Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Voß >

Villa Falconieri

Richard Voß: Villa Falconieri - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/vossr/falconie/falconie.xml
typefiction
authorRichard Voß
titleVilla Falconieri
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeDreizehnter Jahrgang. Band 1.
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091126
projectid6b15971c
Schließen

Navigation:

Ich lese Cola Campana, nichts als Cola Campana!

Dieser Dichter kennt weder die Welt, noch die Menschen.

Am allerwenigsten kennt er uns Frauen.

Er hat nur das Verlangen, uns kennen zu lernen.

Um diesen Dichter in allem, was er jemals war und dichtete, erschöpfend zu charakterisieren, genügt ein einziges Wort. Denn im Grunde genommen ist es nur ein einziges Wort, welches Cola Campana in den fünfzehn oder zwanzig Bänden seiner gesammelten Werke geschrieben hat.

Dieses eine einzige Wort lautet:

Sehnsucht!

Er sehnt sich eben so heiß, zu leben wie zu sterben. Er sehnt sich nach Glück genau so grenzenlos wie nach Trübsal. Und er sehnt sich nach Liebe. Er sehnt sich, darin unterzugehen!

Er spricht davon, sie einmal gefunden zu haben. Aber ich behaupte: er fand sie nicht! Und ich behaupte ferner: sollte er sie noch einmal finden, so würde er noch einmal – vielleicht grade kein glücklicher Mensch werden; darauf kommt es auch nicht an – so könnte er noch einmal etwas schaffen, etwas Großes und Bleibendes.

Aber die Liebe ist kein Ding, das der eine verlieren und der andere zufällig aufheben kann. Der gute Graf mag noch einmal volle zwanzig Jahre unter den Steineichen und am Cypressenteich umherirren, ohne der großen Göttin zu begegnen.

Lache mich aus!

Aber mir ist eingefallen, daß eigentlich die Neri die erweckende und erlösende Gottheit spielen könnte – trotzdem sie keine Verse sprechen kann. Sie würde es immerhin superb machen und beim Fallen des Vorhangs in einer ravissanten Pose dastehen. Es mühte dies um so mehr ganz ihr Fall sein, da von einer glücklichen Liebe nicht die Rede sein würde, sie also nach Herzenslust unglücklich lieben könnte. Später käme es so: der Graf schreibt für sie ein Stück und sie studiert die Rolle oben am Cypressenteich, in dem sich die schöne Maria den Liebestod gibt. Das Stück wird mit der Neri aufgeführt, hat einen Sensationserfolg und – Ueber den Schluß bin ich mir noch nicht klar. Das Drama muß sehr modern enden, ohne Sentimentalität, nebelhaft ungewiß à la Ibsen.

Aber Graf Campana würde gewiß niemals eine Rolle für die Neri schreiben können, weil die Neri nur eine echte, nur eine durch und durch moderne Frau spielt; und weil der Graf die Frau nicht kennt: weder die moderne, noch die unmoderne Frau!

Nicht einmal das hat die schöne Maria zu bewirken vermocht: daß er durch sie unser Geschlecht kennen lernte! Nicht wie dieses zu sein scheint; sondern wie es in Wirklichkeit ist.

Und weshalb lehrte sie ihn uns nicht kennen?

Ich finde immer nur ein und dieselbe Antwort, soviel ich darüber auch nachdenke ... Er liebt sie nicht, er liebte sie nie! Und weil er nie liebte: weder die schöne Maria noch überhaupt eine Frau; darum kennt er uns nicht, darum wird er uns nie kennen lernen, bis er –

Weshalb er wohl diese Frau ihrem Manne fortnahm?

Mit dem raffinierten Instinkt der Frau fand ich es gleich nach der ersten Begegnung mit den beiden heraus.

Diese Maria ist zu sehr eine Schwesterseele des Mannes. Sie ist ihres Mannes getreuer Kamerad, sein bester Gefährte. Sie ist gewiß eine verehrungswürdige Gattin; aber sie kann niemals eines Mannes Geliebte sein. Ihr fehlt jegliche Koketterie, jegliche Fraueneitelkeit, jedes Bewußtsein ihres Geschlechts.

Auch die keuscheste Frau muß in ihrer Seele ein Atom Hetäre sein. Wohlverstanden: Hetäre, nicht Dirne.

Der volle Mann bedarf des vollen Weibes. Und diese wunderschöne Maria ist ein wunderschönes Bild ohne Gnade, ohne jede Gnade, die den Mann selig macht. Lange genug hatte es bei mir bedurft, bis ich schließlich durch das brutale Faktum der Dinge mich überzeugen ließ, daß es so ist.

Jetzt weiß ich's.

Ob die Madama sich hatte anders entwickeln können?

Ich glaube, ja!

Hätte sie in dem einsamen Manne da oben zugleich den glühenden Liebhaber und nicht nur den Erlöser und Retter, den treuen Gefährten und brüderlichen Seelenfreund gefunden, so wäre sie gewiß nicht zu der Schattengestalt einer schmerzensreichen Gattin verkümmert. Wie konnte sie aber in ihrem Manne den Liebhaber finden, da sie diesen in dem Träumer nicht zu wecken vermochte?

Dazu bedurfte es einer andern Gewalt.

Die schöne Maria hatte nur eine einzige Seele: die der ehrbaren Frau. Doch diese eine Seele genügt nicht.

Wir Frauen bedürfen einer zweiten Natur – ich muß es an dieser Stelle noch einmal sagen.

Warum, um Gottes willen, schreibe ich dies alles auf?!

Ich schreibe es auf, weil ich es denke; und weil ich mir gelobt habe: was ich denke, auch auszusprechen – alles auszusprechen!

Nicht allein für Dich, meine Freundin; sondern auch für mich selbst.

Ich muß auch gegen mich selbst den Mut der Wahrheit besitzen.

*

Es fängt an heiß zu werden – endlich!

Ich bin wie eine Lacerte und bade mich im Sonnenschein. Aber ich husche und ruschle nicht herum; sondern bleibe wollüstig still liegen.

Die Sonnenglut übt eine eigentümliche mystische Macht auf mich aus. Sie ist wie ein Zauber. Bei Kälte bin ich krank, müde, zu Tode erschöpft, halb leblos. Erst wenn andere vor Hitze verschmachten, erwache ich und beginne zu leben: ein elementares Lichtdasein! Die Glut durchschauert mich wie junger Wein. Sie berauscht mich. Ich könnte mir Rosen durch das Haar winden und zur Mänade werden.

Vielleicht war ich einmal, als noch die alten großen Götter über die junge Erde dahinschritten, die Geliebte des Sonnengottes.

Es sind dann für meine sehnsüchtige Seele schlimme Zeiten; denn alle meine Sinne geraten ins Taumeln ...

*

So voll empfand ich die Wonnen der großen Frühlingsfeier des Südens noch niemals! Mir ist, als erlebte ich dieses Blumenbacchanal zum erstenmal. Vormittags lasse ich meine Kissen hinaus in den Garten tragen und ruhe zwischen den blütenvollen Sarkophagen. Sie gleichen jetzt riesigen Opferschalen, denen alle Wohlgerüche Arabiens entströmen. Die Welt ist von ihrem eigenen Frühling so berauscht, daß die Schmetterlinge auch mich für eine märchenhafte weiße Blume halten und sich in mein Haar und auf meine Brust niederlassen.

Ich schrieb Dir nicht, daß ich vor diesen ersehnten heißen Tagen recht leidend war. Du hättest Dich geängstigt und ich hätte Dich durch die Frivolität, mit der ich mein Leiden hinnehme, nur geärgert.

Gesundheit ist so brutal!

Ich hatte Schmerz in der Brust und der Bluthusten war stärker geworden. Mein tiefbesorgter Gemahl hätte mich gern nach Cannes oder Nizza geschleppt. Aber das ganz neu und entzückend möblierte Villino vor der Porta Pia war zum Glück ein Hindernis; denn die Campagna, diese größte Tragödie der göttlichen Dichterin Natur, hat es mir launenhaftem unberechenbarem Geschöpf nun einmal angethan.

In diesen letzten heißen Wochen habe ich mich so rasch und wunderbar erholt, daß ich sogar wieder reiten darf. ›Aha!‹ so denkst Du jetzt gewiß, ›meine unverbesserliche grande mondaine will in der »tragischen« Campagna die Fuchsjagden mitmachen und auf den Rennen bei den Capannelle als Amazone die Herzen der römischen goldenen Jugend berücken ...‹ Ich freue mich, ich triumphiere; denn:

Ich bin eben doch besser als mein Ruf.

Weder Fuchsjagden noch Rennen; sondern einsame köstliche Ritte durch die Wälder und Ruinen von Tusculum.

Kennst Du Tusculum?

Nein!

Also höre:

Ein ausgedehntes hügeliges Gebiet, von Oelwäldern wie von schimmernden Schleiern umzogen. Du schreitest über Wiesen, die Gärten gleichen, trittst in Haine, wo nur die Tempel der Diana fehlen, um die Seele mit mystischen Schauern zu erfüllen ... Frischgrüner heiterer Kastanienwald! Weite stille Rasenflächen mit einer einsamen gewaltigen Pinie ... Unter Cypressen ein zerstörtes antikes Grab ... Unter Blüten vergraben, eine antike Straße, ein antikes Nymphäum, die Reste einer großen antiken Villa ... Hier wieder Ruinen. Und hier wieder! Noch führen Stufen hinauf ins Haus, noch glänzt die Mosaik, noch stehen die riesigen Weinamphoren in den Boden gemauert ... Ruinen überall!

Und überall Schweigen, Frieden, Einsamkeit, Wildnis – Schönheit.

Höher auf dem Berge eine Gräberstraße, ein Amphitheater, eine Kaiservilla, ein Forum ... Noch ein Theater! ... Zisternen, Säulen, Altäre, Statuen, Gebälkstücke – Trümmer, Trümmer, Trümmer ...

Darüber jubilieren die Lerchen, kreisen die Falken.

Im März blaut der einsame Berg von Veilchen; und jetzt –

Du kennst den Wagnerschen »Feuerzauber«; aber Du kennst nicht den tusculanischen Ginsterzauber.

Wie kann ich Dir diese Blütendichtung nur schildern?

Der Berg scheint sich geöffnet und goldene Wogen ausgeworfen zu haben. Von allen Seiten rinnen und rieseln lautlos leuchtende Blumenbäche nieder. Sie durchbrechen die Waldungen, sie dringen in die tiefsten Dickichte, sie überschwemmen die Fluren, umwogen die Ruinen, füllen jeden Graben, jede Senkung. Sie stauen sich zu einem See. Du versinkst in den weichen stillen goldigen Fluten. Alles um Dich glänzt und gleißt. Du hast das Gefühl: würde die Sonne nicht scheinen, so würde der Berg strahlen.

Habe ich es Dir geschildert?

Nein!

Ich habe es nur gesagt.

Jeden Abend reite ich in meinem weißen Amazonengewande auf weichen, sanft ansteigenden, sanft abfallenden Wegen kreuz und quer, über und um die tusculanischen Berge. Bei jedem Ritte mache ich neue Entdeckungen. Wie ein Pfadfinder des Urwalds durchdringe ich die Gebüsche, wo das Caprifolium mir ins Gesicht schlägt und mein Pferd wilde Lilien und Päonien zertritt. Plötzlich leuchtet mir etwas entgegen; es ist eine gesunkene Marmorsäule. Plötzlich erhebt sich vor mir gewaltiges Gemäuer – ein Labyrinth von Kammern, Korridoren, Wölbungen thut sich auf.

Jetzt sollst Du hören, was ich gestern in dem Ginsterzauber erlebte.

Bei Camaldoli ließ ich den Groom zurück, dessen fashionable Existenz in diesen Einsamkeiten überhaupt keinen Sinn hat. Ich ritt dem Gipfel von Tusculum zu, der durch das Zeichen des Kreuzes gegen allen Höllenspuk und jegliches Teufelswerk geschützt ist. Ich kam in einen verwachsenen Weg und geriet zwischen zwei steile Ginsterwände. An den baumhohen Büschen war kein grünes Blättlein zu sehen, nichts als goldige Blüten. Bis auf den Boden fielen die Zweige herab und legten sich lang und breit darüber hin.

Immer enger wurden die Wege, immer näher rückten die schimmernden Mauern zusammen. Es war, als ritte ich zwischen endlos langen, märchenhaften, vom Sonnenfeuer entzündeten Scheiterhaufen dahin. Denn über all dem Glänzen und Glühen lag der grelle Schein der Abendsonne.

Jetzt züngelte die blumige Lohe an mir empor, jetzt packten mich die Brände, schlugen die Flammen über mir zusammen ...

Wie weiche zärtliche Kinderarme legten sich die strahlenden Zweige um meinen Hals, schmeichelten mir die Wangen, hüllten mich und mein Pferd in lauter Glorie ein.

Ich konnte mich in dem Blütenfeuer einer unverletzlichen seligen Gottheit gleich dünken.

Plötzlich ragte eine turmhohe Felsenwand vor mir auf. Unzugänglich entstieg sie dem glühenden Ginstermeer wie der Brunhildenstein der »wabernden Lohe«. Das wilde Gestein war dicht von einer hellgelben Moosflechte umsponnen, daß es glänzte wie mit Goldplatten beschlagen; den Rand des jäh in die Tiefe abstürzenden Gipfels säumte ein Kranz von blühendem Weißdorn und darüber, wie in einem schneeigen Gewölke, schwebte ein großes dunkles Kreuz.

Es ist die ehemalige Burg von Tusculum.

Ich konnte nicht vorwärts, hielt mein Pferd an, schaute mich um und – sah mich dem Einsiedler von der Villa Falconieri gegenüber.

Auch er, aus den goldgelben Dickichten tretend, erblickte mich plötzlich.

Er grüßte mich nicht; sondern stand unbeweglich und starrte mit seinen weitoffenen leuchtenden Ascetenaugen auf mich wie ein fanatischer Mönch, der nach langer schwerer Pönitenz eine Vision hat: die Erscheinung eines schönen satanischen Weibes.

Und es war doch nur Deine arme kleine Viviane.

Ich war etwas verwirrt. Zugleich fühlte ich mich geschmeichelt.

Das war nun wiederum eine vollständig neue Empfindung, die ich mit stiller Verwunderung und mit mehr Aerger als Freude plötzlich bei mir entdeckte. Der sichtlich starke Eindruck, den mein unvermuteter Anblick auf den phantastischen Grafen machte, der nicht einmal ein rechter Mann, sondern nur eine Ausnahmsnatur ist, hätte mir vollständig gleichgültig sein müssen. Aber ich hatte mich in meinen dunklen schlaflosen Nächten zu viel mit seinem einsamen Lichte beschäftigt.

Das rächte sich jetzt.

Du, reine Göttin, weißt es natürlich nicht. Aber ich, die absolute grande mondaine, weiß es um so besser! Nämlich, daß wir echten Evastöchter in solchen gefährlichen Augenblicken eine ganze Hölle voller Teufel in der Seele haben. So ließ ich denn zu dem duftenden Feuerzauber der Ginsterblüte nach Herzenslust meine Funken sprühen, alle meine Flammen züngeln und zucken.

Nachdem ich ihn eine Weile seine Vision hatte schauen lassen, rief ich lachend:

»Ich bin Fleisch und Blut, Graf Campana! Und zwar bin ich sehr irdisches Fleisch und Blut – leider. Selbst Sie, großer Frauenverklärer, würden mit mir nichts anfangen können, was ich der Situation wegen bedauere. Denn dieser unerwartete meeting von Einsiedler und Weltkind inmitten der Ginsterblüte, unter dem Kreuz von Tusculum, ist doch gewiß ein Stück Poesie – allerdings längst überwundener, höchst unmoderner Romantik.«

Diese thörichten Dinge schwatzte ich aus drei Gründen. Erstens wollte ich meinen Aerger über meine geschmeichelte Eitelkeit cachieren; zweitens wollte ich den Triumph genießen, ihm zu fühlen zu geben, daß er mir meinen kinderleichten Sieg über seine Phantasie zu deutlich hatte merken lassen; drittens – ich muß auch das noch einmal sagen – reizte es mich mehr und mehr, diesem Mann, der so souverän glaubte, ohne die wirkliche Welt, besonders ohne die irdischste und zugleich himmlischste aller Welten: die der Frauen, bestehen zu können – es reizte mich, diesem Schwärmer eine kleine Lektion zu erteilen.

Wie schwach muß sein Widerstand sein.

Oder – wie groß meine Macht!

Ich kann es auch so ausdrücken: wie riesengroß muß seine Sehnsucht sein, wie verzehrend sein Durst, wie wüstenöde seine Vereinsamung ...

Die Nähe einer Gefahr witternd, war ich dadurch nicht erschreckt; sondern ich fühlte mich davon berauscht. Ich selbst konnte mich ja jeden Augenblick in Sicherheit bringen.

Ich sah die Anstrengung, die es ihn kostete, seinen Blick von mir abzuwenden. Es mußte ihm gradezu physischen Schmerz verursachen. Aber ich fühlte kein Mitleid mit ihm.

Wir Frauen haben etwas Neronisch Grausames und Blutdürstiges in unserer Natur. Ich kann begreifen, daß die alten Römerinnen bei den Zirkusspielern saßen und tagelang gierig zuschauten, wie Bestien Bestien und Menschen Menschen zerfleischten.

Jetzt kam er auf mich zu: langsam, wie durch Magie zu mir hingezogen. Seine visionären Augen schauten jetzt an mir vorüber ins Leere, um seine vertrockneten und doch so lechzenden Lippen zuckte es.

Ich beobachtete alles und war neugierig, was er sagen und thun würde.

Es kam anders, als ich glaubte, als ich heimlich gehofft hatte.

Er bezwang sich und gewann wieder seine große Haltung, quälte sogar seinem armen blassen Munde ein irrendes Lächeln ab. Nur war er nicht im stande, seinen Blick aus dem Leeren auf mich zurück zu richten. Trotzdem fühlte ich mich enttäuscht und verletzt.

Was, um Gottes willen, hatte meine tolle Eitelkeit eigentlich erwartet?

Eine Frau erträgt nichts weniger, als wenn ihr angedeutet wird, daß sie sich verrechnet hat; und wenn es auch nur um die niedrigste Zahl ist. Wir Frauen, die wir die menschgewordene Unkonsequenz sind, wollen stets aus allem die letzten Konsequenzen ziehen. Die kleinste Niederlage, die unsere wunderliche Logik erduldet, reizt uns. Und, einmal gereizt, beginnen wir ernstlich gefährlich zu werden.

Der Graf sagte:

»Ich brauche mich bei Ihnen wohl nicht zu entschuldigen?«

»Weil Sie grade keine besonders gute Nachbarschaft halten? Uebrigens weiß ich ja, daß Sie uns kleine Menschenkinder in den Bann thaten, daß Sie ausgezeichnet ohne uns kultiviertes Salongesindel leben können, und daß Sie zu den Privilegierten gehören, die dies ungestraft thun dürfen. Sie sind demnach von der Unterlassungssünde: in der Villa Taverna keine Karte abgegeben zu haben, feierlichst absolviert.«

»Sie sind sehr barmherzig.«

»Sagen Sie das ja nicht! Sie verraten dadurch –«

Hier machte ich eine kleine Kunstpause, um ihn zu zwingen, mich anzusehen. Er that es mit starker Ueberwindung, worauf ich ihn anlächelte wie ein Kind, dem man eine reizende Puppe geschenkt hat.

»Was könnte ich dadurch, daß ich Sie barmherzig nannte, verraten haben?«

»Daß Sie nicht sind, was zu sein Sie sich gewiß schmeicheln: gar kein Seelenkenner! Wenigstens kein Kenner von Frauenseelen.«

Er hörte kaum, was ich sprach ... Gewiß hatte er Nacht für Nacht auf der Galerie gestanden und nach meinem einsamen Lichte hinübergesehen – genau mit demselben Blick.

»Also wirklich?«

Da nahm er sich jedoch zusammen:

»Sie meinen also wirklich, ich kenne die Frauen nicht?«

»Nur in der Einbildung.«

»Demnach nur in der Lüge?«

»Man kann auch sagen: nur in der verklärenden Illusion.«

»Dann also nur in der schönen Lüge?«

»Wir Frauen sind nun einmal ganz anders, als wir scheinen.«

»Sie auch?«

»Ich auch! ... Ich habe über Sie und Ihre Frauengestalten viel nachgedacht.«

»Sie, Prinzessin?«

»In mancher der Nächte, in denen Sie mein Licht brennen sahen. Ich weiß, Sie sahen es brennen!«

Und ich blickte ihn mitleidslos an, immerfort lächelnd.

Wie bleich der Mann war!

Mit seiner Haltung d'un roi en exil, mit den Augen des Visionärs und den nach Glück dürstenden Menschenlippen war er totenbleich.

Er sagte – und ich hörte seinen schweren Atem:

»Sie dachten über meine Frauengestalten nach ... Würden Sie mir sagen, was Sie dachten?«

»Es wird Ihnen einerlei sein. Aber bisweilen, allerdings sehr selten, bin ich höchst unvorsichtig freimütig und wahrheitsliebend, was Sie von einer blasierten Weltdame gewiß sehr sonderbar finden werden.«

Er sprach nichts, er sah mich nur an.

»Also, was ich dachte? ... Ich dachte: da ist dieser Poet. Und dieser Poet ist einmal in seinem Leben einer Frau begegnet, der er seine ganze Seele gegeben hat. Und weil er keine Seele wiederempfangen, so hat er die seine in eine leere Hülle gelegt, hat sie ganz erfüllt mit Schönheit, Glanz und Wunderblumen, hat in diesem seelenlosen Weibe seine eigene schöne große Dichterseele angebetet ... Und er hat den Irrtum niemals erkannt; sondern hat nach dem Bilde dieser einen und einzigen Frau alle seine Frauen geformt, hat alle seine Frauen nach seinem eigenen Bilde geschaffen, in seiner Art also auch ein Prometheus. Und er stellte dieses Frauenideal, dieses Idol, vor uns hin und sagte: ›Sehet – das Weib! Und seht, das Weib ist eine Göttin! Kommt her, alle, die ihr mühselig und beladen seid, und laßt euch von dem alleinseligmachenden Weibe erlösen.‹«

So sprach ich zu dem armen verschollenen und vergessenen Poeten und wußte recht gut, daß ein Teufel aus mir zu ihm sprach.

Mit seinen verzückten Blicken und seinen zitternden Lippen erwiderte er:

»Und sollten wir uns etwa nicht vom Weibe erlösen lassen, erlösen von allem Jammer, aller Schuld?«

»Ich sage Ihnen: Ihr reines erlösendes Weib ist eine Fiktion! Das Weib bedarf selbst der Erlösung: der Erlösung durch den reinen Mann. So, wie wir sind, verfällt der Mann, der uns sich ergibt, der Verdammnis: entweder so oder so.«

Da fuhr er auf.

»Es ist nicht wahr! Ich sage Ihnen, daß es nicht wahr ist! Wenn ich wirklich die Frau nicht kennen sollte, wenn ich wirklich von ihr nur ein Scheinbild gedichtet hätte – wenn auch das nichts als Selbsttäuschung gewesen wäre, so käme ich damit um das einzige, was ich in früheren Jahren an meinen Werken für wert hielt, daß sie eine kleine Zeit dauern möchten, so ist meine Regierung als Dichter vollständig ... Aber es ist nicht wahr! Denn ich habe die Frau kennen gelernt – ich! Jene Frau, die das reine Himmelsbild, als welches ich das Weib hinstellte, auch ist: jene erlösende Frau, die liebt und leidet, die liebt und sich selbst vergißt, die liebt und stirbt und im Sterben noch lächelt: ›Es thut nicht weh, Pätus!‹«

Ich verstand sehr wohl, daß er von seiner schönen Maria sprach, daß er mir die gute Madama als Muster unseres Geschlechtes, als heiliges Urbild aller edlen und reinen Weiblichkeit hinstellte. Aber ich war grausam genug, mir den Anschein zu geben, als verstünde ich nicht, wen er meinte: seine eigene Frau – wie er die »Madama« gewiß nannte.

»Sie dichten schon wieder, Graf! Und Sie dichten wieder eine Ihrer alten Frauengestalten: das madonnenhafte Weib, das gar nicht Weib ist; sondern nur eine Abstraktion, ein in den Lüften schwebendes blutloses Schemen. Jene fleckenlose angebetete Maria war niemals Weib. Ein Weib, ein volles wahres Weib, war jene große Sünderin, auf welche die Pharisäer den Stein warfen.«

Und in diesem Ton sprach ich weiter und weiter ...

Um uns glänzten und gleißten die goldenen Ginsterflammen; und es glimmte und glühte in der Seele des Grafen.

Ich hatte den Brand hineingeworfen.

*

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.