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Villa Falconieri

Richard Voß: Villa Falconieri - Kapitel 10
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typefiction
authorRichard Voß
titleVilla Falconieri
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeDreizehnter Jahrgang. Band 1.
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firstpub
correctorreuters@abc.de
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Zweiter Band.

Viviane.

»Ach wie bin ich ungeduldig! Meine Zeit wird kommen. Ich glaube ja daran. Aber etwas sagt mir, sie wird niemals kommen. Ich werde mein ganzes Leben mit Warten verbringen. Immer warten ...«

»Warten ... warten! ...«

»Wen soll ich fragen? Wer wird offen sein? Wer wird gerecht sein?«

»Du wirst es sein, meine einzige Freundin; du wenigstens wirst offen sein, denn du liebst mich ... Ja ich liebe mich, ich mich allein ...«

Aus Marie Baschkirtzews Tagebuch.


... Ich lag so krank, so krank!
Du gingst vorüber; jede Hoffnung sank.

K. Stauffer – Bern.


Die Prinzessin von Sora

an die

Herzogin Bere de Bere

Bere-House, London, England.

Frascati, Provincia di Roma, Villa Taverna-Borghese, am ersten März 1892.

Aber, Madame Charme, herrliche Madame Charme! Was hat Deine allerliebste unwiderstehliche süße Viviane Dir zuleide gethan, daß Du so schrecklich böse auf sie bist? Mit der strengsten Richtermiene Deines platonisch schönen Angesichts schiltst Du sie eine »unverbesserliche Mondaine«; und sie ist doch nur ein armes kleines Ding, ein recht armes kleines Ding!

Uebrigens hast Du gut schelten. Du sitzest in Deinem prächtigen Bere-House; und wenn Du in London bist, so ist in London die Season. Du hast einen himmlischen Mann, der Dich vergöttert, hast zwei engelhafte Kinder, die Du anbetest; Du wirst verehrt, bewundert, gefeiert; Du wirst gefürchtet, gehaßt, geliebt; Du bist unheimlich geistreich, erstaunlich tugendhaft; und vor allem bist Du vom Scheitel bis zur Sohle Madame Charme!

Und ich – – Was habe ich?

Einen Gatten, den ich, wie ich beschwören kann, niemals auch nur für eine Sekunde adorierte, und keine Kinder – Gott sei Dank, keine Kinder! Gott sei inbrünstiger Dank mein Leben lang ... Für diesen Mangel an allem Glück besitze ich allerdings Smaragden, die fast noch größer sind als der berühmte Schmuck unserer schönen Königin.

Was bin ich?

Ein Kind von zweiundzwanzig Jahren, das sich selbst leidlich hübsch findet, mitunter ziemlich liebenswürdig sein kann; das nicht grade dumm, aber unausstehlich kapriziös ist. Dabei sehr elegant, wirklich wundervoll elegant! Resumé: Viviane, Prinzessin von Sora, ist ein kleines süßes Ding; ist ein wunderliches tolles Geschöpf; ist ganz und gar grande dame; ist durch und durch eine herzbestrickende, jedoch vollkommen herzlose Thörin; ist halb Sphinx, halb Sirene, bald Engel, bald Teufel; ist – »nehmt alles in allem« – vom Scheitel bis zur Sohle ein Weib!

Und mit so vielen weltlichen Eigenschaften ausgestattet, soll ich, wie Du mir vorwirfst, eine absolut unverbesserliche Mondaine sein?

Weshalb sollte ich mich bessern?

Nur deswegen, weil ich bin, was ich bin?

Ich besitze nicht nur meine echte Evanatur; ich habe auch den Mut, meine Natur aller Welt zu zeigen:

»Voilà une femme!«

Und weswegen sollte meine Natur nicht von A bis Z mondaine sein, da ich es sicher bereits im Mutterleib war?

Wurde ich denn für etwas anderes erzogen, für irgend etwas anderes?

Kam ich etwa zu einem andern Zweck überhaupt auf die Welt?

Laß uns doch um Himmels willen nicht empfindlich sein!

Der einzige Zweck meiner ganzen irdischen Existenz ist: nach Möglichkeit weltlich zu sein. Und einer Frau ist vieles möglich.

Bist Du entsetzt?

Madame Charme, philiströse wunderliche kluge Madame Charme – denke doch!

Meine Eltern steckten mich freilich ins Kloster. Dort war es schön; denn dort warst Du!

Madonna mia, wie unschuldig glücklich wir waren! Begreifst Du heute, daß ein Mensch so unschuldig und so glücklich sein kann? Wie ein junges niedliches Tier ... Welche Träume wir nicht hatten, wonach wir uns nicht sehnten, worauf nicht hofften? Auf Wunderdinge. Unter diesen befand sich auch ein gewisser junger distinguierter Mann von angenehmem Aeußern, von dem wir rasend geliebt wurden, den wir rasend wieder liebten. Zu dumm!

Wir hatten Ideale ... O Gott!

Endlich fort aus dem Kloster, fort von den frommen, guten einfältigen Schwestern. War das eine Seligkeit!

Die große Welt, die ganz große Welt! ... Zugleich die Welt wie sie ist; und nicht, wie sie zu sein scheint: die unerbittlich grausame Welt der Wirklichkeiten.

Eine gute Realistin steckt übrigens zum Glück in mir. Evviva la Realità!

*

Wundervolle Realitäten waren auch die ersten Toiletten von Worth, war die erste Cour, die Vorstellung bei den Majestäten, die gnädige Anrede der Königin. Dann Visiten, Korsofahrten. Folgten Oper, französisches Schauspiel, Bälle, Routs. Folgten die Wettrennen in der Campagna und die Feste im Quirinal, die heiligen Funktionen in der Sixtinischen Kapelle. Und überall und immer Schmeichelei, Heuchelei, Lüge – die freche häßliche ekelerregende Lüge der Gesellschaft.

Sie war auch eine absolute Wirklichkeit ...

Sehr frühzeitig dann die Entdeckung: Du bist schön! Zugleich die Ahnung von allem, was eine schöne Frau bedeutet und vermag – was überhaupt die Frau ist.

Damit Erkenntnis.

Und mit der Erkenntnis keine Unschuld mehr, keinen Glauben mehr, keine Illusionen mehr, kein Glück.

Plötzlich siehst Du einen, irgend einen! Und dieser eine, einzige –

Aber das läßt sich nicht sagen. Es ist auch so traurig. So traurig und so kurz. Kaum ein scheuer Blick Aug' in Auge; kaum ein leises bebendes Wort. Es genügt, um Dir ein Erschauern durch Deine ganze Seele zu geben, Dich in einen Taumel, einen Rausch zu versetzen, Dir einen Anfall von Tollheit zuzuziehen. Doch alles ist sogleich wieder vorbei – alles!

Und das für zeitlebens ...

Gegen Ende Deiner ersten Saison bist Du bereits verlobt – natürlich mit einem andern, vielleicht mit dem ersten besten. Du kennst diesen Mann, dessen Weib Du werden sollst, so gut wie gar nicht.

Es ist Dir auch einerlei.

Und das ist von allem das Traurigste.

Glückwünsche, Visiten: als »glückliche Braut«. Der Trousseau. Das ist wundervoll! An der Stickerei des Brautschleiers arbeitet ein halbes Dutzend armer bleicher Mädchen. Wenn die Herrlichkeit fertig ist, wird sie im Palais ausgestellt und die Zeitungen bringen eine genaue Schilderung. Man beneidet Dich. Wie glücklich Du sein mußt!

Die Hochzeit. Die Hochzeit mit einem Fremden.

Häßlich, so häßlich!

Die Ehe. Die Ehe mit einem ungeliebten Manne.

Trostlos, so trostlos!

Und Du hast noch immer Deine junge thörichte unersättliche unsinnige Sehnsucht.

Das ist das Trostloseste!

Und dann?

Eine Oede, eine Leere, ein Nichts.

Und dann schiltst Du mich »eine unverbesserliche Mondaine«! Wenn man versucht, die Leere mit etwas auszufüllen: mit irgend etwas!

Da Du einmal leben sollst, mußt Du wenigstens leben können.

O, Madame Charme! Du unverständig-weise, böse-liebe Madame Charme!

*

Ist das nicht artig von Deiner niedlichen Viviane, daß sie alle ihre Sünden zu Dir trägt?

Ich sage Dir: meine Sünden werden einstmals Legion sein. Doch Du bist ein Meer von Erbarmen.

Ich will sündigen, damit Du Dich üben kannst, barmherzig zu sein.

*

Uebrigens hat Deine »Unverbesserliche« nicht einmal mit den Wimpern gezuckt, als wir schon jetzt, beinahe mitten im Winter, in Villeggiatur gingen: »aus Rücksichten für meine stark angegriffene Gesundheit«. Ich huste nämlich seit Ende des Karnevals und färbe mitunter das Taschentuch mit einem höchst interessanten Rot. Mein tief besorgter Gatte bestand darauf, mich in meine ländliche Verbannung zu begleiten.

Du siehst, wir können auch ritterlich sein.

Zum Glück liegt die Villa Taverna nur eine Viertelstunde von Frascati; und Frascati mit der Bahn nur fünfundvierzig Minuten von Rom. Mein tief besorgter Gatte kann also bequem in einem gewissen, entzückend möblierten Villino vor der Porta Pia soupieren und sich am nächsten Tage beim Lunch nach meinem Befinden erkundigen.

Auch beginnt schon im April, gleich nach den Rennen bei den Capannelle, die Wachteljagd.

Was mich betrifft, so will meine Kammerfrau, für die ich – trotzdem sie eine echte Pariserin ist – beinahe eine Heldin bin, einige neue Frisuren probieren.

Also ist hier draußen auch für meine Zerstreuung hinreichend gesorgt.

*

Ob ich lese?

O ja!

Was ich lese?

Natürlich Romane! Französische Romane – natürlich! Könnte eine Mondaine überhaupt etwas anderes lesen?

Ich habe bei meiner Lektüre eine interessante Entdeckung gemacht: Wir Ehefrauen der großen Welt sind lediglich deshalb verheiratet worden, um früher oder später die Ehe zu brechen.

Es kommt nur darauf an, mit wem? Und das ergibt gewöhnlich ein Zufall.

Sollten wir jedoch das Unglück haben, plötzlich unser Herz zu entdecken und einen andern Mann von ganzem Herzen zu lieben – was sage ich? Einen andern Mann anzubeten, für ihn zu verderben und zu sterben, so nützt uns – jetzt gib wohl acht! – so nützt uns, damit wir wieder geliebt werden und womöglich wieder geliebt bleiben, weder unsere Schönheit, noch unsere Güte; weder unsere Empfindung, noch unsere Liebesgewalt. Nicht das allergeringste nützen sie uns!

Denn dergleichen sind für den modernen Mann Empfindsamkeiten, Geschmacklosigkeiten, Unbequemlichkeiten.

Aber – Du gibst doch gut acht? – der von uns geliebte Mann wird uns wieder lieben, wird uns »ewig« lieben, uns endlos begehrenswert finden, wenn – wir die Kunst, zu lieben, verstehen: l'art de l'amour! Ich muß es wirklich französisch sagen ... Auf unsere Capricen kommt es an, auf unsere Koketterieen, auf unsere kleinen und großen Raffinements. Lediglich darauf!

Nicht unsere Anmut und unser Geist sind maßgebend; sondern der Esprit, mit dem wir Konversation machen, die Grazie, mit der wir in unserem Salon empfangen. Bist Du nichts anderes, als eine liebenswürdige und dabei anständige Frau, so wirst Du in diesem Liebeskampfe rettungslos verloren sein; siegen darin wirst Du mit Hilfe Deiner exquisiten Parfüms, Deiner fascinierenden Negligés, Deines ganzen perfekten – oder perversen Chic.

Ob wir eine schwarze oder blaßrote Corsage tragen, kann unser Schicksal entscheiden; und die Art, mit der wir durch einen Salon schreiten, unsere Handschuhe knöpfen, unseren Fächer hinlegen, uns in einen Fauteuil schmiegen, kann uns unter Umständen den Geliebten erhalten, oder uns um ihn bringen.

Glaubst Du mir nicht, so frage bei den Franzosen an: sie wissen Bescheid. Sie kennen die Männer und – hélas! – sie kennen uns Frauen.

Kennen sie uns wirklich?

Dina, ach Dina! Wenn sie uns wirklich kennen sollten, wenn wir wirklich so sind, wie sie uns schildern – so müssen sie uns verachten.

Wir werden es nicht besser verdienen.

Gestrenge holdselige Beichtmutter – jeden Tag mache ich Dir meine kleine herzige Konfession; und am Ende der Woche packe ich meine ganze irdische Sündhaftigkeit fein säuberlich zusammen, couvertiere und adressiere sie zierlich, drücke mein wunderhübsches Siegel darauf und schicke den ganzen reizenden Pack Weltlichkeit, als kostbares Gut rekommandiert, der Herzogin Vere de Vere nach London. Und ist der dicke dicke Briefe glücklich auf der Post, fühle ich mich aller Sünden los und ledig; denn:

Du absolvierst mich gewiß!

Gefällt Dir mein neues breites Schreibpapier: couleur mauve, mit der Lebensdevise in mattem Taubengrau: »Nichts lieben – nichts glauben!«

Und findest Du die Idee der Kamee auf meinem Siegelring: »Amor mit einem Totenschädel spielend«, nicht gradezu allerliebst?!

Was sagst Du zu meinem letzten Parfüm? Es wird in Paris eigens für mich destilliert und darf nicht in den Handel kommen, was mir, en parenthèse, ein Vermögen kostet. Ich lasse den märchenhaften Duft nach einem alten Rezept herstellen, welches ein blutjunger Gelehrter, der so weise ist, Deine kleine unbedeutende Viviane sinnverwirrend reizend zu finden, in der Vatikanischen Bibliothek aufgestöbert hat. Es soll das Haarwasser der Lucrezia Borgia gewesen sein.

Ist das nicht pikant?

Dir jeden Tag meine bescheidene, aber wahrhaftige Konfession zu machen, ist mir hier auf dem Lande bereits so zur Gewohnheit geworden, wie dies in Rom meine tagtägliche Korsofahrt war. Auch die Weltlichste von uns muß auf der Welt wenigstens einen – einen Menschen haben, vor dem wir unsere Seele entkleiden können:

Hülle für Hülle, Schleier auf Schleier, bis wir zuletzt dastehen, nackt und bloß, ohne Schande und Scham, so schön oder so häßlich, wie der Himmel uns schuf.

Uebrigens möchte ich mich selbst in diesem tiefsten déshabillé nicht sehen.

Denn trotz all' Deiner Moralpredigten ahnst Du nämlich noch immer nicht, was für ein ungeheuerliches winziges Wesen ich bin.

Es liegt etwas in mir!

Vielleicht etwas sehr Hohes und Herrliches – könnte dieser und jener meinen, vielleicht etwas sehr Schlimmes und Schreckliches – meine ich selbst.

Denn ich selbst werde mir mehr und mehr bewußt, daß ich – aus Neugierde etwa – fähig wäre, irgend eine Unthat zu verüben.

Ich will Dir von meiner Frivolität ein Beispiel geben. Stelle Dir vor: ich hätte einen Menschen unsinnig lieb; und dieser Mensch stürbe; und ich wäre bei seinem Begräbnis halb von Sinnen, ganz in Verzweiflung.

Und an der Leiche dieses geliebtesten aller Menschen fiele mir plötzlich etwas sehr Komisches ein.

Ich bin heilig überzeugt, daß ich laut auflachen würde.

Vielleicht nehme ich tags darauf Gift – vielleicht!

Aber laut auflachen würde ich trotzdem.

Ist das verbrecherisch, oder ist das einfach verrückt?

Ich wünschte, ich könnte Messen lesen lassen aus Dankbarkeit gegen den Himmel, weil ich keine Kinder habe und weil ich meinen Mann verachte.

Es möchte sonst einmal fürchterlich mit mir werden.

Vielleicht besitze ich gar kein Talent zur Liebe, oder zur Leidenschaft. Und Talent muß der Mensch zu allem haben – selbst zum Glück ... Es würde mich grausen, Entsetzen würde mich packen, sollte ich bei mir plötzlich ein Talent zu einer dieser merkwürdigen Empfindungen entdecken müssen: so, wie ich nun einmal bin!

Eben darum will ich nichts lieben, nichts glauben.

Ich will nicht!

Ich habe solche Angst, weil ich mich kenne und wiederum ganz und gar nicht kenne.

Es ist so unheimlich.

Ich fürchte mich vor mir selbst, als wäre ich mein eigenes Gespenst.

*

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