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Visionen und andere phantastische Erzählungen

Ivan Sergejevich Turgenev: Visionen und andere phantastische Erzählungen - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
authorIwan Turgenjew
titleVisionen und andere phantastische Erzählungen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
addressWeimar
printrun6. bis 10. Tausend
year1917
firstpub1917
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060526
modified20170127
projectid53f74266
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XXII.

»A–a–achtung!« schallte in meinen Ohren ein gedehnter Ruf. »A–a–a–achtung!« hallte es wie verzweifelt aus der Ferne zurück. »A–a–a–achtung«! erstarb es irgendwo am Ende der Welt. Ich sah hinab. Eine hohe vergoldete Spitze fiel mir in die Augen: ich erkannte die Peters-Paulsfestung.

Bleiche nordische Nacht! Ist es denn überhaupt eine Nacht? Ist es nicht eher ein bleicher kranker Tag? Ich habe die Petersburger Nächte niemals gemocht; diesmal wurde mir sogar ganz unheimlich zumute! Ellis' Gestalt verschwand vollständig, löste sich auf wie der Morgennebel in der Julisonne, und ich sah deutlich meinen Körper schwer und einsam in der Höhe der Alexandersäule in der Luft hängen. Das ist also Petersburg! Ja, das ist es wirklich. Diese breiten, öden, grauen Straßen, diese grauweißen, gelbgrauen, lilagrauen getünchten und abgebröckelten Häuser mit den eingefallenen Fenstern, grellen Ladenschildern, eisernen Wetterdächern über den Eingangstüren und den elenden Gemüseläden; diese Giebel, Aufschriften, Schilderhäuschen und Futterkasten; die goldene, an eine Kutschermütze erinnernde Kuppel der Isaakskirche; die überflüssige bunte Börse; die Granitmauern der Zitadelle und das aufgebrochene Holzpflaster; diese Barken mit Heu und Brennholz; dieser Geruch von Staub, Sauerkohl, Bast und Pferdestall; diese versteinerten Hausknechte in Schafspelzen vor den Haustoren; diese wie im Todesschlaf zusammengekrümmten Kutscher auf den schäbigen Droschken, – ja, das ist es, unser Nordisches Palmyra. Alles ist hell, alles ist unheimlich klar und deutlich zu sehen, und alles schläft einen traurigen Schlaf, sich als seltsamer Haufen in der dämmerigen, durchsichtigen Luft abzeichnend. Die Abendröte – eine schwindsüchtige Röte – ist noch nicht vergangen, und wird auch vor dem Morgen nicht vom weißen, sternlosen Himmel weichen; ihr Abglanz liegt auf der seidenschimmernden Fläche der Newa, die sich kaum bewegt und leise murmelt, ihre kalten, blauen Fluten vorwärts rollend . . .

»Wollen wir doch von hier fortfliegen,« flehte Ellis.

Und ohne meine Antwort abzuwarten, trug sie mich über die Newa, über den Schloßplatz nach der Litejnaja. Unten erschollen Schritte und Stimmen: über die Straße kam ein Haufen junger Männer mit abgelebten Gesichtern; sie unterhielten sich von der Tanzstunde. – »Leutnant Stolpakow, Nummer sieben!« rief plötzlich ein verschlafener Soldat, der bei einer kleinen Pyramide verrosteter Kanonenkugeln Wache stand, und etwas weiter sah ich am offenen Fenster eines großen Hauses ein Mädchen in zerknittertem Seidenkleide ohne Ärmel, mit einem Perlennetze auf den Haaren und einer Zigarette im Munde. Sie las sehr andächtig in einem Buche; es war ein Band eines unserer modernsten Juvenale.

»Wollen wir von hier fortfliegen?« sagte ich zu Ellis.

Nach einer Minute zogen unter uns schon die faulenden Tannenwäldchen und Moossümpfe, die Petersburg umgeben, vorbei. Wir flogen gerade nach dem Süden: der Himmel und die Erde und alles wurde immer dunkler. Die kranke Nacht, der kranke Tag, die kranke Stadt – alles blieb hinter uns zurück.

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