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Visionen und andere phantastische Erzählungen

Ivan Sergejevich Turgenev: Visionen und andere phantastische Erzählungen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorIwan Turgenjew
titleVisionen und andere phantastische Erzählungen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
addressWeimar
printrun6. bis 10. Tausend
year1917
firstpub1917
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060526
modified20170127
projectid53f74266
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III.

Ich verbrachte den Tag in Aufregung. Beim Nachtmahl trank ich fast eine ganze Flasche Wein, trat auf den Flur hinaus, kehrte jedoch gleich zurück und warf mich aufs Bett. Das Blut wogte schwer in meinen Adern.

Und wieder ließ sich der Laut vernehmen . . . Ich fuhr zusammen, wandte mich aber nicht um. Plötzlich fühlte ich, daß mich jemand von hinten fest umschlang und mir ins Ohr flüsterte: »Komm, komm, komm . . .« Ich zitterte vor Schreck und stöhnte:

»Ja, ich werde kommen!«

Und mit diesen Worten richtete ich mich auf.

Die Frau stand, über das Kopfende meines Bettes gebeugt. Sie lächelte mir leise zu und verschwand. Es gelang mir aber noch, ihr Gesicht zu sehen. Es war mir, als hätte ich es schon früher einmal gesehen; doch wo und wann? Ich stand spät auf und irrte den ganzen folgenden Tag in den Feldern und Wiesen umher, kam einige Male zur alten Eiche am Waldsaum und sah mich aufmerksam um.

Gegen abend saß ich am geöffneten Fenster in meinem Arbeitszimmer. Meine alte Haushälterin stellte eine Tasse Tee vor mich hin, ich rührte sie aber nicht an . . . Ich war ganz verwirrt und fragte mich sogar: »Ob ich nicht den Verstand verliere?« Die Sonne war eben untergegangen, und nicht nur der Himmel glühte – auch die ganze Luft füllte sich plötzlich mit einem fast übernatürlichen Purpurglanz; das Laub und die Gräser schimmerten wie mit frischem Lack überzogen und rührten sich nicht; in ihrer starren Unbeweglichkeit, in der grellen Deutlichkeit ihrer Umrisse, in dieser Verbindung hellen Glanzes mit toter Stille lag etwas Seltsames und Rätselhaftes. Ein ziemlich großer grauer Vogel flog plötzlich lautlos herbei und setzte sich auf den Rand des Fensterbrettes . . . Ich betrachtete ihn, und auch er betrachtete mich von der Seite mit seinem runden, dunklen Auge. – »Hat man dich etwa hergeschickt, um mich zu erinnern?« dachte ich.

Der Vogel schwang sogleich seine weichen Flügel und flog so lautlos davon, wie er gekommen. Ich saß noch lange am Fenster, fühlte mich aber nicht mehr so verwirrt: ich war gleichsam in einen Zauberkreis hineingeraten, und eine sanfte, doch unwiderstehliche Macht zog mich fort, ebenso wie das Boot noch lange vor dem Wasserfall von der Strömung fortgezogen wird. Endlich raffte ich mich auf. Der Purpurglanz in der Luft war längst verschwunden, die Farben waren trüber geworden, und der Zauber der Stille war gebrochen. Ein leiser Windhauch bewegte die Luft, der Himmel wurde immer dunkler und der Mond immer heller, und bald funkelte das Laub der Bäume in seinem kalten Lichte wie Silber und schwarzes Email. Meine Alte kam zu mir ins Zimmer mit einer Kerze in der Hand, doch ein Windhauch aus dem Fenster blies die Flamme aus. Ich konnte es nicht länger aushalten; ich sprang auf, drückte mir die Mütze in die Stirne und begab mich zur alten Eiche am Waldsaume.

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