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Villa Falconieri

Richard Voß: Villa Falconieri - Kapitel 21
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typefiction
authorRichard Voß
titleVilla Falconieri
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeDreizehnter Jahrgang. Band 1.
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Ich muß immer wieder darüber staunen, wie sie ein Teil meines Wesens ist und wie eine rätselhafte Vorsehung alles so wunderbar fügte ... Da leben die zwei getrennten Hälften eines Menschen, jede einsam für sich. Das heißt: sie leben nicht – sie existieren nur. Und da werden sie durch einen Zufall – oder durch das Schicksal – zusammen geführt. Mit der Gewalt eines Elements vereinigen sie sich, gleichsam durch Magie werden sie zu einander hingezogen – zu einander hingerissen. Widerstand ist unmöglich.

Plötzlich sind die beiden eines, eine Seele, ein Leib: ein Mensch!

Das Gesicht, von dem wir noch gestern nichts wußten, bedeutet für uns heute das Antlitz der Menschheit: mit der Stimme, die uns soeben noch fremd war, spricht jetzt unsere eigene Seele zu uns; der Händedruck, der Blick, das Lächeln eines Menschen, an dem wir vielleicht ohne aufzusehen vorüber gegangen wären, hat die Nacht in uns zum strahlenden Tage verwandelt.

Was wir bis dahin kannten, wird uns fremd; was wir bis dahin liebten, wird uns gleichgültig; was wir so lange für Zweck und Ziel unseres Daseins hielten, erscheint uns wertlos.

Wir werden zu treulosen Freunden, Gatten, Söhnen, zu Vernichtern ganzer Existenzen – wir müssen es werden, mögen wir uns auch noch so sehr dagegen wehren.

Und wir werden zu Verbrechern, zu Wahnsinnigen und Selbstmördern.

*

Wie vor langen, langen Jahren sitze ich jetzt täglich viele Stunden an meinem Schreibtisch unter der Marmormaske von Michel Angelos schönem »Sterbenden«, den ich um das wonnevolle Aushauchen seines Lebens so oft bitter beneidet habe. Ueber mir halten die Genien der großen Göttin ein Blütengewinde; und ich schreibe, schreibe!

Mir ist's, als müßte ich den Blick eines Sehers, das selige Lächeln des Verzückten haben.

In solcher Glückseligkeit dichte ich meinen »Frühling«.

Wenn ich aufschaue, sehe ich unter mir die Campagna sonnenverbrannt.

Ich sehe einen weiten goldenen Dunst, und darüber schwebt die Peterskuppel.

Seit langen, langen Jahren habe ich wieder Nächte voller Schlaf und voll Friedens. Mein einsames Licht ist also endlich zur Ruhe gegangen!

Und auch unten das ihre.

*

Letzte Nacht ließ die Glut mich nicht schlafen. Ich stand auf, ging auf die Galerie – da leuchtete unter mir wieder der einsame Stern.

Sie wachte!

Aber als ich sie heute angstvoll fragte: ob sie schon wieder schlechte Nächte hatte, flüsterte sie mir zu:

Sie hätte gewacht, weil sie die ganze Nacht über gelauscht: ob sie unter ihrem Fenster meine Schritte nicht hörte? Sie hätte die ganze Nacht über gewartet.

Ungern und zaudernd versprach ich ihr, das Geheimnis unserer Liebe noch so lange zu dulden, bis ich mein Drama vollendet habe.

Aber dann sofort volle Klarheit und Wahrheit!

*

Assunta Neri ist wieder Gast in der Villa Taverna. Sie kommt mir sehr verändert vor: krank, krank!

Und so apathisch, so müde!

Was ist das nur mit den Frauen?!

Da ist diese Frau Zoll für Zoll eine große Künstlerin – nicht reproduzierend, sondern erschaffend! – und zugleich ist sie ein volles echtes Weib. Und dennoch scheint sie unglücklich zu sein? ... Vielleicht ist sie es grade darum, weil sie eine große Künstlerin und ein echtes Weib ist! Denn kann das wahre Weib in dieser Welt vollkommen glücklich sein?

Nein!

Soll eine große Künstlerin ein lächelndes Gesicht haben?

Nein, nein!

Stumm kommt sie in die Villa Falconieri, stumm geht sie wieder. Sie hatte Maria gern, scheint sie aber bereits vergessen zu haben. Mit ihren stillen schmerzlichen Augen sieht sie alles; und alles scheint sie düster zu sehen – auch unser neues leuchtendes Leben, von dem sie sicher weiß. Sie glaubt nicht daran. Sie glaubt überhaupt an kein Glück. Alles an ihr ist Schwermut und Erschöpfung.

Was sagte sie damals von Viviane? Sie sei schwerlich zu retten.

Sie ist gerettet!

*

Ich erzählte ihr von meinem Drama. Teilnahmlos hörte sie mich an. Am nächsten Tage jedoch kam sie und sagte mir: sie wollte das Stück lesen.

In einigen Tagen hoffe ich fertig zu sein.

*

Beendet!

Holde gute Frühlingsgöttin, sei gnädig meinem Werk! Unter deinem himmlischen Blütenzeichen entstand es: mein bestes Stück Leben, welches ich zu geben vermag. Trage meine Worte auf deinen sanften Winden hinaus in die Welt. Lasse sie hier und dort auf ein einsames schmerzerstarrtes Menschenherz niederfallen; und lasse es dann in dem armen toten Herzen knospen und blühen, daß es noch einmal aufbebe in Werdedrang und Daseinslust:

»Mai ist gekommen!«

*

Assunta Neri las mein Stück und – wird es spielen!

»Vielleicht kann es Sie retten,« sagte sie.

Mich retten? Was meinte sie damit? Bin ich denn verloren, daß ich gerettet werden müßte? Jetzt, wo ich nach langem lebendigen Tod mein jubelndes Frühlingslied sang; wo ich Viviane, meinen ganzen Menschen, fand!

Und jetzt sollte mich etwas vielleicht retten können?

Meint sie etwa, daß auch ich »schwerlich« zu retten sei?

Welche Phantasieen! Ich schrieb mein Werk, ich fand Viviane, und – auch ich bin gerettet!

Assunta Neri studiert bereits unter den Cypressen meine Heldin.

Assunta Neri »studiert« – ich hätte sagen müssen: Assunta Neri beginnt meine Frauengestalt zu erleben.

Und jetzt endlich, endlich Wahrheit!

Meine große Weltdame ist ein großes Kind, das sich fürchtet. Aber ich lache mein thörichtes Kind aus. Sie ist so rührend, wenn sie so angstvoll und hilflos ist.

»Kind, Kind, was fürchtest du nur? Etwa die Welt?«

Jetzt lachte sie auch.

Wir machten es nun so aus: sie wird mit mir abreisen: irgend wohin! Zugleich schreibe ich dem Prinzen und stelle mich ihm zur Disposition.

Diese Weise ist allerdings vollkommen rücksichtslos; aber vollkommen aufklärend – da es einen Eklat gibt, was ja doch nicht zu ändern gewesen wäre.

Mein furchtsames Kind zittert davor, der Prinz könnte mich im Duell verwunden, wohl gar töten. Als ob das möglich wäre?!

Jetzt sterben, wo ich eben erst anfange zu leben –

Aber darin hat sie recht: erst müssen wir Assunta Neri abreisen lassen. Sie reist zum Glück bald.

*

Assunta Neri wird mein Stück in Rom im Nationaltheater spielen: und zwar bereits im Dezember, vor ihrer amerikanischen Tournee.

Sie ist mit ihrer Gestalt fertig.

Daß sie in der Seele dieser Künstlerin unter den Cypressen der Villa Falconieri entstand, freut mich jeden Tag von neuem, wenn es auch etwas totengräberhaft klingt: »unter den Cypressen«.

Mir soll es jedenfalls kein Omen sein!

Morgen verläßt Assunta Neri die Villa Taverna, und übermorgen bereits – Wir wollen zuerst nach Neapel gehen.

*

Sie ist in letzter Stunde nach Cannes abgereist – mit dem Prinzen.

*

Ich lag so krank, so krank.

Nein! Du sollst nicht kommen.

Es soll niemand kommen.

Denn sie muß ja jeden Tag kommen.

Ich erwarte sie stündlich.

Seit Wochen stündlich.

Sie muß ja kommen!

*

Ich begreife nicht – nichts begreife ich!

Wahrscheinlich, weil ich immer noch krank bin.

Sie liebte mich ja doch.

Da sie sich mir gegeben hatte, mußte sie mich ja doch lieben.

Das ist so einfach, so klar und verständlich.

Ich begreife nicht, was ich dabei nicht begreifen kann?

Weshalb sollte sie mich verlassen, wenn sie mich doch liebt?

Ich habe sie ja doch nicht gewaltsam an mich gerissen. Sie hat sich mir frei wie eine Göttin geschenkt.

Nehmen denn die Götter ihre Spenden wieder zurück?

Noch den Tag vorher, ehe sie mit dem Prinzen nach Cannes ging, schrieb sie mir: wie die schlanken weichen Arme ihrer Zärtlichkeit mich umschlingen sollten, wenn sie und ich –

Und einen Tag darauf reiste sie mit jenem Menschen nach Cannes!

Man muß ja doch begreifen, daß so etwas nicht möglich ist, daß ich verrückt bin.

Es gibt ja doch eine Verantwortung!

Der Mensch hat ja doch ein Gewissen!

Wir müssen ja doch Rechenschaft ablegen!

Kann sie mit einem reichen Leben voll Feuer und Liebe gespielt haben, nur um zu spielen?

*

Ich liege noch immer so krank, so krank.

Ich schreibe ihr täglich.

Ich erwarte sie täglich.

Sie kann stündlich kommen.

Sie kommt gewiß! Sie muß kommen!

*

Sie schreibt nicht, sie kommt nicht.

Ich liege und ringe mit dem Wahnsinn.

Verrückt werden ist nichts. Aber seinen Glauben an die Menschheit verlieren und dabei seinen Verstand behalten zu müssen –

Herr, Herr, Herr, nimm mir meinen Verstand! Denn deine Güte währet ewiglich.

Amen.

*

Nachts spreche ich mit dem Bilde der Frühlingsgöttin.

Aber sie bleibt stumm.

Jede Nacht brennt mein einsames Licht.

Aber unter mir bleibt es dunkel.

Wenn ich gegen Morgen in Erschöpfung sinke, so reiße ich mich gewaltsam heraus. Früh am Morgen lasse ich mich hinaustragen vor das Haus, unter die Steineichen.

Es könnte ja doch sein, daß sie schon früh morgens käme...

Unter den Steineichen sitze ich und erwarte sie. Ich warte von Stunde zu Stunde. Ich warte, bis es Abend wird, bis die Nacht anbricht. Unverwandt blicke ich auf den einen einzigen Weg, den sie kommen kann.

Heute kam sie nicht.

Sie wird morgen kommen.

Morgen kommt sie gewiß!

Inzwischen schreibe ich ihr.

*

Ich weiß nicht mehr, was ich ihr jede Nacht unter dem Haupte des Sterbenden schreibe. Es ist immer dasselbe: daß sie mich ja doch liebt, daß sie sich mir ja doch aus freien Stücken gegeben hat, daß es nicht möglich ist!

Ich mache ihr keinen Vorwurf – ganz gewiß nicht!

Vielleicht war ihre Liebe nur Mitleid?

Mitleid.

Das arme kleine Ding! Was muß es gelitten haben?

Denn ich kenne das.

*

Wochen und Wochen sind verstrichen.

Es ist Winter geworden.

Sie tragen mich nicht mehr jeden Morgen vor das Haus unter die Steineichen.

Die letzten acht Tage lag ich still und starr wie in der Agonie ... Ich weiß nicht mehr, was ich in diesen fürchterlichen acht Tagen machte. Ich weiß nur, daß ich heute aufstand und ihr noch einmal schrieb.

Ich schrieb ihr nur ein einziges Wort:

Lebewohl!

Und jetzt warte ich nicht mehr.

*

Ich lebe so still dahin in der Villa Falconieri, die mein Capua war.

Es ist mir gleich, wo ich lebe.

Ueberall muß ich Atem holen.

Es ist gewiß sehr unmännlich, sehr jammervoll, an einer Leidenschaft zu Grunde zu gehen.

*

Assunta Neri war bei mir. Ich merkte wohl, daß sie sehr erschrak, als sie mich sah. Sie sprach von meinem Stück. Ich mußte mich erst besinnen, was sie eigentlich meinte.

Ach ja, mein Drama, meinen Frühlingsgesang!

Inzwischen ist es eben Winter geworden.

*

Assunta Neri will mein Stück durchaus spielen.

So, so, so, so. Was geht das mich an? Sie meint, es könnte mich retten.

Warum ich wohl durchaus gerettet werden soll?

Noch immer!

Ich glaube, die Aufführung soll schon nächste Woche stattfinden. Assunta Neri will, daß ich dabei sein soll.

Ich thue alles, was Assunta Neri will.

Diese Frau kennt sie, die mich einstmals während einer kurzen Sommernacht aus Mitleid geliebt hat.

Aus Mitleid!

Hörst Du, Maria?

*

Morgen fahre ich nach Rom.

Uebermorgen soll im Nationaltheater die erste Aufführung meines »Frühlings« stattfinden.

Ich bin so müde, so alt.

*

Mißerfolg.

*

Assunta Neri

an

Herrn Richard Voß
Berchtesgaden, Villa Bergfrieden, Deutschland.

Rom, Hotel Quirinal, 10. Dezember 1893.

Geehrter Herr!

Ihr Freund befindet sich bereits wieder in der Villa Falconieri. Maria ist bei ihm. Soeben depeschierte sie mir: er sei ganz ruhig.

Meinen verschiedenen Telegrammen an Sie lasse ich diesen Brief folgen. Er wird für Sie manches Erklärende enthalten.

Letzten Frühling lernte ich in Rom die Prinzessin von Sora kennen.

»Kennenlernen« ist nicht das richtige Wort; denn die Prinzessin gehört zu den Frauen, die man niemals kennen lernt. Wenigstens gelingt das nicht einem Manne. Selbst wir Frauen können uns einander nur ahnen. Ich ahnte in der Prinzessin eine von den wenigen Naturen, die für ein großes Schicksal geschaffen scheinen. Ein »großes Schicksal« haben, nenne ich für die Frau: eine große Leidenschaft einflößen und selbst fühlen.

Wir Frauen wissen von keinem andern »großen Schicksal«.

Es ist uns ganz gleich, ob wir daran zu Grunde gehen. Es ist für uns viel besser, wir gehen daran zu Grunde!

In Rom glaubte man allgemein, ich interessierte mich für die Prinzessin nur darum, weil ich sie studieren wollte. Nun studiere ich jedoch niemals andere Frauen. Mein Geschlecht ist in mir enthalten wie im Marmor die Statue.

Es kommt nur darauf an, die Gestalt aus meinem eigenen Selbst hervorzuholen.

Ich hätte mich also niemals um die Prinzessin gekümmert, wenn sie nicht Eigenschaften besessen, die ich aus einem bestimmten Grunde anziehend gefunden – für mich anziehend ... Herr! Wo finden Sie unter uns modernen Frauen noch Naturen, die eben durch ihre Natur nichts anderes sein wollen – und sein können – als Frau? Die einen wollen Künstlerinnen sein, Schriftstellerinnen, Mathematikerinnen, Aerztinnen, Kameradinnen und Kolleginnen des Mannes; die anderen Weltdamen und Modedamen; oder Hausfrauen und Haushälterinnen; oder Kindererzieherinnen: oder Hetären jeden Standes und Ranges.

Aber das Weib als Weib an sich –

Gewiß sind wir entartet!

Viele von uns sind verderbt schon vom Mutterleib an. Ganze Generationen von Frauen sind entnervt, erschöpft und dem Untergange geweiht. Zu Tausenden gehen wir zu Grunde! Entweder in Brutalität oder in Stumpfheit; in Raffinements und Ueberkultur; oder in falscher Entsagung dessen, was unsere Natur ist, also in Unnatur.

Seien Sie ruhig! Der Mann trägt nicht immer die Schuld daran. Sehr häufig nur wir selbst. Und so können wir denn auch nur selber uns retten!

Wodurch?

Durch unser Weibsein!

Ich besuchte die Prinzessin in der Villa Taverna und fand sie reizend. Eine Frauenseele vom echtesten Stoff, daraus der Schöpfer uns schaffen kann: Gutes und Böses chaotisch durcheinander gemischt. Aber das Beste in ihr verkümmernd, verkommend.

Es war schade um sie.

Bisweilen wollte es mir scheinen, daß sie vielleicht doch fähig sei, noch einmal ein großes Schicksal zu haben. Aber ihr Chamäleonswesen verführte mich immer wieder zu Zweifeln.

Sie war eine Nora-Natur der großen Welt.

Auch diese Nora würde eines Tages die Thür hinter sich zuschlagen und ausgehen, um das große geheimnisvolle »Wunderbare« zu suchen: nicht im Manne, sondern in sich selbst. Aber auch sie würde das Wunderbare nicht finden. Dann würde sie den weiten Weg mit müden Füßen zurückschreiten, würde, zu Tod erschöpft, vor der geschlossenen Thür stehen bleiben und um Einlaß bitten. Sie würde wieder hingehen, von wannen sie gekommen war, um zu werden, was vor ihr Millionen Frauen geworden sind, nach ihr Millionen sein werden: das gewöhnliche Hordenweib der Gesellschaft.

Ich war dabei, als sie Ihrem Freunde zum erstenmal begegnete. Ich sah die Tragödie entstehen, konnte jedoch nicht mitspielen – nur zuschauen. Längst hatte ich mir von Cola Campana mein eigenes Bild gemacht. Es zeigte schwankende Umrisse und ein nervöses kränkelndes blasses Kolorit. Ich fand die Gestalt nicht grade anziehend: eine hypersensitive Künstlernatur, die sich aus unbefriedigtem Ehrgeiz, aus tödlich verletzter Eitelkeit in Einsamkeit und sich selber zurückzieht, um sich jedem rauhen Luftzuge einer unerbittlich realen Wirklichkeit in einer Treibhausatmosphäre zu entziehen.

Mein Bild war nicht falsch gewesen; doch fand ich das Original liebenswürdiger. Vor allem besaß es nicht einen Zug von Größenwahn; auch nicht – und das wollte mehr sagen! – einen Zug von Verbitterung. Ich fand einen leisen, ganz innerlichen Menschen, einen in leuchtenden Illusionen schwebenden sehnsüchtigen Geist, eine verträumte glühende Dichterseele, die überhaupt noch nicht gelebt hatte.

Aber er war krank, krank!

Krank an seiner Zeit, krank an seinem eigenen Selbst, krank an einem geheimnisvollen dunklen toten Lebensnerv in seiner ganzen geistigen Entwicklung.

Und neben diesem sonderbaren Schwärmer eine wundervolle Frauengestalt:

Maria!

Sie war beständig an seiner Seite: still liebend, still leidend, still sich opfernd. Aber er gewahrte sie gar nicht. Er war blind für den Himmelsglanz dieser Frauenseele.

Und ich dachte: ›Wenn du sehen müßtest, wenn deine Augen mit Gewalt geöffnet würden – du würdest in der grellen Helle der Erkenntnis bis an den Rand eines Abgrundes taumeln – jedoch nur bis an den Rand! – und würdest gerettet sein ...‹ Und Ihr Freund verdiente gerettet zu werden.

Auch das war mir klar: Ihr Freund würde Maria nur dann in ihrer vollen Schönheit erblicken können, wenn er zuvor neben ihr ein anderes Weib gesehen und erkannt hatte:

Viviane – die irdische Liebe!

So begann ich denn zu hoffen: nicht mehr für die Prinzessin; wohl aber für Ihren Freund und für Maria.

Ich reiste ab.

Und ich kam wieder.

Es war gekommen, wie es hatte kommen müssen; nur daß Ihr Freund immer noch blind war. Mit seinen geschlossenen Augen schaute er noch immer die Vision der einen und einzigen Frau.

Nora-Viviane hatte die Thür hinter sich zugeschlagen. Um das »Wunderbare« zu suchen, war sie den Weg gewandert – war bereits wieder umgekehrt, stand bereits wieder vor der Pforte, die zu ihrem alten Leben zurückführte. Schritt sie hindurch, so würde sie alle Hoffnung hinter sich lassen.

Und sie klopfte bereits an.

Nein – diese Seele war nicht mehr zu retten gewesen!

Es war auch weiter nicht schade um sie.

Sie ist eben nur eine von den Tausenden und Abertausenden, die in Häßlichkeit leben müssen, weil sie nicht in Schönheit zu sterben vermögen.

Aber nun Ihr Freund!

Er merkte nichts, er war glücklich. Er merkte gar nichts.

Mir wurde angst.

Rings um ihn war tiefer eisiger Winter; doch er glaubte, es sei Lenz geworden, und dichtete seinen »Frühling«. Er gab mir das Stück. Ich las es und fühlte mich ergriffen.

Es war darin ein Keimen und Knospen, ein Blühen und Werden ohne Ende. Es war wirklicher Frühling: dufterfüllt, sonnendurchleuchtet, frisch und jung wie die Welt am ersten Schöpfungstage.

Ich hielt Ihren Freund für gerettet und zwar durch sich selbst!

Die Prinzessin verließ ihn, und – er wurde auch durch diese Erkenntnis nicht sehend gemacht ... Meine Angst überkam mich von neuem. Doch hatte er ja sein Werk!

Wir glaubten alle daran, vom Direktor angefangen bis zum Coulissenschieber. Nur der Dichter glaubte an nichts als an die Frau, die ihn schmählich verlassen hatte.

Ich schrieb an Maria und sie kam sofort. Bei der Première war sie im Hause und befand sich ganz in seiner Nähe. Er dachte jedoch an nichts, als daß die andere nicht bei ihm war.

Und jetzt sprach er in seinem Werk zum römischen Publikum ...

Aber niemand hörte auf ihn, niemand wollte auf ihn hören.

»Und siehe, es war die Stimme eines Predigers in der Wüste!«

Ich kämpfte für ihn bis zur Erschöpfung aller meiner Kräfte und – ich kämpfte vergebens. Nicht eine Hand rührte sich. Unter Todesschweigen wurde der Frühling und mit ihm der Dichter des Frühlings begraben.

Er war ganz ruhig. In der Loge des Direktors sah ich sein bleiches, ganz ruhiges Gesicht. Ich, die ich sonst nicht weiß, daß es eine Bühne und ein Publikum gibt, konnte meinen Blick von seinem ruhigen bleichen Gesichte kaum abziehen.

Ich hätte vortreten und in das Publikum hineinrufen mögen:

»Um Gottes willen, seht doch! Seht doch nur sein Gesicht!«

Der Direktor führte ihn in meine Garderobe. Ganz ruhig sprach er mit mir über den »Mißerfolg!« Ich wagte nicht, Maria zu ihm zu lassen. Ich zitterte davor, er möchte sie auch jetzt nicht an seiner Seite sehen; und dann – dann sah er von der Welt überhaupt nichts mehr.

Ich nahm ihn mit mir ins Hotel und wachte und blieb bei ihm, bis der Morgen graute. Er wollte zurück in die Villa Falconieri. Und das war ja auch das Beste für ihn.

Maria war schon in der Nacht hinausgefahren. Nach Hause kommend, würde er sie zu Hause finden, als wäre sie niemals fort gewesen.

Wie ich Ihnen bereits mitteilte, depeschierte sie mir heute früh: »Cola ganz ruhig.«

Also sah er sie auch jetzt noch nicht ...

Sehen Sie, mein Herr Autor, so spielen sich im Leben die Tragödien ab! Und dann wundert sich ein verehrliches Publikum, wenn die Mitwirkenden allmählich müde werden.

Es grüßt Sie und Ihre Frau

Ihre todmüde Assunta Neri.

P. S. Ich würde gern Ihre »Alexandra« spielen. Aber das Stück ist veraltet.

*

Die Prinzessin von Sora

an die

Herzogin Yere de Yere
Daly-Castle, Duside-Highlands, England.

Cannes, Villa Edelweiß, im Dezember 1893.

Eine Ewigkeit, geliebte Madame Charme, daß ich Dir nicht beichtete, daß Du mich nicht schaltest, straftest, verurteiltest – absolviertest.

Oder darf ich Dir nie mehr bekennen, willst Du mir nie mehr verzeihen?

Sagst Du Dich los von mir, weil meiner Sünden zu viele geworden, weil meine massima colpa eine von den sieben Todsünden ist?

O, Madame Charme –

Muß ich zu einem Priester der alleinseligmachenden Kirche gehen? Muß ich diesem beichten, von diesem mir vergeben lassen? Denn der gute Mann wird mir vergeben! Ich versichere Dich: wenn ich ihm mit meiner leisesten süßesten Stimme so recht zerknirscht alle meine Sünden bekenne, macht er's gnädiglich mit mir ab. Ein paar Dutzend Rosenkränze abbeten, genügt als Pönitenz für eine Sünderin meines Schlages.

Du bist der viel strengere Richter!

Wenn ich also meine Sünden zu Dir trage, so unterwerfe ich mich einer viel schärferen Buße. Allein dieser gute Wille sollte mir vom Himmel und von Dir angerechnet werden.

Ich verspüre jedoch zum Sakrament der Beichte nicht die mindeste Lust: denn seit einigen Monaten habe ich mich mit Leib und Seele einem andern Sakramente hingegeben, das um nichts weniger heilig ist. Es heißt:

Lebensfreude!

Oder in die hübsche Sprache des high life übertragen: Amüsements, Zerstreuungen, Sensationen.

Uebrigens habe ich in der Kultur meiner Mondainität einen Riesenschritt – rückwärts gethan. Ich bin weniger blasiert und apathisch. Ich langweile mich weniger. Ich finde die Welt angenehmer, die Menschen erträglicher, das Leben vergnüglicher.

Enfin

Auch mußt Du wissen, daß ich bis zur Brutalität gesund bin. Die Herren Aerzte täuschen sich wieder einmal gründlichst; denn es ergibt sich bei mir keine Spur von Auszehrung oder Schwindsucht. Wir haben uns also ein wenig lächerlich gemacht.

Ich habe entsetzlich viel zu thun! Bitte, lächle nicht so boshaft kühl und hoheitsvoll.

Du mußt nämlich wissen, daß ich die »Seele« der Gesellschaft von Cannes bin. Und da diese Gesellschaft sehr international ist, so muß ich eine sehr kosmopolitische Seele sein. Das strengt an. Ich kann mich daher auf meine eigene Seele gar nicht mehr besinnen.

Vielleicht auch, daß ich gar keine eigene Seele besitze ...

Du kennst Cannes, was mir erspart, es Dir zu schildern. Sei froh! Meine Naturschilderungen würden gewiß kläglich ausfallen. Ich kann nicht mehr schildern. Wenigstens nicht die Natur. Die Natur ist mir ein Buch mit sieben Siegeln geworden. Ich begreife nicht mehr, wie sie jemals ein offenes Buch für mich sein konnte.

Das muß lange her sein!

Ueberhaupt –

Ueberhaupt bin ich jetzt recht abgeblaßt. Ich höre auf, ein Individuum zu sein und werde allmählich ein Typus – was sehr bequem ist, versichere ich Dich! Die Erfindung einer neuen Toilette, die Sensation macht; eines neuen Parfüms, das Sensation macht; einer neuen Modeblume, die Sensation macht ... Dazwischen die Lektüre eines französischen Romans, der Sensation gemacht hat; die Entdeckung einer exotischen Schönheit, eines jungen Künstlers oder Musikers, der Sensation machen dürfte – das ist jetzt so mein Leben.

Das ist jetzt mein Leben heute, morgen, übermorgen.

Es gefällt mir recht gut.

Das wird mein Leben sein bis zu meinem letzten Tage.

Auch das macht mir nichts!

Wie recht Du doch hattest! Weißt Du noch, als Du mich damals eine unverbesserliche Mondaine nanntest?

Du warst eine große Prophetin!

Die größte Sensation von Cannes in dieser Saison ist die Wiederbelebung des uralten Golfspieles; und – der Schöpfer dieser neuen Welt bin ich!

Ich sage es mit Stolz.

Wir denken Golf, wir träumen Golf, wir sind Golf. Wir sind Golf mit Leib und mit Seele. Wir haben Golftoiletten, machen Golfwetten, geben Golfdejeuners, Golffeste. Wir verlieben uns beim Golf, machen uns dabei Deklarationen, knüpfen dabei Verhältnisse an. Glückliche Verlobungen werden durch das himmlische Golfspiel gelöst, die besten Ehen zerstört, alle menschlichen Leidenschaften entfesselt. Es gibt durch das liebe hübsche Golfspiel häusliche Scenen, Thränen, Jammer, Verzweiflung, Duelle, Mord und Totschlag. Jeden Tag pilgern wir hinaus auf die Golfwiese.

Wir haben alle wirklich ganz entsetzlich viel zu thun!

Sollten einige von uns sterben, so werden sie erst im Grabe vom Golf ausruhen können. Du begreifst, daß ich jetzt unmöglich für irgend etwas anderes Interesse haben kann.

*

Der Prinz ist noch immer rasend in mich verliebt. Ich versichere Dich: rasend! Da er jedoch damit um kein Haar breit weiter kommt, wird er wohl nächstens ganz toll werden. Früher war er mir widerwärtig, jetzt ist er mir nur noch lächerlich. Bisweilen amüsiere ich mich gradezu köstlich über ihn.

Ich lade die entzückendsten Frauen ins Haus, nur damit er von allen wenigstens eine charmanter finden soll als seine eigene Frau. Es hilft aber nichts. Ich gebe ihm zu verstehen, daß er die am elegantesten möblierte Villa von ganz Cannes zum ungehinderten Privatgebrauch mieten dürfe. Und auch das hilft nichts! Ich finde diesen Anfall von Tugendduselei einfach geschmacklos.

Wir bewohnen hier eine Villa, die nach einer seltenen Alpenblume »Edelweiß« heißt.

Das Edelweiß wächst nur auf freien lichten Höhen, und ist oft nur mit Lebensgefahr zu pflücken. Um dieser bleichen Blume willen sollen sich mehr Männer den Hals brechen als wegen einer schönen Frau.

»Auf freien lichten Höhen –«

Mir ist's, als wäre einstmals auch ich über freie lichte Höhen hingeschritten und hätte dabei weitoffenen Auges in die Sonne geschaut. Auch ich wollte dort einstmals eine seltene Blume pflücken, die am Rande eines Abgrundes wächst. Ich sah sie leuchtend stehen! Tief, tief beugte ich mich hinab, streckte beide Arme danach aus, und – wäre fast hinunter gestürzt. Es hätte nur eines Rucks, eines Hauchs bedurft, und ich läge jetzt zerschmettert im Abgrunde.

Aber ich war klug!

Ich rettete mich.

»Auf freien lichten Höhen –«

Ich gehöre nicht hinauf! Ich bin eine unverbesserliche Mondaine; und eine solche gehört in ihre Salons, wo sie sicher ist, keinen Sturz in einen Abgrund thun zu können.

»Auf freien lichten Höhen –«

Ich vergaß fast, daß auch ich einst dort oben stand. Aber bisweilen träume ich davon. Dann ziehe ich mir im Traume Schuhe und Strümpfe aus und fange an, mit bloßen Füßen zu wandern und zu wandern, zu klettern und zu klettern. Mit bloßen Füßen wandere ich durch Disteln und Dornen, klettere ich senkrechte fürchterliche Felswände empor, um mit blutig zerrissenen Füßen, aber jauchzender Seele hinauf zu gelangen:

»Auf freien lichten Höhen!«

*

Hier befindet sich ein junges Paar, welches Sensation macht wie meine Toiletten, meine Parfüms, meine Blumenarrangements, meine kleinen Diners, Golfpartieen und fétes champêtres. Es ist der Prinz D.... und seine Gemahlin, die Gräfin L....

Er!

Stelle Dir vor: ein Gesicht von dem Oval eines byzantinischen Heiligen mit dem bronzefarbenen Teint, den wilden Nüstern, den glühenden Augen eines Tatarenfürsten. An diesem Mann ist alles königlich. Und zugleich alles durch das Königsblut gebändigte Leidenschaft. Er hat etwas – wie nenne ich's gleich? – etwas Exotisches!

Sie!

Sie gehört zu den Frauen, derentwillen Männer, um die es weiter nicht schade ist, den Verstand verlieren und zu Selbstmördern werden. Sie ist groß, schlank, blond, weiß, weich, lächelnd, klug, marmorkalt. Niemals sah ich schönere Haare, schönere Zähne, schönere Arme und Hände. Niemals einen reizenderen Hals. Dazu ein wahres Genie, sich anzuziehen.

Und diese beiden jungen wundervollen Menschen empfinden füreinander eine große Leidenschaft.

Schon wieder dieses Wort!

Da sie ihm nicht ebenbürtig ist, so hat er sie gegen den Willen seines Souveräns geheiratet, so ward er ihretwillen aus seinem Vaterlande verbannt. Statt des Lebens am Kaiserhofe, das Exil in einer kleinen französischen Stadt!

Glaubst Du, daß die famose »große Leidenschaft« diese Prüfung bestehen wird?

Ich bin neugierig ...

Dann ist hier noch ein zweites interessantes Pärlein, welches eine »große Leidenschaft« zusammengeschmiedet hat.

Errätst Du, wen?

Es sind keine anderen als mein junger Held vom verflossenen Sommer und seine junge reizende Herzogin.

In Rom gab's einen entsetzlichen Skandal. Die Herzogin konnte die gerichtliche Trennung von ihrem Manne nicht durchsetzen und lief mit meinem jungen Helden fort. Man kann die Herzogin unmöglich mehr bei sich empfangen!

Der Marchese kommt natürlich zu uns. Er kommt sehr oft ...

Glaubst Du, daß auch diese herrliche große Leidenschaft die Prüfung bestehen wird?

Mein Gott, wie neugierig ich bin!

*

Wenn ich jetzt die Menschen von einer großen Leidenschaft reden – vielmehr Konversation machen höre, so sehe ich mir die Leute immer darauf hin an: ob sie nicht einander wie die alten Auguren ins Gesicht lachen.

Ich lache, meine verehrten Herrschaften!

Der junge exotische Prinz flößt mir ganze exotische Phantasieen ein ... Meine Imagination zeigt ihn mir, wie er einer treulosen Geliebten seine schlanken blassen Königshände als Schlinge um den weißen weichen Hals legt und sie erwürgt. Er spricht kein Wort dabei. Er erdrosselt das falsche Weib, als wäre es eine selbstverständliche Sache.

Siehst Du, solcher Mann – erwürgen sollte der Mann eine treulose Frau, nicht um sie weinen.

Dieser junge exotische Prinz könnte mir gefährlich werden – nur in der Phantasie natürlich.

*

Neulich wurde ich gefragt, wofür ich mich begeistern könnte?

Für nichts!

Für nichts auf der Welt kann ich mich mehr begeistern; nichts auf der Welt kann ich mehr bewundern; oder verehren; oder lieben.

Ich kann nur mich selbst lieben!

Findest Du das sehr traurig?

Ich gar nicht.

Und nicht einmal, daß ich Ekel empfinde: weder vor der ganzen Welt noch vor mir selbst. Wenn ich vor mir selbst Ekel empfinden könnte: nur einen einzigen Augenblick; dann –

*

Also gut! Heute magst Du die Katastrophe erfahren. Ich kann sie Dir heute erzählen, wie etwas vollkommen Gleichgültiges und Fremdes, wie etwas, was mich selbst gar nichts angeht. Und wenn Du Dich darüber entsetzen solltest, so denke daran, daß ich mich nun einmal nicht anders machen kann, als ich bin; und daß ich wenigstens noch immer den Mut besitze, mein eigenes Ich zu sein.

Es kam so:

Plötzlich, ganz plötzlich überfiel mich eine Erschöpfung, eine Ermüdung, ein Widerwillen – es waren Qualen über jede Vorstellung hinaus. Ich wehrte und wehrte mich, kämpfte und kämpfte. Ich wollte empfinden, wollte ihn lieben, wollte meine große Leidenschaft nicht hingeben, mein neues Leben nicht lassen. Es war Todesangst und Todespein.

Anfangs dauerte er mich so maßlos, daß ich seine Füße mit meinem Herzblut hätte baden können. Zuletzt empfand ich nur noch mit mir selbst Mitleid. Zuletzt haßte ich ihn, als wäre er mein Todfeind.

Und er merkte noch immer nichts!

Es ist nicht zu glauben, mit welcher Virtuosität wir Frauen heucheln und lügen können. Auf der Bühne des Lebens ist jede Frau eine Assunta Neri. Er wollte mit mir fliehen, der Phantast! Und stelle Dir vor: trotz allem war ich zu dieser Dummheit bereit. Weswegen? Aus keinem anderen Grunde als aus bloßer Freude am Skandal, aus wütender Gier nach Sensation, aus teuflischer Bosheit gegen den Prinzen, aus kindischer Angst wegen einer Erklärung, aus Haß gegen alle Scenen, aus Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit, Frivolität – nenne es, wie Du willst.

Ich hatte meine Kammerfrau eingeweiht. Die Person war entzückt über die Romantik der Sache und packte meine Juwelen.

Der verabredete Tag kam. Es kam die Stunde. Ich hatte bereits mein Mantelet umgeworfen –

Ich glaube, ich schrieb Dir einmal, daß ich fähig sei, bei dem Begräbnis meines allergeliebtesten Menschen laut aufzulachen, wenn plötzlich irgend eine lebhafte, sehr lächerliche Vorstellung in mir erweckt würde. Etwas Aehnliches geschah jetzt. Ich sah mich plötzlich selbst, wie ich als verliebte ingénue in die Arme eines romantischen Ritters flüchte – eines alternden Ritters! Plötzlich sah ich, daß er, im Grunde genommen, doch schon ein alter Mann war! Ich sah jede Falte um seine Augen, seinen Mund. Ich hörte ihn mit pathetischer Stimme aus seinem »Frühling« deklamieren und sah uns beide nach Neapel fliehen; hörte, wie im Grand Hotel die Kellner ihn mir gegenüber » monsieur votre mari« nannten.

Es war zu ridicul, zu geschmacklos!

Und Du weißt, Geschmacklosigkeit ist für mich nun einmal der Tod jeder Empfindung.

Anstatt also mit dem Grafen nach Neapel zu reisen, fuhr ich mit meiner sehr enttäuschten Pariserin nach Rom ins Palais Sora. Von hier depeschierte ich nach der Villa Falconieri eine Phrase und schickte meine Pariserin in meiner Equipage nach einem gewissen Villino vor der Porta Pia.

Der Prinz kam sofort.

Ich sagte ihm auf französisch: »Hören Sie, mein Lieber! Ich stand soeben im Begriffe, eine grenzenlose Geschmacklosigkeit zu begehen. Haben Sie die Gefälligkeit, mich in dem nächsten Schnellzuge an die Riviera zu begleiten, ganz gleich, wohin.«

Und – da sind wir!

Die hübsche Geschichte von der großen Leidenschaft war ein Experiment.

Experimente mißglücken bisweilen.

*

Ich bin jetzt genau orientiert!

Was man »Liebe« nennt, ist nichts anderes als eine Erkrankung gewisser Organe. Man nimmt an, daß jeder Mensch früher oder später von dieser Krankheit befallen wird. Viele erkranken an diesem notwendigen Uebel sogar verschiedenemal – wie man ja auch den Typhus mehreremal haben kann. Bei einigen tritt die Krankheit sehr leicht auf, andere sterben daran. Wiederum andere erkranken sehr schwer, bleiben aber am Leben. Sind sie dann nach glücklich überstandener Rekonvalescenz wieder gesund, so begreifen sie gar nicht, daß sie krank gewesen sein sollen.

Ich begreife es gar nicht!

In meiner Krankheit – ich gehöre zu den Frauen, die infolge ihrer ganzen Organisation nur einmal von dem Uebel befallen werden können – hatte ich die seltsame Phantasie: meine Seele müßte geliebt werden.

Das war ein bedenkliches Krankheitssymptom.

Wäre es möglich – was eben nicht möglich ist! – und ich könnte jemals wieder rückfällig werden, würde ich um keinen Preis wünschen, daß meine Seele geliebt würde; sondern nur –

Das wird aus einem, wenn ein Experiment mißglückt.

*

Seine Briefe!

Ich weiß nicht, ob jemals solche Briefe geschrieben, solche Briefe jemals so gelesen wurden?!

Ich studiere mich selbst, was ich dabei denke und fühle. Ich denke sehr wenig dabei und fühle – nichts.

Es ist mir selbst unheimlich; aber es ist so.

Höchstens, daß ich die Betrachtung anstelle: ›Das also ist nun wirkliche große Leidenschaft? Allerdings ist es die Leidenschaft eines Poeten, folglich die Krankheit eines unnormalen Gehirns!‹

Es ist von der Regel jene eine Ausnahme, die gestattet wird.

Auch das ist sehr eigentümlich: er muß mich doch unaussprechlich verächtlich finden: und – trotzdem liebt er mich unaussprechlich ...

Der Mann kann also lieben und verachten zugleich!

Welcher Mann kann das?

Der echte Mann gewiß nicht!

Mein junger exotischer Prinz – um nur ein Beispiel zu nennen – würde die Frau, die er verachtet, sicher auch verschmähen.

Das gefällt mir!

*

Es ist kein Zweifel mehr: er geht an seiner Leidenschaft zu Grunde.

So unmännlich!

Seinen Briefen nach, könnte ich den Tag genau berechnen, an dem er zu Grunde gehen wird.

Uebrigens lese ich die Briefe gar nicht mehr. Es könnte doch möglich sein, daß ich durch irgend eine Nachricht – durch eine ganz bestimmte Nachricht – erregt würde. Und ich will mich nicht erregen lassen. Meine gespenstische Gefühlslosigkeit fängt an, mir lieb und immer lieber zu werden.

Um Gottes willen, nur keine Empfindung!

Ich hatte meinen Roman wie jede Frau von Welt; mein Roman ist zu Ende und – es ist gut, daß er zu Ende ist.

*

Seinen heutigen Brief erbrach ich zufällig.

Er enthielt nur ein einziges Wort: »Lebewohl!« Gott sei Dank!

*

Ich bin eine grande mondaine; aber ich habe mir vorgenommen, noch mehr zu werden. Ich will la plus grande mondaine werden. Ich will eine Kunst daraus machen und in dieser Kunst eine Meisterschaft erreichen.

Es ist schließlich auch ein Ziel, das der Mühe wert ist.

Wie man mich beneiden wird!

*

»Lebewohl ...«

Das ist Abschied.

Ob er sich töten wird?

Vielleicht liegt das Pistol bereits neben ihm ... Aber er zaudert, er wartet.

Er wartet auf ein Wort von mir.

Ein einziges Wort von mir würde ihn retten.

Und das Pistol liegt schon neben ihm –

»Viviane, Viviane! Es kostet dich nur ein einziges Wort!«

Nein!

Und er greift nach dem Pistol.

Soll ich –

Nein! Nein!

Er setzt das Pistol gegen seine Schläfe ... Nicht doch! Er wartet noch immer! Er wartet mit Todesangst. Mit Todesangst, nicht wegen des Sterbens; sondern wegen etwas viel Gräßlicherem: daß er so sterben soll! Um alles betrogen ...

Soll ich schreiben – depeschieren?

Es kostet mich nur ein einziges Wort:

»Lebe!«

Nein! Nein! Nein!

Er drückt los ...

Tot! Er ist tot!

Ich konnte ihm nicht helfen.

Habe ich ihn getötet? Ich konnte auch mir nicht helfen. Es muß gräßlich gewesen sein, dieses letzte, allerletzte Warten.

*

Ich lese jetzt täglich die auswärtigen Depeschen.

Jeden Tag erwarte ich, es in der Zeitung zu lesen:

»Aus Frascati depeschiert man uns, daß« – und so weiter.

Ich lese nichts ... Seltsam! Ich hatte mich in die Vorstellung bereits so eingelebt, daß ich – beinahe enttäuscht bin.

Graut Dir's vor mir?

Könnte ich wenigstens das eine noch fühlen: Grauen vor mir selbst!

Aber alles in mir bleibt still und tot, still und tot.

Dina!

*

Die Königin hat mich zu ihrer dame d'honneur ernennen lassen. Die Sache erregt Aufsehen. Denn die Auszeichnung ist bei meiner Jugend etwas sehr Ungewöhnliches. Zum Glück brauche ich meinen Dienst erst im Mai anzutreten, wo hoffentlich auch mein junger exotischer Prinz nach Rom kommt.

Nach dieser Ernennung zu urteilen, scheint mein Ruf im Quirinal makellos zu sein.

Um so schlimmer für mich!

*

Sein »Frühling« hat im Nationaltheater trotz der Neri Fiasko gemacht.

Er soll sehr krank sein: gemütskrank – unheilbar.

*

Aus Cola Campanas letzten Aufzeichnungen

Es war seltsam!

Ich war schon einmal von Rom aus durch die Campagna geritten: sehr früh am Morgen, der aufgehenden Sonne entgegen; und hatte die Welt hinter mir gelassen.

Und jetzt alles wiederum so.

Ich erinnere mich, daß damals Frühling gewesen ... Frühling! Ich kam geradenwegs aus dem Frühling.

Aus meinem Frühling!

Kaum erblüht, war er bereits verdorrt.

Das Publikum betrachtete sich die welken Blüten durch das Opernglas und – ging nach Hause.

Und ich ging nach Hause ...

Ringsum ödes braunes Land. Ringsum Ruinen, Gräber, Gestorbenes!

Um mich und in mir.

Das ist nun einmal so.

Als über dem Berge Cavo die Sonne aufging, konnte ich weitoffenen Auges hineinschauen.

Habt ihr das gewußt: wem sie das Herz zermalmten, dessen Auge kann in die Sonne schauen.

Jetzt bin ich gegen alles gefeit.

*

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