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Stanislaw Przybyszewski: Vigilien - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDe profundis und andere Erzählungen
authorStanislaw Przybyszewski
year1990
publisherIgel Verlag
addressPaderborn
isbn3-927104-04-3
titleVigilien
pages43-72
created20040216
sendergerd.bouillon
firstpub1895
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VII.

Eine Sonne sah ich, sie war rot wie Purpurblut, und die Wolken ringsherum, wie wenn der Himmel verbluten wollte.

Mein Malraum wurde mir zur Hölle; unstet, rastlos lief ich hin und her und litt, litt, wie nur einer leiden kann, der mit seiner ganzen Seele, seiner ganzen Kunst in einem Weibe wurzelt, das ihn nicht mehr liebt.

Ja, ich hatte es lange gemerkt; ich wußte es, ich brauchte keine Beweise. Ich fühlte es in mir, in ihr; ich sah's in ihren Blicken, ich las es von ihrer kleinsten Bewegung ab. Ich sah in ihrer Seele so klar, wie in einem Wasser, wenn die ersten Tinten der Abenddämmerung sich durch den Sonnenhimmel gießen.

Ich wußte es schon, als der erste Gedanke an ihn in ihrer Seele Keime schlug. Ich verfolgte von Minute zu Minute, wie es wuchs; sah, wie sie sich das erstemal begehrlich ansahn, wie sie ihn umfing mit ihren Blicken, wie er mit den Augen einer Königsschlange sie zu bannen wußte und sie an sich zog und mit sich schleppte, daß sie gehen mußte.

Und immer sah ich jenes blutige Purpurrot der Sonne und jenen verblutenden Himmel, ganz so wie ich ihn einmal als Kind gesehen. Von Anfang an war diese längst verblichene Erinnerung in mir wach geworden, dominierte in meinem Gehirn, beherrschte mein Denken, trieb und zwang meinen Willen, und immer zwang sie ihn in eine einzige Richtung hin: in das Verbrechen.

Wie seh ich deutlich den großen Hof meines Vaters, sehe die Scheune mit dem großen Storchnest auf dem Giebel und das Storchenweibchen, das den halben Sommer durch dort saß und brütete. Und auf der Wiese hinter der Scheune, an dem großen, dicht mit Schilf und Binsen bewachsenen Teich, schritt das Männchen stundenlang mit gravitätischem Stolz einher und suchte nach Fröschen und Würmern. Ich seh ihn, wie er unbeweglich, starr auf einem Beine steht, bis unser Kindergeschrei ihn aufscheucht und er langsam und in weiten Kreisen sich zu Neste schwingt. Aber plötzlich war er verschwunden. Jemand hatte ihn zufällig angeschossen; im benachbarten Dorfe wurde er aufgefunden und von einem Bauern in Pflege genommen. Nicht lange, da erschien ein neuer Storch und kreiste um das Nest des kranken Männchens; nach einigem Zögern ließ das Weibchen ihn herein und lebte jetzt mit diesem. Und jetzt erinnere ich mich so deutlich, wie wenn der ganze Vorgang gestern geschehen wäre:

Eines Tages saß ich auf dem Hofe vor dem Brunnen und spielte. Plötzlich höre ich ein seltsam lautes Geklapper in der Luft. Es ist der alte Storch, der mit gesträubten Flügeln auf das Nest zustößt. Er ist schon fast am Dache, da schwingt er sich von Neuem in die Höhe, als wollte er die Lage erst recht klar überblicken. Auf dem Neste entstand nun eine unbeschreibliche Bewegung. Ein kurzes, ängstliches Geklapper, unruhiges Hin- und Herlaufen, dann wurde es still; der Liebhaber spannte die Flügel aus, streckte mit weit vorgerecktem Halse den Schnabel in die Luft, sprang zwei- dreimal in die Höhe, als ob er Mut fassen wollte, und erhob sich zur Wehr. Im selben Augenblick stürzte der alte Storch auf ihn los. Beide Vögel fingen mit bestialischer Wut zu kämpfen an. Sie hieben mit den roten Schnäbeln auf einander los, schlugen mit den Flügeln um sich, fielen herunter, wälzten sich am Boden; sie stiegen wieder hoch, ihr Gefieder färbte sich mit Blut, Federn flogen in der Luft herum, immer wüster tobte die Raserei. Bis der alte Storch mit einem furchtbaren Schlage plötzlich seinem Rivalen einen Flügel zerbrach. Der lahme Vogel schwankte einen Augenblick in der Luft, fiel auf das Dach, suchte sich mit den Beinen im Stroh festzuhalten, aber der Rächer hatte schon zum letzten Schlage ausgeholt: mitten in den Brustkorb hinein. Man sah die Wollust, wie er seinen Schnabel tief in den warmen Körper bohrte, daß das Blut hoch herausspritzte. Noch ein taumelnder Flügelschlag und der zu Tode getroffene Vogel fiel herunter auf den Boden, warf sich im Schmerzkrampf, streckte sich, grub den Schnabel in den Sand, das Blut quoll schäumend um die Wunden hervor und rötete das Gras.

Aber die Wut des Siegers war noch nicht gestillt. Er warf sich auf das Nest, hieb auf das Weibchen ein, trieb sie aus dem Bette, und nun zerhackte er in wilder Raserei die Eier, schmiß die Schalen heraus, dann flog er auf die Wiese, wo er blutbefleckt in unbeweglicher Starrheit eine Weile stehen blieb. Plötzlich schwang er sich empor und flog davon. Das Weibchen kroch in das Nest zurück.

Der Abend kam.

Niemals sah ich den Himmel in dieser furchtbaren Glut auflodern. Es schien, als wären fremde Welten in Brand geraten und nun züngelten die Flammen hinter dem Horizonte am Himmel empor. Ein blutiger Widerschein ergoß sich über das Himmelsgewölbe, bis zum Zenit hinauf zogen sich feurigblaue Striemen, und über all das furchtbare Rotblau triumphierte die untergehende Sonne mit ihrer blendenden Brunstgewalt.

Auf einmal erscholl von der Wiese her ein furchtbares Geklapper, in wechselndem Tempo mit deutlichem Ausdruck und Rhythmus. Mindestens zwanzig Störche waren versammelt.

Eine Weile wurde es ganz still.

Plötzlich erhoben sich alle und steuerten in weiten Kreisen auf das Nest zu.

Das Weibchen stand zuerst hochaufgerichtet, lief nun unruhig hin und her, ließ von Zeit zu Zeit ein eigentümlich heiseres Geklapper hören.

Die Störche kamen in majestätischen Kreisen auf sie zu.

Jetzt schien sie einen verzweifelten Entschluß gefaßt zu haben. Sie spannte die Flügel aus, flog eine Strecke weit dem Teiche zu, wollte in die Binsen laufen. Sie wurde eingeholt; mit einem kräftigen Hieb streckte ihr Männchen, über und über von Blut bedeckt, sie zu Boden. Sie versuchte aufzufliegen, aber schon umringte sie die ganze Schar.

Wieder verging eine Weile in tödlichem Schweigen. Dann, wie auf geheimnisvollen Wink, stürzten sie sich alle auf die Störchin; in einem Nu wurde sie in Stücke zerhauen, daß der zerrissene Körper in blutenden Gliedern herumflog und das blutige Gefieder in die Luft aufwirbelte. Fetzen warmen Fleisches, eine zuckende Lache Blut, herumliegendes Gedärm bezeichneten die Stelle, wo man Gericht gehalten hatte über die Ehebrecherin.

Seit diese Erinnerung in mir lebendig geworden, wurde ich sie nicht mehr los. Immer sah ich das Blut des Weibchens, roch an ihm, sah Fetzen warmen Fleisches herumliegen.

Es quälte mich unerhört.

Aus den abgründigsten Tiefen meines Seins krochen merkwürdige Empfindungen empor; neue, immer neue, unbekannte, wilde, verbrecherische Instinkte wurden wach, und grell, voll Höllenröte lag vor meinem grauenden Blick der finstre Abgrund in mir aufgetan: die gräßliche Vergangenheit voll wüster Verbrechen, tierischer Lüste, die Vergangenheit des Tieres und des Wilden, und ich saß vor dieser Hölle und stierte hinein und sah das Ekle, Furchtbare aus allen Ritzen kriechen.

Und dann fühlte ich Gedanken aufsteigen, langsam, allmählich, wie schmutzig grüne Blasen aus einem Sumpfe, und ich sah tief unten auf dem Grund das Riesenmeer uralter Schlingpflanzen, in die ich mich verstrickte, aus denen nicht mehr loszukommen war.

Alles schrie in mir nach Rache und Verbrechen.

Und einmal abends, da quirlten wieder die Sumpfblasen brodelnd hoch und der Höllenbrodem kroch wieder an mein Herz. Mein Gehirn verstrickte sich noch fester, immer fester in die Schlingen der uralten, tückischen Sumpfpflanzen. Zu Zeiten sah ich nichts vor Augen, alles wirbelte und floß in braunen Nebelkreisen um mich; zu Zeiten hörte ich ein wildes Stöhnen in den Ohren, ein Gedröhne, als ob Blutgefäße, eines nach dem andern, im Gehirne platzten und das Blut sich über die graue Rindenschicht in alle Falten, alle Buchten ergösse.

Dann sah ich wieder den Weltenbrand im blutigen Widerschein des Himmels und das zerrissene Storchenweibchen auf der Wiese.

Jäh sprang ich auf.

Sie fuhr in wilder Angst empor.

Ich sah den schreckgelähmten Blick, ich sah die fahle Blässe ihres Gesichtes, mein Blick kroch in den ihren, ich sah eine schwarze, öde Leere, und dann hört' ich einen Schrei in mir: Morde sie!

Es schrie so furchtbar, daß ich wie taub wurde; nur ein Empfinden blieb – ein Empfinden, wie wenn sich ungeheure Nebelkreise zu Riesenfäusten ballten, und dann fühlte ich ganz deutlich, wie der Willensimpuls auf meine Muskeln überging und ich beide Hände in die Höhe hob, wie zu einem Schlag, der alles zertrümmern, tief in die Erde einstampfen sollte.

Da plötzlich fühlte ich etwas leuchtend Nacktes, doch nicht in den Augen; es war rings um das Herz herum, kalt, gleißend, leuchtend. Es war nichts Leibliches, auch nichts von dieser Welt; es war, wie wenn sich etwas ungeheuer Weiches, Flüchtiges in mir mit etwas Verwandtem berührt hätte.

Ich fühlte sie.

Ich wurde plötzlich nüchtern, ich bebte und zitterte, meine Hände waren ausgestreckt und liefen wie im Fieber herum, ich sah ihre Gestalt deutlich aus dem kreisenden Nebel tauchen.

Noch stand sie da, aber jetzt spreizte sie die Arme auseinander, und mit höhnendem, zynischem Blick, mit spitzem Lachen schrie, kreischte sie mir zu: Ja, würge, würg' mich doch!

Eine wahnsinnige Wut befuhr mich, ich packte sie mit eisernen Krallen, schleifte, riß sie durch das Atelier, und dann, mit heiserem Kreischen, das mir wie das Knirschen berstender Porzellanscherben in die Ohren kreilte, stieß ich sie wie einen Haufen Lumpen von mir.

Und da, da aus der Ecke da, traf mich aus den weit, stier aufgerissenen Augen ein Blick, der aus einer Hölle dumpf abgründiger Macht hervorgestoßen schien, ein Blick, in dem der ganze ekle, lauernde, heimtückische Haß der Sklavenohnmacht keuchte.

Und sie rächte sich. Ich wurde Zeuge, wie sie ihn, in meiner Gegenwart, brutal begehrte. Ich sah es, ich als Zeuge, und der Mann blutet in mir. Tropfen für Tropfen seh ich ihn mein Blut verlieren; ja, es rieselt, ja es tropft, das stolze Mannesblut. Und leiden ließ sie mich, leiden – nicht mich allein: eine ganze Menschheit in mir. Alle die Zuchtwahlsempfindungen, durch Millionen Jahre in mir angehäuft, durch endlose Wogen von Geschlechtern zu mir fortgeerbt, krümmen sich und zischeln und bäumen sich und schäumen vor Wut, wie wenn ein Riesenfuß auf sie getreten hätte.

O, das elende Weib, das eine ganze Menschheit zertrümmern darf!

Ja, sie rächt sich. Noch immer sehe ich die Sonne am verblutenden Himmel, und immer fühle ich sie um mich. Sie steht da hinter meinem Stuhl, sie beugt sich über mich mit grinsendem Hohngelächter, sie geht herum wie ein Gespenst auf leisen, bösen, unhörbaren Zehen. Ich höre sie draußen, ich seh' sie in der Tür. Ich höre ihre Stimme, immer ist sie da. Dreh' ich mich dann um, seh' ich in die schwarze Leere, in die schwarze Hölle ihres Hasses.

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