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Villa Falconieri

Richard Voß: Villa Falconieri - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorRichard Voß
titleVilla Falconieri
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeDreizehnter Jahrgang. Band 1.
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
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Einmal war es unumgänglich notwendig, mich persönlich nach Rom zu begeben. Seit Jahren war ich nicht dort gewesen. Ich entsetzte mich selbst darüber, wie alles auf mich wirkte, mich beunruhigte und quälte.

Ich fühlte mich auch physisch schwer krank.

Im Café Oranio genoß ich etwas. Neben mir saßen römische Litteraten, von denen ich einige kannte. Aber sie erkannten mich nicht.... Wie verändert ich mich haben mußte – seltsam!

Uebrigens war ich sehr froh, daß mich niemand erkannte.

Sie redeten von Litteratur; und es wurde mir noch unbehaglicher zu Mute. Denn wenn sie von mir gesprochen hätten – – Aber sie nannten nur Namen, die ich gar nicht kannte.

Von mir sprach niemand.

Gott sei Dank!

Auch in der Litteratur mußte vieles anders geworden sein: genau so, wie ich es vorausgesehen hatte.

Noch einmal: Gott sei Dank, daß ich mich zur rechten Zeit aus den Reihen der absterbenden Dichter davongeschlichen und mir selber das Grab gegraben hatte.

Trotzdem quälte mich alles, was die Leute neben mir sprachen. Jedes Wort wühlte in mir. Es war so wunderbar, daß ich einstmals auch ein lebendiger Dichter gewesen sein sollte und längst vergessen worden war.

Längst vergessen –

So schnell ich konnte, beendete ich mein Mahl, zahlte und ging mit abgewandtem Gesicht hinaus.

Warum wendete ich das Gesicht ab?

Auch auf der Straße fürchtete ich jeden Augenblick trotz der großen Veränderung, die mit mir vorgegangen sein mußte, daß dieser oder jener mich erkennen könnte.

Warum fürchtete ich mich, erkannt zu werden?

Zum Glück ward es bald dunkel. Mein Weg führte mich am Valletheater vorüber. Erinnerungen erwachten. Ich hatte sie längst, längst totgeglaubt. Und jetzt waren sie plötzlich da, jetzt wollten sie sich nicht zurückdrängen lassen.

Wie Geister stieg Vergangenes vor mir auf:

... Im Valletheater wurde ein neues Drama gegeben. Das Haus war überfüllt, der Beifall brach tosend aus. Das Werk riß das Publikum hin: und – es war mein Werk!

Sie riefen meinen Namen, sie jubelten mich auf die Bühne: wieder, immer wieder!

Ich sah mich selbst.

Die Toten standen auf – ich sah ein Gespenst.

Denn ich befand mich vor dem Valletheater und las den Titel des Stückes, das am Abend gegeben wurde:

»Agrippina«, Tragödie in fünf Aufzügen von Cola Campana ...

Wie von Geisterhänden gezogen, trat ich ins Haus und an den Schalter, wo ich mir eine Loge nahm. Es mußte noch sehr früh sein; denn es kamen sehr wenige Leute.

Aber das Stück hatte bereits angefangen und das Haus war fast leer.

Ich saß in dem öden Hause, sah meine Gestalten, hörte meine Verse sprechen ...

Gespenster, alles Gespenster!

In dem öden Hause blieb es still – still – still.

Auf dem Zettel las ich, daß die kleine Rolle der Marcia eine Debütantin spielte.

Es war ein blutjunges Geschöpf: hoch aufgeschossen, hager, hysterisch, mit scharfen eckigen Bewegungen und einer Haltung, als wäre sie schwindsüchtig. Sie hatte eine eigentümliche Art, zu gehen: sie schob sich vorwärts. Es war sehr unschön. Ihre langen schmalen blassen Hände waren in unaufhörlicher Bewegung. Diese nervösen Hände sprachen! Sie sprachen zu den Herzen der Hörer viel beredter als meine pathetischen Verse.

Die kleinen zitternden bleichen Hände rührten das Publikum bis zu Thränen.

Sie hatte eine Stimme ohne jeden Wohllaut. Im Grunde genommen war es eine echt italienische Stimme. Verse konnte sie mit diesem hohen schrillen blechernen Organ gar nicht sprechen. Auch keine große Leidenschaft konnte sie damit ausdrücken. Nur Zärtlichkeit. Da wurde die Stimme leise; leise und weich. Da flüsterte und koste die harte herbe Stimme; da lockte und lächelte sie.

Ja, und was sie sonst noch ausdrücken konnte, das war Gram, Liebesschmerz, Herzeleid, Trauer, Wehmut, stille todmüde Verzweiflung.

Alle Töne eines zärtlichen verratenen gebrochenen Frauenherzens!

Ihr Gesicht war häßlich ... Wie? Oder war es schön?

Ich wußte es nicht.

In diesem Augenblick erschien es mir entschieden häßlich, im nächsten entschieden schön – wunderschön!

Es war ein beständiger Wechsel in diesem kleinen hageren süßen Gesicht.

Alles darin war Ausdruck.

Und der Ausdruck war eben alles.

Sie debütierte also: in Rom debütierte sie! Von ihrem Erfolge hing ihre künstlerische Zukunft ab; und sie hatte es nicht einmal für nötig befunden, sich zu schminken.

Noch dazu im antiken Kostüm!

Aber ihre Augen – Diese großen weitoffenen düsteren Augen; diese traurigen leuchtenden märchenhaften Augen; diese rätselhaften unergründlichen unvergeßlichen Augen!

Es waren die Augen einer großen Künstlerin, die Augen einer echten Tragödin! Und – es waren die Augen einer unglücklichen kranken Frauenseele.

Das Haus war tief betroffen. Zuerst flüsterte man. Es wurde sehr unruhig.

Dann Totenstille.

Man saß wie gebannt und hörte die schmerzlichen Lippen flüstern, die ruhelosen Hände reden, diese schwermütigen glänzenden Augen eine tragische Liebesgeschichte erzählen.

Als die kleine Rolle zu Ende gespielt war, raste das Publikum.

Um das Werk kümmerte sich niemand. Das Werk gehörte zu den abgethanen Dingen, zu dem fortgeworfenen vergessenen Ueberfluß.

Das Werk war tot!

Das Werk und der Dichter.

Aber der jungen Schauspielerin und der Bühne, darauf sie souverän herrschen würde, gehörte die Zukunft.

Friedlich und feierlich war später mein Heimritt in der Vollmondnacht durch die Campagna. Ich ließ mich von den Lichtfluten wie in ein himmlisches Kleid hüllen und von dem großen Schweigen der Natur mit einem Hauche göttlicher Ruhe erfüllen.

Dann befand ich mich zu Hause! Schon im Hohlwege bei der Villa Lancellotti kamen mir meine drei jungen weißen Wolfshunde entgegengerast. Sie sprangen am Pferde in die Höhe und heulten vor Freude über die Heimkehr des Herrn. Dann streckte mir durch das hohe Thor der alte Eichbaum seine gewaltigen Aeste entgegen; und der wachsame Falke über demselben grüßte mit ausgebreiteten Flügeln. Dann umfing mich der Silberschimmer des Oelwalds, die Dämmerung des Steineichenhains. Dann trat ich ein in mein liebes einsames Haus, in mein schönes Asyl.

Maria erwartete mich in der Halle; und sie hatte dort gewiß seit Stunden gewartet.

Mit heimlicher Sorge sah sie mir in die Augen.

Ich konnte jedoch lächeln.

Ja! Ich war ein toter Poet; aber – es schmerzte nicht mehr.

Sehr bald darauf lernten wir Euch kennen.

Wißt Ihr noch, wie es kam?

Wir erinnern uns jeder Einzelheit; und so oft wir daran denken, danken wir dem Geschick für Eure Freundschaft.

In der Villa Muti war's, in der »Rosenvilla«. Ich wollte sie Maria in der Blütezeit zeigen; und selbst meine kühle Maria sagte:

»Es ist schön.«

Rosen – Rosen – Rosen!

Maréchal-Niel und Gloire de Dijon. Und Malmaison und die wunderschöne Königin: La France!

Rosen – Rosen – Rosen! Sie stiegen zu beiden Seiten der Straße wie Bollwerke empor, krochen auf allen Wegen hin, kletterten an allen Ballustraden empor, durchwucherten alle Bosketts, füllten alle wasserleeren Fontänen und Römersarkophage, Sie umrankten die antiken Säulen und Statuen, die Stämme der Pinien und Steineichen. Sie schwangen sich von einem Baum zum andern, stürzten sich aus den Wipfeln herab, hingen wie rosige Teppiche von den Wänden der Villa nieder. Sie sprossen aus den Stufen der Treppen, aus den Fugen der Mauern, breiteten sich zu Feldern aus.

Rosen – Rosen – Rosen!

Wir kamen in ein Labyrinth von engen dunklen Lorbeergängen, die uns über eine kleine Brücke auf ein von trüben Wassern umflossenes Inselchen führten. In dem Teich wuchsen Kallas und Lilien; und ringsum die hohen Gebüsche durchleuchteten wiederum Rosen – Rosen! Auf dem winzigen Eilande stand ein alter Erdbeerbaum, darunter eine Büste der Zenobia aufgestellt war. Antike Kapitäle und gestürzte Altäre standen als Sitzplätze umher.

Hier wart Ihr!

Den Schoß voller Rosen, saß Deine Frau unter dem schönen Baum. Sie trug ein leichtes weißes Kleid und erschien uns wie der Genius des Ortes. Auch Du gefielst mir mit Deinen ernsthaften Augen und Deiner freundlichen Stimme recht gut.

Wir beide sprachen miteinander ... Aber Maria blieb scheu zurück und schaute unverwandt auf Deine Frau.

Da wählte diese die schönsten Rosen aus ihrem Schoß, ging auf Maria zu und reichte ihr mit einem Lächeln den Strauß. Es waren die ersten Blumen, die meiner armen Maria Freude bereiteten.

Damit begann es. Denn dann kamt Ihr in die Villa Falconieri und wart gleich so verständnisvoll für mich sonderbaren Schwärmer, gleich so entzückt von meiner lieben Maria. Nachdem Ihr wieder gegangen wart, empfanden wir beide zum erstenmal, wie – einsam wir eigentlich waren.

Doch Ihr kamt wieder und wieder, nicht duldend, daß wir uns auch vor Euch verbargen und verkrochen. Und Ihr kamt wieder und wieder, auch nachdem ich Dir gesagt hatte, daß Maria nur vor allen guten Geistern des Himmels meine Frau sei.

Und wir liebten Euch.

Einmal machte ich eine Entdeckung, die mich im höchsten Grade erschreckte.

Ich hatte mir nämlich eingebildet, ausschließlich für Maria zu leben; und ich mußte schließlich erkennen: Maria lebte ausschließlich für mich.

Wie war diese vollständige Wandlung in unserem Verhältnis nur vor sich gegangen? So tief heimlich vor sich gegangen, daß ich davon nichts gemerkt hatte?

Wie war es überhaupt möglich gewesen, gar nichts zu merken, wo ich uns Beide doch fort und fort belauschte und belauerte?

Waren meine Organe bereits stumpf geworden, war ich denn kein feinfühliger Geist mehr, hatte ich mich zu einem selbstsüchtigen Menschen umgewandelt? Ich, der ich mich selbst hatte verleugnen wollen?!

Konnte jahrelange ernsthafte Selbstbetrachtung, lediglich zum Zweck läuternder Selbsterziehung angestellt, schließlich Selbstsucht erzeugen? Konnte ein an sich edles Wollen die häßlichste Wirkung haben?

Denn es gibt unter der Sonne nichts Häßlicheres als Selbstsucht!

Fortan beobachtete ich unser beider Seelenleben von einem ganz neuen Gesichtspunkte aus. Und zwar beobachtete ich unerbittlich scharf, daß mir nichts – gar nichts entgehen konnte. Mein altes heftiges, durch das lange Schweigen der Einsamkeit eingelulltes Mißtrauen gegen mich selbst wurde jetzt aufgerüttelt und zum unerbittlichen Wächter über mich selbst gestellt.

Jetzt mußte ich mich in acht nehmen!

Mit welcher meisterhaften Kunst Maria verstand, ausschließlich für mich zu leben und mich dabei in der Illusion zu erhalten: ich lebte ausschließlich für sie! Nur eine Frau vermag diese schwerste Kunst der Täuschung zu solcher Vollendung zu bringen, nur eine liebende Frau! Ganz heimlich ging sie zu Werke, ganz leise. Aber ich kam doch hinter ihre lautlos schleichenden Liebesthaten. Kein Samariter konnte einen hoffnungslosen Kranken mit solcher Barmherzigkeit pflegen wie Maria mich.

Dabei versuchte sie fort und fort, mir einzureden: ich wäre vollkommen gesund, und sie allein bedürfte der liebevollen Sorgfalt des Wärters. Und dieser wäre ich für sie! Immer und immer hatte sie das stille leuchtende Lächeln des dankbaren Patienten für seinen gütigen Arzt. Sie benahm sich, als empfinge sie fort und fort Wohlthaten und Almosen; während sie doch fort und fort mir Wohlthaten erteilte.

Fast schien es, als wäre nicht ich der Mitleidige, sondern sie.

Und wie sie sich abquälte, mich zu überzeugen, daß ich auch jetzt noch wertvolle dichterische Werke würde zu schaffen vermögen! Erwiesen sich abends ihre Bemühungen als erfolglos, begann sie am nächsten Morgen damit von neuem. Auch bei diesen Unternehmungen ging sie wundervoll leise zu Werke.

Sie wollte meinen Ehrgeiz wecken. Aber der war längst tot. Sie wollte mir den Glauben an mich selbst wiedergeben. Aber den hatte ich ja niemals besessen. Sie wollte mich überzeugen, daß ich immer noch nicht vergessen und verschollen wäre. Aber ich wußte es besser. Jetzt that sie ihr äußerstes, indem sie versuchte, mich der Villa Falconieri zu entreißen – meiner geliebten Zufluchtsstätte, meinem köstlichen Ruheort, meinem wonnigen Grabe!

Welche Mittel und Künste sie anwendete! Was ihre Liebe ihr alles ersinnen half, ihre hilflose Angst ihr eingab... Und alle diese bangen Versuche ganz still, beinahe wortlos. Dafür freilich um so beweglicher. Wenn ich mich nicht überzeugen ließ, so hatte diese scheinbare Gefühllosigkeit ihren Grund in der Erkenntnis, daß Maria über mich in einem schweren Irrtum befangen war.

Ich kannte mich eben besser.

Wir lebten so hin ...

Von meinem Balkon aus konnte ich beobachten, wie im Lauf der Jahre das neue und neueste Rom entstand: Roma nuova! Die schimmernde Häusermasse rückte aus dem Bett der sieben Hügel weiter und weiter in die menschenöde Campagna hinaus.

Das neue Rom glich einem Riesenpolyp. Nach allen Seiten streckte das häßliche Ungetüm seine gefräßigen Fangarme aus. Es umklammerte den erhabenen Leib der königlichen Landschaft, saugte sich daran fest, saugte ihr die majestätische Schönheit aus.

Von der Villa Falconieri aus, sah ich das elektrische Licht seinen triumphierenden Einzug in die Hauptstadt des Königreichs halten. Am Bahnhof leuchtete es zuerst auf. Dann griff der grelle Glanz um sich: vom Lateran bis zum St. Peter!

Diesen bestrahlte die künstliche Nachtsonne der neuen Zeit nicht, dieser ließ sich von keinem Lichte erhellen, das von der Erde war. Groß und still und einsam, wie in feierlicher, ewiger Oede, steht er am Tiberstrand. Er duldet den Widerschein, der vom Quirinal auf ihn fällt, und weiß in seinem Ewigkeitsbewußtsein, daß der Glanz, der von seinem Allerheiligsten ausgeht über die Welt, alle irdischen Flammen erstickt.

Und ich sah von meinem leuchtenden Hause aus zu, wie das greise Antlitz der Campagna, selbst wo sie von Rom weit entfernt war, Jahr für Jahr, Zug um Zug sich verwandelte, scheinbar verjüngte.

Es war, als würde eine tote große Monarchin für die Aufbahrung hergerichtet. Man schminkte ihr sogar die fahlen Wangen und versuchte, die Majestät des Todes zu entstellen.

Aber die teilweise Zerstörung des großen Kirchhofs der Weltgeschichte ließ auf die römische Landschaft blühendes Kulturleben niederströmen; und nur der Maler oder Phantast durfte von Entstellung reden.

Ich sah die trostlosen Oeden in reiche Felder sich wandeln, sah das braune Brachland mit fruchtbaren Siedelungen sich bedecken, sah die schönen Eukalyptuswaldungen wachsen und sich ausdehnen.

Es ist der Kampf modernen Geistes gegen den Würgengel der Malaria, die seit Jahrtausenden der böse Genius des Ortes ist. Und das wird sie auch trotz alledem bleiben. Man kann den Dämon durch die Mittel unserer großen Kultur wohl betäuben, aber nicht töten.

Diese Wandlungen der römischen Landschaft, deren Zeuge ich bin, sagen mir, daß die Jahre vergehen. Wir altern. Marias goldbraunes Haar durchschimmern bereits die ersten Silberfäden: und ich selbst komme mir vor wie ein Greis. Bisweilen – nur bisweilen – erwacht in mir ein Etwas wie eine letzte Regung von Jugend. Ich empfinde dieses viel zu späte Erwachen jedesmal an einer dumpfen dunklen unendlichen Sehnsucht.

Sehnsucht – wonach?

Demnach wäre es wahr, daß wir uns sehnen, also noch hoffen können, also an ein Glück für uns glauben, so lange wir überhaupt leben: und daß nur die Toten in Wahrheit entsagen?

Und wir beide leben so hin...

Ohne die Leiden, die das Leben dem Menschen bringt, und mit den Freuden, die ihm die Einsamkeit schenkt. Ich habe Frieden gefunden. Und wenn ich in jenen seltenen Momenten der Sehnsucht empfinde, daß es ein Kirchhofsfrieden ist, so – beklage ich mich nicht.

Und Maria?

Sie ist das verschlossenste und herbste, das edelste und vornehmste Geschöpf! Sie ist von einer Lauterkeit der Empfindung, einer Wahrhaftigkeit des Worts, von einer stillen strengen einfachen Größe, von der ich beim Weibe nichts gewußt hatte, bis ich dieses Weib fand.

Sie wird niemals liebenswürdig sein können; aber sie ist immer verehrungswürdig.

Und immer ist sie bereit, für mich sich selbst zu vergessen und aufzugeben.

Wie sie ist, so ist sie ein herrliches, ein mir heiliges Wesen.

Aber sie ist durch das Schicksal zermalmt worden.

Und ich hatte mir's zur Lebensaufgabe gemacht, ihre Schmerzen zu lindern, ihre Wunden zu heilen. Mit festem Willen, mit allen Kräften versuchte ich, meine Mission zu erfüllen.

Habe ich sie erfüllt?

Ich suche beständig die Antwort in ihrem Gesichte zu lesen. Es ist immer dasselbe blasse und stille, ernste und milde Antlitz.

Ich suche ruhelos die Bestätigung in ihrem ganzen Wesen zu finden.

Es ist stets das gleich pflichtfreudige und pflichtstrenge, sich selbst verleugnende und aufopfernde Wesen.

Ich suche die Erwiderung auf meine bange Frage angstvoll und immer angstvoller in meinem eignen Herzen.

Ist Maria glücklich? Sie hat sich so verändert – – Ich kann mir's nicht mehr vorstellen, daß diese milde milde, stille stille Frau dieselbe ist, die mir damals in Carlo Marattas Frühlingszimmer die schreckliche Geschichte der unseligen Ottavia Sacchetti erzählte: mit solchem Blick, solcher Miene!

Das Leben, das Marias schönes Antlitz einst verzerrte, hat daraus jede Spur einer Entstellung verwischt, hat es zu einem unbeschreiblich schönen, unaussprechlich traurigen Frauenantlitz gemacht.

Nein: sie ist nicht glücklich! Nein, nein: ich habe meine Aufgabe nicht erfüllt!

Bin ich denn glücklich?

Aber auf mich kommt's nicht an.

Ich muß anders fragen:

Würde Maria glücklich sein, wenn sie wüßte, daß ich es wäre?

Es liegt etwas zwischen uns.

Etwas Dunkles, Geheimnisvolles, Unheilvolles!

Was ist es?

Ist es Mariano?

Er ist noch immer nicht verdorben und gestorben. Maria ist noch immer nicht frei, er kann uns noch immer als Gespenst schrecken.

Aber – Mariano ist es nicht, was zwischen uns steht.

Ist es vielleicht jene Sehnsucht, die immer noch, immer noch in mir ist und nach Leben schreit: nach lebendigem Leben!

Dann wäre es die Einsamkeit, der ich mich ergeben habe und die mein Verderben geworden? Nicht die wonnevolle Einsamkeit der Villa Falconieri; sondern die tödliche Einsamkeit meines Herzens ...

Der Strom des Lebens flutet frei dahin;
Im Sonnengolde leuchten auf den Wagen –
Ich aber stehe abseits, tief im Dunkeln ...

Wenn ich nachts nicht schlafen kann und auf meiner Wandelbahn auf und ab gehe, stundenlang auf und ab! – so sehe ich jetzt immer Nacht für Nacht ein Licht.

Es strahlt unter mir und kommt aus einem Fenster der Villa Taverna, die dem bankerotten Fürsten Borghese gehört und von diesem an den Prinzen von Sora vermietet ward.

Nacht für Nacht begrüßen sich seit einiger Zeit die beiden Schwesterlichter: denn der zuckende Funken unter mir strahlt auch so allein.

Heute sagte mir Maria, das einsame Licht brenne Nacht für Nacht im Zimmer der Prinzessin.

Sie soll sehr jung, sehr schön und auch – sehr unglücklich sein.

Auch sehr unglücklich – –

Sie dauert mich!

 

Ende des ersten Bandes.

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