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Vierzehn Jahr' und sieben Wochen

Else Ury: Vierzehn Jahr' und sieben Wochen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleVierzehn Jahr' und sieben Wochen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160201
projectid0053f79c
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Ellen.

Leni fuhr mit der Tante » shopping«. Von einem eleganten Geschäft ging's in das andere; sie wurde von Kopf bis Fuß neu eingekleidet. Tante Jane hielt das für unumgänglich notwendig, denn wenn es einem ihrer Bekannten so mit Ellen ergangen wäre wie gestern Bobby, sie hätte sich die Augen aus dem Kopf geschämt.

Es war am Sonntagmorgen. Leni, als Landkind an Frühaufstehen gewöhnt, schlüpfte als die erste aus den Federn, band über das Sonntagskleid eine von den schönen neuen Wirtschaftsschürzen, und stieg dann, da Lizzie und auch die Miß nebenan noch schliefen, in die Wohnräume zum Erdgeschoß hinab. Aber auch hier war alles still und leer, weder die Verwandten noch jemand von der Dienerschaft zu sehen. Leni wußte nichts Rechtes mit sich anzufangen. Sie kam sich ziemlich überflüssig vor zwischen den hohen Möbeln, den seidenen Polstern im Salon und den feinen zerbrechlichen Nippes. In dem geschliffenen Kristallspiegel hatte sie sich mit ihrer neuen Wirtschaftsschürze auch schon genugsam bewundert, da fiel es ihr plötzlich ein, daß es mit der Schürze allein nicht abgetan sei. Mutting hatte ihr doch eindringlich aufgetragen, sich nützlich zu beschäftigen. Sie war gestern ungezogen gegen die Tante gewesen, das wollte sie wieder gutmachen. Die würde sich schön wundern, wenn sie im Salon schon den Staub gewischt fand! Eifrig begann also Leni, sich nach einem Staubtuch umzusehen.

Ein Staubtuchkörbchen gab es hier anscheinend nicht, aber dort aus dem Ständer in der Erkernische schaute etwas Gelbliches hervor. Leni zog das Ding heraus; es war aus gelber japanischer Seide und zeigte große Blumenmuster, Mutters Staubtücher zu Hause waren einfacher, aber hier schien ja alles viel feiner zu sein, und was anderes fand sich nicht. Lustig begann Leni die zierlichen Sächelchen abzustäuben. Plötzlich fuhr sie zusammen und ließ den borghesischen Fechter, den sie gerade unter den Fingern hatte, erschreckt zur Erde gleiten.

Dicht hinter ihr hatte jemand mit lautem Gähnen » Morning« gebrummt. Ein lang aufgeschossener junger Mensch in weiten hellen Beinkleidern, einen Zwicker auf der sommersprossigen Nase, bückte sich nach dem borghesischen Fechter, betrachtete die Bronze mit kritischen Blicken und stellte sie dann, in gurgelnden englischen Lauten murmelnd: » Well, eine Beule hat sie weg; Mama wird schön über die Ungeschicklichkeit zanken,« wieder an ihren Platz.

Das also war Vetter Bobby!

Leni sah ihm mit weitaufgerissenen Augen nach, als er jetzt mit seinen langen Beinen wie ein Storch ins Speisezimmer hineinstolzierte.

Sehr warm und verwandtschaftlich war der Willkommensgruß für die neue Cousine gerade nicht, aber Leni war von den anderen gestern auch nicht verwöhnt worden.

Wieder empfand sie ein Gefühl der Freude darüber, daß dieser unliebenswürdige Junge, der schon recht sehr den jungen Herrn herausbiß, die Woche über in seiner Pension weilte. Den einen Sonntag, den er zu Hause zubrachte, würde sie wohl mit ihm auskommen.

» Well, eine Beule hat sie weg! Mama wird schön zanken!«

» Tea!« rief jetzt Bobby aus dem Nebenzimmer, wo er die »Times« studierte, in befehlerischem Ton.

Leni blickte sich um. Das Stubenmädchen war immer noch unsichtbar; sollte er sie selber gemeint haben? Er konnte doch höflich bitten, dann würde sie ihm gern den Tee bringen. Sie wischte ruhig weiter, ohne sich im geringsten um den »schlarksigen Slingel« zu kümmern.

»Wird's bald? Ich möchte meinen Tea – beeilen Sie sich.« Es klang noch gröber als vorhin.

Leni trat an den Frühstückstisch.

» What do you like, Bobby?« fragte sie möglichst fließend.

Der sah sie groß an. Über sein bläßliches Gesicht jagte erst eine Blutwelle, dann schrie er mit wütender Stimme: »Unverschämte Person! Ich bin ›Master Bobby‹ für Sie, merken Sie sich das!«

Leni lachte laut heraus. Sie konnte sich nicht helfen. Der aufgebracht mit seinen dünnen Armen in der Luft herumfuchtelnde Vetter kam ihr in seinem Zorn zu ulkig vor! Und daß sie ihn »Master« nennen sollte! Sie machte eine ausdrucksvolle Handbewegung gegen die Stirn. »Du hast wohl 'n Lütten?« fragte sie in nicht mißzuverstehendem Deutsch.

Bobby sprang auf.

»Raus!« brüllte er. » Go out. – ich werde es der Mama sagen, daß Sie noch heute entlassen werden! Dieses Dienstbotenpack wird doch von Tag zu Tag more insolent

Sie hatten es beide überhört, daß sich die Tür zum Nebenzimmer öffnete; der weiche Perserteppich verschlang das Geräusch der Schritte der Mutter.

»Aber Bobby,« sagte sie mit leisem Vorwurf, » boy, den heiligen Sonntagmorgen entweihst du durch wüsten Lärm? What is the matter

Bobby war noch immer krebsrot im Gesicht. Er wies auf die sich bescheiden zurückhaltende Leni. »Diese dreiste Person wagt es –« er schnappte nach Luft – »sie muß heute noch aus dem Haus!«

»Ellen?« fragte die Tante verwundert. »Ellen, your cousin, ja, aber weshalb denn? Was hat sie denn schon wieder getan?«

Bobbys an und für sich ziemlich nichtssagende Miene wurde bei den Worten der Mutter nicht geistreicher. Es schien Leni, als ob die abstehenden Ohren, die dem Gesicht einen drollig einfältigen Ausdruck verliehen, sich noch mehr von dem schmalen Kopf entfernten. Plötzlich aber schlug er ein nicht endenwollendes Gelächter auf.

»Das ist Ellen – das – das hochgeborene Fräulein von Nedderdorf? Na, indeed!« Er lachte wieder und sah dabei unausgesetzt auf die erglühende Leni.

Diese wandte sich zum Salon zurück. Das höhnische Lachen des Vetters tat ihr viel weher als vorher sein schroffer Ton.

Bobby beruhigte sich endlich wieder so weit, um der Mutter, immer noch stoßweise, erzählen zu können, daß er Ellen für das neue Stubenmädchen gehalten habe.

»Wer vermutet auch ein junges Mädchen aus der Gesellschaft hinter so einer Vogelscheuche,« sagte er in hochmütigem Ton, unbekümmert darum, daß Leni seine taktlosen Worte hören mußte. »Unsere maid servant sieht eleganter aus als sie! Soll man so was für möglich halten?«

»Leider – you are right,« hörte Leni die Tante vernehmlich seufzen, »aber sie ist doch nun mal hier; jetzt müssen wir sie so bald als möglich salonfähig zu machen suchen.«

Leni hatte die Zähne zusammengebissen, um nicht laut loszuheulen oder gar dem häßlichen Vetter ein empörtes Wort entgegenzuschleudern. Aber die Tante wegen ihres gestrigen ungehörigen Benehmens um Entschuldigung zu bitten, wie sie beabsichtigt hatte, das brachte sie jetzt nicht mehr über sich.

»Leni, come in; tue die entsetzliche Schürze ab, du bist kein Dienstbote,« befahl die Tante.

»Ja, aber liebe Tante, Mutting sagt immer, ein Mädchen ohne Schürze ist wie ein Schaf ohne Wolle: es läuft unnütz in der Welt umher.«

»Bei euch im Kuhstall mag eine Schürze vielleicht am Platz sein; hier in den Londoner Salons ist sie entbehrlich, mein holdes Cousinchen.« Bobbys Stimme klang so boshaft, daß Leni die größte Lust verspürte, ihn durchzuprügeln.

»Du hast hier im household nichts zu tun, Ellen; du sollst dir bei uns nur eine gute Schulbildung und anständige Manieren aneignen,« fiel die Tante ein.

»Ja, aber« – Leni quälte daheim Mutting auch stets mit ihrem »ja, aber« – »ich wische doch Staub; da mache ich mich schmutzig.«

»Du wischst Staub? Womit denn, wenn ich fragen darf?«

Leni zog ein wenig unsicher das zerknüllte gelbseidene Etwas hinter dem Rücken hervor.

» Oh – dear me! – meine Arbeit, meine kostbare Handarbeit! Das sollte ja ein Lampenschirm für Schwester Dolly werden! Man hat doch wirklich nichts als Ärger von diesem girl

Tante Jane riß Leni den zum Staublappen erniedrigten Lampenschirm so ungestüm fort, daß Leni noch einen Fetzen in der Hand behielt.

So war die Sonntagmorgenstimmung, die daheim auf dem Gute stets festtäglich friedlich gewesen war, von Anfang an häßlich und zänkisch. Auch der freundliche Gruß des Onkels, dem natürlich sofort die haarsträubende Tatsache berichtet wurde, daß Bobby die neue Cousine hatte für das Stubenmädchen halten können, änderte nichts an Lenis gedrückter Stimmung.

» Please, fahre morgen mit Lenchen in die Stadt, liebe Jane, und kleide sie nach englischer Art,« wandte sich Onkel Richard bittend an seine Frau. »Dein Geschmack ist ja bei deinen Freundinnen maßgebend; du wirst es gewiß möglich machen, das Wiesenblümchen in eine Gartenzierpflanze zu verwandeln.«

So saß denn Leni heute neben der Tante in dem weißen Automobil mit den roten Lederpolstern und klammerte sich ängstlich an den Arm der Tante, trotzdem diese ihr ein Mal über das andere versicherte, es geschehe nichts.

Hören und Sehen verging ihr. Sie war noch niemals Auto gefahren. Das ratternde Geräusch, das durchdringende Getute und dazu noch das Leben und Treiben, das Wogen und Branden der Millionenstadt – sie kam sich wie ein losgelöster Punkt in dem ungeheuren Weltall vor.

Durch die prächtigen Alleen des Londoner Hydeparks ging es sausend. Auto folgte auf Auto, Hüte flogen in die Luft. Man nickte der schönen Mrs. Sursen, die da elegant in ihrem kostbaren Automobil lehnte, freundschaftlich zu; dann glitt das Auge der Bekannten mit sichtlichem Staunen weiter zu Lenis Figürchen.

»Nanu, wo hast du denn die aufgegabelt?« stand deutlich in den prüfenden Blicken zu lesen.

Tante Jane stieg die Schamröte über ihre unfashionable Begleiterin in das vornehm blasse Gesicht; sie wurde noch abweisender gegen Leni als zuvor.

Auf den weiten Rasenplätzen oder » lawns«, wie die Tante sie nannte, tummelten sich fröhliche Kinder. Tennisbälle wurden von geschmeidigen schlanken Mädchen gewandt übers Netz geschlagen. Der mächtige Fußball flog im großen Knabenkreis kreuz und quer, und wurde mit hellem »Hallo« weitergeschleudert. Dazwischen sah man zierlich gekleidete Kinder an der Hand der governesses, und english nurses mit steif gestärktem Leinenhäubchen, die den eleganten Babywagen vor sich herschoben. Leni hatte nicht Augen genug, um all das Neue zu fassen.

In dem Backfischbasar, in dem Tante Jane ein dunkelblaues Matrosenkleid, ein weißes und ein englisches Leinenkleid für sie auswählte, wäre es beinahe wieder zu einem Tanz gekommen.

Leni war empört.

Die Tante ließ ihr in alle Kleider, da diese für größere Mädchen berechnet waren, einen breiten Saum nähen! Nicht einmal bis zu den Stiefeln gingen die Faltenröckchen; man sah sogar noch die Strümpfe vorgucken! Ach – Leni ballte die Fäuste – ein richtiges lüttes Gör machte die Tante wieder aus ihr! Was nützte ihr da ihre Backfischwürde? Sie war machtlos gegen Tante Janes ruhige Bestimmtheit. Breite, schwarze Haarbänder wurden gekauft, wie Mary sie trug, denn auch die Defreggerfrisur fand keine Gnade vor Tantes Augen. Statt der klobigen Stiefel des Schusters Hannemann wählte die Tante elegante braune und schwarze Lackstiefelchen.

Am schmerzvollsten aber berührte es Leni, daß ihr schöner, neuer Regenmantel als ganz unmöglich bezeichnet wurde. Ein blaues loses Jakett mit Goldknöpfen, gerade so, wie die kleinen Zwillinge es daheim trugen, wurde dafür angeschafft.

Es gewährte ihr nur geringen Trost, daß die Tante, von den vielen Besorgungen abgespannt, an einer Tea-cabin halten ließ. Leni war mit Vating auch in der Konditorei am Rostocker Markt gewesen, aber so vornehme Ladies wie hier hatte sie dort nicht gesehen. Ach, und die Mädchen, die bedienten, trugen alle mattblaue Schleifen und Schürzen in derselben Farbe. Es war ein buntbewegtes Bild.

Aber in Rostock hatte Leni ihren Mohrenkopf mit Schlagsahne essen können, wie ihr der Schnabel gewachsen war. Hier dagegen wachte die Tante ängstlich darüber, daß sie nicht zu sehr stopfte, die Teetasse auch zierlich faßte, und den Löffel zu guter Letzt nicht reinleckte. Das beeinträchtigte die süße Freude sehr.

Es war am Nachmittag desselben Tages.

Lenis Sachen waren eben geliefert worden; nun stand sie im Kinderzimmer und schaute untätig zu, wie Miß Brown die neuen Kleider mit pedantischer Ordentlichkeit in den Schrank hing, und dafür die mißachtete Heimatsgarderobe in den Familienkoffer zurückwandern ließ. Ach, am liebsten wäre Leni hinter ihren Kattunkleidern und Wirtschaftsschürzen hergekrochen und hätte sich so auf ihr liebes Gut an der Waterkant zurücktransportieren lassen.

Nun wurde sie zur Probe umgekleidet.

Es war Leni zumute, als ob sie ihre Haut abstreifen und dafür in eine neue schlüpfen solle. Die knochigen Finger der Miß, die ihr zur Hand ging, waren trotz des warmen Frühlingswetters draußen eisig kalt; Leni erschauerte unter jeder Berührung. Sie mochte sich überhaupt nicht mehr beim Anziehen helfen lassen; allenfalls hatte Fräulein oder Gusting daheim ihr die Kleider, die auf dem Rücken zu schließen waren, auf- und zugeknöpft. Aber die Miß tat es nicht anders. Allein wäre Leni auch wohl kaum mit diesem »bammeligen Zeug« zustande gekommen. Als sie nun endlich fertig war und die Miß begeistert ausrief: » Oh, how nice do you look now; jetzt darfst du in den Spiegel sehen, Ellen,« stieß Leni einen lauten Schreckensschrei aus.

Aus dem Spiegelschrank schaute ihr ein kleines Mädchen, ein Kind, noch ein Ende kleiner, als sie sonst war, mit entsetzten Augen entgegen. Das hatte ein kurzes blaues Matrosenkleid an, braune Strümpfe und braune Stiefel, die noch dazu ziemlich unbequem waren. Die dunklen Haare hingen offen den Rücken herab.

»Wie ein Pferdeschwanz!« dachte Leni innerlich erbost.

Bitterlich begann sie zu weinen. »Ich will nicht so gehen! Gräßlich sehe ich aus, wie ein Gör, als ob ich meine eigene kleine Schwester wäre! So babylike gehe ich nicht, nein!« und mit fliegender Hand versuchte sie die Knoten, welche die Miß mühsam geschürzt hatte, wieder zu lösen. Das aber ging über Miß Browns Geduld. Leni fühlte plötzlich einen derben Klapps auf ihrer rechten Hand.

» You naughty girl!« rief Miß Brown im heftigen Ärger.

Aber auch Leni war kein Lamm. Mutting sagte immer, in dem Mädel stecke eine ganze Bande kleiner Teufelchen, und die sprühten jetzt alle zu gleicher Zeit aus Lenis blauen Augen der Miß entgegen.

»Schlagen lass' ich mich nicht, das verbitte ich mir! Zwei Jahre sind es her, daß ich von Mutting die letzte Ohrfeige bekommen habe, und Fremde haben kein Recht dazu! Wenn man mich so – so unwürdig behandelt, dann gehe ich auf und davon!« Sie wollte zur Tür hinaus.

»Ellen,« rief es da plötzlich vom Bette her, auf dem Lizzie bisher ziemlich teilnahmlos dem Fortgang der Handlung zugeschaut hatte. » Dear Ellen, bleibe hier! She is not allowed zu schlagen dich; ich werde es dem Vater sagen.« Lizzie hatte sich aufgerichtet.

Unschlüssig blieb Leni in der Tür stehen. Ihre Wangen brannten mit der geschlagenen Hand um die Wette. So eine Schmach!

Die Miß hatte ihr Zimmer aufgesucht, und wieder rief Lizzie mit ungewöhnlich weicher Stimme: »Komm her, Ellen, weine nicht; es soll nie wieder geschehen!«

»Lizzie, Dirn, sei doch gut zu mir!«

Langsam näherte sich Leni dem Bette der leidenden Cousine. Es erschien ihr sonderbar, daß Lizzie, die während der zwei Tage ihres Londoner Aufenthalts kaum Notiz von ihr genommen hatte, plötzlich freundlich zu ihr sprach. Ja, damit nicht genug, streckte Lizzie ihr jetzt die beiden schmalen Kinderhände entgegen, und als nun Leni zögernd ihre gezüchtigte Rechte hineinlegte, streichelte Lizzie sie mit verstohlener Zärtlichkeit.

Das war zuviel für Leni. Die erste Liebesbezeigung hier in der Fremde, nach der sie sich heimlich die ganze Zeit über gesehnt hatte – ungestüm umschlang sie die Cousine.

»Ach, Lizzie, liebes Lizziechen, du – gerade du bist jetzt so gut zu mir! Was habe ich dir denn bloß getan, daß du mir so feindlich entgegengekommen bist? Ich habe mich ja nach einem freundlichen Wort so gebangt!« Leni sprach Deutsch, denn wenn Lizzie auch nicht alles verstand, es war ihr schon eine Wohltat, nicht Englisch sprechen zu müssen.

Lizzie ließ Lenis Hand los. Verlegene Röte huschte über ihr bleiches Gesicht; sie wandte den Kopf.

»Ich bin nicht gut,« sagte sie kurz.

»Doch, Lizzie, doch! Wenn du häßlich zu mir bist, das ist nur Verstellung; ich weiß jetzt, daß du anders sein kannst. Lizzie, Dirn, sei doch gut zu mir! Ich bin ja hergekommen mit dem festen Vorsatz, dich liebzuhaben.«

Mit einem jähen Ruck drehte Lizzie sich herum.

»Das bist du, Ellen – lieb haben wolltest du mich? O – und Mary told me – – –« sie brach scheu ab.

»Was, Lizziechen, was hat sie dir gesagt?« Leni schlang den Arm fester um die kleine zarte Gestalt.

»Sie sagte – du – du würdest es stets der Mama sagen, wenn ich die gräßlichen Stunden in den Maschinen an den Beinen und auf dem Streckbett nicht genau innehalte –«

»Was? Petzen sollte ich?! Pfui, klatschen, das ist ja gemein!

Der größte Schuft im ganzen Land,
Das ist und bleibt der Denunziant!

sagt Karl Heinz.«

Lenis Augen blitzten.

»O, I see – and then –« Lizzie verbarg das Gesicht an Lenis Ärmel – »dann meinte sie noch, Vater würde mich nun gar nicht mehr so lieb haben, weil du jetzt kommst; du bist doch die Tochter seines Bruders. Du würdest mir, sagte Mary, Vaters ganze Liebe fortnehmen, und das – nein, das sollst du nicht! Vater ist der einzige, der mich hier lieb hat –« ihre Stimme wurde ganz leise.

Leni lachte in ihrer herzerfrischenden Art.

»O, du blitzdumme Dirn, wenn es weiter nichts ist! Wenn du sonst nichts gegen mich hast, davor braucht dir ganz und gar nicht bange zu sein. Wie konnte dir Mary nur so was sagen! Und dann, Lizziechen, was für Zeug redest du da? Es hat dich weiter niemand hier lieb? Du hast doch eine Mutting und einen Bruder! Ach, wie gut sind wir uns, mein Karling und ich.«

»Bei uns ist das anders,« gab Lizzie mit einem Gesichtsausdruck zurück, der weit über ihre Jahre reif erschien. »Mama mag mich nicht, weil ich nicht so schlank und gesund bin wie Mary; sie kann keinen Staat mit mir machen, und ich habe sie doch – – –« sie vollendete den Satz nicht. » Oh – I know –« fügte sie mit traurigen Augen hinzu, als Leni sie mit einem entsetzten »Aber Lizzie!« unterbrechen wollte.

»Und Bobby?« fragte Leni leise.

»Der – pah – der kümmert sich nicht um mich! Ich kann ja nicht mit ihm Tennis und Golf spielen, sondern muß immer liegen. Sie peinigen mich so mit den Maschinen, und dabei hilft es doch nichts; das Knie ist und bleibt steif. Jahrein, jahraus muß ich auf dem Streckbett liegen, nur selten komme ich ins Freie. Darum hat Vater hier die Cottage mit dem Garten gekauft, damit ich wenigstens in frischer Luft bin. Das Haus heißt nach mir ›Lizzie‹. Spazierenfahren mag ich nicht; Mamas Freundinnen sehen mich dann alle mitleidig an, und wenn ich die anderen Kinder alle lustig herumspringen sehe, ach – warum bin ich – nur ich anders als sie!« Lizzie schlug die Hände vor das Gesicht.

Stumm saß Leni neben der Kleinen; nur ab und zu strich sie leise über Lizzies goldenes Seidenhaar. Der Jammer dieses vereinsamten Kindes schnitt ihr tief ins Herz. Kein Wort brachte sie heraus. Sie biß sich die Lippen blutig, um die Tränen zurückzudämmen, die ihr mit Gewalt in die Augen stiegen,

»Ich habe das noch keinem Menschen erzählt,« begann Lizzie wieder nach geraumer Weile, »aber du – zu dir habe ich von Anfang an Vertrauen gehabt. Ich wollte es nur nicht zeigen, weil Mary mir das gesagt hatte – – –«

»Ach Lizziechen, mein Lüttes, ich will dich ja so lieb haben! Du sollst nicht mehr sagen, daß dich nur dein Vating mag.« Leni küßte die kleine Cousine innig. »Sieh, ich will deine Freundin sein, wenn ich auch schon ein Backfisch bin« – es war das Höchste, was Leni in ihrem grenzenlosen Mitgefühl tun konnte, daß sie dem viel jüngeren Kinde die Freundschaft antrug.

Lizzie schien die Größe des Geschenkes zu würdigen.

Sie neigte ihren Kopf dicht zu Lenis Ohr.

»Und ich will dich nicht mehr Ellen nennen, wenn wir beide allein sind, sondern nur noch Leni, wie du daheim genannt wirst, ja Leni?«

So war Leni in der Fremde nicht mehr ganz verlassen.

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