlichen mit ihren Kindern und die Küstersfrau von den Bauern ohne Zögern als unterstützungsbedürftig bezeichnet wurden. Nach den Angaben des Dorfschulzen und der Nachbarn werden alle Bauernhöfe eines Dorfes in drei Gruppen geteilt: die unzweifelhaft Hilfsbedürftigen, aus denen mehrere Personen in der Volksküche Aufnahme finden müssen; die unzweifelhaft Gutsituierten, die ohne Hilfe auskommen können, und die Zweifelhaften. Der Zweifel wird späterhin gelöst durch die Anzahl der in die Volksküche Aufgenommenen. Mehr als vierzig Personen können in einer Küche nicht leicht abgespeist werden. Wenn also die Zahl der Aufgenommenen noch unter vierzig ist, kommen auch die »Zweifelhaften« noch an die Reihe; ist die Zahl schon voll, so müssen sie abgewiesen werden. Gewöhnlich stellt es sich später heraus, daß einzelne hilfsbedürftige Personen übergangen worden sind, und es werden später noch Änderungen oder Vermehrungen vorgenommen. Finden sich aber in einem Orte sehr viele zweifellos Hilfsbedürftige, so wird eine zweite, ja zuweilen sogar eine dritte Volksküche eröffnet.

Sowohl in unseren Volksküchen als in denen unserer Nachbarin N. F., die unabhängig von uns die Hilfsaktion leitet, beträgt die Anzahl der Gespeisten immer ein Drittel der zurzeit im Dorfe Anwesenden.

Anmeldungen zur Übernahme einer Volksküche – d. h. zum Brotbacken, Bereiten der Speisen, Bedienen der Gäste, gegen die Entschädigung, mitessen und sich mitwärmen zu dürfen, – kommen in Mengen, fast aus jedem Hof. Der Wunsch, mit der Leitung der Volksküche betraut zu werden, ist so lebhaft, daß in den ersten zwei Dörfern, in denen wir Volksküchen eröffneten, die beiden Gemeindeältesten, reiche Bauern, sich dazu erboten, in ihren Häusern die Volksküche einzurichten. Da aber die Leute, welche die Küche übernehmen, der Sorge für Nahrung und Heizmaterial vollständig enthoben sind, wählen wir gewöhnlich die Allerärmsten, wenn sie nur mitten im Dorfe wohnen und von beiden Enden des Ortes leicht zu erreichen sind. Auf das Lokal an sich nehmen wir keine Rücksicht, da auch in der kleinsten, acht Ellen messenden Hütte dreißig bis vierzig Personen bequem abgefertigt werden können.

Das Nächste ist nun die Ausgabe der Nahrungsmittel für jede Volksküche. Das wird in folgender Weise gemacht. An einem Ort, der im Zentrum aller Volksküchen liegt, wird ein Depot der notwendigen Vorräte angelegt. Sobald dann das Lokal für die Küche gewählt und die Liste der abzuspeisenden Personen fertig ist, wird der Tag festgesetzt, an dem die Leiter der Volksküche oder eine der sich abwechselnden Fuhren Vorrat holen kommen. Da es jetzt wegen der großen Zahl der Volksküchen zu viel Mühe machen würde, die Vorräte an jedem beliebigen Tage auszuteilen, sind zwei Tage in der Woche, Dienstag und Freitag, zur Ausgabe bestimmt. Der Leiter der Volksküche erhält ein Heft, in welchem die Nummer der Küche, der Name ihres Leiters, Datum der Ausgabe, Zahl der Besucher und die Menge der ausgelieferten Vorräte vermerkt werden.

Außer den Lebensmitteln holen die Fuhren an einem bestimmten Tage Brennmaterial für alle Volksküchen. Anfangs verteilten wir Torf, jetzt, da wir keinen Torf mehr haben, geben wir Holz. – An dem Tage, an dem alle Vorräte ausgeliefert werden, wird das Brot eingeteigt und am übernächsten die Volksküche eröffnet. Die Frage des Koch- und Eßgeschirres wird von den Wirten selbst gelöst. Jeder Volksküchenwirt benützt sein eigenes Geschirr und holt sich das, was ihm fehlt, von den Leuten, die zum Essen kommen. Den Löffel bringt jeder Gast selbst mit.

Die erste Volksküche eröffneten wir in der Wohnung eines blinden Greises, seiner Frau und seiner verwaisten Enkelkinder. Als ich am Eröffnungstage um elf Uhr vormittags ins Haus kam, hatte die Frau schon alles vorbereitet. Die Brote waren aus dem Backofen gezogen und lagen auf dem Tisch und auf den Bänken. Im heißen, mit der Klappe verschlossenen Ofen standen die Töpfe mit Sauerkraut, Betensuppe Suppe aus feingehackten roten Rüben; nebst Sauerkrautsuppe und Buchweizengrütze Hauptnahrungsmittel des russischen Bauern. (Anm. d. Übers.) und Kartoffeln.

In der Stube befanden sich außer den Wirten zwei Nachbarinnen und eine alte Frau, die kein Haus besaß und daher gebeten hatte, hier in der Hütte wohnen zu dürfen, um sich in der Volksküche zu nähren und zu wärmen. Die Esser waren noch nicht da, und es stellte sich heraus, daß man auf uns gewartet und noch niemand verständigt hatte. Ein Knabe und ein Bauer machten sich nun erbötig, die Leute zusammenzurufen. Ich frage die Wirtin:

»Wo werden sie denn alle sitzen?«

»Ich werd' alles ordentlich einrichten, verlassen Sie sich darauf!« erwidert sie. Es ist eine kräftige Frau von etwa fünfzig Jahren, mit schüchternem und unruhigem, aber klugem Blick. Vor der Eröffnung der Volksküche ernährte sie sich und die Ihrigen durch Betteln. Ihre Feinde behaupten, sie sei eine Trinkerin, aber trotz dieser üblen Nachrede nimmt sie durch ihre Fürsorge für die verwaisten Enkelkinder und den abgezehrten, kaum noch lebenden, blinden Greis für sich ein. Die Mutter der Kinder ist vor einem Jahr gestorben, der Vater hat die Kleinen im Stich gelassen, ist nach Moskau gegangen und führt dort ein leichtsinniges Leben. Die Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, sind sehr hübsch, besonders der achtjährige Knabe; trotz der großen Armut sind sie ordentlich angezogen; sie drängen sich an die Großmutter heran und haben allerlei Wünsche, wie das bei verwöhnten Kindern zu sein pflegt.

»Alles wird in Ordnung sein,« sagt die Wirtin wieder; »ich besorge auch noch einen Tisch. Und wer nicht gleich Platz findet, ißt halt später!«

Neun Brote – so erzählt sie mir – hat sie aus vier Pud Mehl herausbekommen, außerdem Kwas ausgestellt. Nur mit dem Torf hat sie sich gar so sehr plagen müssen, – er brennt nicht. Sie hat sogar schon Stroh vom Scheunendach zum Unterzünden geholt, die ganze Scheune abgedeckt, sonst hätte der Torf überhaupt nicht gebrannt.

Da ich jetzt hier nichts zu tun habe, gehe ich in das Dorf jenseits der Schlucht, wo ebenfalls eine Volksküche eröffnet wird und wo man am Ende auch auf mich wartet. Und in der Tat, man erwartet mich. Es ist hier alles wie drüben: der Duft des heißen Brotes, das auf Tischen und Bänken liegt, die Töpfe und Kessel im Ofen und die neugierigen Nachbarn in der Stube. Auch hier melden sich Freiwillige, die die Leute zusammenrufen wollen. Ich spreche ein paar Worte mit der Wirtin, die mir ebenfalls klagt, daß der Torf nicht brennen will und daß sie ihren Waschtrog zerhacken mußte, um das Brot zu backen, und gehe dann wieder zurück in die erste Volksküche, mit der Befürchtung, es könnten sich irgendwelche Mißverständnisse und Schwierigkeiten ergeben, die ich beheben muß. Ich komme in die Hütte des Blinden. Sie ist überfüllt mit Menschen, und es summt und brummt in der Stube wie in einem offenen Bienenstock in warmer Sommernacht. Heißer Dunst schlägt mir an der Tür entgegen. Es riecht nach Brot und Sauerkraut und man hört das Schmatzen der Esser. Die Stube ist klein und dunkel, hat nur zwei winzige Fenster, die überdies von außen dick mit Dünger beworfen sind. Der Fußboden besteht aus Erde und ist äußerst uneben. Es ist so dunkel, – besonders da die Leute mit ihren Rücken die Fenster verdecken, – daß ich anfangs gar nichts erkenne.

Aber ungeachtet der Enge und Unbequemlichkeit wickelt sich die Abspeisung in vollster Ordnung ab. Längs der Vorderwand, links von der Tür, stehen zwei Tische, an denen die Essenden ehrbar sitzen. Im Hintergrund der Stube, zwischen Außenwand und Ofen, ist die Lagerstatt, auf welcher der blinde Greis nicht mehr liegt, sondern sitzt; er hat die Hände um die mageren Knie geschlungen und horcht auf die Gespräche und die Laute des Essens. Rechts, im freien Winkel vor der Ofentür, steht die Wirtin mit ihren freiwilligen Helferinnen. Sie achten auf alles, was die Essenden brauchen, und bedienen sie.

An dem Tisch in der vorderen Ecke, grade unter den Heiligenbildern, sitzt der ausgediente Soldat aus der Zeit Nikolaus'I., neben ihm ein alter Bauer, dann ein greises Mütterchen, dann ein paar Kinder. Am zweiten Tisch, nahe am Ofen, mit dem Rücken zum Fensterpfeiler, hat die kränklich aussehende Witwe des Geistlichen Platz genommen, um sie herum sitzen Kinder, Knaben und Mädchen, und ihre eigene, schon erwachsene Tochter. Auf jedem Tische steht ein Napf mit Sauerkrautsuppe, und die Essenden löffeln eifrig und essen das warme, duftende Brot dazu. Die Näpfe leeren sich.

»Eßt nur, eßt!« ruft die Wirtin heiter und gastfreundlich, indem sie über die Köpfe der Vornsitzenden große Stücke Brotes hinüberreicht; »ich schöpfe gleich noch ein. Heut' gibt's nur Sauerkrautsuppe und Kartoffeln,« sagt sie dann, zu mir gewandt, »die Beten sind nicht fertig geworden, die geb' ich halt zum Nachtmahl!«

Ein altes Mütterchen, das sich kaum noch rühren kann, steht am Ofen und bittet mich, ihm etwas Brot mit nach Hause zu geben; heut' hat die arme Alte sich mühsam hergeschleppt, aber alle Tage könne sie unmöglich kommen; ihr Enkel, der auch hier ißt, könnte ihr das Brot bringen. Die Wirtin schneidet ein Stück für sie ab. Die Alte nimmt's, verbirgt's sorgfältig auf ihrer Brust und dankt, geht aber noch nicht fort. Die Küstersfrau, eine lebhafte Person, die am Ofen steht und der Wirtin behilflich ist, dankt mir wortreich dafür, daß ihr Töchterchen hier essen darf, und fügt dann schüchtern die Bitte hinzu, ob nicht auch sie selbst etwas bekommen könnte.

»Lange schon hab' ich kein reines Brötchen mehr gegessen,« sagt sie, »für uns ist das ja süß wie Honig!«

Als sie die erbetene Erlaubnis erhalten hat, bekreuzigt die Küstersfrau sich und steigt über das Brett, das von einer Bank zur andern gelegt ist. Ein Knabe und ein altes Mütterchen rücken auseinander, und die Küstersfrau setzt sich. Die Wirtin reicht ihr Brot und einen Löffel.

Nach der Sauerkrautsuppe werden Kartoffeln gereicht. Jeder schüttet sich aus dem Salzfaß ein Häufchen Salz auf den Tisch und tupft die geschälte Kartoffel hinein. – Das Bedienen der Essenden, das Placieren der Leute, das Essen selbst, – alles geschieht ohne Hast, mit Anstand und Würde und so, als sei man an das alles gewöhnt, als sei es etwas, was man immer getan hat und tut, und was gar nicht anders getan werden kann, etwas wie eine Naturerscheinung.

Der alte Soldat ist der erste, der – als er die Kartoffeln verspeist und die übriggebliebenen Brotstückchen sorgsam beiseite gelegt hat, – vom Tische aufsteht; alle andern folgen seinem Beispiel, wenden sich den Heiligenbildern zu und beten, dann bedanken sie sich und gehen hinaus. Nun nehmen die, welche bisher gewartet haben, bedächtig die frei gewordenen Plätze ein, und wieder schneidet die Wirtin Brotschnitten herunter, und wieder füllt sie die Näpfe mit Sauerkrautsuppe.

Ganz genau so ging's auch in der zweiten Volksküche zu, nur waren dort sehr viele Menschen beisammen, gegen vierzig Personen, und die Hütte war noch kleiner und finsterer als die erste. Aber es herrschte derselbe Anstand der Gäste, dasselbe ruhige und freudige, ein klein wenig stolze Benehmen der Wirtin. Dort half der Frau ihr Sohn, ein junger Bauer, beim Bedienen, und die Sache wickelte sich schneller ab. Auch in allen anderen von uns eingerichteten Volksküchen ging es ebenso natürlich und würdig zu ...

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III.
Lästig!

... Ich stehe sehr früh auf. Ein klarer, frostiger Morgen mit rotem Sonnenaufgang. Der Schnee knirscht auf den Stufen. Ich trete aus den Hof hinaus und hoffe, daß er noch leer ist, daß es mir gelingen wird, ungestört einen Spaziergang zu machen. Doch nein! Kaum öffne ich die Tür, so sehe ich auch schon zwei Personen vor mir stehen, einen großen, breitschultrigen Bauern in kurzem, zerrissenem Halbpelz, in zertretenen Bastschuhen, mit einem Bettelsack über der Schulter und mit abgehärmtem Gesicht (sie haben jetzt alle solche Gesichter, die schon zu charakteristischen Bauerngesichtern geworden sind!). Neben ihm steht ein Knabe von etwa vierzehn Jahren, ohne Pelz, in zerlumptem Kittel, ebenfalls in Bastschuhen und ebenfalls mit dem Bettelsack über der Schulter. Ich will vorübergehen, – da fangen auch schon die Verneigungen und die üblichen Redensarten an. Nichts zu machen, ich kehre in den Flur zurück. Sie folgen mir.

»Was ist's?«

»Zu Euer Gnaden kommen wir.«

»Was gibt's denn?«

»Zu Euer Gnaden –«

»Was wollt ihr also?«

»Wegen der Hilfe.«

»Was für eine Hilfe?«

»Ja um unsres Lebens willen –«

»Sag' doch, was ihr braucht!«

»Wir sterben vor Hunger. Helfen Sie wenigstens etwas!«

»Von wo seid ihr?«

»Aus Satworno.«

Ich weiß, daß das ein Bettlerdorf ist, in dem es uns noch nicht möglich war, eine Volksküche zu eröffnen. Gruppenweise ziehen die Bettler aus jenem Dorfe umher, und in Gedanken zähle ich diesen Mann sofort den Professionsbettlern zu, und ich ärgere mich über ihn und besonders darüber, daß diese Leute auch Kinder zum Betteln anhalten.

»Worum bittest du denn eigentlich?«

»Bedenke uns, Herr, wie du willst!«

»Ja wie soll ich das anfangen? Hier kann nichts geschehen, – wir werden zu euch hinausfahren.«

Er aber hört nicht auf mich. Und wieder vernehme ich die schon hundertmal gehörten, immer gleichen Schilderungen, die mir erlogen scheinen: »Nichts geerntet, eine Familie aus acht Personen, nur ich allein kann arbeiten, meine Alte ist gestorben, im Sommer haben wir die Kuh verkauft, um uns durchzubringen, zu Weihnachten ist das letzte Pferd krepiert; was hab' ich alles versucht! Die Kinder wollen essen, ich kann nicht fort von ihnen; drei Tage haben sie nichts mehr gegessen!«

Ich bin an solche Erzählungen schon so gewöhnt, – es ist immer dasselbe. Ich warte, ob er nicht bald fertig sein wird, er aber spricht weiter: »Ich dachte, ich würde mich irgendwie durchschlagen, aber ich hab' keine Kraft mehr. In meinem Leben hab' ich noch nicht gebettelt, jetzt hat's Gott gefügt!«

»Schon gut, schon gut! Wir werden hinfahren, dann wird man ja sehen!« sage ich und will vorübergehen, dabei fällt mein Blick auf den Knaben. Er schaut mich an mit seinen prachtvollen, traurigen braunen Augen, in denen Schmerz und Hoffnung zu lesen sind; eine helle Träne hängt an seiner Wange und rollt eben jetzt auf den mit Schneespuren bedeckten Fußboden hinab. Und das liebe, vergrämte Knabengesicht, das von einem Kranz blonder Locken umrahmt ist, zuckt von verhaltenem Schluchzen. Für mich sind die Worte seines Vaters gewohntes und lästiges Geschwätz, für den Knaben aber ist die Schilderung des entsetzlichen Jahres, das er mit dem Vater durchlebt hat, – zumal in dem für ihn feierlichen Augenblick, in dem sie bis zu mir, bis zur Hilfe gedrungen sind, – für ihn ist diese Schilderung etwas ungemein Rührendes, das seine durch Hunger geschwächten Nerven erschüttert. Mir ist das alles lästig, so lästig; ich denke nur daran, wie ich schnell zu meinem Spaziergang kommen könnte!

Mir ist das alles wohlbekannt, dem Knaben aber ist's so entsetzlich neu.

Ja, uns ist's lästig, wir sind der Klagen überdrüssig. Die Armen aber wollen essen, sie wollen leben, wollen Glück und Liebe, – sie wollen das alles so, wie es dieser gute, arme, von Elend zerquälte, von naivem Mitleid mit sich selbst erfüllte Knabe will, in dessen herrlichen, tränenvollen, auf mich gerichteten Augen ich gelesen habe ...

 

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