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Visionen und andere phantastische Erzählungen

Ivan Sergejevich Turgenev: Visionen und andere phantastische Erzählungen - Kapitel 58
Quellenangabe
typenarrative
authorIwan Turgenjew
titleVisionen und andere phantastische Erzählungen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
addressWeimar
printrun6. bis 10. Tausend
year1917
firstpub1917
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060526
modified20170127
projectid53f74266
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XV.

Er lag auf dem Rücken, etwas zur Seite gekehrt, die linke Hand unter dem Kopfe . . . die rechte unter dem gekrümmten Körper. Die Spitzen der mit hohen Matrosenstiefeln bekleideten Füße waren im zähen Schlamm eingesunken; die kurze blaue Joppe war ganz mit Salzwasser durchtränkt und noch zugeknöpft; ein rotes Tuch umschlang straff seinen Hals. Das dunkle Gesicht war zum Himmel gekehrt und schien zu lächeln; unter der emporgezogenen Oberlippe sahen die dichten, kleinen Zähne hervor; die trüben Pupillen der halbgeschlossenen Augen stachen nur wenig von dem dunkel gewordenen Weißen ab; die mit Schaumblasen bedeckten und mit Sand beschmutzten Haare fielen zur Erde und ließen die glatte Stirne mit der bläulichen Schramme frei; die schmale Nase stand scharf zwischen den eingefallenen Wangen. Der Sturm der vergangenen Nacht hatte das Seinige besorgt! Er hat sein Amerika nicht wiedergesehen! Der Mensch, der meine Mutter beschimpft und ihr Leben verstümmelt hatte, mein Vater, – ja! mein Vater – ich durfte nicht daran zweifeln – er lag jetzt hilflos ausgestreckt im Schmutze zu meinen Füßen. Ich hatte das Gefühl befriedigter Rachsucht, empfand auch Mitleid, Ekel und Grauen . . . doppeltes Grauen: vor dem, was ich sah und vor dem, was vor Jahren geschehen war. All das Böse, Verbrecherische, von dem ich schon sprach, regte sich wieder in mir . . . es drohte mich zu ersticken . . . Aha! dachte ich mir: jetzt weiß ich, warum ich so bin, jetzt weiß ich, von wem ich das Blut habe! Ich stand neben der Leiche, und sah, und wartete: vielleicht zuckten noch die toten Pupillen, vielleicht öffneten sich noch diese erstarrten Lippen . . . – Nein! Alles blieb regungslos, selbst das Riedgras schien da, wo ihn die Brandung herausgespült hatte, zu ersterben; auch die Möwen waren fortgeflogen, kein einziges Trümmerstück; kein Brett, kein Stück Takelwerk war zu sehen. Alles war leer . . . nur er – und ich – und die fernhin brausende See. Ich blickte mich um: auch hinter mir dieselbe Öde; bis zum Horizont zog sich eine Kette lebloser Hügel . . . das war alles! Es war mir peinlich, den Unglücklichen in dieser Einsamkeit, im Uferschlamm als Speise für die Fische und Vögel zurückzulassen; eine innere Stimme sagte mir, daß ich Menschen suchen und holen müsse, wenn auch nicht zur Hilfe, so doch um ihn unter ein schützendes Dach zu bringen. Aber eine unsägliche Angst ergriff mich plötzlich. Es war mir, als ob dieser tote Mensch wisse, daß ich hergekommen sei, als ob er selbst diese letzte Begegnung veranlaßt habe – ich glaubte sogar jenes unheimliche mir bekannte Brummen zu hören . . . Ich lief zur Seite . . . und blickte mich noch einmal um . . . Etwas Glänzendes fiel mir in die Augen und hielt mich zurück. Es war ein goldener Reif an der zurückgeworfenen Hand des Ertrunkenen . . . Ich erkannte den Trauring meiner Mutter. Ich kann mich noch erinnern, wie ich mich bezwang, umzukehren, an ihn heranzutreten, mich über ihn zu beugen . . . wie klebrig seine kalten Finger waren, wie ich schwer keuchte, die Augen schloß, und mit den Zähnen knirschte, während ich den hartnäckigen Ring vom Finger abzog . . .

Schließlich habe ich ihn abgezogen, und ich renne, renne davon, Hals über Kopf – und irgend etwas jagt mir nach, holt mich ein, packt mich . . .

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