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Villa Falconieri

Richard Voß: Villa Falconieri - Kapitel 7
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typefiction
authorRichard Voß
titleVilla Falconieri
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeDreizehnter Jahrgang. Band 1.
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
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Und ich blieb.

Es ging mir nicht sonderlich gut; aber ich blieb!

In mich hineinschauend, erblickte ich so vieles, was zu besänftigen, zu ordnen, zu läutern war, daß ich allein schon daran die innerliche Notwendigkeit eines langen Verbleibens erkannte.

Einen Phantasten hatte mich Herr Mariano genannt ... Ich war freilich ein großer Phantast, wie hätte ich sonst jemals auch nur ein kleiner Dichter sein können? Ein Halbnarr sollte ich sein? Möglicherweise war ich sogar ein vollständiger Narr. Lange genug hatte ich mich vom Leben und mir selbst zum Narren halten lassen: vom Leben durch die Illusionen, die es in mir erweckte; von mir selbst durch den Wahn: ich gehöre zu den Auserwählten, die, wenn sie Seele von ihrer Seele geben, damit die Durstenden tränken, die Hungernden speisen und die Ermatteten erquicken könnten.

In manchen Empfindungen war ich entschieden immer noch krankhaft.

Noch immer mochte ich keine Menschen sehen – da sie den Bannkreis, den ich um mich gezogen, zerstört hätten. Noch immer konnte ich mich nicht in die Dichtungen anderer größerer Geister versenken – da sie mich an meine eigene Kleinheit mahnten. Noch immer scheute ich mich, eine Zeitung in die Hand zu nehmen – weil ich vielleicht hätte lesen können, daß mein mattes Licht längst erloschen war.

Noch immer suchte ich das Allheilmittel für meine Nöten und Leiden in der Einsamkeit, die meine Klagen still anhörte, meinen Gram milderte und mir in nichts widersprach oder Widerstand leistete.

Herr Mariano hatte einigemal von Aufführungen meiner Dramen gesprochen, bis ich ihn ersuchte, dies zu unterlassen. Es kam bisweilen vor, daß Direktoren, Agenten und Verleger an mich schrieben. Anfangs schickte ich diese Briefe an meinen Geschäftsführer nach Mailand; später ließ ich sie unbeachtet liegen.

Das beruhigte mich sehr.

Allerdings verzehrte mich mehr und mehr die Sehnsucht, noch ein einziges Mal in meinem Leben etwas nützen zu können.

Nur etwas!

Ganz gleich was.

Ich war ja immer noch jung! Keine dreißig Jahre.

Oft erschien mir's, als wäre ich niemals jung gewesen: niemals so recht wirklich jung, so recht glückselig jung, wo der Mensch sich unsterblich fühlt. Ich hatte immer gelitten. Eingebildet vielleicht. Aber es war doch gelitten.

Und der Mensch ist nur dann jung, wenn er glücklich ist.

Ungern sah ich mich selbst im Spiegel. Ich war sehr bleich. Mein Haar ergraute, meine Mienen bekamen etwas Stilles, Hoffnungsloses; mein Blick schien in grenzenlose Weiten gerichtet zu sein, schien immer nach etwas auszuspähen, etwas zu erwarten.

Was?

Von der Welt und allen Dingen der Welt mehr und mehr mich abwendend, flüchtete ich mich tiefer und tiefer in die Natur. Sie umfing mich mit Mutterarmen und nahm mich an ihr göttliches Herz.

Ich belauschte ihren Herzschlag.

Dabei wurde der meine immer beruhigter, immer leiser.

Herr Mariano hatte, wie sich plötzlich erwies, seit Jahren seine Pacht nicht gezahlt. Auch sonst sollte er Schulden über Schulden haben. Er ging daher mit raschen Schritten einer Katastrophe entgegen. Nicht einmal das Gesinde erhielt seinen Lohn, Doch wäre es keinem Knecht, keiner Magd eingefallen, deswegen den Dienst zu verlassen.

Es quälte mich, daß dieser Alcibiades so häßlich zu Grunde gehen sollte. Und was wurde aus Frau Mariano?

Soviel ich von meinen Leuten vernahm, schien dieser die verzweifelte Sachlage vollkommen gleichgültig zu sein. Sie ließ von ihrer getreuen Rosa ihr prachtvolles Haar pflegen, trug ihr schlechtes Kleid und lebte nur für ihr Kind, das ein wahres Wunder von Holdseligkeit war.

Jede Nacht fuhren Wagen ein, wurden Wein- und Oelfässer verladen. Der kluge Herr Mariano schaffte beiseite, soviel er konnte, um für seine Gläubiger so wenig als möglich zu lassen. Eines Tages befand ich mich in dem Oelwald, der den Park der Villa von der Pineta der Villa Taverna scheidet, als ich zu meinem Erstaunen die mir stets scheu ausweichende Rosa quer durch den Oelwald auf mich zulaufen sah.

Ich ging ihr beunruhigt entgegen.

»Was gibt's?«

»O Madonna!«

»Ist deiner Frau etwas zugestoßen?«

»Mit der ist's ein Jammer! Die stirbt noch daran! Die läßt sich Euretwillen noch einmal totschlagen!«

»Meinetwillen?! Rosa, Rosa! Meinetwillen?!«

»Und Ihr laßt es geschehen. Denn so seid Ihr!«

Ich faßte sie beim Arm.

»Rede vernünftig! Was ist deiner Frau meinetwillen geschehen?«

»Jetzt noch nichts. Jetzt soll sie nur zu Euch gehen. Aber die Bestie schlägt sie gewiß und wahrhaftig noch einmal tot!«

»Frau Mariano soll zu mir gehen?«

»O Madonna!«

»Was soll sie bei mir?«

»Euch bitten.«

»Und sie will mich nicht bitten?«

»Lieber laßt sie sich von der Bestie totschlagen,«

»Gute Rosa, um was soll deine arme Frau mich bitten?«

»Wißt Ihr's nicht?«

»Ich kann mir's nicht denken.«

»Ihr seid reich.«

»Will Herr Mariano Geld von mir haben?«

»Viel Geld.«

»Weißt du, warum Herr Mariano nicht selbst zu mir kommt?«

»Weil es sehr viel Geld ist, das er von Euch haben will.«

»Und deshalb schickt er seine Frau?«

»Weil Ihr verliebt in sie seid.«

»Nein, Rosa! Nein, nein! Das kann Herr Mariano nicht glauben.«

»Was weiß ich, was er glaubt. Ich weiß nur, daß er sie Euretwillen gewiß noch einmal totschlagen wird.«

»Ich will Herrn Mariano das viele Geld geben, ohne daß Eure arme Frau mich darum bitten muß.«

»Lieber läßt sie sich gleich jetzt von der Bestie totschlagen.«

»Weißt du, wieviel Herr Mariano von mir haben will?«

»Ihr sollt ihm nichts geben, nicht einen einzigen Soldo.«

»Wer sagt das?«

»Sie!«

Und Rosa reichte mir einen Zettel, darauf stand mit großer unbeholfener Kinderschrift:

»Geben Sie Mariano nichts mehr. Versprechen Sie es mir. Hüten Sie sich. Es bittet Sie Maria.«

Rosa jammerte:

»Wenn Mariano erfährt, daß sie Euch gebeten hat, schlägt die Bestie sie tot.«

»Ich werde nichts verraten ... Ach, Rosa, gute Rosa, kann ich deiner lieben Frau denn gar nicht helfen?« »O Madonna!«

Und sie setzte sich hin, wo sie grade stand, warf die Schürze über den Kopf und begann zu stöhnen und bitterlich zu weinen. Ich drang so sehr ich konnte in die treue Seele. Es war jedoch nichts aus ihr herauszubringen, als Seufzer, Thränen und lamentable Anrufungen der Himmelskönigin. Aus Sorge, Herr Mariano könnte sie mit mir zusammen sehen, bat ich sie schließlich selbst, zu gehen.

Sie erhob sich mühsam und schlich stöhnend davon.

Wie konnte ich helfen?

Aber noch während ich darüber sann und sann, sollte mich ein schreckliches Ereignis auf den Weg weisen.

Bevor Herr Mariano mich um Hilfe angehen, bevor ich selbst sie ihm anbieten konnte, kam Exekution in seine Wohnung.

Ich hielt mich unter den Steineichen auf, hörte ihn in der Villa toben und wütend nach seiner Frau schreien. Jetzt wird er sie zwingen wollen, zu mir zu gehen, dachte ich; und eilte ins Haus und zum Pächter, der sich grade mit dem Beamten allein im Zimmer befand.

Ich entschuldigte mein Eindringen, bat Herrn Mariano, den Mann hinauszuschicken und mir eine Unterredung zu gewähren. Ich war möglichst höflich, möglichst ruhig. Herr Mariano nahm sofort seine grand seigneur-Miene wieder an.

Als die Thür hinter dem Beamten sich geschlossen hatte, sagte ich:

»Ich erbiete mich, Ihre etwas verwirrten Verhältnisse durch meinen Geschäftsführer vollständig ordnen zu lassen, keinerlei pekuniären Ansprüche an Sie zu erheben: weder jetzt, noch jemals; Ihnen alle Hilfsmittel zur Gründung einer neuen Existenz zu schaffen – unter einer Bedingung.«

Er stand vor mir: leichenblaß; aber mit einem Lächeln.

Nie zuvor hatte ich ihn so schön gefunden, nie zuvor so gemein.

Mit seinem Kavalierlächeln sagte der Lump – und zwar sagte er es französisch:

»Diese eine Bedingung ist: für Ihr Geld meine Frau!«

Ich konnte ihm nicht ins Gesicht schlagen; denn ich hörte sie nebenan laut aufschreien. Plötzlich stand sie mitten im Zimmer, ihr schlafendes Kind im Arm und mit einem Gesicht, als verlöre sie den Verstand.

Ich eilte auf sie zu, wollte sie aus dem Zimmer führen. Aber er warf sich dazwischen.

»Zweimal verkaufen laß' ich mich nicht,« rief sie ihm außer sich zu. »Lieber laß ich mich totschlagen. Schlage mich tot! Damit es endlich ein Ende hat. Aus Barmherzigkeit schlage mich tot!«

»Das will ich,« schrie der Rasende, erhob die geballte Faust und –

Gräßlich, gräßlich! Er hatte das Kind getroffen, das erwacht war und weinend seine Aermchen um den Hals der Mutter schlingen wollte. Sein wütender Faustschlag hatte das Kind am Herzen der Mutter getötet.

Sie vergoß keine Thräne.

Mit stillem, starrem Gesicht saß sie bei der kleinen Leiche. Sie war so vollkommen wortlos, daß wir anfangs fürchteten, sie hätte die Sprache verloren.

Das Geschrei der treuen Rosa, den Jammer sämtlicher Dienstleute um das tote süße Geschöpf hörte sie unbeweglich mit an.

Nicht einmal um den letzten Schmuck ihres gestorbenen Lebensglückes kümmerte sie sich. Sie ließ es gelassen geschehen, daß wir das Kind unter Blumen einbetteten.

Als ich den Sarg aufhob, um ihn hinunter in die Kapelle zu tragen, erhob auch sie sich von ihrem Sitz. Es war fast grausig anzusehen; denn es war, als stünde ein Gestorbener auf. Wie mit geschlossenen Füßen glitt sie hinter dem Sarge drein, die Frauen, die sie stützen wollten, mit einer matten Gebärde zurückweisend.

In der Kapelle stellte ich einen Sessel neben den Altar, davor ich die Leiche aufbahrte. Sie sank hinein und saß wiederum da: regungslos, thränenlos, schlaflos.

Herr Mariano gebärdete sich wie ein Unsinniger. Er wollte sich über das Kind hinwerfen. Aber die Mutter sah ihn an; und – er wich von der Leiche zurück, als stünde mit flammendem Schwert ein Engel davor. Er wollte sich das Leben nehmen; und mußte von seinen Knechten bewacht werden. Er wollte sich als Mörder selbst dem Gerichte ausliefern; und mußte von den Mönchen von Camaldoli, nach denen sofort geschickt worden war, mit Gewalt aus dem Hause fort und hinauf ins Kloster geschafft werden.

Zuvor sagte er mir, daß er Maria und mich hasse, daß er uns beide verwünsche, daß wir seine Todfeinde seien; und daß er alles thun werde, um uns zu vernichten. Und sollte er darüber noch einmal zum Unthäter werden.

Vergeblich beschwor ich die ärmste Mutter, etwas Nahrung zu sich zu nehmen und sich niederzulegen. Nur mit den Augen antwortete sie auf alles Flehen: Nein! Als die Nacht anbrach, fragte ich sie: ob ich mit ihr zusammen wachen dürfte? Und da sie's mit ihrem Blick nicht verneinte, so blieb ich.

Ich setzte mich an einen Platz, wo sie mich nicht sehen konnte. Sie hätte mich freilich auch nicht gesehen, wäre ich ihr gerade gegenüber gestanden. Sie sah nichts, als ihr getötetes Kind, sah von der ganzen Welt nichts, als dieses.

Ich hatte auf dem Altar die Wachskerzen angezündet, saß in meinem Winkel und blickte auf das tote Kind. Und ich blickte auf die Mutter, für die es am besten gewesen wäre, sie läge mit ihrem gestorbenen Leben zusammen so still und blaß aufgebahrt.

Unter dem Altar befand sich der gläserne Sarg mit den Gebeinen des heiligen Alexander Falconieri. Das weiße Gerippe mit seinem glänzenden Gold- und Juwelenschmuck sollte Wunder vollbringen:

»Heiliger Alexander, erwecke dieses tote Kind! Heiliger Alexander, mache dieses zermalmte Frauenherz wieder lebendig! Heiliger Alexander, erhöre mich!«

Ueber dem Altar stellte ein Gemälde dar: wie eine Heilige dem von Engeln getragenen Bildnis der himmlischen Jungfrau mit dem lächelnden Jesuskinde ihr Herz hinreicht. Ich mußte immer von einer Mutter zur andern – von einem Kinde zum andern schauen. Und es war, als paßten die beiden schmerzensreichen Mütter gut zu einander.

Ich versuchte zu denken:

Was wird jetzt aus Maria?

Sie war so lebensmüde, so todesmatt, am Leben so todkrank, ... Die Heiligen vollbrachten keine Wunder mehr, keine Grüfte öffneten sich, keine Gestorbenen grüßten wieder das Sonnenlicht.

Vielleicht konnte dieses Mal ein Mensch das Mirakel thun?

Welcher Mensch?

Ich!

Und ich liebte sie wirklich nicht?

Auch jetzt liebte ich sie nicht?!

Die ganze Nacht über saß ich wachend bei der Mutter und ihrem toten Kinde. Ich sann und sann, prüfte und prüfte und erkannte mich:

Ich liebte sie auch jetzt nicht! ... Ich würde sie niemals lieben.

Aber liebte sie mich?

Jetzt schien mir's möglich zu sein.... Ich konnte jetzt glauben, daß es möglich sei.

Ich wußte, daß sie mich liebte.

Nun und jetzt? Jetzt konnte nur ich – von allen Menschen einzig und allein ich, an sanfter Hand sie zurückführen ins Leben: an liebender Hand!

Also mußte sie an meine Liebe glauben ... Sie an meine Liebe unerschütterlich glauben zu machen, war jetzt die Aufgabe meines Lebens, dieses bisher so nutzlos hingebrachten verfehlten Lebens.

Niemals, niemals durfte sie ahnen, daß meine Liebe nur Mitleid war: unaussprechliches, blutiges, mein Herz ganz erfüllendes, es fast zermalmendes Mitleid.

Denn sonst hätte sie das Opfer meines Lebens nicht annehmen dürfen – so gering dieses Opfer an und für sich auch war. Sie hätte eher einen Selbstmord begehen müssen, als ihre arme stolze, schon einmal geschändete Seele von einem Manne aus Mitleid retten zu lassen.

Als der Morgen graute, wußte ich, was ich zu thun hatte.

Es war eine große, eine schwere Aufgabe, die die Kraft eines gesunden und starken Mannes erforderte.

War ich stark genug?

Würde ich sie erfüllen können?

Wiederum prüfte ich mich, durchforschte ich mein tiefstes Inneres.

Ja – ja – ja! Ich würde die Aufgabe erfüllen; denn ich würde sie zu meiner Mission machen. Von diesem Tage an würde ich nicht mehr vergebens auf der Welt sein; denn ich konnte noch einem Menschen auf der Welt nützen und helfen.

Und das war wert, zu leben und zu leiden.

Ich fühlte mich sehr ruhig, sehr glücklich.

Ich fragte Maria: ob ich erwirken sollte, daß das Kind im Park begraben würde? Sie gab mir zu verstehen: es wäre ihr einerlei, wo es geschähe. Ich überlegte, daß die Nähe des Grabes ihrem Schmerz fort und fort neue Nahrung geben würde, und entschloß mich, auf dem Frascataner Kirchhof den einsamsten friedlichsten Platz zu erwerben. Aus Rom besorgte ich für Maria Trauer; und es gelang Rosa, sie zu bewegen, sich ankleiden zu lassen.

Sie sah in dem tiefen Schwarz unbeschreiblich schön und rührend aus.

Sofort nahm sie wieder ihren Platz bei dem Kinde ein.

Gegen Abend sank sie jedoch in einen solchen schweren Schlaf, daß er einer Betäubung glich. Diesen barmherzigen Zustand wollte ich benützen, die kleine Leiche fortschaffen zu lassen.

Sie hatte beide Arme um den Sarg geschlungen. Als ich sie leise, leise lösen wollte, erwachte sie sogleich. Sie blickte verwirrt um sich, sah das tote Kind, stöhnte jammervoll auf, blieb aber dann von neuem starr und stumm. Hierauf bedeutete sie uns, den Sarg zu schließen. Dann erhob sie sich und schickte sich an, uns – ganz gegen die Sitte – nach dem Kirchhof zu folgen.

Wir konnten sie nicht zurückhalten.

Wie gern wäre ich auf diesem Leidenswege an ihrer Seite gegangen. Aber ich besaß dazu nicht das Recht – noch nicht! So schritt sie denn allein unmittelbar hinter dem Sarge her, während ich mit Rosa folgte. Um sie keinen neugierigen Blicken auszusetzen, ließ ich die Männer den Weg durch den Oelwald der Falconieri und durch den Park der Villa Taverna-Borghese hinunter zur Landstraße nehmen.

Es war Nacht geworden, als sie Marias holdseliges Kind hinabsenkten. Auch am offenen Grabe brach sie nicht zusammen, fand sie keine Thräne, that sie nicht einen Schmerzenslaut. Als alles vorbei war, wandte sie sich zum Gehen. Sie schritt denselben weiten Weg wieder zurück, ohne zu schwanken, ohne überhaupt zu wissen: ob sie mutterseelenallein ging, oder ob wir ihr folgten.

Aber vor dem Hause angekommen, blieb sie stehen und wartete auf mich.

»Ich danke.« Und noch einmal: »Ich danke.«

Sie sagte es vollkommen ruhig, streckte mir eine kalte Hand entgegen und ging ins Haus.

Ich wußte, was sie thun wollte.

Ehe sie nach dem Tode ihres Kindes wieder zu ihrem Mann zurückkehrte, würde sie sich das Leben nehmen.

Da ihr Mann schon morgen aus Camaldoli zurückkehren konnte, so würde sie sich heute nacht noch töten.

Ich sprach mit Rosa; und diese Frau aus den wilden Marken begriff alles.

Also wachten wir.

Es mochte Mitternacht sein, als Rosa mich rief. Ich hatte mich angekleidet auf mein Bett geworfen und war sogleich bei ihr.

Rosa sagte mir:

»Sie hat sich aus dem Zimmer geschlichen, ist nach einer Weile wieder gekommen und hat mir befohlen, das verschlossene Haus zu öffnen. Sie will hinaus. Allein will sie hinaus in den Park.« Unter dem Vorwand, den Schlüssel zu holen, war Rosa zu mir geeilt.

Was sollte sie thun?

Das Haus aufschließen, sie allein hinausgehen lassen und zurückbleiben.

Ich stand unter den Steineichen, sah Maria aus dem Hause treten und – ohne sich umzusehen, ob ihr jemand folgte – davon gehen: durch das Löwenportal, über den Hof der Tenuta.

Durch die helle Sternennacht ging sie in ihrem schwarzen Kleide vor mir her und sah nicht mehr die Schönheit der Welt, die sie verlassen wollte.

Sie ging langsam die Pinienallee in den Park hinein ...

An der Stelle, wo bei der Nische mit der antiken Statue des römischen Senators die schöne Rampe zum Cypressenteich hinaufführt, war ich nur wenige Schritte hinter ihr. Aber sie hörte mich nicht. Fast zugleich mit ihr stand ich oben zwischen den schwarzem Bäumen, am Rande des schwarzen Wassers.

Ohne ihren Schritt zu hemmen, wäre sie weiter gegangen in den feuchten Tod.

Ich hielt sie mit beiden Armen umfaßt, rief sie leise bei Namen.

Weiter sagte ich nichts.

Ihr Haupt ruhte an meiner Brust. Ihr schönes müdes armes Haupt an meinem Herzen gebettet, trug ich sie ins Leben zurück.

Sie weinte. Und jetzt einiges aus dem Leben meiner armen Maria.

Ich will versuchen, mit ihren eigenen Worten zu erzählen. Wer sie kennt, weiß, daß sie von sich selbst lieber zehnmal zu wenig, als ein einziges Wort zu viel sagt.

Ihr aber, die ihr sie liebt, müßt euch zu ihren Worten ihre leise Stimme, ihre schwermütigen Augen, ihr stilles blasses schönes Antlitz denken.

Maria.

... Meine Eltern waren kleine römische Bürger.

Da mein Vater nichts thun wollte, lebten wir von dem Vermögen meiner Mutter; und da die Rente für unsere Bedürfnisse nicht ausreichte, verbrauchten wir das Kapital.

Unsere Wohnung lag am Trajansforum, war klein und schmutzig. Aber wir hatten einen Salon mit vergoldeten Tischen, Polstermöbeln und seidenen Vorhängen.

Jeden Morgen kaufte mein Vater für den Tag die Lebensmittel ein. Wir aßen uns häufig nicht satt. Aber jeden Abend empfing meine Mutter die Freunde und Bekannten des Hauses. Dann gab es Limonade, Früchte und süßes Gebäck.

Die Freunde und guten Bekannten meines elterlichen Hauses waren meistens Herren: sehr junge, sehr elegante Herren. Sie hatten eine Art, die Mutter und mich anzusehen, die mir schon als Kind das Blut ins Gesicht trieb.

Meine Mutter war eine große Schönheit und lebte als solche. Vormittags stand sie nicht auf. Ich mußte sie im Bette bedienen. Weil sie fast immer schalt und schrie, sprach ich fast nie. Ihr Zimmer war stets voll von Nachbarinnen, die einander ihre Ehegeschichten und die Liebeshändel anderer erzählten. Wenn ich meine Mutter bedient hatte, lief ich fort, um diese Geschichten nicht mit anhören zu müssen.

Nur nicht einmal solche Frau werden wie – meine Mutter war!

Nach den Geschichten der Nachbarinnen zu urteilen, waren wir Frauen nur dazu da, uns reiche Männer zu ergattern und reiche Liebhaber zu halten.

Nachmittags stand meine Mutter auf, wenn sie nicht vorher, halb angezogen, einige Stunden am offenen Fenster, hinter halbgeschlossener Jalousie, auf die Straße geschaut hatte. Dann kleidete sie sich an, das einzige, was sie überhaupt that. Ich mußte ihr die Strümpfe anziehen und das Haar machen. Wenn wir uns auch nicht immer satt aßen, und nur eine grobe sabinische Magd halten konnten, ging meine Mutter doch stets sehr prachtvoll gekleidet und besaß sogar kostbaren Schmuck.

Wie ich die schönen Kleider haßte! Denn auch ich mußte mich jeden Tag aufputzen. Bis zum Nachmittag hatte ich beinahe nur Fetzen am Leibe; dann Samt und Seide.

Auf meinem Hut trug ich für hundert Lire Straußenfedern.

Meine Eltern und unsere Magd, unsere Freunde und guten Bekannten sowie unsere sämtlichen Nachbarinnen sagten mir jeden Tag: ich sei schön wie eine Madonna, und ich würde mit dieser himmlischen Schönheit einmal mein irdisches Glück machen.

Wie ich mich schämte!

Jeden Tag bei gutem Wetter ging ich nachmittags mit meinen Eltern spazieren. Wir gingen durch den Korso auf den Pincio, wo viele Herren nach mir und meiner Mutter sich umsahen und ich sehr oft hören mußte, wie schön die Mutter sei.

Aber die Tochter noch schöner!

Auch meine Schönheit begann ich zu hassen.

Sonntags fuhren wir im Mietswagen Korso; und einigemal des Jahres nahm mein Vater im Valle- oder Apollotheater eine Loge. Hierauf lebten wir eine Woche lang von Brot und Salat.

Am schlechtesten ging es uns während des Karnevals; denn dann besuchte meine Mutter jeden Abend die Veglionen. Sie mußte schöne Kostüme haben, und mein Vater mußte sie auf dem Ball mit Eis und Gebäck regalieren – wenn das nicht einer unserer vielen guten Bekannten und Freunde that. Ich haßte alle diese Vergnügungen, um derentwillen wir hungerten, heuchelten und logen. Und am allermeisten haßte ich das Lügen. Das ganze Leben meiner Eltern war eine einzige Lüge.

Ich hatte mir gelobt, niemals zu lügen, und log doch immerfort.

Meine Eltern hatten geheiratet, weil sie sich »unsinnig« liebten. Jetzt zankten sie sich den ganzen Tag und warfen sich gegenseitig vor, das Unglück ihres Lebens zu sein.

Ich blieb das einzige Kind. Trotzdem liebte mich weder mein Vater noch meine Mutter sonderlich. Beide waren nur sehr eitel auf mich und erwarteten von dem Verkauf meiner Schönheit ein Fürstentum.

Ich lernte nur Eitelkeiten.

Aber ich war sehr ungelehrig.

*

Wir wurden mit jedem Jahr ärmer ...

Immer mehr junge Leute kamen zu unseren »Empfängen« ins Haus, darunter reiche und vornehme.

Ich war sechzehn Jahr alt und sollte verheiratet werden.

Mit keinem Manne hätte ich jedoch einen Augenblick zusammen sein dürfen – so streng war die Sitte! Aber ich wußte, daß mich jeder Mann von meinen Eltern kaufen konnte – wenn er reich genug war, mich bezahlen zu können.

Verschiedene solche reichen Händler fanden sich ein. Ich erklärte meinen Eltern jedoch, daß ich in den Tiber springen wollte, wenn sie mich meistbietend losschlügen. Meine Eltern wußten, daß ich immer nur sagte, was ich dachte; und da ich ihr einziges Kapital war, gingen sie vorsichtig mit mir um.

Inzwischen gerieten wir mehr und mehr in Sorgen. Der Schmuck meiner Mutter mußte verkauft werden, bei welcher Gelegenheit ich sie zum erstenmal in ihrem Leben weinen sah. Jeden Tag wurde mir wiederholt: ich trüge an allem die Schuld. Mein Vater verschaffte meiner Mutter einen unechten Schmuck. Aber da begann der Jammer erst recht. Damit meine Mutter wieder zu einem echten Schmuck kam, duldete mein Vater nach achtzehnjähriger Ehe einen Hausfreund.

Jetzt war alles Frieden und Freuden! Meine Mutter bekam einen prächtigen Schmuck, sie bekam schöne Kleider und Hüte. Jeden Nachmittag fuhr sie Korso, jeden Abend hatte sie eine Loge – jeden Tag aßen wir uns satt: das heißt meine Eltern.

Ich hungerte.

Wir hatten eine Köchin und eine Dienerin; und jeden Abend fand in unserem neumöblierten Salon ein Empfang statt.

Sogar die Ehe meiner Eltern wurde eine ganz glückliche. Nur mit mir gab es täglich Hader und Streit, obgleich ich immer sehr still war. Ich wollte die neuen schönen Kleider nicht anziehen, ich wollte mit meiner Mutter und dem Hausfreund nicht Korso fahren, wollte mit ihnen nicht das Theater besuchen, mich in dem neuen Salon nicht besichtigen lassen.

Meine Mutter nannte mich ein unnatürliches Kind und mein Vater das Unglück seines Lebens.

*

Meine Eltern machten eine neue Bekanntschaft. Es war ein junger Mann, der bei der französischen Brigade diente.

Mein Vater war ein fanatischer Republikaner und Garibaldi betete er als seinen Herrgott an. Das war noch das Beste an ihm.

Nun war Garibaldi von neuem geschlagen worden, nun herrschten die Franzosen von neuem im Kirchenstaat.

Also hielt es mein Vater scheinbar mit Frankreich und dem Papst.

Sonst wäre der junge Pariser Brigadier niemals in unser Haus gekommen.

Im geheimen konspirierte mein Vater mit den Freischärlern. Es handelte sich um Großes: republikanisch gesinnte Bürger sollten Garibaldi ein Thor der Stadt öffnen. Einer dieser wackeren Männer war mein Vater, dem ich um dieser That willen vieles verzieh.

Der junge Franzose, der eine römische Mutter hatte, kam häufig in unser Haus: meinetwillen, sagten unsere vielen Freunde und guten Bekannten und lächelten dabei. Sie lächelten, weil der Brigadier meinen Eltern niemals hätte den Preis zahlen können. Außerdem trug er französische Uniform.

Ich liebte ihn.

*

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