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Stanislaw Przybyszewski: Vigilien - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDe profundis und andere Erzählungen
authorStanislaw Przybyszewski
year1990
publisherIgel Verlag
addressPaderborn
isbn3-927104-04-3
titleVigilien
pages43-72
created20040216
sendergerd.bouillon
firstpub1895
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IV.

In Qual und Ohnmacht zuckt mein Hirn und ich will mich quälen. Ich will mich weiden an seinem Schmerz, denn ich liebe den Schmerz, er ist das Ewige; die ganze Vergangenheit beherbergt sein Vaterschoß und alle Zukunft wird aus ihm geboren. Ja, ich will mich weiden an meinem Schmerz! –

Wir waren alle so betrunken, so betrunken.

Ein wilder Rausch, der unsre Geisteskräfte herrlich potenzierte, der das Denken mit verjüngten Energien speiste, ließ uns alles tiefer, heftiger empfinden.

Es war der schöne, mystische, grandiose Durchbruch, den allein die sexuelle Spannung in den ersten Stadien der Geschlechtsbrunst leisten kann, wenn noch alles in verklärter Schönheit erscheint und in tausendfach gesteigerten Verhältnissen genossen wird.

Er saß dort in der großen Fensternische. Von der Seite fiel auf sein dämonisch blasses, furchenwildes Gesicht grelles Lampenlicht. Jeder seiner scharf geschnittenen Züge trat noch schärfer, deutlicher, beinahe karikiert hervor, jeder Zug ein Abgrund unbezwinglichen, unentrinnbar suggestiven Willens.

Ein Fatum lag in diesen Zügen. Ich kann mich deutlich erinnern, daß ich ihn damals garnicht als Persönlichkeit empfand, sondern als verkörperlichte Macht, als das Werkzeug einer Macht, die auf uns alle, brütend, lauernd ihre Hand gelegt hielt. So sah ich Menschen, die in wenigen Stunden sterben oder verunglücken sollten. So sah ich Menschen, auf deren Stirn sich ein entsetzlicher Entschluß kundtat.

Er sprach mit seiner Schicksalsstimme das mächtige Gedicht eines Freundes. Ich konnte nicht dem Sinn der einzelnen Sätze folgen, ich empfand nur ihren grauenstiefen, schmerzlichen Gefühlsuntergrund, eine Stimmung aus zuckenden Blitzen und keuchenden Sehnsuchtsstürmen gewoben. In mir fühlte ich die ringenden Hände, sah sie, wie sich jeder Muskel krampfhaft spannte, ihre Blutgefäße zu blauen Aderbeulen schwollen. Aus tiefen Grüften sah ich diese Hände sich nach Oben strecken, die ringenden Hände der schmerzhaften Brunst:

»Niemals sah ich die Nacht beglänzter,
Diamantisch reizen die Fernen . . . .«

Sie spielte weich, gedämpft eine Begleitung auf dem Klavier. Ich weiß nicht, wie es kam, aber plötzlich richtete sich meine ganze Seele auf ihr Spiel. Ich kroch in jeden Ton, ich faßte sie mühsam zusammen, mit tausend Händen umfaßte ich krampfhaft tausend Sätze, tausend Töne kribbelten und krochen mir in meine Nerven, und so stand ich da mit tausend geballten Fäusten, tausend Lanzettenstichen durch mein Hirn – und plötzlich verstand ich ...

Diese aus tausend Tiefen dumpf aufjauchzende Sehnsucht, diese in tausend Tönen schillernde Innigkeit der Brunst – o Gott, o Gott, wie schmerzte das ...

Und Wort und Ton verflochten sich; Ton um Ton klammerte sich, wie eine Klette an das sturmgepeitschte Haar des Wortes, und an seinen flatternden Strahlen sehnte sich der Ton hinauf zum Himmel, zur Sonne des Glückes.

Und es waren nicht Töne, nicht Worte, zwei Riesenseelen waren es, die sich an einander klammerten, in steigender Macht sich umschlungen hielten; eine rang sich an der andern hin, empor, hernieder, und immer fester verschlangen sich die Hände, immer wilder preßten sie sich in einander, und es wurde eine Orgie geschlechtlicher Sehnsucht, zuckender Schmerzensschreie, winselnder, lechzender Gier.

Ich verstand diesen stummen, satanischen Geschlechtsakt, ich verstand dies Ringen und Ersterben in der Abgrundstiefe der verschmolzenen Seelen, mein Kopf wollte bersten, aus meinen Augen mußte Blut spritzen, und hinein in einen leisen, innigen Refrain schrie ich mit der wilden Stimme brechenden Schmerzes:

»Niemals sah ich die Nacht beglänzter,
Diamantisch reizen die Fernen . . . .«

Plötzlich wurde ich ruhig, matt und boshaft.

Niemand gab auf mich acht. Wir waren ja so betrunken, so betrunken ...

Jetzt mußte ich mich quälen, den bittern Kelch bis auf die Hefe leeren, ich mußte mich mit unerhörter Lüsternheit selbst quälen, wenn ich auch dabei vergehen, hu – verrecken sollte.

Die Deklamation war zu Ende, ich heuchelte eine maßlose Begeisterung:

– Jetzt mußt du ihn küssen! Du mußt; dem Künstler schenk' ich mein Weib, ich König, königlich mein Preis – schrie ich ihr zu und setzte mich in meinem Sessel zurecht, um alles besser, tiefer, in der schärfsten Lichtlage genießen zu können.

Das war alles so selbstverständlich, in dieser Rauschglut und Begeisterung so zwingend, daß es keinem auffallen konnte.

Und nun kam der große Keulenschlag.

Ich sehe sie beide vor mir, ganz deutlich, da vor dem Klavier. Sie standen sich gegenüber wartend, keuchend; es kam mir vor, als hätte irgend etwas Mächtiges ihre Muskeln gelähmt.

Eine Ewigkeit verging. Ich sog mich gierig in jeden Schauer, jedes Zucken ihrer Körper, in diese Stille, die den Sturm gebären sollte. Ich lenkte, berechnete, setzte sie in mir zurecht, diese schauernden Innervationsgefühle ihrer Muskelfibern, nach der Richtung meines intensivsten Schmerzempfindens.

Noch standen sie wie verzaubert. Da plötzlich legte sie sich ihre Hände um den Kopf, reckte ihren Körper auf den Zehen hoch, in der Linie des geschwungenen Bogens – sie sah ihn an! O Gott, wie sie ihn ansah! Diese brünstige Innigkeit, diese schamhafte, schamlose Hingebung; eine ganze Welt von Brunst lag in dieser Bewegung, und ihre Brust keuchte. Dann seh ich ihn, wie er auf sie zustürzt, sie auf seine Hände nimmt; mit beiden Händen nahm er sie und schnellte sie empor, dann sah ich ihre Lippen sich ineinander wühlen und graben, dann fing mein Atelier an, um mich herum zu tanzen an, ich griff krampfhaft um die Lehnen meines Sessels und schrie wütend: Fester noch, fester!

Ich hetzte sie auf einander: mein schreiender Wille war wie eine Peitsche, die sie auf einander loshieb, ich fühlte mich als eine tausendköpfige Menge, die mit ihrem Wutgeschrei zwei Gladiatoren auf einander jagt.

Sie keuchte, und ich sah sie auf den Boden gleiten zu seinen Füßen, und sie blickte zu ihm auf.

O, diese Unendlichkeit von ungesättigter Seligkeit in ihrem Blick, diese bettelnde Bitte: Nimm mich, nimm mich doch!

Ja schamlos, schamlos!

Freilich brauchte man auf mich ja keine Rücksicht zu nehmen; ich war ja so maßlos betrunken ...

Wieder richtete ich meine Augen auf ihr Gesicht. Jede Fiber an ihr bekam mir selbständiges Leben; jeder Schauer, der ihr Gesicht durchzuckte, wurde mir zu einem Abgrund von Brunstwillen, und mit tausend Fibern, wie mit tausend Natternzungen, stach sie, biß sie, sog sie sich in mich hinein.

Ich lief hinaus.

Vielleicht wollt' ich ihnen Zeit geben, sich in befriedigungswütiger Orgie auszutoben.

Ich blieb lange draußen, sehr lange.

Als ich zurückkam, lag er zu ihren Füßen, umklammerte und küßte sie und war so glücklich, so glücklich.

Jetzt litt ich nicht mehr; ich war kalt, und sehr, sehr nüchtern. Ich fühlte keinen Schmerz mehr, keine Eifersucht: die Sache war abgetan für mich.

Ich warf mich auf das Sofa, rauchte eine Zigarette an und heuchelte eine maßlose Müdigkeit.

Meine letzte Empfindung war eine ranzige, bittere Geschmackshalluzination, wie von einer alten, verdorbenen Speise.

Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich schlief ein.

Als ich am andern Mittag erwachte, stand sie angekleidet vor meinem Sofa und sah mich offen, sehr offen an.

Scham, Reue, Trotz, Frechheit, die ganze Tonleiter der Ehebruchsgefühle sah ich in ihrem Blick.

Ach Gott, ich wußte alles; alles wußte ich, was sollten denn die Blicke zwischen uns. Zwischen uns beiden waren alle Fäden zerschnitten.

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