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Villa Falconieri

Richard Voß: Villa Falconieri - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorRichard Voß
titleVilla Falconieri
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeDreizehnter Jahrgang. Band 1.
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correctorreuters@abc.de
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Von ihren wilden Wolfshunden begleitet, trat sie uns also aus den Buchsbäumen entgegen.

Die Meute stürzte auf uns zu, als wollte sie uns zerfleischen. Ein leiser, ganz leiser Ruf der Herrin hielt sie zurück. Winselnd sprangen die mächtigen Tiere an der Dame in Grau empor.

Es war ein Bild!

Ich bin wirklich eifersüchtig, eifersüchtig auf diese Madama! Schön ist sie gar nicht mehr; aber sie hat eine Stimme, eine Stimme – die meine ist dagegen gradezu unmelodisch. Mir ist solche Frauenstimme noch nicht vorgekommen.

Die Tragödin hatte sich bei dem Anblick der schönen Maria plötzlich belebt. Sie war nicht mehr mürrisch und nicht mehr müde. Sie setzte sogar eines ihrer süßesten Frou-Frou-Gesichter auf, schmückte sich mit dem allerliebsten Lächeln der »Locandiera«, und rief mit samtweicher Stimme:

»Ist das Ihre Frau? Aber sie ist ja wunderbar!«

Ganz deutlich und ganz laut sagte sie: »Ihre Frau«. Es war ein entzückender kleiner Coup! Ich fand ihn fast zu raffiniert und ärgerte mich darüber.

Der weltfremde Graf bewahrte vollkommen die Haltung eines verbannten Olympiers. Er antwortete nicht direkt; sondern sagte nur – und er sagte es sehr ruhig, sehr ernst:

»Das ist Maria.«

Ich fand ihn in diesem etwas bedenklichen Moment wundervoll distinguiert.

Die Neri in ihrer sublimen Rücksichtslosigkeit kehrte sich von nun an überhaupt an nichts anderes mehr als an ihre plötzliche Caprice. Sie beschäftigte sich angelegentlich mit der guten Maria, die allerdings ziemlich geschickt die Dame imitiert.

Solche Künstlerin ist doch aus Impulsen zusammengesetzt! Ich begreife nicht, wie man impulsiv sein kann. Bei mir ist alles Reflexion und Berechnung. Ich kann – ich versichere Dich – ich kann nicht ein Wort sagen, mich nicht auf einen Stuhl setzen, mir nicht die Handschuhe zuknöpfen, ohne vorher nicht eisig kühl überlegt zu haben, was ich sagen, wie ich mich setzen, wie ich mir die Handschuhe zuknüpfen soll.

Woher kommt das? Bin ich so geschaffen worden, oder bin ich lediglich das Produkt einer gewissen gesellschaftlich faulen Ueberkultur?

Aber wozu hierüber reflektieren? Ganz gleich, wodurch ich so geworden bin – da ich nun einmal so ward.

Ich ließ die Neri der Madama gegenüber ruhig die anstrengende Rolle der grande charmeuse spielen und blieb mit dem Grafen zurück. Unsere Unterhaltung, die ich einleitete und fortführte, lautete ungefähr so:

»Halten auch Sie einen Teil unseres heutigen Geschlechts: Männer sowohl wie Frauen, für früh gealtert und entnervt?«

»Ich weiß nur, daß ein junges Geschlecht da ist; und daß ich selbst zum alten gehöre.«

»Wer sich noch für etwas begeistern kann, ist beneidenswert jung.«

»Meinen Sie mich?«

»Sie leben ja beständig in Ekstase.«

»Ekstase, wofür?«

»Für – sagen wir, für die Einsamkeit, für die Schönheit ... Mir scheint unser heutiges Geschlecht eine sehr daseinsmüde Generation zu sein – wenigstens ist sie eines ehrlichen Enthusiasmus psychisch und physisch vollkommen unfähig. Unter der Sonne gibt es nichts, wofür diese neue junge Generation sich begeistern könnte. Es müßte denn sein, daß sie über sich selbst in Entzückung gerät.« ›Und Sie?‹

»Ich bin nur ein Typus des jungen modernen Frauengeschlechts.«

»Des jüngsten und modernsten?«

»Allerdings gehöre ich zu jener Spielart, die der Emotionen bedarf, die ohne Emotionen gar nicht existieren kann. Und zwar müssen es sehr raffinierte Emotionen sein.«

»Was verstehen Sie unter ›raffinierten Emotionen‹? ... Ich muß wie ein Schulknabe fragen.«

»Raffinierte Emotionen nenne ich gewisse verfeinerte Seelenschwingungen, die wie Haschisch wirken. Sie erkundigen sich danach am besten bei der großen Tragödin, welche die ganze Skala von Emotionen, soweit sie einer Frau überhaupt zugänglich sind, abspielt wie ein Virtuos seine Bravourstücke. Ist sie doch selbst nichts anderes als solche allersubtilste Nervensache, als Künstlerin sowohl wie als Weib.«

»Und das heißt man dann eine ›moderne Frau‹?«

»Und eine moderne Frau heißt man die Selbstentwickelung des Weibes. Endlich entdeckte die Frau sich selbst – gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts! Es wäre dafür immer noch Zeit genug gewesen; denn viel wird dabei wohl nicht herauskommen. Schönheit gewiß nicht. Nur ein ewiger Wechsel, ein beständiger Kontrast, ein endloser Widerspruch, Und das ist doch grade nicht sehr erquicklich.«

»Jedenfalls findet die moderne Frau sich selbst sehr interessant?«

»Jedenfalls ist sie über sich selbst etwas erstaunt. Und dann – die lange, lange Ungewißheit hat wenigstens aufgehört.«

»Ungewißheit, worüber? Sie sehen, ich bedarf Ihrer Belehrung.«

»Ungewißheit über die wahre Bestimmung der Frau.«

»Ist dies die Emanzipation?«

»Aber nein!«

»Was nennen Sie dann die ›wahre Bestimmung der Frau‹?« »Vielleicht das ewig Weibliche. Also das ewig Zärtliche, das ewig sich Hingebende.«

»Also Liebe, Leidenschaft?«

»Das sind gar erhabene Worte! Halten Sie unser heutiges Geschlecht für fähig, Leidenschaft fühlen zu können? Die große Leidenschaft!«

»Sie zweifeln daran?«

»Sehr.«

»Ihre ewige Weiblichkeit schließt demnach die Leidenschaft vollkommen aus?«

»Sie ist nur für Götter; und da es keine Götter mehr gibt...«

»So gibt es auch keine Leidenschaft mehr?«

»Gott sei Dank, nein.«

Nach diesem Geschwätz, das nur dazu dienen sollte, um den Herrn über mich zu verwirren, entfernen wir uns. Die impulsive Tragödin umarmte beim Abschied die Madama zärtlichst. Ich hatte kein Wort mit ihr gesprochen.

Ich habe auch den Grafen nicht aufgefordert, mich in der Villa Taverna zu besuchen.

Vielleicht kommt er ohne Aufforderung.

Die Neri war sogleich wieder mürrisch und müde. Ich fragte sie lächelnd:

»War ich sehr kokett gegen Ihren armen Poeten?«

Sie würdigte mich gar keiner Antwort.

Ich war aber auch wirklich sehr, sehr kokett.

*

Das eine will ich noch hinschreiben:

Die zwei einsamen Menschen in der Villa Falconieri sind zwei sehr unglückliche Menschen.

Die Frau empfindet für den Mann wirklich eine große Leidenschaft. Aber es ist jene Leidenschaft, die so hoffnungslos ist wie der Tod; denn:

Er liebt sie nicht wieder!

Also weiß seine einsame lechzende Seele nichts von dem himmlischen Feuer? ... Nein – noch weiß sie nichts davon!

Aber es kommt der Tag, an dem sie davon wissen wird: so viel davon wissen, daß es sie umbringt! Denn dieser Mann hat Augen, wie ein Mensch sie haben muß, der fähig ist, an einer großen Leidenschaft zu Grunde zu gehen.

Und auch dieses sollst Du noch erfahren:

Es freut mich, daß er die Madama nicht liebt.

Es freut mich von ganzem Herzen!

Denn ich gönne dieser Frau nicht diesen Mann.

Weißt Du, was ich bin?

Nein!

Aber ich weiß es.

Ich bin nicht nur eine unverbesserliche grande mondaine; ich bin vor allem eine herzlose bösartige satanische grande coquette.

Ich habe Dir gebeichtet. Deine Absolution will ich nicht; denn:

Ich will mich nicht bessern.

Der Herr sei meiner armen Seele gnädig.

Villa Taverna-Borghese, 3. Mai.

Die Neri scheint am Cypressenteich eine neue Rolle zu studieren, so häufig ist sie in der Villa Falconieri.

Sie sprach mit mir kein Wort über die beiden einsamen Menschen; und ich fühle, daß sie mich beobachtet und beargwöhnt. Sie scheint aus der Koketterie, die ich bei meiner Begegnung mit dem Grafen sehr glücklich entwickelte, Gott weiß was für tragische Schlüsse zu ziehen und dadurch bei mir einen vollständigen Mangel an gutem Geschmack vorauszusetzen. Selbst für eine Caprice wäre der Fall da oben ganz und gar – nicht mein Fall!

Möglicherweise fürchtet sie für die Ruhe ihres Dichters. Aber diese soll ja wohl Kirchhofsruhe sein? Sie etwas zu stören, den Grafen für seinen hochmütigen Wahn – denn es ist Hochmut, zu glauben, die ganze Welt entbehren zu können – etwas zu züchtigen, würde meiner Eitelkeit vielleicht schmeicheln. Immerhin ist er nicht der erste beste; also nicht einer von jenen Larven, die mich umwimmeln.

Es ist in der That das erste wahre Menschengesicht, welches ich bei einem Manne erblickt habe – bei der Frau ist es, außer Deinen reinen stolzen Zügen, meine geliebte Madame Charme, nur noch mein eigenes Gesicht!

Allein aus diesem Grunde würde es der Mühe lohnen, meine Evanatur ein wenig spielen und schillern zu lassen. Aber sei ruhig, liebe ängstliche Seele! Ich will Großmut üben und mich mit dieser einen Probe begnügen – da sie ziemlich gelungen ausgefallen zu sein scheint.

Daß ich ein einziges Mal so recht nach Herzenslust kokett war, ist mir wahrhaftig nicht zu verdenken bei dieser grenzenlosen gespenstischen Oede in mir. Eine echte Frau muß kokett sein! Das ist für die Frau einfach Naturnotwendigkeit. Nun konnte ich bisher meiner Natur nicht folgen; denn mit wem hätte ich wohl kokettieren sollen?

Etwa mit dem Prinzen? Mit diesem raffinierten blasierten entnervten Liebeskünstler und brutalen Egoisten, der zufällig mein Mann ist? Oder mit dem ganzen übrigen Schwarm von seinesgleichen?

Etwas in meiner Natur ist daher – ich fühle es! – dem Verkümmern und Verkrüppeln nahe; und zwar ist dieses untergehende Etwas schließlich alles. Es ist das ganze Weib in mir! Um mich weniger tragisch, um mich ziemlich frivol auszudrücken: diese Verstümmelung meiner Weibnatur, die ich mir ohne Unterlaß selbst zufüge, entstellt meine Schönheit. Denn nicht bis in die Fußspitze hinein Weib zu sein, ist nicht weniger häßlich, als ein lahmes Bein zu haben, einen schiefen Rücken, oder eine rote Nase.

Denke doch, eine rote Nase – entsetzlich!

Willst Du, daß Deine allerliebste Viviane ein Ungetüm sein soll? Du siehst, daß ich für meine Koketterie mit dem armen Grafen immer mehr Gründe finde. Doch wiederhole ich Dir feierlichst: ich lasse es an diesem einen Mal genug sein.

Weshalb?

Nicht aus sogenannter Moral!

Ich schwöre Dir zu: wahr und wahrhaftig nicht aus einer abgestandenen engbrüstigen altjüngferlichen Tugendhaftigkeit; sondern lediglich aus Laune. Du weißt, das ist für uns Frauen der Grund aller Gründe. Eine höhere Instanz, bei der wir wider uns selbst Berufung einlegen könnten, gibt es für uns nicht.

Uebrigens hat der Graf von seinem Sonderlingsrechte besten Gebrauch gemacht und in der Villa Taverna keine Visite abgestattet. Vielleicht steckt die große Tragödin dahinter. Dieses Künstlervolk bildet ja untereinander einen Geheimbund – genau so wie die Leute der Gesellschaft, die der Trieb der Selbsterhaltung wie Galeerensklaven zusammenkettet. Auch weiß ich ja, daß die Neri den Dichter der ›Agrippina‹, dem sie Dank schuldig ist, für ein kleines psychologisches Experiment viel zu gut hält.

Aber der arme Graf hat schlechtere Nächte als je; denn sein einsames Licht leuchtet jetzt bis in den hellen Tag hinein. Allerdings leistet meine nächtliche Flamme der seinen treue Gesellschaft.

Gestern nacht bekam ich plötzlich die fixe Idee: ›Jetzt steht der Graf auf der Galerie, die um sein Zimmer läuft, und schaut herüber.‹ Um mich von meiner Einbildung zu heilen, nahm ich mein Glas, begab mich in ein Nebenzimmer, und richtig – dort stand er! Deutlich hob sich seine Gestalt vom hellen Hintergrund des erleuchteten Fensters ab.

Vielleicht war es ein Zufall.

*

Schrieb ich Dir bereits, daß ich mir Cola Campanas sämtliche Werke kommen ließ, und daß ich seine sämtlichen Werke jetzt lese? Aus reiner Neugierde!

Zum erstenmal seit meiner Klosterzeit liegt auf meinem Lesepult kein französischer Roman. Die Gegensätze zwischen dieser und jener Lektüre sind merkwürdig; denn bei Cola Campana scheinen die Frauen eines ganz andern Zweckes wegen auf Erden zu sein als bei den Franzosen. Meiner Natur nach sollte es mich langweilen; doch eben der Kontraste wegen interessiert es mich.

Wir werden ja sehen ...

Die große Tragödin will mich bald verlassen, und – ich halte sie nicht zurück.

Diese Schauspielerinnen sind verwöhnter als eine Königin und kapriziöser als la plus grande mondaine du monde! Der Prinz benimmt sich nach wie vor wundervoll lächerlich mit seinen krampfhaften Versuchen, von der Tragödin unwiderstehlich gefunden zu werden – obgleich das Weib Assunta Neri ihn absolut nicht reizt. Es ist nur seine Eitelkeit, die sie haben will. Allein um dieser Komödie willen war es hübsch, die große Dame bei mir gehabt zu haben.

*

Heute sprach sie mit mir über den Grafen und die Madama. Ich war anfangs etwas zerstreut, hörte also zuerst schlecht zu. Erinnere ich mich recht, so begann sie das Gespräch folgendermaßen:

»Sie ist ein ganzes Weib; aber er ist zu sehr verträumt und in sich selbst verloren, um ein ganzer Mann zu sein. Sie will nichts anderes, als lieben und geliebt werden – also nichts anderes, als Weib sein; er dagegen denkt nur daran, sich selbst zu verleugnen und seinem eigenen leidenschaftlichen Ich zu entfliehen. Sie geht an ihrer vollen Weiblichkeit, die sie nicht bethätigen kann, zu Grunde; und er daran, daß sie nicht die Frau – nicht die eine und einzige Frau ist, die für diesen einen und einzigen Mann geschaffen ward. Uebrigens ist von den beiden sie die weitaus wertvollere Existenz.« »Weil sie nach der Liebe des Mannes schmachtet und wahrscheinlich verschmachten wird?«

Da ich die schöne Maria nun einmal nicht leiden kann, sprach ich ziemlich wegwerfend von ihr. Die Neri sah mich mit ihren melancholischen Tragödinaugen so groß an, daß ich mich ärgerte, und sagte:

»Wollen etwa Sie deswegen die arme Frau verächtlich finden?«

Jetzt ward ich böse:

»Weshalb betonen Sie so scharf, ob ich die Dame deshalb verächtlich finde?«

Jetzt lächelte sie; und jetzt war sie sofort wieder reizend. Aber ihr Lächeln war sehr traurig.

»Weil auch Sie eine Schwester der schönen Maria sind. Wir alle, die wir echte Frauen und nichts anderes als echte Frauen sind, müssen uns Schwestern der armen Maria nennen.«

Empört rief ich:

»Ich sollte schmachten und schließlich verschmachten!... Wonach schmachten? Meine Frauennatur zu erfüllen? Weswegen verschmachten? Weil ich meine wahre Natur nicht erfüllen – nicht die Sklavin, das Geschöpf, die Geliebte eines Mannes sein kann, des ganz bestimmten einen und einzigen Mannes, für den ich eigens geschaffen ward?«

Ich war wirklich geärgert. Doch die Tragödin blieb gelassen und schwermütig.

»Ich wüßte nicht, was ich Ihnen Besseres wünschen könnte.«

»Als was?«

»Als eine große Leidenschaft.«

Es durchschauerte mich plötzlich ... Es war jenes eigentümliche zitternde fröstelnde Schauern, welches uns überfällt, wenn jemand über unser Grab gehen soll.

Warum mußte sie aber auch grade die Phrase von der großen Leidenschaft brauchen?!

Ich rief: »Eine große Leidenschaft ... Wie sollte ich dazu kommen? Was sollte ich damit anfangen? Ich bin gar nicht im stande, eine große Leidenschaft zu empfinden, will dazu gar nicht im stande sein! Sie kennen mich eben nicht, Sie überschätzen mich.«

Und ich lachte hell auf.

»Ich möchte sie Ihnen gönnen,« sagte die seltsame Frau langsam und leise.

Ich erwiderte sehr erregt:

»Wie können Sie mir etwas gönnen wollen, was nun einmal nicht in meiner Natur liegt? Ich bin ja viel zu kokett, viel zu äußerlich, zu mondaine und zu klein, um einer großen Leidenschaft überhaupt fähig zu sein. Es weiß ja kein Mensch, wie klein und erbärmlich ich bin!«

Und in einem Anfall von Tollheit – denn etwas anderes kann es nicht gewesen sein – glitt ich auf den Teppich und der Tragödin zu Füßen nieder, umfaßte sie mit beiden Armen, verkroch mich mit dem Kopf in ihren Schoß und begann herzbrechend zu schluchzen.

Stelle Dir vor: ich, Deine kleine niederträchtige satanische Viviane, begann herzbrechend zu schluchzen.

Ich war also einfach verrückt; und sie benahm sich einfach himmlisch. Ich glaube, sie sagte mir:

Ich wäre ein armes süßes Ding, sie hätte mich sehr lieb und ich thäte ihr schrecklich leid. Denn ich gehörte zu denjenigen Frauen, deren Natur verkümmerte.

Und sie sagte mir ferner:

»Das Geschwätz von der berühmten Souveränität der Frau ist Unsinn! Eine Frau ist nur souverän in der Liebe und im Leiden, unumschränkte Herrscherin nur in der Hingabe ihres ganzen Selbst.«

Und sie sagte mir zum Schluß:

Sie halte mich durchaus für fähig, eine große Leidenschaft zu empfinden, ganz darin aufzugehen! Es wäre wie Flammentod der Seele in einem himmlischen Feuer.

Sie sprach zu mir, wie zuvor noch niemals ein Mensch gesprochen hatte, wie ich nicht für möglich gehalten, daß jemals jemand zu mir sprechen würde. Sie war sehr, sehr traurig; aber sehr groß – herrlich groß!

Du kannst den Eindruck, den ihre Rede auf mich machte, gar nicht begreifen. Zum erstenmal ging mir eine Ahnung davon auf, daß ich vielleicht doch etwas mehr wäre als eine unverbesserliche Mondaine; und daß von den beiden Seelen in mir die eine doch noch einmal groß und gut empfinden könnte. Denn ich will nicht, will nicht, will nicht so erbärmlich in mir selbst verbrennen, will nicht aufhören zu leben, bevor ich überhaupt gelebt habe.

Höre es, göttliche Vorsehung! Und höre es, gemeiner Zufall:

Ich will nicht!

*

Assunta Neri ist abgereist.

Sie ist zu Tode erschöpft. Aber sie muß Komödie spielen; denn sie will Geld verdienen. Sie geht mit ihrer Truppe nach Rußland.

Wann werde ich sie wiedersehen?

Wie werde ich sie wiedersehen?

Sie scheint wirklich nicht zu wünschen, daß ich dem Grafen wieder begegne. Aber sie denkt dabei weniger an ihn als vielmehr an die Madama, die den Grafen liebt, von ihm nicht wiedergeliebt wird und daran allmählich zu Grunde geht ... Bildet sie sich etwa im Ernst ein, ich könnte mit der guten Maria rivalisieren wollen?

Demnach müßte ja der Graf der eine und einzige Mann sein, der –

Welch ein Gedanke!

Schließlich ist er eben doch schon ein alter, wenigstens ein alternder Mann ... Und die Jugend ist etwas so Köstliches, Berauschendes, Seligmachendes!

Aber Assunta Neri ist fort! Und durch ihren Verlust empfinde ich plötzlich ihren Wert in vollstem Umfange. Sie ist solche Ganzheit – ich weiß es nicht besser auszudrücken. Alles an ihr ist ungeteilt und ganz. Die Leute nennen sie eine große Künstlerin ... Ich möchte sie viel einfacher einen großen Menschen heißen.

Weißt Du: es ist doch etwas Geheimnisvolles und Wundervolles um die Wirkung eines solchen Geistes auf andere schwache Geister. Man mag wollen oder nicht, man mag sich sträuben und dagegen sich auflehnen; aber die Wirkung des wahrhaft Großen ist doch so mächtig, daß man selbst daneben weniger klein erscheint.

Man muß sich allerdings auf die Fußspitzen stellen.

Assunta Neri ist fort! An der Leere, die sie zurückläßt, fühle ich, daß sie dagewesen ist; und daß ich – recht einsam bin.

Jede Nacht grüße ich jetzt das einsame Nachbarlicht. Fast jede Nacht sehe ich den Grafen auf der Galerie stehen und zu seiner hellen Gefährtin in der Finsternis hinübergrüßen.

*

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