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Vierzehn Jahr' und sieben Wochen

Else Ury: Vierzehn Jahr' und sieben Wochen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleVierzehn Jahr' und sieben Wochen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160201
projectid0053f79c
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Prinzesschen.

In Nedderdorf blühten die Rosen zum zweiten Male.

Ein Körbchen am Arm, den breitkrempigen Strohhut zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen auf dem Haupte, schritt Frau Lisabeth von einem Rosenbäumchen zum anderen. Hier schnitt sie eine vollerblühte Rose ab, stützte dort einen sich unter der Last seiner duftigen Blüten neigenden Zweig und zog mit Ausdauer gegen die häßlichen Raupen und das schädliche Ungeziefer, die Feinde der lieblichen Blumenkinder, zu Felde.

»Weidmanns Heil, Mutting! Weißt du auch, daß du dich des Jagdfrevels schuldig machst? Wir haben jetzt Schonzeit,« tönte es neckend über das Staket. In hohen Stulpenstiefeln und heller Leinenjoppe kam der Gutsbesitzer von seinem Rundgang über die Felder heim. Er fuhr sich mit dem Taschentuch über das braunrote erhitzte Gesicht.

»Was 'ne Hitze! Das setzt heute noch ein ordentliches Wetter! Wenn wir nur erst das Heu trocken herein hätten! Die Knechte legen sich ja ordentlich ins Geschirr, aber die Lupinenfelder sind nun auch all' zum Schneiden reif.« Er sah besorgt zum weißlichgrauen Himmel auf. »Man weiß nicht, wo man jetzt in dieser Zeit Hände genug hernehmen soll; diese vertrackten Bäder und Seehotels, die uns unsere Dorflüd fortschnappen!«

Frau Lisabeth kannte zur Genüge das Lieblingsthema ihres Mannes, das er morgens, abends und mittags erörterte. Aber sie war viel zu sehr Landwirtin, um die ernste Besorgnis des Gatten heute nicht zu verstehen und zu teilen.

»Waldemar,« sagte sie überlegend, »ich werde dir die Hofmägde zum Heuen schicken. Die Mamsell, Dörthe und Gusting können ja mal heute die Milchkammern und das Buttern übernehmen; im Hause werde ich mit Fräulein und Mary schon nach dem Rechten sehen. Will gleich mal an die Mobilmachung gehen!« Damit füllte sie ihr Körbchen mit weißen und roten Rosen vollends und schritt dem Gutshaus zu.

»Mutting, du bist der vernünftigste Mensch, der in Weiberröcken einherläuft,« lobte Herr Waldemar Sürsen, voll Stolz auf seine tüchtige Gattin blickend.

Auf der untersten Stufe der Leiter, die gegen den Heuboden lehnte, erwischte Frau Lisabeth einen kleinen Hosenmatz. Hänschen war dem Fräulein beim Anziehen ausgekniffen und versuchte nun mit seinen dicken Beinchen vergebens, die Leitersprossen zu erklimmen. Die Strümpfe hingen ihm herunter; er war ohne Bluse und ungekämmt.

»Aber Jung, was soll das wohl heißen? Du bist ja noch gar nicht angezogen! Mach, daß du hinauf ins Kinderzimmer kommst!« Mutting schob den Kleinen wie einen Ballen vor sich her.

»Fräulein wäscht doch erst Fränzchen,« rechtfertigte Hänschen weinerlich seine Frühpartie; der Kindermund verzog sich viereckig.

»Und Mary, die euch beim Anziehen helfen soll, wo steckt denn das Mädel? Konnte sie nicht acht auf dich geben?«

Auf der untersten Stufe der Leiter erwischte Frau Lisabeth einen kleinen Hosenmatz.

»Ach die!« antwortete Hänschen verächtlich. »Die liegt ja im Bett und schnarcht noch doller als Cäsar. Fräulein hat gesagt, sie ist eine faule Lise!«

»Was?« Vating zog die Uhr. »Sieben ist's vorbei und die Dirn liegt noch in den Federn? Jetzt im Hochsommer? Ih, das ist denn doch 'n bischen zu stark! Solche Stadtmoden wollen wir bei uns nicht einführen. Ich weiß schon, was du sagen willst, Mutting,« wehrte er ärgerlich ab, als Frau Lisabeth ihn zu unterbrechen versuchte. »Das ist, meiner Meinung nach nicht richtig, wenn ihr der Arzt langes Schlafen verordnet hat. ›Mit der Sonne auf und mit der Sonne wieder ins Bett‹, so lautet der Landmannsspruch. Wie soll denn die Dirn Saft und Kraft in die Knochen kriegen, wenn sie bis Mittag im Nest liegt? Dann sieht man natürlich so käsig aus! Am liebsten möchte ich sie mit dem Gartenschlauch aus dem Bett spritzen.«

»Ach ja, und ich nehm' die Gießkanne, Vating!« rief Hänschen, sich für die Idee begeisternd.

»Bei der heutigen Temperatur wäre das nicht mal eine Strafe,« erwiderte der Vater lachend und seinen Humor schnell wiederfindend. »Uff, eine Bombenhitze!« Er ging mit schweren Schritten über den sonnendurchglühten Hof.

Droben in dem kleinen Zimmer, das Mary mit Fräulein bewohnte, waren die dunklen Vorhänge noch fest zugezogen, Fräulein machte zwar stets hell, wenn sie ins Kinderzimmer ging, damit Mary den Weg aus dem Bett finde; aber Mary hielt das für höchst rücksichtslos. Kaum war Fräulein draußen, so erhob sich Mary wie eine Nachtwandlerin, machte mit geschlossenen Augen wieder dunkel, und im nächsten Augenblick schlief sie schon wieder, unbekümmert um das Heulen und Schreien, das beim Waschen aus der Kinderstube schallte.

Sie träumte gerade wunderschön. Fünf » games« hatte sie bereits hintereinander beim Tennis gewonnen, und Nelly Johnsen barst vor Neid – da flutete mit einem Male eine blendende Helle in das verdunkelte Zimmer. Mit ärgerlichem Grunzen zog Mary das Federbett, an das sie sich allmählich gewöhnt hatte, bis über den Kopf und versuchte weiterzuträumen. Unbedingt mußte sie das sechste noch haben, sie mußte das gewinnen! Aber Tante Lisabeths rasche Hand brachte Mary aus dem Traumland schnell in die Wirklichkeit zurück. Das Deckbett flog mit kräftigem Schwunge zu Marys Entrüstung auf den nächsten besten Stuhl und Tante Lisabeth rüttelte die junge Langschläferin gehörig am Arm.

»Dirn – Mieze – Mary – so wach doch auf, Kind! Schämst du dich denn gar nicht, jetzt noch im Bette zu liegen? Selbst klein Suschen ist schon fix und fertig. Und so eins will meine Haustochter sein, solch ein verwöhntes Prinzeßchen! Schnell, zieh dich an; ich habe heute alle Hände voll zu tun. Du mußt mir helfen.«

Damit zog die Tante Mary der Vorsicht halber auch noch das Kopfkissen fort, womit Mary sich vergeblich zu bedecken suchte.

»Oh – ich habe kalt, ich friere – ich werde mir bekälten,« wimmerte sie.

Tantes herzliches Lachen verdroß die müde Mary noch mehr.

»Mädel, fünfundzwanzig Grad Celsius haben wir bereits im Schatten und dabei frieren? Du kommst wohl vom Äquator?«

Aber Mary war durchaus noch nicht für Scherze zugänglich.

»Ich schäme mir,« brummte sie erbost und zog die Füße unter das Nachthemd.

»Hast auch allen Grund dazu, Faulpelz! Hör nur, wie die Gören dich auslachen!«

Aus dem Kinderzimmer ertönte eine weniger melodische als durchdringende Musik; man brachte der faulen Mary ein Ständchen. In langgezogenen Tönen bliesen sie auf Kämmen das militärische »Wecken«, Karl Heinz den Zwillingen voran.

Dieses Frühkonzert verbesserte Marys Laune nicht. Als Tante Lisabeth mit einem eindringlichen: »In zwanzig Minuten wünsche ich dich am Frühstückstisch zu sehen!« das Zimmer verließ, überlegte das Backfischchen allen Ernstes, ob es sich die entrissenen Bettstücke nicht wieder holen sollte. Aber die Tante hatte sich bei Mary in den zwei Monaten des Landaufenthaltes in Respekt zu setzen gewußt; sie wagte eine so offenbare Widersetzlichkeit nicht. Murrend entschloß sie sich also zum Aufstehen.

Mary hatte sich auf Nedderdorf doch schon ein wenig verändert. Die blassen Wangen begannen eine leichte Röte zu zeigen, die Augen blickten lange nicht mehr so matt wie früher, und das Überschlanke ihrer langen Figur fing an, sich zu runden. Auch die Haartracht war anders, Tante Lisabeth hatte es durchaus nicht zugegeben, daß Mary an Wochentagen mit gelöstem Haar wie eine Theaterprinzessin einherlief. Das Fräulein flocht daher das lichtblonde Haar zu einem dicken Zopf, und Karl Heinz und die Zwillinge betrachteten es als ihr gutes Recht, bisweilen daran ein wenig zu läuten. Wozu bammelte der Zopf denn auch sonst den Rücken herunter! Aber zu einer Schürze konnte Mary sich immer noch nicht entschließen; dazu bedurfte es stets noch einer unmittelbaren Aufforderung von seiten der Tante.

Der Frühstückstisch war bereits abgeräumt.

Mary hatte in der noch schattigen Veranda Platz genommen und schon dreimal nach dem Stubenmädchen geläutet. Niemand kam. Schlechtes Personal hatte die Tante; ein solches Bauernmädchen wie diese Gusting würde ihre Mama keine Woche im Hause behalten! Mary läutete Sturm. An der Frühstücksmilch lag ihr ja herzlich wenig; da sie stets als letzte am Kaffeetisch erschien, wanderte der immer noch verhaßte Trank meistens denselben Weg wie am ersten Tage. Aber sie hatte Hunger; es war doch wahrhaftig jetzt spät genug!

Auf der Verandaschwelle erschien mit erhitztem Gesicht Tante Lisabeth.

»Dirn, was für einen Lärm machst du denn? Wo fehlt's denn, Mary?«

»Ich habe kein breakfast, Gusting kommt nicht,« antwortete Mary vorwurfsvoll.

»Vielleicht holt das Prinzeßchen sich die Milch mal selbst? Gusting ist beim Buttern!« Die sonst so freundliche Tante befand sich heute in einer etwas erregten Hast, »Und das reine Pikeekleid hätte ich mir morgens früh auch noch nicht angezogen, Mädel; du sollst mir doch helfen!«

»O – ich kann arbeiten auch sofort; ich habe nun gar keine Hunger mehr!« Mary kam sich wie eine Märtyrin vor.

»Zum Essen muß man sich Zeit nehmen, Kind,« lenkte die Tante ein. »Frühstücke und dann komm zu mir in die Küche; wir wollen mal heute beide die Köchin spielen. Aber eine Schürze bitte ich mir aus,« sagte sie noch in der Türe.

Kochen, in der Küche helfen, das war etwas Neues für Mary, wenn es ihr auch durchaus nicht ladylike schien. Folgsam band sie eine große Schürze der Tante – sie selbst besaß keine – über das weiße Kleid, schlang geschwind eine Honigsemmel hinunter, goß die Milch zur Abwechslung mal in die weißen Kletterrosen und trat erwartungsvoll in die große Küche im Kellergeschoß.

Eine erfrischende Kühle umfing sie nach der glutenden Schwüle draußen.

»So, Mary, komm man her; du kannst hier gleich mal lernen, wie man Tauben ausnimmt. Paß auf, Dirn; die drei letzten darfst du dann allein machen.« Geschickt förderte die Tante mit Daumen und Zeigefinger die Eingeweide der Vögel ans Licht.

Pfui! Die junge Engländerin trat einen Schritt zurück, verzog das Gesicht, wickelte die zarten Hände in die Schürze und sah mit mißtrauischen Blicken dem Treiben der Tante zu. » That is eine Ekel to me; I cannot reinmachen die Taubes!« Damit wandte sie sich angewidert dem Ausgang zu.

Die Tante lachte.

»Kind, Karl Heinz hat wirklich recht, wenn er dich nur noch ›Prinzeßchen‹ ruft; du kannst das dem Jungen nicht verübeln. Solltest mal sehen, wie die Leni alles frisch anpackt!« Muttings Gedanken flogen sehnend in die Ferne.

Mary schürzte die Lippe.

»Leni – ich bin nicht Leni!« Gott sei Dank nicht – vollendete sie heimlich und griff in die Kleidertasche. Da knisterte Bobbys Brief, in dem er Mary von den haarsträubenden Sachen erzählte, die Leni dort anstellte. Und so eine wurde ihr auf Schritt und Tritt als Muster vorgehalten?!

»Na, also mit dem Geflügel ist es nichts, Mary; dann muß ich dir eine andere Beschäftigung anweisen. Du kannst die Speise für heute mittag einrühren; das ist eine leichte, hübsche Arbeit. Aber erst geh mal nach dem Hühnerstall, mein' Dirn, und sieh zu, was an frischen Eiern da ist. Fräulein wird gleich Suschens Frühstücksei verlangen. Nimm dir das Henkelkörbchen mit, Kind!« Die Tante kochte in einem großen Kessel die Suppe für die Leute.

Mary schlenderte langsam dem Geflügelhof zu. Die brütende Hitze lähmte jede schnellere Bewegung. Vorsichtig lugte sie erst über den Zaun, ob von dem noch immer gefürchteten Truthahn auch nicht Gefahr drohe. Aber selbst dem war es heute für dergleichen zu heiß; zu einem riesigen Federball aufgeplustert lag er im Schatten der Dachrinne. Nur die Täubchen gurrten in dem blendend weißen Sonnenlicht.

Im Hühnerstall blieb das junge Mädchen unschlüssig stehen. Der durchdringende Geflügelgeruch war ihrem an feines Parfüm gewöhnten Näschen höchst unbehaglich, und nun kam noch das Schlimmste: sie mußte unterhalb einer Treppe, die nach oben führte, im Halbdunkel in den verschiedenen Heunestern nach Eiern suchen!

Es war einfach gräßlich, was die Tante alles von ihr verlangte!

Herzklopfend näherte sie sich der dunklen Ecke. Gack – gack – gack – gack – gack – mit lautem Gackern flog eine aufgescheuchte Henne vor ihr auf.

Die junge Heldin stieß einen markerschütternden Schrei aus und stürzte zur Tür.

» Good God – die Stalltür war hinter ihr ins Schloß geschnappt, und ob Mary auch mit Leibeskräften an dem schweren Eisenriegel drückte, zog und rüttelte, der tückische Mechanismus wich und wankte nicht! Sie war in dem dunklen Hühnerstall eingesperrt, allein mit der flatternden Henne und ihren leise glucksenden, vorläufig noch unsichtbaren Kolleginnen. Als in Mary diese furchtbare Gewißheit aufdämmerte, begann sie wie eine Besessene gegen die Tür zu schlagen. Vergebens, der sonst stets belebte Hof lag heute wie ausgestorben da; alles war draußen auf den Wiesen zum Heuen.

Gräßliche Vorstellungen jagten sich in Marys erregtem Kopf. Wenn man sie nicht vermißte, wenn niemand sie suchen kam, und sie den ganzen langen Tag hier mit den fürchterlichen Tieren zubringen mußte! Just heaven, am Ende auch noch die dunkle Nacht allein an diesem schaurigen Orte! Kalter Schweiß perlte auf Marys Stirn. Alles, was sie jemals von den Schrecken des Hungertodes gehört hatte, wurde in ihrer angsterfüllten Phantasie lebendig.

Ja, so würde es sein! Man fand sie zu spät, wenn sie bereits den Hungerqualen erlegen war. Was für Vorwürfe würde Tante Lisabeth sich machen, daß sie selbst sie in den frühen Tod gejagt hatte, und Karl Heinz, der sie in einem fort neckte und foppte und ihr schon manchen Schabernack gespielt hatte! Es lag etwas Schmerzlichsüßes darin, sich diese Trauergefühle der anderen auszumalen.

Aber die grausige Wirklichkeit ließ sich nicht hinwegtäuschen. Im Stroh begann es zu rascheln – o Himmel – das waren sicher Ratten und Mäuse! Mary hielt den Atem an und schloß die Augen. Durch die dünnen Holzlatten drang das satte Grunzen der Schweine vom Nebenstall an ihr gespannt lauschendes Ohr, und dazwischen ein deutliches Knistern. Es kam näher, und wieder begannen Marys schwache Hände die Stalltür zu bearbeiten.

Sie sah nicht, daß drei Hühnerköpfchen sich scheu aus den Nestern hoben und die ganze kleine Gesellschaft sich aus Angst vor dem großen Menschenkinde in dem äußersten Winkel zusammenscharte; sie hörte nur das fortwährende Rascheln und Knistern.

Doch jetzt – ein tiefer Atemzug hob Marys gepreßte Brust – eine unmelodische Knabenstimme ließ sich vernehmen! Wie Engelssang erklang ihr das nichts weniger als schöne Lied:

Wenn der Pott aber nu 'n Loch hat, lieber Heinerich, lieber Heinerich –
Stopp zu, liebe, liebe Liese, liebe Liese, stopp zu!

»Karl Heinz – Karl Heinz – help me – Hi–i–i–lfe –«

Das Lied verstummte. War Karl Heinz weitergegangen, ohne sie zu hören?

Nein, die Zauntür zum Geflügelhof quietschte, Schritte hallten, kamen ungewiß näher und entfernten sich wieder; Karl Heinz lauschte auf die Stimmrichtung.

»Hier – come here – ich bin in die Hühnerstall versperrt,« schrie Mary mit gellender Stimme.

Karl Heinz, der vom Herrn Kantor Hitzferien bekommen hatte, stellte sich breitspurig, die Hände in den Hosentaschen, vor die Stalltür.

»Guten Dag ok, Prinzeßchen,« sagte er gemütlich lachend, »nanu, wie kommen denn Euer Gnaden in den Stall?«

»Mache auf – laß mir out – please –« heulte Mary.

»Was kriege ich denn?« leitete Karl Heinz die Unterhandlungen ein.

» What you like – ich lerne dir Tennis – und I shall give you meiner drei India Markens und – und – auch eine Kuß,« setzte sie mit Überwindung hinzu.

Karl Heinz lachte nicht gerade höflich.

»Ne danke, Prinzeßchen, deine Kuß kannst du dir sauer kochen; aber einen Riß sollst du mir in meiner neuen Jacke zunähen, ja, daß Mutting nicht erst was merkt.« Karl Heinz war ein schlauer Junge.

Mary versprach hoch und heilig, sämtliche augenblicklichen und künftigen Risse auszubessern, und mit einem geschickten Griff flog der Riegel zurück.

» Boy – dear boy – oh – ich danke dich mit all mein Herz!«

Die sonst eiskalte Mary hatte beide tintenfingerige Hände Karl Heinz' ergriffen.

Verdutzt sah der Junge in ihr tränenüberströmtes Gesicht.

»Dirn – ja warum hast du dir denn nicht selber aufgemacht?« fragte er erstaunt.

»Das Riegel ging nicht auf – es war dreadful, meine Fingers sind zu zart und schwächlich.«

»Prinzeß!« Verächtlich stieß Karl Heinz, der noch eben warmes Mitleid mit der weinenden Mary empfunden hatte, ihre Hände von sich. »Mondscheinprinzeßchen, hast du wenigstens inzwischen die Eier in deinen Korb aufgeklaubt?«

»Mache du's, Karl Heinz – dear Jung – ich tue nicht wieder gehen in das Stall all my life,« flehte Mary.

Der gutmutige Vetter ergriff das Körbchen und brachte es ihr, mit sechs frischen Eiern gefüllt, wieder zurück.

»Nu geh man sacht, Prinzeßchen, daß du sie heil hereinbringst; wenn du nicht schnell machst, kochen sie dir hier in der Sonne!« Karl Heinz folgte ihr zur Küche.

»Dirn, ich wollt' eben nachsehen ob du etwa den Sonnenstich bekommen hast; für so 'ne Köchin bedank' ich mich!« Mit diesen Worten empfing sie die Tante.

Mary schwieg verlegen.

»Je, Mutting, Mary hat es im Hühnerstall so gut gefallen, daß sie durchaus nicht wieder heraus wollte; ich mußte sie mit Gewalt holen,« antwortete der Vetter neckend auf der Mutter Frage.

Mary blinzelte ihm bittend zu, seinen Mund zu halten, und Karl Heinz war nett genug, die unfreiwillige Gefangenschaft seiner Cousine nicht zum besten zu geben.

»Nu aber fixing, Mary, wenn du die Speise noch rühren willst; mach 'n beten tau! Hier ist das Rezept; es ist ganz leicht.« Tante Lisabeth drückte Mary einen Topf und den Schneeschläger in die Hand und begann wieder emsig am Herd zu schaffen.

Mary blickte unsicher auf den Zettel; sie hatte keine blasse Ahnung, in welcher Weise sie Eier, Zucker und Wein miteinander vermischen sollte.

»Komm, Prinzeßchen, ich werde den Küchenjungen spielen,« sagte Karl Heinz, um ihr aus der Klemme zu helfen. »So viel wie du werde ich ja wohl auch noch von dem Rummel verstehen.«

Er schlug geschickt die Eier auf und sonderte Weißes und Gelbes.

»So – acht Eier, die hätten wir; das ist eine lustigere Arbeit, als lateinische Verba zu konjugieren. Jetzt kannst Schnee schlagen, Prinzeßchen. Aber du frierst wohl gar, was?« Er sah voll Staunen, daß Mary graue Leinenhandschuhe über die Hände gezogen hatte.

» Oh no – aber eine vornehme Lady arbeitet niemals im Haushalt ohne Handschuhe, das verderbt der weiße Haut.«

Mary begann langsam die Schneerute in Bewegung zu setzen.

»Verziertes Ding,« knurrte Karl Heinz. »Wenn du so dösig den Schnee schlägst, gibt es eher draußen welchen als hier drinnen; forsch mußt du schlagen!«

Dem empfindlichen Backfischlein waren die Tränen in die Augen getreten; es kränkte Mary, daß Karl Heinz sich immer über ihre vornehme Art lustig machte, und über sein ständigem »Prinzeßchen« ärgerte sie sich heimlich mehr, als sie gestehen wollte. Mit einem Ruck streifte sie die Handschuhe wieder ab und begann mit aller Kraft auf das Eiweiß loszuschlagen; sie wollte dem » silly boy» zeigen, daß sie auch etwas verstand.

O weh! Mit lautem Geklirr flog der Topfboden auf die Küchenfliesen, und das Eiweiß rann an Marys Schürze hinab. Sie hatte ihre Sache zu gut gemacht: der Boden des Topfes konnte ihren Anstrengungen nicht standhalten.

Karl Heinz lachte aus vollem Halse, und auch Mutting stimmte ein, als sie Marys hilfloses, verdutztes Gesicht sah, während sie sich krampfhaft den bodenlosen, rinnenden Topf vom Leibe hielt.

»Ihr seid mir zwei nette Köche! Nun werde ich's selbst machen, Gören, sonst muß noch meine ganze Wirtschaft an Marys Kraftproben glauben.«

»Och Mutting,« bettelte Karl Heinz, »wir wollen's schon fertig bringen; laß uns noch einmal versuchen!« Er ging aufs neue ans Werk.

»Prinzeßchen, hole den Wein, fünf Eßlöffel brauchen wir; Mutting hat ihn schon drüben auf den Tisch gestellt,« sagte er dann.

O weh! Mit lautem Geklirr fiel der Topfboden auf die Küchenfliesen.

Die ganz geknickte Mary hatte nur halb zugehört. Sie ergriff irgendeine Flasche, die auf dem Fensterbrett stand, und goß davon in die schöne gelbliche Masse.

»Kosten ist die Hauptsach',« verkündete Karl Heinz und schwenkte den Löffel, »du darfst zuerst, Prinzeßchen.«

»Brr!« Mary schüttelte sich. »Du hast der Zucker vergessen, Boy.«

»Aber nee, da is ja 'n ganzes halbes Pfund in, genau nach Vorschrift,« antwortete Karl Heinz, seine Kochkunst verteidigend, und kostete selber.

»Brr! – Mutting, komm doch bloß mal eben her; die Speise wird gar nicht süß!« rief er.

Mutting ließ ihren Braten im Stich. Sie brauchte bloß zu riechen.

»Aber Kinnings, da ist ja Essig mang, und noch dazu scharfer Essigextrakt! Wer von euch hat denn das nun wieder fertiggebracht? Ihr macht doch zehnmal mehr Arbeit, als ihr helft. Nun aber 'raus mit euch! Mary, schicke mir Fräulein her und nimm dich inzwischen der Gören an; sorg, daß dem Suschen nur nichts geschieht! Zu irgend etwas wird eine so große Dirn doch wohl nütz sein! Kannst ja das Kleine in den Sportwagen setzen und ins Wäldchen fahren; da ist's am kühlsten. Aber ja nicht weiter, hörst du wohl?«

Frau Lisabeth seufzte; sie brachte ihrem Mann doch ein großes Opfer, daß sie die Leute alle ins Heu geschickt hatte.

Mary war mißgestimmt; sie schämte sich ihrer Fehlgriffe vor dem jüngeren Vetter. Wenn nur der Onkel nichts von ihrer Essigspeise erfuhr! Das gab sonst endlose Neckereien.

Sie war überhaupt ärgerlich. Mir nichts dir nichts machte sie die Tante bald zum Küchenmädel, bald zur Kinderbonne, wie es ihr gerade paßte! Sie war doch zu ihrer Erholung aufs Land geschickt worden!

Aber als Mary nun Baby auf dem Schöße hielt, und der kleine Liebling ihr immer wieder mit den dicken Fingerchen in das Blondhaar griff und das nasse Mäulchen zärtlich an ihre Wange wischte, da verflog des jungen Mädchens garstige Laune im Umsehen. Baby war ihr Abgott; immer schon hatte sie sich eigentlich gewünscht, Baby mal ganz allein für sich zu haben, aber Tante war stets zu ängstlich. Jetzt sang und lachte sie mit dem süßen, kleinen Ding, daß niemand mehr ihr brummiges Gesicht von vorhin wiedererkannt hätte.

Fränzchen und Hänschen, die beide auf dem Fliegenfang waren, kamen langsam näher; so ausgelassen hatten sie die große Cousine noch nie gesehen. Suschen juchzte und krähte, daß es eine Lust war, und als Mary ihr jetzt den weißen Helgoländer zum Schutz gegen die Sonne auf die krausen Haare setzte, sagte sie deutlich: »Ada,« und zeigte dabei ihre vier funkelnagelneuen Zähne.

»Boys – kommt, wir sollen gehen in the U–äldken.« Mary stülpte den blauen Leinenhut auf und nahm Baby auf den Arm.

Hänschen und Fränzchen griffen zu Schmetterlingsnetz und Botanisiertrommel und folgten, einander stoßend und knuffend, dem Sportwagen.

An der Wagenremise blieben die Zwillinge zurück, Mary merkte es nicht. Sie strebte danach, so schnell als möglich den schattengebenden Ahornweg zu erreichen, der ins Wäldchen führte. Kein Lüftchen regte sich; wie ein großer Dunstball hing die Sonne am bleiweißen Himmel.

Hänschen und Fränzchen fühlten nichts von der lähmenden Temperatur. Sie hatten eine Entdeckung gemacht. Der alte Jürgens hatte vergessen, seine Farbentöpfe fortzuräumen, mit denen er Ausbesserungen an Hof- und Hausgeräten vornahm. Einträchtig standen die blauen, gelben, roten und grünen Gefäße nebeneinander.

»Wir wollen Maler spielen,« schlug Fränzchen vor, und im Nu waren Mary, Suschen und das Wäldchen vergessen.

»Au ja – fein! Was wollen wir malen? Ob sich Jürgens wohl freut, wenn wir Cäsars Hundehütte anstreichen?«

»Nee,« war Fränzchens einsilbige Antwort; er sah sich nach einem anderen Kunstobjekt um.

»Was meinste zu der ollen grauen Regentonne? Die könnte man fix feuerrot anmalen, und dann spielen wir damit Sprengwagen. Unserer, den Vating aus Hamburg mitgebracht hat, ist ja man so lütt.« Hänschen begann bereits an der zu so Großem ausersehenen, bedenklich wackelnden Tonne emporzuklettern.

Aber Fränzchen zog ihn energisch an den kurzen dicken Beinen wieder auf die weiße Erde herunter, die das Glutgeflimmer der Sonne zurückzustrahlen schien.

»Nee, laß man, ich weiß was viel famoseres. Wir spielen Struwwelpeter. Unsere ollen Leinenkittel sind nicht 'n bischen fein; die kleinen Jungs im Struwwelpeter sehen alle so nüdlich aus. Ich will auch so 'n hübschen bunten Anzug anhaben. Man los!«

Damit tauchte er den Pinsel kräftig in das Zinnoberrot.

Die gelblichgrauen Pumphöschen seines Zwillingsbruders, die unschuldig unter dem Faltenkittel hervorlugten, begannen sich seltsam zu färben. Feuerrote Striche, kleckse und Farbenbächlein ergossen sich darüber, und betroffen schaute Hänschen auf die eigentümliche Verwandlung, die mit seinen Beinen vorging. Dann aber machte auch er kurzen Prozeß. Er griff zu dem grasgrünen Pinsel, mit dem die Fensterladen ausgebessert worden waren, und bemühte sich nun seinerseits ebenfalls, Fränzchens Untergestell einer leuchtenden Wiese möglichst ähnlich zu machen.

Breitbeinig standen sich die kleinen Künstler gegenüber, ganz in das heilige Schweigen ihrer hehren Kunst vertieft. Dicke Schweißtropfen, von dem eifrigen Schaffensdrange und der brennenden Mittagsglut erzeugt, rannen ihnen über die heißen Gesichter.

Mit breitem Grinsen sah Frau Sonne auf das seltsame Bild in dem Gutshof herab; solange sie die Erde beschienen, hatte sie nichts so Lustiges geschaut. Hei, da war sie auch dabei, da wollte sie auch mittun! Und sie schickte ihre heißesten Strahlen zu den drolligen kleinen Burschen hernieder, damit die schonen roten und grünen Höschen auch recht schnell trockneten.

»Uff,« stöhnte Fränzchen, wie er es von Vating oft gehört hatte, richtete sich aus seiner gebückten Stellung auf und wischte sich mit dem Jackenärmel Stirn und Nase. »Das ist 'ne Arbeit! Aber macht nix; fein wird's!« Frohlockend besah er sein Werk, Hänschen wie einen Kreisel herumdrehend. »Unterwärts siehst du nu schon ganz aus wie Hans Guckindieluft; willste oben nu der Suppenkaspar werden? Der ist blau, oder vielleicht lieber der Konrad?« erkundigte sich Fränzchen angelegentlich.

»Nee aber – du bist woll – den Konrad mal' ich doch gerade!« Hänschen schwenkte den Pinsel mit zitronengelber Ölfarbe kriegerisch in der Luft umher und zeigte nicht übel Lust, auf seinen Kunstkollegen loszugehen.

»Na, dann wirst du eben der Kaspar,« entschied Fränzchen, der heute in merkwürdig friedfertiger Stimmung war, »von Blau ist noch viel da; da hat Jürgens den Leiterwagen mit gestrichen. Man tau!« Wieder hörte man eine geraume Weile nichts weiter, als das leise Klackern der Farben und das unterdrückte Schnaufen und Pusten der beiden kleinen Maler.

»Au nich doch – nich die Haare – laß sein, laß los – ich krieg' ja das olle Zeug all ins Gesicht,« schrie Fränzchen plötzlich wie besessen.

Hänschen ließ sich nicht stören.

»Konrad hat blonde Haare,« meinte er mit Gemütsruhe und bearbeitete den dunklen Schopf seines Brüderchens menschenfreundlich weiter mit dem Pinsel.

Aber was zuviel ist, ist zuviel!

Fränzchen hob das glühende Gesicht, über das ein breiter gelber Streifen lief, zornig empor, riß sich von Hänschen, dem Haarkünstler, los und streckte die kleinen Arme boxbereit. Im Verlauf einer weiteren Sekunde hielten sich die beiden hoffnungsvollen Kunstjünger aufs innigste umschlungen, eifrig bemüht, den anderen möglichst schnell die Bekanntschaft mit Mutter Erde machen zu lassen. Schweigend rangen sie miteinander, unbekümmert darum, daß sich gelbe, grüne und rote Farbenbächlein um sie herum über den staubigen Boden ergossen. Suppenkaspar und der Daumenlutscherbub kämpften ergrimmt in der drückenden Schwüle. Was hätte Frau Sonne erst zu diesem Anblick gesagt! Die jedoch machte inzwischen hinter schwefelgelben Wolkenvorhängen ihr Mittagschläfchen.

In dem Türrahmen des Wirtschaftsgebäudes erschien jetzt Mutting und blickte besorgt in die unheilvollen Wolkengebilde.

»Das gibt ein böses Wetter,« murmelte sie vor sich hin. Ihr Auge glitt über den stillen Hof, wo nur Mary mit den Gören blieb? Da – die Haare standen ihr plötzlich vor Entsetzen fast zu Berge.

Grundgütiger Himmel, waren das ihre Lütten, die beiden farbenprächtigen Stieglitze da drüben an der Wagenremise, die mit krebsroten Gesichtern gegeneinander zu Felde zogen?

Mutting fackelte nicht lange; mit schnellen Schritten stand sie neben den kleinen Missetätern, und im nächsten Augenblicke brannten zwei kräftige Ohrfeigen auf den Wangen der kunstbeflissenen Zwillinge. Das mütterliche Gewitter entlud sich rascher als das himmlische. Es schlug sogar ein.

»Herr du mein – die schönen neuen Anzüge! Na, laßt Vating man kommen! Nein, solch nichtsnutzige Gören! Wollt ihr wohl auseinander, ihr Vagabunden, ihr?«

Sie versuchte die beiden kleinen Ringkämpfer zu trennen. Das war aber leichter gesagt als getan, denn das gelbe Röckchen des Konrad und das leuchtend blaue des Suppenkaspar klebten fest aneinander; die Ölfarben waren während des Krieges eingetrocknet.

»Rauf mit euch ins Kinderzimmer! Fräulein soll euch Haare, Gesicht und Hände mit Terpentin waschen; die teuren Anzüge können wir wegwerfen. Und dann werdet ihr zur Strafe ins Bett gesteckt, verstanden! Solche böse Jungs mag ich heut den ganzen Tag nicht mehr vor Augen sehen.«

Mit lautem Geplärr trollten sich Hänschen und Fränzchen, eng aneinander geschmiegt wie die siamesischen Zwillinge.

»Wo steckt denn die Mary? Hat die so schlecht acht auf euch Rangen gegeben?« rief die Mutter noch hinter ihnen drein.

»Mary ist doch mit Suschen im Wäldchen,« heulten beide Kleinen wie aus einem Munde.

Mutting legte die Hand über die Augen und spähte den Ahornweg entlang. Keine Spur von Mary und dem Sportwagen; nur der starke Wirbelwind, der Vorbote des Gewitters, trieb Staubwolken vor sich her.

»Mary ist ja kein Kind mehr; sie sieht das drohende Wetter doch so gut wie ich,« tröstete Frau Lisabeth ihr unruhig schlagendes Herz.

Durch das weitgeöffnete Hoftor holperte der erste hochbeladene Heuwagen. Hinter ihm sprengte der Gutsbesitzer auf seinem Fuchs daher.

»Das kommt fixer, als man dachte, Mutting,« rief er, abspringend und einem Knecht die Zügel zuwerfend. »Na, viel Schaden kann es heut nicht mehr anrichten; so weit is nu allens tau Reih. Schließt Fenster und Türen! Ist das Lüttzeug im Nest?« Sein Blick suchte die Kinderstubenfenster.

»Suschen – sie ist mit Mary –«

Der erste dumpf grollende Donnerschlag machte Frau Lisabeth verstummen. Aber sofort kam wieder Leben in die Mutter.

»Suschen, mein Lüttes –« wieder verschlang der rollende Donner den Rest.

Der Gutsbesitzer aber sah sein verängstigtes Weib kurz entschlossen den Rock zusammenraffen und den Weg zum Wäldchen entlangeilen. Der Sturm zauste ihr unbedecktes Haar; schwere Regentropfen schlugen ihr in das erhitzte Gesicht. Mit langen Schritten war er an ihrer Seite.

»Lisabeth, Mutting, geh zurück, Kind; ich will sie dir schon bringen. Aber hat denn die Dirn, die Mieze, so wenig Grütze im Deetz, daß sie nicht von allein nach Haus kommen kann? Da schlag denn doch ein Don– –« Ein schwefelgelber Zickzack zuckte dicht vor ihnen hernieder; wildes Krachen in den Lüften begleitete ihn.

»Waldemar, versündige dich nicht! Gott sei unserem Kinde gnädig!«

»Geh zurück, Lisabeth,« bat der Landwirt, der sein Weib noch nie so aufgeregt gesehen hatte. »Du bist völlig durchnäßt, und am Ende sind sie auch inzwischen auf der Landstraße nach Hause gekommen.« Der letzte Grund war maßgebend; Frau Lisabeth stürmte wieder zurück.

Karl Heinz stand trotz des peitschenden Regens an der Gartenpforte mit wartenden Augen.

»Nichts, Mutting,« war seine gepreßte Antwort auf die stumme Frage der Mutter. »Wenn sie sich man nicht beim Gewitter unter einen Baum gestellt hat; dämlich genug ist die Dirn ja dazu.«

Mit teilnahmsvoll verlegenen Gesichtern standen die Leute im Scheunentor; in den Ställen erscholl dumpfes Brüllen und aus dem Kinderzimmer tönte ab und zu das stoßweise Schluchzen der Zwillinge. Die Mutter vermochte nicht ins Haus zu treten; mit unruhvollen Schritten ging sie unter dem schutzgebenden Gebälk der Kornböden auf und nieder. Hin und wieder machte sich ihr gedrücktes Herz in einem schweren Seufzer Luft. Starren Auges blickte sie in das wütende entfesselte Element.

Ein Wagen nach dem anderen kehrte von den Wiesen heim. In dem gelbgrauen Regendunst tauchte eine hohe, breitschulterige Mannesgestalt auf; der Vater kam allein.

»Noch nicht da?« Er spritzte das Wasser von dem Hut. Frau Lisabeth schüttelte stumm den Kopf; sie bebte am ganzen Körper.

»Je, da haben sie sicher einen Besuch im Dorf gemacht und sind dort vom Wetter überrascht worden, vielleicht beim Kantor. Aber kommt mir man tau Hus!«

Aus den Worten, die scherzhaft klingen sollten, hörte das Mutterherz die bange Sorge.

»Nirgends eine Spur von ihnen, Waldemar?« fragte Frau Lisabeth tonlos.

Der Landwirt verneinte. Seine Stimme klang rauh. Er pfiff Cäsar und schritt wieder in das Unwetter hinaus. Seine Hand aber griff angstvoll in die Rocktasche. Dort hatte er den kleinen weißen Kinderschuh verborgen, den er am Rand des Rieds im Wäldchen gefunden hatte.

Ihm schauderte. Das Ried – das Ried – hatte es ihr Herzblatt und das ihm vom Bruder anvertraute Gut verschlungen?

Frau Lisabeths Gedanken wanderten dieselben grauenvollen Wege. Niemals hatte sie des Rieds wegen gebangt; es war ja den Kindern strengstens verboten, auf jener Seite des Wäldchens zu spielen, oder sie waren dort stets unter Aufsicht. Aber heute? Ihre gequälte Phantasie konnte sich nicht von dieser schaurigen Vorstellung losreißen; immer sah sie das schwarze gähnende Ried – – –

»Holla – stopp!« Mit dröhnender Stimme hielt der Gutsbesitzer den letzten Heuwagen an, neben dem der alte Jürgens einherschritt.

»Hast nix von den Gören gesehen, Jürgens?«

Jürgens kratzte sich den Kopf.

»Wenn der Herr dat Frölen Miß meinen dauht und uns' lüttes Worm, de hew ick seihn.«

»Wo – wo denn?« Der Landwirt schüttelte in der Erregung den alten Knecht an den Schultern, daß dieser verdutzt auf seinen sonst immer ruhigen Herrn blickte.

»Kiek der Herr man 'n beten höger!« Jürgens wies mit dem Peitschenstiel schmunzelnd zu dem Wagen empor.

Da ragte aus den Heumassen ein blauer Leinenhut empor.

»Mary!« rief der verängstigte Vater.

Ein verweintes Gesicht, das sich aus Furcht vor den flammenden Blitzen hinter beiden Händen verbarg, hob sich scheu empor.

»Mary ... Suschen?« Der Vater vermochte nicht mehr zu fragen,

» Well – Baby schläft warm hier in Gras – o, ich fürchte so der Gewitter!« Wieder vergrub Mary das Gesicht.

In einem großen Heubündel wurde das sanft schlafende Suschen behutsam abgeladen, und ein heißes Dankgebet stieg aus tiefstem Elternherzen zu dem Himmel empor.

Die regennasse Mary steckte Tante Lisabeth sofort ins Bett. Dort erst berichtete das junge Mädchen voller Scham, daß sie, die Suschen bewachen sollte, gleich der Kleinen im Wäldchen eingeschlafen sei. Als sie der rollende Donner weckte, sei sie in sinnloser Furcht vor dem Gewitter in entgegengesetzter Richtung gelaufen, immer am Ried entlang bis zu den Wiesen. Dort habe sie Jürgens mit seinem Ochsengespann aufgenommen.

Die Tante hatte kein Wort des Vorwurfs für die junge Pflichtvergessene; die ausgestandene Angst war Strafe genug. Suschen aber wurde ihr nie wieder anvertraut.

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