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Visionen und andere phantastische Erzählungen

Ivan Sergejevich Turgenev: Visionen und andere phantastische Erzählungen - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorIwan Turgenjew
titleVisionen und andere phantastische Erzählungen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
addressWeimar
printrun6. bis 10. Tausend
year1917
firstpub1917
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060526
modified20170127
projectid53f74266
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X.

Wir befanden uns auf dem Damme meines Teiches. Ich sah gerade vor mir, durch die spitzigen Blätter der Weidenbüsche hindurch, die breite Wasserfläche, auf der hie und da noch einzelne flaumige Nebelfetzen lagen. Rechts lag im matten Glanz das Kornfeld; links erhoben sich die schlanken, unbeweglichen und noch feuchten Bäume meines Gartens . . . Der Morgen hatte sie bereits mit seinem Atem berührt. Am reinen grauen Himmel zogen sich gleich Rauchstreifen einige schräge Wölkchen hin; im ersten schwachen Widerscheine des Morgenrots, der Gott weiß von wo auf sie fiel, schienen sie gelblich: das Auge konnte am weißen Horizonte noch nirgends die Stelle entdecken, wo die Sonne aufgehen sollte. Die Sterne erloschen einer nach dem andern; nichts regte sich noch, obgleich in der zauberhaften Stille des Morgens alles Leben zu erwachen begann.

»Der Morgen! Es ist der Morgen!« rief mir Ellis dicht ins Ohr. »Lebe wohl! Bis morgen!«

Ich wandte mich um . . . Sie hob sich leicht von der Erde empor, schwebte an mir vorüber – und plötzlich hob sie beide Arme über den Kopf. Dieser Kopf, diese Arme und Schultern nahmen augenblicklieh einen warmen rosigen Ton an; in den dunklen Augen sprühten lebendige Funken; ein Lächeln geheimer Wonne bewegte die rot gewordenen Lippen . . . Vor mir war plötzlich ein reizendes Weib erstanden . . . Doch im gleichen Augenblick sank sie, wie in Ohnmacht fallend, zurück und zerfloß wie Dunst.

Ich stand regungslos da.

Als ich zur Besinnung kam und um mich blickte, war es mir, als ob der rosige Ton, in dem soeben das Gesicht meiner Vision erglühte, noch immer nicht verschwunden sei, sondern die ganze Luft erfülle und mich von allen Seiten umgebe . . . Das war das Morgenrot. Plötzlich fühlte ich mich ungewöhnlich matt; ich begab mich nach Hause. Als ich am Geflügelhof vorbeiging, hörte ich das erste Morgengeschnatter der jungen Gänse (sie werden vor jedem anderen Geflügel wach); längs des Daches saßen viele Dohlen, die sich geschäftig und stumm putzten; sie hoben sich scharf vom milchweißen Himmel ab. Zuweilen flogen sie alle zugleich auf und setzten sich nach kurzem Fluge wieder eine neben der anderen ohne Geschrei auf das Dach . . . Aus dem nahen Wäldchen ließ sich zweimal der erste heisere Morgenschrei des Auerhahnes vernehmen, der eben in das taufeuchte, von Beeren durchwachsene Gras herabgeflogen war . . . Mit leisem Beben in allen Gliedern erreichte ich mein Bett und versank sofort in tiefen Schlaf.

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