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Visionen und andere phantastische Erzählungen

Ivan Sergejevich Turgenev: Visionen und andere phantastische Erzählungen - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
authorIwan Turgenjew
titleVisionen und andere phantastische Erzählungen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
addressWeimar
printrun6. bis 10. Tausend
year1917
firstpub1917
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060526
modified20170127
projectid53f74266
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XVII.

Den ganzen folgenden Morgen hatte ich Kopfweh und konnte mich kaum bewegen; ich achtete aber wenig auf meinen körperlichen Zustand, denn an mir nagte Reue, ich erstickte vor Ärger.

Ich war mit mir äußerst unzufrieden. – Kleinmütiger! – wiederholte ich unaufhörlich: – ja, Ellis hatte recht. Warum fürchtete ich mich? Wie konnte ich mir eine solche Gelegenheit entgehen lassen? . . . Ich hätte ja Caesar selbst sehen können, doch ich erstarb vor Schreck, ich kreischte und scheute zurück, wie ein Kind vor der Rute. Nun, der Räuberhauptmann Rasin ist allerdings etwas anderes. Als Edelmann und Grundbesitzer mußte ich . . . Aber warum habe ich auch in diesem Falle Furcht bekommen? Kleinmütiger, Kleinmütiger! . . . –

– Habe ich vielleicht doch alles nur im Traume gesehen? – fragte ich mich schließlich. Ich rief meine Haushälterin herbei.

»Marfa, um welche Stunde bin ich gestern abend zu Bett gegangen? Kannst du dich noch daran erinnern?«

»Ja, das mußt du selbst wissen, mein Wohltäter . . . Es wird wohl spät gewesen sein. In der Dämmerung bist du aus dem Hause gegangen und hast noch spät nach Mitternacht in deinem Schlafzimmer mit den Absätzen getrampelt. Es wird sogar gegen Morgen gewesen sein, als ich dich habe herumgehen hören, ja . . . Auch vorgestern war dasselbe. Hast wohl einen Kummer, der dich drückt . . .«

– He, he – dachte ich. – Das Fliegen unterliegt also keinem Zweifel. – »Nun, und wie sehe ich heute aus?« fügte ich mit lauter Stimme hinzu.

»Wie du aussiehst? Laß dich mal anschauen. Etwas heruntergekommen. Und auch bleich bist du, mein Wohltäter: kein einziger Blutstropfen im Gesicht.«

Ich schauderte leicht zusammen Ich schickte Marfa fort.

– Auf diese Weise kann ich mir noch den Tod holen, oder wahnsinnig werden, – sagte ich zu mit selbst, am Fenster stehend. – Ich muß damit ein Ende machen. Das ist gefährlich. Auch das Herz pocht mir heute so eigentümlich. Und während ich fliege, habe ich immer das Gefühl, als ob mir jemand am Herzen sauge, oder als ob aus ihm etwas heraussickere – ganz so wie im Frühling der Saft aus der Birke sickert, wenn man mit einer Axt hineinsticht. Und doch ist es schade. Auch Ellis ist so eigentümlich . . . Sie spielt mit mir wie die Katze mit der Maus . . . übrigens wird sie wohl kaum böse Absichten haben. Ich will mich ihr noch zum letzten Male hingeben, will mich noch einmal satt sehen, – und dann . . . Doch wenn sie mir das Blut aussaugt? Das wäre schrecklich! . . . Auch kann eine so rasche Fortbewegung nicht unschädlich sein; man sagt, daß es in England auf den Eisenbahnen verboten sei, mehr als 120 Werst in der Stunde zu fahren . . . –

So sprach ich mit mir selbst, – doch gegen zehn Uhr abends stand ich wieder vor der alten Eiche.

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