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Villa Falconieri

Richard Voß: Villa Falconieri - Kapitel 4
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typefiction
authorRichard Voß
titleVilla Falconieri
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeDreizehnter Jahrgang. Band 1.
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Jetzt waren wir arm wie Kirchenmäuse... Und ich liebte nun einmal Boule-Möbel und Sevres-Porzellan, Japanische Bronzen und Smyrnateppiche, Trüffelpüree und Austern, teuern Wein, teure Pferde.

Was war zu machen?

Wer zum gemeinen Handwerk des Lebens nicht taugt, der hat in sich den Stoff zu einem Künstler des Lebens. Aber auch dazu gehört Glück; und die Dirne Fortuna zeigte sich auf einmal so spröde gegen mich, beinahe wie –

Man muß eben Philosoph sein ...

Ich hatte einen Freund, der war ein echter Nachkömmling des alten griechischen Herrn Epikur. Dieser vollendete Lebenskünstler sagte eines schönen Tages zu mir:

»Höre, mein Junge! Seitdem die Preußen in Paris waren, schmeckt mir hier die crême Gervais nicht mehr. Ich bin der ganzen Geschichte an der Seine überdrüssig geworden. Weißt du nicht irgendwo ein Tusculum, von wo aus wir uns den Weltspektakel eine kleine Weile mit ansehen können – nur so der Abwechslung halber. Ich nehme meinen superben Küchenchef mit und du deine schöne Frau. Was meinst du? Wir vier sollten es miteinander ein paar Jährlein wohl aushalten können, bis hier die Weltgeschichte wieder etwas heiterer geworden.«

Ich erwiderte:

»Seien wir klassisch! Gehen wir dorthin, wo Marcus Tullius Ciceros Tusculum gestanden haben soll. Dieses Paris ist eine elende Lappalie geworden. Die römische Campagna zu Füßen Childe Harold lesen, den Virgil und Horaz – das könnte das Leben für eine Zeit lang wieder lebenswert machen.«

So nahmen wir denn jeder das Seine: mein Freund seinen Koch, ich meine Frau, schüttelten den Staub von Paris von unseren Schuhen, kamen nach Rom, wallfahrteten aber nicht zum Papst, sondern fuhren hinaus nach Frascati, wo grade der letzte der Falconieri zur rechten Zeit das Haus seiner Väter verlassen mußte.

Die Villa Falconieri, dicht unterhalb Ciceros Tusculum, auf den Trümmern der Villa Luculls – das war just der rechte Ort, um in Muße meine geliebte Aeneïde zu lesen.

Mein sachverständiger Freund kostete mit einem einzigen Blick alle die raffinierten Genüsse eines Landlebens in diesem buon retiro, mietete sogleich den Palast mit allen dazu gehörigen Ländereien, wollte der alten klassischen Schönheit mit Hilfe seines Pariser Dekorateurs neue, höchst pikante Reize verleihen, verdarb sich den Magen an einer Pastete, die sein Koch den Manen des Lucull zu Ehren bereitet hatte, legte sich hin, um – ewige Siesta zu halten.

Es war sehr epikuräisch von ihm, aber nicht grade sonderlich freundschaftlich.

*

Jetzt waren wir hier, und jetzt wollte ich hier bleiben.

Denn – Herrgott! – ist hier die Welt groß! Und wie wir auserwählte souveräne Naturen, die wir diese Größe empfinden, uns erhaben fühlen dürfen über das kriechende kleine Menschengesindel da unten!

Also: wir blieben.

Allerdings nicht unten im »Appartamento nobile«, nicht in dem Brautgemach der Falconieri. Wir blieben ohne Pariser chef de cuisine, ohne Ananashäuser und Orchideenzucht und den ganzen Krimskrams eines Luxus fin de siècle! Wir blieben als kleine bescheidene armselige Pächtersleute, die in Ruhe ihren Kohl pflanzen wollten.

Aber – was wollen Sie?

Wenn ich durch Vignolas pompöses Portal einreite: wenn mir durch die Steineichenwipfel Borrominis Palast entgegenstrahlt, so fühle ich meinen Durst nach Schönheit gestillt. Sie werden es kaum glauben: aber ich sehe mich an der Grazie des Hauses so trunken, daß ich diese häßliche Wohnung, diese schäbigen Geräte, diesen widerwärtigen Ziegelsteinboden kaum beachte.

Und wenn ich durch meine Olivenhaine und Weingärten trabe und vom Rücken meines Pferdes auf die Campagna herabschaue – Herr! Es hat etwas Stolzes, Königliches, Erdenbefreites ... Und wenn ich abends meinen Virgil lese und vom Buch in die Höhe blicke: über das Land der Aeneïde hin, so begreife ich meine Pariser Schlemmerexistenz gar nicht mehr, und schlage das Kreuz über der geschminkten parfümierten eingeschnürten Hetäre an der Seine mit den verglasten Augen und den lüsternen Lippen, dem abgenützten erschöpften Leib und der feilen faulen Seele.

Bleiben Sie bei uns, Graf Campana!

Ein Jahr in der Villa Falconieri und Sie verstehen nicht mehr, wie Sie in der engen dumpfen Welt da unten so lange Atem holen konnten.

Ein Jahr in der Villa Falconieri und Ihre arme wilde Poetenseele wird ruhig und friedlich wie ein schlafendes Kind!

Ein Jahr in der Villa Falconieri und Sie kommen nie wieder fort!

Das hatte ich beinahe vergessen: meine schöne seltsame Frau!

In der Villa Falconieri wurde uns ein Kind geboren.

Sie sehen: die heiligen Falconieri da unten in der Kapelle thun heute noch Wunder...

Und er lachte.

*

Dieselbe Magd, die den Tisch gedeckt, brachte die Speisen. Nur zwei Couverts waren aufgestellt. Das Tischtuch war aus harter grober Leinwand, das Porzellan ein wertvolles französisches Service, das Glas schönes Krystall, der Wein herrlicher Frascataner, das Essen wohlschmeckende römische Bürgerküche.

Das Weib aus den Marken bediente vortrefflich und mein Wirt leitete die Unterhaltung in vollendetem Weltton. Er plauderte, wie nur ein Pariser zu plaudern versteht, von Gott und der Welt: von seinen Erinnerungen an Flaubert und Mérimée, von Sardous neuestem Drama und Taines letztem Essay, von den Skandalen berühmter Liebespaare und dem Genie des ersten Napoleon. Dazwischen citierte er Victor Hugo und aus »Rolla« von Musset, den er bis zum letzten Wort auswendig kannte. Oder er schilderte mit Entzücken die wilden Reize der Tibermündung, wo Aeneas einst gelandet war, und die wir, vom Tische aufschauend, erblickten ... Dann wiederum römische Politik: Quirinal und Vatikan, Gesellschaft und Staat, Bebauung der Campagna und französische Rebenkultur, die er in seinen Vignen eingeführt hatte.

Dreimal hatte er die Alte nach seiner Frau geschickt. Jedesmal hatte sie sagen lassen: sie könne nicht kommen. Jedesmal wollte er auffahren wie ein gereizter Stier, bezwang sich und stürzte ein Glas des schweren Weins hinunter.

Jetzt erhob er sich hastig, bat um Entschuldigung und ging hinaus, um selbst seine Frau zu holen, meiner dringlichen Bitte: Frau Mariano bei ihrem Kinde zu lassen, nicht achtend.

Die Magd – sie hieß Rosa, wurde jedoch einfach Ro gerufen – zeigte ein an Stumpfheit grenzendes Wesen.

Sie schlich umher, als hätte sie Malaria.

Es machte daher starken Eindruck auf mich, als dieses erschöpfte apathische Geschöpf plötzlich in unheimlicher Weise sich belebte. Mit der Gebärde einer Rasenden, mit funkelnden Augen trat sie ganz nahe an mich heran und flüsterte mir zu:

»Jetzt schlägt er sie wieder. Er schlägt sie immer: Abend für Abend. Er schlägt sie noch einmal tot, der Schuft, der Mörder, die Bestie! Hört nur!«

Ich war aufgesprungen und lauschte.

Herr Mariano hatte die Thür hinter sich geschlossen Er mußte mit seiner Frau im Nebenzimmer sein: aber ich hörte nur ihn mit unterdrückter Stimme reden.

Es klang wie Drohen.

Plötzlich ein erstickter Wutschrei, dann ein Fall, dem Stille folgte.

Mein Impuls war, zur Thür zu stürzen und der Mißhandelten zu Hilfe zu eilen. Allein Rosa umklammerte meinen Arm und hielt mich zurück:

»Wenn Ihr dazu kommt, wie er sie mißhandelt, schlägt er sie gewiß tot. Oder er thut dem Kind was zuleide. Mißhandeln läßt sie sich von ihm; aber wenn er das Kind anrührt – Rasch setzt Euch wieder! Er kommt, der Henker, der Totschläger, die Bestie!«

Ich gehorchte unwillkürlich.

Die Magd sank gleichsam in sich zusammen und wurde wieder das welke matte fieberkranke Geschöpf.

Herr Mariano trat ein, das Gesicht gerötet, die Stirnadern geschwollen, aber lächelnden Mundes:

»Maria kommt sogleich. Sie gehört zu denjenigen Frauen, die ein wahres Genie haben, Mutter zu sein, und die für nichts anderes geboren werden, als einmal sogenannten Ebenbildern Gottes das Leben zu geben. Seitdem wir das Kind haben, ist auf der Welt nur das Kind da – was für den Gatten nicht grade angenehm ist. Ich muß meiner Frau bisweilen in Erinnerung bringen, daß sie auch noch einen Mann besitzt.«

Er sprach französisch und immerfort mit liebenswürdigstem Lächeln.

Während ich auf den Wohlklang dieser männlichen Stimme hörte, vernahm ich zugleich immerfort die Worte der treuen Rosa: »Der Totschläger, der Henker, die Bestie!«

Ich vermochte kaum meine Erregung zu verbergen und Gleichgültiges zu reden.

Nach einer Weile trat Frau Mariano ein. Auf Befehl ihres Mannes hatte sie einen Rest ihrer Pariser Herrlichkeit angelegt. Es war ein höchst unmodernes Kleid. Aber durch die Art, wie sie es trug, machte sie das Gewand über jede Mode erhaben.

Ueber die Schultern hatte sie nachlässig ein gesticktes weißes Mousselintuch geschlungen, das auch den Hals umhüllte, wodurch das blasse Gesicht mit den lichten Scheiteln etwas eigentümlich Feierliches, beinahe Geisterhaftes erhielt.

Sie brachte eine schöne silberne Schale voll schwarzer Kirschen, grüßte mich fremd und vornehm, stellte die Schale auf den Tisch und setzte sich schweigend in den Sessel, den ich für sie geholt hatte. Rosa trug in einer geschliffenen Flasche süßen Dessertwein auf und das Nationalgebäck: goldgelbe Ciambelli.

Der Muskatwein war eigenes Gewächs; ich mußte trinken und loben. Die Kuchen hatte Frau Mariano eigenhändig gebacken: ich aß und lobte. Die mir schon vorher versprochenen Kirschen waren frisch gepflückt und schmeckten köstlich.

Herr Mariano trank sehr viel Muskat und erzählte lauter, als nötig gewesen wäre, daß es mit den Kirschen der Villa Falconieri eine eigene Bewandnis hätte.

Die Villa war, wie fast jedes Haus weit und breit, über antiken Ruinen aufgebaut, die von einigen Archäologen dem berühmten Tusculum des Lucull zugeschrieben wurden. Als der große Schlemmer aus dem asiatischen Feldzuge zurückkehrte, brachte er die ersten Kirschen nach Europa mit und pflanzte sie auf seinem tusculanischen Landsitz, von wo aus die herrliche Frucht den Weltteil eroberte.

Frau Mariano saß wie ein schönes Bildnis zwischen uns. Auch ich blieb stumm. Ich mußte immerfort auf ihren Hals schauen, wo das weiße Tuch sich verschoben hatte. Er war mit einigen blutroten Flecken gezeichnet: den Spuren einer bestialischen Männerhand.

Herr Mariano trank und schwatzte – schwatzte und trank. Ich fühlte, daß ich diesen Mann, der mir nichts zuleid gethan hatte und der in der Schönheit eines griechischen Halbgottes vor mir saß, haßte, daß ich an seinem eigenen Tische sein Feind geworden war.

Er erzählte von den Zeiten der Kommune, die seine Frau mutterseelenallein in dem belagerten Paris miterlebt hatte. Eines Morgens – so war ihrem Manne später erzählt worden – war Frau Mariano ausgegangen, um zu versuchen, sich Lebensmittel zu verschaffen. In der Nacht hatte ein blutiger Straßenkampf stattgefunden, und die Leichen lagen noch auf dem Pflaster. Frau Mariano mußte diese Straße passieren. Als ginge sie über eine taufeuchte Wiese, so gelassen und gleichgültig schritt sie über die Toten hinweg, kaum ihr Kleid aufhebend, damit es von den Blutlachen nicht beschmutzt werde.... Und Herr Mariano lachte.

Mich überlief's.

Was mußte in dem Leben dieser Frau vorgegangen sein, daß sie, mit solchem Madonnenantlitz, in solche Empfindungslosigkeit versenkt werden konnte?

Von den blutroten Flecken an ihrem Halse zwang ich meinen Blick fort und sah in ihr Gesicht ... Sie hörte die Erzählung ihres Mannes mit an, als wäre von einer Sache die Rede, die sie gar nichts anginge. Plötzlich bemerkte sie, daß das Tuch um ihren Hals sich verschoben hatte. Sie errötete wie ein junges Mädchen, das über einem Liebesbrief ertappt wird. In diesem Augenblick besaß sie wieder die jungfräuliche Lieblichkeit, die ich bei ihr beobachtet hatte, als sie ihrem Kinde die Brust gab.

Zum Glück für ihre Verlegenheit ließ sich in diesem Augenblick aus dem Nebenzimmer die Stimme des erwachten Säuglings vernehmen. Rasch stand sie auf.

»Wohin willst du?«

»Das Kind ist erwacht.«

»Rosa kann hineingehen.«

»Das Kind verlangt nach mir.«

»Du sollst bleiben!«

Sie war bereits bei der Thür.

»Maria!«

Sie hörte nicht auf ihn.

Herr Mariano taumelte in die Höhe, stieß eine Verwünschung aus, ergriff die schwere Silberschüssel und schleuderte sie seiner Frau nach, bevor ich dem Wütenden und Halbberauschten hatte in die Arme fallen können.

*

Ich mietete die Villa Falconieri.

Zunächst mietete ich das verlassene Haus nur für ein Jahr. Und ich mietete nur nach langer ernsthafter Selbstprüfung.

... Besaß ich ein Recht, meinen nervösen Einbildungen zu folgen und auch nur diesen ersten gefährlichen Anfang einer Weltentfremdung zu machen? Gefährlich durch die Komplikationen meiner phantastischen und schwermütigen Natur sowohl wie durch die berückende Schönheit, in der die Einsamkeit vor mich trat: so recht als Versucherin, die mir in der Wüste des Lebens ein Paradies zeigte:

»Ergib dich mir und ich gebe dir Frieden!«

Schon damals erforschte ich mich:

Besteht die Krankheit, die du in deiner Seele leimen wähnst, nicht lediglich in deiner fiebernden Einbildung? Hast du nicht etwa den Willen, krank zu sein? ... Und flößte ich dem Uebel, das zu kommen drohte, nicht gradezu das Mittel ein, sich zu entwickeln und zu einem Todesübel zu reifen?

Aber – nur ein Jahr der Zurückgezogenheit, des Ausruhens, des Friedens!

Nur ein einziges Jahr!

Meine ermüdeten Organe lechzten danach wie ein Ermatteter nach einem Trunke.

Jedoch: Frau Mariano?

War ich meiner sicher, ganz sicher? Würde ich diese Frau nicht lieben, nicht lieben müssen? Sie war gar so wunderschön! Darin lag für mich keine Gefahr. Aber sie war unglücklich. Sie war sehr stolz und sehr unglücklich. Und sie war ganz hilflos! denn sie hatte das Kind!

In ihrem hilflosen Unglück bestand für mich die Gefahr, Und die Gefahr war sogar groß.

Also prüfte ich mich.

Ich suchte in meiner Seele, ich durchwühlte sie, spürte bis in ihre verborgensten Tiefen nach einem geheimsten begehrlichen häßlichen Gedanken.

Ich fand nichts, gar nichts!

Ich hatte in meinem Leben einmal geliebt.

Diese eine und nicht glückliche Jugendliebe war so machtvoll gewesen, daß sie jede erotische Empfindung gleichsam aus mir herausgesogen hatte und ich mich aller Leidenschaft des Herzens abgestorben fühlte. Denn ich war ein Mensch, der nur mit dem Herzen lieben konnte.

Auch ich gehörte zum Stamm der Afra, welche »sterben, wenn sie lieben«.

Ich fühlte also mein Herz tot.

War ich sicher, daß es für mein Herz so wenig ein Auferstehen gab, wie für tote Leiber? Wer kann für sich selbst einstehen? ... Ich bildete mir ein, das zu können.

So fühlte ich mich denn ganz beruhigt.

Auch das Unglück und die Hilflosigkeit der wunderschönen Maria hatten für mich keine Gefahren mehr.

Und ich mietete die Villa Falconieri.

Der festliche Raum, darin die Besitzer durch so lange Zeiten für ihre Neuvermählten das Brautbett gerichtet hatten, wurde mein Wohnzimmer. Ich ließ den kalten Steinboden mit einem kardinalroten Teppich bedecken, viele edle Geräte aufstellen und vor den Thüren, die auf die offene Galerie hinausführen, Vorhänge aus rotem Sammet herabhängen.

Die königliche Farbe wirkte vorzüglich zu dem dunklen Blaugrün der Fresken.

In der Mitte des Zimmers, unter dem Deckenbilde der Frühlingsgöttin, ließ ich einen großen ovalen Tisch niedersetzen. Der Fuß bestand aus weißem Marmor und stellte einen Baumstumpf dar, der eine mächtige Platte aus verde autico trug. Dieser Tisch mußte täglich mit frischen Blüten überschüttet werden, als wären die Blumen, welche die holde Göttin ausstreut, darauf herabgefallen.

In einer Ecke, zwischen zwei Balkonthüren, erhielt der Schreibtisch seinen Platz. Darüber kam ein Abguß von Michelangelos »sterbendem Sklaven«, den ich so sehr liebe. Denn es ist das glückseligste und zugleich schönste Erlöstwerden vom Leben, welches mir in der bildenden Kunst aller Zeiten bekannt ist. Ein Zufall fügte, daß zwei der kleinen geflügelten Liebesgötter, die den Hain der großen Göttin durchgaukeln, gerade über dem Tisch und dem Sterbenden ein buntes Gewinde halten.

Saß ich an diesem Tisch, daran ich ein volles Jahr nicht arbeiten wollte, so sah ich durch die eine der beiden Balkonthüren, über die Garten der Villa Taverna und die von Pinien umrauschte Terrasse der Villa Mondragone hinweg, auf die glänzenden Gipfel des Sabinergebirgs. Der Blick aus dem andern Fenster umfaßte die Campagna und Rom, den Berg Soracte mit der etrurischen Ebene und dem Meeresstrand.

Es war eine ganze Welt!

Meine Bibliothek ließ ich in dem luftigen Gemache unterbringen, darin das altertümliche Billard steht. Die Familie der Falconieri, die hier in Lebensgröße die Wände belebt, ist in ihrem alltäglichen Thun und Treiben mit solcher derben Wirklichkeit dargestellt, daß ich mich anfangs wie in einer Gesellschaft von Fremden fühlte, die mich höchlichst genierten. Sie vertrauten sich in meinem Beisein ihre Geheimnisse an, hielten ihren Klatsch und Tratsch miteinander, kamen und gingen, lachten und schäkerten; und ich bin sicher, daß der Brief, den jene eine, etwas ältliche, sehr geputzte Madame Falconieri in meiner Gegenwart liest, ein Billetdour. ist. Allerdings befindet sich ihr eigener, nicht gerade angenehm aussehender Gatte auch dabei.

Die beiden Räume im Mittelbau mit der hübschen Kassettendecke und dem seltsamen Figurenfriese wurden mein Schlaf- und Toilettenzimmer; und meine einsamen Mahlzeiten nahm ich unter lauter verstorbenen Falconieri in dem großen Saale ein. Auf der einen Seite leistete mir dabei die schreckliche Ottavia Sacchetti, auf der andern die arme reizende Teresa Gesellschaft. Sehr schön ist in diesem Raume das Deckengemälde. Es stellt den Triumph der Venus dar, die schaumgeboren dem Meer entsteigt. Eine Gruppe junger Tritonen könnte von Domenichino gemalt sein.

In einer Woche war ich so vollständig eingerichtet, als wäre ich seit Jahren ein Bewohner der Villa. Ich hatte vorzügliche Dienstboten, die noch heute, nach vollen zwanzig Jahren, dieselben sind, und mit denen ich ein Leben führe, dessen patriarchalische Sitten zu meinen reinsten Freuden gehören.

Von den Pächtersleuten hielt ich mich nach Möglichkeit fern.

Da sich ihre Wohnung in einem ganz andern Teil des weitläufigen Hauses befand, kam ich in der Villa selbst niemals mit ihnen in Berührung. Doch machte ich Herrn Mariano in aller Form meinen Besuch, der nach zwei Tagen in aller Form erwidert wurde.

Eine Reihe Fenster meiner Wohnung führte auf jenen tief gelegenen Hof hinaus, wo ich Frau Mariano zum erstenmal erblickt hatte. Die Blüten der weißen Bansiarosen strömten mir gerade gegenüber von der Mauer zu dem antiken Torso herab, der einem Nymphäum Luculls angehört hatte.

Aber Frau Mariano saß nie wieder auf dem Rande des alten Brunnenbeckens zwischen den wilden Kallablumen...

Auf meinen Spaziergängen im Park vernahm ich bisweilen den leisen melancholischen Gesang, mit dem sie ihr Kind einschläferte. Er klang gewöhnlich vom Cypressenteich herab.

Um sie nicht zu belästigen, mied ich den schönen Ort, Sah ich sie zufällig von weitem, so hatte sie stets ihr Kind in den Armen, und stets trug sie ein dunkles schlechtes Kleid.

Ich grüßte sie jedesmal sehr ehrerbietig, und jedesmal erhielt ich kaum einen Gegengruß.

Herrn Mariano fast täglich zu sehen und zu sprechen, ließ sich unmöglich vermeiden.

Nie in meinem Leben hatten mich einem Menschen gegenüber so widersprechende Empfindungen beseelt. Ich fühlte mich hingezogen und noch stärker abgestoßen. Seine hellenische Schönheit flößte mir Bewunderung und sein Charakter beinahe Abscheu ein.

Jeden Tag genoß ich das Schauspiel, wie er mit der kraftvollen Anmut eines antiken Rossebändigers unter den Steineichen vor dem Hause sein wildes Roß tummelte; und jeden Tag fesselte mich von neuem seine Unterhaltung, die weder Salongeschwätz, noch Dilettantenweisheit war. Er war der eigentümlichste Mensch! In seinem bei einem ersten Schneider gearbeiteten ländlichen Kostüm verkehrte er kameradschaftlich mit seinen vielen Knechten, die er sich unter den stattlichsten Burschen ausgesucht hatte. Am Feiertage spielte er mit ihnen Boccia und Morra. Mitunter besuchte ihn ein Pater aus dem Kapuzinerkloster unterhalb der Tusculana, oder einer der Camaldolenser aus dem benachbarten Kloster kam angetrabt, ganz in schneeweiße Stoffe gehüllt, um irgend ein Wein- oder Oelgeschaft mit ihm zu »kombinieren«.

Jeden Tag hörte ich ihn auf dem Hofe mit wütender Stimme nach seiner Frau schreien, und jeden Tag vernahm ich sein Rasen im Hause.

Dann erbebte ich. Denn dann mußte ich der Worte der treuen Rosa gedenken: »Jetzt schlägt er sie! Er schlägt sie noch einmal tot!« Dann sah ich ihren seinen Hals mit blutroten Flecken gezeichnet.

Rosa schlich häufig an mir vorüber, so häufig, daß es mir schließlich auffiel: als ob sie mir etwas sagen wollte. Sie schien beständig das Fieber zu haben. Aus ihren düster glühenden Augen starrte sie mich unverwandt an; sprach ich zu ihr, so murmelte sie irgend etwas Unverständliches und – schlich vorüber.

Einmal kam mein Koch und beklagte sich: der Wein, den er auf meinen Befehl ausschließlich von Herrn Mariano beziehe, sei gewässert, gewässert sei die Milch von Herrn Marianos Kühen, und er müßte alle Früchte und Gemüse bei Herrn Marianos Gärtner viermal so teuer bezahlen als in Frascati. Mein Koch beschuldigte Herrn Mariano des wissentlichen schäbigsten Betruges und erklärte, die Sache nicht länger mit ansehen zu können.

Ich hörte nicht auf die Beschwerden des Mannes. Ich dachte an den lateinischen Virgil, darin Herr Mariano jeden Abend las, dachte an Herrn Marianos Erinnerungen an Flaubert und Millet und war über meinen verleumderischen Koch einigermaßen empört. Ein brutaler jähzorniger Mann konnte seine Frau schlagen; aber einem Hausgenossen die Milch wässern lassen und an einem Kohlkopf vier Soldi Prosit nehmen – solch kleiner miserabler Geist war der schöne Herr Mariano gewiß nicht.

Jetzt begann ich mein vergangenes Leben wie von einem hohen Berge aus zu überblicken. Ich begann in mich selbst hineinzuschauen, und in dem Wirrwarr, den ich vorfand, allmählich Ordnung zu schaffen, um alsdann etwaige aufbrausende Stürme ruhigeren Geistes beschwichtigen zu können. Ich gelobte, rückhaltslos und rücksichtslos wahr gegen mich selbst zu sein, mir in keiner meiner allzu impulsiven Empfindungen sogleich nachzugeben, jedes Vibrieren meiner Seele voller Mißtrauen zu prüfen.

Mißtrauen – schon wieder das unglückselige Wort!

Bei meiner psychologischen Untersuchung, die ich mit der Gewissenhaftigkeit eines Anatomen anstellte, ließ ich außer acht, daß ein mißtrauischer Geist kein klarer Geist fein kann.

Ich grübelte viel zu viel!

Die Feder rührte ich nicht an. Ich hätte auch gar nicht schreiben können, da ich gar keine Gedanken hatte. Mir fiel nichts ein! Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es gewesen war, als mir so viel einfiel: so unheimlich viel, daß ich, nur um durch die Unmenge nicht erdrückt zu werden, Tag und Nacht schrieb und schrieb – durch Jahre und Jahre.

Es war ein qualvoller Zustand, die Leere seines eigenen Hirns zu fühlen, alle Phantasie erstorben und tief, tief in der Seele begraben.

Aber das würde wieder anders werden!

In einem Jahre schon würde gewiß alles anders geworden sein! Das eine Jahr wollte ich geduldig ausharren – nicht länger. Keinesfalls länger! Dieses eine Jahr durfte ich mich aber auch ruhigen Gewissens vollständig abschließen, Danach richtete ich mein Leben ein.

Anfangs schrieb ich noch einige Briefe – nur die allernotwendigsten. Dann ließ ich die meisten Briefe einfach unbeantwortet, und die Post durfte mir nur gebracht werden, wenn ich es ausdrücklich wünschte. Das war wonnig. Es war so wonnig, daß ich selten und seltener nach Postsachen verlangte. Anfangs las ich noch Zeitungen. Aber ich fühlte, daß mich diese Lektüre zerstreute, erregte, meinen Zauberkreis störte. Also las ich immer seltener.

Auch das fand ich herrlich.

Ich fand es so herrlich, daß ich bald auch keine Zeitung mehr las.

Anfangs kümmerte ich mich noch um diese oder jene Aufführung eines meiner Dramen. Doch das brachte jedesmal einen Sturm in meine himmlische Ruhe. Schließlich überließ ich alles, was mit dem Theater zusammenhing, meinem Agenten; und alles, was mit Geschäften und sonstigen irdischen Angelegenheiten zu thun hatte, meinem Sekretär.

Jetzt begann ich wirklich Ruhe zu empfinden.

Anfangs sah ich diesen und jenen guten Bekannten, oder sogenannten Freund.

Ich besaß nämlich nur sogenannte Freunde ...

Alle diese Menschen wirkten unendlich beunruhigend, verwirrend, quälend auf mich. Mehr und mehr empfand ich, daß ich sie nicht zu ertragen vermochte: weder die sogenannten Freunde, noch die Menschen überhaupt – alle Menschen!

Ich ließ sie also abweisen.

Zuerst nur dann und wann, und nur diesen und jenen. Aber die Einsamkeit war so köstlich, daß ich schließlich niemand aus der Welt weit, weit da draußen mehr sah.

Jetzt hatte ich endlich Ruhe!

Jetzt war ich glücklich!

Jetzt würde ich auch wieder gesund werden!

Wie verbrachte ich also jetzt meine Tage? Laßt mich nachdenken –

Mein Leben in der Villa Falconieri war im Grunde genommen höchst eigentümlich; denn: ich erlebte mich selbst. Unausgesetzt grübelte ich über mich selbst und unausgesetzt erlebte ich mich selbst. Im übrigen hatte ich Zerstreuung, Anregung und Beschäftigung genug und übergenug.

Wenn ich in meinem Freskenzimmer lag – ich hatte beständig das Bedürfnis, zu liegen und auszuruhen – so konnte ich stundenlang das festliche Gewimmel der geflügelten Liebesgötter ringsum an den Wänden betrachten, beim Beschauen nichts andres empfindend, als daß dies Lebensfreude, Schönheit, Anmut sei.

Sie that so wohl, so wohl!

Oder ich vertiefte mich ganz in den Anblick von Michelangelos blassem Jünglingshaupt, das so ruhevoll mit geschlossenen Augen und einem letzten wonnigen Seufzer auf den leise geöffneten Lippen in die Schatten des Todes sank.

Oder ich raffte mich auf und wandelte die offene Galerie vor meinem Zimmer stundenlang ruhelos auf und ab, hin und her.

Ich wandelte hoch über der Campagna dahin, die immer die gleiche weite große unsäglich herrliche Landschaft war; und doch niemals dieselbe. Denn jeder darüber hingleitende Wolkenschatten, jeder aus dunklem Gewölk hervorbrechende Sonnenstrahl veränderte sie. Es war ein beständiger Wechsel von Helle und Dunkel, von Eindrücken und Stimmungen. Jeden Augenblick tauchte ein neues Bild auf, um gleich darauf wieder zu versinken: Thäler mit finsteren Waldungen; kahle Höhen mit einem antiken Grabe, einem mittelalterlichen Castell; Triften mit werdenden Herden, Blumenfelder ... Oder weit weit da hinten in Etrurien einen Gipfel, den ich nie vorher gesehen; hoch hoch droben in der Sabina ein Dorf, das ich zum erstenmal erblickte.

Diese goldigen glanzvollen Gluten!

Es war wie das Farbenspiel des Chamäleon ... In welchen Lichtströmen sah ich während eines Monats allein den Soracte und die Waldberge von Cimini, die Meeresküste und die römischen Hügel.

Jeder Sonnenstrahl gab neue Beleuchtungseffekte, wie von einer himmlischen Maschinerie hervorgebracht. Vom dunkelsten Purpur bis zum grellsten Rot und Orange; vom tiefsten Ultramarin bis zum zartesten Smaragdgrün fehlte keine Nuance.

Dazu hüllte sich die feierliche Campagna zu verschiedenen Zeiten in verschiedenfarbige Blumengewänder.

Jetzt waren es weiße, jetzt gelbe Margueriten; diese Woche bedeckte sie roter Mohn, in der nächsten blaue Wicken.

Nachmittags wäre ich am liebsten von meinem Ruhebett gar nicht aufgestanden. Aber mein Diener Domenico ließ nicht ab, bis ich das Pferd bestiegen hatte. Saß ich erst einmal im Sattel, so war mir's sehr recht; und ritt ich erst eine Stunde, so wurde mein Kopf freier und meine Seele weiter.

Ich sah und beobachtete alles. Ich lauschte der Natur ihre Geheimnisse ab. Sie belebte sich für mich, bevölkerte sich mir mit Gestalten und Gebilden. Untergegangene Zeiten stiegen auf und verwandelten mir das große römische Trümmerfeld in Gartengefilde, bedeckt mit Prachtbauten. Jede Ruine ward zum Palast, jede Wüstenei zum Rosengarten.

Untergegangene Völker erschienen, zogen bei Scharen an mir vorüber: in weißen Gewändern, blumenbekränzt, Oelzweige in den Händen, zogen sie nach dem Hain der Ferentina, an Albalonga vorbei, die heilige Straße zum schimmernden Gipfel empor, der den Tempel von Latiums höchster Gottheit trug.

Die Welt um mich ward zur Weltgeschichte.

*

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