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Villa Falconieri

Richard Voß: Villa Falconieri - Kapitel 20
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typefiction
authorRichard Voß
titleVilla Falconieri
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeDreizehnter Jahrgang. Band 1.
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firstpub
correctorreuters@abc.de
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Mein ganzes Leben ist Staunen geworden.

Tausend Dinge gehen in mir vor, davon ich nichts wußte – wie hätte ich davon auch wissen können?! Ich glaubte zu wecken und wurde selbst geweckt; ich glaubte zu erlösen und wurde selbst erlöst. Jetzt treibt es und blüht, drängt und stürmt, wird und gestaltet sich.

Ich kann immer nur staunen, immer nur still vor mich hinsprechen:

»Siehe, ein Wunder!«

Wenn ich Leute sehen muß, so ist mir's, als ginge ich mit leisen, leisen Schritten glanzvoll durch die Menge, als wäre es stumm und feierlich rings um mich, als spräche eine göttliche Stimme:

»Siehe – so schuf ich das Weib!«

Verstehst Du, was ich meine?

Aussprechen läßt es sich nicht.

Du muht es ahnen können.

Und Cola?

Er begriff mich nicht, als ich zu ihm sagte:

»Du bist ja so jung! Du bist ja viel jünger als ich,«

Weil seine Jugend so lange den Zauberschlaf schlief, ist sie die Jugend eines Kindes geblieben. Und dann ängstigt sich der Mann fort und fort, quält sich und mich, daß er zu alt wäre: »viel zu alt«.

Dann lache ich ihn aus ...

Ob er wirklich ein Genie zum Dichten besitzt, weiß ich nicht: ich weiß nur, daß er Genie hat zu lieben.

Und ich muß staunen, staunen.

*

Höre und lache! Aber lachen kann Deine kühle Hoheit ja nicht.

Also höre und – lächle.

Wir sind uns einander ähnlich ... Lächelst Du auch? Denn er und ich – wir sollten einander ähnlich sein? Der große unverbesserliche Träumer und die große unverbesserliche Mondaine!

Und doch ist es so.

Er lebte in einer Oede – wie ich; er war darin verkümmert, bereits halb zu Grunde gegangen – wie ich: er verzehrte sich in Sehnsucht – wie ich.

Noch mehr Ähnlichkeiten!

Ich sehe die Natur mit seinen Dichteraugen; und was ich sehe, drücke ich oft beinahe mit seinen Worten aus. Du solltest dann sein leuchtendes Gesicht sehen! Gestern bemerkte ich eine hohe Rüster, die am Wipfel mit feinen, feinen Zweigen in die Luft griff. Ich sprach davon, wie die alte Waldriesin »sich aushauche«. Da meinte er das nämliche, was Du einstmals im Kloster behauptet hast: in mir wäre ein Fünklein Poesie.

Weißt Du, Dina – ich glaube, ich sah die Natur schon damals mit seinen Augen. Und ich sah sie so, weil meine Seele noch ein vollkommen leeres Blatt war. Auf diese weiße weiche Fläche schrieb seine Hand mit scharfem Griffel. Denn Du erinnerst Dich des Eindrucks, den seine Naturschilderungen schon damals auf mich machten? Unbewußt wirkte er dann in mir fort und fort.

Und das wäre kein Wunder?!

Ich erzähle ihm Märchen. Und weil ich alle Märchen, die ich weih, ihm bereits erzählte, so erfinde ich selber Geschichten. Ich thue es nur darum, weil er mir zuhört wie ein Kind; und weil dann seine Augen solchen Glanz haben.

Du siehst, was aus uns beiden geworden ist:

Zwei glückliche Menschen!

*

Des Schlüssels zu der kleinen grünen Pforte bedürfen wir nicht. Wir sprachen darüber gar nicht, es verstand sich von selbst. Er kommt nicht hinunter in die Villa Taverna, die der Prinz bewohnt; und ich gehe nicht hinauf in die Villa Falconieri, wo – auch er nicht allein war.

Wo wir zusammen sind?

Niemals hat ein Liebespaar solchen seltsamen Schlupfwinkel gehabt!

Auf Tusculum ist es jetzt so einsam wie am Ende der Welt; denn die Hitze hat selbst die Hirten hinuntergetrieben in die Wälder von Rocca di Papa. Nur Scharen großer Smaragdeidechsen hausen in den verbrannten Gräsern und Kräutern, deren Wohlgerüche uns umströmen. Den Gipfel bedeckt verdorrtes Farnkraut, welches dasteht wie aus Goldbronze ciseliert. Und Felder blühender Königskerzen erstrecken sich von der Höhe bis ins Molarathal hinab, daß der Berg einem Riesenaltar gleicht, dicht besetzt mit kunstvoll gearbeiteten Kandelabern. Aus dem silberhellen Laubwerk erheben sich die schlanken goldigen Blumenfackeln, von der Sonne für unsere Liebesfeier entzündet.

Aber in den Ruinen der Tibervilla glänzt und gleißt der ganze römische Sommer! Die Höhlungen, die die versunkenen Hallen in den Boden gerissen haben, füllen weiße Cistusrosen und bunte Wicken; in den eingefallenen Wölbungen, durch deren Schuttwälle man wie durch die Trümmer eines Bergsturzes schreitet, wuchern unter blühenden Holunderbäumen mannshohe Disteln mit großen violetten, purpurroten und ultramarinblauen Blüten, und das einstmalige Nymphäum des schrecklichen Tiberius ist ein einziges Malvenbeet.

Blumendickichte bilden jetzt das Unterholz der Kastanienwälder, die in der Tiefe rings um Tusculum einen dichten Wall ziehen. Die schönen Bäume stehen in voller Blüte; und die weißen Kronen leuchten zu unserer Höhe empor, als würde der Berg von märchenhaften Schaumwellen umbrandet. An Sciroccotagen sind wir von der Welt durch Wolkendunst geschieden. Wir scheinen alsdann zwischen Himmel und Erde zu schweben, erblicken nichts, als über uns, unter uns das leuchtende Gewölk, um uns die Blumengefilde – eine Insel der Seligen im Ocean der Luft!

Höre nur weiter:

Ganz auf der Höhe, zwischen der Kaiservilla und dem griechischen Theater, auf der Stätte des ehemaligen Forum, liegt ein kleines Haus, wie es auf der Welt kein ähnliches gibt. Lucian Bonaparte, dem Tusculum gehörte, hat es erbaut; und die Königin von Sardinien, die dem Napoleoniden im Besitze des Berges folgte, soll darin ein Theezimmer eingerichtet haben.

Jetzt ist das Haus Ruine und Eigentum Colas.

Eines Abends, als wir miteinander nach Tusculum hinaufritten, führte er mich hin. Er führte mich in einer Weise, daß ich mich plötzlich vor einer Wand des Hauses befand; und als ich über etwas, was ich hier sah, heftig erschrak, mich gradezu entsetzte, lachte er wie ein übermütiger Knabe, dem ein Schelmenstreich gelungen war.

In der Wand befinden sich nämlich mehr antike Statuen, Ornamente und Marmortrümmer als Steine. Einige Figuren sind nur zum Teil eingemauert und machen den Eindruck, als schritten sie gespenstisch aus dem Gestein. Eine wie im Todeskampf geballte Riesenhand greift heraus ... Aber da ist vor allem ein furchtbares Antlitz: das blasse Antlitz einer jungen lieblichen Frau. Nur das Haupt drängt sich qualvoll aus dem Mauerwerk. Grausen, Entsetzen und Todesangst haben die Augen weit aufgerissen, die Lippen geöffnet. Sie stöhnt, ächzt, wimmert, schreit. Sie strebt hinaus und ist doch eingemauert; sie will leben und muß doch sterben.

Es ist ein gräßliches Antlitz!

Und mir war es, als ob diese fürchterlichen Augen mich anstarrten, als ob dieser stöhnende Mund mich um Hilfe anschrie ...

Cola führte mich zur Thür, hob mich auf und trug mich über die Schwelle. Drinnen hielt er mich an seiner Brust, mit Küssen mich fast erstickend. Dann ließ er mich sanft nieder. Er griff in eine Schale voll Blumen und streute sie vor mich hin, als ob ich eine siegreiche Königin wäre.

Mein Liebster hat das kleine seltsame Haus für uns eingerichtet. Japanische Matten bekleiden die Wände und bedecken den Boden; anmutige, schöne Geräte stehen umher. Die Fenster verhüllten Vorhänge aus weißer Seide.

An hellen Tagen erblicken wir unter uns das schwermütige Molarathal: vom Cavo bis zum Volskergebirge; sehen wir das Meer: vom Circekap bis Ostia. Und immer, immer sehen wir über uns auf dem Gipfel von Tusculum das Kreuz.

Unsere Liebe steht unter dem Zeichen des Kreuzes.

*

Eine große Leidenschaft!

Ich kann sie nicht nur einflößen, ich kann sie auch selbst fühlen.

Eine große Leidenschaft!

Sie hebt den Gesunkenen aus Abgründen zu Wolkenhöhen; sie badet die befleckte Seele in Aether; sie macht den geschändeten Leib madonnenrein.

Eine große Leidenschaft!

Es ist herrlich, sie zu erleben; aber göttlich müßte es sein, darin unterzugehen.

*

Wir Frauen sind erst dann Frauen: sind erst dann das, wofür wir geschaffen wurden, wenn wir lieben.

Lieber Vater im Himmel, laß mich sein und bleiben, wofür du mich schufst.

*

Mein Kuß hat ihn geweckt. Er ist stolz und demütig, leidenschaftlich und sanft, trotzig und weich.

Und wie jung er ist!

Er müßte zwanzigjährige blonde Locken haben zu seinem zwanzigjährigen jauchzenden Herzen.

Wenn er nicht mehr gar so toll selig ist, will er auch wieder arbeiten.

Durch mich!

*

Wir sprechen nicht von der Vergangenheit und nicht von der Zukunft. Auch nicht von der Gegenwart.

Wozu brauchen wir von ihr zu sprechen?

Wir erleben sie ja!

Wenn ich nicht bei ihm bin, so umkreisen ihn meine Gedanken wie ein Flug schimmernder Vögel.

Meine Liebe kam zu ihm wie die Taube, die mit dem Oelzweig über den sinkenden Wassern schwebte.

*

Heute waren wir wieder einmal wie die Kinder. Wir liefen von unserem Hause fort zu der Felsenwand an dem fürchterlichen Abgrund unter dem Kreuz, wo im Frühling der Ginsterzauber lohte, und schrieben an eine Klippe unsere Namen. Ein riesengroßes V: Viviane, und ein C: Cola.

Jetzt stehen auch unsere Namen unter dem Zeichen des Kreuzes – unter dem Zeichen der himmlischen Liebe.

Wie glückselig thöricht man sein kann!

*

Sollte ich wirklich bald sterben müssen, so möchte ich meine Hände in die seinen legen und darin so lange lassen, bis die Leichenfrau sie herausnehmen muß. Wie gut meine armen kalten Hände in den seinen aufgehoben wären!

Hand in Hand möchte ich mit ihm fortgehen, Hand in Hand mit ihm wandern: mit ihm wandern durch die Unendlichkeit.

*

Einem Menschen alles sein, heißt für die Frau nicht leben und lieben; sondern ein Evangelium verkünden, eine Mission erfüllen: die Frau thut das, wofür sie gesandt ward.

Es ist gewiß nicht wahr, daß moderne Frauen Priesterinnen der Decadence sind, daß unsere Entwicklung eine sinkende Linie bildet. Wir steigen und steigen!

Aber – wir müssen einem einzigen Menschen alles sein können.

Wenn ich also wirklich bald sterben sollte – er sein Alles bald verlieren müßte – dann besäße er mich ja erst ganz und für ewig; denn Liebe kann kein Ende nehmen.

Ich wollte, ich wäre gestorben in der Nacht, wo sie auf der Pinienwiese den Saltarello tanzten, wo ich zu ihm gehen wollte und ihn bei der kleinen grünen Pforte traf, wo ich seine schlummernde Jugend wachküßte.

Das Glück hätte mich töten müssen.

Auch für ihn wäre es besser gewesen, viel, viel besser ... Aber das ist ein schwermütiger Gedanke.

*

Um Gottes willen, nur nicht unglücklich werden!

Das Unglück ist etwas zu Häßliches.

Wir müssen in strahlender Schönheit enden.

Daß es dergleichen gibt!

Denn er ist mir Bruder und Freund, Gatte und Geliebter – eben alles!

Aber er soll nur mein Geliebter sein, nichts anderes als mein Geliebter!

Würde mich nur nicht inmitten des erstickenden Jubels plötzlich die Angst wieder befallen: die Todesangst vor mir selbst! Ich kann sie nur einwiegen, wenn ich bei ihm bin, wenn ich mich an seine Brust dränge.

Seine Nähe ist für mich Wiegengesang.

*

Wenn ich ihm meine Märchen vorgeplaudert habe, erzählt er mir von seinem Leben in der Villa Falconieri, die er noch mehr liebte als mich, und auf die ich eifersüchtig bin. Und das mit großem Grund! Denn seine Villa Falconieri ist ohnegleichen, und seine arme kleine Viviane – die Angst! O, die Angst! Was kann ich nur thun gegen diese entsetzliche mordende Angst?

Also er erzählt mir, wie er mit Kohlenbrennern, Hirten, Jägern und Campagnuolen gelebt hat: über zwanzig Jahre! Wir sitzen vor unserem kleinen Hause, die Marmorleiber, die eingemauerten, wollen zu uns heraustreten, können nicht, scheinen sich zu krümmen und zu winden, scheinen zu stöhnen und zu seufzen. Die Riesenhand krampft sich in Qualen zusammen und erhebt sich drohend gegen uns. Die Augen der jungen Frau, die leben möchte und sterben muß, können sich noch immer nicht schließen, ihre wimmernden Lippen noch immer den letzten Seufzer nicht aushauchen. Es wird Abend. Ueber dem Cavo steigt die blasse Mondsichel auf; aus dem Molarathal quillt der Dunst des heißen Tages in Nebelwellen zu uns empor.

Im Hause zündet mein vertrauter alter Diener die Kerzen an. Wir bleiben draußen sitzen und er erzählt mir.

Es sind Geschichten von Menschen aus einer Welt, von der ich nichts wußte. Welch tierisches Dasein! Er hat ein Mitleid mit allen diesen Leuten, welches ich nicht fühlen kann. In diesem einen sind wir einander ganz fremd. Wenn es ein böses Fieberjahr gab, hat er oft wochenlang in der Campagna gelebt, den Leuten Chinin gebracht, die Kranken gepflegt und die Sterbenden getröstet. Viele sind in seinen Armen gestorben.

Er ist eine Samariterseele und thut Werke der Barmherzigkeit mit solcher Naturnotwendigkeit, wie eine Mondaine unausgesetzt an ihre Schönheit und Eleganz denken muß. Ich habe von einer Samariterin keinen Atemzug in mir; und wenn ich wie eine Heilige unter meinen Bettlern und Krüppeln stehe, so ist das nur eine Pose.

Ich könnte ihm aus meiner Welt auch Geschichten erzählen. Aber ich werde mich hüten.

O, ich bin klug!

*

Wir müssen vorsichtiger sein.

Vorsicht ist häßlich; und es empört mich, die Häßlichkeit dulden zu müssen. Es hilft jedoch nichts.

Der Prinz ist jetzt merkwürdigerweise weniger als sonst in Rom. Er ist jetzt immer sehr ritterlich, beängstigend höflich.

Es ist eine Caprice von Cola, daß er nicht in die Villa Taverna kommen will. Wir disputieren darüber; aber er gibt mir nicht recht. Ich bitte ihn; aber er schlägt mir meine Bitte ab. Ich schmolle mit ihm; doch bleibt er dabei, daß er nicht kommen will. Ich werde ernstlich böse, und – er kommt trotzdem nicht!

*

Wir sahen uns einige Tage nicht.

*

Ich eilte ihm entgegen, ich warf mich in seine Arme, drängte mich an seine Brust. Ich wollte aus seinen Armen gar nicht wieder heraus.

Er ist so gut, so gut!

Ich bin bei ihm so sicher und geborgen, werde so gut bei ihm, so viel, viel besser.

Er ist mein Hort und mein Heil.

Er war nicht böse mit mir; nur sehr ernst, sehr traurig.

Ich weinte.

*

Er dichtet. Er schreibt ein Drama. Er ist wie berauscht.

Seit fünfzehn Jahren dichtet er wieder!

Immer wieder und wieder sagt er mir: er danke es mir, einzig und allein mir! Ich mache ihn nicht allein zum glücklichen Menschen – ich mache ihn auch wieder zum Dichter.

Es wird ein modernes Stück: eine Verherrlichung der Frau ... Wiederum eine Verherrlichung der Frau; noch dazu der modernen Frau!

Ich sorge mich etwas.

Er scheint zu wünschen, daß die Neri sein Stück spielt.

*

Ich bin gar nicht so froh, wie ich sein sollte. Ich bin eifersüchtig auf seine Arbeit: sie zieht ihn ab von mir. Wozu braucht er wieder zu dichten? Er soll lieben! Er soll mich lieben. Er soll nie mehr etwas anderes thun, als an mich denken, als mich in seine Arme schließen. Was kümmert ihn die moderne Frau?

Er kennt sie ja doch nicht.

Es ängstigt mich gradezu, daß er uns Frauen wiederum verherrlicht.

Aber er ist so rührend in seiner Glückseligkeit, endlich wieder arbeiten zu können.

*

Heute sprach er mit mir über Maria.

Es war das erste Mal, daß er ihren Namen nannte.

Ich wandte mich ab.

Er hat ihr »alles« geschrieben. Sie bleibt in Deutschland. Ich mochte ihn nicht fragen, was sie ihm geantwortet hatte. Er machte solch sonderbares Gesicht, als er ihren Namen nannte.

Ich stahl ihn dieser Frau! Er gehört mir, ganz mir, ewig mir! ... Ja, ich raubte ihn ihr.

Nein! Denn er hat ihr niemals gehört.

Eigentlich thut sie mir leid.

Ob er wohl viel an sie denkt?

Es geschah ja doch nur aus Mitleid, daß er sie an sein Herz nahm.

Ihre weißen wilden Wolfshunde habe ich jetzt zu meinen Füßen. Das ist auch ein Triumph! Zuerst fletschten sie die Zähne gegen mich, hätten mich am liebsten zerrissen; jetzt kriechen und winseln sie vor mir. Nach der Abreise ihrer Herrin suchten sie diese tagelang; tagelang rührten sie kein Fressen an.

Und jetzt spiele ich mit ihnen wie mit Mäuslein.

Cola liebt nicht, daß die Hunde bei mir sind. Sie kommen jedoch immerfort auf den Berg gelaufen, lassen sich nicht fortscheuchen, bleiben bei mir als meine Trabanten.

Ich weiß recht wohl, weshalb er mich nicht gern mit Marias Hunden sieht.

*

Ein Bekenntnis! Es treibt mir vor Scham das Blut ins Gesicht. Ich komme mir vor, wie noch einmal entweiht.

Der Prinz machte mir eine Erklärung: er sei in mich verliebt!

Ich soll seit kurzem seltsam verändert sein. Es soll etwas über mir liegen, etwas Unaussprechliches, Unverständliches.

Wenn er wüßte, welche Gottheit mich berührt hat ...

Das nenne ich Decadence: die Decadence des Mannes am Ende dieses Jahrhunderts! Er verliebt sich in seine Frau erst dann, wenn sie einen andern liebt. Er findet sie erst dann begehrenswert, seitdem ein anderer sie besitzt und etwas Glanzvolles über ihr liegt, was nicht von dieser Welt ist.

Ich hätte es ihm so gern ms Gesicht gesagt! Zum Glück schwieg ich.

Wie ich mich schäme!

*

Cola nennt mich sein »Schicksal«.

Ich bin also für ihn eine überirdische Macht, gleichsam eine göttliche Gewalt und könnte Vorsehung spielen. So etwas gefällt einer eitlen Frau.

Er hat manchmal einen ganz eigentümlichen Blick, wenn er mich sein Schicksal nennt: solchen Seherblick! Aber der Dichter soll ja wohl Prophet sein?

Heute setzte ich meinem Liebsten die Gründe auseinander, weshalb ich ihn lieben muß: aus Naturnotwendigkeit lieben!

Erstens: weil er ganz anders ist als alle anderen Männer, ganz, ganz anders. Zweitens: weil er mich liebt, wie kein anderer mich lieben kann. Drittens: weil er ein guter Mensch ist und seine Güte mich gut macht. Viertens: weil er etwas in seinen Augen hat – eben die Himmelsflamme, die große Leidenschaft. Fünftens: weil er mich immer verstehen, immer entschuldigen wird, also niemals verdammen kann – was auch geschehen möge. Sechstens – –

Ich vergaß, welchen Grund ich ihm sonst noch angab. Es sind ja auch Gründe genug und übergenug.

Wenn er mich jemals aus seinem Herzen fortstoßen sollte, würde ich ihm folgen. Ich würde ihm nachschleichen wie ein Hündlein seinem Herrn. Ich würde nicht eher ruhen, als bis er mich wieder an sein Herz genommen hätte. Denn nur an seinem Herzen finde ich Rettung.

Rettung wovor?

Vor mir selbst!

Wie klein, wie jammervoll klein ist doch alles, wenn man fühlt, was ich fühle: eine große Leidenschaft! Um den Wert aller Dinge kennen zu lernen, muß man lieben.

*

Kann Liebe jemals enden?

Nein! nein!

Es müßte denn sein, daß – Was müßte sein?

Besinne Dich!

Es müßte sein, daß Uebersättigung eintritt: ein physisches und seelisches Zuviel! Ein Zuviel, welches Ekel einflößt. Und Ekel ist der Tod eines jeden Gefühls.

Heute sprach ich mit ihm hierüber. Er verstand mich gar nicht, war ganz entsetzt, gradezu empört.

Er rief:

»Eine seelische Uebersättigung! Was meinst du eigentlich damit? Wie kann es eine seelische Uebersättigung geben?!«

Ich lächelte:

»Mein Gott, ja! Eben ein embarras de richesses an Gefühlen. Man wird so müde davon, so –«

Ich verstummte unter seinem entsetzten Blicke.

Es war nicht recht von mir; denn ich wollte ihn quälen. Ich verspürte plötzlich solche Lust dazu, daß es mir selbst ganz unheimlich war.

Es sind dies Anwandlungen jenes alten schändlichen Ichs, das in mir noch nicht ganz erstorben ist. Ich wollte, es würde in mir umgebracht: so mit einem einzigen Schlag!

Denn immer wieder diese Angst, diese Todesangst ...

*

Hoffentlich liest er mir sein Drama nicht vor.

Ich kann es nicht ausstehen, wenn Dichter ihre Sachen vorlesen! Sie sind dann so pathetisch.

Und alles Pathos ist geschmacklos.

Ich werde ihn bitten, mich mit der Aufführung zu überraschen.

*

Heute wollte er mit mir über die Zukunft sprechen: über unsere Zukunft ... Still, o still! Ich will von keiner Zukunft hören. Und ich küßte ihn so lange, bis er still war.

Ich glaube wahrhaftig, er wünscht, daß ich dem Prinzen alles eingestehen soll. Grade jetzt, wo der Prinz –

Er ist doch durch und durch ein großes Kind: eben ein Dichter, ein Verklärer der grauen Wirklichkeit.

Darum liebe ich ihn ja!

Mein junger Held von diesem Sommer wird von seiner jungen Herzogin so rasend geliebt, daß sie sich von ihrem Mann trennen lassen will.

Also auch eine »große Leidenschaft«.

Merkwürdig!

*

Assunta Neri kommt im Herbst.

Ich freue mich sehr auf sie. Eigentlich verdanke ich ihr den Anfang meiner Erweckung, meiner Erlösung. Sie sprach damals so große feierliche Worte zu mir; und seit jenen Worten begann ich anders über mich selbst zu denken. Ohne ihren hypnotischen Einfluß hätte ich mir niemals die Kraft zugetraut, die Verantwortung zu übernehmen.

Verantwortung –

Das Wort hat solchen sonderbaren Klang!

*

Sehr freue ich mich auf Assunta Neri!

Sie wird mir wieder helfen, mich wieder stark machen, mir ihren edlen Geist suggerieren.

Vieles ist eben doch recht schwer.

Dieses entsetzliche eingemauerte Frauenhaupt ...

*

Seit Wochen habe ich nichts geschrieben.

Meine Hände sind wie gelähmt.

Wie gelähmt ist meine Seele.

*

Dina, hilf mir! Dina, Dina!

Was ist das nur mit mir? Sage Du mir's! Du bist ja so weise, so gütig, so barmherzig.

Ich habe solche Angst, es ist solche Qual!

Dina! Um Gottes willen, Dina!

Ich will ihn lieben! Will?

Ich muß!

Sonst ist er verloren, sonst bin ich verloren! Es ist ja auch nicht möglich, daß – Dina! Dina! – daß ich schon jetzt – schon so bald – –

Ich bin gewiß verrückt ...

Aber so hilf mir doch!

*

Nein! Nein! Nein!

Bin ich denn anders als andere Frauen? Bin ich eine Abnormität, eine seelische Mißgeburt?

Ich will nicht anders sein!

Ich will sein wie alle Frauen, die lieben und geliebt werden, die glücklich machen und glücklich sind.

Wäre er nur nicht so leidenschaftlich –

*

Ich wehre mich, wie ich nur kann.

Ich kämpfe und ringe mit mir.

Ich schlage meiner Seele blutige Wunden.

Gott, Gott, wie ich leide!

*

Er merkt nichts, ahnt nichts. Das beruhigt mich etwas.

Er darf nichts ahnen – niemals!

Es würde ihn – ich weiß nicht, was mit ihm geschehen würde ...

Doch! Ich weiß es genau.

Ich wollte ihn ja erlösen, nicht vernichten.

Ich übernahm ja doch die Verantwortung!

Ich habe ja doch ein Gewissen!

Käme Assunta Neri nur!

Oder wenn Dina bei mir wäre, wenn ich zu ihr könnte –

Warum kann ich nicht?

Fort!

*

Ich muß bleiben! Was hülfe auch Flucht? Sich selber kann der Mensch ja doch nicht entfliehen.

Ich will ihn täuschen. Es wird nicht schwer sein, da er so gläubig ist wie ein Kind.

Und so glücklich. Gott, Gott, so glücklich!

Es ist merkwürdig, wie gut ich mich verstellen kann. Ich bin ruhig und heiter, rede mit ihm viel über die Zukunft: über unsere Zukunft. Ich habe ihm versprochen, dem Prinzen nächstens alles zu sagen, mich von dem Prinzen zu trennen, den Skandal, den die Sache machen wird, mit souveräner Größe über mich ergehen zu lassen. Und wie er mir dankt, wie er mir vertraut ...

Wäre er nur kein solch guter Mensch!

Sogar küssen lasse ich mich wieder von ihm –

Es ist gar nicht so schwer, das Heucheln und Lügen. Man gewöhnt sich sehr bald daran.

Nur nachdenken darf man darüber nicht; denn sonst –

*

Die ersten Herbstregen!

Die Campagna feiert ihren zweiten bacchantischen Lenz. Sie gleicht einer unglücklich Liebenden, die sich von Blüten ersticken läßt; denn unter diesem falschen Frühling lauert der Tod.

Ich habe noch immer Mitleid mit ihm ...

*

Der Graf Cola Campana

an

Herrn Richard Voß
Berchtesgaden, Villa Bergfrieden,
Deutschland.

Villa Falconieri, Hochsommer.

Meine letzten Aufzeichnungen blieben im Schreibtische liegen. Vielleicht schicke ich auch diese nicht ab.

Heute depeschierte ich Dir und bat Dich, unter keinen Umständen her zu kommen.

Zum Glück verstehst Du, daß es hier nichts zu »helfen« und zu »retten« gibt, daß die Sache rettungslos ist. Ich danke Dir für Dein Verständnis. Es wäre bei Dir ja auch gar nicht anders möglich gewesen.

Und mehr noch als hierfür, danke ich Dir und Deiner Frau eure Geschwisterliebe für Maria. Ihr wißt: Dank ist bei mir kein Wort; sondern eine Empfindung.

Daß Maria herrlich sein würde, wußte ich.

Sie ist eben Maria!

Die Größe, die sie in diesem schweren Konflikt zeigt, zermalmt mich jedoch nicht; sondern erfüllt mich mit einem stillen starken Glücksgefühl über das Dasein solcher Frauen. Maria lehrt mich jeden Tag von neuem, daß ich die Seele der Frau doch richtig erkannte, daß es nichts Höheres und Verehrenswürdigeres gibt als das reine Weib, daß der Liebesgewalt der edlen Frau kein Ding auf Erden unmöglich ist.

Sie wird für mich lebenslang das Reinste und Höchste sein: ein stilles leuchtendes Sternbild.

Was geschehen soll, kann ich euch zur Stunde noch nicht sagen. Erweiset mir auch noch diesen letzten Liebesdienst: seid geduldig mit mir und wartet noch eine kleine Weile.

Jedenfalls muß bald etwas geschehen.

*

Ich bin freilich ein anderer Mensch geworden: ein neuer Mensch! Ich wußte nicht, daß solche Wandlung eines Menschen möglich sein könnte. Und wodurch sie bei mir erfolgte! Ich begreife auch nicht mehr, daß ich schon einmal in meinem Leben geliebt haben soll: damals, als ich meinen Jahren nach jung war.

Ich habe nur ein einziges Mal geliebt: jetzt!

Ich weiß nicht, wie andere Menschen lieben ... Bisweilen versuche ich einen Vergleich zu ziehen. Auch zwischen mir und der erdichteten Liebe: zwischen mir und meinen eigenen Helden zum Beispiel.

»Aber das ist ja alles unwahr!« rufe ich dann aus. »Das sind ja nur Worte, nichts als Worte! Nur leerer Klang und Schall, nur der matte irdische Abglanz eines himmlischen Sonnenfeuers ...« Und ich schäme mich meiner Stümpereien. »Das konntest du einmal denken und dichten, das für Empfindung und Leidenschaft halten, das in einem Moment der Ekstase schön und bedeutsam finden?!«

Nur Shakespeare, Dante und Goethe konnten die Liebe dichten.

Wie ein achtzehnjähriger Schulknabe lese ich »Romeo und Julia«, lese ich in der »göttlichen Komödie« die Malatesta-Tragödie, lese »Werther«, »Faust« und »Tasso«. Ich lese diese hohen Lieder der Liebe, als wäre es zum erstenmal.

Du solltest nur sehen, wie verändert ich bin. Ich habe das Gefühl des Unsterblichen! Anders kann ich's nicht ausdrücken.

Ich schildere Dir Viviane nicht. Ich müßte ein großer Dichter sein, um sie Dir schildern zu können. Ich sage Dir auch nichts von unserem Leben. Jeden Tag treffen wir uns auf Tusculum in einem kleinen Hause, welches mir gehört. Es ist jetzt auf dem schönen wilden Berge so einsam, daß ich gestern einen Wolf durch die Ruinen streifen sah.

Diese schändliche Heimlichkeit muß natürlich bald ein Ende nehmen.

Sehr bald!

*

Auch sie wird täglich mehr und mehr zu einem neuen Menschen umgewandelt. Und alle diese Wunder vollbringt die einfachste natürlichste menschlichste aller Empfindungen, die zugleich so göttlich ist, daß sie mit Schöpferkraft erschaffen kann ... Aber es läßt sich nicht ausdenken, was wir Männer an einer Frauenseele auch wiederum sündigen können.

Wir sind dann zehnmal ärger als Totschläger.

Maria vermochte ich nicht zu helfen – ich vermochte nicht! Ich helfe Viviane –, denn – ihr kann ich helfen.

Ihre ganze Entwicklung als Weib liegt vor mir wie ein geöffnetes Buch. Zug um Zug sehe ich, was an ihr verkümmerte und wie dies geschah. Das Leben war für sie eine standesgemäße Zuchtanstalt, daraus sie schließlich als grande mondaine hervorging. Von ihrer ganzen Empfindung als Weib blieb nur die Sehnsucht übrig.

Diese bewahrte sie vor völligem Untergang und diese verzehrte sie zugleich. Denn die Aerzte täuschten sich. Ihre tödliche Krankheit heißt nicht Schwindsucht, oder Auszehrung, sondern: »Sehnsucht!«

Sehnsucht nach Licht und Leben, nach Liebe und Glück.

Und Sehnsucht nach dem einen und einzigen Manne, der für dieses eine und einzige Weib geschaffen wurde. Und dieser Mann bin ich!

*

Wie konntest Du mir nur schreiben: ob ich ihrer sicher, ganz sicher sei?

Das war unrecht von Dir, das durftest Du nicht!

Du durftest nicht an ihr zweifeln, durftest nicht versuchen, in mir Zweifel zu wecken.

Verzeihe meine Heftigkeit. Du kennst sie ja nicht und bist der treuste Freund der armen, armen Maria.

Also will ich Dir ruhig antworten:

Ja, Lieber! Ich bin ihrer »ganz sicher«.

Ich glaube an sie wie der gläubige Christ an seinen Herrn und Heiland; ich vertraue ihr wie der Schiffer in fremden gefährlichen Gewässern dem Piloten. Mein Glaube und Vertrauen sind so über allem Ausdruck stark wie meine Liebe. Und diese ist eine Naturgewalt. Wir haben nur nötig, uns eine klare reine Lebensatmosphäre zu schaffen, bevor durch das schmachvolle Geheimhalten ein Tropfen Gift in uns dringt. Allerdings sind wir noch immer so von uns selbst berauscht, daß wir uns kaum auf uns selbst zu besinnen vermögen – wie viel weniger also auf das, was zunächst geschehen soll und was uns jedenfalls des Häßlichen genug und übergenug bringt. Seitdem sie mich liebt, ist sie solch zitterndes angstvolles hilfloses Geschöpf; und wenn ich ihr sage: die Lüge sei das Allerhäßlichste, so starrt sie mich mit solchem Entsetzen an, daß ich schwach werde und nachgebe.

Das Glück muß sie erst wieder gesunder machen und sie wird dann gleich widerstandsfähig sein. Uebrigens bringt jeder Tag sie ihrer Genesung näher. Und daß ich der Wunderthäter war, der zu dieser Gestorbenen sprach: »Weib lebe!« – sieh, allein dieses ist wert, daß ich so lange gelebt und gelitten habe.

Erst jetzt, wo ich anfange zu gesunden, weiß ich, wie krank ich war.

Wenn ich's recht bedenke, graust mir's, daß Gehirn und Gemüt so etwas aushalten können! Wie war ich nur im stande, mich so ganz in die Einsamkeit zu flüchten, in die Natur zu versenken? Das war ja Unnatur!

Und diese Wut, die Menschen zu meiden, als ob sie verpestet wären.

Aus der Einsamkeit heraus, flüchte ich mich jetzt zum Menschen: aus dem Wunder der Natur fort, versenke ich mich jetzt in das Mysterium des geliebten und liebenden Weibes.

Es ist Auferstehung!

Lieber Freund, ich feiere jetzt meine Ostern.

Gelingt es mir denn, Dir auch nur annähernd begreiflich zu machen, wie ich empfinde und was aus mir geworden ist?

*

Ich glaube, ich schrieb Dir einmal, wie ich in meinem Freskenzimmer lag und träumte: wenn die gute holde Frühlingsgöttin aus ihrem leuchtenden Gewölk eine ihrer Blüten auf mich herabwürfe, so würde ich aufstehen und wieder leben – wieder arbeiten.

Die Himmlische behielt ihren Lenz für die Erde und die übrige Menschheit; aber eine gütige Gottheit schickte mir das Weib, welches für mich geschaffen worden ist. Sein Kuß sank auf meine Stirn wie eine weiche sonnenheiße betäubend duftende Wunderblume; und auch das zweite große Schicksal erfüllte sich an mir: nach fünfzehnjährigem Verstummen finde ich noch einmal die Sprache wieder.

Ich weiß, daß ich verschollen und vergessen bin, und ich habe mich damit abgefunden.

Jetzt soll die Welt mich noch einmal hören.

Bist Du erschrocken? Fürchtest Du, es möchte eine Geisterstimme sein, hast Du Gespensterfurcht? Ich selbst bin ganz ruhig, ganz sicher. Und sollte meine alte romantische Weise in dem Getöse des Zeitensturmes auch wunderlich klingen, wird es wenigstens eine Melodie sein. Sie wird aus meiner tiefsten Seele aufsteigen, dahinrauschen und mit ihrem Klang andere mühselige und beladene Seelen erfüllen.

Während um uns das Geschrei über die »Entartung« des Weibes lärmt, will ich im stillen Glück das hohe Lied des Weibes dichten.

Ich will sagen, woran unsere Zeit leidet: daran, daß sie nicht mehr an die von allen Leiden erlösende Liebesgewalt der Frau glaubt. Ich will sagen, daß dieser Zauber sich noch immer an uns mächtig erweist, daß unser Seelenheil allein auf der Frau beruht.

Der Genius der Zeit muß wieder das liebende, sich selbst verleugnende, im Manne aufgehende, reine Weib werden.

Ich schreibe diese Verklärung der Frau unter den stillen, von Genien durchgaukelten Wipfeln des Venushains und werde das Drama: »Frühling« nennen.

Das Seelenleben der neuen Generation hat sich auf der Jagd nach Ruhm und Genuß, nach Glück und Gold zu Tode gehetzt.

Es liegt erstarrt unter funkelnder Decke.

Auf den kalten Leichnam fällt die heiße Thräne der unsterblichen Liebe der Frau.

Da erhebt sich der Tote. Blumen sprießen ringsum auf, die ganze Welt bedeckt sich mit Blüten:

»Frühling, Frühling!«

Es wird ein Jubelschrei sein.

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