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Visionen und andere phantastische Erzählungen

Ivan Sergejevich Turgenev: Visionen und andere phantastische Erzählungen - Kapitel 44
Quellenangabe
typenarrative
authorIwan Turgenjew
titleVisionen und andere phantastische Erzählungen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
addressWeimar
printrun6. bis 10. Tausend
year1917
firstpub1917
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060526
modified20170127
projectid53f74266
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Ein Traum

I.

Ich lebte um jene Zeit mit meinem Mütterchen in einer kleinen Seestadt. Ich war eben 17 Jahre alt geworden, meine Mutter war aber noch nicht 35; sie hatte sehr jung geheiratet. Mein Vater starb, als ich gerade 6 Jahre alt war, aber ich konnte mich seiner noch genau erinnern. Mütterchen war eine kleine blonde Frau mit einem schönen, doch ewig traurigen Gesicht, mit einer stillen, matten Stimme und schüchternen Bewegungen. In ihrer Jugend war sie als eine Schönheit berühmt und sie blieb bis an ihr Ende anziehend und anmutig. Ich habe nie tiefere, zartere und traurigere Augen, weichere und feinere Haare, nie vornehmere Hände gesehen. Ich vergötterte sie, und sie liebte mich . . . Doch unser Leben ging freudlos dahin: es war, als ob ein geheimer, unheilbarer und unverdienter Kummer beständig an den Wurzeln ihres Lebens nagte. Diesen Kummer konnte ich nicht nur mit der Trauer um meinen Vater erklären, so groß diese Trauer auch war, so heiß sie meinen Vater auch geliebt hatte, so heilig sie auch sein Andenken hielt . . . Nein, hier war noch etwas verborgen, was ich nicht wußte, was ich aber unbestimmt doch stark fühlte, so oft ich in ihre stillen unbeweglichen Augen oder auf ihre schönen gleichfalls unbeweglichen Lippen, die nicht in Verbitterung zusammengepreßt, aber gleichsam für ewig erstarrt waren, blickte.

Ich sagte eben, daß meine Mutter mich liebte; es gab aber auch Augenblicke, wo sie mich von sich stieß, wo ihr meine Gegenwart lästig und unerträglich war. Sie schien dann einen unwillkürlichen Ekel vor mir zu empfinden, – nachher erschrak sie selbst darüber, bat mich unter Tränen um Verzeihung und drückte mich an ihr Herz. Ich schrieb diese Ausbrüche von Haß ihrer zerrütteten Gesundheit und ihrem Unglück zu . . . Diese feindseligen Gefühle wären allerdings auch mit den seltsamen, mir selbst unbegreiflichen, bösen und verbrecherischen Regungen zu erklären gewesen, die sich manchmal in mir regten . . . Doch solche Anwandlungen fielen nicht mit den Augenblicken ihres Hasses zusammen. – Mütterchen kleidete sich immer in Schwarz. Wir lebten auf ziemlich großem Fuße, obwohl wir fast keine Bekannten hatten.

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