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Villa Falconieri

Richard Voß: Villa Falconieri - Kapitel 12
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typefiction
authorRichard Voß
titleVilla Falconieri
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeDreizehnter Jahrgang. Band 1.
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Heute entdeckte ich, daß gleich hinter unserer Pinienwiese ein grünes Pförtlein direkt in die Oliveta der Villa Falconieri führt. Das Pförtlein ist verschlossen; aber der Gärtner hat den Schlüssel, wie mir die Kammerfrau verriet. Einen Schlüssel hat auch der Gärtner von der Falconieri.

Das grüne Pförtlein paßt demnach gut in einen kleinen sehr intimen Roman. Schade um die schöne Gelegenheit, die ich mir entgehen lassen muß. In dem Roman meines Lebens weiß ich mit einem Pförtlein nichts anzufangen.

Morgen gehen meine sechsundzwanzig mauvefarbenen Blätter an Dich ab, meine geliebte Reizende! Und jetzt drücke ich meine weißen weichen Wangen an Dein stolzes kühles Gesicht und sage Dir gute Nacht; denn es ist spät geworden, vielmehr bereits früh.

Ja, liebste Seelsorgerin, ich will es Dir nur bekennen: ich habe wieder schlechte, schlechte Nächte! Weder Morphium noch Sulfonal helfen Deinem armen Beichtkinde mehr. Nichts hilft mir! Nichts hilft mir, als des Nachts stundenlang, stundenlang umherzuwandern, bis ich zu Tode ermattet hinsinke.

Uebrigens bin ich hier nicht der einzige Mensch, der nicht schlafen kann ... Wenn ich in einem Delirium von fiebernder Erschöpfung mein Fenster aufreiße, so sehe ich dicht über mir einen Stern schweben.

Es ist jedoch kein holdes Himmelslicht; sondern die Petroleumlampe des verschollenen Poeten in der Villa Falconieri.

Der Mann muß auch schlechte, schlechte Nächte haben; denn Nacht für Nacht glüht über mir der große Funken.

Erst wenn der Morgen graut, erlischt er.

Ob die beiden einsamen Flammen sich wohl verstehen würden, wenn sie zu einander sprechen könnten?

Schwerlich.

Gewiß gar nicht!

Aber dem Schlaflosen dort oben muß gegen seine schlechten Nächte auch nichts mehr helfen können. Nicht einmal die Arme der wunderschönen Maria, die er einem andern Manne fortnahm; nicht einmal seine famose »große Leidenschaft«.

Du siehst, in dem einen sind wir beide Leidensgefährten: Deine wunderliebliche, nixenhafte, unverbesserlich weltliche, unaussprechlich melancholische Viviane, und der alt und fett gewordene Sänger der Schwermut.

Wir armen Schlaflosen!

*

Fort und fort höre ich es in mir brausen und fluten und stürmen: »eine große Leidenschaft, eine große Leidenschaft!«

Die Phrase hat sich in meine Seele gefressen.

Ein Königreich für eine große Leidenschaft, die Welt für eine große Leidenschaft, das Leben, die Seligkeit!

Man muß sie nur fühlen können, kleine dumme Viviane.

Villa Taverna-Norghese, 15. März.

Du verschwendest Deine Sorge um mich schimmerndes schillerndes ruschliges Eidechslein, liebe Barmherzige. Ich sterbe ganz gewiß nicht an der Schwindsucht! Mein Blutspeien bedeutet nichts als eine neue Nuance aus der unendlichen Skala weiblicher Koketterieen oder Raffinements – wenn Du es durchaus so nennen willst. Das Leben ist viel zu häßlich; und ich bin viel zu reizend, um eines so unschönen Todes, wie Schwindsucht ist, überhaupt sterben zu können. Dieses schauderhaft häßliche Leben ist mir ein himmlisch schönes Sterben schuldig. Ich weiß noch nicht recht, welche Todesart es sein wird. Aber ich finde es gewiß; und dann –

Der Prinz ließ sich in Camaldoli in die Zelle sperren, die König Jacob III. von England bewohnte. Aus diesem frommen historischen Gemach schreibt er mir täglich ein zärtliches Gattenbillet. Demnach müssen die Episteln, die er täglich durch seinen Kammerdiener an seine römische Freundin expedieren läßt, höchst zerknirscht und moralisch sein. Ich lebe hier, als ob ich seit jeher hier gelebt und von der Welt niemals etwas anderes erblickt hätte als dieses tragische Landschaftsbild der römischen Campagna, durch die finsteren Wölbungen der Steineichenwipfel gesehen. Das sind Kontraste! Diese große Natur und meine winzige Seele ... Findest Du es nicht auch merkwürdig, daß ich hier vor Langeweile noch nicht umkomme?

Stelle Dir vor: abends besuchen mich bisweilen einige gute Landpastoren – mich! Ist das nicht zu komisch? Ihre schwarzen, sehr würdigen Gewänder und meine schimmernden fließenden leider sehr weltlichen Draperieen! Sie werden mit Limonade und Kuchen gefüttert; und ich unterhalte sie nach der alten, guten Lebensregel: »mit den Wölfen muß man heulen.«

Ich wollte, Du hörtest einmal Deine kleine raffinierte Lebenskünstlerin mit den geistlichen Herren Konversation machen. Ich schwatze über Frascataner Wein und Olivenöl wie ein wohlhabender Frascataner Bauer; über die demnächst erfolgenden heiligen Schauspiele der Sepolcri und der Fronleichnamsprozession, sowie über die sündhaft hohen Steuern einer unchristlich römischen Regierung wie ein schwerbedrückter kinderreicher Familienvater, und über den sensationellen, hier in Frascati stattgefundenen Skandal der armen Herzogin M....wie ein gutmütiger Pharisäer, der den Stein aufhebt, aber schließlich damit nicht wirft.

Du siehst, ich bin vielseitig.

Natürlich beschwatzen wir auch die Leute von der Villa Falconieri; doch kommt dabei nicht viel heraus. Die wunderschöne interessante Madama ist eben in Gottes Namen – »Madama«. Meine frommen Gäste können es auch nicht ändern: » Come si fa?« Und der Dichtergraf... Was für ein Mann das ist: » Chi lo sa?« Die Hirten von Tusculum und Kohlenbrenner von Rocca-di-papa lieben ihn; die Mönche von Camaldoli und der Rusinella halten ihn für keinen besonders guten Christen, aber doch für einen » buon uomo«; seine Dienstleute betrügen und bestehlen ihn nicht; die Vogeljäger hassen ihn, und die übrige Frascataner Menschheit kümmert sich nicht um ihn. Das ist alles.

Auch meine trübe kammerfrauliche Quelle ist erschöpft. Also muß ich wohl oder übel mich selbst zu orientieren suchen; denn ich habe mich nun einmal kapriziert, auf die beiden Leutlein in der Villa Falconieri neugierig zu sein.

*

Gestern war ich in Rom, um Assunta Neri spielen zu sehen. Sie gab die »Kameliendame«.

Was ist das nur mit dieser Frau?!

Ihre Kunst hat etwas so Verschleiertes, Geheimnisvolles, Sphinxhaftes. Es ist wie ein Mysterium. Die Kunst der Assunta Neri, die im Grunde genommen gar keine Kunst ist, beunruhigt und erregt mich bis in alle Nerven hinein. Ich muß in Erfahrung bringen, welche Bewandtnis es damit hat; denn es steckt etwas dahinter, etwas, was sich groben Organen verbirgt. Mir ist, als könnte die Kunst der Neri, die die natürlichste Natur ist, nur eine Frau vollkommen begreifen. Vielleicht nur eine unglückliche Frau?

Ob ich sie dann wohl verstehen würde?

Ich will ja aber nicht unglücklich sein!

*

Wieder war ich in Rom; und – denke Dir: ich habe Assunta Neri besucht! Sie empfing mich; aber sie ließ mich antichambrieren. Das gefiel mir von ihr. Wir große Damen, mögen wir gegen die Kunst auch noch so bezaubernd liebenswürdig sein, sind auch den größten Künstlern gegenüber stets protegierend, gnädig, herablassend und unausstehlich hochmütig. Hier ist endlich einmal eine große Künstlerin, die sich herabläßt, gnädig gegen eine große Dame zu sein. Ich hätte die Frau für ihren sublimen Hochmut umarmen mögen.

Also: Ihre wirkliche Hoheit Assunta Neri hatten die Gnade, mich armes Prinzeßlein zu empfangen und zwar in einem höchst einfachen schwarzen Kleide. Ihre Hoheit hatten, trotzdem ich lange warten mußte, nicht einmal Toilette für mich gemacht.

Die große Tragödin sah sehr elend aus und war gar nicht schön – absolut nicht schön! Ihr Teint ist direkt häßlich. Dabei war sie nicht einmal gepudert. Ihr großes dunkles müdes Auge wirkt im Zimmer fast noch mehr als auf der Bühne, und ihr Mund ist gradezu entzückend melancholisch.

Sie hat Augen, die viel geweint, Lippen, die viel geseufzt und geschluchzt haben müssen ...

Sie war nicht liebenswürdig. Sie war wirklich ganz und gar nicht liebenswürdig! Aber ich dachte: »O, das thut nichts. Sei du nur recht unliebenswürdig. Du wirst gewiß noch anders werden. Ich versichere dich, meine große Dame: du wirst! Denn ich will dahinter kommen, weißt du: und was ich einmal will –«

Wir hatten uns gesetzt. Da sie beharrlich schwieg, so mußte ich schließlich reden. Es fiel mir nicht ein, ihr zu sagen, was man ihr gewiß gewöhnlich sagt. Also nichts von Bewunderung, Entzücken, Ekstase – nicht ein Wort! Das kam ihr denn doch sehr merkwürdig vor. Sie betrachtete mich mit mattem Erstaunen, und ihr verwunderter Blick schien zu fragen; »Was bist denn du für ein sonderbares kleines Wesen? Und was willst du eigentlich bei mir? Wir beide haben nichts miteinander zu schaffen, absolut gar nichts!«

Aber ich wollte sie schon liebenswürdig bekommen; o, ich wollte –

Also war ich denn charmant: ganz einfach, durchaus natürlich charmant! Ich plauderte, wie das eben meine Art ist, von Himmel und Hölle, von Menschen und Dingen, von Toiletten und Spitzen, von offenkundigen Skandalen und verschwiegenen Liaisons; kurzum, von allem Möglichen und Unmöglichen unter der Sonne, nur nicht ein Wort von Assunta Neri – nicht ein Wort! Mit unaussprechlicher stummer duldender Verachtung hörte die große Tragödin mir zu, sagte nicht eine Silbe – sagte mit jeder Miene, jedem Blicke: ›Ich höre dich nur an, weil ich dich studieren will. Vielleicht kann ich einmal dieses oder jenes von dir auf der Bühne brauchen – wenn es mir der Mühe lohnen sollte. Aber ich glaube schwerlich.‹

Ich sprach von der großen Welt. Sie erwiderte in einem ganz impertinenten Tone:

»Ich weiß nichts von der großen Welt. Sie geht mich nichts an, sie existiert nicht für mich. Was sollte ich wohl mit diesen Leuten anfangen? Sie imitieren? Wenn ich eine große Dame vorstelle, so bin ich eben eine große Dame. Ich bilde mir ein, daß ich es vom Kopf bis zu Füßen bin. Aber im Leben – ich wüßte nicht einmal, wie ich mit diesen Leuten reden sollte.«

Ich machte mein reizendstes Lächeln und sagte so recht unverschämt nachlässig:

»Es ist wirklich gar nicht so schwer, alles kommt lediglich auf eine gewisse große Manier an. Uebrigens können Sie es ganz gut. Man muß nur mit diesen Leuten mitunter etwas insolent sein.«

Jetzt machte sie denn doch große Augen! Ich dachte:

›Aergere dich nur, ich bekomme dich doch.‹

Dann warf ich hin:

»Sie haben sehr recht. Was thäten Sie auch mit uns? Wir sind gar so entsetzlich öde. Die reinen Attrappen! Noch dazu Attrappen ohne jeden Inhalt. Eine Frau Ihres Schlages muß uns von ganzem Herzen verachten.«

Jetzt fixierte sie mich:

›Höre, du kleines Wesen! Bist du etwa auch eine Komödiantin? So eine Salon-Neri! Erspare dir die Mühe, mit mir kannst du dich ja doch nicht messen.‹

Das kann ich auch wahrhaftig nicht. Zwar sind wir große Damen große Komödiantinnen; aber die Assunta Neri ist keine Komödiantin. Und das – grade das ist ihr Genie! Sie war jedoch entschieden geärgert, und das – grade das freute mich!

Mit einer wundervollen Gebärde der Langeweile, der Erschöpfung und des Ueberdrusses meinte sie:

»Diese Leute verstehen nur, was sie selbst sind. Eher könnte dem Volke Kaviar schmecken, als daß diese Leute begriffen, was Kunst ist. Da quälen sie mich ewig mit ihren gedankenlosen Fragen: »Nicht wahr, es ist furchtbar schwer, so natürlich zu spielen wie Sie? ...« Solcher Unsinn! Es ist gar nicht schwer. Nichts ist leichter. Es wird zum Beispiel ›Odette‹ gegeben. Ich stelle die Odette dar. Nun gut! Ich ziehe mich an, gehe auf die Bühne und – bin eben Odette. Es ist ganz selbstverständlich, daß ich dann Odette bin. Ich kann mir, bin ich diese Frau, unmöglich vorstellen, daß ich einmal die ›Kameliendame‹ oder ›Feodora‹ oder ›Nora‹ gewesen bin, daß ich jemals etwas anderes sein werde als ›Odette‹... Und dann machen die Leute solches Geschrei davon. Es degoutiert mich.«

Ich dachte: ›Aha, meine Liebe! So bist du also? Jetzt sprichst du selber von dir. Ich that es nicht, meine Liebe. Ich mache kein Geschrei davon, obgleich ich auch zu »diesen Leuten« gehöre.‹

»Man merkt Ihnen an, daß bei Ihrem Spiel absolut keine Kunst ist,« meinte ich, genau so gleichgültig, wie wenn ich meinen Fächer hinlege.

Sie wurde immer gereizter, nervöser, geärgerter.

»Ich hasse das Komödienspielen! Schon als ganz kleines Kind haßte ich es; denn schon als ganz kleines Kind mußte ich spielen. Es war mir widerwärtig. Ich zeigte es dem Publikum so deutlich wie möglich, spielte so gleichgültig wie möglich – gradezu unverschämt gleichgültig. Das Publikum hätte mich von Rechts wegen auszischen müssen. Es zischte mich nicht aus; sondern ließ sich meine Unverschämtheit gefallen. Das war aber auch alles; denn keinem Publikum fiel es ein, viel Wesens von mir zu machen oder mich gar für ein Unikum zu halten ... Ich spielte in der Truppe meiner Eltern, die aus dem Komödienspielen ein Handwerk machten – schon seit Generationen. In meiner Familie mußte die Kunst schon seit Generationen nach Brot gehen. Dadurch wurde sie mir nur um so widerwärtiger.«

»Natürlich! Da die echte Künstlerin lediglich der Kunst wegen da ist,« sagte ich mit einem kleinen Lächeln, welches entzückend infam war.

»Ich spielte damals Theater, weil ich in Gottes Namen Theater spielen mußte; und jetzt spiele ich –«

»Um den Ruhm?«

»Nein! Um das Geld. So wird man schließlich – wenn man mit dem Ruhm nichts anzufangen weiß, wenn der Ruhm einem genau so gleichgültig ist wie alles im Leben.«

»Wie wurden Sie eigentlich so weltberühmt? Jetzt darf ich Sie ja wohl danach fragen!«

»Wie ich berühmt wurde? Durch eine Brutalität des Publikums.«

»Wirklich?«

»Kein Mensch kümmerte sich um mich. Ich spielte, spielte, spielte. Wir zogen von einer kleinen Stadt zur andern. In jeder Stadt spielte ich, in jeder Stadt wurde ich geduldet, bisweilen so obenhin beklatscht, und – das war alles! Durch einen Zufall kam ich zu einer anderen größern Truppe. Wir zogen von Stadt zu Stadt, ich spielte, spielte, spielte. Auch in den größeren Städten mochte kein Publikum mich leiden; aber jedes Publikum nahm mich so hin. Wir kamen nach Rom und spielten im Valletheater. Ich war noch nicht aufgetreten. Zugleich spielte in Rom die M...., eine der größten Künstlerinnen, die Italien jemals gehabt hat. Ueber ein Menschenalter hatten ihre lieben Landsleute ihr zugejauchzt, sie auf Händen getragen, sie einen ›Stern‹ Italiens genannt. Aber die Frau war darüber alt geworden; und ihre lieben Landsleute mochten die alte Frau auf der Bühne nicht mehr sehen – da sie noch immer die ›Kameliendame‹ und die ›Feodora‹ spielte. In Rom wurde ihr Fall geplant, vorbereitet und ausgeführt. Die erste beste Debütantin sollte auf den Schild gehoben werden, damit die alte große Künstlerin von ihrem Thron herabgestürzt würde. Diese erste beste junge Debütantin für die Römer war zufällig ich.«

»Und?«

»Und man bejubelte mich ... Man bejubelte die erste beste junge Debütantin so toll; man schwieg die alte große Künstlerin so tot, daß ich berühmt wurde und sie vergessen ward.«

»Sie müssen aber doch genial gespielt haben! Jetzt darf ich's Ihnen ja wohl sagen.«

»Genial, genial! Ich spielte nicht anders, als ich immer gespielt hatte. Ich spielte, wie ich meiner Natur nach spielen mußte. Bis dahin hatte sich keine Seele um mein natürliches Spiel gekümmert. Und jetzt plötzlich diese Römer! Sie thaten, als wäre im Valletheater die Schauspielkunst vom Himmel herab auf die Bühne gefallen. Ich verstand gar nicht, was sie mit ihrem Rasen eigentlich meinten. Ich hatte meine Rolle wie immer leidlich gut auswendig gelernt und nach meiner Art abgespielt. Das war alles.«

»In welchem Drama debütierten Sie damals in Rom?«

»In der ›Agrippina‹ von Cola Campana.«

»Von dem Dichter-Grafen?«

»Kennen Sie ihn?«

»Gar nicht. Er ist ja ein toter Mann.«

»Weil er nicht mehr schreibt? Das ist für ihn ein Glück.«

»Sie meinen, weil er kein Talent hat?«

»Weil sein Talent einer anderen Zeit angehört: einer vergangenen, überwundenen.«

»Glauben Sie nicht, daß er noch einmal wieder lebendig werden könnte?«

»Ich will es ihm nicht wünschen. Der Tod ist etwas zu Herrliches.«

»Auch der geistige Tod?« »Wenn es nur Tod ist! Es darf freilich kein Scheintod sein.«

»Solches Auferstehen ist aber doch recht unangenehm! Die lieben Angehörigen haben bereits die Anzeigen verschickt, die Kondolenzen empfangen, die Trauer angelegt; und auf einmal wird der gute Mann wieder lebendig.«

»Lasen Sie eigentlich etwas von Campana?«

»Kaum. Sie wissen, wie ungebildet wir Damen der großen römischen Welt sind. Für uns besteht die Litteratur aus einem halben Dutzend französischer Romane.«

»In Deutschland schreibt eine große Dame Komödien, die ich spiele.«

»Ach, diese Gräfin – Wie heißt sie doch gleich? Sie soll charmant sein.«

»Sie ist eine vornehme Frau.«

»Bisweilen verkehren Sie also doch in der vornehmen Welt?«

»Man quält mich so.«

»Sie Arme! ... Haben Sie Campana jemals gesehen?«

»Nein. Er schrieb mir einmal – eben nach jener ersten Aufführung seiner ›Agrippina‹. Ich bin ihm sogar Dank schuldig.«

»Wie liebenswürdig Sie sind!«

»Er tadelte mich, weil ich keine Verse sprechen konnte, überhaupt nicht die sogenannte große Tragödie zu spielen verstünde. Er riet mir, nur in Stücken moderner, womöglich hypermoderner Autoren aufzutreten. Er nannte mich eine hypermoderne Frau. Ich war für ihn sozusagen ein Extrakt des ganz neuen modernen Frauengeschlechts.«

»Merkwürdig!«

»Das geflügelte Wort über mich: ›die große moderne Nervöse‹, rührt von ihm her. Er kannte mich gut: besser als ich mich selbst damals kannte. Allerdings war ich selbst mir schon damals höchst gleichgültig.«

»Das begreife ich. Trotzdem befolgten Sie Campanas Rat?« »Meine eigene Natur trieb mich dazu.«

»Und Sie hörten nie wieder von ihm?«

»Ich weiß nicht einmal, wo er jetzt lebt.«

»In der Villa Falconieri. Er ist in Frascati mein Nachbar.«

»Also kennen Sie ihn?«

»Nein. Lebendig Begrabene machen keine Visiten.«

»So besuchen doch Sie ihn.«

»Er würde mich wahrscheinlich gar nicht empfangen. Diese Künstler sind bisweilen etwas sonderbar.«

»Wir sind halbe Narren.« Sie sagte dies auf das liebenswürdigste. Sie war überhaupt plötzlich reizend – gradezu reizend! Ein Bild melancholischer Anmut. Ich hätte sie umarmen mögen.

»Jetzt darf ich Ihnen ja wohl auch danken?«

»Wofür?«

»Für die ›Kameliendame‹.«

»Wollen auch Sie mir Komplimente sagen?«

»Ich möchte Ihnen danken, weil Sie mir gezeigt haben, wie ich einmal sterben werde. Sie müssen nämlich wissen, daß ich die Schwindsucht haben soll. Seitdem ich Sie sterben sah, fürchte ich mich gar nicht mehr vor dem Tod.«

»Aber Sie sind ja charmant!«

»Ich glaubte bis jetzt immer, der Tod wäre etwas sehr Häßliches. Ich habe mir indessen vorgenommen, so schön zu sterben, wie Sie als ›Kameliendame‹ sterben.«

»Dann müßten Sie lieben und durch Ihre Liebe zu Grunde gehen. Schön sterben wir Frauen nur dann, wenn wir als Liebende sterben.«

»Als unglücklich Liebende natürlich?«

»Was wollen Sie? Wir Frauen lieben immer nur unglücklich.«

»Ich will es mir überlegen ... Sie sollen ja selbst sehr krank sein?«

»Kränker als das Publikum glaubt. Ich werde einmal sicher auf der Bühne sterben. Und das Publikum wird mir applaudieren, weil ich es so ›natürlich‹ that.«

Sie wurde immer reizender. Ich fand sie einfach entzückend.

»Wenn ich es vorher wüßte, würde ich mir eine Loge nehmen. Was für einen Kranz wünschen Sie sich von mir: weiße oder gelbe Rosen?«

»Ums Himmels willen nur keine Blumen! Ich werfe sogleich alle Blumen fort. Den Lorbeer hasse ich gradezu. Es gibt kein gemeineres Laubwerk. Dornenkränze sollte man mir werfen.«

»Ich mache Ihnen eine Liebeserklärung! Wissen Sie was? Sie sollten mich in Frascati besuchen.«

»Ich muß Komödie spielen, Geld verdienen. Ich muß sehr viel Komödie spielen; denn ich muß sehr viel Geld verdienen.«

»Sie lieben also wirklich das Geld?«

»Ich brauche es.«

»Geld ist so häßlich. Ihre Toiletten müssen allerdings gradezu ein Vermögen kosten.«

»Ich bin zu müde, mich anzuziehen. Ich bin überhaupt so müde, so müde.«

»Man kann das werden ... Sie wollen mich also nicht besuchen?«

»Nein. Sie sind mir eine zu große Dame.«

»Schade! Wir hätten zusammen in die Villa Falconieri eindringen können.«

»Damit Sie den armen Toten aufwecken?«

»Er ist ja ein alter fetter Mann.«

Sie lächelte. Da umarmte ich sie! Ganz einfach umarmte ich sie. Ich mußte sie umarmen; denn sie war zu reizend, als sie lächelte. Dabei sah sie müde aus, ›so müde‹.

Mit der Miene einer gelangweilten Königin ließ sie's geschehen, daß ich ihr huldigte. Ich treibe Assunta Neri-Studien.

Jeden Abend, an dem sie spielt, fahre ich nach Rom, begebe mich ins Nationaltheater und fahre nach der Vorstellung mit dem Wagen zurück.

Stelle Dir vor: Aus einem »Sittendrama« von Sardou direkt hinaus in die einsame nächtliche Campagna!

Ich schwelge gradezu in diesen Kontrasten. Du weißt doch, daß Kontraste nicht nur das Wesen der Kunst ausmachen: sondern überhaupt erst den Genuß des Lebens bilden – so viel man eben genießen kann.

Doch die Neri –

Also denke Dir:

Ich bin noch immer nicht »dahinter« gekommen. Noch immer frage ich mich: ›Was ist es im Grunde mit dieser Frau? Warum übt sie eigentlich solche elementare Anziehungskraft aus? Sogar auf mich, für die jede Kunst ja doch nichts Besseres ist als ein pikantes Parfüm.‹

»Wenn eine Frau durch Liebe oder Leidenschaft zu Grunde geht, so geht sie schön zu Grunde ...« So ungefähr sagte sie; und mir ist es, als hatte ich in dieser Phrase die Lösung des Neri-Problems zu suchen: des Problems der Frau sowohl wie ihrer ganzen Kunst.

Sterbe ich nur dann schön, wenn ich als unglücklich Liebende sterbe, so wird mein Leben wohl so häßlich enden, wie es begonnen und sich fortgesetzt hat, bis auf den heutigen Tag.

Ich suche bei der Neri zu ergründen, welche Empfindungen sie bei ihrem Spiel am überzeugendsten, also am wirklichsten zum Ausdruck bringt? Haß ist es nicht. Auch nicht Leidenschaft. Eher könnten es Ermattung, Müdigkeit, Ekel an der Leidenschaft sein – wohlverstanden an Leidenschaft! Aber nein! Es ist etwas anderes, darin diese Schauspielerin Meisterin der Töne ist. Unvergleichlich und unnachahmlich, auf der Bühne noch niemals dagewesen, also einzig.

Was ist es?

Ich hab's, ich hab's! Die Liebe ist es, die unglückliche Liebe! Es ist die Liebe, die alles leidet, die allem entsagt. Es ist die Liebe, die das Kreuz auf sich nimmt, die mit Dornen gekrönt wird und ein Martyrium erduldet. Es ist die Liebe der Frau, die stirbt, und im Tode noch einmal lächelt, durch dieses eine letzte Lächeln ein ganzes in Jammer und Elend hingebrachtes Leben verklärend.

Assunta Neris Kunst ist eine Apotheose der unglücklich liebenden Frau.

*

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