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Villa Falconieri

Richard Voß: Villa Falconieri - Kapitel 8
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typefiction
authorRichard Voß
titleVilla Falconieri
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeDreizehnter Jahrgang. Band 1.
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correctorreuters@abc.de
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In unserem Hause gingen große Dinge vor, die man mir jedoch nicht verbarg. Es handelte sich um jenen Befreiungsplan: alles war vorbereitet, um Garibaldi mit seinen Freischaren in Rom einzulassen.

Vittorio Mariano hatte mir seine Liebe gestanden, hatte bei meinem Vater um mich angehalten und – war abgewiesen worden. »Weil er sie nicht bezahlen kann,« meinten lächelnd die Freunde und guten Bekannten. »Weil er ein Franzose ist,« sagte voller Entrüstung mein Vater.

Ich bat ihn nicht, da ich meinen Vorsatz gefaßt hatte.

In einer Nacht weckte mich Lärm im Hause. Es waren die Stimmen meiner Eltern. Und – es war die Stimme Marianos!

Wie kam er mitten in der Nacht in unser Haus? ... Und wie sie schrieen!

Ich stand auf und wollte zu meiner Mutter. Aber mein Zimmer war von außen verschlossen worden. Bis zum Morgen vernahm ich ihre Stimmen, ohne etwas verstehen zu können. Dann hörte ich Mariano das Haus verlassen, hörte das Toben meiner Mutter, die Verwünschungen meines Vaters. Und ich hörte, wie er meine Thüre leise aufschloß.

Er kam nicht herein.

Was bedeutete das alles? ... Ich erfuhr es nicht.

Nichts erfuhr ich.

Meine Mutter lag krank, ich durfte nicht zu ihr. Mein Vater ging mit verstörtem Gesicht einher und gönnte mir kein Wort. Die wackeren Männer, welche die große That vorbereitet hatten, kamen, schlössen sich mit meinem Vater ein, blieben in langen leidenschaftlichen Debatten beisammen, verließen das Haus mit finsteren Mienen – ohne meinem Vater die Hand gereicht zu haben.

Alle Freunde und guten Bekannten, sämtliche Nachbarinnen wurden abgewiesen.

Selbst der Hausfreund fand keinen Einlaß.

So ging es eine halbe Woche, während der ich von Mariano nichts hörte, noch sah. Wir hatten verabredet, daß ich ohne »den Segen meiner Eltern« ihm angehören wollte. Für ein römisches Bürgermädchen bedeutet das etwas Ungeheures; wahrend es wenig, oder nichts bedeutet, daß sogar die römische Bürgersfrau ihren Liebhaber hat.

So ist es nun einmal bei uns.

An dem Tage, da ich meinen Eltern das Mariano gegebene Versprechen mitteilen wollte, ließ mein Vater mich zu sich rufen. Ich fand bei ihm Vittorio, der mir als mein Verlobter vorgestellt wurde. Meine Mutter ließ sich nicht sehen. Ich erfuhr nicht, wie alles so wunderbar gekommen war: denn meine Eltern hatten alle ihre überschwenglichen Hoffnungen, die sie auf meinen Kaufpreis gesetzt, aufgegeben.

Von jener großen That, bei der mein Vater beteiligt gewesen, hieß es jetzt: sie hätte verschoben werden müssen. Da ich die Braut eines Franzosen geworden war, so hielt ich das für eine günstige Fügung. Ich liebte meinen Verlobten sehr, ich war sehr glücklich, sehr dankbar: ich durfte mich nach freier Wahl an einen geliebten Mann verschenken.

Meine Mutter hatte mich nie geliebt; aber jetzt haßte sie mich. Sie haßte auch Mariano, worüber dieser nur lächelte. Er war überhaupt sehr heiter, so berauschend heiter und dabei so strahlend wie ein Frühlingstag. Gegen mich benahm er sich stets ritterlich und respektierte sogar die Sitte. Nach römischer Sitte durfte auch mein Verlobter keine Minute mit mir allein sein. Bei seinen täglichen, nur sehr kurzen Besuchen befand sich eine Magd oder mein Vater bei uns. Meine Mutter erschien niemals. Er saß mir dann gegenüber und baute Luftschlösser, in deren Glanz ich schweigend hineinsah.

Weil er mich sehr schön fand, und weil er über meine Schönheit sich freute, kleidete ich mich zum erstenmal in meinem Leben hübsch. Er machte aus mir ein ganz anderes Wesen.

Das Herrlichste war aber doch, daß er nicht viel Geld hatte, daß er mich nicht hatte kaufen können. Er wollte mich nach Paris bringen, wo sein Vater ein berühmter Maler war.

Bereits nach wenigen Wochen fand unsere Hochzeit statt; denn meine Eltern wollten uns beide möglichst schnell aus dem Hause haben. Als wir zur Kirche fuhren, lag meine Mutter in Krämpfen; und von den vielen Freunden und guten Bekannten ließ keiner sich sehen.

Gleich nach der Trauung verließen wir Rom – Mariano war mittlerweile aus der Armee getreten – und gleich nach der Trauung erfuhr ich alles.

Er sagte es mir im Rausch unserer Hochzeitsnacht.

Meine Mutter hatte sich unsinnig in ihn verliebt und – – Und dann hatte meine Mutter in ihrer tollen Leidenschaft ihm den politischen Plan verraten. Dadurch hatte er meinen Vater in seine Gewalt bekommen. Er hatte gedroht, meinen Vater und alle Verbündeten dem Gericht zu übergeben, hatte als Preis für sein Schweigen die schöne Tochter gefordert.

Er hatte mich durch sein Schweigen erkauft.

Alles war aus und vorbei.

Ich wollte aus dem Zimmer. Aber er lachte nur. Ich schleuderte ihm meine Verachtung ins Gesicht. Aber er lachte nur.

Mit einer Schurkenthat bezahlte er mich, mit einer Gewaltthat nahm er mich.

Und ich ließ es geschehen!

*

Wiederum war ich ein armes Geschöpf geworden. Aber ich war kein Mensch mehr, keine Frau; sondern nur ein lebendiges Ding.

Er brachte mich nach Paris. Wir wohnten bei dem berühmten Künstler, der sein Vater war. Dieser machte großes Wesen aus meiner Schönheit, die mir jetzt gradezu abscheulich erschien. Ich bekam eine Kammerfrau, mußte mich wundervoll kleiden und im Atelier Herzöge und Minister, große Dichter und Künstler empfangen.

Alle sagten mir ins Gesicht, daß ich sehr schön sei und daß sie mich sehr bewunderten.

Vornehme Damen kamen. Sie betrachteten mich durch ihr Lorgnon und waren sehr herablassend gegen mich.

Mariano war ungemein eitel auf mich. Wenn irgend ein großer Herr oder berühmter Mann mir seine Leidenschaft gestand, schmeichelte ihm das. Der junge Herzog von Cligny, ein Freund von Guy de Maupassant, erschoß sich, weil ich seine schändlichen Anträge zurückwies; und Mariano war glücklich über die Sensation, die dieser Selbstmord in ganz Paris machte.

Sein Vater drapierte mich bald als antike Statue, bald als Madonna. Er malte mich und gab Soireen, wo ich als lebendes Bild stand.

Ich ließ alles geschehen.

Dann brach der Krieg mit Deutschland aus. Mariano ging mit der Armee, sein Vater starb, und ich befand mich eines Tages auf der Straße. Herzöge und Minister wollten für mich sorgen. Ein Ekel zuckte in mir auf – ein Ekel ...

Ich mietete ein schlechtes Zimmer, zog ein ärmliches Kleid an und suchte Arbeit. Das einzige, was ich gelernt hatte, war etwas Goldstickerei. Ich war aber auch darin ungeschickt. Ueberdies hatten wir Krieg. Charpie und Bandagen waren notwendig, keine Stickereien. Wäre mir nicht alles, alles so grauenvoll gleichgültig gewesen, hätte ich Paris durch irgend ein Thor verlassen und mich in dem ersten besten Dorf als Magd verdingt.

Wie einstmals bei meinen Eltern, mußte ich oft hungern. Doch ich fühlte es kaum. Auch war es eine gute Vorübung für die Hungerszeit während der Belagerung.

Als Mariano mich dir schilderte: wie ich damals über die blutigen Leichname der Kommune hinweg durch die Straße gegangen; als wären es Regenlachen – da merkte ich an deinem Entsetzen, welch elendes Geschöpf ich damals gewesen sein muß.

Mariano kam aus Deutschland zurück – als Flüchtling! Er suchte mich. Ich hatte an gar nichts gedacht. Sonst wäre ich doch wohl fortgegangen – ganz gleich wohin. Aber nun fand er mich und sagte mir, daß er meinetwegen den Preußen entflohen wäre.

Mariano wollte leben, wie er früher gelebt hatte und er hatte das Leben eines großen Herrn geführt. Wir waren aber ganz arm. Einen kleinen Posten wollte er nicht annehmen, und anderes fand sich nicht für ihn. Sarcey bot ihm eine Sekretärstelle bei sich an; aber Mariano wollte sein eigener Herr sein.

Er schrieb für den »Temps«. Aber er schrieb nur, wenn er Lust hatte; und er hatte selten Lust. Er spielte Hazard. Aber er hatte kein Glück im Spiel. In einem Liebeshandel kam es zu einem Duell. Er verwundete dabei einen einflußreichen Mann und mußte fort aus Paris.

Ein sehr reicher Freund begleitete uns. Denn Mariano nahm mich wieder mit; und – ich ließ mich wieder mitnehmen.

*

Ich hatte immer Gott dafür gedankt, daß ich kinderlos blieb. Nur kein Kind von diesem Manne! Um Gottes willen nur das nicht!

Als wir in die Villa Falconieri zogen, fühlte ich mich Mutter.

Diese Verzweiflung! Gott, Gott, diese Verzweiflung!

Vielleicht brachte ich ein totes Kind zur Welt ... Und ich schrie die Muttergottes um ein totgeborenes Kind an. Alle Nacht lag ich in der Kapelle vor dem Altar und flehte:

»Laß das Kind sterben!«

Aber das Kind lebte.

»Du tötest es,« nahm ich mir vor in der Stunde, da ich's gebar.

Sie legten das Kind an meine Brust. Es schrie jammervoll. Als ich es tränkte, als es dann stille ward, als es an meiner Brust einschlief: da – war ich die glückseligste Mutter.

Es ist ja auch wunderbar.

*

Dann wußte ich vom Leben nichts mehr, als daß mein Kind auf der Welt war.

Marianos reicher Freund starb, bevor er ausgebeutet werden konnte. Anstatt Herr der Villa Falconieri zu sein, wurde Mariano der Pächter. Wiederum waren wir arm.

Da kamst du in die Villa.

Du warst so anders, als alle Männer, die ich bis dahin kennen gelernt hatte: so ganz anders! Du warst der erste Mann, dessen Blick ich nicht schon als Beleidigung empfand. Du warst der erste Mann, der an mir nicht nur meine Schönheit sah; der erste, für den ich auch eine Seele besaß.

Ich liebte dich nicht. Wie konnte ich das, da ich mein Kind hatte? Aber ich faßte sogleich Vertrauen zu dir, hatte sogleich einen Glauben an dich, der zur Religion für mich wurde.

Mariano konnte ein solches Mysterium nicht verstehen. Er konnte nur verstehen, was war wie er selbst.

Und so gab er denn meiner stillen schönen friedlichen Empfindung einen häßlichen Namen.

Ich sollte »verliebt« in dich sein.

Er verhöhnte mich mit dir. Weil er es mit seinen Mißhandlungen nicht konnte, marterte er mich täglich mit dir. Täglich schrie er mir zu, wie ich mich dir an den Hals werfen sollte, wie du mich aus Mitleid an deinem Halse lassen würdest – aus Barmherzigkeit mit der unglücklichen Frau.

Er haßte dich; denn er fühlte die Reinheit deines Lebens. Und ihm war im tiefsten Herzen nichts so zuwider wie alles geistig Helle und seelisch Schöne.

Du warst vielleicht der einzige Mensch gewesen, von dem er kein Geld angenommen hätte. Aber weil er wußte, daß ich darunter litt, nahm er auch dein Geld.

Er wollte mich sogar zwingen, dich darum zu bitten und hätte dann an meiner Qual seine Freude gehabt.

Da ich dich nicht bat, brachte er andere Männer ins Haus.

Sie kamen meinetwillen, und wenn sie mit Mariano am Spieltische saßen, mußte ich dabei sein.

So war mein Leben, so ward ich täglich von neuem geschändet.

So tief bin ich gesunken, so ganz und gar bin ich ohne Frauenwürde mehr.

Und du, du Guter und Reiner, erhebst mich aus dem Abgrund, reinigst mich vom Staube, weihst mich von neuem durch deine Liebe.

Dann tötete er mein Kind.

Und als ich in der Nacht nach dem Begräbnis hinausging und thun wollte, was ich längst hätte thun müssen, riefst du mich beim Namen. Da gab dein Wort mich dem Leben zurück. Da fühlte ich, daß ich dich liebte, daß ich dich vom ersten Augenblick an geliebt hatte.

Und da glaubte ich dir, was du mir in der Nacht, die meine Todesnacht hätte sein sollen, sagtest.

Es ist nicht Großmut! Keine Barmherzigkeit ist es, kein Mitleid:

Auch du liebst mich!

*

Von Camaldoli kam der Prior, um zwischen den beiden Ehegatten zu vermitteln; und aus dem nämlichen Grunde erschienen einige Väter des Tusculanerklosters.

Ich wollte nicht, daß sie Maria quälen sollten, und wünschte allein mit ihnen zu verhandeln. Doch als sie bei mir versammelt waren, trat plötzlich Maria ins Zimmer und erklärte: sie betrachte ihre Ehe mit Mariano als gelöst.

Alle Ermahnungen, Vorstellungen und Vorwürfe der guten geistlichen Herren hörte sie mit vollkommener Ruhe an. Zum Schluß sagte sie nur: ob die Priester eine Ehe, wie sie sie geführt hätte, für eine christliche Ehe hielten?

Unverrichteter Dinge kehrten die würdigen Männer in ihre Heiligtümer zurück.

Es verbreitete sich das Gerücht: Mariano wollte Mönch werden.

Fürs erste blieb er in Camaldoli, wo er eine der kleinen Einsiedeleien bezogen hatte. Hier sollte er in fanatischer Askese leben, fast keine Nahrung zu sich nehmen, die Nächte im Gebet verbringen und die Bußübungen sündiger Mönche thun. Ich war begierig, wie lange dieser Paroxismus dauern würde.

Inzwischen ließ ich Marianos Gläubiger befriedigen und alle seine Verhältnisse ordnen, wobei sich Dinge ergaben, die einem Zolaschen Roman entnommen schienen.

Für Mariano trat ich in den Pachtkontrakt der Tenuta ein.

Die meisten Leute hingen mit solcher Schwärmerei an ihrem Herrn, daß sie unter mir nicht bleiben wollten.

Ich setzte einen Verwalter und verschiedene andere tüchtige Männer ein. Sie bewirtschafteten die Tenuta nach Landesbrauch und befinden sich noch heute in meinen Diensten.

*

Eine Scheidung der Ehe Marias mit Mariano war, dank dem famosen Code Napoléon, nicht durchzusetzen. Nur eine Trennung der beiden Gatten war möglich. Und auch dann konnte Maria durch den machtvollen Arm des die Bürger eines Staats schützenden Gesetzes zur Rückkehr zu ihrem Mann gezwungen werden.

Mariano konnte daher unser Schicksal sein und unseren Gott spielen.

Wir sprachen niemals darüber.

Niemals wurde berührt, daß Maria erst nach Marianos Tod vor der Welt mein Weib sein konnte.

Wozu bedurften wir beide einer Ehescheidung und eines Dispenses des Papstes?

Zwei Unglückliche hatten sich schweigend die Hand gereicht.

Sie hielten die verschlungenen Hände fest ineinander geschlossen.

Vor der Welt nicht mein Weib – – Mochte doch die Welt ihren berühmten Stein aufheben und nach uns werfen. Wir würden uns steinigen lassen und zwar ohne uns darum als Märtyrer zu fühlen.

Die Welt muß nach der Strenge ihrer Sitte richten; und wir müssen nach Maß unserer Sittlichkeit handeln.

Ich ließ für Maria die Zimmer einrichten, die sich um die Loggia mit der kleinen Fontäne gruppieren. Aus diesen stillen Gemächern hatte sie den Blick auf die Pinienwiese der Villa Taverna und die lange Cypressenallee, welche die Oelwälder durchschneidet und zur Villa Montragone hinaufführt; auf das herrliche Sabinergebirge und die köstlichen Höhen von Tusculum.

Hielt sie sich in diesen Räumen auf, drang kein anderer Laut zu ihr, als das Rauschen des Springbrunnens, Vogelgesang und mitunter entfernte Musik, die, aus der ungeheuren Palastruine der Villa Mondragone tönend, wie eine Geisterstimme über den Wipfeln der Oelbäume schwebte.

Um für ihren dunkeln Ernst eine möglichst heitere Umgebung zu schaffen, ließ ich ihre Zimmer mit sehr hellen Farben ausmalen, und edle Möbel und schöne Geräte hineinstellen. Aber sie hatte an diesen Dingen keine Freude: nicht einmal an den Blumen, mit denen jeden Morgen Vasen und Schalen gefüllt wurden.

Die Trauer um ihr Kind legte sie sehr bald ab und fing an, sich mir zuliebe schön anzuziehen.

Sie besaß eine Vorliebe für sehr helles Grau. Sie sah in diesen lichten Kleidern ganz besonders schön aus – vielleicht etwas zu feierlich.

Aber auch das paßte wiederum gut zu ihr.

Ich merkte, daß sie um ihren toten Liebling leidenschaftlich trauerte. Sie zeigte es indessen niemals, besuchte niemals das Grab. Es lag eben nicht in ihrer Natur, an einer Gruft zu stehen und zu weinen.

Nachdem sie das eine Mal von ihrer Vergangenheit gesprochen hatte, that sie es nie wieder.

Nur ein einziges Mal hatte sie mir gesagt, daß sie mich liebte: so liebte, wie ein Weib nur lieben kann! Niemals fragte sie mich wieder nach meiner Liebe zu ihr, nachdem sie es einmal aus meinem Munde gehört und meiner Versicherung geglaubt hatte. Sie wußte, daß sie nicht meine erste Liebe war; aber sie fühlte die feste Gewißheit, daß sie meine letzte bleiben würde.

Ohne Unterlaß trachtend, nur für Maria zu leben, erkannte ich darin nur einen triftigen Grund mehr, um mich in die schöne Einsamkeit der Villa Falconieri zu vergraben. Wie die Verhältnisse jetzt lagen, war an ein Aufhören dieser Traumexistenz gar nicht zu denken. Denn niemals würde ich Maria einem unehrerbietigen, oder nur zweifelhaften Blick ausgesetzt haben.

Der Zauberkreis innerhalb der Mauern unseres leuchtenden Hauses schützte auch sie wie ein Talisman gegen alles Gemeine.

Von neuen Arbeiten und Werken hätte schwerlich die Rede sein können, wäre ich auch noch bei alter starker Schaffenskraft gewesen. Ich hatte zu viel mit unserem Seelenleben zu thun, mußte fort und fort in uns hineinblicken und über unser Geschick grübeln und brüten.

Vielleicht gelang es mir, zu entdecken, daß mein Mitleid für Maria doch Liebe war! Dann waren wir beide gerettet. Oder ich mußte befürchten, daß Maria das Opfer meines Lebens erriet; und dann waren wir beide verloren.

Wie ich uns aber auch beobachtete und bewachte; jeden Gedanken zehnfach analysierend, jedes Gefühl beständig unter die Lupe bringend – ich entdeckte bei mir nur die eine einzige machtvolle Empfindung, bei ihr nicht eine Regung von Mißtrauen.

Ich mußte mich beständig streng vor jedem Selbstverrat bewahren. Vieles in meinem neuen Leben war schwer. Aber dieses Eine erschien mir als das Schwerste. Es verzehrte meine ganze Kraft und oft überfiel mich tödliche Ermattung.

*

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