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Villa Falconieri

Richard Voß: Villa Falconieri - Kapitel 3
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typefiction
authorRichard Voß
titleVilla Falconieri
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeDreizehnter Jahrgang. Band 1.
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Rasch, wie es angefangen, entwickelte es sich.

Vor zwanzig Jahren im Frühling kam ich von meiner Vaterstadt Mailand nach Rom, wo im Valletheater mit Salvini und der Tessaro die Première meiner »Agrippina« stattfand. Sie hatte lärmenden Erfolg. Mitten in dem Getöse packte es mich wie Wahnsinn. Und doch war viel reine Vernunft dabei. Denn zum erstenmal erkannte ich mich selbst. Es war nicht anders, als wäre ich plötzlich durch einen einzigen Blick in meine Seele hellsehend geworden.

Ich erkannte, daß meine heimlichen angstvollen Zweifel recht behielten, daß alle meine Betäubungsversuche nicht helfen konnten, mich auf die Dauer über mich selbst zu täuschen, daß mein sogenanntes Genie nicht einmal ein volles echtes Talent war. Ich erkannte in meinen famosen Jambentragödien die dramatische Hallucination, in meiner berühmten tragischen Leidenschaft das falsche Pathos, in meinen prächtig tönenden Versen den Schwulst. Mit einem Wort: ich erkannte, wie ich von einem Poeten nur den Namen besaß.

Und ich erkannte ferner: mit unserer großen klassischen Ueberlieferung war es vorbei, die Zeit der Akademieen näherte sich ihrem Ende.

Eine neue Zeit brach wie eine Sturmflut herein, eine Zeit, welche die alte Kunst fortspülte, eine neue heranschwemmte.

Was für eine Kunst?

Das war die Frage!

Als sichere Antwort konnte ich sagen, daß es meine Kunst nicht sein würde.

*

Auch das erkannte ich:

Wie du nun einmal beschaffen bist, wirst du mit deinen Werken in dieser neuen Aera der Dinge verloren sein und zu Grunde gehen.

Sie werden dich und deine Arbeit abthun und fortwerfen wie unnütz gewordenes Gerät.

Alles stand vor mir gleich einer Vision. Ich sah alles in unbarmherziger Schärfe, wie ich meine eigenen dichterischen Gesichte niemals erblickt hatte. Ich sah meine Zukunft als Poet und Mensch in dem Augenblick, da das Haus mir zujauchzte und mich mit Lorbeeren und Blumen überschüttete.

Denn sie liebten mich sehr.

Und in demselben Augenblicke, da ich das Kommende greifbar vor mir sah, sagte mir eine innere Stimme:

Ein kranker Mensch gehört nicht unter lauter Gesunde, ein falsches Talent hat mit der wahren Kunst nichts gemein. Du mußt dich selbst ausscheiden, ehe sie dich heißen beiseite zu treten. Du mußt dich selbst begraben, bevor sie dich lebendig zu den Toten werfen.

Während der Aufführung, inmitten meines Triumphes, verließ ich das Theater; und früh am Morgen, vor Sonnenaufgang, bestellte ich mir ein Pferd und verließ Rom.

Ich mußte etwas Großes, Feierliches erleben, etwas, das meinen ganzen Menschen läuterte und erhob.

So ritt ich denn durch die Porta San Giovanni der Morgenröte entgegen, in die Campagna hinaus. Als die letzten Wohnstätten hinter mir lagen, als die schweigende Wildnis mich umgab, vor mir die Albanerberge, neben mir die Sabina wie schimmernde Wolkenzüge vom frühlingsgrünen Grunde der weiten Steppe sich aufbäumten; und als nur die steinernen Ungetüme der antiken Wasserleitung mit mir zogen, der Kirchhof der Weltgeschichte mit seinen umblühten Grabstätten und braunen Trümmerhaufen sich aufthat – da ward mir in der erhabenen Ruhe zu Mute gleich einem, der sich selbst besiegt, der also auch das Leben bezwungen hatte.

Keinen Ruhm mehr und keine Leiden; keinen Ehrgeiz und kein unerfülltes Streben; nie mehr große Wünsche und leuchtende Hoffnungen. Und nie mehr diese fürchterlichen, den Geist zerstörenden, das Herz zermalmenden Enttäuschungen.

Ueber dem alt heiligen Berg Cavo ging die Sonne auf.

Es war wundersam, vom Tage sich bescheinen zu lassen und denken zu dürfen: der Tag wird für dich ohne Qualen sein. Denn allein durch den bloßen Willen zur Verneinung des Lebens fühlte ich mich bereits vom Alpdruck des Lebens befreit.

Einmal blickte ich zurück.

Da lag Rom hinter mir zwischen den Hügeln versunken. Nur die Peterskuppel stand am Horizont wie ein lichtes schwebendes Himmelszeichen und nicht wie ein Werk von Menschenhand.

Manchem mochte das Bild als Symbol gelten.

Bei einer völlig biblisch wirkenden Cisterne vorbei, am Fuß der Weinberge, ritt ich in die Höhe: aus einer Wüste heraus, brachten mich wenige Schritte in ein paradiesisches Gefilde, durch welches die Straße aufwärts nach Frascati führte.

Ich ließ die helle heitere Weinstadt hinter mir und lenkte mein Pferd durch einen Hohlweg dem Ruinenberg von Tusculum zu, wo ich vor vielen Jahren in fröhlicher Gesellschaft einen köstlichen Sommertag verbracht hatte.

Bei der Villa Tusculana stieg ich vom Pferde und gab meinem müden Tier in der schönen Wildnis, die das verschlossene Haus der Napoleoniden umfing, freie Weide.

Unterhalb der grasbewachsenen Schloßterrasse lag, von hochstämmigem Lorbeer dicht umbuscht, ein kleines Kapuzinerkloster, darin es zur Messe läutete.

Selig die Einfältigen, die in diesen wonnigen Höhen, gleichsam über der Erde schwebend, einer göttlichen Idee dienen durften! Was sollte ich mit meinem Leben beginnen, der ich mich ascetisch von allem Lebendigen lostrennen wollte?

Ohne des Wegs zu achten, schlenderte ich dahin: an Fragmenten eines halb vergrabenen prächtigen Marmorgebälkes, an zertrümmerten antiken Statuen und gestürzten Säulen vorüber. Ein Pfad, so bunt von Blumen, daß er wie mit Edelsteinen bestreut erglänzte, führte mich hinter das weitläufige Gebäude und durch ein lose in den Angeln hängendes verrostetes Gitterthor in einen kleinen quadratischen Garten, den mit schneeweißen Blumenwänden ein Wald von Laurustinus umschloß. Blühender Lorbeer streckte seine goldigen Zweige darüber.

An der einen Seite stieß der reizende Ort an einen Anbau der Villa, die hier bis zum Dach hinauf gelbe und blaßrote Kletterrosen bedeckten. Sie umrankten eingelassene Reliefs von höchster Anmut und einer wahrhaft hellenischen Heiterkeit.

Inmitten des Gärtchens befand sich ein rundes Brunnenbecken, statt des Wassers mit Marienlilien gefüllt. Die verwilderten Beete trieben in überschwenglicher Fülle Narzissen und Tulpen, Hyazinthen und Kaiserkronen. Jasmin und weiße Spiräen bildeten undurchdringliche Dickichte, darin Amseln und Blaudrosseln nisteten.

Eine Welle von Wohlgerüchen schlug mir entgegen und die Morgensonne lag funkelnd auf jeder Blüte, jedem Blatt.

Voll stillen Staunens durchschritt ich das Zaubergärtlein, trat an eine niedrige Brüstung und blickte in eine vom Silberschimmer der Oliven gefüllte Tiefe.

Gleichsam versunken in der glänzenden Laubflut, sah ich auf mehrfach übereinander getürmten mächtigen Terrassen eine palastähnliche Villa mit langer leuchtender Fassade. Ueber der Säulenhalle des stark vorspringenden Mittelteils lag eine Loggia mit hoher schlanker Nische unter freistehender prächtiger Dachbekrönung, während die Seitenflügel eine festlich heitere Pfeilerarchitektur zeigten. Verschiedene monumentale Thore aus goldbraunem Travertin durchbrachen einen doppelten Mauerkreis und führten zu einem Hain von Steineichen, der feierlich das königliche Haus umdunkelte. Hochstämmige Pinien mit breiten glänzenden Wipfeln entstiegen dem Dickicht eines verwilderten Parkes. Ein Rosenfeld schimmerte durch das vielfarbige Grün zu meiner Höhe empor. Ein schwermütiger Teich träumte einsam zwischen schwarzen Cypressen.

Lange stand ich, schaute hinab, empfand den Feiertagsfrieden der schönen Stätte und wurde von einer tiefen Sehnsucht erfaßt. Dort ein nutzloses Dasein nicht unedel zu Ende zu führen, ein krankes Gemüt zu bestatten, eine müde Seele zur Ruhe zu bringen....

Daran dachte ich in meinem ungestümen Verlangen, mich selbst aufzugeben – nur daran!

Was ich in jener Traumstunde nicht bedachte: der Bauer, der im Schweiße seines Angesichts sein Feld bebaut, der Tagelöhner, der sein mühseliges Tagwerk redlich vollbringt – diese Männer sind im Vergleich mit solchem Sohn des Weltschmerzes nicht nur achtbare Weltbürger; sondern auch nützliche Mitglieder der Gesellschaft.

Indessen mein melancholisches Temperament, zugleich mit einer sybaritischen Neigung, in landschaftlicher Schönheit zu schwelgen; mein Hang zu Träumerei und Einsamkeit – so viele heimlich wirkende Seelenkräfte unterjochten in jenem bedeutungsvollen Augenblick meinen ganzen Menschen mit der Gewalt eines entfesselten Elements.

Ich bestieg wieder mein Pferd und ritt durch die Olivenwälder und Steineichenalleen hinunter. Ich ritt durch ein offenstehendes, mit großem Wappenschilde verziertes Thor in eine Kastanienpflanzung und gelangte durch ein zweites, sehr prächtiges, sehr barockes Portal, darüber in tief eingegrabenen Lettern der Name: Horatius Falconerius geschrieben stand, in den Steineichenhain, dessen vom Sonnenlicht durchfunkelte Dämmerungen mich wie ein Mysterium umfingen.

Jetzt befand ich mich vor dem Hause.

Kein Mensch war zu sehen, kein Laut zu hören. Sämtliche Thüren waren geschlossen und die Fenster durch Läden verwahrt.

Auf den breiten Wegen wuchs Gras, die vielen bizarr geformten Steinsitze und Tische unter den Steineichen bedeckte dichtes Moos, die Fontänen und Wasserbecken lagen trocken, mit Unkraut gefüllt.

Ein purpurfarbiger Teppich von Cyclamen überzog die Terrasse; vor dem Hause wucherten, ungepflegt und ungepflückt Rosen und eine baumstarke Glycinie bildete über dem Eingang zu dem ehemaligen Garten ein freistehendes blühendes Thor. Die Ranken des schönen Baumes waren bis in die Halle des Mittelbaues gekrochen, wo sie, die Säulen hinankletternd, von Bogen zu Bogen sich schwangen und die dort aufgestellten Büsten römischer Kaiser und Kaiserinnen jugendfrisch kränzten.

Ich mochte das tiefe Schweigen nicht stören, den eingeschlummerten Genius des Ortes durch den Ruf einer Menschenstimme nicht wecken.

So ritt ich denn weiter, um nach einem Wächter des stillen Hauses zu suchen.

Ein Thor aus prächtigen korinthischen Säulen, die auf breitem Postament zwei steinerne Löwen trugen, führte von der Terrasse in den Wirtschaftshof.

Aber auch hier war alles Verfall und Verlassenheit.

Jetzt trabte ich langsam um das ganze Gebäude, das, je weiter ich kam, um so mehr den Eindruck eines verwunschenen Schlosses machte. Plötzlich vernahm ich den leisen Gesang einer Frauenstimme. Ich hielt das Pferd an und lauschte. Die Stimme hatte solchen tiefen dunklen Klagelaut. Aber Ton und Melodie des melancholischen Ritornells paßten zum Hause, als sei es dessen Geist, welcher sang.

Die Sängerin begann einen neuen Vers. Jetzt verstand ich die Worte. Sie lauteten:

»Blühende Ranken ...
Sieh, wie sie schwanken im Wind!
Schlafe doch, schlafe, mein Kind –
Schlaft, ach, schlaft doch, Gedanken!«

Der Stimme folgend, war ich der Sängerin ganz nahe gekommen.

An der Rückseite der Villa öffnete sich im Erdgeschoß eine breite Wölbung, durch die ich in einen Hof blickte. Mir gegenüber befand sich eine hohe Mauer. Wo der graue Kalkbewurf abgefallen war, glänzte altrömisches Netzwerk zwischen bläulichem Basalt hervor: ein Zeichen, daß der Palast auf den Fundamenten einer antiken Villa errichtet worden war. Der Hof mußte unmittelbar unter dem Rosengarten liegen: denn von dem Mauerrand hoch oben stürzte sich sonnbeschienen eine Flut weißer Bansiarosen in die kühlen Schatten nieder, mit den seinen weichen Blüten den Torso einer antiken weiblichen Gewandstatue verschleiernd. Die schöne Figur stand bei der dicht mit zarten Nymphenfarren bewachsenen Wand in einem von wilden Kallas umwucherten Brunnen.

Hier war auch die Sängerin.

Sie saß auf dem Rand des Beckens, unter den blassen Blumen und gab ihrem Kinde die Brust, es zugleich mit ihrem schwermütigen Gesang einschläfernd. Die ganze Gestalt befand sich in dem Schatten, den der breite Blütenfall der lang niederhängenden Rosenranken über den grünen Grund warf. Aber über dem Haupt der jungen Mutter leuchtete der blumige Schein wie eine märchenhafte Gloriole.

So erblickte ich Maria zum erstenmal. Sie war sehr schön! Von einer fremdartigen herben und unnahbaren Schönheit, wie sie die Alten in Priesterinnenstatuen und manche Präraffaeliten in ihren Madonnenbildern dargestellt haben. Aber ihre Marmorblässe und ein unbeschreiblicher Ausdruck von Schwermut milderten die Strenge des wunderbaren Gesichts, das, über den Säugling gebeugt, in dieser zärtlichen Haltung sogar etwas Holdseliges und rührend Jungfräuliches hatte.

Der Kopf war unbedeckt und ich sah die Pracht des goldbraunen Haares, das in schimmernden Wellen an den bleichen Wangen herabfloß und tief im Nacken zu einem Knoten zusammengefaßt war.

Dem Anzuge nach schien sie eine Frau aus dem niederen Bürgerstande zu sein; doch machte auf mich die ganze Erscheinung sogleich den Eindruck, als wäre es dieser jungen Mutter vollkommen gleichgültig, ob sie ein Kleid aus Seide oder Kattun trüge. Ich konnte mir keinen Grund für diese eigentümliche Vermutung angeben; ich hatte sie aber sogleich.

Sie sah mich zu Pferde mitten im Thorweg halten, hob den Kopf ein wenig, unterbrach jedoch weder ihren Gesang, noch verhüllte sie ihre Brust. Sie sah mit einem teilnahmlosen zerstreuten Blick über mich hinweg und senkte die Augen sofort wieder auf das Kind.

Geduldig wartete ich, bis der Säugling gestillt und fest eingeschlafen war.

Jetzt verstummte sie, schloß ohne jede Hast ihr Kleid und stand auf.

Wie sie mir langsam entgegenschritt, hatte ihre Haltung etwas, das mich veranlaßte, sie zu grüßen, als wäre sie eine Dame.

Sie dankte mir kaum. Ich fragte:

»Schläft das Kleine. Hoffentlich störte ich nicht?«

»Ich ließ mich nicht stören.«

Sie sprach zu meinem Erstaunen besser als gewöhnlich unsere Damen sprechen, selbst unsere Damen der besten Gesellschaft, Doch sprach sie zu leise und ausdruckslos, gewissermaßen zu apathisch, als daß ich von ihrem Organ einen Eindruck hätte erhalten können.

Aber grade diese verschleierte Stimme berührte mich seltsam.

Gleichgültig waren auch ihre Bewegungen, gleichgültig war die Haltung ihres Kopfes, war der Ausdruck ihrer Miene: gleichgültig darüber, was die Menschen von ihr dächten, gleichgültig gegen die Welt und das ganze Leben.

Doch wie sie jetzt mit der Hand leise, leise über das Gesicht des schlafenden Kindes fuhr und es mit einem Tuche bedeckte, lag in dieser stillen Bewegung ein ganzer Himmel von Zärtlichkeit.

Und was für wunderbare Augen sie hatte! Jene hellen Sphinxaugen, die wir Italiener »weiße Augen« nennen. Es gibt für diese farblosen und doch so leuchtenden Augen keinen bezeichnenderen Ausdruck.

Ich wandte mein Pferd ins Freie zurück. Sie folgte mir. Als ich sie wieder ansah, flößte mir ihre prachtvolle, aber unbeschreiblich traurige Schönheit, jetzt voll von der Sonne beschienen, fast Schrecken ein. Jetzt erst sah ich auch, wie schlecht gekleidet sie war, nicht grade ärmlich, doch sehr nachlässig. Nur ihr herrliches Haar war gepflegt, und sie hatte die Hände einer Weltdame.

Sie trug einen Ehering. Ich ließ mein Pferd neben ihr hingehen und begann von neuem ein Gespräch:

»Finde ich hier wohl jemand, der mir die Villa zeigt?«

Sie erwiderte:

»Mein Mann ist in der Oliveta und unsere sämtlichen Leute sind dort beschäftigt.«

»Ihr Mann –«

Absichtlich stockte ich, was sie jedoch nicht beachtete.

So mußte ich denn direkt fragen:

»Hat Ihr Mann etwas mit dieser schönen Besitzung zu thun?«

»Er ist Pächter der Tenuta, die zur Villa Falconieri gehört.«

»So heißt dieses Märchenschloß?«

»Es ist hier allerdings einsam.«

Sobald sie etwas lauter sprach, hatte ihre Stimme einen tiefen Wohllaut. Aber sie blieb eintönig und schwermütig.

»Ich beneide Sie um diese Einsamkeit!« rief ich aus.

»O wirklich?«

Sie sprach wie eine vornehme Dame, die eine ihr vollkommen gleichgültige Konversation führt und der es ganz einerlei ist, ob die Leute sich bei ihr unterhalten oder nicht.

»Befindet sich die Villa auch jetzt noch im Besitz der Falconieri? Verzeihen Sie, wenn ich Sie ausfrage; aber der wundersame Ort hat es mir jedoch angethan.«

»Die Falconieri sind nicht mehr Besitzer. Der letzte Fürst Falconieri hat die Villa vor einigen Jahren verlassen – verlassen müssen.«

»Ich erinnere mich. Die Falconieri gehören zu den großen römischen Häusern, die verarmten.« »Vollständig, mein Herr. Der alte Fürst war in den letzten Jahren so arm, daß er sich nicht die Ausgabe machen konnte, mit der Bahn nach Rom zu fahren. Wenn der Fürst nach Rom mußte, verkaufte er schnell für den ersten besten Preis eine der prachtvollen Pinien oder Kastanien, durch welche die Villa berühmt war. Die herrlichsten Bäume sind auf diese Art geschlagen worden, und die alte Fürstin stickte im geheimen für Geld Altardecken und Meßgewänder.«

Sie machte mir diese Mitteilungen in einer Art, als ob sie ebenso gut hätte schweigen können. Aber ich war ihr dankbar, daß sie mir Gelegenheit gab, ihre Stimme zu hören.

»Wie schrecklich muß es sein, aus diesem Paradiese als Bettler vertrieben zu werden,« rief ich mit ehrlicher Teilnahme aus.

»Ich bedauere diese Leute nicht.«

Die schöne Stimme klang plötzlich hart. Sie beugte sich tief auf das schlafende Kind hinab; und ich konnte, als sie die herben Worte sprach, ihr Gesicht nicht sehen.

In möglichst leichtem Tone fragte ich:

»Was thaten Ihnen die armen Leute, daß Sie so wenig mitleidig sind?« Fast hätte ich hinzugefügt: »mit solchem Madonnengesicht!«

Gelassen erwiderte sie:

»Diese Leute thaten mir nicht das Geringste. Auch bin ich durchaus keine Sozialistin, wie Sie vielleicht meinen. Meinetwegen mögen sie schwelgen und vergeuden, so viel sie wollen und können. Aber es gibt noch größeres Elend auf der Welt, als gezwungen zu sein, einen Palast zu verlassen. Selbst hungern zu müssen ist nicht das Schlimmste.« »Was können Sie davon wissen: von noch größerem Elend!«

Sie antwortete nicht sogleich. Dann sagte sie ermüdet:

»Sie haben recht, mein Herr. Ich weiß nichts davon.«

»Du scheinst sehr viel davon zu wissen,« dachte ich.

*

Einer Oliveta entlang, bei einer Gruppe prächtiger Cypressen und Steineichen vorüber, waren wir in den von Pinien überschatteten Hof der Tenuta gekommen, wo nur ein einstöckiges verfallenes Gebäude bewohnt zu sein schien. Ich wünschte heimlich, daß die schöne Frau mit den weißen Händen und dem armseligen Kleide hier nicht wohnen möchte. Zu meiner Freude ging sie an der Baracke vorbei und durch das Löwenthor auf die Schloßterrasse.

»Die Villa liegt so verlassen da, als sei sie völlig unbewohnt.«

»Einen kleinen Teil des Hauses bewohnen wir. Die Villa soll nämlich über hundert Zimmer haben, in denen jetzt niemand wohnt. Früher lebte hier eine schöne Gräfin aus Deutschland, die damals Pio IX aus Rom nach Gaeta gerettet hat.«

»Das war die Gräfin Spauer! ... Es freut mich, daß Sie in dem schönen Hause wohnen.«

Ich sah sie nicht an, wußte jedoch sehr genau, daß sie eine sehr erstaunte und unnahbare Miene machte und mich sogleich stehen lassen würde.

»Mir wäre es lieber, wir wohnten in der Tenuta,« wies sie mich nach einer Pause mit großer Ruhe zurück. »Aber mein Mann zieht das Schloß vor. Leider kostet ihn seine Vorliebe für Paläste eine beträchtlich höhere Pachtsumme, und mehr, als wir überhaupt zahlen können.«

»Aber das Wirtschaftsgebäude ist ja eine halbe Ruine!«

»Für uns wäre es gut genug,« sagte sie rauh, nickte mir gemessen zu und schritt von mir fort, nach dem Hause hinüber. Eine Fürstin hätte von dieser Pächtersfrau Haltung lernen können.

Wer war sie? Und was war es mit ihr?

Alles war so ungewöhnlich: der Ort und die Frau!

Gar zu gern wäre ich ihr nachgeeilt. Aber ich wagte es nicht; denn sie hatte mich in aller Form verabschiedet. Ich war daher freudig überrascht, als sie plötzlich stehen blieb, einen Moment zu zaudern schien und dann langsam zu mir zurückkam.

Mein Pferd brachte mich sofort an ihre Seite.

Mit kühler Höflichkeit sprach sie mich an:

»Da das alte Haus Sie vollständig bezaubert zu haben scheint, da niemand von unsern Leuten vor Mittag zurückkommt und Sie gewiß keine Zeit zum Warten haben, will ich Ihnen das Haus zeigen.«

»Es wäre sehr gütig! Aber der kleine Schläfer?«

»Es schläft ganz fest, das arme Geschöpf.«

»Weshalb bedauern Sie Ihr Kind?«

»Lebt es nicht?«

Sie that diesen pessimistischen Ausspruch ohne jede Spur von Pathos und Affektion; aber mit welch trauriger Miene, welch trostlosem Ausdruck!

»Das Kind wird wachsen und gedeihen. Es wird Ihnen Freude machen, wird Ihr ganzer Stolz und gewiß einmal ein tüchtiger glücklicher Mensch werden.«

»Glauben Sie, daß es glückliche Menschen gibt?«

»Wie Sie das sagen!« »Ich frage nur; denn ich weiß es nicht,«

»Warum sollte Ihr Kind durchaus ein unglücklicher Mensch werden? Ist es ein Knabe?«

»Ein Mädchen – leider.«

»Ich bitte Sie – –.«

»Wenn es einmal groß ist und schön sein sollte, wenn es dann hoch im Preise steht und seinen Käufer findet! Mein armes Kind, o mein armes Kind!«

Sie hatte wie zu sich selbst gesprochen, als mein Pferd zufällig eine heftige Bewegung machte. Jetzt errötete sie bis an die Haarwurzeln, was ihren stillen ernsten Zügen plötzlich einen überaus lieblichen, beinahe kindlichen Ausdruck gab.

Leise sagte sie dann:

»Ich führe Sie also durch das Haus.«

Sie ging und kam nach einer Weile ohne das Kind und mit dem Schlüssel zurück.

Ich sprang vom Pferde und folgte der wunderschönen seltsamen Frau.

*

Durch die mit antiken, als Sitze dienenden Kapitalen und verschiedenen Erinnerungstafeln an päpstliche Besuche geschmückte Vorhalle trat ich in einen Saal, dessen Wände auf das wunderlichste mit Fresken bedeckt waren... Zwischen prächtiger Säulenarchitektur bewegte sich eine bunte Gesellschaft längst verstorbener Falconieri mit ihren Gästen und ihrer Dienerschaft, während eine andere Generation des alten Fürstenhauses teils als Portraits, teils als in Loggien postierte Zuschauer hier ernsthaft, dort vergnüglich auf das heitere Gewimmel niederblickte. Unter den Frauen fiel mir besonders eine anmutige lustige etwas kokette Teresa und eine sehr schöne stolze und entschlossen blickende Ottavia Sacchetti auf. Von den Männern des Geschlechts erschien ein jugendlicher Lelio recht liebenswürdig und zugleich sehr leidenschaftlich.

Zu beiden Seiten dieses frohen und festlichen Raumes, aus dem ich durch die Bogen der Vorhalle tief in die immergrünen Wipfel der Steineichen schaute, lagen in langer Reihe die Prunkzimmer des fürstlichen Sommersitzes; und da meine Führerin, nachdem sie mir geöffnet hatte, sich nicht mehr um mich kümmern zu wollen schien, so schlenderte ich behaglich von Gemach zu Gemach, in einem jeden Fenster und Jalousie aufstoßend, daß immer neue Lichtwogen die Dämmerung durchströmten.

Es war überall das Nämliche: überall verblichener Glanz und verfallene Pracht. Tische mit kostbaren Platten von rosso und giallo antico, Lehnsessel mit verblaßten Vergoldungen, zerschlitzte Vorhänge an Thüren und Fenstern, schadhafter Ziegelsteinboden. Sämtliche Wände schmückten entweder Fresken, oder, die ganzen Wandflächen einnehmend, stark nachgedunkelte Oelgemälde. Aber die Stuccaturen der Decken atmeten die Anmut der Renaissance und waren so leuchtend, als wären sie eben aus des Künstlers Händen hervorgegangen.

Der letzte Raum, den ich betrat, entzückte mich.

Die Fresken stellten einen heiteren Hain vor, der einen schimmernden Tempel der Venus umschattete und einen Ausblick auf eine freie sonnige Landschaft gewährte. In den Blumendickichten standen Bildsäulen und Hermen, Altäre und Vasen. Fontänen durchrauschten den kühlen Grund, und ein lustiges Völklein beflügelter Genien war eifrig beschäftigt, Tempel und Hain für eine stille Liebesfeier zu schmücken. Sie flatterten durch die Wipfel, jagten die weißen Tauben der großen Göttin, schleppten schwere Blumengewinde herbei, rissen blühende Ranken von den Bäumen, bekränzten die Statuen, verzierten den Eingang ins Brautgemach. Nur ein kleiner fauler Schlingel schoß vergnüglich nach einer Elster, die auf einem Pinienast hockte.

Über den Wipfeln stieg am tiefblauen Himmel strahlendes Gewölk auf, darin in eigener unsterblicher Person die Frühlingsgöttin erschien. Sie ließ einen Blütenregen herniederströmen, dessen duftige Fluten Amoretten ihr nachtrugen. Junge übermütige Winde bliesen die herabfallenden Blumen durcheinander.

Um dieses wonnige Gemach lief eine offene Galerie; und als ich hinaustrat, stand ich über einer die doppelte Länge des Schlosses betragenden Gartenterrasse und dem in bacchische Fruchtbarkeit gebetteten Frascati.

Ich überblickte das trümmerbedeckte römische Land bis weit in die große etruskische Bergebene hinein; ich überblickte den lichten Strand des Tyrrhenischen Meeres mit seiner dunklen Macchienwildnis, das Alpengebiet der Sabina mit lang hingestreckten kahlen Graten, schneebedeckten Gipfeln und grauen Felsenstädten.

Als ich mich endlich von dem unvergleichlichen Anblick losriß, saß die schöne Frau in einem der mit apfelgrünem Damast bezogenen Armsessel und wartete auf mich. Sie lehnte in ihrem schlechten Kleide mit solchem Anstand in dem vornehmen Stuhl, wie wenn sie für einen Thron geboren wäre. Als ich ihr mein Entzücken über den köstlichen Raum ausdrückte, erklärte sie mir dessen Bestimmung

»Nach einer Sitte, die über dreihundert Jahre alt sein soll, wurde für jedes junge Paar des Hauses in diesem Zimmer das Hochzeitsbett aufgestellt.« Und sie fügte nach einer Pause hinzu: »Hier erwürgte Ottavia Sacchetti in der Brautnacht den Mann, dem sie durch Zwang vermählt worden war.«

Sie sagte das so gelassen, als berichte sie eine alltägliche Begebenheit. Dabei hatten ihre stillen Augen einen grausamen Ausdruck.

»Hier erwürgte Ottavia Sacchetti in der Brautnacht den Mann« ... wiederholte ich mechanisch, und konnte meinen Blick von ihrem Gesicht nicht abwenden. »Weiß man die Ursache der gräßlichen That?«

»Ist sie so schwer zu wissen?«

»Wie? ... Ich verstehe Sie nicht –«

»Ich sagte Ihnen ja, daß die unglückliche Ottavia durch Zwang ihres Mannes Weib ward.«

»Weshalb ließ sie sich zwingen!«

»Sie reden eben wie ein Mann.«

»Also begreifen Sie die Mörderin?«

»Ich begreife sie.«

»Wie ist das möglich?!«

»Vielleicht weil ich eine Frau bin,« war ihre gelassene Antwort.

Ich wurde erregt.

»Angenommen: ein Mädchen wird zu einem verhaßten Manne gezwungen, so –«

Ich verstummte unter dem Blick dieser hellen unerbittlichen Augen. Sie vollendete meinen Satz:

»So rächt die Frau die Gewalt, die ihrem Leib und ihrer Seele angethan worden – wenn sie sonst eine starke und stolze Seele besitzt. Darauf kommt es allerdings an.«

Ich wollte erwidern. Aber sie stand auf und ging hinaus, ohne mich weiter zu beachten. Absichtlich blieb ich zurück und holte sie erst im Saal ein, wo ich sie unter dem Bilde jener Ottavia stehend fand. In den Anblick des Portraits versunken, sagte sie:

»Diese Unglückliche wurde, weil sie ihre Ehre verteidigte, in Rom vor der Engelsbrücke als Mörderin enthauptet. Sie starb den Märtyrertod und sollte von gewissen Gattinnen wie eine Heilige verehrt werden.«

»Was sind Sie für eine merkwürdige Frau!«

Meinen Ausruf überhörend, wandte sie sich von dem strengen Antlitz Ottavias ab, den heiteren Mienen der reizenden Teresa zu.

»Dieser jungen Falconieri ging es im Leben auch nicht sonderlich gut.«

»Hatte die liebliche Frau etwa gleichfalls ein tragisches Schicksal?«

»Sie wurde von ihrem Manne ertränkt hier in der Villa: in dem Teich, um den die Cypressen stehen.«

»Aus Eifersucht?«

Sie antwortete nicht.

»Weiß man etwas von dem jungen Lelio dort oben?« fragte ich, lediglich um das unbehagliche Schweigen zu unterbrechen.

»Vielleicht war es dieser junge hübsche Herr, um dessentwillen die reizende Teresa sterben mußte. Die beiden paßten zusammen. Ich denke mir oft, daß es der hübschen Teresa schwer geworden ist, aus der Welt zu gehen. Denn wenn man liebt und wiedergeliebt wird. – Aber wie selten mag beides zusammentreffen.«

Nur um etwas zu sagen, rief ich aus:

»Das ist ja eine eigentümliche Familie, diese Falconieri!«

»Es hat auch sehr fromme Leute darunter gegeben. Verschiedene Falconieri waren Päpste; und die Familie ist sogar so glücklich, einen Heiligen und zwei Martyrisierte aufweisen zu können. Der heilige Alexander Falconieri und die beiden seligen Frauen liegen nebenan in der Kapelle bestattet. Sie thun noch heute Wunder für den, der glaubt, daß heute noch Wunder geschehen. Ich glaube es nicht.«

Hatte sie mir vorhin Scheu eingeflößt, so fühlte ich jetzt große Teilnahme: dermaßen von Leiden erschöpft waren Blick und Miene. Plötzlich ertönte von den Steineichen her ein lauter, gebieterischer Ruf:

»Maria!«

Sie regte sich nicht. Der Ruf wurde wiederholt, diesmal fast drohend:

»Maria! He, Maria!«

Da sie nicht zu hören schien, machte ich sie aufmerksam: »Ich glaube, Sie werden gerufen.«

»Es ist nur mein Mann,« erwiderte sie gleichgültig. »Er schreit immer so.«

Sie verließ langsam, sehr langsam den Saal.

*

Die beiden waren ein herrliches Paar!

Der Gatte meiner eigentümlichen Führerin gehörte nämlich zu den schönsten Männern, die ich jemals gesehen hatte. Er ritt einen feurigen Rappen mit langer Mähne und fast den Boden fegendem Schweif. Del schwarze Mantel des Campagnuolen drapierte mit seinem Faltenwurf die schlanke kraftvolle Gestalt; unter dem breiten Schlapphut hervor quollen dunkle Locken und das braune bartlose Gesicht hatte die klassischen Züge der Antike.

Alcibiades konnte nicht vollkommener schön gewesen sein, als dieser Pächter der Villa Falconieri es war.

Er sah mich unter einem Säulenbogen der Halle stehen, ritt näher und grüßte mich wie ein Weltmann. Noch mehr erstaunte ich, als der prachtvolle Bursche im Campagnuolenmantel in perfektem Französisch sich erkundigte, womit er mir dienen könnte.

Ich erwiderte, was mich in die Villa geführt, und daß seine Frau die Liebenswürdigkeit gehabt hatte, mir einen Teil des Palastes zu zeigen.

Er schaute zu ihr hinüber und sagte dann, laut lachend:

»Darauf dürfen Sie sich allerdings etwas einbilden. Es liegt nämlich durchaus nicht in der Art meiner Frau, den Fremdenführer zu machen.«

Der Blick, mit dem er sie ansah, sein Lachen und etwas in seiner Stimme paßte so gar nicht zu der berückenden Erscheinung des Mannes, daß es mich betroffen machte. Ich mußte denken: ›Oho! Du scheinst deine wunderschöne Frau nicht grade zärtlich zu lieben. Du scheinst überhaupt ziemlich brutal sein zu können, mein reizender Herr!‹ Ich entschuldigte die Dame durch die Dringlichkeit meiner Bitte und diese durch mein Entzücken über die Villa. Darauf stellte ich mich in aller Form vor.

Er warf mir einen raschen blitzenden Blick zu, grüßte noch einmal mit großer Höflichkeit und sagte äußerst verbindlich:

»Ihre Première gestern abend im Valletheater hatte gradezu sensationellen Erfolg.« Und er reichte mir mit einem Lächeln, das so anziehend war, wie vorhin sein Lachen abstoßend, ein Paket römischer Zeitungen.

»Sie kennen mich?«

»Das wundert Sie bei einem Bauern, der hier in aller Ruhe seinen Kohl pflanzt? Sie mögen daraus sehen, wie populär Sie sind.«

»Sie sind sehr liebenswürdig, Herr –«

»Vittorio Mariano.«

Ich lüftete den Hut und sagte lächelnd:

»Es scheint mir ein beneidenswertes Los, in der Villa Falconieri seinen Kohl pflanzen zu dürfen, Herr Mariano.«

Er rief mit knabenhafter Fröhlichkeit:

»Wenn Sie das im Ernst meinen, so werden Sie hoffentlich Ihre tragische Muse in unserm Idyll eine Stunde lang unter Menschen ein Mensch sein lassen. Ich habe heute die ersten Cucuzzi geerntet, der Spießbraten meiner Frau könnte dem Ruhm Ihrer Trauerspiele Konkurrenz machen, und zum Nachtisch verspreche ich Ihnen zwar nicht die Aepfel der Hesperiden, aber die Kirschen des Lucullus.«

Mit prächtiger Bewegung des Kopfes schwang er sich vom Pferd und übergab es einem der eben aus der Oliveta heimkehrenden Knechte, der dann auch meinen Mietsgaul einfing und nach dem Wirtschaftshof führte.

Ich mußte mich vorhin getäuscht haben: der Mann war gewiß ebenso liebenswürdig wie schön! Und zu den stolzen Falten des Campagnuolenmantels das Pariser Französisch: welche Kontraste!

Meine Neugierde war stark erregt. Auch konnte ich mich nicht entschließen, fortzugehen, ohne Frau Mariano noch einmal gedankt – ohne sie noch einmal wiedergesehen zu haben.

Sie war sogleich ins Haus gegangen, ohne sich um ihren heimkehrenden Gatten im geringsten zu kümmern, ohne ihn eines Blickes zu würdigen – wie ich es bei mir selbst nannte. Und sie hätte doch von Rechts wegen ganz vernarrt in ihn sein müssen! Denn als er jetzt Mantel und Hut abwarf, die Locken aus der Stirn schüttelte, staunte ich von neuem über die Herrlichkeit der jungen Gestalt. Uebrigens war ich jetzt in meinem Urteil ganz sicher, als ich vorhin in seinem Blick, in seinem Lachen, in seiner Stimme etwas zu erkennen geglaubt, was mich beinahe mit Widerwillen erfüllte: lag es doch in meiner Natur, bei jeder Medaille sogleich die Kehrseite zu sehen.

Meinen eigenen Augen mißtrauend, war ich nunmehr bemüht, jenen flüchtigen Eindruck zu vergessen. Auch nahm die Vorstellung von dem Leben der beiden wunderschönen einsamen Menschen in dem Paradiese der Villa Falconieri meine dichtende Phantasie völlig gefangen.

Herr Mariano, der ausgezeichnet gekleidet war und die Wäsche eines Dandy trug, geleitete mich nach dem Flügel der Villa, den ich noch nicht besichtigt hatte. Ueber dem Eingang stand der fünfte Psalm geschrieben: »Tritt ein in dein Haus –.–« Und gleich dahinter befand sich die von Benedikt XIII. geweihte Kapelle, darin in gläsernen Särgen die wunderthätigen Heiligen der Falconieri bestattet lagen. Eine Treppe aus aschgrauem Peperin mit tief ausgetretenen Stufen führte in das obere Stockwerk hinauf, wo die sonderbaren Pächtersleute ihre Wohnung hatten.

Diese paßte nun wiederum ganz und gar nicht zu dem perfekten Französisch und der leuchtenden Wäsche des Hausherrn. Aber Herr Mariano benahm sich, als empfange er seinen Gast in einer ersten Etage an den Boulevards des Italiens. Die zerrissenen Gardinen, die verblichenen und zerfetzten Möbelbezüge, zerbrochenen Stühle und beschädigten Tische genierten ihn nicht im mindesten.

Frau Mariano war nicht da. Ihr Mann ging nicht etwa hinaus, sie zu holen: sondern rief überlaut nach ihr. Endlich erschien sie und äußerte über meine gewiß unerwartete Anwesenheit weder Vergnügen noch Befremden.

Sie bemerkte mich kaum.

Erst jetzt, da ich die beiden zusammen sah, fiel mir an der schönen Frau die Aermlichkeit ihres Anzugs geradezu peinlich auf. Er paßte freilich zur ganzen Umgebung. Dem Kleide nach hätte sie sehr gut die Magd sein können.

Und neben ihr der elegante Beau!

Herr Mariano mochte meine Gedanken erraten; denn er musterte seine Frau mit einem Stirnrunzeln, dem sie jedoch nicht die mindeste Beachtung schenkte. Augenscheinlich war ihr ihr Kleid auch jetzt noch genau so gleichgültig wie die Verwahrlosung der Wohnung.

»Ich rühmte dem Herrn deine Hühner. Sorge also dafür, daß du mit deiner Kochkunst Ehre einlegst.«

Ich wollte sagen, daß ich nicht bleiben könnte, daß ich nach Rom zurück müßte. Aber ich sagte nichts. Dann fiel mir ein, daß ich mich Frau Mariano noch gar nicht vorgestellt hatte. Ihr Mann schien die Erfüllung irgendwelcher Form der Frau des Hauses gegenüber für vollständig unnötig zu halten.

Ich nannte meinen Namen, meine Unterlassung, so gut ich konnte, entschuldigend, bemerkte jedoch nicht, daß ich auch ihr bekannt war.

Ohne gesprochen zu haben, verließ sie das Zimmer.

Mit einigem Stolz zeigte mir jetzt Herr Mariano seine Bibliothek; und von neuem sollte ich staunen. Ich sah eine vorzügliche Auswahl von Werken, in französischer sowie in englischer Sprache, in schönen Einbänden musterhaft aufgestellt. Sämtliche alte und neue Klassiker befanden sich darunter, und die philosophischen politischen und naturwissenschaftlichen Schriften der ersten Autoren. Auch die moderne Poesie war vertreten.

Neben Leopardi stand ich.

Derselbe Mann, der in Gegenwart eines Fremden mit seiner Frau wie mit einer fahrlässigen ungeschickten Dienerin verfuhr, besaß den Takt, mich nicht auf mich selbst aufmerksam zu machen, wodurch es mir möglich war, mich gleichfalls zu ignorieren.

»Und dieses ist mein Lieblingsdichter. Ich lese ihn jeden Abend wie der Geistliche sein Brevier, wie ein Geldmann die Kurse.«

Und er reichte mir ein kleines, besonders schön eingebundenes Buch:

Es war eine lateinische Aeneïde.

»Sehen Sie, Graf Campana!«

Er trat zu einem der Fenster, die nach den Steineichen hinausführten, und zeigte mir die glanzvolle Ferne: Land und Meer. Ich sah die Tibermündung und Ostia; ich sah die heilige Insel und längs des hellen Gestades die Buschwälder von Laurentum und Ardea.

»Das Land der Aeneïde!« rief mein Wirt mit leuchtenden Augen.

Eine Magd, im Kostüm der Marken, kam und deckte den Tisch. Ich glaubte zu bemerken, daß Herr Mariano erwartet hatte, seine Frau würde wieder erscheinen, daß er wütend über ihr Fortbleiben war und sich nur mit Mühe beherrschte.

Um seine Aufmerksamkeit von der fehlenden Hausfrau abzulenken, versuchte ich, ihn redselig zu machen, wobei mir sein lebhaftes Temperament und die Eitelkeit auf seine schöne absonderliche Person sehr zu Hilfe kam.

Was ich, während wir lange auf das Essen warteten, und während unseres weinreichen Mahles – und was ich später, als ich die Villa bewohnte, teils durch Herrn Mariano direkt, teils durch andere über ihn erfuhr, will ich an dieser Stelle von ihm selbst mitteilen lassen.

*

Herr Mariano

Rasse!

Darauf kommt es an! Bei Weib und Mann!

Ich bin von gemischter Rasse; aber die Mischung ist gut. Meine Mutter stammt aus dem uralten römischen Räubernest Rocca Priora, und mein Vater war französischer Künstler: Pariser Vollblut, mein Herr. Rocca Priora liegt dahinten hoch oben, Palestrina gegenüber. In der Tiefe erstreckt sich ein Weinland, daß es die Heimat des Bacchus sein könnte – bei den Leuten von Rocca wächst kaum ein Halm! Von ihrer braunen Höhe stieren sie seit Jahrhunderten auf die unter ihnen hingestreckte Ueppigkeit hinab. Das hat sie seit Jahrhunderten begehrlich gemacht, hungrig und gierig.

Tief unten durch die Ebene führte ehemals die alte Poststraße von Rocca nach Neapel. Hier, zwischen Colonna und Zagarola, in der Nähe eines Hohlweges, besaß der göttliche Cäsar eine Villa: S. Cesareo heißt der Ort noch heutigentags. Und noch heutigentags geht der blutige Schatten des alten Herrn dort um. Die Reisenden, die früher mit Postkutsche und Vetturin von Rom nach Neapel fuhren, lehrte S. Cesareo Todesfurcht; denn bei S. Cesareo warteten die Briganten von Rocca Priora auf sie, und es hieß: Geld her oder das Leben!

Von den Vorfahren meiner Frau Mutter lauerten wohl manche braune Bursche im Hohlweg bei den Trümmern der Cäsarvilla; und mein Herr Großvater war ein berühmter Brigant. Er hatte die Ehre, durch den Henker zu sterben.

Ein anderer Ahn meines Hauses erhielt lebenslänglich Galeere; ein dritter wurde von seinem besten Freunde an die Sbirren verkauft.

Noch heute gibt es in meiner Mutterstadt eine Bahre, darauf nur diejenigen zur letzten Ruhestatt getragen werden, die eines jähen Todes durch Büchse oder Dolch verstorben sind.

Die Leute von Rocca leben nicht in menschlichen Wohnungen; sondern sie hausen in Höhlen. Winters gehen sie auf Wolfsjagd. Sie haben selbst etwas Wölfisches. Meine Mutter war wild und schön! Sie war schön wie eine griechische Liebesgöttin und wild wie eine sabinische Wölfin. Auch ebenso gierig. Sie stierte aus ihrem schwarzen feuchten Felsenloch so lange auf das goldene Weingefilde hinab, bis sie es in ihrer Wildnis vor Hunger nicht mehr aushielt.

Sie stieg hinunter und ging auf Raub aus.

Sie ging nach Rom.

Hier stellte sie sich an der spanischen Treppe auf und lauerte auf Beute. Die Römer liefen zusammen, um das schöne wilde Menschentier anzustaunen. Sie lauerte geduldig, bis der Rechte kam. Dem sah sie nur in die Augen, um gleich zu wissen, daß es der Rechte sei.

Von diesem ließ sie sich mitnehmen.

Er wohnte wie ein Fürst in der Villa Medici am Pincio, war Bildhauer, hatte den Prix de Rome erhalten und sollte ein Genie sein. Das alles genügte jedoch noch nicht, um berühmt zu werden. Er besaß wütenden Ehrgeiz und hätte für Ruhm dem Teufel seine Seele verschrieben. Der Teufel kam denn auch zu ihm, und er verkaufte sich ihm: er sah an der spanischen Treppe das schöne Weib und nahm es mit sich.

So kamen die beiden Gierigen zusammen.

Der ehrgeizige Künstler hätte sein schönes Modell am liebsten eingeschlossen, wo weder Sonne noch Mond sie beschien: es sollte einzig und allein ihm angehören! Die »zu Tode geküßte Bacchantin« entstand. Es wurde das größte Werk der modernen Pariser dècadence und sein Schöpfer weltberühmt.

Später zogen meine Eltern nach Paris. Dort wurde ich geboren und bald darauf von meiner Mutter verlassen. Der Mensch muß über alles objektiv denken; auch über die, denen er das Leben zu verdanken hat – wie die Redensart heißt.

Ich hieß nach meiner Mutter Mariano und nach Victor Hugo Vittorio. Komische Kontraste, nicht wahr? Mein Vater beabsichtigte stets, mich in aller Form Rechtens zu adoptieren, kam aber nach Künstlerart niemals dazu.

In dem Atelier meines Vaters verkehrte tout Paris: das ganze berühmte, geistreiche, elegante, frivole, blasierte, verlebte, verlotterte, verfaulte Paris! Gestern machte eine Herzogin die Honneurs, heute irgend eine Chansonnettensängerin. Turgenjew und Bizet, Felicien Rops und Coquelin waren Hausfreunde. Zu den kleinen Diners kamen Sardou und Jules Janin, Sarah Bernhardt und die Viardot Garcia. Alexandre Dumas Père half ich seine famosen Omelettes backen, Guy de Maupassant erzählte mir Liebesgeschichten, Madame Judic übte vor mir ihre Lieder ein.

Da wird man begreifen –

Ich wurde Soldat. Anstatt daß die Weiber mich toll machten, machte ich die Weiber toll. Aber ich will nicht renommieren.

Man schickte uns zum Schutz des Kirchenstaats nach Italien. Ich kam nach Rom. Die Römerinnen liehen sich mit den Pariserinnen nicht vergleichen.

Ich lernte einen römischen Bürger kennen. Der Mann war früher wütender Freischärler, hatte eine genußsüchtige lasterhafte Frau und eine wunderschöne madonnenreine und marmorkalte Tochter. Sie hieß Maria. Ich verliebte mich. Herr – zum erstenmal in meinem Leben war ich rasend verliebt! Und sie in mich ... Aber es lagen Umstände vor – Jenun, die wußte ich zu überwinden.

*

Sie machte in dem berühmten Atelier meines Vaters Sensation. Ihr Debüt in Paris war wie eine Première von Augier, wie ein neuer Roman von Zola. Man sprach eine volle Woche davon. Mein berühmter Vater wählte selbst für ihre Toilette die Stoffe, konferierte selbst mit dem Schneider.

Aber sie war schon damals so – so sonderbar gleichgültig gegen alles.

Gar nicht wie andere Frauen!

Ueberhaupt –

Ja, mein Herr, eine seltsame, sehr seltsame Frau. So halsstarrig! Und ich immer noch in sie verliebt. Toller als je, mein Herr.

Ein Mann wie ich!

Sie paßte gar nicht für die grande vie Bohème. Sie ließ sich dafür auch nicht erziehen.

Aber ich hatte doch die schönste Frau und wurde darum beneidet. Wäre die schönste Frau nur etwas mehr ein schönes – Weib gewesen.

Mein berühmter Vater meißelte nach ihr seine »Vestalin« und wurde dadurch noch berühmter; Guy de Maupassant verliebte sich in sie; Anatole France machte Gedichte auf sie und Sarah Bernhardt wollte sie für die Bühne ausbilden: sie hätte ein wundervolles Organ!

Aber sie sprach kaum ...

Sie sehen, ich bin aufrichtig.

Was hülfe es mir auch, nicht aufrichtig zu sein? Ich bildete mir ein, die Frauen zu kennen; ich glaubte in dem einen wären alle gleich: ein Thema! In unendlichen Variationen zwar; aber doch immer eine Grundmelodie als unendliches Leitmotiv.

Ich konnte es pfeifen wie eine Verdische Arie. Da plötzlich –

Und diese eine Frau mußte grade meine Frau sein!

Ueber zwei Jahre waren wir bereits verheiratet und hatten noch kein Kind ...

Der Krieg von 1870 kam. Auch ich zog mit aus gegen die verd ... Prussiens. Vierundzwanzig Jahre war ich alt und wollte Heldenthaten verrichten; denn den Virgil trug ich schon damals in meiner Seele. Und das war noch das Beste an mir. Am liebsten hätte ich den alten König Wilhelm gefangen. Oder diesen Monsieur de Bismarck – Sacré bleu! Da kam der Schandtag von Sedan; und unter den Gefangenen, die der Prussien an der Maas machte, war auch meines berühmten Vaters heldenmütiger Sohn.

Frankreich ward Republik, in Paris herrschte die Kommune – ich saß in Deutschland gefangen.

Dort hörte ich: mein berühmter Vater war gestorben, im Hôtel Drouot die Auktion seiner Kunstsammlung abgehalten, kein roter Heller übriggeblieben.

Von meiner wunderschönen Frau hörte ich nichts.

Ich lief fort.

Mit zerrissenen Sohlen, halb verhungert, zu Tode ermattet wie ein gehetztes Wild kam ich nach Paris. Ich kümmerte mich wenig um meinen toten berühmten Vater. Ich suchte meine lebendige schöne Frau.

Irgendwo fand ich sie. Ich fand sie im Elend und nicht in einem kleinen eleganten Quartier, wie ich beinahe gefürchtet hatte. Ich war mit meiner Furcht einfach ein Narr gewesen. Denn:

Diese Frau und ein kleines elegantes Quartier!

Aber jetzt sollten die Dinge anders werden.

*

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