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Stanislaw Przybyszewski: Vigilien - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDe profundis und andere Erzählungen
authorStanislaw Przybyszewski
year1990
publisherIgel Verlag
addressPaderborn
isbn3-927104-04-3
titleVigilien
pages43-72
created20040216
sendergerd.bouillon
firstpub1895
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II.

Und ich sitze und sitze und brüte, warum mußte ich dich lieben?

Und eine Stimmung wird in mir lebendig, die mein Innerstes, mein Tiefstes in regenbogener Lichtpracht nach außen reflektiert.

Ich stehe in der Kirche. Abenddämmerung. Tiefe, tiefste Stille. Stille in dem kauernden Erwarten, Stille in dem schwülen Rausch der Weihrauchdüfte, Stille in dem dumpfen, unterirdischen Orgelbrausen.

Dicke, schwarze Schatten von den steinernen Säulen: geheimnisvolle, uralt mystische Riesenschatten, scharf umrissen am Hochaltar, in einer Flut von Kerzen strahlt er, weich verschwommen im Mittelschiff, und sanft zusammenfließend mit der lauen, wollustsüßen Dämmerung unter dem Orgelchor. Und wie ein wachsendes Zittern geht es durch die Kirche, wie ein leises, schauerndes Entsetzen, und jäh und plötzlich wird die Stille zerbrochen, mächtig dröhnen Orgeltöne, und aus der kauernden, keuchenden Erwartung erlöst sich ein Lied, so tief, so sehnlich, so schwellend: Salve Regina! –

Und wieder Nacht. Der Himmel beglänzt, o so beglänzt, wie die weite Niederung da unten unter der Brücke, auf der die eisernen Züge rasen. Millionen Lichter, eines an das andere gepflanzt, in seltsamen Linien, vielfältigen Farben, unter- über einander, eine weite Wiese mit leuchtenden Blumen.

Und Duft von Rosen wie weiches Nebelleuchten durch die laue Sommernacht. Ein Zug von Menschen mit Kerzen in den Händen, und ein Verhängnis über ihren Köpfen, und wieder Gesang, Gesang in unendlich tiefen, monotonen, halbverhaltenen Tönen, kauernden Tönen, die explodieren können, die das Gehirn mit ihrer schmerzlichen Wut zerreißen können.

Und das Lied wird zur Linie, Düfte werden zu Flächen und die Stimmungen zu Farben, ein seltsam verwirrtes Gemenge von Farben, Linien, Düften, aber immer die eine Stimmung, der eine Stimmungstrieb.

Und in den Tiefen, da wird die Stimmung, die mein Herz in Beben und Erschüttern brachte, zu der Fläche, dieser seltsam weichen, leise ausgebuchteten Fläche deiner Wange von den Backenknochen bis zum Rand des Kinns. Und in der Tiefe wird der kauernde Gesang zu der Sehnsucht deiner Sprache – oh, ja, ja ...

Ich bin ein Knabe, ein schwacher, zarter Knabe von vierzehn Jahren.

Blaue Fernen vor mir, weißblau flimmernde Fernen. Die Sonnenhitze schwillt dumpf an, sie sengt den Boden, auf dem Seespiegel steht sie mit flirrenden, stechenden Lichtern, und über mir aufschießend, steil geästet, ragt die Wipfelspitze einer Pappel.

Irrend schwimmen meine Knabenaugen in die blauweiße Ferne, in die flirrende, flimmernde, weiße Hitze, und in heißer Brandung schwillt das Blut zum kochenden Strom.

Dies Flirren und Flimmern der Sommerhitze, das hattest Du, Du unter den wollustseligen Augen – damals, als du heiß und glücklich in meinen Armen lagst.

Da vor mir das Gemälde, das du so geliebt hast: eine dürre, trübe Fläche, gelbe Grashalme und ausgedörrtes Unkraut. Ein Bach mit Binsen bewachsen, ein stiller, flacher Bach, mit den herrlichen Himmelsreflexen der beginnenden Abendröte. Paar struppige Weiden mit vertrockneten Ästen steh'n am Bach, und im Hintergrunde, im schwachen Nebel zerfließend, eine Hütte, halb zerfallen.

Das bist Du!

Und ich sehe den Himmel zerfließen in allen Farben, in allen Gluten, in wolkigem Wechsel, in fliehender Hast. Gelbgrün an den Rändern, aschfarben über dem purpurvioletten Horizontrand, und von Osten nach Westen ein zackiger, tausendfach gebrochener Ring von gelbem Purpur: eine breite klaffende Wunde auf der Riesenstirn des Himmels.

Den Himmel seh' ich und den schwindenden, weißen Tag. Die Wunde wird breiter, zum feurigen Gangrän, zum Abgrund geronnenen Blutes. Um sie herum der Himmel matter und matter, und dunkler und tiefer der aschfarb'ne Erdschatten, von zuckenden, goldnen Reflexen zerrissen, und allmählich dunkelt alles nach, tiefer und tiefer in ein schweres, schwarzes Blau hinein.

Das bist Du!

In meinen Ohren klingt ein Lied; schwarzgrauer Tiefton, gesprenkelt mit hellblauen Lichtern. Da plötzlich von hinten nach vorne eine Schlange von heißem, begehrlichem Lachen in kreischender, jauchzender Bewegung.

Aus deinen Augen sprangen manchmal diese weichen, schillernden Schlangen an mein Herz. Sie umringelten es, sie rieben sich wollüstig an ihm und legten sich züngelnd in seiner weichen Wärme schlafen.

Und meine Kunst, das bist Du. Und das heilige Werkzeug, das mir alle Töne der Erscheinungswelt auf diese eine Dominante abgestimmt hat, das bist Du. Und Ich bin Du!

Und weil du die Fläche zu meinem Liede warst, und weil du mir die Linien meiner Erlebnisse lebtest, und weil du die Farbe meiner Düfte bist, mußte ich dich lieben ...

Bevor ich dich sah, warst du in mir; bevor ich dich in meinen Armen hielt, lebtest du in meinen Farben, zucktest du aus meinen Tönen, und wie ein Abendlicht mildernd und versöhnend lagst du über meinen Erlebnissen, lagst und leuchtetest hinein mit seltsamen Augen, und wobst sie mir mit weichen, leuchtenden Händen zu einer mystischen, verhallenden, zerfließenden Melodie.

Bevor ich dich sah, lagst du so in unbefleckter Reinheit als ein Urbild keusch in meinem Gehirn, eine rein angeschaute Idee, du heilige Jungfrau, die niemals die Dunkelheit des Mutterschoßes sah. Noch war mein Geschlecht aus dir nicht geboren: nur eine große, reine Wollust schöpferischer Sehnsucht.

Und da kamst du!

Und in einem Nu hattest du die Fäden zwischen meinem schaffenden Gehirn und der schlummernd brütenden Tierseele des Geschlechtes gesponnen, tausend Verbindungen eingefädelt zwischen deinem Leibe, den brünstig mein Geschlecht umfing, und meiner Gehirnidee; und Du Geschlechtstier bist mit Dir, dem Urbild meines Hirnes, in einandergeflossen und wurdest eine große Einheit, eine heilige Synthese von fleischgewordenem Worte, das herrliche Eden, darein das Anfangslose sich verkleidete.

Und das war meiner Kraft werdender Frühling, das war meiner Macht aufblühender Stolz, denn du warst mir die purpurne, ahnende Bangigkeit des Zwielichts und die zitternde Farbenunruh' des jungen Tages, die jeden Nerv mit heißer, beglückender Frühpracht sättigt.

Und du sitzest auf meinen Knien. Warme Dämmerung im Atelier. Nur hier und da taucht wie ein glänzender Fleck ein Gegenstand hervor. Draußen wiehert der Dezemberwind, Schneeflocken schlagen eisig gegen das Fenster: windige, schneidende Kälte. Aber in dem großen Kamine vor uns knistert lustig das Feuer und wirft Purpurscheine auf dein Gesicht, herrlich purpurgelbe Flecke, wie die untergegangene Sonne der Erde ihre letzten Abschiedsgrüße zuwirft. Du auf meinen Knien, und in meinen Händen hab' ich deine kleinen Füße und halte sie gegen das Feuer; weißt du, ganz so lag ich als Knabe auf dem Schoß meiner Mutter, wenn ich Husten bekam, ganz so hielt sie meine Füße gegen das Feuer und rieb mir die Sohlen mit Zwiebeln ein.

O, ich liebe dich! liebe dich als meine Kunst in Farbe, Ton und Wort, ich liebe dich als meiner Vorzeit endlose Vergangenheit, ich liebe dich als den Geruch meiner Heimatserde, als meiner Kirche mystischen Rausch, aber über alles lieb' ich dich als meinen kosmischen Sehnsuchtsschmerz, als meine höchste Lebensbejahung in meiner gräßlichsten Qual, in meinem Siechtum, meiner Ohnmacht.

Die Uridee, die dich geboren hat, aus der mir meine Kunst gewachsen ist, hast du zerstört: auf tausend Wegen, in tausend Fäden floß jeder Eindruck in den Abgrund des Geschlechtes, und was makellos im Gehirne wuchs, erstarb in der geschlechtlichen Sehnsucht nach dir.

Aber meine Qual war dein Recht!

Dazu meine Vergangenheit, daß ich durch dich die Ewigkeit fortpflanzte. Dazu die Farben, Töne, Linien, daß ich in erlesenster Zuchtwahl dich aus allen Weibern der Erde wählte, dem Grundgesetze der Natur Genüge zu tun.

Und die Kunst, die erbärmliche Kunst! Eine Spielerei, die das Geschlecht mit dem Gehirne treibt! Die ganze menschliche Kunst: ein Liedchen, das nicht mal ein Weibchen anlocken kann, ein Bild von Farbenpracht, das doch nicht mal die Macht von einem Pfauenschwanz erreicht!

Doch wozu? wozu Vernunft, wozu Raisonnement? Die Sehnsucht blieb, die große Sehnsucht ...

Verschwunden ist mir das Weib mit ihrer Mission und ihrer Kulturmacht, verschwunden du mit dem Geheimnis meiner Individualität, dem Sinn meiner Kunst, dem Willen meiner Ewigkeitsbegierden – nur eines blieb: das Riesensymbol, das nun mein Weib geworden ist: die Sehnsucht.

Die Sehnsucht, die im Künstler zeugt, die die Hände zu Gott emporringt, die das Gehirn im Triebe nach Erkenntnis sich zerquälen läßt; die schmerzhafte, ewige Sehnsucht des Daseins: aufjauchzend, aufwirbelnd in heißen Stürmen, wühlend mit tausend glühenden Nadeln, zerstörend, vermählend und wieder zerstörend, in ewigem Gleichmaß, ewiger Unrast, ewiger Qual und Seligkeit.

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