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Visionen und andere phantastische Erzählungen

Ivan Sergejevich Turgenev: Visionen und andere phantastische Erzählungen - Kapitel 26
Quellenangabe
typenarrative
authorIwan Turgenjew
titleVisionen und andere phantastische Erzählungen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
addressWeimar
printrun6. bis 10. Tausend
year1917
firstpub1917
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060526
modified20170127
projectid53f74266
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XXIII.

Wir flogen langsamer als gewöhnlich, und ich konnte mit den Augen verfolgen, wie sich vor mir nach und nach, wie im Panorama, die ungeheure, grenzenlose heimatliche Ebene entrollte. Wälder, Sträucher, Felder, Gräben, Flüsse, – etwas seltener Dörfer, Kirchen, und dann wieder Felder und Wälder, Sträucher und Gräben . . . Mir wurde es traurig zumute, und zugleich empfand ich Gleichgültigkeit und Langeweile. Und dieses Gefühl kam nicht etwa daher, weil es gerade Rußland war, über das ich flog. Nein! Die Erde selbst, diese flache Ebene, die sich unter mir ausbreitete; der ganze Erdball mit seiner vergänglichen, siechen, von Not, Kummer und Krankheiten gedrückten, an die Scholle elenden Staubes geketteten Bevölkerung; diese zerbrechliche, rauhe Kruste, in die der winzige Feuerkern unseres Planeten eingeschlossen ist, mit ihrem Schimmel, den wir hochtrabend Tier- und Pflanzenreich nennen; diese Menschen, winzig wie Fliegen, doch tausendmal nichtiger als die wirklichen Fliegen; ihre aus Kot zusammengeklebten Wohnungen, die verschwindenden Spuren ihres kleinlichen, eintönigen Treibens, ihres lächerlichen Kampfes gegen das Unabwendbare und Unabänderliche, – wie widerte mich das alles plötzlich an! Das Herz drehte sich mir im Leibe um, und mir verging jede Lust, noch länger auf diese nichtssagenden Bilder, auf diese abgeschmackte Ausstellung zu gaffen . . . Ja, es wurde mir langweilig zumute, ärger als langweilig. Ich empfand nicht einmal Mitleid mit meinen Mitmenschen: alle meine Gefühle waren in einem Gefühl untergegangen, welches ich kaum zu nennen wage: im Ekelgefühl, das ich am stärksten – vor mir selbst empfand.

»So hör' doch auf,« flüsterte mir Ellis zu, »hör' doch auf, sonst kann ich dich nicht tragen. Du wirst zu schwer.«

»Nach Hause,« sagte ich ihr mit derselben Stimme, mit welcher ich meinem Kutscher zu befehlen pflegte, wenn ich mich gegen vier Uhr morgens von meinen Moskauer Freunden trennte, mit denen ich seit Mittag über Rußlands Zukunft und die Bedeutung der Dorfgemeinde disputiert hatte. »Nach Hause,« wiederholte ich und schloß die Augen.

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